Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay
Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay

von Anna Mayr

Die Kritik am Grenzwert für Stickoxide ist berechtigt. Statt einfach nur Diesel-Autos zu verbieten, müssten wir wieder über Feinstaub sprechen. Vor Kerzen braucht man trotzdem keine Angst haben.

Dicke rote Kerzen, Tannenzweigenduft, und ein Hauch von Heimlichkeiten liegt jetzt in der Luft. So beginnt ein Weihnachtslied, das jedes Kind in der Grundschule lernt – und wenn man einem Facebookpost glaubt, der sich in den letzten Wochen verbreitet hat, dann beginnt so auch die Vergiftung aller Weihnachts-Liebhaber.

Der Post behauptet, dass die Kerzen auf einem Adventskranz mehr Stickoxid ausstoßen würden, als in der EU erlaubt wäre. Damit will man sich wohl über die Diskussion um Luftreinhaltung und Diesel-Fahrverbote lustig machen.

Der Facebookpost, der eine verwirrende Rechnung macht. Screenshot: CORRECTIV
Der Facebookpost, der eine verwirrende Rechnung macht. Screenshot: CORRECTIV

Die Rechnung, die in dem Post aufgestellt wird, ist Quatsch. Doch die Aussage, dass man den Grenzwert für Stickoxide hinterfragen muss, ist nicht ganz falsch.

Worum es in der Debatte um Stickoxide geht

Stickoxide sind Gase. Unsere Luft besteht nicht nur aus Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid (CO2) – es schwirren darin je nach Höhe und geographischer Lage auch andere Verbindungen herum. Das ist erstmal nichts besonderes.

Immer, wenn etwas verbrennt, entstehen Stickoxide: Zigaretten, Kerzen, Gasherde, Kamine, Dieselmotoren (also: Verbrennungsmotoren) – je heißer die Flammen, desto mehr Stickoxide entstehen durch all diese Dinge. Die Flammen in Diesel-Autos wurden zuletzt immer heißer. Denn je heißer die Flamme, desto weniger Sprit verbraucht das Auto.

Wenn wir über Stickoxide sprechen, meinen wir meistens Stickstoffdioxid (NO2). Es gibt zwar auch Stickoxid (NO) – aber sobald Stickoxid an die Luft kommt, reagiert es mit anderen Gasen und wird ziemlich direkt zu NO2, Stickstoffdioxid. Deshalb ist NO2 viel relevanter als NO.

Um herauszufinden, wie viel Stickstoffdioxid aus einem Adventskranz kommt, haben wir unter anderem Stefan Thomann gefragt. Er ist Chemiker bei der European Candle Association. Er sagt, dass es momentan verschiedene Studien gibt, bei denen Forscher messen, wie Kerzen die Stickoxidkonzentration im Raum erhöhen.

Thomann sagt allerdings, dass es verschiedene Probleme mit der Rechnung in dem Facebookpost gibt.

Problem 1: Die Einheit

Der Facebookpost will die Stickoxid-Konzentration in „ng“ angeben – also in Nanogramm. Das ist, als würde man an der Obsttheke die Preise von Äpfeln und Birnen in Milligramm vergleichen: Unsinn. Die Einheit ist viel zu klein. Denn Stickoxide misst man in Mikrogramm. Der EU-weite Grenzwert für Stickoxide liegt momentan bei 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt. 40 Mikrogramm sind 40.000 Nanogramm. Die Rechnung benutzt also die falsche Einheit.

Problem 2: Die Raumgröße

Wie gesagt – man misst die Konzentration von Stickoxid in der Luft in Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Ein Raum, der 20 Quadratmeter groß ist und in dem die Decken 3 Meter hoch sind, hat insgesamt 60 Kubikmeter Luft. Man bräuchte also 2400 Mikrogramm Stickoxid, um die Konzentration in dem Raum auf den EU-weiten Grenzwert zu bringen.

Wissenschaftler aus Hongkong testeten 2005 den Stickoxid-Ausstoß von fünf verschiedenen Kerzen. Die Kerze, die am meisten Stickoxid ausgestoßen hat, produzierte insgesamt 280 Mikrogramm. Wenn vier Kerzen komplett abbrennen, hat man also 1120 Mikrogramm Stickoxid, die sich im Raum verteilen. Bei 60 Kubikmetern Luft wären wir also bei etwa 18,5 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft. Das liegt unter dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.

Problem 3: Innenraum und Außenraum

Verschiedene Studien, die auch von der Weltgesundheitsorganisation zitiert werden, zeigen, dass Stickoxid im Innenraum schneller verfliegt – die Konzentration bleibt also nicht ewig erhöht, selbst wenn man den Gasherd anstellt und dabei nicht lüftet. Das liegt daran, dass Stickoxide an Oberflächen zerfallen. Eine Studie ergab, dass ein erhöhter Wert im Innenraum innerhalb von etwa einer Stunde wieder das vorherige Level erreicht.

Einen Adventskranz, der die Stickoxidkonzentration nur kurz erhöht, kann man also nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben neben einer großen Straße wohnen.

Macht der Grenzwert also doch Sinn?

Naja.

CORRECTIV hat hierzu viele Experten befragt und die Studien gelesen, die den Grenzwert begründen. Die Sache ist: Es sind so viele Disziplinen, die mit Stickoxiden zu tun haben, dass sich keiner vollends auskennt. Meteorologen, Ärzte, Physiker, Politiker – niemand überblickt den Streit. Denn er ist viel zu komplex.

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Der Lungenarzt Dieter Köhler etwa führt einen Krieg gegen den EU-Grenzwert. Er selbst fährt einen Diesel und sagt, dass Stickoxide nicht so schlimm sein können, denn Raucher atmen mit jeder Zigarette bis zu 600 Mikrogramm davon ein. Dass es ein Unterschied ist, ob man freiwillig raucht oder unfreiwillig an einer Autobahn wohnt, interessiert ihn in seiner Rechnung aber nicht.

Die Meteorologin Ulrike Dauert vom Umweltbundesamt weiß genau, wie man Stickoxide in der Luft misst – aber warum es den Grenzwert gibt und wie viel schlechte Luft für Menschen schädlich ist, das ist nicht ihr Fachgebiet.

Martin Lutz, der die Luftreinhaltepläne für Berlin macht, kann nicht verstehen, wieso jetzt auf einmal der Grenzwert hinterfragt wird, der seit Ewigkeiten feststeht. Er arbeitet jeden Tag dafür, dass in Berlin die 40 Mikrogramm auf keiner Straße mehr überschritten werden. Dass Stickoxide schädlich sind, findet er „arschklar“.

Der Mediziner Wolfgang Straff war Teil eines Teams, das für das Umweltbundesamt eine Studie machte, um die Gefährlichkeit von Stickoxiden zu beweisen. Er sagt: Das Gesetz ist da, jetzt muss man sich daran halten. Doch die Diesel-Fahrer würden eben nur an sich selbst denken.

Was war noch gleich mit Feinstaub?

Was alle Experten gemeinsam haben, ist Ratlosigkeit. Darüber, warum und wann die Debatte gekippt ist. Wieso auf einmal alle über Stickoxide reden, aber niemand mehr über Feinstaub und CO2. Feinstaub ist viel gefährlicher als Stickoxid. Er macht krank, das ist erwiesen – statistisch signifikant. Feinstaub ist so fein, dass er über die Lunge in die Blutbahn geraten kann. Und jedes Auto produziert Feinstaub – er entsteht, wenn die Scheibenbremsen den Wagen anhalten lassen, er entsteht bei jedem Kilometer, auf dem sich die Reifen abnutzen, er wirbelt noch vom Boden auf, wenn die Autos längst vorübergefahren sind.

Der Physiker Gerhard Scheuch hat fast zwanzig Jahre in der Umweltforschung gearbeitet. Ein halbes Jahr verbrachte er auch bei der amerikanischen Umweltschutzbehörde.

Diese Behörde schlug ursprünglich mal den Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter vor. In einer Studie aus den 90er Jahren.

Scheuch sagt: „Es gibt für manche Stoffe nicht den einen Grenzwert, ab dem sie definitiv tödlich werden.“ Stickoxid ist einer dieser Stoffe.

Politik braucht klare Aussagen, aber so ist Wissenschaft nicht

Man weiß nicht genau, bis zu welchem Wert und unter welchen Voraussetzungen das Gas unschädlich ist. Die Aufgabe der Wissenschaftler ist es aber, genau das herauszufinden – damit die Politik Entscheidungen treffen kann, um die Bevölkerung zu schützen. Politik braucht keine Zweifel und auch keine Komplexität – Politik braucht Gesetze.

„Man muss dann als Wissenschaftler abwägen. Und geht auf Nummer sicher“, sagt Scheuch im Gespräch mit CORRECTIV. Bei den Stickoxiden hatte es zum Beispiel Studien gegeben, die bei Asthmatikern schon bei einer Konzentration von 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Veränderungen in der Lunge beobachteten. Und wieder andere Studien, in denen man nichts feststellen konnte.

In den Forschergruppen, die eine Gefahrenschwelle festlegen sollen, sei man sich einig darüber, dass die eigenen Ergebnisse statistisch nicht immer einwandfrei belegt seien. „Man zweifelt natürlich”, sagt Scheuch.

Es gibt aber keine Studien, die überprüfen, wie es Menschen geht, die lange Zeit an einer Straße bei erhöhter Stickoxidkonzentration leben. Denn man müsste den Probanden damit schaden. Sie dazu zwingen, 24 Stunden am Tag schlechte Luft zu atmen. Raucher tun das zwar freiwillig – aber ihre Lunge bekommt ab und zu eine Pause. Wer im Bett liegt und zwei Zigaretten raucht, kann das Fenster öffnen, damit es im Zimmer nicht mehr stinkt. Wer stinkende Luft vor dem Fenster hat, der hat Pech.

Deshalb kann man mögliche Schäden von Stickoxiden nur anhand von Tierversuchen, Rechnungen und Statistiken vermuten.

Wie der Grenzwert in die Welt kam

1989 – Bei der „Sechs Städte Studie“ der Harvard-Universität verglichen Forscher die Luftqualität in sechs amerikanischen Städten mit der Sterblichkeit. Damit, sagt der Physiker Gerhard Scheuch, begann der Hype um saubere Luft.

Es kam heraus: Menschen in luftverschmutzten Städten sterben früher. Die Forscher fanden einen klaren Zusammenhang zwischen Feinstaub und Lungenkrankheiten. Die Ergebnisse zu Stickoxid hingegen waren statistisch nicht relevant.

1997 – Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) gibt einen Bericht heraus, in dem der Grenzwert von 40 Mikrogramm zum ersten Mal vorgeschlagen wird. In dieser Studie steht:

„Zwar kann man etwas Vertrauen in die Meta-Analyse haben, die Symptome und Krankheiten könnten aber ebenso an anderen Prozessen festgemacht werden. Deshalb muss man die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren. Andere Studien haben versucht, die Stickoxid-Konzentration mit Veränderungen der Lungenfunktion zu verbinden. Diese Veränderungen waren kaum signifikant. Viele Studien konnten keine Effekte feststellen, was sich auch in Studien mit Menschen zeigt.“ (Übersetzungen und Hervorhebungen von CORRECTIV)

Erklärung: Die meisten Studien, die es zu Stickoxiden an diesem Punkt gegeben hatte, fanden mit Mäusen und Ratten statt. Mäuse waren deutlich anfälliger als Ratten. In Versuchen mit Affen stellte man keine Veränderungen fest.

„Auf der Basis einer Hintergrundkonzentration von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter, und dem Fakt, dass Gesundheitseffekte bei einer Konzentrationserhöhung von 28.2 Mikrogramm oder mehr auftreten, wird ein jährlicher Richtwert von 40 Mikrogramm vorgeschlagen.“

Erklärung: Die Zahl 28.2 nehmen die Forscher aus einer Studie, die eine Verbindung zwischen Wohnungen mit Gasherd und Atemwegserkrankungen bei Kindern fand. In Gasherd-Wohnungen war die Stickoxid-Konzentration etwa 28.2 Mikrogramm höher. Die Kinder in diesen Wohnungen bekamen häufiger Husten. Diesen Effekt fand man allerdings nur bei Kleinkindern ab zwei Jahren – für Babys galt er nicht.

„Dieser Wert wird die schlimmsten Einflüsse verhindern“, so steht es weiter in der Studie der WHO aus diesem Jahr. Genau, wie Gerhard Scheuch es gesagt hatte: Die Forscher gehen auf Nummer sicher.

Der Bericht zitiert auch einen Versuch, bei dem die Forscher Hamster beobachtet hatten: 40 Stunden in der Woche mussten die Hamster bei einer Stickstoffdioxid-Konzentration von 3760 Mikrogramm pro Kubikmeter leben. Acht Wochen lang. Sie blieben kerngesund.  

Aus dem Bericht der WHO. Screenshot: CORRECTIV.
Aus dem Bericht der WHO. Screenshot: CORRECTIV.

1999 – Der Europäische Rat gibt eine Richtlinie heraus. Darin steht ein „Alarmschwellenwert“. Ab 400 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft soll die Bevölkerung gewarnt werden.

Aus dem EU-Beschluss. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem EU-Beschluss. Screenshot: CORRECTIV

2002 – Europäischer Rat und EU-Parlament beschließen das Umweltaktionsprogramm – eine Absichtserklärung, die noch keine konkreten Werte nennt.

Aus dem EU-Programm. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem EU-Programm. Screenshot: CORRECTIV

2005 – Die WHO gibt einen neuen Bericht zur Luftqualität heraus. Darin stehen zwei wichtige Dinge. Erstens, dass Stickoxid ein guter Indikator ist. Wenn viel Stickoxid in der Luft ist, wird viel verbrannt. Deshalb gibt es dann auch mehr Feinstaub und andere Verbrennungsprodukte. Zweitens: In den Studien, die Stickoxid untersuchen, könnten auch andere Verbrennungsprodukte die Krankheiten erzeugt haben. Welcher Bestandteil des Abluft-Cocktails Menschen krank macht, das lässt sich nicht sagen. „Es gibt immer noch keine robuste Basis, um einen Richtwert für Stickstoffdioxid festzulegen“, steht in der Studie.

2008 – Europäischer Rat und EU-Parlament beschließen eine neue Richtlinie, die die alte außer Kraft setzt. Darin steht auch der neue Grenzwert: 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter. Der Grenzwert gilt allerdings nicht für Arbeitsplätze – wer in der Industrie arbeitet, darf 950 Mikrogramm pro Kubikmeter einatmen. Das hat zwei Gründe. Der eine ist, dass der 40-Mikrogramm-Grenzwert auch Asthmatiker und Kleinkinder schützen soll. Die arbeiten meistens nicht in der Industrie.

Der zweite ist, dass bei Beobachtung von Menschen, die unter deutlich höheren Stickoxid-Konzentrationen arbeiteten, keine gesundheitlichen Einschränkungen festgestellt wurden. Das stand bereits 1997 in der Studie der WHO.

Aus dem Beschluss der EU. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem Beschluss der EU. Screenshot: CORRECTIV

2010 – Die Richtlinie wird zum Gesetz. Die europäischen Länder müssen die Grenzwerte nun einhalten. Ute Dauert, Meteorologin beim Umweltbundesamt, sagte dazu gegenüber CORRECTIV: „Bei dem Grenzwert hat die EU-Kommission eine Empfehlung der WHO von 1999 aufgegriffen, der Wissensstand von damals ist also die Grundlage. Am Ende ist es ein politischer Kompromiss, den man eingeht.“

Seitdem gibt es über 500 Messstationen in Deutschland, die die Stickoxidkonzentration in der Luft messen. Der Betrieb einer Station kostet etwa über 100.000 Euro im Jahr, sagte Martin Lutz aus dem Berliner Senat gegenüber CORRECTIV.

Aus der Mail des Experten Martin Lutz. Screenshot: CORRECTIV
Aus der Mail des Experten Martin Lutz. Screenshot: CORRECTIV

Grob gerechnet sind es also etwa 50 Millionen Euro, die Deutschland ausgibt, um ein Gas zu überwachen, dessen toxische Wirkung nicht komplett bewiesen ist. Was dafür spricht: Daran, wie viele Stickoxid in der Luft ist, lässt sich auch auf andere schädliche Luftbestandteile schließen. Wer in einem Bereich lebt, in dem die Belastung hoch ist, sollte ein Recht haben, das zu wissen.

2015 – VW fliegt auf: Der Autohersteller hatte seine Dieselautos manipuliert. Sie hatten mehr Stickoxide ausgestoßen, um weniger Kraftstoff zu verbrauchen.

Für Martin Lutz, der in Berlin für die Luftreinhaltung zuständig ist, war auf einmal alles klar. „Wir hatten gedacht, dass die Werte für Stickoxid nicht runtergehen, weil die Leute sich so viele SUVs kaufen“, sagt er. „Außerdem bestellen immer mehr Leute online, es gibt also mehr Lieferverkehr.“ Aber nun hatte er den Beweis, dass es nicht allein an den Menschen lag, die in den Autos saßen – sondern auch an denen, die die Autos bauten.  

Diesel sind die Haupt-Verursacher von Stickoxiden in Städten. Sie sind aber nicht die einzigen Luftverschmutzer. Benziner pusten CO2 in die Luft. Und alle Autos produzieren Feinstaub.

Wenn es nach der WHO ginge, dann läge der Grenzwert für die feinste Feinstaub-Art (PM2.5), die gleichzeitig am gefährlichsten ist, bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doch diesen Wert übernahm die EU nicht. Der Grenzwert für Feinstaub in Deutschland liegt bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doppelt so viel, wie die WHO empfohlen hatte.

Für Stickoxid, bei dem es nicht ganz klar erwiesen ist, ob und wann man davon krank wird, nahm die EU also die strenge, vorsichtige Empfehlung an.

Für Feinstaub, bei dem es ganz klar ist, dass man davon krank wird, tat die EU das nicht.

Februar 2018 – Eine Forschergruppe soll analysieren, wie viele Todesfälle es in Deutschland aufgrund von Stickoxiden gibt. Aber die Forscher machen keine Untersuchungen, sie klingeln nicht an Türen von Autobahnanwohnern und hören deren Bronchien ab. Sie rechnen. Machen eine Meta-Analyse von anderen Meta-Analysen.

Dass diese Studie nicht ganz einleuchtend ist, lässt sich etwa daran festmachen, dass nicht die Wirkung von Stickoxiden auf die Lunge analysiert wurden – sondern auf das Herz-Kreislauf-System. Dazu, so schreiben es die Forscher, gab es genug Daten. Über Lungenkrankheiten leider nicht.

Ironisch ist auch, dass die räumliche Analyse reine Hypothese blieb. Die Forscher schauten sich nicht eine Straße an und schauten dort, an welchen Krankheiten die Leute sterben. Sie rechneten zusammen, wie viele Menschen in Deutschland an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben. Dann rechneten sie zusammen, wie viele Menschen in Deutschland unter erhöhten Stickoxid-Belastungen wohnen. Dann leiteten sie daraus ab, wie viele Herz-Kreislauf-Tote wegen Stickoxid gestorben sein könnten.  

Nicht nur Statistik-Laien werden da stutzig. Auch das Ministerium für Umwelt und Klimaschutz in NRW. Ursprünglich hatte das Bundesland der Forschergruppe Daten zum Ruhrgebiet zur Verfügung gestellt – wollte dann aber nicht, dass diese veröffentlicht werden. Warum, das erklärt das Ministerium so:

„Die Ergebnisse der Studie sind unserer Auffassung nach nicht geeignet, eigenständige Aussagen zu den auf die NO2-Exposition zurückzuführenden vorzeitigen Todesfällen / Krankheitslasten in der konkreten Modellregion zu formulieren. Wichtige Faktoren wie die Altersverteilung in der Bevölkerung und die medizinische Versorgung, die einen Einfluss auf das Ergebnis haben, wurden aus unserer Sicht nicht entsprechend berücksichtigt.
Wir standen während der Durchführung der Studie in einem engen fachlichen Austausch mit dem Umweltbundesamt und haben unsere fachlichen und methodischen Bedenken frühzeitig in den Prozess eingebracht. Uns lagen vor der Veröffentlichung lediglich Entwürfe und Auszüge aus dem Gesamtbericht zu den Modellregionen vor. Hierzu hatten wir noch einige offene Fragestellungen zur Methodik, Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Da diese Fragen nicht abschließend geklärt werden konnten und sich der Gesamtkontext der Berichterstattung nicht erschloss, haben wir im Oktober 2017 entschieden, keine Zustimmung zur Veröffentlichung der Modellregion Ruhrgebiet zu erteilen.“

Die Experten in NRW fanden die Studie also nicht aussagekräftig.

Mai 2018 – Hamburg verhängt das erste Fahrverbot für Diesel-Autos, um die Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten.

Es ist ein Indikator

Stickoxide sind in der öffentlichen Debatte zum Indikator für gute Luft geworden. Ein Marker-Wert, von dem aus man auf andere Schadstoffe in der Luft schließen kann. Wenig Stickoxide gleich freier Atem.

Das ist in etwa so, als würde man die Leistung eines Grundschulkindes nur am Matheunterricht festmachen.

Natürlich ist Mathe wichtig – und es ist natürlich auch nicht komplett egal, wie viel Stickoxid in der Luft ist. Aber ein Kind, das in Mathe nur Einsen schreibt – also alle Grenzwerte einhält – kann in Deutsch immer noch Fünfen schreiben und sitzen bleiben.

Gute Schüler sind meistens in mehreren Fächern gut. Diesel und Benziner allerdings haben beide eine Schwachstelle: Bei Diesel ist es das Stickstoffdioxid. Bei Benzinern ist es das CO2.

Diesel-Autos haben nun das Pech, dass genau ihre Schwachstelle der Indikator-Wert für gute Leistung geworden ist. Beziehungsweise: Für gute Luft. Wenn eine Stadt ihr Gute-Luft-Zeugnis zeigen will, gucken alle nur auf die Note für Stickoxide.

Das alles ist verdammt kompliziert. Darunter leiden die Diesel-Besitzer, die nun für das Gute-Luft-Zeugnis einiger Städte ihre Autos stehen lassen müssen. Weil eine Forschergruppe vor zwanzig Jahren einen Wert vorgeschlagen hat, an den sich nun alle klammern. Weil die EU diesen Wert zum Gesetz gemacht hat. Und vielleicht auch, weil Stickoxid so schön gefährlich klingt – nach ersticken.

Anmerkung, 21.12.2018: In einer früheren Version des Artikels haben wir im dritten Absatz Stickstoff als CO2 beschrieben und damit als einen der Haupt-Luftbestandteile. Wir haben das korrigiert. 

Unsere Bewertung:
Einen Adventskranz, der die Stickoxidkonzentration nur kurz erhöht, kann man nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben neben einer großen Straße wohnen.

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Gibt es schon ein Patent für das neue Coronavirus in China? Nein – etwaige Patente sind für andere Arten von Coronaviren. (Foto: Ein Mediziner im Wuhan Union Krankenhaus am 28. Januar 2020; picture alliance / Xinhua News Agency)

von Tania Röttger

Über das neuartige Coronavirus kursiert das Gerücht, es sei bereits patentiert. Manche meinen daher, das Virus sei von „Eliten“ kreiert. Oder Bill Gates habe etwas damit zu tun. Es gibt bestehende Patente, allerdings für andere Arten von Coronaviren, nicht für jenes, das gerade in China grassiert.

Am 23. Januar 2020 veröffentlichte die Webseite Connectiv Events einen Text mit dem Titel: „Coronavirus ist ein patentierter Virus – alles über die Patente“. Darunter folgt eine Liste unterschiedlicher Patente, die das Wort Coronavirus enthalten und sich laut Connectiv Events angeblich alle auf das neue Coronavirus beziehen. Mehr als 2.000 Mal wurde der Beitrag auf Facebook geteilt. Ein fast identischer Artikel erschien zuvor am 22. Januar auf der amerikanischen Webseite USA Hitman

Manche Kommentare, mit denen der Text von Connectiv Events geteilt wird, legen nahe, dass dahinter eine Verschwörung vermutet wird. So schreibt zum Beispiel ein Nutzer in der Facebook-Gruppe „Qanon deutsche Blumberger“: „Der Corona Virus ist im Labor gezüchtet worden: von der selbsternannten Elite.“

Ein Facebook-Beitrag, in dem behauptet wird, der Virus sei ein Produkt der sogenannten „Eliten“. (Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Recherche ergab: Es gibt die genannten Patente, manche sind allerdings nur angemeldet und nicht erteilt. Sie haben außerdem nichts mit dem aktuellen, neuartigen Coronavirus aus China zu tun, sondern mit vorigen Virenarten. 

Am 31. Dezember 2019 wurde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die ersten Verdachtsfälle des neuen Coronavirus benachrichtigt. Das Virus breitet sich seitdem in China aus. Bisher (Stand 28. Januar) sind laut Science Media Center 107 Menschen daran gestorben und mehr als 4.400 Menschen nachweislich infiziert, 65 davon im nicht-chinesischen Ausland.

Was sind Coronaviren und was steckt hinter den Patenten?

Laut der WHO sind Coronaviren „eine große Familie von Viren“. Sie würden Krankheiten hervorrufen, die von einer Erkältung bis hin zu schwereren Erkrankungen wie SARS und MERS reichen könnten.

Die WHO hat Antworten auf gängige Fragen zum Coronavirus veröffentlicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Art, die gerade in China grassiert, nennt die WHO vorübergehend 2019-nCoV oder „novel Coronavirus“, also neues Coronavirus. Dieser Name wird laut WHO für neue Stämme des Virus vergeben, die bisher noch nicht in Menschen identifiziert wurden. Manche Medien nennen es auch „Wuhan Coronavirus“, nach der chinesischen Stadt, in der zuerst auffällige Fälle von Lungenentzündung auftauchten.

Die Patente, die verschiedene Internet-Nutzer nun mit mehr oder weniger expliziten Verschwörungstheorien verbreiten, beziehen sich auf die Virenstämme von MERS (bekannt seit 2012), SARS (bekannt seit 2003), oder auch dem Virus der Infektiösen Bronchitis, das Geflügel befällt. Auf das neue Coronavirus gibt es kein Patent. Es wurde erst Anfang Januar bestätigt, nachdem es keiner bisher identifizierten Arten des Coronavirus zugeordnet werden konnte.

Immer wieder Kontroversen über Patente

„Beispielsweise können abgeschwächte Viren patentrechtlich geschützt werden“, sagt Kaaweh Molawi gegenüber CORRECTIV. Molawi ist Patentanwalt in den Bereichen Biotechnologie und Pharma. Wozu das sinnvoll ist? Zum Beispiel für Lebendimpfstoffe, so Molawi. Darin werde das Virus in abgeschwächter Form benutzt. Es mache dann nicht mehr krank, könne aber Immunität erzeugen. Abgeschwächtes Virus heißt „attenuated virus“ auf Englisch. 

 Zu beachten sei außerdem, dass manche der in den Behauptungen genannten Patentschriften nur Patentanmeldungen sind, und keine erteilten Patente. Normalerweise sind Patentnummern, die hinten ein A haben, Anmeldungen. Erteilte und eingetragene Patente haben hinten hingegen meist ein B, so der Patentanwalt. 

Kontroversen über Patente gab es bereits im Zusammenhang mit MERS. Im Jahr 2013 war die Befürchtung, sie könnten Forschung zu dem Virus verhindern. Darüber schrieb das Science Mag, und auch der Schweizer Rundfunk widmete sich dem Thema in einer Sendung. Fazit beider Medien damals: Es ist theoretisch möglich, dass Patente Forschung blockieren, aber in vergangenen Fällen konnten sich die unterschiedlichen Parteien – Länder, Forschung und Pharma-Firmen – einigen.

Behauptung: Ein von Bill Gates finanziertes Institut besitze ein Patent am aktuellen Coronavirus

Eine andere Behauptung, diesmal von der Webseite Unsere Natur, die laut Crowdtangle mehr als 1.200 Mal auf Facebook geteilt wurde: Das „derzeit um sich greifende Corona-Virus“ sei „keineswegs natürlichen Ursprungs“. Beleg dafür sei ein Patent, welches das britische Pirbright Institut (auf manchen Webseiten auch falsch als Pilbright Institut aus den USA bezeichnet) seit dem Jahr 2018 besitze – ein Patent „für das Corona-Virus“. Zudem sei „verdächtigerweise die Bill & Melinda Gates Stiftung ein ‘Hauptfinanzierer’ des Pirbright-Instituts“. 

Die Artikel verlinken auf ein US-Patent, das im Jahr 2015 angemeldet wurde, oder sie verweisen auf das Äquivalent in Europa. Es wurde tatsächlich im Jahr 2018 erteilt und trägt seitdem die Nummer US10130701B2 beziehungsweise EP3172319B1 für Europa.

Die Erfindung, für die das Pirbright Institut ein Patent erhalten hat, ist ein lebendes, abgeschwächtes Coronavirus, das als Impfstoff fungieren soll, um „infectious bronchitis“, also Infektiöse Bronchitis (IBV), zu behandeln oder zu verhindern.

So beschreibt das Pirbright Institut seine Erfindung, die im Jahr 2018 patentiert wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Inzwischen hat das Institut selbst auf seiner Webseite auf die Behauptungen im Netz reagiert. Es forsche nicht an menschlichen Coronaviren.

Auszug aus dem Statement, mit dem das britische Pirbright Institut auf die Behauptungen reagiert. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das Zertifikat sei für das Virus der Infektiösen Bronchitis, ein Coronavirus für Geflügel.

In einer Broschüre der Landwirtschaftskammer Niedersachsen über Legehennen beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit diesem Virus (PDF, ab S. 63). Im Zusammenhang mit einer Ansteckung von Menschen taucht das Virus der Infektiösen Bronchitis aber nicht auf.

 Zudem ist das Zertifikat für ein abgeschwächtes Virus, der, wie oben beschrieben, für eine Lebendimpfung genutzt werden kann – nicht für „den Coronavirus“ an sich. Außerdem, so das Institut, habe die Bill & Melinda Gates Stiftung den Forschungsbereich nicht finanziert, sondern ein anderes Projekt – mit 5,5 Millionen US-Dollar. Nämlich den Livestock Anti-Body Hub (Zentrum für die Abwehrstoffe von Tieren), mit dem erforscht werden soll, wie Tiere besser vor Krankheiten geschützt werden können.

Nein, Bill Gates hat das Coronavirus nicht vorhergesagt

Bill Gates soll zudem bereits im Oktober 2019 vor dem Coronavirus gewarnt beziehungsweise den Ausbruch mit 65 Millionen Toten vorhergesagt haben. Vermischt mit der Patent-Behauptung schwingt der Vorwurf mit, Gates sei für den Virus verantwortlich, oder könnte sich daran bereichern. Beides ist falsch.

Die Behauptung basiert auf einer Übung, die im Oktober des vergangenen Jahres stattfand und an der unter anderem die „Bill & Melinda Gates“-Stiftung teilnahm. Sie hieß Event 201. Tatsächlich übte man dort den Ausbruch einer Pandemie. Inzwischen erschien auch auf dem Veranstaltungsportal eine Meldung, in der es um die Gerüchte geht. Man habe auf der Veranstaltung keine Prognosen für die Zukunft gemacht, heißt es dort. Und obwohl es um ein fiktives neues Coronavirus gegangen sei, hätten die Voraussetzungen in der Übung nicht denen des nCoV-2019 geähnelt, also dem aktuellen in China ausgebrochenen Coronavirus.

Das Statement, in dem auf die Gerüchte eingegangen wird. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Tatsächlich warnt Bill Gates aber schon seit mehreren Jahren vor Pandemien, darüber berichtete etwa die FAZ im Februar 2017

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch: Es gibt vielerlei Zertifikate über Coronaviren, aber die sind für andere Arten, nicht das aktuelle neue Coronavirus aus China. Bill Gates hat den Ausbruch nicht vorher gesagt.

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Das Video des Youtube-Kanals „Odysseus“ über das Coronavirus. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Ein alarmierendes Youtube-Video über das Coronavirus in China geht derzeit viral, es wird auch über Whatsapp verbreitet. Viele der Behauptungen sind übertrieben oder falsch und führen deshalb in die Irre.

Wir bemühen uns, den Text aktuell zu halten. Trotzdem können einige der genannten Zahlen, vor allem zu Betroffenen und Todesfällen, schon wieder veraltet sein. Wir empfehlen deshalb, die täglichen Berichte der WHO zu beobachten.

„Die Corona-Pandemie ist weitaus schlimmer als man euch glauben machen will. Sie ist viel, viel, viel schlimmer“, leitet ein Sprecher in ein rund zehnminütiges Video ein, das am 23. Januar auf dem Kanal „Odysseus“ veröffentlicht wurde und mittlerweile über 530.000 Mal aufgerufen wurde. Es wird derzeit offenbar stark über Whatsapp verbreitet, Leser haben es uns mit der Bitte um Überprüfung geschickt. 

Im Video sind verschiedene Bilder und Videos zu sehen, angeblich aus dem chinesischen Wuhan. Ein Sprecher berichtet dazu in alarmierendem Tonfall von der angeblich katastrophalen Lage in der Stadt durch den Ausbruch des Coronavirus. Wir haben seine Aussagen und stichprobenartig einige der gezeigten Bilder überprüft. Viele der Behauptungen sind unbelegt oder irreführend.

Hintergrund ist der Ausbruch eines neuen Coronavirus in Wuhan

Hintergrund des Videos ist der Ausbruch eines neuen Coronavirus (Fachbegriff: 2019-nCoV) im Dezember 2019 im chinesischen Wuhan. Wie das Auswärtige Amt mitteilt, handele es sich um eine neuartige Lungenerkrankung, die sich in andere Länder ausbreitet (PDF).

Seit dem 23. Januar steht die Provinz laut Auswärtigem Amt unter Quarantäne, es seien von den chinesischen Behörden „Reisebeschränkungen in der Stadt Wuhan und anderen Städten in der Provinz Hubei erlassen“ worden. Eine Ausreise mit Zug, Flug, Bus oder Fähre sei derzeit nicht möglich. Das Auswärtige Amt rät aktuell von „nicht notwendigen Reisen“ in die Provinz Hubei in China ab (eine sogenannte Teilreisewarnung). Nicht erforderliche Reisen nach China sollten nach Möglichkeit verschoben werden.

(Quelle: Auswärtiges Amt)

Gibt es wirklich eine „Pandemie“ des neuen Coronavirus?

Schon im Titel des „Odysseus“-Videos steht, es gebe eine „Corona-Pandemie“. Das ist übertrieben. Von einem „Ausbruch“ einer Krankheit spricht man laut Robert-Koch-Institut, wenn „die Anzahl von Personen mit einer bestimmten Infektionskrankheit in einer bestimmten Region und/oder einem bestimmten Zeitraum die erwartete Anzahl dieser Erkrankungen übersteigt“. Das ist laut WHO beim neuen Coronavirus der Fall, sie nennt die Situation „Ausbruch“ und spricht von einer „sich entwickelnden epidemischen Situation“. 

Von einer Epidemie spricht man laut dem schweizerischen Bundesamt für Gesundheit, wenn „wenn eine Infektionskrankheit stark gehäuft, örtlich und zeitlich begrenzt auftritt“.

Und bei einer Pandemie handelt es sich laut Robert-Koch-Institut um „eine weltweite Epidemie“. Diese Situation ist nach den bisherigen Angaben der WHO zum Coronavirus bislang aber nicht eingetroffen. So wurde bislang kein internationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen. Nach Ansicht einiger Mitglieder des Notfallkomittees der WHO, das am 22. Januar tagte, sei es dafür „zu früh“. Es gebe jedoch innerhalb des Komitees unterschiedliche Ansichten dazu. 

Der Virologe Christian Dorsten von der Charité Berlin sagte im Interview mit der Tagesschau am 22. Januar auf die Frage, ob es zu einer Pandemie kommen könnte: „Wir haben die Erkrankung jetzt rein formal auf mehr als einem Kontinent, nur lässt sich das in diesem Fall ja an eine klare Reisegeschichte koppeln. Deswegen sind wir längst noch nicht bei einer Pandemie.“

Neuer Coronavirus gefährlicher als SARS-Virus?

Im Video von „Odysseus“ wird ab Minute 0:40 behauptet, das neue Coronavirus sei eine mutierte Form des SARS-Virus und viel gefährlicher. Die Behauptung ist unbelegt. Eine Prognose ist nicht möglich, da sich die Zahlen zu Erkrankten und Todesopfern jeden Tag verändern. Nach bisherigem Stand sagen jedoch  Experten laut der chinesischen Regierung, das neue Virus sei weniger tödlich als SARS. 

SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) ist wie das neue Virus ein Coronavirus. Laut Science Media Center sind beide genetisch verwandt, die Ähnlichkeit beträgt etwa 70 Prozent. SARS und eine andere Virenart namens MERS (Middle East Respiratory Syndrome) hätten ihren Ursprung in Fledermäusen und seien auf Märkten durch Zibetkatzen beziehungsweise Dromedare auf Menschen übertragen worden. Auch bei dem neuen Coronavirus gibt es nach CORRECTIV-Recherchen Hinweise, wenn auch keine Belege, dass sich einige Menschen in einem Markt in Wuhan ansteckten, dem Huanan Seafood Market, auf dem auch exotische Tiere verkauft wurden. 

Laut WHO wurde das SARS-Virus Anfang 2003 in China entdeckt. Insgesamt seien von November 2002 bis Juli 2003 8.096 Fälle weltweit bekannt geworden. Davon seien 774 Menschen gestorben (PDF, Seite 6). Das entspreche einer Sterblichkeitsrate von 9,6 Prozent. In Verbindung mit dem MERS-Virus gab es weltweit seit 2002 laut WHO 858 Todesfälle, bei 2.494 bestätigten Infektionen (34,4 Prozent Sterblichkeitsrate). 

Für das neue Coronavirus meldet die chinesische Gesundheitsbehörde aktuell 4.515 bestätigte Fälle und 106 Todesopfer (Stand 28. Januar). Außerhalb Chinas sind laut WHO bisher 37 Fälle bestätigt (Stand 27. Januar). 

Bisher vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen von neuem Virus betroffen

„Todesfälle traten allerdings bisher vor allem bei Patienten auf, die bereits zuvor an schweren Grunderkrankungen litten“, schreibt das Robert-Koch-Institut. Auch in einer Studie, die am 24 Januar im Journal The Lancet veröffentlicht wurde, steht, dass von den ersten 41 Patienten 13 eine Vorerkrankung wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen hatten. Sechs der 41 seien gestorben. Das Durchschnittsalter aller 41 Patienten sei 49 Jahre. 

WHO-Experte David Heymann sagte uns am Telefon, nach aktuellem Wissensstand sei das neue Coronavirus nicht so tödlich wie das SARS-Virus. An SARS seien Menschen aller Altersgruppen gestorben, bei dem neuen Virus seien es bisher vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen wie Diabetes. 

Ähnliches sagte in einer offiziellen Pressekonferenz der chinesischen Regierung am 22. Januar Zhong Nanshan, ein Experte, der laut Medienberichten 2003 maßgeblich zu der Erforschung des SARS-Virus 2003 beitrug: „Es ist nicht so ansteckend und virulent wie SARS. Ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen dem neuen Coronavirus und SARS bezüglich der Schwere und Ausbreitung der Krankheit.“

Die Inkubationszeit kann kürzer als 14 Tage sein und es tritt fast immer Fieber auf

Im Video wird behauptet, die Inkubationszeit für das Virus betrage 14 Tage und es müsse kein Fieber auftreten. Das mache das Virus besonders gefährlich, weil eine Infektion spät erkannt werde. Das ist größtenteils falsch. Die Inkubationszeit kann viel kürzer als 14 Tage sein. Außerdem scheint Fieber fast immer aufzutreten. In einem Kommentar zu den Forschungsergebnissen im Journals The Lancet schreibt David Heymann, die Studien zeichneten das Bild eines Virus mit drei bis sechs Tagen Inkubationszeit, das Fieber, Husten und Muskelschmerzen auslöse, teilweise auch Durchfall und Kurzatmigkeit. 

Das Robert-Koch-Institut spricht von „bis zu 14 Tagen“ Inkubationszeit, die WHO nennt jedoch nach neueren Schätzungen (Stand 27. Januar) zwei bis zehn Tage. 

In der Studie in The Lancet wurde außerdem festgestellt, dass fast alle der ersten 41 Patienten Fieber hatten (98 Prozent). Die anderen häufigen Symptome waren Husten (76 Prozent) und Muskelschmerzen oder Erschöpfung (44 Prozent). Von juckendem, rotem Hautausschlag mit schwarzen Punkten, der in dem „Odysseus“-Video erwähnt wird, ist nirgends die Rede. In einem Interview mit der Tagesschau sagte der Virologe Hartmut Hengel, er habe noch nie von solchen Symptomen gehört, auch nicht bei SARS.

Ist wirklich keine Heilung möglich? 

Es wird im „Odysseus“-Video zudem behauptet, Ärzte könnten betroffenen Menschen nicht helfen, der Virus könne nur „mit eigener Körperkraft besiegt“ werden (Minute 05:19). Das ist größtenteils richtig, allerdings wird hier ebenfalls die Situation dramatisiert.

In der Studie, die auf The Lancet veröffentlicht wurde, schreiben die Forscher: „Keine antivirale Behandlung der Coronavirus-Infektion hat sich als wirksam erwiesen.“ Und: „Da es sich bei 2019-nCoV um ein neu entstehendes Virus handelt, wurde bisher keine wirksame Behandlung für Krankheiten entwickelt, die auf dieses Virus zurückzuführen sind.“

In einem Erklärvideo der WHO sagt eine Sprecherin: „Es gibt keine spezifischen Behandlungsmöglichkeiten für Coronaviren, aber die Symptome können behandelt werden.“ In Wuhan wird derzeit laut chinesischen Medien ein Krankenhaus mit 1.000 Betten für Corona-Patienten gebaut, das am 3. Februar eröffnet werden soll. Laut Medienberichten suchen Forscher derzeit nach einem Impfstoff. 

Haben Ärzte schon am 12. Januar geraten, die Stadt Wuhan abzuriegeln?

Im „Odysseus“-Video wird ab Minute 02:30 behauptet, schon am 12. Januar hätten „Ärzte empfohlen, die Stadt Wuhan abzuriegeln, weil die Situation völlig außer Kontrolle“ sei. Dazu konnten wir mit Google-Suchen nach „doctors warning Wuhan“ und „Wuhan quarantine“ am 12. Januar keine Meldung finden. Die Behauptung ist unbelegt.

Die WHO schrieb am 12. Januar in einer Mitteilung: „Die WHO rät von jeglichen Reise- oder Handelsbeschränkungen auf China auf der Grundlage der derzeit verfügbaren Informationen über die Situation ab.“

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ZUM ARTIKEL

Kippen Menschen auf offener Straße um? 

Das „Odysseus-Video“ zeigt ab Minute 08:00 außerdem Fotos und Videos, auf denen Menschen auf dem Boden liegen, teilweise blutend. Sie stammen angeblich aus Wuhan und sollen Menschen zeigen, die am Coronavirus erkrankt sind. Im Video wird dazu behauptet, Menschen würden auf offener Straße „einfach umkippen“.

Wir haben einige dieser Videos stichprobenartig überprüft, konnten jedoch nicht verifizieren, ob sie tatsächlich aus Wuhan stammen und mit dem Coronavirus in Zusammenhang stehen. Einige von ihnen wurden in Boulevardmedien aufgegriffen oder in Blogbeiträgen verlinkt und zumindest am 23. Januar hochgeladen. Mehr können wir aktuell nicht zu den Videos sagen. 

Berichten die Medien nicht über das Coronavirus?

An mehreren Stellen im „Odysseus“-Video wird behauptet, konventionelle deutsche Medien würden nicht oder nicht ausreichend über das Coronavirus berichten oder wichtige Informationen verschweigen. Das stimmt nicht. Deutsche Medien berichten mindestens seit dem 6. Januar regelmäßig über das Coronavirus, unter den ersten Medien war nach einer Google-Suche die Deutsche Welle (6. Januar) und Focus Online (7. Januar). 

Auch die Behauptung, die Medien würden „die wirkliche Gefahr“ und die Quarantäne verschweigen oder die Lage in der Region Hubei herunterspielen, stimmt nicht. Die Tagesschau berichtete etwa schon am 23. Januar, als das „Odysseus“-Video hochgeladen wurde, über die Quarantäne, die Abriegelung von Wuhan sei „beispiellos“. 

Auch die Frage, wie gefährlich das Virus ist, wird von Medien thematisiert. Die Tagesschau befragte dazu den Virologen Christian Dorsten von der Charité Berlin, das ZDF-Morgenmagazin Lothar Wieler, den Präsidenten des Robert-Koch-Instituts.  

Handlungsempfehlungen – öffentliche Plätze meiden? 

Im „Odysseus“-Video gibt der Sprecher ab Minute 06:40 verschiedene Handlungsempfehlungen. Er sagt zum Beispiel, man sollte Menschenansammlungen vermeiden. Alle Menschen, die aus Asien einreisen würden, könnten potenzielle Überträger sein. Diese Empfehlungen werden durch die des Auswärtigen Amts und der WHO so nicht bestätigt. Sie empfehlen vor allem, 

  • gut auf Hygiene sowie Husten- und Niesetikette zu achten, 
  • Kontakt mit Personen zu vermeiden, die an Atemwegserkrangungen leiden,
  • Märkte zu vermeiden, auf denen tote Tiere verkauft werden,
  • Kontakt mit wilden Tieren zu vermeiden,
  • bei Fieber, Husten oder Atemschwierigkeiten einen Arzt aufzusuchen.

Das Robert-Koch-Institut schätzt die Möglichkeit einer Ausbreitung in Deutschland derzeit als gering ein, weist aber darauf hin, dass einzelne Fälle auftreten können. Es gibt bisher einen bestätigten Fall – in Bayern. Das European Center for Disease Control and Prevention schätzt das Risiko einer Ausbreitung in Europa als moderat ein. Für weltweit auftretende Fälle schätzt die WHO das Risiko derzeit als hoch ein (Stand 27. Januar). 

Fazit

Das neue Coronavirus beschäftigt derzeit Forscher, Experten und offizielle Stellen weltweit, internationale und nationale Organisationen informieren fast täglich über den neuesten Stand. Vieles zum Ausbruch des Virus ist noch nicht geklärt oder belegbar. 

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Die Behauptung im „Odysseus“-Video, der Kanal habe geheime, exklusive Informationen zu der Gefahr durch das Virus, lässt sich nicht bestätigen. Im Gegenteil: Es verbreitet auf dramatisierende Weise unbelegte, irreführende und falsche Behauptungen.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das „Odysseus“-Video verbreitet unbelegte, irreführende und teils falsche Behauptungen zum Ausbruch des Coronavirus.

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Im Jahr 2014 stand Deutschland das Evakuierungssystem der eigens ausgestatteten Robert-Koch-Maschine zur Verfügung. Das wurde laut Medienberichten aber nach zehn Monaten aufgegeben. Nun soll ein neues, langfristiges Transportsystem für Ebola-Patienten her. (Foto: Cuneyt Karadag / picture alliance / AA)

von Tania Röttger

Es gibt reißerische Behauptungen darüber, dass Ebola-Patienten nach Deutschland evakuiert werden sollen. Angeblich koste ein Patient den deutschen Steuerzahler zwei Millionen Euro, und angeblich drohe eine Masseninfektion. Beides ist nicht richtig.

Am 6. Januar erschienen mehrere Berichte über ein Vorhaben des Auswärtigen Amtes und von Außenminister Heiko Maas: Demnach sollen Ebola-Kranke aus dem Kongo nach Deutschland evakuiert werden.

Die Webseite PI-News behauptete dazu: „Ein Patient kostet unser Gesundheitssystem rund zwei Millionen Euro“. Die Webseite Anonymous News meint, den Grund für die Pläne gefunden zu haben: „Heiko Maas will für Massen-Ebola-Infektion in Deutschland sorgen“. Beide Artikel wurden laut dem Analysetool Crowdtangle je mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt.

Wir haben recherchiert, was hinter der Geschichte steckt: Tatsächlich gibt es Pläne, an Ebola erkrankte Menschen zur Behandlung nach Deutschland zu evakuieren – und zwar deutsche Ärzte und Helfer. Außerdem geht es darum, ein sicheres Transportsystem für die Patienten zu bauen. Die zwei zusätzlichen Behauptungen von PI-News und Anonymous News sind jedoch falsch. 

Die Artikel von PI-News (links) und Anonymous News (rechts). (Screenshots: CORRECTIV)

Zunächst hatte der Spiegel am 3. Januar berichtet, das Auswärtige Amt bereite eine „Evakuierung von Ebola-Kranken“ vor. Ein Sprecher der Behörde bestätigte den Bericht auf der Regierungspressekonferenz am selben Tag. Dabei betonte er aber, es gehe um ein spezielles Transportsystem für die Evakuierung von Erkrankten. Andere Medien übernahmen die Meldung und manche, wie PI-News und Anonymous News, fügten ihr einen speziellen Dreh hinzu.

Protokoll der Regierungspressekonferenz vom 3. Januar 2020. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Transportsystem soll Ebola-Masseninfektion verhindern

Die Behauptung, das Außenministerium wolle für eine Masseninfektion mit Ebola in Deutschland sorgen, leitet Anonymous News nur davon ab, dass es ein System für den Transport von Infizierten geben soll. Tatsächlich soll das System gerade verhindern, dass andere auf dem Transportweg der Patienten infiziert werden. 

Das Projekt soll die Evakuierungsmöglichkeiten ergänzen, die das Amt für jede Art von Deutschen Helfern im Ausland habe. In Europa gebe es im Moment kein System, um infizierte Helfer zu evakuieren, heißt es auf Anfrage von CORRECTIV aus dem Auswärtigen Amt. Nun will Deutschland ein eigenes bauen – die EU habe in Aussicht gestellt, das zu finanzieren. Ebola-Patienten seien nur ein Beispiel, für wen das System genutzt werden könnte.

Wer soll evakuiert werden?

Anonymous News behauptet außerdem, es sollen „kranke Afrikaner“ geholt werden. Auf die Frage, für wen das System gebaut werde, teilt das Auswärtigen Amt mit: Primär deutsche Helfer. Auch im ursprünglichen Spiegel-Artikel steht: „Deutsche mit gefährlichen Infektionskrankheiten sollen […] aus Krisenregionen ausgeflogen werden“.

Die Spiegel-Meldung machte klar, dass die Maßnahmen deutschen Helfern zugutekommen sollen. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Und wenn die Transportmodule gebaut sind, will Deutschland sie auch anderen europäischen Ländern oder Organisationen zur Verfügung stellen. Der Pressesprecher nannte auf der Bundespressekonferenz die Weltgesundheitsorganisation WHO als Beispiel.

Protokoll der Regierungspressekonferenz vom 3. Januar 2020. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

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Nein, keine zwei Millionen Euro pro Patient und nein, Deutsche sollen nicht zahlen

Die Behauptung, ein Ebola-Patient koste zwei Millionen Euro, belegt PI-News mit einem eigenen Artikel aus dem Jahr 2014. Dieser Artikel beruht wiederum auf einer Spiegel-Meldung vom 19. Oktober 2014. Demnach waren die Kosten für die Behandlung eines Ebola-Patienten im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf zunächst auf 300.000 Euro geschätzt worden, „nach Spiegel-Informationen könnten sie sich auf insgesamt rund zwei Millionen Euro summieren“, hieß es in dem Artikel. 

Wir haben bei der Hamburger Klinik nachgefragt, wie hoch die Kosten tatsächlich waren und wer sie gezahlt hat. Von dort kam die Antwort, dass es 300.000 Euro gewesen seien – nicht die spekulierten zwei Millionen Euro. Sprecherin Saskia Lemm schrieb uns per E-Mail: „Woher die Schätzung aus der Berichterstattung kommt, ist mir nicht bekannt. Die Behandlungskosten lagen bei rund 300.000 Euro und wurden größtenteils von der WHO übernommen.“

E-Mail des Klinikums, in dem im Jahr 2014 ein Ebola-Patient behandelt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben auch das Auswärtige Amt gefragt, mit welchen Behandlungskosten es für die künftig Evakuierten rechnet. Als Antwort kam keine konkrete Zahl. Man teilte uns aber mit: „Die Kosten eines solchen Transports trägt grundsätzlich die anfragende Person oder Institution. In der Regel haben die Betroffenen eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, die auch die Kosten für eine Rückholung übernimmt.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt Pläne, deutsche Helfer, die sich mit hochansteckenden Krankheiten infiziert haben, nach Deutschland zu evakuieren. Die Behauptungen, ein Ebola-Patient koste zwei Millionen Euro und das Evakuierungsprogramm solle in Deutschland für Masseninfektion sorgen, sind falsch.

New coronavirus
Der Huanan Seafood Market in Wuhan wurde geschlossen, weil der Verdacht besteht, dass sich dort mehrere Menschen mit dem neuen Coronavirus angesteckt haben. (Foto: Kyodo / picture alliance / dpa) 

von Alice Echtermann

Als das neue Coronavirus im Dezember in China ausbrach, war der vermeintliche Ursprung schnell ausgemacht: der Huanan Seafood Market in Wuhan. Dort wurden auch exotische Tiere verkauft. Doch nach weiteren Untersuchungen ist nicht sicher, ob sich das Virus wirklich nur von dem Markt aus verbreitete.

In zahlreichen Medienberichten wird behauptet, die Quelle für das neue Coronavirus sei mutmaßlich ein Markt in Wuhan – der Huanan Seafood Market, der deshalb geschlossen worden sei. Auf dem Markt seien unter anderem exotische Tiere verkauft worden. In einem Artikel von Unser Planet vom 25. Januar ist die Rede von lebenden Koalas, Schlangen, Ratten, Pfauen, Stachelschweinen und Wolfswelpen. 

Diese Tiere nannte auch die Bild-Zeitung in einem Text vom 24. Januar. Darin heißt es: „’Delikatessen’, die den Tod bringen können! Experten zufolge tragen Wildtiere Erreger wie das Coronavirus in sich – und offenbar war dieser Markt der Ursprungsort für seine Verbreitung! Die ersten Erkrankten waren Menschen, die dort arbeiteten.“ In einem Bericht der britischen Daily Mail wird zudem behauptet, dass es eine Verbindung zu Fledermaussuppe gebe, die in dem Markt verkauft worden sei. 

Die Medienberichte legen nahe, dass der Markt der Ursprung des Ausbruchs des neuen Coronavirus war. Dafür gibt es zwar Anhaltspunkte, aber keine eindeutigen Belege. 

Das Video der „Daily Mail“, in dem behauptet wird, das Virus hänge zusammen mit dem Verkauf von Fledermaussuppe. (Screenshot: CORRECTIV)

Fotos und Produktlisten bei Twitter deuten auf exotisches Sortiment des Huanan Seafood Market hin 

Als Beleg dient der Bild-Zeitung ein Artikel der South China Morning Post, der sich auf eine Online-Preisliste des Huanan Seafood Market beruft, sie aber nicht verlinkt. Außerdem verweist Bild auf Fotos eines chinesischen Journalisten auf Twitter, die von dem Markt stammen sollen. Darauf sind eine Liste der angebotenen Produkte sowie verschiedene Marktstände zu sehen. Ein anderer Twitter-Nutzer übersetzte die angebliche Produktliste; darauf würden lebende Sika-Hirsche, lebende Strauße, lebende Pfauen, lebende Zibetkatzen, Krokodilzunge, Kamelfleisch und Bullenhoden genannt. 

Der Tweet mit zwei Fotos – von einer Produktliste und von den Marktständen. (Screenshot: CORRECTIV)

Ob all diese Tiere wirklich angeboten wurden, kann CORRECTIV nicht verifizieren. Ein Vergleich mit Aufnahmen in Medienberichten legt nahe, dass die Fotos des Journalisten authentisch sind. Allerdings ist unklar, wie alt sie sind. Die abfotografierte Preisliste verweist auf eine gelöschte Webseite: whdaz.com. In einer archivierten Version von 2019 wird klar, dass es sich um einen Händler handelt, der auf dem Huanan-Markt in Wuhan seine Waren verkaufte. Angeboten wurden (laut automatischer Übersetzung) viele der genannten Tiere, darunter auch Wölfe. Allerdings ist nicht die Rede von Koalas oder Schlangen.

Viele am Coronavirus Erkrankte haben eine Verbindung zum Markt, aber nicht alle

Coronaviren werden laut WHO von Tieren auf Menschen übertragen. Es gibt mehrere Arten, darunter SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) und MERS (Middle East Respiratory Syndrome). Das neue Coronavirus ist eine bisher unbekannte Art. 

SARS- und MERS-Virus sollen ihren Ursprung in Fledermäusen gehabt haben und auf Märkten durch Zibetkatzen beziehungsweise Dromedare auf Menschen übertragen worden sein.

Bei einer offiziellen Pressekonferenz der chinesischen Regierung am 22. Januar sagte Gao Fu, Direktor des Chinese Center for Disease Control and Prevention, es sei bestätigt, dass das neue Coronavirus auf dem Markt von Tieren auf Menschen übertragen wurde. Von welcher Tierart und auf welchem Weg, sagte er nicht. 

Wissenschaftler sehen bisher jedoch keine eindeutigen Belege, dass der Markt die Quelle war. Das medizinische Fachjournal The Lancet hat am 24. Januar zwei Studien von verschiedenen chinesischen Autoren veröffentlicht (hier und hier). In der ersten Studie haben sie herausgefunden, dass von den ersten 41 Personen, bei denen eine Infektion offiziell bestätigt wurde, 27 eine Verbindung zu dem Huanan Seafood Market hatten. Es habe am 31. Dezember eine Epidemie-Warnung von der lokalen Gesundheitsbehörde gegeben und der Markt sei am 1. Januar 2020 geschlossen worden. Es gab jedoch auch Fälle, die keine Verbindung zu dem Markt aufwiesen – so wie der erste bekannte Fall am 1. Dezember 2019.

Grafische Darstellung der ersten 41 bestätigten Patienten im Fachjournal „The Lancet“. (Screenshot: CORRECTIV)

In der zweiten Studie wurde eine Familie mit sechs Personen aus Shenzhen untersucht, von denen fünf vom 29. Dezember bis 4. Januar zu Besuch in Wuhan waren. Eine weitere Person war nicht in Wuhan und wurde nur durch den Kontakt zu ihren Familienmitgliedern infiziert. Keine der Personen war auf dem Huanan Seafood Market, nur ein Verwandter, den sie besucht hatten, sei auf einem anderen Fleischmarkt (wet market) gewesen, heißt es. Er oder sie sei ebenfalls später erkrankt. Die Ergebnisse der Studie seien ein Zeichen dafür, dass eine Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch möglich sei. 

Aufgrund der Auswertungen in The Lancet gibt es unter Wissenschaftlern Zweifel daran, ob der Markt wirklich der einzige Ausgangspunkt für das Virus war. Es sei auch möglich, dass jemand außerhalb des Marktes infiziert wurde und das Virus dorthin brachte. 

Übertragungsweg beim neuen Coronavirus noch unklar

Das deutsche Robert-Koch-Institut informiert auf seiner Webseite (Stand 24. Januar), dass viele Eigenschaften des Virus noch unbekannt seien, zum Beispiel „wie leicht es übertragen wird, wie schwer die Krankheiten verlaufen, in welchem Tier es vorkommt, und was die genaue Quelle des Ausbruchs war“. Auf der Webseite des European Centre for Disease Prevention and Control heißt es (Stand: 27. Januar), die Quelle für die Ansteckung sei noch unbekannt. 

In einem Kommentar zu den Ergebnissen der zwei bei The Lancet veröffentlichten Studien schreibt WHO-Experte David Heymann, sie zeichneten das Bild eines Virus mit drei bis sechs Tagen Inkubationszeit, das Fieber, Muskelschmerzen und Husten auslöse, mit oder ohne Durchfall oder Kurzatmigkeit. Die Studien belegten, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich sei, aber der genaue Übertragungsweg lasse sich damit noch nicht beweisen. Sie seien nur zwei Puzzleteile unter all den Informationen, mit denen die WHO gerade versuche, das gesamte Bild zusammenzusetzen.

Keine Belege für Übertragung durch Fledermaussuppe

Auf Nachfrage von CORRECTIV sagte Heymann uns am Telefon, es gebe bisher keinen Beleg, nur Indizien, dass die Übertragung von Tieren auf Menschen geschah. Um sicher zu sein, seien Kontrollstudien nötig. In Bezug auf Medienberichte über den Verkauf von Fledermaussuppe in dem Markt betonte er: „Menschen infizieren sich nicht, indem sie gekochtes Fleisch essen.“ Es sei aber theoretisch möglich, dass Fledermäuse andere Tiere auf dem Seafood Market infiziert hätten, die dann wiederum Menschen auf dem Markt ansteckten.

Eine Ansteckung sei bei der Schlachtung möglich, wenn man direkt in Kontakt mit Blut komme, oder rohes Fleisch esse. Die Übertragung des Virus unter Menschen geschehe nach aktuellem Wissensstand nur über engen intimen Kontakt oder Tröpfcheninfektion, also wenn jemand einem anderen direkt ins Gesicht niese oder huste. Auch das sei jedoch noch wenig erforscht.   

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es ist möglich, dass Tiere das Virus auf Menschen übertragen haben. Viele der ersten Patienten waren auf dem Fleischmarkt in Wuhan, einen eindeutigen Beleg für einen Zusammenhang gibt es aber noch nicht. 

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In Impfungen können sich manchmal auch Spuren verschiedener Stoffe aus dem Herstellungsprozess finden. Symbolbild (Steve Buissinne / Pixabay).

von Joana Splieth

Anders als in einem Artikel behauptet, sind Zellen von abgetriebenen Föten und Affen oder Glyphosat nicht Inhaltsstoffe von Impfungen. Es ist richtig, dass Spuren der drei Stoffe darin vorkommen können – in sehr geringen Mengen, die nicht schädlich sind.

Am 28. November 2019 veröffentlichte die Webseite GM-Gesund-Magazin einen Artikel zu verschiedenen Inhaltsstoffen in Impfungen mit der Überschrift: „Bestätigt !! – Glyphosat und Nierenzellen von Affen in Impfstoffen“. Darin wurde behauptet, dass Nierenzellen von afrikanischen Grünen Meerkatzen (einer Affenart) und Zellen von abgetriebenen menschlichen Föten Inhaltsstoffe von Impfungen seien und auch Glyphosat (ein umstrittenes Unkraut-Bekämpfungsmittel) in Spuren darin zu finden sei.

Als Quelle nennt GM-Gesund-Magazin Artikel der Seiten Netzfrauen und Natural News von 2017. Alle verweisen auf ein Dokument des Center for Disease Control and Prevention (CDC), einer Gesundheitsbehörde der USA. Es dient als Hauptbeleg der Behauptungen. Zusammengenommen wurden die drei Texte laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.000 Mal geteilt. 

Nach unserer Recherche sind weder Zellen von Affen noch von abgetriebenen Föten oder Glyphosat Inhaltsstoffe von Impfungen. Der Artikel führt hier in die Irre. Was stimmt, ist, dass Impfungen sehr geringe Spuren dieser Stoffe aufweisen können. Sie stammen aus der Umwelt oder dem Herstellungsprozess.

Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Artikel des GM-Gesund-Magazins mehr als 300 Mal geteilt (Screenshot: CORRECTIV).

Warum werden Zellen von Lebewesen für die Herstellung von Impfstoffen verwendet?

Lebendimpfstoffe enthalten geringe Mengen vermehrungsfähiger Krankheitserreger, die jedoch so abgeschwächt wurden, dass sie die Erkrankung selbst nicht auslösen“, erklärt die Webseite impfen-info.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Die Viren müssten für den Impfstoff allerdings zuerst gezüchtet werden. Das Bundesumweltamt erläutert auf seiner Webseite, dass sich Viren nur mithilfe von lebenden Zellen vermehren könnten und man daher für die Vermehrung geeignete Wirtszellen benötige.

Zellen von abgetriebenen Föten sind kein Inhaltsbestandteil von Impfstoffen 

Die Presseabteilung des Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Impfstoffe, erklärt uns in einer E-Mail, dass es „tatsächlich einige Virus-Impfstoffe [gibt], bei denen für die Vermehrung der Viren, Zell Linien (!) aus fötalen Zellen verwendet werden.“ 

Es gebe Zelllinien, die auf Zellen zweier abgetriebener Föten aus den Jahren 1961 (Zelllinie WI-38) und 1966 (Zelllinie MRC-5) zurückgehen. „Der Begriff ‘Zelllinie’ bedeutet, dass diese Linie einmalig angelegt wurde und seitdem kontinuierlich vermehrt und eingefroren wird. Es ist also nicht so, dass immer wieder neue Föten benötigt werden, um Impfstoffe produzieren zu können“, schreibt uns die Pressesprecherin Frau Dr. Susanne Stöcker des PEI. Weiter heißt es: „Für die Herstellung von Impfstoffen wird kein Gewebe von erneut abgetriebenen Föten eingesetzt.“ Die Föten seien zudem nicht deshalb abgetrieben worden, um Ihnen Gewebe für die Zelllinien zu entnehmen.

„Die Föten wurden jedoch nicht abgetrieben, um als Ausgangsmaterial für die Etablierung der Zellkulturen zu dienen“ erklärt uns das Paul-Ehrlich-Institut (Screenshot: CORRECTIV).

Für den Impfstoff werden die Viren laut Paul-Ehrlich-Institut gereinigt und Reste der Zellkultur entfernt. Sie könnten allerdings unter Umständen als Spuren in den Impfstoff gelangen. Diese Reste der Zelllinien-Kulturen seien allerdings keine Inhaltsstoffe, da sie nicht „bewusst zugefügt“ würden, erklärt uns das Paul-Ehrlich-Institut. Sie seien Hilfsstoffe bei der Herstellung der Inhaltsstoffe.

Auch dem Dokument des Center for Disease Control, der Hauptquelle der Texte, lässt sich entnehmen, dass es sich bei vielen der angegebenen Stoffe um Hilfsstoffe handelt: „Diese Tabelle beinhaltet nicht nur Impfinhaltsstoffe […], sondern auch Substanzen aus dem Herstellungsprozess, […] die aus dem finalen Produkt entfernt werden und nur in Spurenmengen vorhanden sein können.Das Dokument belegt also nicht, dass abgetriebene Föten Inhaltsstoffe von Impfungen sind, wie der Text des GM-Gesund-Magazins behauptet. 

Im Dokument des Center of Disease Control von 2017 findet sich der Hinweis, dass manche Stoffe nur Hilfsstoffe sind und aus dem Endprodukt entfernt werden (Screenshot: CORRECTIV).

Auch Zellen von Grünen Meerkatzen sind nicht Inhalt von Impfstoffen

Der Artikel des GM-Gesund-Magazins behauptet außerdem, dass sich Nierenzellen aus afrikanischen Grünen Meerkatzen, einer Affenart, im Impfstoff der Impfung ACAM2000 (einer Pockenimpfung) befinden würden. 

Es handele sich auch hier, wie bereits bei den „Zellen von abgetriebenen Föten“ nicht um Inhaltsstoffe der Impfung, sondern um Hilfsstoffe bei der Herstellung der Impfung, erklärt das Paul-Ehrlich-Institut. Auch hier würden keine Affen permanent für neue Impfungen umgebracht werden. Es gehe um die Zelllinie zurückgehend auf Nierenzellen von grünen Meerkatzen (Verozellen genannt). Auch hier führt das GM-Gesund-Magazin also in die Irre. 

Das Paul-Ehrlich-Institut nimmt Stellung zu der Behauptung, dass Zellen von Affen Inhaltsstoffe von Impfungen wären (Screenshot: CORRECTIV).

Verwendung der Zelllinien für Impfungen in Deutschland?

In dem Text des GM-Gesund-Magazins ist angegeben, dass die Zellen (also eigentlich Zelllinien), die auf Grüne Meerkatzen und abgetriebene Föten zurückgehen, für die Impfstoffe gegen Pocken (ACAM2000) und den Adenovirus verwendet würden. 

Gegen Pocken werde allerdings nicht mehr geimpft, seit die Weltgesundheitsorganisation Pocken für ausgestorben erklärt habe, so das Paul-Ehrlich-Institut in der E-Mail an uns. Der spezielle ACAM2000-Pockenimpfstoff, der in der Zelllinie der Grünen Meerkatze vorbereitet wird, ist nur für Personen gedacht, die in einem geschützten Labor mit Erregern in Kontakt kommen könnten, wie man einem Artikel des Center for Disease Control von 2016 entnehmen kann. Der Impfstoff ist zudem nicht in Europa zugelassen, wo ein anderer Impfstoff gegen Pocken namens Imvanex in Ausnahmefällen verwendet wird. 

Auch gegen Adenoviren gebe es in Europa keinen Impfstoff, so das Paul-Ehrlich-Institut. Die beiden Impfstoffe, die im Artikel genannt werden, sind also in Deutschland nicht in Verwendung. 

Die Screenshots aus dem Dokument des CDC, die als Beweis für die Behauptung des Artikels dienen sollen, beziehen sich auf Impfungen gegen den Adenovirus und Pocken (Screenshot: CORRECTIV).

Auf Anfrage beim Paul-Ehrlich-Institut, erklärt man uns allerdings, dass in Europa teilweise andere Virenarten mit den Zelllinien aus den abgetriebenen Föten gezüchtet werden. 

Beispielsweise werden nach Angaben der Europäischen Arzneimittelbehörde Rötelnviren für einen Impfstoff gegen Mumps, Masern, Röteln und Windpocken in „humanen diploiden Zellen“ der Zelllinie WI-38 gezüchtet. Ein weiteres Beispiel für die Nutzung von Zelllinien in der Herstellung eines in Europa zugelassenen Impfstoffs ist die Impfung Hexyon gegen Kinderlähmung. Für sie werden Verozellen verwendet (Seite 2). 

Glyphosat kann in winzigen Mengen Impfstoffen vorhanden sein

Das Paul-Ehrlich-Institut bestätigt in seiner Stellungnahme CORRECTIV gegenüber, dass Spuren des Unkrautvernichters Glyphosat in Impfstoffen vorhanden sein können: „Die für die Impfstoffe gemessenen Konzentrationen sind sehr gering (im Bereich ppb = Teile pro Milliarde) und nur mit extrem empfindlichen Messverfahren nachweisbar. Da sich Glyphosat in der Umwelt befindet, lassen sich etwaige Glyphosatspuren damit erklären.“ 

Die Angaben im GM-Gesund-Magazin-Artikel zu den Werten von Glyphosat in Impfungen beziehen sich auf eine Studie von Moms Across America, einer Organisation, die sich gegen Impfungen und genveränderte Pflanzen einsetzt. In dieser Studie beträgt der höchste gemessene Wert von Glyphosat in einer Impfung 0,325 ppm (Anteil pro Milliarden). Bei der Impfung handelte es sich um eine Pneumokokken-Impfung (Pneumovax 23). 

Auf der Webseite des Bundesinstituts für Risikobewertung kann man Angaben zur akuten Referenzdosis für Glyphosat finden. Dieser Wert legt die höchste Dosis fest, die aufgenommen werden kann, ohne dass ein toxischer Effekt gemessen wird. Er wird von der EU festgelegt und beträgt 0,5 mg/kg Glyphosat pro Tag. Da 0,325 ppb (0,000325 mg/kg) deutlich weniger als 0,5 mg/kg sind, ist selbst die höchste gemessene Menge von Spuren an Glyphosat in einer Impfung laut den Behörden unbedenklich. Auf der Webseite des Bundesamts für Risikobewertung kann man weitere Informationen zur gesundheitlichen Einschätzung von Glyphosat finden.

Es stimmt also, dass Glyphosat in manchen Impfungen nachweisbar ist, allerdings ist dies nicht schädlich für den Menschen.

Generell sagt das Paul-Ehrlich-Institut zur Unverträglichkeit von Impfungen und allen in ihnen vorkommenden Stoffen: „Schwerwiegende Reaktionen stellen nach allen verfügbaren Daten eine absolute Ausnahme dar. Krankheiten dagegen führen häufig zu sehr schweren Komplikationen […].“

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Zellen von abgetriebenen Föten und Affen oder Glyphosat sind keine Inhaltsstoffe von Impfungen. Spuren können enthalten sein, sie sind aber nicht schädlich. 

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Diese Bild-Text-Collage wird derzeit auf Facebook verbreitet. Die Zahlen stimmen, es fehlt aber Kontext. (Screenshot CORRECTIV)

von Till Eckert

Auf Facebook kursieren Zahlen des Robert-Koch-Instituts zu Masern-Fällen in Deutschland im Jahr 2018. Sie stimmen, aber ihnen fehlt wichtiger Kontext.

In einer Bild-Text-Collage der Facebook-Seite „BeGrünMa“ steht, in Deutschland seien von 82 Millionen Menschen in Deutschland laut des Robert-Koch-Instituts 2018 genau 543 Menschen an Masern erkrankt. Todesfälle habe es keine gegeben. Dazu steht: „Pflichtimpfung? Lizenz zum Gelddrucken für Big Pharma!” Der Beitrag wurde bisher mehr als 460 Mal geteilt. 

Die Zahlen der gemeldeten Masern-Erkrankungen und Todesfälle (PDF, Seite 40) stimmen,  sie finden sich auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts. 2017 wurden dem Institut 929 Erkrankungen gemeldet.

Robert-Koch-Institut: Erkrankungen sind wegen Impfquote auf so niedrigem Stand

Der Facebook-Beitrag erweckt den Eindruck, als sei der Masern-Virus in Deutschland nicht gefährlich, weil er sehr selten vorkomme. 

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt: „Bei Masern handelt es sich um eine hochansteckende, fieberhafte Virus-Erkrankung, die zu langwierigen Verläufen und selten auch zu schweren Komplikationen führen kann.“ Es gebe außerdem ein Risiko, an Spätfolgen zu erkranken. Kinder, Jugendliche und Erwachsene könnten sich anstecken. 

Laut Robert-Koch-Institut sind Masern weltweit verbreitet. Demnach löste im Jahr 2009 ein aus Deutschland nach Bulgarien importiertes Virus „einen landesweiten Masernausbruch mit mehr als 24.000 Fällen und 24 Todesfällen in Bulgarien aus“. In Deutschland sei die Häufigkeit der Masern „durch die seit etwa 40 Jahren praktizierte Impfung und aufgrund stetig steigender Impfquoten im Vergleich zur Vorimpfära insgesamt deutlich zurückgegangen“. In Deutschland wird seit 1973 gegen Masern geimpft, seit 1980 breit angewendet (PDF, Seite 3).

Dennoch schwanken die Zahlen: So kommt es laut Robert-Koch-Institut immer wieder zu „zeitlich begrenzten regionalen bis bundesweiten Ausbrüchen mit zum Teil langen Infektionsketten“. Das zeigen auch die Fallzahlen zurück bis 2001, dem Jahr, in dem eine Meldepflicht für Masernfälle eingeführt wurde. So gab es 2001 in Deutschland mehr als 6.000 gemeldete Masern-Fälle, 2015 waren es 2.465 Fälle.

Fallzahlen der Masernfälle zurück bis 2001. (Quelle: Robert-Koch-Institut / Screenshot: CORRECTIV)

Im Zeitraum 2001 bis 2018 gab es außerdem insgesamt 15 Todesfälle wegen Masern in Deutschland.

Bundesgesundheitsministerium will Impfquoten erhöhen, um Erkrankungen zu verhindern

Die Impfquote in Deutschland liegt laut den aktuellsten verfügbaren Zahlen von 2014 bei 73,9 Prozent. Damit gehört Deutschland laut Robert-Koch-Institut aktuell zu den Ländern mit „ungenügenden Masernimpfquoten“. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt: „Experten gehen davon aus, dass sich die Masern nicht ausbreiten können, wenn mehr als 95 Prozent der Bürger gegen Masern geimpft sind.“ 

Die Impfquote soll deshalb laut Bundesgesundheitsministerium erhöht werden. Dafür gibt es unter anderem das Präventionsgesetz, das 2015 in Kraft trat und regelt, „dass künftig der Impfschutz bei allen Routine-Gesundheitsuntersuchungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie den Jugendarbeitsschutzuntersuchungen überprüft werden soll. Auch Betriebsärzte sollen künftig allgemeine Schutzimpfungen vornehmen können.“ 

Außerdem gibt es den Gesetzentwurf für eine Impfpflicht, der am 14. November 2019 im Bundestag beschlossen wurde. Nach diesem sollen alle Kinder bei Eintritt in die Schule oder Kindergarten eine Masernimpfung vorweisen können. Das Gesetz soll ab 1. März 2020 in Kraft treten (PDF, Seite 15).

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Zahlen stimmen, es fehlt aber wichtiger Kontext.

Collage-Sovaldi
Auf Facebook verbreitet ein Nutzer irreführende Behauptungen über ein Medikament gegen Hepatitis C. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Das Medikament Sovaldi gegen Hepatitis C ist teuer. Ein Facebook-Nutzer behauptet, es sei in Indien wesentlich günstiger als in Deutschland – das ist richtig. Doch die Preise, die er angibt, stimmen nicht.

Auf Facebook behauptete ein Nutzer am 20. Oktober, eine Pille, mit der sich die Infektionskrankheit Hepatitis C heilen lasse, koste in Deutschland 100.000 Euro – in Indien aber nur 800 Euro. Der Beitrag wurde mehr als 500 Mal geteilt. 

Unsere Recherche zeigt: Die Darstellung ist irreführend. Die Preise sind außerdem veraltet und somit falsch. 

Der Facebook-Beitrag vom 20. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Auf der Pille auf dem Foto sind die Buchstabe GSI zu sehen. Eine Google-Suche zeigt, dass viele Medien über dieses Medikament berichtet haben, weil es so teuer ist. Der Hersteller heißt Gilead Sciences, die Pille trägt den Namen Sovaldi und bekämpft ein Virus, das Hepatitis C verursacht und die Leber schädigt. Sie wurde 2014 in der EU zugelassen. Eine Therapie dauert 12 oder 24 Wochen, in der Regel in Kombination mit anderen Medikamenten. 

100.000 Euro war laut Medienberichten der Preis für die 24-wöchige Therapie

Die Zeit und Spiegel Online berichteten 2014 über große Empörung über die neue Pille mit dem Wirkstoff Sofosbuvir. Denn sie koste in den USA 1.000 Dollar das Stück – in Deutschland sollten es 700 Euro sein. Das sei der Preis, den die Krankenkassen dafür zahlen müssen. Bei täglicher Einnahme einer Pille kämen in 24 Wochen mit dem deutschen Preis 117.600 Euro zusammen. 

Der Facebook-Beitrag ist irreführend, weil es so wirkt, als sei die Zahl von 100.000 Euro ein Stückpreis. Aus den Medienberichten wird jedoch deutlich, dass sie sich auf den gesamten Zeitraum der Therapie bezieht. 

Zudem ist der Preis nicht mehr aktuell: Im Februar 2015 berichtete der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) in einer Pressemitteilung, man habe sich bei den Verhandlungen mit dem Hersteller Gilead geeinigt. Die Therapie von 12 Wochen koste nun 43.562,52 Euro. Das wäre ein Stückpreis von rund 518,60 Euro pro Pille. Eine Pressemitteilung von der Firma Gilead konnten wir im Netz nicht finden. 

GKV-Spitzenverband: Aktuell vertreibt Gilead die Pille für etwa 416 Euro das Stück

Der Hersteller Gilead habe ein Patent auf den Wirkstoff, schrieb die Organisation Ärzte ohne Grenzen 2018, deshalb seien in vielen Ländern keine kostengünstigen Generika – also Medikamente ohne Markennamen, aber mit demselben Wirkstoff – erhältlich. Eine Beschwerde gegen das Patent beim Europäischen Patentamt scheiterte im September 2018. Ärzte ohne Grenzen und weitere Organisationen gingen gegen die Entscheidung in Berufung, der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. 

Um den aktuellen Preis von Sovaldi herauszufinden, hat CORRECTIV zunächst beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nachgefragt. Eine Pressesprecherin wies uns auf einen Beschluss von 2014 hin, in dem aber nur der alte Preis für eine Therapie von 24 Wochen vermerkt ist: 113.152,56 Euro (Seite 20). 2017 gab der G-BA die Kosten für die Anwendung bei Jugendlichen mit 95.100,72 Euro für 24 Wochen an (Seite 5). Das wären 566,10 Euro pro Pille.  

„Auf Basis der Bewertungsergebnisse des G-BA wurde der Erstattungsbetrag zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem pharmazeutischen Unternehmer verhandelt“, schrieb uns die Sprecherin.

Eine Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbands antwortete uns per E-Mail, die Preisverhandlungen seien vertraulich. Sie könne aber Auskunft aus dem Verzeichnisdienst Lauer-Taxe geben. Demnach vertreibe die Gilead Sciences GmbH „derzeit eine 28-Stück-Packung Sovaldi (mit 400 mg Sofosbuvir je Filmtablette) zu einem Erstattungsbetrag in Höhe von 11.660 Euro je Packung“. Das wäre ein Preis von 416,43 Euro pro Pille – und rund 69.960 Euro für die Therapie von 24 Wochen.

Auszug aus der E-Mail der Pressesprecherin des GKV-Spitzenverband. (Screenshot: CORRECTIV)

Preis in Indien ist niedriger als in Deutschland

Die Sprecherin des GKV-Spitzenverbands schreibt außerdem: „Die Gründe für abweichende Preise in anderen Ländern wie Indien können vielfältig sein, dies kann patentrechtliche Gründe ebenso umfassen wie unterschiedliche Erstattungskonditionen in den jeweiligen Gesundheitssystemen.“

Offenbar kostet die Pille in Indien tatsächlich viel weniger als in den USA oder Europa. Laut einem indischen Medienbericht von 2015 sollte Sovaldi dort 900 Dollar (813 Euro) für eine 12-wöchige Therapie kosten. Das indischen Patentamt verweigerte Gilead Sciences zunächst das Patent, etwas später bekam das Unternehmen es laut Medienberichten dann aber doch

Der Preis von 800 Euro ist jedoch nicht aktuell. Die Suche nach Sovaldi ergibt keinen Treffer in der Datenbank der indischen National Pharmaceutical Pricing Authority, aber der Wirkstoff Sofosbuvir ist verzeichnet. Demnach kostet eine Pille 626,48 Indische Rupien (Stand April 2018). Das entspricht etwa 7,80 Euro. Somit würde eine Therapie über 24 Wochen 1.310,40 Euro kosten – nicht 800 Euro. 

Die Suchabfrage in der Datenbank der National Pharmaceutical Pricing Authority am 19. November 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Dennoch stimmt es, dass die Pille in Indien wesentlich günstiger ist als in Deutschland. Dass in der Datenbank Sofosbuvir und nicht Sovaldi verzeichnet ist, spricht dafür, dass das Medikament in Indien als Generikum erhältlich ist. Dies könnte eine Erklärung sein. 

Auf unsere Presseanfrage, was die Gründe für die Preisunterschiede sind, haben weder Gilead Sciences noch die Abteilung für Arzneimittel beim indischen Ministerium für Chemikalien und Düngemittel bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks reagiert. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der Preis bezieht sich nicht auf eine einzelne Pille sondern auf eine 24-wöchige Therapie. Zudem sind die Preisangaben für Deutschland und Indien stark veraltet.

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100.000 Euro versprach ein Impfgegner 2011 demjenigen, der ihm „eine wissenschaftliche Publikation“ vorlegen könne, in der die Existenz und der Durchmesser des Masern-Virus nachgewiesen werden. (Symbolfoto: Georges Gobet / AFP)

von Alice Echtermann

Vor Jahren schrieb ein Impfgegner eine hohe Belohnung aus für den, der ihm die Existenz des Masern-Virus beweise. Als ein junger Arzt dies tat, zahlte er nicht. Der Fall ging vor Gericht, der Impfgegner gewann. Doch die Gerichte entschieden nicht, dass es kein Virus gibt – im Gegenteil. 

Am 19. November veröffentlichte die Seite Watergate TV einen Artikel mit dem Titel „Masern-Virus ‘existiert nicht’: Dr. Lanka gewinnt Prozess vor dem BGH“. Darin wird behauptet, es sei vor Gericht entschieden worden, dass es das Masern-Virus nicht gibt. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt. 

Es handelt sich um eine Falschmeldung, hinter der eine ältere Geschichte steckt. Die Faktenchecker von Mimikama haben sie bereits im Dezember 2018 recherchiert

Der Artikel von Watergate TV befasst sich mit einem drei Jahre alten Fall (Screenshot: CORRECTIV).

Die Geschichte, die in Gerichtsdokumenten nachzulesen ist, geht so: Ein Biologe und Impfgegner namens Stefan Lanka schrieb 2011 eine Belohnung von 100.000 Euro für denjenigen aus, der ihm mittels einer „wissenschaftlichen Publikation“ die Existenz und Größe des Masern-Virus beweisen könne. Lanka ist unter anderem der Autor eines Buches mit dem Titel „Der Masern-Betrug“.. Ein junger Arzt, David Bardens, schickte Lanka daraufhin sechs Studien zu – doch der zahlte nicht. 

Daraufhin verklagte Bardens Lanka. Im März 2015 urteilte das Landgericht Ravensburg, Lanka müsse die 100.000 Euro zahlen, inklusive Zinsen. Das Gericht hielt die Existenz des Masern-Virus für belegt. Für das Urteil wurde ein Sachverständigengutachten angefertigt, das „im Ergebnis zum Schluss kam, dass zwar nicht ein Artikel für sich genommen für die Beweisführung ausreiche, dass aber die – hinreichend durch adäquate und wissenschaftlich korrekt durchgeführte Experimente belegten – Aussagen der sechs eingereichten Publikationen in ihrer Kombination sowohl die Existenz des Masern-Virus belegten als auch seine spezifische Infektiosität sowie seinen ungefähren Durchmesser zeigten.“ 

Stefan Lanka ging jedoch gegen dieses Urteil in Berufung und gewann im Februar 2016 vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Bardens Klage wurde abgewiesen, er sollte als Kläger die Kosten des Rechtsstreits tragen. Der Fall sorgte auch in den Medien für Aufsehen. 

Bardens erfüllte nicht die formalen Kriterien der Ausschreibung

Der Grund für dieses Urteil ist jedoch nicht, dass das Oberlandesgericht der Ansicht wäre, es gebe das Masern-Virus nicht. Es widerspricht in diesem Punkt dem Landgericht Ravensburg nicht: „Die Beweiswürdigung des Landgerichts dahingehend, dass aufgrund des eingeholten Sachverständigengutachtens bewiesen sei, dass die vom Kläger vorgelegten Publikationen in ihrer Gesamtheit den Nachweis für die Existenz und die Erregereigenschaft des Masernvirus belegten […], ist im Ergebnis nicht zu beanstanden.“ 

Das Kriterium, das Bardens dem Gericht zufolge nicht erfüllt hatte: Er hätte nicht sechs, sondern nur eine einzige „wissenschaftliche Publikation im Sinne einer Originalarbeit“ einreichen dürfen. Außerdem hätte diese Publikation laut Lanka vom Robert-Koch-Institut sein müssen. Laut einem Artikel der Deutschen Apotheker-Zeitung sagte der Richter, die Entscheidung sei eine rein juristische, bezogen auf den Wortlaut der Ausschreibung. 

Bundesgerichtshof hielt sich aus dem Streit heraus

Das Oberlandesgericht ließ im weiteren Verlauf eine Revision nicht zu, weshalb Bardens Beschwerde beim Bundesgerichtshof einlegte. Diese wurde jedoch am 1. Dezember 2016 abgewiesen, wie Pressesprecherin Dietlind Weinland CORRECTIV bestätigte. Diese Entscheidung sei eine reine Formsache gewesen, der Bundesgerichtshof verfahre so mit den allermeisten Beschwerden. Die Ablehnung laute immer gleich: Die Beschwerde werde zurückgewiesen „weil die Rechtssache keine grundsätzliche Bedeutung“ habe, und: „Von einer weiteren Begründung wird abgesehen.“ Der Bundesgerichtshof hat also dem Urteil des Oberlandesgerichtes nichts hinzugefügt und kein eigenes Urteil gefällt.

Die E-Mail der Sprecherin des Bundesgerichtshofs. (Screenshot: CORRECTIV)

Damit hat Stefan Lanka zwar vor Gericht gewonnen, die Klage gegen ihn wurde abgelehnt. Keines der beteiligten Gerichte hat ihm jedoch in der Sache Recht gegeben, dass es kein Masern-Virus gebe. 

Nach Auffassung des Oberlandesgerichts Stuttgart hatte Stefan Lanka nie vor, sich von der Existenz des Virus überzeugen zu lassen. Im Urteil von 2016 steht dazu wörtlich: „Das Preisausschreiben stellt damit einen Teil der vom Beklagten als Gegner der Masernvirusimpfung durchgeführten Kampagne dar. Ihm liegt erkennbar nicht daran, dass seine – ohnehin als unumstößlich dargestellte – Behauptung zur Nichtexistenz des Masernvirus widerlegt wird.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Klage gegen den Impfgegner wurde aus formalen Gründen abgelehnt. Das Urteil belegt nicht, dass es kein Masern-Virus gibt. 

Bienen 5G
Der Artikel, der suggeriert, in einem viralen Video aus Kalifornien seien Bienen wegen 5G-Strahlung gestorben. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Ein virales Youtube-Video suggeriert, Bienen würden in Sierra Madre wegen 5G-Masten in der Nähe sterben. Das ist falsch – es handelt sich dabei weder um 5G-Antennen, noch kann laut Experten der neue Mobilfunkstandard Tieren gefährlich werden.

„Bees dying under 5G poles“ – Bienen sterben unter 5G-Masten. So ist ein Youtube-Video betitelt, das seit 15. Juli bereits mehr als 240.000 Mal angesehen wurde. Hochgeladen hatte es damals ein Nutzer namens Phillip Sites. In dem Handyvideo werden zwei angebliche 5G-Antennen in der kalifornischen Stadt Sierra Madre gezeigt, die sich gegenüberliegen. Dazwischen auf der Straße liegen etliche tote Bienen. Sites sieht dafür nur eine Erklärung: Die mutmaßlichen 5G-Antennen. 

Das Youtube-Video von Philipp Sites. (Screenshot: CORRECTIV)

Nachdem die britische Boulevard-Zeitung Daily Star am 2. August einen Artikel darüber veröffentlichte, griffen zunächst verschiedene englischsprachige Blogs das Thema auf (hier und hier). Im September veröffentlichte auch die deutschsprachige Webseite Altermed Zentrum einen Artikel dazu. Darin wird an mehreren Stellen suggeriert, dass der Tod der Bienen mit 5G-Strahlung zusammenhänge. Mehrfach ist zum Beispiel vom angeblich großen „gesundheitlichen Risiko“ durch 5G zu lesen. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 7.300 Mal auf Facebook geteilt.

Wir haben den Sachverhalt überprüft.

Die Antennen befinden auf dem Parkplatz einer Methodistenkirche in Sierra Madre 

Zunächst haben wir den exakten Standort der Antennen in Sierra Madre verifiziert. Eine Twitter-Suche nach „5G Sierra Madre“ führt zum Tweet eines Nutzers, der schreibt, dass es sich um alte 4G-Antennen nahe der Methodistenkirche in Sierra Madre handele. Über Google Street View suchten wir nach der Methodistenkirche in der Stadt und wurden fündig: Sie befindet sich an der Straßenecke Sierra Madre Boulevard und Michellinda Avenue nahe Pasadena. Die Google-Aufnahmen sind vom April 2019, also wenige Monate bevor Sites sein Youtube-Video hochgeladen hat.

An der Michellinda Avenue finden wir eine Antenne: Sie befindet sich auf dem Parkplatz der Kirche. Das lässt sich anhand des weißen Schildes mit der Aufschrift „FCC“ am „Stamm“  einer der Antennen und den roten Lettern auf dem Gebäude gegenüber erkennen („Animal Hospital“, im Youtube-Video sind die Anfangsbuchstaben „An“ zu sehen):

Indizien für den Standort im Youtube-Video von Philipp Sites: Oben links die erste Antenne, oben rechts ein weißes FCC-Schild, unten links ist im Hintergrund in roten Lettern „An“ zu lesen, unten rechts eine mutmaßlich zweite Antenne. (Screenshots / Markierungen: CORRECTIV)
Aus Google Street View: Die ausgefüllte rote Markierung mittig links im Bild zeigt, von wo aus der Urheber des Videos gefilmt haben muss. Zu sehen sind von dort die erste Antenne, das weiße Schild und die roten Lettern auf der Straßenseite gegenüber aus dem Youtube-Video. In Gänze steht auf dem Schild „Animal Hospital“. (Screenshot / Markierungen: CORRECTIV)

Rathaus: Es gibt keine 5G-Antennen in Sierra Madre

Wir kontaktierten das Rathaus von Sierra Madre zunächst über die nicht verifizierte Facebook-Seite der Stadt. Wir erhielten über eine Direktnachricht die Antwort: „Die Stadt Sierra Madre hat zum aktuellen Zeitpunkt keine 5G-Antennen.“ Diese Antwort hat uns Mitarbeiter Tevin Voong noch einmal per E-Mail bestätigt.

Die E-Mail aus dem Rathaus von Sierra Madre. (Screenshot: CORRECTIV).

Die Behauptung im Youtube-Video, es handele sich um 5G-Antennen, ist demnach falsch, weil es in der Stadt keine gibt. Die Bienen können nicht wegen 5G-Strahlung gestorben sein.

Gesundheitsministerium: Keine wissenschaftlich belastbare Beweise für Gefährdung von Tieren und Pflanzen

Zum Hintergrund: 5G steht für die fünfte Mobilfunkgeneration. Sie benötigt neue, beziehungsweise mehr Funktechnologie als die bisherigen. So soll sie Daten schneller übertragen und weniger Strom verbrauchen. Das wird laut Bundesamt für Strahlenschutz zu einem „deutlichen Ausbau der Sendeanlagen“ führen. Das beunruhigt derzeit offenbar viele Menschen, denn mehr Funksendeanlagen bedeutet in den Augen vieler auch: mehr Strahlung. 

Doch kann diese Bienen oder anderen Tieren wirklich gefährlich werden?

Wir haben beim Bundesgesundheitsministerium nachgefragt. Per E-Mail antwortete Sprecherin Judith Horrichs: „Die von Ihnen beschriebene Darstellung in dem Video kann so nicht mit 5G-Antennen, wie sie hier in Deutschland eingesetzt werden, in Zusammenhang gebracht werden. Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren und Pflanzen durch hochfrequente elektromagnetische Felder unterhalb der Grenzwerte.“ 

Der einzige bekannte und wissenschaftlich nachgewiesene Wirkmechanismus hochfrequenter Felder auf Organismen sei laut Horrichs die Erwärmung infolge von Energieabsorption. Die Intensität der Felder, die von Sendeanlagen ausgehen, reiche aber nicht aus, um eine biologisch wirksame Erwärmung von Lebewesen zu verursachen. 

E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundesamt für Strahlenschutz bestätigt

Das Bundesamt für Strahlenschutz bestätigt die Aussage des Gesundheitsministerium per E-Mail und schreibt: „Dies gilt auch für den neuen Mobilfunkstandard 5G hinsichtlich der bislang in Deutschland versteigerten Frequenzen, da diese Frequenzbereiche vergleichbar sind mit denen, die auch bislang schon für den Mobilfunk genutzt werden.“ In einer Pressemitteilung von 2018 schrieb das Bundesamt zudem: „Wenn die Grenzwerte eingehalten werden, sind nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand keine gesundheitsrelevanten Wirkungen zu erwarten.“

Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt auf seiner Webseite auch weitere Informationen zum Einfluss von Strahlung auf Bienen. Dabei geht es vor allem um die Störung der Orientierung der Tiere. Es werden die Ergebnisse mehrerer Studien zitiert, die zwar teilweise einen Einfluss auf Bienen nahelegen, jedoch oft keine kausalen Schlüsse zuließen.  Elektromagnetische Felder von Basisstationen spielten beim Bienensterben keine Rolle, schreibt das Bundesamt. Es gebe andere Einflussfaktoren: Krankheiten, Parasiten wie die Varroa Milbe und Pestizide, die das Nervensystem von Insekten schädigen. „In Großstädten, die besonders gut mit Mobilfunk versorgt sind, breiten sich Bienen zunehmend aus und gedeihen besser als in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten.“

Zu den Ursachen für Bienensterben zählen laut Bundesamt für Strahlenschutz keine elektromagnetischen Felder. (Screenshot: CORRECTIV)

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5G ist ein Thema der Desinformation 

CORRECTIV.Faktencheck beobachtet schon länger, dass mit dem Thema 5G Stimmung im Netz gemacht wird. Für einen Hintergrund-Bericht haben wir uns mit der Forschungslage beschäftigt. Zusammengefasst: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt weder abschätz- noch belegbar, welche Strahlenbelastung durch die neue Mobilfunktechnologie auf uns wirken könnte. Zudem ist nicht belegt, ob sie gesundheitliche Schäden verursachen könnte. Um sichere Aussagen dazu treffen zu können, müsste die Strahlenbelastung nach dem Ausbau gemessen und erforscht werden

Unsere Bewertung:
Falsch. In Sierra Madre gibt es aktuell keine 5G-Antennen. Laut Experten gibt es zudem keine Belege für einen schädlichen Einfluss von 5G auf Bienen.

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Fluorid ist ein Spurenelement und kommt in Trinkwasser und Salz vor. Aber auch in Zahnpasta. (Symbolbild von Bruno Glätsch auf Pixabay)

von Tania Röttger

Mehrere ähnlich lautende Artikel verbreiten sich auf Facebook, sie behaupten: Fluorid – das oft Zahnpasta und Salz zugesetzt wird – sei offiziell als Neurotoxin klassifiziert worden, als Nervengift also. Die Artikel und Facebook-Beiträge sind allerdings nicht korrekt.

Die Behauptung über Fluorid taucht immer wieder auf. Im April 2018 auf der Webseite Bewusst Vegan Froh: „Fluorid nun offiziell als Neurotoxin im weltführenden Medizinjournal klassifiziert“ (10.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Mai 2018 erschien derselbe Text auf der Webseite Connectiv Events mit dem Titel: „Weltführende Medizinjournale: Fluorid offiziell als Neurotoxin klassifiziert“ (4.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Juni 2019 ein Beitrag der Facebook-Seite „Freiheit der Gedanken“ (mehr als 2.500 Mal auf Facebook geteilt). Als Beleg dient immer eine angebliche Studie, die Fluorid angeblich als Neurotoxin klassifiziert habe.

Wir haben die Behauptungen überprüft – sie stimmen nicht.

Immer wieder tauchen dieselben Behauptungen über Fluorid auf, hier ein Beitrag von Juni. (Screenshot: CORRECTIV)

Was ist das für eine „Studie“?

Die Artikel beziehen sich auf die wissenschaftliche Arbeit „Neurobehavioural effects of developmental toxicity“ (übersetzt: Neurologische Verhaltensstörungen der Entwicklungstoxizität), veröffentlicht in dem Journal The Lancet Neurology im Februar 2014. Autoren sind Philippe Grandjean und Philip Landrigan. Grandjean ist außerordentlicher Professor (englisch: adjunct professor) für Umweltgesundheit der Harvard Universität und Leiter der Forschungseinheit Umweltmedizin an der Universität Süd-Denemark. Landrigan unter anderem Dekan an der Mount Sinai Medical Scool und Direktor des Globalen Gesundheitsprogramms am Boston College.

Die erwähnte Arbeit ist keine Studie, sondern eine sogenannte Review: Ein Artikel, der andere  ausgewählte Studien und Metastudien zusammenfasst. 

Grandjean und Landrigan schreiben selbst nichts von „klassifizieren“, sondern von „dokumentieren“: „Seit 2006 haben epidemiologische Studien sechs weitere entwicklungsbezogene Nervengifte [englisch: neurotoxicants] dokumentiert – […darunter] Fluorid…“

Eine von zwei Stellen in der Review, in der Fluorid direkt mit einer Einschätzung als Nervengift genannt wird. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

In der Studie geht es um fluoridiertes Trinkwasser, nicht um Zahnpasta, wie das Bild des Facebook-Beitrags suggeriert und wie die Texte von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh wortgleich behaupten: „Die Hauptursache… besteht in der Fluoridierung des Leitungswassers… Die zweite Quelle ist die Zahnpasta.“ Doch das Wort Zahnpasta taucht in der Arbeit von Grandjean und Landrigan nirgends auf. 

Tatsächlich kommt Fluorid natürlich in Grundwasser vor, in einigen Ländern wird oder wurde es dem Trinkwasser aber auch beigegeben, zum Beispiel in Teilen der USA, Spaniens oder Großbritanniens. Grund ist in der Regel die Vorbeugung gegen Karies. 

Eine weitere Behauptung von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh ist, „dass fluoridiertes Trinkwasser mit diversen Krebsarten in Verbindung zu bringen ist“. Dafür liefern die Webseiten keine Belege und verweisen auch nicht auf Studien. Zudem kommt Krebs im Zusammenhang mit Fluorid ebenfalls nicht bei Grandjean und Landrigan vor.

Bundesamt für Risikostoffe: Studien über Auswirkungen von Fluorid sind mangelhaft

Es gibt Studien über die mögliche Auswirkung von Fluorid in Trinkwasser. Dabei geht es aber etwa um Schwangere und den IQ ihrer Babys, nicht um Krebs. 

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR), das sich unter anderem mit gesundheitsgefährdenden Stoffen auseinandersetzt, erwähnte in ihrer Antwort auf unsere Anfrage mehrere Studien.

Da ist eine Metastudie aus dem Jahr 2012, Anna Choi, und andere Forscher haben sich dafür verschiedene Studien angesehen, vor allem welche aus China. Choi war zu dem Zeitpunkt Wissenschaftlerin an der Fakultät für das Gesundheitswesen der Universität Harvard. Auch Grandjean und Landigran verweisen auf diese Arbeit. Die beiden schreiben, die Metastudie habe gezeigt, dass bei Kindern, die mit erhöhten Fluorid-Konzentrationen im Trinkwasser aufwachsen, der IQ im Schnitt um sieben Punkte niedriger sei.

An dieser Stelle in der Review geht es um eine Metastudie, die eine negative Wirkung von hohen Fluorid-Konzentrationen auf den IQ von Kindern festgestellt habe. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das BfR bewertet die Studien aber als schlecht: „Gemeinsam ist all diesen Studien, dass ihre Qualität schlecht ist“. 

Auszug der E-Mail vom Bundesamt für Risikobewertung. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer Studie aus Neuseeland von 2015 sei im Gegensatz dazu kein Einfluss von Fluorid, das die Mutter über Trinkwasser aufnahm, auf den Säugling erkennbar gewesen, schreibt das BfR weiter. Und in einer Studie aus Kanada von 2019 konnte ein Einfluss nur auf männlich Nachkommen beobachtet werden. Das Bundesamt schreibt dazu: „Auch bei dieser Studie gibt es weitere Mängel, die eine Interpretation der Daten erschweren.“

Es kommt auf die Dosierung an

Auf die Frage, ob es Warnungen vor Fluorid gebe, antwortet das BfR: „Nein.“ Das Trinkwasser werde nicht fluoridiert und die Menge Fluorid, die aus anderen Quellen aufgenommen werde, etwa aus Zahnpasta, sei „sehr klein“. Dennoch meinte das BfR in einer Stellungnahme vom Mai 2018, dass es an Studien fehle, die die Wirksamkeit von Fluorid im Zusammenhang mit Karies belegen. 

Auch Ulrich Schiffner, Oberarzt am Zentrum für Zahnheilkunde des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, betont, dass es auf die Dosierung ankomme. Er hat sich im Jahr 2016 mit der Review von Grandjean und Landrigan und den daraus folgenden Gerüchten über Fluorid beschäftigt, in einem Artikel auf der Webseite Zahnärztliche Mitteilungen. Darin schrieb er: „Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die aufgeführten Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser die zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen teilweise extrem überschreiten.“ 

Und weiter: „Die in der jüngeren Vergangenheit in einschlägigen Foren vorgebrachten Bedenken, systemische Fluoridaufnahme sei mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern verbunden, sind wissenschaftlich fragwürdig beziehungsweise nicht belegt.“

Per E-Mail schrieb er CORRECTIV dazu: „Meine dort gemachten Ausführungen und Kommentare treffen unverändert zu. Eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen. Die in den Foren zitierten Aussagen treffen nicht zu.“ Kurz: Laut Schiffner sagt die Metastudie gar nichts über Zahnpasta aus. 

Artikel nicht im Journal The Lancet veröffentlicht

Zu den falschen Behauptungen gehört auch die falsche Beschreibung des Journals, in dem der Artikel erschien. Bei Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh steht, der Artikel sei in The Lancet erschienen, das sei „das angesehenste Medizinjournal überhaupt“. Die Artikel versuchen offenbar die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen, indem sie das Journal derart einordnen. 

Allerdings erschien die Metastudie nicht in The Lancet, welches von SJR, einem der Portale, die wissenschaftliche Journale einordnen, im Jahr 2018 auf Platz 32 gesetzt wurde. Sondern in The Lancet Neurology, welches laut dem Ranking von SJR den 53. Platz einnimmt

Empfehlung, von Fluorid fernzubleiben, ist „unsinnig“

Die Artikel von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh schlussfolgern: „Man kann nur dringend raten vor allem in der Schwangerschaft und bei Kindern sorgfältig darauf zu achten, keine Fluoride (…) an oder in den Körper gelangen zu lassen.“

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Wir haben dazu Jan Hengstler kontaktiert, er leitet den Fachbereich Toxikologie am Leibnitz-Institut für Arbeitsforschung. Er hat uns per E-Mail geantwortet:  „Die Empfehlung in Vegan [Bewusst Vegan Froh] ist unsinnig. Fluorid kommt schließlich in Lebensmitteln und im Trinkwasser vor, es ist nicht möglich dieses Spurenelement ‘nicht an sich heranzulassen’. Wissenschaftliche Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen bei üblicher Exposition gibt es nicht.“

Hengstler sieht das Problem aber nicht in der Berichterstattung der Blogs, sondern in den irreführenden Aussagen in dem Artikel von Grandjean und Lindgren. Er schreibt: „Ich würde in diesem Fall es den Autoren in den sozialen Netzwerken nicht zu sehr anlasten (auch wenn diese Berichterstattung sicher sehr unkritisch ist; key statements sind falsch), denn man könnte einwenden, dass die Formulierung in Lancet Neurology zu solchen falschen Interpretationen geradezu einlädt.“

Bekanntes Thema

Die Gerüchte über Fluorid kursieren schon länger im Netz. Im Dezember 2017 veröffentlichte Stiftung Warentest einen Text, in dem Irrtümer über Fluorid aufgeklärt wurden, denn: „gerade im Internet wird über den Wirkstoff kontrovers diskutiert“, so die Redaktion in der Einleitung.

Auch Focus Online nahm sich des Themas an: Im September 2016 erschien dort ein Artikel mit dem irreführenden Titel: „Giftiges Fluorid? So gefährlich ist der Stoff in der Zahnpasta wirklich“. Das Fazit klang dann sehr nüchtern: „Für den Zusammenhang von Krankheitsrisiken und Fluorid fehlen belastbare Nachweise“. Und bereits 2014 schrieb die Berliner Zeitung: „Keine Angst vor Fluorid: Die Zahnpasta-Verschwörungstheorie“. 

Und in den USA erscheinen ebenfalls immer wieder Artikel, die mit Verweis auf den Grandjean-Aufsatz behaupten, Fluorid sei als Neurotoxin klassifiziert worden. Darüber berichtete zum Beispiel das US-Faktencheck-Portal Snopes im April 2018.

Unsere Bewertung:
Falsch. Fluorid wurde nicht als Neurotoxin klassifiziert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Fluorid in Zahnpasta oder die Konzentration, in der es natürlicherweise im deutschen Trinkwasser vorkommt, gesundheitsschädlich ist.

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Impfstoffe in Deutschland enthalten nach Angaben des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts kein Quecksilber. (Symbolfoto: Hyttalo Souza / Unsplash)

von Alice Echtermann

Ein Artikel behauptet, Grippe-Impfungen enthielten Quecksilber in giftigen Mengen und führt damit in die Irre. In den USA wird teilweise eine Art Quecksilber als Konservierungsmittel eingesetzt, es gilt aber in so geringen Mengen als unbedenklich. In Deutschland enthalten normale Grippe-Impfstoffe kein Quecksilber.

Die Seite Unsere Natur behauptet in einem Artikel vom 4. Oktober, in Grippe-Impfstoffen sei 25.000 Mal mehr Quecksilber enthalten, als im Trinkwasser erlaubt sei. Als angeblichen Beweis bezieht der Text sich auf einen Impfstoff in den USA namens FluLaval: „In Impfstoffampullen des britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline fanden sich mehr als 51 Teile pro Million (ppm) Quecksilber, das ist 25.000 Mal mehr als die von der US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) für das Trinkwasser festgelegte Obergrenze.“

Unsere Natur behauptet weiter, dies sei zuvor nicht bekannt gewesen, da „Aufsichtsbehörden des Landes“ bisher selbst keine Sicherheitstests durchgeführt hätten. Somit würden sich weltweit jedes Jahr „Millionen Menschen“ unwissend „giftiges Metall“ spritzen lassen, „schwangere Frauen, kleine Kinder und ältere Menschen“ würden dazu sogar ermuntert. 

 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mindestens 7.000 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. 

Eine Form von Quecksilber dient teilweise als Konservierungsmittel in Impfstoffen

Tatsächlich kann eine Form von Quecksilber in Grippe-Impfstoffen enthalten sein. Es handelt sich um den Stoff Thiomersal, der Ethyl-Quecksilber enthält. Er wird als Konservierungsmittel eingesetzt, um das Wachstum von Bakterien zu verhindern.

Die Food and Drug Administration (FDA), die Lebens- und Arzneimittelbehörde in den USA, hat den Beipackzettel des Grippe-Impfstoffes FluLaval veröffentlicht. Auf diesen verweist auch Unsere Natur. In dem Beipackzettel steht, dass Thiomersal (Englisch: thimerosal) nur in Behältern mit mehreren Dosen Impfstoff enthalten sei. Also in Flaschen, aus denen mehrere Personen geimpft werden. Im Gegensatz dazu enthielten die Einzel-Spritzen kein Quecksilber: „The prefilled syringe is formulated without preservatives and does not contain thimerosal. Each 0.5-mL dose from the multi-dose vial contains 50 mcg thimerosal (<25 mcg mercury) […].“ (Deutsch: Die vorgefüllte Spritze wird ohne Konservierungsmittel angemischt und enthält kein Thiomersal. Jede 0,5-ml-Dosis von der Multi-Dosis-Phiole enthält 50 Mikrogramm Thiomersal (< 25 Mikrogramm Quecksilber)). 

Die Grenze für Quecksilber im Trinkwasser in den USA bezieht sich auf „inorganic mercury“ (anorganisches Quecksilber) und liegt laut der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency bei 0,002 Milligramm pro Liter. Also zwei Mikrogramm pro Liter. So kommt der angeblich 25.000 Mal höhere Wert für Impfstoffe zustande, den der Artikel von Unsere Natur nennt: Ein Liter des Impfstoffes FluLaval enthält laut dem Beipackzettel theoretisch 50.000 Mikrogramm Quecksilber; das ist 25.000 Mal mehr als der Grenzwert für Trinkwasser in den USA. 

Allerdings ist dieser Bezug stark irreführend, denn bei den Wasser-Grenzwerten ist anorganisches Quecksilber gemeint – eine ganz andere Form, als die, die in Impfstoffen enthalten sein kann. Bei Impfstoffen wird organisches Quecksilber eingesetzt, genauer gesagt Ethyl-Quecksilber. (PDF, Seite 1 und 2). 

Was ist der Unterschied der Quecksilber-Arten?

Thiomersal oder Ethyl-Quecksilber ist laut dem Paul-Ehrlich-Institut, das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist, und dem Robert-Koch-Institut in geringen Dosen unbedenklich. Es sei jahrelang als Konservierungsmittel in Impfstoffen eingesetzt worden. Ethyl-Quecksilber wird laut WHO vom Körper wesentlich schneller abgebaut als Methyl-Quecksilber. 

Vor Methyl-Quecksilber warnen unter anderem die US-Umweltbehörde EPA und das deutsche Umweltbundesamt. Es gelange vor allem über Fische in die Nahrungskette. Es entsteht aus anorganischem Quecksilber, das im Wasser durch Mikroorganismen in organisches Methyl-Quecksilber umgewandelt wird. 

Die US-amerikanische Food and Drug Administration schreibt, Ethyl-Quecksilber müsse von Methyl-Quecksilber unterschieden werden. „Methyl-Quecksilber ist die Art von Quecksilber, die in bestimmten Fischarten gefunden wird. Bei hoher Konzentration kann es für Menschen giftig sein. In den Vereinigten Staaten halten staatlichen Richtlinien Methyl-Quecksilber so weit es geht aus Umwelt und Nahrungsmitteln heraus, aber innerhalb eines Lebens ist jeder einer gewissen Menge ausgesetzt.“

Die Menge von 25 Mikrogramm Ethyl-Quecksilber, die in Grippe-Impfstoffen in den USA enthalten sein kann, entspricht laut FDA ungefähr der Menge Quecksilber, die in einer Dose mit etwa 85 Gramm Thunfisch enthalten sein könne. 

Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber 

Das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite, Pharmahersteller hätten auf die Debatte um Quecksilber in Impfstoffen reagiert: „Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar.“ 

Aktuell seien alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe frei von Thiomersal, teilte uns auch eine Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Susanne Stöcker, per E-Mail mit. Eine Ausnahme gebe es nur für Grippe-Impfstoffe in Mehrdosenbehältnissen, die aber nur im Falle einer Grippe-Pandemie eingesetzt würden und nicht bei den normalen Impfungen. Die normalen Impfungen würden mit Fertigspritzen durchgeführt, die eine einzige Dosis Impfstoff enthalten und somit nur einmal verwendet werden.  

Auszug aus der E-Mail der Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

FluLaval sei weder in Deutschland noch zentral von der EU zugelassen, so Stöcker. In einer Liste der aktuellen saisonalen Grippe-Impfstoffe des Paul-Ehrlich-Instituts wird FluLaval nicht genannt. Von der Firma GlaxoSmithKline sind nur zwei Impfstoffe dabei: Influsplit Tetra und Fluarix. In den offiziellen Dokumenten dazu, die jeweils auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts verlinkt werden, findet sich kein Hinweis auf Thiomersal. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. In Deutschland zugelassene, normale Grippe-Impfstoffe enthalten kein Quecksilber. Eine Ausnahme gibt es nur für Impfstoffe im Falle einer Pandemie. In den USA wird Quecksilber ebenfalls nur in Behältern für mehrere Impfungen hinzugefügt. Die Menge gilt als unbedenklich.

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Fötales Kälberserum ist ein wichtiger Bestandteil von Zellkulturen. Es wird aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen. (Symbolfoto: Zdeněk Chalupský / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Beitrag geteilt, in dem über das sogenannte Kälberserum aufgeklärt wird. Die meisten Angaben stimmen, doch bei der wesentlichen Frage, ob Tiere dafür leiden müssen, stehen Aussagen von Produzenten gegen die von Wissenschaftlern und Tierschützern. 

Ein Bild, das innerhalb von drei Wochen mehr als 2.700 Mal auf Facebook geteilt wurde, zeigt einen Kälberfötus, der auf einer blauen Plastikfläche liegt. In dem Text dazu geht es um sogenanntes Fötales Kälberserum (FKS) – Serum, das aus dem Blut von Kälberföten gewonnen wird, nachdem die Muttertiere geschlachtet wurden. Der Fötus werde herausgeschnitten, und lebe noch, während ihm das Blut abgenommen werde.

Mehrere Facebooknutzer reichten den Beitrag der Facebook-Seite „Schule des Lebens“ als potenzielle Falschmeldung ein. CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch, dass die Angaben in dem Text weitgehend korrekt sind. Allerdings kommt es in Deutschland nach Aussage mehrerer Quellen nicht zur Blutentnahme bei Kälberföten. Unbelegt ist auch, ob es in anderen Ländern Praxis ist, dass die Föten in den Schlachthöfen tatsächlich noch leben, während ihnen Blut abgenommen wird. 

Der Text des Facebook-Beitrags von „Schule des Lebens“ (Screenshot: CORRECTIV)
Das Foto zu dem Facebook-Beitrag zeigt einen Kälberfötus. (Screenshot: CORRECTIV)

Vorweg: Das Foto, mit dem der Facebook-Text illustriert wurde, hat mit der Entnahme von Kälberserum nichts zu tun. Es stammt aus einem TV-Beitrag von Report-Mainz aus dem Jahr 2015; unten links im Foto ist noch das Logo der Sendung Report Mainz zu erkennen. In dem Bericht ging es um einen Schlachthof in Wilhelmshaven. Dort wurden damals noch schwangere Kühe geschlachtet. Deren ungeborene Kälber erstickten nach der Schlachtung im Mutterleib. Das Foto zeigt eines von ihnen. Seit 2017 ist es in Deutschland gesetzlich verboten, Kühe im letzten Drittel der Schwangerschaft zu schlachten. 

Für ganz Europa schätzte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2015, dass bei der Schlachtung etwa drei Prozent der Milchkühe und 1,5 Prozent der Fleischrinder schwanger seien. 

Die Quelle des Fotos auf Facebook ist ein Beitrag von Report-Mainz von 2015 über einen deutschen Schlachthof. Das Bild hat jedoch nichts mit Fötalem Kälberserum zu tun. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Facebookbeitrag werden verschiedene Aussagen über Fötales Kälberserum getroffen: 

  • Es sei ein wichtiger Grundstoff für Medizin und Forschung.
  • Das Blut des ungeborenen Kalbes werde mittels einer Spritze abgenommen, die ins noch schlagende Herz ohne Betäubung gestochen werde. 
  • Das Serum könne mehr als „15,00 Euro pro Liter“ kosten. 
  • Der weltweite Jahresbedarf liege schätzungsweise bei etwa 800.000 Litern Kälberserum. Dafür müssten pro Jahr ein bis zwei Millionen ungeborene Kälber sterben.
  • Das Kälberserum sei „ein Hauptbestandteil“ von Nährlösungen, die „zur Aufzucht und Kultivierung von Zellen in der Zellkulturen benötigt werden“. Es werde in der Forschung und zur Herstellung von Medikamenten benötigt.

Ja, das Blut wird von Rinderföten gewonnen

Richtig ist: Fötales Kälberserum (Fetal Bovine Serum, abgekürzt FBS oder deutsch FKS) wird aus dem Blut von ungeborenen Kühen gewonnen und in der Zellforschung verwendet. In einem Video der European Serum Products Association, veröffentlicht im Mai 2019 auf dem Youtube-Kanal der französischen Firma Biowest, die Kälberserum produziert, heißt es unter anderem, das Serum werde für Impfstoffe für Menschen und Tiere benötigt, für Zell- und Gentherapie sowie Immuntherapie. 

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Berichte dazu. Mehrere große Firmen verkaufen das Serum, auch in Deutschland und Europa. Neben Biowest zum Beispiel auch der internationale Konzern Thermofisher, der mehrere Standorte in Deutschland hat. Auf den Internetauftritten der European Serum Product Association (ESPA) und der International Serum Industry Association wird aus Sicht der Produzenten über das Thema informiert. 

Informationsvideo über Fötales Kälberserum von der European Serum Products Association, veröffentlicht 2019 auf dem Youtube-Kanal der Firma Biowest. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein häufig zitierter Wissenschaftler auf dem Gebiet ist Jan van der Valk, Biomediziner an der Tiermedizinischen Fakultät der Universität Utrecht. 2017 veröffentlichte er mit zahlreichen weiteren Autoren einen Bericht mit dem Titel „Konsensbericht: Fötales Kälberserum – Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“. Das Papier entstand bei einem internationalen Workshop über das Serum und seine Alternativen unter der Leitung von Gerhard Gstraunthaler (Universität Innsbruck) und Jan van der Valk. Ausgerichtet wurde er von der Stiftung zur Förderung der Erforschung von Methoden zur Einschränkung von Tierversuchen.

Wofür wird das Serum verwendet?

Fötales Kälberserum wurde laut dem Bericht (PDF, Seite 2) in den späten 50er-Jahren eingeführt, um Zellwachstum in Zell- und Gewebekulturen zu fördern. Es wurde anschließend zur „universalen Ergänzung für menschliche und tierische Zellkulturen in Forschung, Biotechnologie und der Herstellung pharmazeutischer Produkte“. Serum-Produzenten geben an, dass Zellen „in vitro“, also in künstlichem Umfeld, ohne den Zusatz von Serum nicht gut wachsen. Obwohl es andere Serum-Quellen gebe, zum Beispiel das Blut von anderen Tierarten oder neugeborenen Kälbern, sei Serum von ungeborenen Kälbern am weitesten verbreitet, da es unter anderem sehr wenige Antikörper enthalte, heißt es in dem Workshop-Abschlussbericht. 

Die Wissenschaftler argumentieren, dass es inzwischen Alternativen zu Kälberserum gibt, die nicht von Tieren gewonnen werden. Neben dem Bericht gibt es weitere Forschungsarbeiten zu serumfreien Zellkulturen – zum Beispiel von Daniel Brunner und weiteren Autoren (2009) oder Gerhard Gstraunthaler (2003).

Leben die Föten, wenn ihnen das Blut abgenommen wird?

Die wichtigste Frage, die durch den Facebook-Beitrag aufgeworfen wird, ist die, ob die Föten noch leben, wenn ihnen Blut abgenommen wird. 

Dazu gibt es widersprüchliche Darstellungen. Die International Serum Industry Association und die European Serum Products Association verweisen auf ihren Webseiten auf einen Bericht, der im Januar 2019 im Bioprocessing Journal veröffentlicht wurde. Darin wird behauptet, es handele sich bei der Annahme, die Föten würden bei der Prozedur noch leben, um einen verbreiteten Irrtum. Allerdings sind die Autoren, Ole Bødtker Nielsen and Percy W. Hawkes, nicht unabhängig. Es handelt sich bei Nielsen um den Chef des französischen Serum-Produzenten Biowest, und bei Hawkes laut den Fußnoten des Artikels um einen langjährigen Berater dieser Firma. 

Auszug aus dem Artikel aus dem Bioprocessing Journal, Januar 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

In ihrem Artikel schreiben Nielsen und Hawkes, in der Praxis werde das Blut erst entnommen, wenn der Fötus nach der Schlachtung der Kuh im Uterus erstickt sei. Das dauere etwa 15 bis 20 Minuten. Sollte es dazu kommen, dass ein Fötus noch lebe, wenn er aus dem Uterus geschnitten wird, werde er sofort betäubt und getötet und erst danach sein Blut entnommen. 

Auch der Serum-Produzent Biowest versichert auf seiner Homepage, das Blut werde erst nach dem Tod der Tiere entnommen. Zudem würden alle Standards zum Tierschutz gemäß „OIE Animal Health Code Chapter 7.5 Slaughter of Animals“ eingehalten. In diesen Richtlinien der World Organization for Animal Health steht ebenfalls, der Fötus solle im Mutterleib bleiben, bis er stirbt. Sollten Zweifel daran bestehen, ob das Tier noch bei Bewusstsein ist, solle es getötet werden. 

Auszug aus den Richtlinien der World Organization for Animal Health, bezüglich der Schlachtung von Tieren. (Screenshot: CORRECTIV)

Tierschützer zweifeln an Versicherungen der Produzenten

„Da es keine gesetzliche Regulierung gibt, lassen sich Aussagen einzelner Serumproduzenten weder verifizieren noch auf sämtliche Produzenten verallgemeinern“, so Tilo Weber, Referent für Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund, in einer E-Mail an CORRECTIV. Er ist auch einer der Experten, die an dem Workshop mit Jan van der Valk teilgenommen haben. „Leider gibt es keine rechtlich verbindlichen Vorgaben, wie viel Zeit bis zur Blutentnahme vergehen muss, ebenso wenig wie es keine Vorschriften gibt, dass die Föten getötet oder zumindest betäubt werden müssen.“ 

Jan van der Valk habe erst in diesem Jahr eine Blutentnahme beobachtet, schreibt Weber weiter. Er habe „uns bestätigt, dass die Kälberföten vor der Blutentnahme weder betäubt noch getötet wurden“. Van der Valk bestätigte CORRECTIV gegenüber, Zeuge einer solchen Prozedur in den Niederlanden gewesen zu sein. In einem Artikel im Laborjournal vom 15. Juli 2019 schreibt Gerhard Gstraunthaler von der Medizinischen Universität Innsbruck zudem, die meisten Serumlieferanten befänden sich in Ländern „mit einem sehr viel geringeren Bewusstsein und niedrigeren Standards in Hinblick auf das Tierwohl und den Tierschutz“ als in der EU. 

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Der Deutsche Tierschutzbund bezeichnet die Blutentnahme für das Serum als „grausam“ und fordert, „dass fötales Kälberserum nicht mehr verwendet wird und durch serumfreie Alternativen ersetzt wird.“ Ganz ähnlich steht es auch auf der Webseite der Organisation Ärzte gegen Tierversuche. Auch die Wissenschaftler und Experten um Jan van der Valk schreiben in ihrem Workshop-Abschlussbericht, dass das Blut mit einer Spritze aus dem schlagenden Herzen entnommen werde; der Fötus sei also noch am Leben (PDF, Seite 2). Dabei zitieren sie Quellen aus den Jahren 2002 bis 2005. 

Die Grausamkeit der Prozedur ist unter Wissenschaftlern und Tierschützern also Konsens. In dem Artikel im Laborjournal von Gstraunthaler heißt es: „Die Entnahme des fetalen Kälberserums ist mit Schmerzen und Stress für die Rinderföten verbunden. Dies führt regelmäßig zu ethischen Debatten.“ Gstraunthaler entwickelte laut des Artikels mit seinen Mitarbeitern ein „Thrombozyten-Lysat, das fetales Kälberserum ersetzen kann“.

Leiden die Föten bei dem Prozess?

Über die Frage, ob die Föten Schmerzen spüren können, wird ebenfalls gestritten. In einem Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA von 2017 heißt es, das „wahrscheinlichste Szenario“ sei, dass Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft neurophysisch nicht in der Lage seien, Schmerzen zu empfinden. Im selben Bericht steht aber auch, es gebe eine – wenn auch geringere – Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere leiden könnten, weshalb Maßnahmen zur Betäubung und Tötung des Fötus getroffen werden müssten.

Auszug aus den Schlussfolgerungen der EFSA zum Schmerzempfinden von Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft eines Nutztieres. (Screenshot: CORRECTIV)

Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland und Europa zur Schlachtung von Tieren im letzten Drittel der Schwangerschaft wurden mit der Begründung eingeführt, es sei nicht völlig auszuschließen, dass die Föten Schmerzen erleiden. Die EU-Richtlinie von 2010 regelt den Schutz von Tieren, die für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Darin heißt es, es gebe „wissenschaftliche Belege dafür (…), dass diese im letzten Drittel des Zeitraums ihrer Entwicklung einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Schmerzen, Leiden und Ängste zu empfinden (…).“

Die Theorie, dass das Gehirn eines Fötus erst durch Sauerstoffzufuhr „eingeschaltet“ werde, sei nicht bewiesen, sagt Tilo Weber vom Deutschen Tierschutzbund. Seine Organisation fordere zumindest von Serum-Produzenten in Europa einen Nachweis, dass die Tiere tot sind, bevor ihnen Blut abgenommen wird. Es handele sich dabei derzeit um eine rechtliche Grauzone. Deshalb müsse zuerst auf EU-Ebene ein „verbindlicher Rechtsrahmen zum Schutz der Kälber“ geschaffen werden, an dem sich dann Genehmigungsbehörden orientieren könnten.

Jährliche Menge des produzierten Serums ist unklar

In dem Facebook-Beitrag werden auch einige Zahlen zur Nutzung von Fötalem Kälberserum genannt. So heißt es darin, dass angeblich jedes Jahr weltweit zwischen einer bis zwei Millionen ungeborenen Kälbern 800.000 Liter Serum entnommen werden. Das Experten-Team um Jan van der Valk geht in dem Bericht von 2017 von 800.000 Litern und zwei Millionen Föten aus (PDF, Seite 2) – allerdings beziehen die Wissenschaftler sich dabei auf ältere Quellen, wie einen Bericht von 2009. Darin wiederum ist die Rede von 500.000 Litern Serum und einer Million Tiere (Seite 2) – und als Quelle wird sich auf Studien von 1999 und 2002 bezogen. 

Eine öffentlich zugängliche Primärquelle für die Zahlen konnte CORRECTIV nicht finden, lediglich einen Bericht des Spiegel von 1993. Darin ist die Rede von einem jährlichen Bedarf von 500.000 Litern und der Nutzung von zwei Millionen Rinderföten weltweit. 

Presseanfragen von CORRECTIV an die International Serum Industry Association und die European Serum Products Association nach neueren Zahlen blieben unbeantwortet. Auf der Webseite der ESPA steht, das Angebot an Serum gehe immer weiter zurück, unter anderem weil immer seltener schwangere Kühe geschlachtet würden. 

Auszug aus den FAQ der European Serum Products Association. (Screenshot: CORRECTIV)

Jan van der Valk selbst antwortete auf eine Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, genaue Daten zu bekommen sei „unmöglich“, da die Serumindustrie sehr verschwiegen sei und Schlachthöfe in mehr als 30 Ländern beteiligt seien. Für einen Liter Kälberserum benötige man schätzungsweise drei bis vier Föten. Er verweist auch auf eine Faktensammlung des Peta International Science Consortium; darin heißt es, es würden jährlich 600.000 Liter Serum produziert, wofür bis zu 1,8 Millionen Föten verwendet würden.

Bei der Angabe zum Preis von Fötalem Kälberserum, die von „Schule des Lebens“ gemacht wird, ist unklar, was mit „15.00 pro Liter“ gemeint ist. Plausibel wären 1.500 Euro. Bei dem Standard-Produkt aus den USA auf der Webseite von Thermofisher sollen 50 Milliliter zum Beispiel 67,25 Euro kosten. Das wäre ein Liter-Preis von 1.345 Euro. Spezielles Serum, zum Beispiel mit niedrigerem Risiko für Viren wie BSE (Rinderwahn), liegt bei über 200 Euro für 100 Milliliter, also 2.000 Euro pro Liter.

Woher stammt das Serum?

Herkunftsländer des Serums sind nach Angaben der Konzerne Thermofisher und Biowest die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Brasilien, Mexiko, Chile und einige Länder in Europa, wie Irland, die Niederlande, Polen, Frankreich und Dänemark. Deutschland wird nirgends als Herkunftsland für Fötales Kälberserum genannt. 

Ein Sprecher des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Däuble teilt CORRECTIV per E-Mail mit: „Nach unserem Ministerium vorliegenden Informationen wird in Deutschland kein fetales Kälberserum gewonnen. Zum Einsatz kommt es vor allem im Bereich der Forschung.“ Dieselben Aussagen hat CORRECTIV auch vom Deutschen Tierschutzbund bekommen. 

Update (30. Juli 2019): Am 30. Juli erreichte uns per Mail die Antwort der European Serum Products Association (ESPA) auf unsere Presseanfrage. Darin erklärt Generalsekretär Dirk Dobbelaere, die Anzahl von 800.000 Litern Serum pro Jahr sei der geschätzte Durchschnitt, bei dem die Serumindustrie gemeinhin übereinstimme. Die Produktionsmenge unterliege aber Schwankungen. Zudem betonte Dobbelaere, es würden nicht extra schwangere Kühe für das Serum geschlachtet; das Serum sei lediglich ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Die Föten stürben durch die Schlachtung, anschließend werde ihnen das Blut entnommen. Das sei besser, als wenn sie zu „Abfall“ würden. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Fötales Kälberserum wird von ungeborenen Kühen gewonnen und in der medizinischen Forschung genutzt. Nicht völlig geklärt ist, ob die Tiere bei der Blutentnahme immer noch leben.