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Ja, der Vater von Carola Rackete arbeitet auch in der Rüstungsindustrie

In einem Artikel wird behauptet, Ekkehart Rackete der Vater der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, verdiene sein Geld in der Militärindustrie. Die Behauptung aus dem Artikel ist wahr.

von Hüdaverdi Güngör

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Der Arbeitgeber von Ekkehart Rackete stellt ballistische Schutzsysteme für den zivilen und militärischen Einsatz her. (Symbolfoto: Pixabay/metaliza01)
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Ja, Ekkehart Rackete arbeitet im erweiterten Sinne in der Rüstungsindustrie. Laut Auskunft des Unternehmens arbeitet er als freier Mitarbeiter im Vertrieb, sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich. Die Firma stellt zwar nicht direkt Waffen her, dafür aber Komponenten, die auch in Kriegsgeräten eingesetzt werden.

Die österreichische Webseite Unzensuriert behauptet in einem am 30. Juni veröffentlichten Artikel, Ekkehart Rackete, der Vater von Carola Rackete, der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, verdiene sein Geld in der Militärindustrie.

Die Behauptung stützt sich auf ein Linkedin Profil, das zu Ekkehart Rackete gehören soll, und einen italienischen Medienbericht. Veröffentlicht wurde der Unzensuriert-Artikel mit dem Titel: „Besonders dreist: Vater von ‘Sea-Watch3’-Schlepper-Kapitänin ist reicher Militärsberater“. Der Artikel wurde auf Facebook-Seiten wie „Mein Deutschland“ oder „Alternative für Deutschland AfD Viersen“ insgesamt mehr als 900 Mal geteilt. Wir haben uns die Hintergründe angesehen.

Der Artikel wurde am 30. Juni veröffentlicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Fall der „Sea-Watch 3“ sorgt seit Tagen in Europa für Aufruhr und Diskussionen. Das Rettungsboot, unter der Leitung von Carola Rackete, wartete wochenlang auf eine Einfuhrgenehmigung in Italien. An Bord waren mehrere Migranten und Geflüchtete. Als die Genehmigung ausblieb, fuhr Rackete trotzdem den Hafen der italienischen Stadt Lampedusa an. Daraufhin wurde sie von der italienischen Polizei verhaftet. Mittlerweile ist sie wieder freigekommen


Unzensuriert.at wirft in dem Artikel einen Blick auf den Vater von Carola Rackete. Den beruflichen Werdegang wertet die Webseite als „besonders dreist“. Sowohl im italienischen Bericht von Il Giornale als auch im Artikel von Unzensuriert.at ist ein Link hinterlegt, der auf das Linkedin Profil von Ekkehart Rackete führen soll. Linkedin ist ein Netzwerk zur Pflege bestehender und zum Knüpfen neuer Geschäftskontakte. Für uns war das Profil nicht mehr aufrufbar.

Das LinkedIn Profil ist nicht mehr „vorhanden“.(Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook kursieren Screenshots, die das Profil von Ekkehart Rackete zeigen sollen. Laut Eigenbeschreibung auf dem Profil soll er unter anderem seit 30 Jahren in der Verteidigungsindustrie arbeiten. Als aktueller Arbeitgeber ist auf dem Screenshot des Profils die „Mehler Engineered Defence GmbH“ angegeben.

Das Bild soll angeblich das LinkedIn Profil von Ekkehart Rackete zeigen. (Screenshot CORRECTIV)

Die Mehler Engineered Defence GmbH stellt nach eigenen Angaben ballistische Schutzssysteme zum Beispiel Panzerungen für militärische und zivile Anwendungen her. Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigt die Mehler GmbH, dass Ekkehart Rackete dort beschäftigt ist. Weiter schreibt das Unternehmen dazu in einer Pressemitteilung per Email an CORRECTIV: „Herr Ekkehart Rackete unterstützt Vertriebsaktivitäten der Mehler Engineered Defence GmbH als freier Mitarbeiter zur Akquise von Neuprojekten.“ Rackete vertreibe demnach Produkte sowohl für zivile als auch für militärische Einsätze.

Rackete habe im Zuge seiner Tätigkeit aber zu keinem Zeitpunkt Waffen angekauft oder verkauft. Des Weiteren weist das Unternehmen darauf hin: „Entgegen der Darstellungen in den sozialen Medien und der Italienischen Presse werden bei der Mehler Engineered Defence GmbH keine Waffen entwickelt, hergestellt und/oder vertrieben.“

Die vollständige Pressemitteilung der Mehler Engineered Defence. (Screenshot: CORRECTIV)

Dennoch wirbt die Mehler GmbH auf ihrer Internetseite mit Bildern von Panzern, Munition und Kampfhubschraubern. Auf Nachfrage von CORRECTIV, welche Produkte der Firma auf den Bildern zu sehen sind, antwortet die Mehler GmbH: „Keine. Diese Bilder stehen repräsentativ für Anwendungsspektren unserer Schutzprodukte.“

Auf der Webseite werden die verschiedenen Produkte beworben. (Screenshot: CORRECTIV)

Einschätzungen von Experten

Sevim Dagdelen, stellvertretende Vorsitzende und abrüstungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, hält die Darstellung der „vermeintlich“ defensiven Schutzausstauttung für verfälschend: „Schutzpanzerungen erhöhen deutlich die Kampffähigkeit von Waffensystemen und ermöglichen bzw. verbessern deren Offensivfähigkeiten.“ 

Das vollständige Statement von Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch Dr. Simone Wisotzki, Wissenschaftlerin und Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Ich war auf der Webseite und würde die Aussagen der Firma allgemein unterstützen, dass es sich dabei um Defensivssyteme (Schutzsysteme) handelt, die keine Waffen sind, aber natürlich auch in Waffen (z.B. Panzer) verwendet werden können.“

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Die vollständige Einschätzung von Dr. Simone Wisotzki. (Screenshot: CORRECTIV)

Experten: keine Relevanz für Seenotrettung

Beide Experten äußern außerdem in ihren Einschätzungen gegenüber CORRECTIV unabhängig voneinander, dass die Tätigkeit von Ekkehart Rackete nicht relevant in der aktuellen Debatte um seine Tochter sei. Sevim Dagdelen schreibt dazu: „Ungeachtet dessen sind die Tätigkeitsfelder der Mehler Engineered Defense GmbH und die Vertriebstätigkeit von Herrn Ekkehart Rackete vollkommen irrelevant für die Bewertung des Seenotrettungseinsatzes der Kapitänin Carola Rackete.“ Deutlicher formuliert es die Wissenschaftlerin Dr. Simone Wisotzki: „Ich finde es mehr als verwerflich, der Tochter aus dem Job des Vaters irgendeinen Vorwurf zu machen.“





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