Faktencheck

Corona: Nein, die Fallzahlen steigen nicht nur, weil mehr getestet wird

Im Netz kursiert immer wieder die Behauptung, es gebe nur mehr Corona-Fälle, weil mehr getestet werde. Diese Aussage kann so pauschal nicht getroffen werden. Es gibt sogar Wochen, in denen weniger getestet wurde, und dennoch mehr Fälle laborbestätigt wurden.

von Kathrin Wesolowski

mufid-majnun-oI20ehIGNd4-unsplash
Immer wieder kursiert die Behauptung im Netz, es gebe nur steigende Corona-Fallzahlen, da mehr getestet werde. Dabei fehlt aber wichtiger Kontext. (Symbolbild: Unsplash / Mufid Majnun)
Behauptung
Es gebe mehr Corona-Fälle, weil mehr getestet werde.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Der aktuelle Anstieg der Corona-Fallzahlen lässt sich nicht allein mit mehr Tests erklären.

„Klar gibt es mehr Corona-Fälle, da mehr getestet wird“, steht auf einem Bild auf Facebook, das Mitte November veröffentlicht und bereits mehr als 1.100 Mal geteilt wurde. Die Behauptung soll die Pandemie relativieren und zeigen, dass die Zahlen der positiv getesteten Menschen in Deutschland nur steigen, da mehr Menschen getestet werden. 

Die Behauptung ist für sich genommen nicht vollkommen falsch. Ihr fehlt jedoch wichtiger Kontext – denn der aktuelle Anstieg der Fallzahlen in Deutschland lässt sich nicht allein durch mehr Tests erklären. 

Mehr Tests bedeuten nicht pauschal mehr Corona-Fälle. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Testen ist essentieller Bestandteil der Pandemie-Bekämpfung und Grundlage für eine Unterbrechung von Infektionsketten und für einen Schutz vor Überlastung des Gesundheitssystems, erklärt das Robert-Koch-Institut (RKI). Wenn mehr Tests durchgeführt würden, könne dies zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte erkannt werden, schreibt das RKI über die Nationale Teststrategie (unter Punkt 2). 


„Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die beobachteten steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären“, schreibt das RKI. Um das zu verstehen, ist der Kontext wichtig.

Positivenquote steigt teilweise, obwohl weniger getestet wird

In Deutschland wurden laut RKI bisher 1.006.394 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet (Stand 27. November 2020). In den vergangenen Wochen beschleunigte sich der Anstieg der Fallzahlen insgesamt. Vergleicht man beispielsweise die täglich gemeldeten Zahlen der Neuinfizierten vom 25. November (18.633 neu gemeldete Fälle) mit dem 25. August (1.278 neue Fälle), ist dieses Wachstum erkennbar. 

Aktuell übermitteln 255 Labore (PDF, Seite 10) in Deutschland die Testergebnisse an das RKI. Jeden Mittwoch veröffentlicht das RKI in seinem Situationsbericht, wie viele Tests in den jeweiligen Kalenderwochen durchgeführt wurden. Der aktuelle Bericht (Stand 24. November, PDF Seite 10) zeigt beispielsweise, dass in der 47. Kalenderwoche 1.350.270 Tests durchgeführt wurden, von denen 126.852 (9,4 Prozent) positiv waren. In der 34. Kalenderwoche (Ende August) waren beispielsweise 987.423 Tests durchgeführt worden, und nur 0,88 Prozent davon fielen positiv aus. 

Die Positivenquote liefert einen Anhaltspunkt dafür, dass die Zahlen nicht nur deshalb steigen, weil mehr getestet wird. (Quelle: RKI. Screenshot: CORRECTIV)

Die Positivenquote ist ein Anhaltspunkt dafür, dass sich die Zahlen nicht nur deshalb steigen, weil mehr getestet wird. Ein Beispiel: In der 47. Kalenderwoche ist die Quote positiver Tests mit 9,4 Prozent im Vergleich zu den vorangegangenen Wochen gestiegen – obwohl weniger getestet wurde. In der Woche zuvor waren nämlich 1.389.381 Tests durchgeführt worden. Davon waren neun Prozent positiv. Das RKI weist gleichzeitig darauf hin, „dass die Zahl der Tests nicht mit der Zahl der getesteten Personen gleichzusetzen ist“. Denn in den Angaben können auch Mehrfachtestungen von Patienten enthalten sein. 

Es kommt auf die Teststrategie an

Auch die Positivenquote lässt jedoch keine eindeutigen Schlüsse zu, denn es kommt immer darauf an, wer getestet wird. Je ungezielter die Tests eingesetzt würden, also je mehr Menschen ohne Symptome und ohne Kontakt zu Infizierten getestet würden, desto niedriger würde die Quote ausfallen.

„Dass die Zahl der Tests einen gewissen Einfluss auf die Zahl der positiven Fälle hat, ist unstrittig“, schrieb uns eine Sprecherin des RKI auf unsere Anfrage per E-Mail. Die Anzahl der nachgewiesenen SARS-CoV-2 Infektionen hänge aber generell nicht nur von der Anzahl der durchgeführten Tests ab, sondern auch vom Vorkommen dieser Infektionen in der Bevölkerung und der Teststrategie. 

Diese Strategie wird an die jeweilige epidemiologische Lage angepasst, zuletzt am 11. November, und kann auch einen Einfluss auf eine Veränderung der Anzahl laborbestätigter Coronafälle haben. Da die geänderten Testkriterien nun aber auch schon eine gewisse Zeit veröffentlicht seien, dürfte sich der Einfluss in Grenzen halten, schrieb uns die Sprecherin. 

Das RKI empfiehlt aktuell, weniger Tests durchzuführen 

Insgesamt empfiehlt das RKI aktuell sogar, weniger zu testen, um die Institutionen, die Tests durchführen – also beispielsweise Arztpraxen und Krankenhäuser, sowie die Labore – zu entlasten. „Es ist vor dem Hintergrund der derzeit begrenzten Testkapazitäten und der Häufigkeit von Erkältungskrankheiten in den Wintermonaten nicht möglich, alle Covid-19-Erkrankungen in Deutschland durch Tests zu bestätigen“, schreibt das RKI auf seiner Webseite. Menschen mit leichten Symptomen sollten sich daher zunächst ohne Test in eine freiwillige fünftägige Quarantäne begeben und erst nach weiteren 48 Stunden ohne Symptome die Isolation beenden. 

Das RKI empfiehlt, aktuell nur Menschen zu testen, die unter anderem ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, klinische Symptome wie Husten, Fieber oder eine Störung des Geruchs- bzw. Geschmackssinns aufweisen oder direkten Kontakt zu einem Infizierten hatten.

Um Testkapazitäten zu sparen, empfiehlt das RKI nur Menschen zu testen, die aufgeführte Kriterien erfüllen. (Quelle: RKI. Screenshot: CORRECTIV).

Fazit

Mehr Tests bedeuten, dass mehr Infektionen entdeckt werden. Damit lässt sich jedoch nicht pauschal der aktuelle Anstieg der Fallzahlen erklären. Alles deutet darauf hin, dass es tatsächlich einen Anstieg der Infektionen in den vergangenen Wochen gibt. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt aktuell sogar, weniger zu testen, um die Überlastung der Testzentren und Labore zu verringern.

Redigatur: Uschi Jonas, Alice Echtermann

Die wichtigsten öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • „Nationale Teststrategie – wer wird in Deutschland auf das Vorliegen einer SARS-CoV-2 Infektion getestet?“ veröffentlicht vom Robert-Koch-Institut (Link)
  • Erfassung der SARS-CoV-2-Testzahlen in Deutschland (Link)

Fakten für die Demokratie.

Fakten sind die Grundlage informierter Entscheidungen in unserer Demokratie. Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten und damit womöglich Geschäfte zu machen. Einseitige oder falsche Informationen kreieren verzerrte Weltbilder. Als Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern wirkt CORRECTIV.Faktencheck dem entgegen und deckt Falschinformationen und Halbwahrheiten auf.

Unser Ziel ist aufzuklären, wie gezielte Falschmeldungen erkannt und eingedämmt werden. Wir stellen uns mit Fakten gegen Spaltung und wollen mit unserer Arbeit den Dialog ermöglichen. Das ist nicht immer leicht –
Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion innerhalb des gemeinnützigen Recherchezentrums. CORRECTIV steht für investigativen Journalismus. Wir bringen systematische Missstände ans Licht und stärken eine demokratische und offene Zivilgesellschaft. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie uns mit einer Spende!


Was ist Fake? Was ist Fakt?
Es wird immer wichtiger, zuverlässige Quellen erkennen zu können und seriöse Informationen einzuordnen. Das Programm unserer Online-Akademie richtet sich an Schülerinnen und Schüler, sowie deren Lehrer. Deutschlandweit werden Journalisten an Schulen vermittelt, um im Unterricht die Medienkompetenz zu stärken. Mit Online-Workshops und zugehörigem Unterrichtsmaterial können die Themen auch selbstständig erarbeitet werden.