Gesundheit

Falsche Details in Bericht über neue Behandlungsmethode für Brustkrebs

Ein Artikel der Webseite „Mutter Natur“ berichtet von einer neuen Behandlungsmethode für Brustkrebs. Ohne Chemotherapie würden bösartige Tumore innerhalb von nur elf Tagen zerstört. Stimmt das? CORRECTIV hat bei Experten nachgefragt.

von Simon Wörz

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In Deutschland wird die Methode zur Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs bereits in der Praxis angewandt (Symbolbild: Marcelo Leal/Unsplash)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Die Studie gibt es. Sie hat aber nur die Behandlung bei HER2-positiven Brustkrebs untersucht. Nebenwirkungen sind möglich.

Die Webseite Mutter Natur veröffentlichte am 26. September 2018 einen Artikel mit dem Titel „Nachricht des Tages: Wissenschaftler zerstörten Brustkrebs-Tumore in 11 Tagen ohne Chemo!“. In dem Text wird behauptet, dass der britische Wissenschaftler Nigel Bundred eine Behandlungsmethode für „einige Arten von Brustkrebs“ entdeckt habe, die für das komplette Verschwinden der Krebszellen oder zumindest eine Verkleinerung des Tumors sorge. Eine Chemotherapie oder ein operativer Eingriff seien dafür nicht nötig.

Am 5. März 2019 teilte die Facebook-Seite „Mutter Natur“ den Link zu dem Artikel. Der Post wurde bis heute 642 Mal geteilt.

Der Artikel wurde auf Facebook hundertfach geteilt. (Screenshot CORRECTIV)

Britische Forscher haben die Methode in einer Studie untersucht

Auf Nachfrage von CORRECTIV zu der Authentizität des Artikels verweist Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft auf die sogenannte EPHOS-B-Studie: „Die Studie hat gezeigt, dass Frauen mit HER2-positiven Tumoren präoperativ unter Lapatinib und Trastuzumab eine schnellere und umfangreichere Remission haben als mit Trastuzumab alleine, so Mugele. Auf diese Studie bezieht sich offenbar auch Mutter Natur, ohne jedoch den Namen der Studie zu nennen oder darauf zu verlinken.

Die EPHOS-B-Studie wurde in Großbritannien durchgeführt und das erste Mal bei der Europäischen Brustkrebskonferenz im März 2016 in Amsterdam vorgestellt. Auf der Webseite der European Cancer Organisation (ECCO) gibt es dazu eine Pressemitteilung.

Forscher: weitere Bestätigung der Ergebnisse notwendig

Professorin Judith Bliss, leitende Forscherin des Institute of Cancer Research, London, das die Studie mit leitete, wird darin folgendermaßen zitiert. „Diese Ergebnisse zeigen, dass wir einen frühen Hinweis auf eine pathologische Reaktion innerhalb von elf Tagen, in Abwesenheit einer Chemotherapie, bei diesen Patienten auf Kombinationsbehandlung erhalten können. Die meisten bisherigen Studien haben sich erst nach mehrmonatiger Behandlung mit dem pathologischen Ansprechen beschäftigt.“

Weiter betont Bliss in der Pressemitteilung: „Diese Ergebnisse bedürfen eindeutig weiterer Bestätigung, aber ich vermute, die Begeisterung darüber, wie schnell die Tumore verschwinden, wird dazu führen, dass mehrere Studien versuchen werden, diese Ergebnisse zu bestätigen.“ Britische Medien wie The Guardian und The Telegraph berichteten über die Ergebnisse der Studie.

Pressemitteilung der European Cancer Organisation (ECCO) (Screenshot CORRECTIV)

Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen

Im Artikel von Mutter Natur wird behauptet, mit der Methode würden die Nebenwirkungen einer Chemotherapie wie Haarausfall, Erbrechen und Müdigkeit vermieden „wodurch die Behandlung weniger auf den Körper wirkt“. Stimmt das?

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft: Eine Therapie mit zielgerichteten Medikamenten wie Lapatinib oder Trastuzumab, vor allem in Kombination, haben eine Reihe von möglichen Nebenwirkungen und ‘ohne Chemo’ bedeutet nicht automatisch auch ‘ohne Nebenwirkungen’“.

Nebenwirkungen seien vor allem Schäden am Herzen, toxische Wirkung im Magen-Darm-Trakt und in der Leber, Hautausschlag, Polyneuropathie.

Die Behauptung im Text von Mutter Natur, die Behandlung wirke weniger auf den Körper, ist also pauschal nicht richtig.

Die Antwort von  Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft. (Screenshot CORRECTIV)

Behandlung nur bei HER2-positiven Brustkrebs

Die beschriebene Art der Behandlung wurde in der Studie nur für Frauen mit HER2-positiven Brustkrebs untersucht. Auch Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft, betont, „Es geht hier nur um die Behandlung von Frauen mit HER2-positiven Brustkrebs, also nicht für alle Frauen mit Brustkrebs“. Die im Artikel geäußerte Aussage, die Behandlungsmethode würde einige Arten von Brustkrebs zerstören, ist demnach nicht korrekt.

Außerdem betonte die Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft: „Es gibt keine ‘One-fits-all’ – Lösung, vielmehr muss die Behandlung  individuell auf die Charakteristika der jeweiligen Patientin abgestimmt werden. Es kommt immer auf die genaue Tumorbiologie, die Vorbehandlungen und auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Patientin an.

Die Behandlung wird in Deutschland bereits in der Praxis eingesetzt

In Deutschland wird die Methode zur Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs bereits in der Praxis angewandt, so Eva-Maria Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen, auf Nachfrage von CORRECTIV. Die Methode werde bei bereits vorbehandelten Patienten angewandt, wenn Trastuzumab +/- Pertuzumab als doppelte Antikörper-Blockade nicht mehr wirksam ist oder Kadcyla nicht ausreicht.

Die Antwort von Prof. Dr. Eva-Maria Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen. (Screenshot CORRECTIV)

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Falsch: Herceptin ist auch ohne Chemotherapie zugelassen

Im letzten Abschnitt des Artikels von Mutter Natur steht: Das Problem ist derzeit jedoch, dass die Herceptin-Lizenzierung nur für den Einsatz neben der Chemotherapie erlaubt ist und nicht zur Verwendung alleine.“ Diese Aussage ist falsch.

Eine falsche Passage aus dem Artikel von „Mutter Natur “ (Screenshot CORRECTIV)

Herceptin ist auch in Kombination mit einem Aromatasehemmer zugelassen“,  betont Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen. Diese Aromata blockieren die Produktion von Östrogen. Die Europäische Kommission erteilte 2007 die Zulassung für diese Kombination.