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Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Flüchtlinge dürfen ihre Zweitfrauen nicht mittels Ehegattennachzug nach Deutschland holen

Bildschirmfoto 2019-03-29 um 17.08.28
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Facebook-Post mit falschen Behauptungen (Screenshot CORRECTIV)

von Simon Wörz

Ein Nutzer veröffentlichte auf Facebook ein Foto, welches behauptet, dass Syrer ihre Zweitfrauen nach Deutschland holen dürfen. Die Bildmontage wurde 2500 Mal geteilt. CORRECTIV hat recherchiert, ob die Aussage stimmt.

Am 20. März teilte ein Nutzer auf Facebook eine Bildmontage, die behauptet, syrische Flüchtlinge dürften ihre Zweitfrauen nach Deutschland nachholen. Auf dem Bild sind vier Frauen mit Kopftüchern und ein Mann mit muslimischer Gebetsmütze zu sehen. In der oberen Bildhälfte steht: „Merkeldeutschland 2018: Schariagemässe Vielweiberei. Syrer dürfen ihre Zweitfrauen nachholen!“ Darunter prangt der Satz: „Deutschland ist eine einzige Realsatire!“

Die auf Facebook verbreitete Bildmontage (Screenshot CORRECTIV)

Diskussion über vermeintliche Härtefall-Entscheidungen

Im Januar 2018 berichtete die Welt von zwei Syrern in Schleswig-Holstein, die ihre Zweitfrauen mittels Familiennachzug nachgeholt hätten. Das Hamburger Abendblatt titelte dazu: „Behörde erlaubt: Syrer dürfen Zweitfrauen nachholen. Dem Bericht zufolge, habe die Ausländerbehörde Elmshorn im betroffenen Landkreis Pinneberg diesen Umstand bestätigt und auf eine Einzelfallprüfung verwiesen, die den Nachzug von Zweitfrauen im Härtefall möglich mache.

Wenige Wochen später veröffentlichte der Kreis Pinneberg eine Pressemitteilung, welche den Sachverhalt richtig stellte und die Auskunft der Ausländerbehörde korrigierte: „Irrtümlich wurde mitgeteilt, dass diese Fälle durch eine sogenannte Familienzusammenführung auf Grundlage einer Härtefallentscheidung mit dem Einverständnis der Ausländerbehörde des Kreises Pinneberg entstanden sind.“

Die offizielle Erklärung des Landkreises zu den beiden Fällen in Pinneberg (Screenshot CORRECTIV)

Pinnebergs Landrat Oliver Stolz (parteilos) äußerte sich ebenfalls in der Pressemitteilung: „Leider ist auch durch Presseauskünfte aus meinem Haus insofern ein falscher Eindruck entstanden, dass der Kreis Pinneberg hier positive Stellungnahmen für einen Familiennachzug abgegeben hat.

Das Aufenthaltsgesetz verbietet den Nachzug von weiteren Eheleuten

Basierend auf dem Fall und der Berichterstattung stellte die AfD-Bundestagsfraktion Anfang des Jahres 2018 eine kleine Anfrage zu der Sache. Die Antwort der Bundesregierung lautete: Die Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für einen Zweit- oder weiteren Ehegatten im Rahmen des Ehegattennachzugs ist über § 30 Absatz 4 AufenthG ausdrücklich gesetzlich ausgeschlossen. Auch in den von der Zeitung „DIE WELT“ vom 3. Februar 2018 zitierten Fallgestaltungen erfolgte die Einreise der Zweitehefrau nicht auf der Grundlage des Ehegattennachzuges i. S. v. §30 AufenthG.“

Ausschnitt aus der  Antwort der Bundesregierung auf die kleine AfD-Anfrage  (Screenshot CORRECTIV)

Im deutschen Aufenthaltsgesetz §30, Absatz 4, heißt es über den Ehegattennachzug: „Ist ein Ausländer gleichzeitig mit mehreren Ehegatten verheiratet und lebt er gemeinsam mit einem Ehegatten im Bundesgebiet, wird keinem weiteren Ehegatten eine Aufenthaltserlaubnis […] erteilt.Dementsprechend ist die auf Facebook geäußerte Behauptung falsch.

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Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der Nachzug mehrerer Ehepartner ist gesetzlich verboten. Die im Kreis Pinneberg lebenden Syrer haben ihre Zweitfrauen nicht mittels Ehegattennachzug nachgeholt. Den Familienmitgliedern wurde unabhängig vom Ehestatus Asyl gewährt.

Bewertung: unbelegt

„Sea-Watch 3“: Keine Belege dafür, dass „Panorama“-Dokumentation „inszeniert“ war

sea-watch titelbild
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Ein Ausschnitt aus der „Panorama“-Dokumentation, der die Rettung der ursprünglich 53 Migranten und Flüchtenden aus einem Schlauchboot zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Die Webseite „Journalistenwatch“ spekuliert, die Rettungsaktion der „Sea-Watch 3“ sei inszeniert gewesen. Geteilt wurde der Artikel unter anderem vom ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten – obwohl es keine Belege dafür gibt. Stattdessen sprechen zahlreiche Indizien für die Darstellungen von Sea-Watch und Panorama.

War die Seenotrettung flüchtender Menschen durch die „Sea-Watch 3“ nichts als eine „riesige Medienshow“? Das zumindest fragt die Webseite Journalistenwatch in einem Artikel vom 14. Juli. „Was sich hier abzeichnet, ist ein ungeheuerlicher Skandal. Handelte es sich bei der ganzen Fahrt der Sea-Watch bis hin zur Verhaftung der Kapitänin etwa um nichts weiter als ein geniales Propagandastück? Immer mehr deutet zumindest darauf hin“, leitet die Webseite in den Text ein. 

Der Beitrag von „Journalistenwatch“. (Screenshot: CORRECTIV)

Rückschauend, so schreibt Journalistenwatch weiter, gleiche die Aktion einer „Inszenierung“ mit dem „von vornherein geplanten Ziel, um jeden Preis auf Konfrontation mit den italienischen Behörden zu gehen“. Schließlich werden noch weitere Fragen aufgeworfen; zum Beispiel ob die Flüchtenden „extra für die Reportage aufs Meer gebracht“ wurden und wieso „erst jetzt“ bekannt werde, dass ein deutsches Fernsehteam an Bord war.

Auszug aus dem Artikel von „Journalistenwatch“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Artikel wurde laut dem Analyse-Tool Crowdtangle bisher mehr als 750 Mal auf Facebook geteilt und auf Twitter unter anderem vom ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen verbreitet. Der hat seinen Tweet mittlerweile wieder gelöscht

Der Text von Journalistenwatch erschien im selben Wortlaut auf der Webseite „Telegra.ph“, als Autor wird hier Daniel Matissek angegeben. Diese Version wurde mehr als 14.900 Mal auf Facebook geteilt, unter anderem vom AfD-Bundestagsabgeordneten Thomas Seitz.

Hans-Georg Maaßens Tweet zum Artikel von „Journalistenwatch“. (Screenshot: Ruprecht Polenz auf Twitter)

Wie begründet Journalistenwatch die Spekulationen?

Hintergrund ist eine rund 20-minütige Dokumentation der ARD-Sendung Panorama über die letzte Mission der „Sea-Watch 3“, an deren Ende die Kapitänin Carola Rackete in Italien festgenommen wurde. Zwei Reporter des TV-Magazins waren laut Panorama vom 9. Juni, als das Schiff den Hafen in Sizilien verlassen habe, bis 29. Juni, als es in Lampedusa an Land ging, an Bord. 

Im Panorama-Beitrag ist zu sehen, wie das Suchflugzeug „Colibri“ der französischen Organisation „Pilotes Volontaires“ per Funk Informationen zum Standort von Flüchtenden an die „Sea-Watch 3“ durchgibt. Kurz darauf birgt die „Sea-Watch 3” zunächst 53 Flüchtende aus einem Schlauchboot, darunter auch ein Baby. Später ist zu sehen, wie Rackete ein Telefonat mit einer italienischen Rettungsleitstelle führt und darum bittet, dass die Menschen abgeholt werden. Es wird gezeigt, wie italienische Polizisten Rackete eine Warnung des italienischen Innenministers Matteo Salvini überbringen und wie Behörden ihr später sagen, es zeichne sich „eine Lösung“ ab. Die Doku endet mit der Festnahme Racketes 17 Tagen nach der Aufnahme der Flüchtenden.

Carola Rackete beim Unterzeichnen eines Schreibens von Italiens Innenminister Matteo Salvini. (Screenshot: CORRECTIV)

Journalistenwatch suggeriert, der Hilferuf und die Rettung der Flüchtenden seien kein Zufall gewesen, sondern für den Fernsehbeitrag inszeniert. Der Artikel liefert für solche Spekulationen jedoch keine Quellen oder mögliche Belege, die über das im Panorama-Beitrag Gezeigte hinausgehen. Wer hinter einer solchen Inszenierung stecken könnte, wird offen gelassen. 

Panorama reagiert auf Kritik – Journalistenwatch stellt falsche Behauptung zum Einlaufen in Lampedusa auf

In einem Beitrag vom 14. Juli reagiert Panorama unter anderem auf die Behauptung, es sei „erst jetzt ans Licht gekommen, dass ein deutsches Fernsehteam an Bord war“. Das stimme nicht; die beiden Reporter hätten schon vor dem Einlaufen der „Sea-Watch 3“ auf Lampedusa in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni von Bord berichtet. Tatsächlich gab es etwa in der Tagesschau vom 26., 27. und 28. Juni Beiträge von Bord, am 6. Juli berichtete eine Reporterin außerdem bei NDR Info rückblickend über ihre Erlebnisse, wie Panorama CORRECTIV auf Nachfrage mitteilte.

Zur Frage, ob die Flüchtenden extra für die Reportage aufs Meer gebracht wurden, sagt Panorama-Redaktionsleiter Volker Steinhoff CORRECTIV am Telefon: „Umgekehrt macht das Sinn: Natürlich sind unsere Reporter für eine mögliche Dokumentation auch deshalb an Bord gegangen, weil man statistisch geradezu davon ausgehen kann, dass man im Mittelmeer auf Menschen stößt, die Rettung brauchen.“ 

In einem Bericht des UN-Flüchtlingskommissars zur Lage im Mittelmeer heißt es unter anderem, 2018 seien in Italien 23.400 Flüchtende über das Mittelmeer angekommen – das sind im Schnitt 64 Menschen am Tag, die zuvor auf dieser Route auf hoher See waren. Die Chance, auf dieser Route Menschen in Seenot anzutreffen, ist demnach hoch, das gilt auch für den Tag der Bergung der 53 Menschen durch die „Sea-Watch 3“ am 12. Juni.

Suchflugzeug informierte die Behörden

José Benavente, Pilot des Suchflugzeugs „Colibri“, das in diesem Tag über das Mittelmeer flog, teilt CORRECTIV per Whatsapp mit: „Wir sind am Morgen des 12. Juni, wie wir es immer tun, nach einem strengen Protokoll vorgegangen. Wir haben die Behörden informiert und zusätzlich Schiffe in nächster Umgebung. In diesem Fall war die ‘Sea-Watch 3’ als das einzige Schiff im Areal.“

In der Panorama-Doku wird ebenfalls kurz erwähnt, die „Sea-Watch 3“ sei an diesem Tag das einzige Rettungsschiff auf dem Mittelmeer gewesen. Das stimmt, wie sich Daten der Plattform „Marine Traffic“ entnehmen lässt (kostenpflichtig). CORRECTIV hat damit verglichen, wo sich am 12. Juni zwischen 9 und 10 Uhr – der ungefähre Zeitpunkt des Notrufs – verschiedene bekannte Rettungsschiffe aufhielten. Es ist so zu sehen, dass die „Sea-Watch 3“ das einzige Schiff in dem Areal ist, wo Sea-Watch die Menschen laut eigenen Angaben anschließend bergen konnte, nämlich 47 Seemeilen von der libyschen Stadt Zawyya entfernt.

Wo sich die anderen bekannten zivilen Rettungsschiffe zum ungefähren Zeitpunkt des Notrufs durch die „Colibri“ befanden, zeigt die Plattform „Marine Traffic“. Die „Sea-Watch 3“ ist die gelbe Markierung nahe Tripolis. In diesem Areal war die „Sea-Watch 3“ zum Zeitpunkt des Notrufs das einzige Rettungsschiff. (Screenshot: CORRECTIV)

Das deckt sich mit einem internen Monitoring der Organisation „SOS Mediterranee“ vom 5. bis 12. Juni, das CORRECTIV vorliegt und den Status der verschiedenen Rettungsschiffe zeigt: 

Aus einem internen Monitoring von „SOS Mediterranee“ über den Status verschiedener Rettungsschiffe. (Screenshot: CORRECTIV)

Im zeitlichen Verlauf vom Morgen des 12. Juni bis zum Mittag des 14. Juni ist anhand „Marine Traffic“ außerdem zu sehen, wie die „Sea-Watch 3“ nach dem ungefähren Zeitpunkt des Notrufs den Kurs nach Norden ändert und erst nach einer Schleife am 13. Juni Lampedusa ansteuert. In dieser Zeit gab es laut der Panorama-Doku mehrere Kontaktversuche der „Sea-Watch 3“ mit verschiedenen Behörden.

Die Route der „Sea-Watch 3“ vom Morgen des 12. Juni um 6 Uhr bis zum 14. Juni um 12 Uhr. Der Startpunkt ist unten ganz links. (Quelle: „Marine Traffic“ / Screenshot: CORRECTIV)
Größerer Ausschnitt der Route der „Sea-Watch 3“. Der rote Pfeil zeigt auf den Zeitraum des Notrufs (etwa 10 Uhr), die „Sea-Watch 3“ änderte ihren Kurs nach Norden. (Quelle: „Marine Traffic“ / Screenshot: CORRECTIV)

Dafür, dass die Dokumentation von Panorama „inszeniert“ war, lassen sich keine Belege finden – dagegen sprechen allerdings die Aussage des Piloten der „Colibri“, der auch die Behörden informierte, und die Tatsache, dass die „Sea-Watch 3“ ihren Kurs nach dem Notruf änderte. Hilfsorganisationen wie „Sea-Watch“ nehmen für solche Dokus zudem regelmäßig Medienteams mit an Bord, auch 2015 schon etwa Reporter des WDR oder der ARD. Auch der Filmemacher Till Egen war in diesem Jahr laut eines Artikels der Berliner Morgenpost an Bord der „Sea-Watch 3“.

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Im Artikel von Journalistenwatch hingegen finden sich neben den Spekulationen auch falsche Behauptungen. So schreibt die Webseite etwa, Rackete hätte mit dem Einlaufen in den Hafen von Lampedusa eine „verbotswidrige Rambo-Hafeneinfahrt“ unternommen. Das stimmt so nicht: Laut des Urteils des italienischen Landgerichts Agrigent vom 2. Juli 2019, das auch CORRECTIV vorliegt, hat Rackete nach internationalem Recht gehandelt. Das Gericht stützte die Einschätzung der Kapitänin, dass in diesem Fall nur Italien als nächster und sicherer Hafen in Frage gekommen sei.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass die Doku von „Panorama“ über die Rettung von Flüchtenden inszeniert war.

Bewertung: falsch

Nein, dieses Foto zeigt keinen Flüchtling von der „Sea-Watch 3“

Bildschirmfoto 2019-07-10 um 14.34.03
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Dieses Foto wird in verschiedenen Kontexten verwendet, um Flüchtlinge und Migranten in ein falsches Licht zu stellen. (Quelle: Michael Smith News; Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Seit Jahren kursiert im Netz ein Foto eines muskulösen Mannes, mit dem Stimmung gegen Geflüchtete gemacht wird. In einer aktuellen Version wird eine falsche Verbindung zur „Sea-Watch 3“ gezogen. 

Auf Facebook werden verschiedene Fotos der Geretteten von Bord der „Sea-Watch 3“ verbreitet, die kürzlich unter Kapitänin Carola Rackete im Hafen von Lampedusa anlegte. Oft sind die Fotos echt, aber aus dem Kontext gerissen, wie CORRECTIV in einem anderen Faktencheck bereits gezeigt hat. Ein anderes Bild, das jetzt kursiert, zeigt jedoch definitiv keinen der Menschen von Bord der „Sea-Watch 3“. 

Es handelt sich um ein Meme, das seit Jahren im Netz auffindbar ist und verwendet wird, um gegen Flüchtlinge und Migranten Stimmung zu machen. Es zeigt einen sehr muskulösen, tätowierten Mann mit finsterem Gesichtsausdruck. In der der aktuellen Version auf Facebook steht darüber: „Hier ist einer der traumatisieren erschöpfen Flüchtlinge von der Sea-Watch 3, persönlich betreut und gepflegt von Kapitänin Carola Rackete.“ 

Der Facebook-Beitrag vom 9. Juli 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto stammt aus Australien, wie internationale Medien wie Medium, Vice und die Faktenchecker von Snopes bereits vor Jahren dargelegt haben. Das Foto und weitere von durchtrainierten Männern, die offenbar am selben Ort entstanden, wurden zum Beispiel verwendet mit der Behauptung, sie zeigten syrische Flüchtlinge bei der Ankunft in den USA 2015. Das aktuelle Bild kursierte zudem laut Vice mit englischem Text auf Facebook-Seiten wie „Pegida UK“, also in Großbritannien. In diesen älteren Versionen steht über dem Foto zum Beispiel auf Englisch „Wir haben gehört in England bekommen wir kostenlose Steroide“ und „Sei kein Rassist und lass mich rein“. 

Darstellungen des Memes in einem Artikel von Vice vom September 2015. (Screenshot: CORRECTIV)
Eine weitere Version des Memes, ebenfalls im Artikel von Vice von 2015. (Screenshot: CORRECTIV)

Die verschiedenen Faktenchecks verweisen bereits auf die Quelle des Bildes: Ein Blog namens „Michael Smith News“ aus Australien. Michael Smith ist ein ehemaliger Radiomoderator, der laut Medienberichten in der Vergangenheit mit kontroversen Aussagen über den Islam aufgefallen ist. In einem seiner Artikel von 2013 sind mehrere Fotos zu sehen. Sie zeigen der Beschreibung zufolge Menschen bei der Ankunft auf Christmas Island, der Weihnachtsinsel im Pazifischen Ozean, die zu Australien gehört. Die Fotos seien von einem „Patrioten“ namens Shaz gemacht worden. 

Die Menschen in den blauen Overalls tragen auf ihrer Kleidung die Aufschrift „Customs and Border Protection“. Zudem ist ein Teil eines Logos zu sehen. Die australische Grenzschutzbehörde hieß zu der Zeit „Customs and Border Protection“ und wurde Medienberichten zufolge 2015 umbenannt. Heute nennt sich die Behörde „Australian Border Force“. Ihr Logo ist jedoch sehr ähnlich geblieben. 

Die Uniformen der Personen auf den Fotos tragen eine alte Bezeichnung der australischen Grenzschutzbehörde, Das Logo hat sich nicht verändert. (Screenshots und Collage: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto zeigt keinen der Menschen von Bord der „Sea-Watch 3“. Es stammt aus Australien. 

Bewertung: falsch

Keine „Lügenpresse“: Mutmaßliche Vergewaltiger auf Mallorca haben die deutsche Staatsbürgerschaft

Bildschirmfoto 2019-07-09 um 15.51.20
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Die Seite „PI-News“ verwendet zum Beispiel ein Foto der spanischen Zeitung „Ultima Hora“, das die Festnahme der Verdächtigen zeigt, und behauptet, es handelte sich um „türkische Vergewaltiger“. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In mehreren Artikeln wird behauptet, die vier Verdächtigen, die eine junge Frau auf Mallorca vergewaltigt haben sollen, seien keine Deutschen. Medien hätten „gelogen“, als sie diese so bezeichneten. Das ist falsch. 

Haben deutsche Medien bei der Nationalität der Verdächtigen, die auf Mallorca der Vergewaltigung beschuldigt werden, gelogen? Am vergangenen Donnerstag, 4. Juli, waren vier junge Männer am Flughafen auf Mallorca festgenommen worden, nachdem eine 18-jährige Deutsche Anzeige erstattet hatte. Medienberichten vom Montag zufolge wurde für zwei Verdächtige Untersuchungshaft angeordnet, die anderen beiden seien wieder auf freiem Fuß. Die Tat soll sich in der Nacht auf Donnerstag in Cala Rajada ereignet haben. Zahlreiche deutsche Medien berichteten über den Fall und schrieben von „deutschen Urlaubern“, die festgenommen worden seien. 

Wenig später kursierten Fotos der Verdächtigen in den sozialen Netzwerken, und die Behauptung, es handele sich bei den vier Männern nicht um Deutsche. „Lügenpresse macht aus türkischen Tätern ‘deutsche Urlauber’“, titeln die Webseiten PI-News und Anonymousnews. Und das Magazin Compact-Online veröffentlicht einen Artikel mit dem Titel: „Massenvergewaltigung auf Mallorca – Deutsche Presse jubelt: Es waren „DEUTSCHE“! Richtig ist: Es waren TÜRKEN!“ Der Artikel von Compact-Online wurde auf Facebook mehr als 1.500 Mal geteilt, der von PI-News mehr als 2000 Mal. 

Rassistische Kommentare zu Fotos der Verdächtigen

Anonymousnews schreibt zudem im Artikel: „Was die Gesinnungspresse allerdings unterschlägt, weil sie entweder des Spanischen nicht mächtig ist oder vielmehr ihre Leser auf politisch korrektem Kurs zu halten sucht: Bei den Tätern handelt es sich um Türken, lediglich wohnhaft in Deutschland.“ 

Auf Facebook kursieren zudem zahlreiche, tausendfach geteilte Fotos der Verdächtigen, die unter anderem von der Bild veröffentlicht worden waren. Die Verbreiter in sozialen Netzwerken deuten an, es könne sich bei den Abgebildeten nicht um Deutsche handeln. Darunter kommentieren Nutzer zum Beispiel: „Also so sehen heute typisch Deutsche aus?“ oder „Wirft ein schlechtes Licht auf die wirklichen Deutschen“.  

Ein Beitrag auf Facebook vom 6. Juni, in dem angezweifelt wird, dass es sich bei den Verdächtigen um Deutsche handelt. (Screenshot: CORRECTIV)

Fest steht: Wer einen deutschen Pass besitzt, ist Deutscher und wird auch in Medien- und Polizeiberichten so bezeichnet. Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Verdächtige oder Täter nach ihrer Nationalität. Ausländer, die lediglich in Deutschland wohnen, werden als Nichtdeutsche geführt.

CORRECTIV hat geprüft, ob es sich bei den Verdächtigen um deutsche Staatsbürger handelt. 

Die erwähnten Medienberichte beziehen sich als Quelle auf die spanischen Medien Diario de Mallorca und Ultima Hora. Dort ist ebenfalls die Rede von deutschen Touristen, allerdings wird von türkischem Migrationshintergrund gesprochen. Diario de Mallorca schreibt: „Los sospechosos son alemanes de origen turco“ (auf Deutsch: Die Verdächtigen sind Deutsche mit türkischen Wurzeln), und Ultima Hora berichtet von „jóvenes turcoalemanes“ (junge Deutschtürken). In den Kommentaren unter dem Artikel fragen Leser, was dieser Begriff bedeuten solle; es handele sich doch um „Türken mit deutschem Pass“. Ein anderer schreibt: „Sie sind Türken. Keine Deutschen!“ 

Überschrift und Bild des Artikel von „Ultima Hora“. Auch darin ist von „jungen Deutschen“ die Rede. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben bei der spanischen Polizei Guardia Civil nachgefragt, welche Nationalität die vier festgenommenen Verdächtigen haben. Die Antwort der Pressestelle lautet: „Die vier Verhafteten in dem Fall, auf den Sie sich beziehen, haben die deutsche Nationalität, mit türkischen Wurzeln.“

Die Antwort der Pressestelle der Guardia Civil auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Bewertung: Falsch. Deutsche Medien haben nicht gelogen, als sie die vier Männer als „Deutsche“ bezeichneten. Die Verdächtigen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. 

Bewertung: völlig falsch

Dieser Brief von der angeblichen Organisation „Aktion Familie & Kind“ ist eine Fälschung

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Der gefälschte Brief kursiert seit 2016 im Internet. (Screenshot: CORRECTIV)

von Hüdaverdi Güngör

Seit Jahren kursiert auf Facebook ein Brief, der von „Aktion Familie & Kind“ stammen soll. Demnach habe die Organisation beschlossen, nur Flüchtlingskinder und ihre Eltern auf eine Reise mitzunehmen. Bei dem Brief handelt es sich um eine Fälschung.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte bereits am 24. Mai 2017 einen Brief, der von „Aktion Familie & Kind“ stammen soll. Der Brief wurde in den vergangen Tagen wieder vermehrt auf Facebook geteilt. Aus dem Brief geht hervor, dass die Reisekosten für „afghanische und syrische Flüchtlingskinder und deren Familien“ vollständig „durch einen staatlichen Förderfond“ übernommen werden sollen, deutsche Kinder würden wiederum als störend empfunden werden. Über dem Brief wird auf schwarzem Hintergrund und weißer Schrift eine unvollständige Passage aus dem Brief zitiert: „Deutsche Kinder werden mit ihren Familien werden aufgrund der kulturellen Unterschiede in diesem Zusammenhang als störend empfunden.“ Anschließend folgt der Kommentar: „GEHTS NOCH ???“ Wir haben uns den Brief näher angesehen.

Bereits in den Kommentaren wird auf die Fälschung hingewiesen. (Screenshot: CORRECTIV)

Brief kursiert seit 2016 im Netz

Der Brief ist datiert auf den 5. Oktober 2016, der Name und die Adresse des Empfängers sind geschwärzt. Lediglich der Name und die Kontaktdaten des angeblichen Absenders sind auf dem Brief zu erkennen. Demnach stammt der Brief von der Organisation „Aktion Familie und Kind“. Eine Google-Suche bringt allerdings keine Treffer für eine solche Organisation.

Wir haben den Brief durch die Google-Bilder-Rückwärtssuche laufen lassen. Neben vielen Treffern auf Pinterest stößt man auch auf einen Artikel des österreichischen Faktencheck-Vereins Mimikama. Auch in den Kommentaren weist ein Facebook-Nutzer auf einen am 29. August 2017 veröffentlichten Faktencheck von Mimikama hin.

Die Organisation „Aktion Kind & Familie“ gibt es nicht 

Wir haben haben die Kontaktdaten des angeblichen Absenders überprüft. Laut Briefkopf soll die Organisation ihren Sitz auf der Keibelstraße 36 in Berlin haben. Tatsächlich sind laut Google an dieser Adresse mehrere Firmen und eine Polizeistation gemeldet. Die Organisation „Aktion Familie & Kinde“ ist dort jedoch nicht zu finden.

Die Ergebnisse der Goolge-Suche. An der Adresse sind mehrere Firmen gemeldet. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Kreis schließt sich, wenn man mehr über die im Briefkopf angegebene Nummer herausfinden möchte. Laut Google-Suche gehört sie zum „Polizei Berufsinformationszentrum“, das seinen Sitz an der gleichen Straße hat. Wir haben die Nummer überprüft und landeten bei einem Anrufbeantworter der Polizei. Bei dem Brief handelt es sich somit um eine Fälschung.

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Die Nummern sind identisch. Links: die Nummer aus dem Brief, rechts: die Nummer der dort ansässigen Polizei. (Screenshot und Collage: CORRECTV)
Unsere Bewertung:
Bei dem Brief handelt sich um eine Fälschung. Die Organisation, die den den gefälschten Brief abgeschickt haben soll, existiert nicht.

Bewertung: größtenteils richtig

Was der Dalai Lama über Migration und Zuwanderung in Europa sagt

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Der Dalai Lama während eines BBC-Interviews mit der entsprechenden Passage. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Artikel wird behauptet, der Dalai Lama habe vor „zu vielen Migranten“ gewarnt. Europa dürfe kein „muslimisches oder afrikanisches“ Land werden. Das stimmt größtenteils.

Die österreichische Webseite Wochenblick schreibt in einem Artikel vom 30. Juni „Dalai Lama warnt vor zu vielen Migranten: Europa darf nicht muslimisch oder afrikanisch werden“. Als Quelle dafür wird ein Interview des BBC mit dem Dalai Lama vom 27. Juni angegeben. Ähnlich habe sich der Dalai Lama schon einmal geäußert, im September 2018 bei einer Veranstaltung im schwedischen Malmö.

Der Artikel der Webseite „Wochenblick.at“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Artikel von Wochenblick wurde bisher mehr als 4.200 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Dalai Lama hat sich mehrfach ähnlich geäußert

Tatsächlich hat der 84-Jährige mehrfach seine Meinung über Zuwanderung in Europa geäußert. Im aktuellen BBC-Interview wird er auf eine Aussage angesprochen, die er so 2018 getätigt haben soll: „Das Ziel sollte sein, dass Migranten zurückkehren und ihre Länder wieder aufbauen. Man muss pragmatisch sein: Es ist unmöglich, dass alle kommen.“ 

Der Dalai Lama sagt daraufhin zur Reporterin: „Die europäischen Länder sollten diese Flüchtlinge aufnehmen, ihnen Bildung und Training vermitteln. Das Ziel sollte sein, dass sie in ihr eigenes Land zurückkehren.“ 

Die Reporterin fragt, was denn sei, wenn diese Flüchtlinge in Europa bleiben wollen würden, ob sie das nicht dürfen sollten? 

Der Dalai Lama sagte: „Eine begrenzte Anzahl ist in Ordnung. Aber dass ganz letztendlich Europa ein muslimisches Land wird? Unmöglich. Oder ein afrikanisches Land? Auch unmöglich.“ Die Reporterin sagt, was daran falsch sei, der Dalai Lama sei doch selbst ein Flüchtling. Der antwortet darauf: „Sie [die Geflüchteten] sollten besser in ihrem Land sein. Das ist besser. Lasst Europa den Europäern.“ 

Dann endet die Szene. Es zeigt sich, dass der Dalai Lama darin nicht wirklich vor „zu vielen“ Migranten und Flüchtlingen „warnt“. Er spricht nicht über mögliche Gefahren oder Konsequenzen, die eine große Anzahl seiner Ansicht nach hätte.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Dalai Lama so zu diesem Thema geäußert hat. Von seiner Aussage im schwedischen Malmö am 12. September – auf die die BBC-Reporterin sich offenbar bezog – existieren zwar keine Video- oder Tonaufnahmen, wie wir bereits in einem CORRECTIV-Faktencheck vom vergangenen September recherchierten. In einem Bericht zur Veranstaltung in Malmö auf der offiziellen Webseite des Dalai Lama steht jedoch: „Er [der Dalai Lama] wiederholte das, was er zuvor Pressevertretern gesagt hatte: Dass es gut sei, kurzfristig Hilfe anzubieten. Auf längere Sicht wollen die meisten Flüchtlinge jedoch in die Länder zurückkehren, aus denen sie geflohen sind. Was wichtig ist, ist die Wiederherstellung des Friedens dort, und ihnen, vor allem der Jugend, eine Ausbildung zu geben, damit sie ihre Länder wieder aufbauen können.“ Auch das klingt nicht wirklich nach einer „Warnung“.

Auszug aus dem Beitrag auf der offiziellen Webseite des Dalai Lama zum Auftritt im schwedischen Malmö im September 2018. (Screenshot: CORRECTIV)

Aussagen in Rotterdam und in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“

In einem weiteren Beitrag auf der offiziellen Webseite heißt es, in der Berichterstattung zu den Äußerungen des Dalai Lamas seien diese „aus dem Kontext gerissen“. Dazu wird eine Antwort des Dalai Lamas auf die Frage einer Frau in Rotterdam wenige Tage nach dem Auftritt in Schweden wiederholt (auch im Video zu sehen): 

„Es ist wunderbar, dass Deutschland und andere europäische Länder den Flüchtlingen geholfen haben, als sie aus anderen Ländern nach Europa gekommen sind. Ich denke jedoch, dass die meisten dieser Flüchtlinge ihr eigenes Land als Heimat betrachten, aber gerade jetzt gibt es dort viele Tote, Tyranneien und Leiden. Deshalb sind sie geflohen. Kurzfristig sollten die europäischen Länder ihnen also Zuflucht bieten und insbesondere den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, eine allgemeine und berufliche Bildung, einschließlich der technischen Ausbildung, zu erhalten. Ziel ist es, dass sie schließlich in der Lage sein sollten, zum Wiederaufbau ihrer eigenen Länder zurückzukehren. Das war von Anfang an meine Meinung. Wir Tibeter haben zum Beispiel in Indien Zuflucht gefunden, aber die meisten Tibeter wollen nach Tibet zurückkehren, wenn sich die Situation dort geändert hat. Jedes Land hat seine eigene Kultur, Sprache und Lebensweise, und es ist besser für die Menschen, in ihrem eigenen Land zu leben. Das ist meine Meinung.“

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Ähnlich äußerte sich der Dalai Lama auch 2016 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Darin sagte er, Deutschland könne kein arabisches Land werden. Auch „moralisch gesehen“ sollten die Flüchtlinge „nur vorübergehend aufgenommen werden“.

Antwort des Dalai Lama in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahr 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Der 14. Dalai Lama ist der spirituelle Führer der Tibeter. Er floh nach eigenen Angaben auf der offiziellen Webseite 1959 von Tibet ins Exil nach Indien, nachdem in der tibetischen Hauptstadt Lhasa ein Aufstand gegen die chinesische Regierung ausgebrochen war. Er ist aufgrund der politischen Umstände in Tibet bis heute nicht in seine Heimat zurückgekehrt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Der Dalai Lama äußerte mehrfach seine Meinung, Flüchtlinge sollten nur kurzfristig in Europa aufgenommen werden und letzten Endes zurückgehen, um ihre Länder „wieder aufzubauen“.

Bewertung: größtenteils falsch

Doch, deutsche Medien haben dieses Bild von Menschen auf der „Sea-Watch 3“ gezeigt

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Facebook-Beitrag vom 1. Juli 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Auf Facebook kursiert ein Bild von vier Passagieren der „Sea-Watch-3“, verknüpft mit der Behauptung, deutsche Medien würden die Bilder nicht zeigen. Das ist falsch. Der WDR nutzte das Bild drei Tage zuvor für seine Berichterstattung. Andere deutsche Medien zeigten ähnliche Bilder.

Am 2. Juli veröffentlichte ein Nutzer auf Facebook ein Bild, auf dem vier Männer zu sehen sind, die vor einem Schiff auf dem Boden sitzen und von Männern in Uniform bewacht werden. Dazu die Behauptungen, es handele sich um Personen von Bord der „Sea-Watch 3“, die Bilder sehe man „aber auch nur in italienischen und internationalen Medien.“ Der Beitrag wurde bisher etwa 7.400 Mal geteilt. 

Richtig ist: Ja, auf dem Bild sind Passagiere der „Sea-Watch 3“ zu sehen. Aber deutsche Medien haben sehr wohl Bilder dieser Menschen gezeigt. Eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google zeigt: Der WDR berichtete am 29. Juni mit demselben Bild, die Stadt Münster sei bereit, Personen von Bord der „Sea-Watch 3“ aufzunehmen. Das Bild stammt von der Nachrichtenagentur Reuters

Der WDR berichtete am 29. Juni 2019 über die Passagiere der „Sea-Watch 3“. (Screenshot: CORRECTIV)

Andere Medien, wie die Webseite der Tagesschau und die Deutsche Welle berichteten am selben Tag und bebilderten ihre Artikel mit ähnlichen Fotos der Menschen von Bord. Auch Spiegel Online zeigte ähnliche Bilder der Nachrichtenagentur Reuters am 29. Juni in einem Video. 

Berichterstattung von „Tagesschau“ und „Deutsche Welle“ vom 29. Juni 2019 über die Passagiere der „Sea-Watch 3“ (Screenshots und Montage: CORRECTIV)
Bild aus einem Video von „Spiegel Online“ mit Material der Nachrichtenagentur Reuters, veröffentlicht am 29. Juni 2019. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Doch, deutsche Medien haben Bilder der Passagiere der „Sea-Watch 3“ gezeigt.

Bewertung: falsch

Nein, dieses Video einer Schlägerei im Schwimmbad stammt nicht aus Deutschland, sondern aus Israel

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Auszug aus dem Video der Schlägerei in einem Schwimmbad in Tel Aviv. (Screenshot: CORRECTIV)

von Hüdaverdi Güngör

Auf Facebook kursiert ein Video einer Schlägerei, die sich angeblich in einem deutschen Schwimmbad ereignet haben soll. Diese Behauptung ist falsch. Das Video stammt aus Holon bei Tel Aviv, Isreal.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 3. Juli ein 41 Sekunden langes Video, in dem eine Massenschlägerei in einem Schwimmbad zu sehen ist. Der Nutzer schreibt dazu: „Das neue Deutschland! Integration? Läuft….“ Es wird der Eindruck suggeriert, dass das Video in Deutschland entstanden sei. Der Beitrag wurde insgesamt mehr als 2.850 Mal geteilt. Wir haben überprüft, woher das Video stammt. 

Das Video wurde über 2850 Mal geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Video stammt aus Israel

Nur wenige Stunden nachdem der Nutzer das Video veröffentlichte, verbreitete es auch die Facebook-Seite „AfD – Kreisverband Coesfeld“. Neben Kommentaren wie „Walter übernehmen sie“ oder „Aktion Pur mit den Neuen Bürgern, was sagt Mutti dazu“, weist ein Nutzer auf einen Artikel der englischen Zeitung Mirror hin.

Auch die Facebook-Seite „AfD – Kreisverband Coesfeld“ verbreitet das Video. (Screenshot: CORRECTIV)

Mirror veröffentlichte bereits am 11. Juni einen Artikel über dasselbe Video. Laut Mirror ist es jedoch im „Yamit 2000“-Schwimmbad in Holon bei Tel Aviv, Israel, entstanden. Das Video im Artikel hat eine höhere Auflösung, so dass hebräische Wörter auf zwei T-Shirts zu erkennen sind. 

Auszug aus dem Mirror-Artikel. Die Schrift haben wir rot eingekreist (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

Wir haben überprüft, ob das Video wirklich im „Yamit 2000“-Schwimmbad in Israel entstanden ist. Auf der offiziellen Webseite des Schwimmbads kann man eine virtuelle 360° Tour durch die gesamte Anlage machen. Dort haben wir die Stelle gefunden, an der die Schlägerei stattgefunden hat.

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Oben: Ein Screenshot aus dem Video. Unten: Screenshot von der offiziellen Webseite des Schwimmbades in Israel. (Collage: CORRECTIV)

Anmerkung, 4. Juli 2019: Wir haben den Text angepasst um zu verdeutlichen, dass sich der Wasserpark in Holon bei Tel Aviv befindet, nicht in Tel Aviv.

Unsere Bewertung:
Falsch. Dieses Video stammt nicht aus einem Schwimmbad in Deutschland, sondern in Israel.

Bewertung: richtig

Ja, der Vater von Carola Rackete arbeitet auch in der Rüstungsindustrie

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Der Arbeitgeber von Ekkehart Rackete stellt ballistische Schutzsysteme für den zivilen und militärischen Einsatz her. (Symbolfoto: Pixabay/metaliza01)

von Hüdaverdi Güngör

In einem Artikel wird behauptet, Ekkehart Rackete der Vater der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, verdiene sein Geld in der Militärindustrie. Die Behauptung aus dem Artikel ist wahr.

Die österreichische Webseite Unzensuriert behauptet in einem am 30. Juni veröffentlichten Artikel, Ekkehart Rackete, der Vater von Carola Rackete, der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, verdiene sein Geld in der Militärindustrie.

Die Behauptung stützt sich auf ein Linkedin Profil, das zu Ekkehart Rackete gehören soll, und einen italienischen Medienbericht. Veröffentlicht wurde der Unzensuriert-Artikel mit dem Titel: „Besonders dreist: Vater von ‘Sea-Watch3’-Schlepper-Kapitänin ist reicher Militärsberater“. Der Artikel wurde auf Facebook-Seiten wie „Mein Deutschland“ oder „Alternative für Deutschland AfD Viersen“ insgesamt mehr als 900 Mal geteilt. Wir haben uns die Hintergründe angesehen.

Der Artikel wurde am 30. Juni veröffentlicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Fall der „Sea-Watch 3“ sorgt seit Tagen in Europa für Aufruhr und Diskussionen. Das Rettungsboot, unter der Leitung von Carola Rackete, wartete wochenlang auf eine Einfuhrgenehmigung in Italien. An Bord waren mehrere Migranten und Geflüchtete. Als die Genehmigung ausblieb, fuhr Rackete trotzdem den Hafen der italienischen Stadt Lampedusa an. Daraufhin wurde sie von der italienischen Polizei verhaftet. Mittlerweile ist sie wieder freigekommen

Unzensuriert.at wirft in dem Artikel einen Blick auf den Vater von Carola Rackete. Den beruflichen Werdegang wertet die Webseite als „besonders dreist“. Sowohl im italienischen Bericht von Il Giornale als auch im Artikel von Unzensuriert.at ist ein Link hinterlegt, der auf das Linkedin Profil von Ekkehart Rackete führen soll. Linkedin ist ein Netzwerk zur Pflege bestehender und zum Knüpfen neuer Geschäftskontakte. Für uns war das Profil nicht mehr aufrufbar.

Das LinkedIn Profil ist nicht mehr „vorhanden“.(Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook kursieren Screenshots, die das Profil von Ekkehart Rackete zeigen sollen. Laut Eigenbeschreibung auf dem Profil soll er unter anderem seit 30 Jahren in der Verteidigungsindustrie arbeiten. Als aktueller Arbeitgeber ist auf dem Screenshot des Profils die „Mehler Engineered Defence GmbH“ angegeben.

Das Bild soll angeblich das LinkedIn Profil von Ekkehart Rackete zeigen. (Screenshot CORRECTIV)

Die Mehler Engineered Defence GmbH stellt nach eigenen Angaben ballistische Schutzssysteme zum Beispiel Panzerungen für militärische und zivile Anwendungen her. Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigt die Mehler GmbH, dass Ekkehart Rackete dort beschäftigt ist. Weiter schreibt das Unternehmen dazu in einer Pressemitteilung per Email an CORRECTIV: „Herr Ekkehart Rackete unterstützt Vertriebsaktivitäten der Mehler Engineered Defence GmbH als freier Mitarbeiter zur Akquise von Neuprojekten.“ Rackete vertreibe demnach Produkte sowohl für zivile als auch für militärische Einsätze.

Rackete habe im Zuge seiner Tätigkeit aber zu keinem Zeitpunkt Waffen angekauft oder verkauft. Des Weiteren weist das Unternehmen darauf hin: „Entgegen der Darstellungen in den sozialen Medien und der Italienischen Presse werden bei der Mehler Engineered Defence GmbH keine Waffen entwickelt, hergestellt und/oder vertrieben.“

Die vollständige Pressemitteilung der Mehler Engineered Defence. (Screenshot: CORRECTIV)

Dennoch wirbt die Mehler GmbH auf ihrer Internetseite mit Bildern von Panzern, Munition und Kampfhubschraubern. Auf Nachfrage von CORRECTIV, welche Produkte der Firma auf den Bildern zu sehen sind, antwortet die Mehler GmbH: „Keine. Diese Bilder stehen repräsentativ für Anwendungsspektren unserer Schutzprodukte.“

Auf der Webseite werden die verschiedenen Produkte beworben. (Screenshot: CORRECTIV)

Einschätzungen von Experten

Sevim Dagdelen, stellvertretende Vorsitzende und abrüstungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, hält die Darstellung der „vermeintlich“ defensiven Schutzausstauttung für verfälschend: „Schutzpanzerungen erhöhen deutlich die Kampffähigkeit von Waffensystemen und ermöglichen bzw. verbessern deren Offensivfähigkeiten.“ 

Das vollständige Statement von Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch Dr. Simone Wisotzki, Wissenschaftlerin und Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Ich war auf der Webseite und würde die Aussagen der Firma allgemein unterstützen, dass es sich dabei um Defensivssyteme (Schutzsysteme) handelt, die keine Waffen sind, aber natürlich auch in Waffen (z.B. Panzer) verwendet werden können.“

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Die vollständige Einschätzung von Dr. Simone Wisotzki. (Screenshot: CORRECTIV)

Experten: keine Relevanz für Seenotrettung

Beide Experten äußern außerdem in ihren Einschätzungen gegenüber CORRECTIV unabhängig voneinander, dass die Tätigkeit von Ekkehart Rackete nicht relevant in der aktuellen Debatte um seine Tochter sei. Sevim Dagdelen schreibt dazu: „Ungeachtet dessen sind die Tätigkeitsfelder der Mehler Engineered Defense GmbH und die Vertriebstätigkeit von Herrn Ekkehart Rackete vollkommen irrelevant für die Bewertung des Seenotrettungseinsatzes der Kapitänin Carola Rackete.“ Deutlicher formuliert es die Wissenschaftlerin Dr. Simone Wisotzki: „Ich finde es mehr als verwerflich, der Tochter aus dem Job des Vaters irgendeinen Vorwurf zu machen.“

Unsere Bewertung:
Ja, Ekkehart Rackete arbeitet im erweiterten Sinne in der Rüstungsindustrie. Laut Auskunft des Unternehmens arbeitet er als freier Mitarbeiter im Vertrieb, sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich. Die Firma stellt zwar nicht direkt Waffen her, dafür aber Komponenten, die auch in Kriegsgeräten eingesetzt werden.

Bewertung: teilweise falsch

Ja, dieses Foto zeigt Menschen auf der „Sea-Watch 3“ – aber der Bildausschnitt führt in die Irre

Titelbild_Seawatch
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Der hier rot umrandete Bildausschnitt wird auf Facebook verbreitet. Das Original stammt aus einem Video der Nachrichtenseite „Notizie.it“. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Foto der Migranten und Flüchtlinge von der „Sea-Watch 3“ verbreitet. Es soll wohl zeigen, dass unter ihnen angeblich keine Frauen waren. Der Bildausschnitt ist aber nur ein Teil des Originals. Zudem gibt es Zahlen von Sea-Watch zu Frauen und Kindern an Bord.

Die Facebook-Seite „Befreiter Blick“ verbreitet ein Foto, das die geretteten Menschen an Bord des Schiffes „Sea-Watch 3“ zeigen soll. Auf dem Bild ist eine Gruppe Männer zu sehen. Es wurde mehr als 2.800 Mal geteilt. 

Der Beitrag auf der Facebookseite „Befreiter Blick“ vom 1. Juli 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Der Kommentar der Seite „Befreiter Blick“ dazu lautet „Hier eine Aufnahme der kürzlich ‘geretteten’ Frauen und Kinder von der SeaWatch3…“. Da der Bildausschnitt nur Männer zeigt, wird mit dem Satz impliziert, es seien gar keine Frauen oder Kinder an Bord des Schiffes gewesen. 

Das stimmt nach Angaben von Sea-Watch nicht. Das Originalbild stützt die Darstellung der Organisation. Laut einer Pressemitteilung von Sea-Watch wurden am 12. Juni insgesamt 53 Menschen aufgenommen, „unter ihnen 9 Frauen, 39 Männer, 2 Kleinkinder und 3 unbegleitete Minderjährige“. Weiterhin heißt es in der Mitteilung, am 15. Juni hätten fünf Personen an Land gehen dürfen. Dazu, wie viele das Schiff verließen, gibt es verschiedene Angaben. Sea-Watch-Mitglied Haidi Sadik sagte in einem Interview mit der Zeit, das am 2. Juli erschien, drei Tage nach der Rettung hätten zehn Menschen von Bord gehen dürfen, darunter Frauen, Kinder und medizinische Notfälle. Medien wie Spiegel Online berichten von 13 Menschen, darunter „Frauen, Kranke und Kinder“. 

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete war am vergangenen Wochenende verhaftet worden, weil sie trotz eines Verbots im Hafen der italienischen Insel Lampedusa anlegte. Dort gingen Medienberichten zufolge etwa 40 Menschen an Land. Inzwischen ist Rackete wieder auf freiem Fuß.

Bildausschnitt taucht auf ungarischer Webseite auf

Eine Bilder-Rückwärtssuche führt zunächst zu einer ungarischen Webseite namens Vadhajtasok. Dort wird in einem Artikel vom 1. Juli über die Kapitänin Carola Rackete berichtet. Es geht vor allem um Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiers Kritik an ihrer Verhaftung. Steinmeier hatte sich dazu im ZDF geäußert.

In dem Artikel von Vadhajtasok ist der gleiche Bildausschnitt zu sehen, der auf Facebook verbreitet wird. Darunter steht: „’Hungrige, arme Flüchtlinge’ auf dem Schiff Sea-Watch 3“. Die Worte „hungrig, arm“ wurden in Anführungszeichen gesetzt, womit anscheinend angedeutet werden soll, die abgebildeten Menschen seien eben dies nicht. 

Originalbild stammt aus einem Video einer italienischen Nachrichtenseite

Die Rückwärtssuche auf Google führt jedoch auch zum Originalbild, aus dem der Ausschnitt stammt. Es ist ein Screenshot aus einem Video, das auf dem Portal Dailymotion hochgeladen wurde. Darauf sind auch Frauen zu sehen. In dem von „Befreiter Blick“ verbreiteten Bild wurden also die Frauen weggeschnitten. 

Das Ergebnis der Rückwärtssuche nach dem Bild bei Google führt zu dem Original. (Screenshot: CORRECTIV)

Urheber des Videos ist die italienische Nachrichtenseite Notizie.it. Auf Dailymotion ist das Video in voller Länge zu sehen. Es zeigt Carola Rackete und anschließend die vollständige Gruppe, zu der auch Frauen gehören, darunter offenbar ein Teil Mitarbeiterinnen von Sea-Watch. Der Text, der im Bild eingeblendet wird, bedeutet übersetzt „Manche segeln hinaus, um Leben zu retten“. Es handelt sich um die italienischen Untertitel für ein Zitat eines Sea-Watch-Mitarbeiters, der anschließend auch im Bild zu sehen ist. 

Das Video von „Notizie.it“ auf dem Portal „Dailymotion“. (Screenshot: CORRECTIV)

Es handelt sich bei den abgebildeten Personen tatsächlich um die aktuell Geretteten von der „Sea-Watch 3“. Das zeigt ein Vergleich mit Fotos in anderen Medien. So verwendete die Tagesschau am 29. Juni ein Bild von Reuters. Es zeigt einen der Männer, die auch im Video zu sehen sind. 

Das Foto von der Bildagentur „Reuters“, gefunden auf „tagesschau.de“. Der ganz links stehende Mann mit einem Tuch auf dem Kopf ist auch im Video zu sehen. (Screenshot: CORRECTIV)
Das T-Shirt des Mannes mit dem Wort „Spirit“ in dem Pressefoto von Reuters und dem Video von „Notizie.it“. (Screenshots und Montage: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Foto zeigt nur einen Ausschnitt des Originalbildes und erweckt so den Eindruck, es seien nur Männer unter den Geretteten gewesen. Im Originalbild sind auch Frauen zu sehen. 

Bewertung: falsch

Nein, mit dieser Spendennummer wird keine Haftstrafe für Carola Rackete unterstützt

Bildschirmfoto 2019-07-01 um 13.42.29
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Diese Grafik wird seit dem 30. Juni im Internet verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook kursiert eine Grafik, auf der aufgefordert wird, eine SMS mit „seawatch10“ an eine Nummer zu schicken, wenn man „für mindestens zehn Jahre Haft“ für Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete sei. Durch die SMS wird jedoch Geld an Sea-Watch gespendet.

Eine Grafik mit einem vermeintlich gegen Carola Rackete gerichteten Aufruf wird derzeit von verschiedenen Seiten auf Facebook verbreitet. Das Layout ist grob an das Design der AfD angelehnt. Auf hellblauem Hintergrund steht mit weißer Schrift: „Du bist für mindestens 10 Jahre Haft für Carola Rackete? Sende ‘seawatch10’ an die 81190“. Darunter steht, eine SMS koste zehn Euro, und in einer Ecke auf rotem Hintergrund „Servicepost für Deutschland“.

Carola Rackete wurde am vergangenen Wochenende in Italien verhaftet, weil sie mit dem Schiff „Sea-Watch 3“ mit Migranten und Flüchtlingen an Bord trotz eines Verbots im Hafen der italienischen Insel Lampedusa anlegte. 

Das Geld landet bei Sea-Watch

Die Spendennummer, die auf der Grafik verwendet wird, ist identisch mit einer, die die Organisation Sea-Watch verwendet. Sie ist auf der Webseite der Organisation zu finden. Wer dem Aufruf folgt und für eine Haftstrafe der Kapitänin eine SMS schickt, spendet tatsächlich an Sea-Watch.

Dieselbe Spendennummer steht auf der Webseite von Sea-Watch. (Screenshot und Hervorhebung: CORRECTIV)

Auf Anfrage von CORRECTIV teilte Sea-Watch-Sprecher Chris Grodotzki per E-Mail mit, die Grafik stamme nicht von seiner Organisation. Man gehe davon aus, dass der Urheber die Gruppe „Hooligans gegen Satzbau“ sei und habe zuvor nichts davon gewusst. „Die Spendennummer ist korrekt, SMS-Spenden kommen bei Sea-Watch an.“

„Hooligans gegen Satzbau“ verbreiten den irreführenden Aufruf

Mutmaßlicher Urheber der Grafik ist also die Facebook-Seite „Hooligans gegen Satzbau“. Dort tauchte das Bild mit dem angeblichen Spendenaufruf in der Nacht zu Montag offenbar zuerst auf. Es wurde bisher mehr als 3.900 Mal geteilt. Ein zeitgleicher Beitrag der Gruppe auf Twitter wurde bisher rund 1.900 Mal geteilt. 

Die Seite „Hooligans gegen Satzbau“ veröffentlichte die Grafik mutmaßlich als erstes. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Daraufhin verbreitete sich das Bild auch auf zahlreichen anderen Seiten im Netz, zum Beispiel auf einer Facebook-Seite, die sich als Seite der Identitären Bewegung ausgibt, und auf der Seite des Kolumnisten Stephan Anpalagan

„Hooligans gegen Satzbau“ will sich laut der Selbstbeschreibung der Gruppe mit satirischen Aktionen gegen den „Rechtsruck“ in der Gesellschaft stellen. Die Grafik ist jedoch nicht als Satire zu erkennen, und sie enthält kein Logo von „Hooligans gegen Satzbau“.

Auf eine schriftliche Anfrage von CORRECTIV, ob „Hooligans gegen Satzbau“ die Grafik erstellt habe, bestätigte eine Sprecherin dies nur indirekt: „Es handelt sich bei dem anscheinend von uns veröffentlichten Beitrag um KEINEN Spendenaufrauf (sic!). Wir fordern lediglich die Menschen auf, die sich für eine Inhaftierung von Carola Rackete aussprechen, eine 10,- Euro teure SMS zu verschicken.“ 

„Hooligans gegen Satzbau“ sammelte nach eigenen Angaben auch selbst Spenden zur Unterstützung von Kapitänin Carola Rackete und überwies sie an Sea-Watch. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Spendenaufruf ist irreführend. Statt einer Haftstrafe für Carola Rackete wird die Organisation Sea-Watch finanziell unterstützt. Dass es sich um Satire handeln soll, ist nicht erkennbar.

Bewertung: unbelegt

Keine Belege, dass Seenot im Mittelmeer „künstlich erzeugt wird“

Bildschirmfoto 2019-06-27 um 16.01.27
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Bildschirmfoto 2019-06-27 um 16.01.27
Am 22. Juni veröffentlichte die Grenzschutzagentur Frontex auf Twitter und zwei Tage später auch auf Youtube ein Video, das Menschenschmuggler im Mittelmeer zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Anhand eines Videos von Frontex wird behauptet, Migranten würden sich im Mittelmeer absichtlich in Seenot begeben. Das Video ist echt, für diese Behauptung gibt es aber keine Belege. 

Ein Video der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex wird als angeblicher Beweis genutzt, dass Migranten im Mittelmeer sich absichtlich in Seenot begeben, um gerettet zu werden. So wird auf der Webseite des Blogs Achse des Guten behauptet: „Hier wird künstlich ‘Seenot’ erzeugt.“ 

Das Drohnenvideo wurde Mitte Juni von Frontex auf Twitter hochgeladen. Es zeigt ein Fischerboot, das ein kleineres Boot hinter sich herzieht. Als es stoppt, steigen aus seinem Bauch Menschen in das kleine Boot um, anschließend fährt das Fischerboot weg. Auch auf Youtube ist das Video auf dem offiziellen Kanal von Frontex zu finden. 

Der Tweet von Frontex mit dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch der Deutschland-Kurier greift die Behauptung von Achgut auf: „Ein Fischerboot schleppt ein Holzboot aufs offene Meer, die Migranten verstecken sich unter Deck. Auf hoher See steigen diese dann in das nicht seetüchtige Holzboot und erzeugen damit selbst ihre Seenot.“ Die Facebookseite „Wirsindnichtmehr“ verbreitete das Frontex-Video mit dem Kommentar „Das wird die Tagesschau nie zeigen, also zeigt es euren Freunden“. Der Beitrag wurde mehr als 500 Mal geteilt. Und auf der Seite des AfD-Politikers Jens Eckleben wurde es mehr als 800 Mal geteilt. 

Das Video wurde auf der Seite „Wirsindnichtmehr“ verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Video stammt tatsächlich von Frontex, wie die Grenzschutzagentur CORRECTIV auf Nachfrage per E-Mail bestätigt. Das Fischerboot sei vermutlich in Libyen gestartet und in Richtung der italienischen Insel Lampedusa unterwegs gewesen, teilt Frontex-Sprecher Krzysztof Borowski mit. Die Migranten in dem kleinen Holzboot seien in italienischen Gewässern von den Behörden aufgegriffen und sicher nach Lampedusa gebracht worden. Die mutmaßlichen Schmuggler seien verhaftet worden.

Frontex schrieb zu dem Video auf Twitter, man habe das Fischerboot mehrere Stunden beobachtet und dann die italienischen und maltesischen Behörden sowie die EU-Militäroperation Eunavfor-Med Sophia informiert. Dies sei ein klarer Fall eines „Mutterschiffs, genutzt von Kriminellen um eine große Gruppe Migranten über das Meer zu ihrem Ziel zu bringen, bevor sie in ein kleineres Boot umgeladen werden“, so Frontex weiter. 

Der weitere Verlauf der Tweets von Frontex zu dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)

Frontex spricht nicht vom „absichtlichen Erzeugen von Seenot“

Davon, dass sich die Menschen absichtlich in Seenot begeben hätten, schreibt Frontex nichts, weder auf Twitter noch auf Youtube. Und auch auf Nachfrage von CORRECTIV trifft die Grenzschutzagentur diese Aussage nicht. Die konkrete Frage beantwortet Borowski nicht mit Ja oder Nein; stattdessen weicht er aus und verweist darauf, dass nur wenige Menschen in dem Boot Rettungswesten trugen und das Boot überfüllt gewesen sei. In diesem Fall hätten die italienischen Behörden aber keine Such- und Rettungsaktion eingeleitet.

Zudem schreibt er, das Vorgehen der mutmaßlichen Schmuggler sei mit wirtschaftlichen Interessen zu erklären: „Die Nutzung eines Mutterschiffs erlaubt es den Schmugglern, illegale Migranten mit einem stärkeren/schnelleren Boot zu ihrem Ziel zu bringen. Wenn sie die Migranten in einem kleineren Boot mit weniger Ausrüstung zurücklassen, ‘verlieren’ sie nur das kleinere, oft gefährlich überfüllte Boot und können die Prozedur mit dem größeren (viel teureren) Boot wiederholen.“ 

Auszug aus der Antwort des Frontex-Sprechers. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine schriftliche Anfrage von CORRECTIV teilt zudem Charlie Yaxley, Sprecher des Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) für Afrika, den Mittelmeerraum und Libyen, mit, die Flüchtlinge und Migranten hätten bei der Seetüchtigkeit der Boote „wenig mitzureden“. Das sei gänzlich in der Hand der Schmuggler und Schlepper. „Wir haben keine Belege dafür, dass sich Flüchtlinge und Migranten selbst in Gefahr bringen“, so Yaxley. „Und dafür gibt es auch keinen Grund. Wenn die Behörden von ihnen erfahren, werden sie gerettet, um Verluste zu verhindern. Die Rettung wird nicht verzögert, bis das Boot in Seenot ist, so läuft das nicht.“ 

Aufgegriffen werden laut Yaxley also nicht nur Boote in Seenot, sondern alle Boote mit Flüchtlingen und Migranten, von denen die Behörden erfahren. Deshalb hätten die Menschen keinen Grund, sich absichtlich in Gefahr zu bringen. 

Auszug aus der E-Mail des UNHCR-Sprechers Charlie Yaxley an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Keine Belege. Das Video von Frontex ist echt, aber kein Beweis, dass Seenot „künstlich erzeugt“ wird oder sich Migranten absichtlich in Gefahr bringen. Zuständige Behörden deuten das eher als wirtschaftliche Strategie der Schmuggler.