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Hüdaverdi Güngör

Volontär

Hüdaverdi hat schon undercover recherchiert, bevor er die Journalistenlaufbahn einschlug. Als 20-Jähriger drehte er in Eigenregie den Dokumentarfilm „Obdachlos – 4 Tage ein Penner“. Dafür lebte er im Selbstversuch in den Straßen von Köln. Wenn ihn etwas bewegt, unternimmt Hüdaverdi etwas. Genervt von den Argumenten in der Integrationsdebatte, wie Thilo Sarrazin sie mit „Deutschland schafft sich ab“ angestoßen hatte, organisierte er in Bottrop politische Diskussionen für Schüler zum Thema. Zu den Kommunalwahlen gründete er die Wählergemeinschaft „Die Verfassungsschüler“. Für CORRECTIV reiste Hüdaverdi durch Deutschland und unterhielt sich mit Türkischstämmigen über ihre Probleme und die Versäumnisse der Integration. Daraus entstand die Web- und Workshopserie „Auf eine Shisha mit…“. Zudem beaufsichtigt und leitet er die Technik für die Livestreams und Studios in Essen und Berlin.

E-Mail: correctiv.ruhr+130(at)correctiv.org

GERMANY-WEATHER
Cuxhaven gehört zu den deutschen Urlaubsparadiesen. Aber das Idyll ist bedroht. (Foto: Patrik Stollarz / AFP)
Klimawandel

Kleine Veränderungen, große Wirkung

Nordsee, Watt und Krabbenbrötchen – für viele Urlauber heißt das kurz Cuxhaven. Doch wie lange noch? Die Küstenstadt zeigt, wie der Klimawandel deutschen Urlaubsorten zusetzen kann. Wie die lokale Wirtschaft den Wetterwandel spürt, er Zugvögel aus ihrem Rhythmus bringt und heimische Arten auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Mit den Folgen haben die Menschen zu kämpfen, die direkt an der Küste leben. Die CORRECTIV Klimaredaktion war vor Ort.

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von Annika Joeres , Hüdaverdi Güngör

Neben den Stränden und Campingplätzen, den vielen bunten Strandkörben und der nordischen Ruhe lockt vor allem das Wattenmeer als UNESCO-Weltnaturerbe Besucher in die Stadt an der Nordsee. 2017 brach Cuxhaven seinen eigenen Rekord: Fast sieben Millionen Übernachtungen zählte die Stadt, die gerade einmal 50.000 Einwohner hat. 

Doch die Lage an der Nordsee und der Mündung zur Elbe ist Fluch und Segen zugleich, denn das Idyll ist bedroht: In den vergangenen 150 Jahren ist die Nordsee vor Cuxhaven um rund 30 Zentimeter angestiegen. Das belegt eine Datenauswertung von CORRECTIV von weltweit 700.000 Pegeldaten aus den vergangenen hundert Jahren. Auf einer interaktiven Karte haben wir den Anstieg des Meeresspiegels visualisiert und an 500 Häfen und Küstenstädten auf dem gesamten Globus abrufbar gemacht.  

Die Daten zeigen: Weltweit steigt das Meer an. Und es steigt von Jahr zu Jahr schneller. Am schlimmsten betroffen sind asiatische Küstenstädte, aber auch an deutschen Küstenregionen, wie zum Beispiel in Cuxhaven, in Warnemünde und Wismar, stieg das Wasser seit Beginn der Aufzeichnungen im Durchschnitt um mehr als 20 Zentimeter. Inzwischen kommen jedes Jahr rund drei Millimeter dazu. Was wenig klingt, hat große Folgen für Anwohner, Wirtschaft und Tierwelt. 

Vier Tage, ein Thema: Unsere Klimawoche im Besucherzentrum Wattenmeer in Cuxhaven. (Foto: CORRECTIV)

Die CORRECTIV Klimaredaktion ist deswegen im Sommer für eine Woche nach Cuxhaven gezogen, hat im Rahmen von offenen Diskussionsabenden mit Expertinnen und Experten sowie mit Bürgern und Betroffenen gesprochen. Die CORRECTIV-Klimawoche fand im Besucherzentrum Wattenmeer statt, das direkt am Meer liegt und in seinen lichtdurchfluteten Hallen heimischen Tiere und Pflanzen aus dem Wattenmeer ausstellt. Wie sehr der Klimawandel die Welt des Watts verändert und in den kommenden Jahrzehnten verändern wird, ist hier noch nicht zu sehen.

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Cuxhaven würd es ohne Deiche nicht mehr geben

Die steigenden Meere können für die Bewohner der Nordsee-Küste lebensbedrohend werden. Viele Städte würde es ohne Deiche schon jetzt nicht mehr geben. Die kilometerlangen Barrieren halten Hochwasser und Sturmfluten fern. Deshalb luden wir auch den Geschäftsführer des Cuxhavener Deichverbands Jürgen Schubel zum Auftaktabend unserer mobilen Klimaredaktion ins Besucherzentrum Wattenmeer ein. 

„Die Deiche sind erst einmal sicher“, sagt Schubel mit typisch nordischer Gelassenheit. Seit zwei Jahrzehnten ist er dafür zuständig, die Deiche instand zu halten – ein Beruf, den er von seinem Vater gelernt habe. „Wenn das Wasser steigt, müssen wir eben höher bauen“, sagt der Deichexperte lakonisch. Man müsse heute davon ausgehen, dass der Anstieg stärker ausfallen werde als in den vergangenen hundert Jahren. „Um wieviel mehr, kann niemand mit Gewissheit sagen“, sagt Schubel. „Weil aber die Veränderung nicht von heute auf morgen kommt, wird Zeit bleiben, darauf zu reagieren.“

Stetiger Kampf gegen das Meer

Laut des Jahresberichts 2018 des niedersächsischen Landesbetriebes für Küsten- und Naturschutzes (NLWKN) bieten die Deiche des Bundeslandes Schutz für insgesamt 1,1 Millionen Küstenbewohner. Wie es sich anfühlt, wenn die Deiche gegen eine Sturmflut nicht ankommen, erlebte Cuxhaven zuletzt 1962 und 1976. Während der Sturmflut von 1962 brachen Deiche an insgesamt 63 Stellen, das Meer überflutete Küstenstädte, ein Sechstel von Hamburg versank im Wasser. Mehr als 300 Menschen verloren ihr Leben. 1976 setzte der Orkan „Capella“ Cuxhaven zu. Bis zu 17 Meter hoch schlugen die Wellen vor der Küste und richteten in der Stadt massiven Schaden an.

Nach den Sturmfluten rüstete man die Deiche nach. Zum Teil wurden sie um 1,5 Meter höher gebaut, sagt Schubel. 43 Jahre später bereiten sich die Verantwortlichen nun schon vor einem Unglück auf die nächste Katastrophe vor. Niedersachsen nennt dies „vorsorglichen Küstenschutz“. Jeder Deich wird heute so berechnet, dass er eine Jahrhundertflut auch mit einem 50 Zentimeter höheren Meeresspiegel – als bislang bis 2100 erwartet – aushalten kann. Ähnlich wie Niedersachsen plant auch das Land Schleswig-Holstein. Jabcobus Hofstede, Wissenschaftler am Umweltministerium in Schleswig-Holstein, erklärt, dass die Deiche einem sogenannten 200jährigen Ereignis standhalten sollen, das heißt, einer Sturmflut, die so extrem ist, dass sie nur einmal in 200 Jahren zu erwarten ist. Egal ist es dabei allerdings, ob sie schon im ersten Jahr über das Land zieht oder erst im 199ten Jahr Verwüstung bringt. Neben dieser Berechnung wird noch ein halber Meter hinzugepackt, um den steigenden Meerespiegel auszugleichen. 

Aktuell müssen 90 Kilometer der Landesschutzdeiche in Schleswig-Holstein verstärkt werden. Dafür gibt es ein Programm, den „Generalplan Küstenschutz“, welcher Jahrzehnte laufen werde. Die Kosten dafür belaufen sich auf mehrere hunderte Millionen Euro. Hinzu kommen jährliche Kosten für den Küstenschutz in Schleswig-Holstein und Niedersachsen von jeweils rund 60 Millionen Euro. 

Ihren letzten großen Kampf gegen eine Sturmflut hatten Cuxhavens Deiche 2013. Das Orkantief „Xaver“ sorgte damals für Unruhe. Doch die Deiche hielten. Schubel teilte der Presse mit: „Wenn man bedenkt, dass am Nikolaustag nachts um 3 Uhr eine der höchsten Sturmfluten getobt hat, die Cuxhaven je erlebt hat, dann können wir vor allem sehr erleichtert sein über den glimpflichen Ausgang, aber auch stolz auf die getroffene Vorsorge, die sich jetzt ein weiteres Mal bewährt hat.“ 

Wie lang die Höhe der Deiche noch ausreicht, entscheiden laut Schubel die kommenden 20 bis 30 Jahre. 

Wird es reichen?

Die Klimatologin Susanne Nawrath vom Klimahaus Bremerhaven teilt sich mit Schubel die Bühne am ersten Klima-Abend. Sie sagt: „Bislang steigt das Meer schneller an, als wir jemals gedacht haben. Bei den Naturgewalten, die das Klima auf uns ausübt, ist es schwer zu sagen, ob wir das alles händeln können“. In einer Erklärung des Bundestags heißt es, das steigende Meer bedrohe in Deutschland rund drei Millionen Menschen, die in flachen Küstenregionen leben. 

Rund zwei Drittel der Küste Cuxhavens gelten als überflutungsgefährdet. Anwohner und Tiere werden von insgesamt 152 Kilometern Deichen geschützt. „Die Anpassung von Deichen kostet pro Kilometer mindestens eine Million Euro. Wahrscheinlicher sind 2 bis 3 Millionen mit allem drum und dran“, sagt Deichexperte Schubel. In ganz Niedersachsen sind es rund 1000 Kilometer Deich.

Wandel in der Unterwasserwelt

Krabbenfischer Hans-Robert Hinners fährt seit über einem Jahrzehnt von Cuxhaven aus zur See. Er sagt: „Wir kämpfen mit viel krasseren Stürmen als früher.“. Immer häufiger könne er mit seinem Kutter nicht auf die See fahren, weil sich Unwetter zusammenbrauen. In den vergangenen 30 Jahren wurden in Cuxhaven jährlich etwa 75 Sturmtage erfasst, also Tage an denen der Wind mit mindestens 62 Km/h blies, sprich Winstärke 8 Bft. Ob ein Fischer rausfährt, muss er selbst entscheiden, sagt deutsche Fischerei Verband. Es gebe keine Stelle, die Ausfahrverbote erteile, denn wie viel Sturm ein Schiff verträgt, sei sehr unterschiedlich.

Hinners kommt an jenem Abend ohne Eile zur Podiumsdiskussion ins Besucherzentrum: Er muss die nächsten Tage nicht rausfahren. Stürme sind aber nicht der Grund. Sein holländischer Großhändler hat Hinners drei Wochen Fangverbot erteilt, um die Krabbenpreise oben zu halten. 

Denn Hinners und die übrigen Krabbenfischer an der Nordsee fangen zurzeit unerwartet viel.

Hinners Krabben fühlen sich im wärmeren Wasser der Nordsee wohl. Blickt er auf seine  fünfzehnjährige Laufbahn als Krabbenfischer zurück, hatte er noch nie so viele Tiere im Netz wie jetzt. Auch sein Vater, von dem er seinen Job gelernt hat, beobachtet dieselbe Entwicklung. Laut Alfred-Wegner-Institut bei Helgoland hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren, von 1962 bis 2012, die Meeresoberflächentemperatur der Nordsee im Jahresmittel um 1,7 Grad erhöht. Die Erwärmung wird auch im Klimareport 2018 bestätigt. 2014 war mit 10,8 Grad im Durchschnitt das wärmste Jahr bisher in Niedersachsen war. In den Folgejahren blieb die Temperatur über der 10 Grad-Marke. Außerdem wird das Wetter immer extremer: Die Tage mit „sehr“ hohen Temperaturen haben laut Report zugenommen. Auch lang anhaltende Hitzeperioden seien häufiger aufgetreten. 

Während das neue Klima den Krabben bislang zu bekommen scheint, wird es den typischen Heringen in der Nordsee langsam zu warm. Sie werden seltener an Bord geholt. Dafür hat Hinners im Beifang immer mehr wärmeliebende Fische wie Sardinen und Sardellen – Fischarten, die eigentlich vor den Küsten des Mittelmeeres schwimmen. Auch die Plattfußkrabbe zieht er manchmal auf seinen Kutter – sie ist eigentlich südlich der Niederlande beheimatet und kam laut Biologen des Nationalparks Wattenmeer bis vor wenigen Jahren an der deutschen Küste überhaupt nicht vor. Arten verschwinden mit dem Temperaturanstieg des Meeres, neue kommen hinzu. „Ob ich in ein paar Jahren noch Krabben fischen kann – wer weiß das schon?“, sagt Hinners.

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Neue Arten, neue Probleme

Es ist ein warmer Sommermorgen, als die Kinder einer Schulklasse aus Bremerhaven barfuß durch das Watt laufen. Das norddeutsche Wattenmeer ist das größte der Welt – es erstreckt sich von den Niederlanden über die westdeutsche Küste bis hinauf nach Dänemark. Ein einzigartiger Lebensraum für unzählige Tierarten. Doch er ist bedroht: Jedes Jahr werde es heißer, erklärt eine Wattführerin den rund zwanzig Grundschülern. Im Sommer 2018 heizte sich das Wasser in den Prielen auf bis zu 30 Grad. Zu warm für viele Bewohner des Watts, die zu dieser Jahreszeit eigentlich an Temperaturen von rund 20 Grad gewöhnt sind. Ebenso wie in den Netzen des Krabbenfischers Hinners gerät auch die Welt des Watts aus ihren Fugen.

Die gemeine Miesmuschel zum Beispiel, die zur Saison mit Weißwein und Suppengrün auf deutschen Tellern landet, mag es bevorzugt kühl und feucht – so wie das „Moos“, der niederdeutsche Ursprung von „Mies“. Ihr Name beruht darauf, dass sie grün-braune Fäden spinnt, die sogenannten Byssusfäden, die Moos ähneln. Mit diesen Fäden heftet sie sich am Schlicksand fest. Miesmuscheln leiden gleich doppelt unter Hitze: Ihr wärmeliebender Konkurrent, die pazifische Auster, wandert nordwärts und besiedelt inzwischen viele von ihren angestammten Flächen. Außerdem können sich Miesmuscheln nur nach eisigen Wintern gut vermehren, weil bei Kälte junge Krebse, die sich wiederum von den Jungmuscheln ernähren, erst später erscheinen. 

Das Wattenmeer ist Lebensraum für unzählige Tierarten. Leider ist es auch vom Klimawandel bedroht. (Foto: CORRECTIV)

Die Schulkinder finden an diesem Morgen neben Miesmuscheln und Wattwürmern aber vor allem eines: Wattschnecken. Wattschnecken heften sich bei Flut unter die Wasseroberfläche und graben sich bei Ebbe in den Sand. Stoßen die Zweitklässler zunächst noch angewiderte Schreie aus, suchen sie schließlich mit der Schaufel nach dem Tier mit dem hoch gewundenen Gehäuse. Auch die Wattschnecke wird seltener: Immer mehr Kohlendioxid wird aus der Atmosphäre im Meerwasser gelöst; dadurch wird das Wasser saurer. Und die Kalkschale der Muscheln und Schnecken wird durch die zunehmende Versauerung brüchiger, beobachten Wattforscher.

 „Schade“, sagt ein kleines Mädchen aus der Schülergruppe mit der Naivität und Unschuld, wie man sie nur in diesem Alter haben kann. Denn welche Kettenreaktion hier im Kleinen beginnt, lässt sich als Kind nur schwer vorstellen.

Hungrige Schnäbel

Das Wattenmeer ist jedes Jahr Landeplatz von mehr als zehn Millionen Zugvögeln. Einer dieser Vogelarten ist der Knuttstrandläufer, von den Einheimischen kurz und liebevoll „Knutt“ genannt. Knutts pendeln zwischen den warmen Gefilden in Afrika und ihrer Brutstätte in Nordsibirien. Auf ihrer fast 4000 Kilometer langen Reise machen die Marathonvögel nur einen einzigen Halt – an der Nordsee. Dort müssen sie innerhalb weniger Wochen ihr Gewicht verdoppeln. Von 100 auf 200 Gramm. Was nicht viel klingt, ist überlebenswichtig für die Knutts, die nicht größer sind als eine Amsel. 

Wenn das Ökosystem durcheinander gerät, wird die Nahrung im Watt knapp. (Foto: CORRECTIV)

Normalerweise kamen die Zugvögel im Wattenmeer an, wenn dieses am meisten Nahrung anzubieten hatte: im späten Frühjahr, wenn sich gerade allerlei Kleinsttiere, Watt- und Schalenwürmer vermehrt hatten und die vom wochenlangen Flug abgemagerten Vögel aufpäppeln konnten. Die Cuxhavener Biologin Heike Niemann beobachtet, dass die Knutts nun immer früher im Wattenmeer ankommen. „Das Wattenmeer ist die Kinderstube und die Futterküche von zahlreichen Zugvögeln – mit der Temperaturerwärmung ändern sie ihre Route.“ 

Der Klimawandel lässt die Vögel zu anderen Zeiten ziehen, so dass sie oftmals kein Futter finden. Manche Vögel blieben zu schwach, um weiterzuziehen und ihre Brutgebiete beispielsweise in Sibirien, Grönland oder Skandinavien nie erreichen. 

Cuxhaven bewegt

Auch die Besucher unserer Klimawoche in Cuxhaven bewegt die Frage ihrer Mobilität. Sie scheitert aber nicht am Nahrungsangebot, sondern am Öffentlichen Nahverkehr. Immer wieder beschweren sie sich in den Diskussionen während unserer Klimawoche darüber, dass sie nicht wissen, ob ihr Bus nun käme oder nicht. Eine Dame über 80, die langsam und mit krummem Rücken zur Veranstaltung erschienen ist, vermisst in diesem Jahr ihren Bus. „Meine Linie fährt nicht mehr – und die nächste Station ist zu weit. Ich komme nicht mehr ins Zentrum“, sagt sie. 

Martin Adamski, Baurat und Klimabeauftragter der Stadt, verspricht mehr Busse und bald auch ein günstigeres Ticket für die Region: „Wir wollen langfristig den Autoverkehr mindern und mehr öffentlichen Nahverkehr einsetzen.“ Ganz vorne dabei ist Cuxhaven bereits mit seinem Wasserstoff-Zug, der zwischen Cuxhaven und Buxtehude fährt. Er wandelt Wasserstoff in einer Brennstoffzelle direkt in elektrische Energie um und hinterlässt statt Kohlendioxid, Ruß und Feinstaub lediglich ein paar Tropfen Wasser. Der solle doch bitte auch zwischen Hamburg, Bremen und Cuxhaven verkehren, wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger.

Außerdem hat sich in Cuxhaven ein Kreis für Radfahrer gebildet, die breitere Radwege fordern, insbesondere wenn die Touristen mit ihren Autos kommen, könne es eng werden. Die Cuxhavener wollen auf ihr Auto verzichten. 

Der Kampf gegen den Klimawandel wie auch seine Folgen fangen im Kleinen an. 

Alle Interviews mit den Gästen und Gesprächspartnern unserer Klimawochen finden Sie hier:

Bewertung: richtig

Ja, der Vater von Carola Rackete arbeitet auch in der Rüstungsindustrie

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Der Arbeitgeber von Ekkehart Rackete stellt ballistische Schutzsysteme für den zivilen und militärischen Einsatz her. (Symbolfoto: Pixabay/metaliza01)

von Hüdaverdi Güngör

In einem Artikel wird behauptet, Ekkehart Rackete der Vater der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, verdiene sein Geld in der Militärindustrie. Die Behauptung aus dem Artikel ist wahr.

Die österreichische Webseite Unzensuriert behauptet in einem am 30. Juni veröffentlichten Artikel, Ekkehart Rackete, der Vater von Carola Rackete, der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, verdiene sein Geld in der Militärindustrie.

Die Behauptung stützt sich auf ein Linkedin Profil, das zu Ekkehart Rackete gehören soll, und einen italienischen Medienbericht. Veröffentlicht wurde der Unzensuriert-Artikel mit dem Titel: „Besonders dreist: Vater von ‘Sea-Watch3’-Schlepper-Kapitänin ist reicher Militärsberater“. Der Artikel wurde auf Facebook-Seiten wie „Mein Deutschland“ oder „Alternative für Deutschland AfD Viersen“ insgesamt mehr als 900 Mal geteilt. Wir haben uns die Hintergründe angesehen.

Der Artikel wurde am 30. Juni veröffentlicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Fall der „Sea-Watch 3“ sorgt seit Tagen in Europa für Aufruhr und Diskussionen. Das Rettungsboot, unter der Leitung von Carola Rackete, wartete wochenlang auf eine Einfuhrgenehmigung in Italien. An Bord waren mehrere Migranten und Geflüchtete. Als die Genehmigung ausblieb, fuhr Rackete trotzdem den Hafen der italienischen Stadt Lampedusa an. Daraufhin wurde sie von der italienischen Polizei verhaftet. Mittlerweile ist sie wieder freigekommen

Unzensuriert.at wirft in dem Artikel einen Blick auf den Vater von Carola Rackete. Den beruflichen Werdegang wertet die Webseite als „besonders dreist“. Sowohl im italienischen Bericht von Il Giornale als auch im Artikel von Unzensuriert.at ist ein Link hinterlegt, der auf das Linkedin Profil von Ekkehart Rackete führen soll. Linkedin ist ein Netzwerk zur Pflege bestehender und zum Knüpfen neuer Geschäftskontakte. Für uns war das Profil nicht mehr aufrufbar.

Das LinkedIn Profil ist nicht mehr „vorhanden“.(Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook kursieren Screenshots, die das Profil von Ekkehart Rackete zeigen sollen. Laut Eigenbeschreibung auf dem Profil soll er unter anderem seit 30 Jahren in der Verteidigungsindustrie arbeiten. Als aktueller Arbeitgeber ist auf dem Screenshot des Profils die „Mehler Engineered Defence GmbH“ angegeben.

Das Bild soll angeblich das LinkedIn Profil von Ekkehart Rackete zeigen. (Screenshot CORRECTIV)

Die Mehler Engineered Defence GmbH stellt nach eigenen Angaben ballistische Schutzssysteme zum Beispiel Panzerungen für militärische und zivile Anwendungen her. Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigt die Mehler GmbH, dass Ekkehart Rackete dort beschäftigt ist. Weiter schreibt das Unternehmen dazu in einer Pressemitteilung per Email an CORRECTIV: „Herr Ekkehart Rackete unterstützt Vertriebsaktivitäten der Mehler Engineered Defence GmbH als freier Mitarbeiter zur Akquise von Neuprojekten.“ Rackete vertreibe demnach Produkte sowohl für zivile als auch für militärische Einsätze.

Rackete habe im Zuge seiner Tätigkeit aber zu keinem Zeitpunkt Waffen angekauft oder verkauft. Des Weiteren weist das Unternehmen darauf hin: „Entgegen der Darstellungen in den sozialen Medien und der Italienischen Presse werden bei der Mehler Engineered Defence GmbH keine Waffen entwickelt, hergestellt und/oder vertrieben.“

Die vollständige Pressemitteilung der Mehler Engineered Defence. (Screenshot: CORRECTIV)

Dennoch wirbt die Mehler GmbH auf ihrer Internetseite mit Bildern von Panzern, Munition und Kampfhubschraubern. Auf Nachfrage von CORRECTIV, welche Produkte der Firma auf den Bildern zu sehen sind, antwortet die Mehler GmbH: „Keine. Diese Bilder stehen repräsentativ für Anwendungsspektren unserer Schutzprodukte.“

Auf der Webseite werden die verschiedenen Produkte beworben. (Screenshot: CORRECTIV)

Einschätzungen von Experten

Sevim Dagdelen, stellvertretende Vorsitzende und abrüstungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, hält die Darstellung der „vermeintlich“ defensiven Schutzausstauttung für verfälschend: „Schutzpanzerungen erhöhen deutlich die Kampffähigkeit von Waffensystemen und ermöglichen bzw. verbessern deren Offensivfähigkeiten.“ 

Das vollständige Statement von Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch Dr. Simone Wisotzki, Wissenschaftlerin und Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Ich war auf der Webseite und würde die Aussagen der Firma allgemein unterstützen, dass es sich dabei um Defensivssyteme (Schutzsysteme) handelt, die keine Waffen sind, aber natürlich auch in Waffen (z.B. Panzer) verwendet werden können.“

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Die vollständige Einschätzung von Dr. Simone Wisotzki. (Screenshot: CORRECTIV)

Experten: keine Relevanz für Seenotrettung

Beide Experten äußern außerdem in ihren Einschätzungen gegenüber CORRECTIV unabhängig voneinander, dass die Tätigkeit von Ekkehart Rackete nicht relevant in der aktuellen Debatte um seine Tochter sei. Sevim Dagdelen schreibt dazu: „Ungeachtet dessen sind die Tätigkeitsfelder der Mehler Engineered Defense GmbH und die Vertriebstätigkeit von Herrn Ekkehart Rackete vollkommen irrelevant für die Bewertung des Seenotrettungseinsatzes der Kapitänin Carola Rackete.“ Deutlicher formuliert es die Wissenschaftlerin Dr. Simone Wisotzki: „Ich finde es mehr als verwerflich, der Tochter aus dem Job des Vaters irgendeinen Vorwurf zu machen.“

Unsere Bewertung:
Ja, Ekkehart Rackete arbeitet im erweiterten Sinne in der Rüstungsindustrie. Laut Auskunft des Unternehmens arbeitet er als freier Mitarbeiter im Vertrieb, sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich. Die Firma stellt zwar nicht direkt Waffen her, dafür aber Komponenten, die auch in Kriegsgeräten eingesetzt werden.

Bewertung: teilweise falsch

Sind Silvester-Vorfälle in Pforzheim Vorboten für ein düsteres Jahr 2019?

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Die Vorfälle an Silvester sollen die Vorboten für ein düsteres 2019 sein. (Foto: Trust "Tru" Katsande / Unsplash)

von Hüdaverdi Güngör

Eine Facebook Seite behauptet: „Fast 500 Migranten greifen Polizisten in Pforzheim an.“ In dem Beitrag dazu beschwört die Seite mit weiteren Behauptungen düstere Zeiten für Deutschland 2019. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Die Facebook-Seite „Hambacher Freunde“ postet am 3. Januar 2019 ein Bild mit der Aufschrift: „Silvester in Pforzheim. Fast 500 Migranten greifen Polizisten in Pforzheim an!“ Der Text dazu enthält weitere Behauptungen, die nicht oder nur teilweise stimmen. Zum Beispiel geht es um den Amokfahrer von Bottrop und Essen oder angebliche Aussagen einer Polizeigewerkschaft. Wir haben die Behauptungen überprüft.

Silvester in Pforzheim

Screenshot von Facebook

Mit großen Buchstaben und wenigen Worten auf einem Bild verkündet die Facebook-Seite einen angeblichen Angriff von 500 Migranten auf Polizisten in Pforzheim. Eine Quelle oder weitere Angaben fehlen. In dem Beitrag zu diesem Bild geht die Seite nicht weiter auf den Vorfall an.

Screenshot von Facebook

Zuvor hatte Bernd Gögel die Grafik gepostet, Gögel ist Landtagsabgeordneter und Fraktionschef der AfD Baden-Württemberg. Die Facebook-Seite „Hambacher Freunde“ hat in ihrer Version das Logo der AfD rausgeschnitten.

Laut Polizei hat es in der Silvesternacht mehrere Vorfälle in Pforzheim gegeben. In der Pressemitteilung drückt die Polizei sich jedoch nicht eindeutig aus: „In Anwesenheit von 500 Personen, zum großen Teil mit Migrationshintergrund, wurden Einsatzkräfte mit Feuerwerk beschossen.“ Weitere Formen von Angriffen auf Beamte habe es nicht gegeben, so die Polizei. Verletzt wurde niemand.

Auf die Frage, ob 500 Migranten an den Angriffen beteiligt waren, antwortet die Polizei: „Aus einer Gruppe von 500 Personen erfolgten einzelne Angriffe.“ Die Behauptung, fast 500 Migranten hätten Polizisten angegriffen, ist also übertrieben.

Screenshot aus einer E-Mail

CORRECTIV wollte auch wissen, wie die Polizei zu der Einschätzung gekommen ist, dass der Großteil der Anwesenden einen Migrationshintergrund hat. Die Pressestelle der Polizei verweist in einer Mail auf die Erfahrung der Beamten, Gruppierungen zuzuordnen,  zum Beispiel an bestimmten äußerlichen oder sprachlichen Merkmalen. Das ist für uns nicht überprüfbar.

Screenshot aus einer E-Mail

Amokfahrt in Bottrop

Als weiteres Symptom für angeblich drohende Unruhen erwähnt die Facebook-Seite die Amokfahrten in Bottrop und Essen in der Silvesternacht. Darüber kursierte das Gerücht, der Fahrer sei Bosnier. Dazu haben wir bereits einen Faktencheck veröffentlicht. Die Polizei hat mitgeteilt, dass Andreas N., der Fahrer, deutscher Staatsbürger ist. „Hambacher Freunde“ schreibt dazu, Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, habe „einen Bosnier zum ausländerfeindlichen rechten deutschen“ erklärt. Das stimmt so nicht, da der Mann kein Bosnier ist.

Dunkle Prognosen für 2019?

Weiter schreibt die Seite in ihrem Post (mit Rechtschreibfehlern): „Die Politik hat die Lage nicht mehr im Griff. Experten schätzen, das 2019 das Fass zum Überlaufen kommen könnte. Die Polizeigewerkschaft warnt schon seit Monaten. Deutschland ist zum Pulverfass geworden, darin sind sich Sicherheitsexperten einig.“

Tatsächlich hat die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPoIG) „düstere“ Aussichten, wie in ihrer Pressemitteilung vom 28. Dezember 2018 steht, die sie uns auf Anfrage zuschickten: „Die Deutsche Polizeigewerkschaft befürchtet eine Zunahme von Terror und Gewaltkriminalität und mehr Unsicherheit durch aggressive politische Auseinandersetzungen in Deutschland.“ Sie fordert deshalb, das Jahr 2019 müsse „das Jahr der inneren Sicherheit werden“.

Screenshot aus der Pressemitteilung

Es gibt aber noch zwei weitere Polizeigewerkschaften, die diese düsteren Einschätzungen nicht teilen.

Mit der Passage aus dem Facebook-Post konfrontiert, drückt sich der Bundesvorsitzende der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) deutlich aus: „Dieses substanzfreie Zitat ist mit hoher Sicherheit weder Vertretern des BDK noch echten ‘Sicherheitsexperten’ zuzuordnen.“

Screenshot aus einer E-Mail

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bestätigt, keine Einschätzung mit diesen Worten getätigt zu haben. Sie prognostiziert lediglich, dass sie auch in diesem Jahr wegen Personalmangel viele Überstunden machen müssen.

Screenshot aus einer E-Mail
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Behauptungen in dem Facebook-Post stimmen nicht oder nur teilweise.

Bewertung: teilweise falsch

Faktencheck über Angriffe in Brandenburg

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Angriffe von Migranten in Brandenburg: Der Polizei sind mehrere Fälle bekannt – nicht jedoch mit den Folgen, die der Facebook-Nutzer behauptet. (Symbolbild: cocoparisienne/pixabay)

von Hüdaverdi Güngör

Auf Facebook ruft ein Nutzer zu einer Demonstration in Neuruppin auf. Als Grund listet er drei Angriffe von Migranten gegen Deutsche. Die Angaben stimmen aber nur teilweise.

Ein Facebook-Nutzer postet einen Screenshot eines Facebook Beitrages. In diesem Beitrag erwähnt ein Facebook-Nutzer mehrere Vorfälle. Zum Beispiel verprügelten angeblich „Ausländer Kinder“ einen Schüler am 7. Januar 2018 „brutal“. „Ich sage es reicht“, schreibt der User und ruft zu der Teilnahme an einer Demonstration auf.

Screenshot von Facebook

Auf Anfrage von CORRECTIV bestätigte die Pressestelle der Polizei Neuruppin einen der drei Vorfälle. Der Vorfall ereignete sich jedoch nicht, wie im Beitrag erwähnt, 2018 sondern 2019. In den Kommentaren wurde auch darauf hingewiesen.

Angriff auf Schüler

Behauptung (mit Rechtschreibfehlern): „Gestern, am 07.01.2018 wurde in Neuruppin in der Fontane Schule der Sohn meiner Nachbarin brutal von von Ausländer Kindern b.z.w. Jugendlichen zusammen geschlagen. Er ist so schwer Verletzt das er in Neuruppin im Krankenhaus liegt.“

Laut Pressemitteilung der Polizei wollte ein 16 jähriger Tschetschene, einen 15 jährigen Schüler schlagen. Ein Lehrer verhinderte dies zunächst. Später jedoch stand ein 14 jähriger deutscher Schüler „Schmiere“ während ein weiterer unbekannter Tschetschene ins Klassenzimmer kam und den 15 Jährigen schlug. Aufgrund einer großen Beule am Kopf und Kopfschmerzen wurde der Schüler zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht.

Angriff auf Rentner

Behauptung (mit Rechtschreibfehlern): „In Rheinsberg wurde eine alter fast blinder alter Mann von Ausländer Kindern ins Koma geprügelt.“

Im Posting erwähnt der User auch einen weiteren Fall aus Rheinsberg, nicht weit von Neuruppin. Er behauptet, ausländische Kinder haben einen älteren fast blinden Mann ins Koma geprügelt.

Die Polizei kennt keinen Fall, in dem ein Rentner ins Koma geprügelt wurde, dafür einen, in dem ein Rentner und ein junger Mann leichtverletzt wurden. Bisher scheint es so, dass der Facebook-Nutzer den Fall zugespitzt hat.

Screenshot aus dem E-Mail Verlauf

Angriff auf deutsche Kinder

Behauptung (mit Rechtschreibfehlern): „In Lindow in der Schule wurden auch Deutsche Kinder von unseren sogenannten Flüchtlingskindern ins Krankenhaus befördert….“

Zuletzt erwähnt der Nutzer einen Fall aus einer Schule in Lindow. Kinder von Flüchtlingen hätten deutsche Kinder ins Krankenhaus befördert. Weitere konkrete Angaben macht er nicht. Konfrontiert mit seinen Zeilen konnte die Polizei dem Fall keine konkrete Anzeige zuordnen. Laut Pressestelle der Polizei gibt es zwar an einer Schule mehrere Strafanzeigen wegen Körperverletzung, aber nicht mit derartigen Folgen (Krankenhaus). Erneut spitzt der Facebook-Nutzer einen etwaigen Fall zu.

Screenshot aus dem E-Mail Verlauf
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die vom Facebook-Nutzer erwähnten Vorfälle haben möglicherweise alle einen wahren Ursprung. Doch der Nutzer gibt sie größtenteils übertrieben wieder.

Bewertung: falsch

Nein, der Amokfahrer von Bottrop war kein Bosnier

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weiterlesen 2 Minuten
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In der Silvesternacht fuhr ein Mann mehrere Menschen an. Sie mussten ins Krankenhaus gebracht werden. (Symbolbild: Hans/pixabay)

von Hüdaverdi Güngör

Auf Facebook kursiert die Behauptung, der Amokfahrer von Bottrop und Essen wäre Bosnier oder habe bosnische Wurzeln. Das ist falsch, es handelt sich bei dem Attentäter um den deutschen Staatsbürger Andreas N.

Auf Facebook finden sich mehrere Postings mit Aussagen wie: „‘Der ausländerfeindliche Deutsche’, der in eine Gruppe illegaler Einwanderer gefahren sein soll ist ein Bosnier mit deutschem Pass.“ Sie wurden tausendfach geteilt.

Screenshot von Facebook
Screenshot von Facebook

Zwar haben einige Nutzer in den Kommentaren darunter auf die falsche Meldung hingewiesen, dennoch wittern einige eine große Verschwörung. Ein Facebook-Nutzer kommentiert zum Beispiel, dass der Täter ein Muslim sein muss. Die Politiker würden die Menschen für Dumm verkaufen.

Screenshot von Facebook

Der 50-jährige Essener Andreas N. fuhr in der Silvesternacht mit seinem Auto mehrere Male in Gruppen von Menschen mit ausländischen Wurzeln. Die Angriffe waren mutmaßlich rassistisch motiviert: Polizei und Staatsanwaltschaft gingen laut Pressemitteilung „von einem gezielten Anschlag aus, der möglicherweise in der fremdenfeindlichen Einstellung des Fahrers begründet“ sei. Acht Menschen wurden verletzt. Die Staatsanwaltschaft Essen erließ einen Haftbefehl wegen mehrfachen versuchten Mordes.

Immer wieder behaupteten einige Facebook-Nutzer, der Amokfahrer sei Bosnier oder habe bosnische Wurzeln. Die Beiträge stehen noch so auf Facebook. Auf Nachfrage von CORRECTIV verweist die Pressestelle der Polizei Münster auf ihre Pressemitteilung vom 2. Januar. Aus der Pressemitteilung geht hervor, dass es Andreas N. deutscher Staatsbürger ist.

Es gab allerdings einen anderen Fall am 20. Dezember, nicht weit von Bottrop, in Recklinghausen. Ein 32 jähriger Mann aus Herten, mit bosnischer Staatsbürgerschaft, fuhr mit einem Auto in eine Menschenmenge. Er verletzte mehrere Menschen. Eine Seniorin starb. Laut Polizei gibt es Hinweise auf einen Suizid-Versuch.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der mutmaßliche Amokfahrer der Anschläge in Essen und Bottrop ist deutscher Staatsbürger, nicht Bosnier.

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Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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von Oliver Schröm , Niklas Schenck , Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Benjamin Schubert , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann , Simon Wörpel

Der Betrug: Früher flog Peter Stadtmann von Zeit zu Zeit nach München, um sich Fett absaugen zu lassen. Das muss er jetzt nicht mehr. Er ist begeistert: „Ich bin wieder total schlank.“ In Haft hat er fast 30 Kilogramm abgenommen. Kein Stressfressen mehr. Sein Leben wird kontrolliert – täglich ein Acht-Kilometer-Spaziergang, fünfmal in der Woche Kurse von gewaltfreier Kommunikation bis Kirchenkreis. Das gibt ihm Kraft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Primär geht es mir um meine Eltern und mich – alles andere kommt irgendwann.“ Das schrieb der Apotheker in Papieren, die Ermittlern vorliegen.

Damals, als Peter Stadtmann zum Fettabsaugen flog, war er ein anerkannter Bürger in Bottrop. Ihm gehörte die sogenannte Alte Apotheke. Er war einer, den die Leute grüßten. Ein Steuerzahler, ein Gönner. Heute sitzt er in Untersuchungshaft. Und tausende Menschen machen ihn für ihr Leid verantwortlich.

Peter Stadtmann hat einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik seit Contergan verursacht. Seine Geschichte ist ein Lehrstück – über Gier im Gesundheitswesen. Über den Mut von Einzelnen, nicht zu schweigen. Über Lokalpolitik. Über die Arroganz von Behörden und die Selbstherrlichkeit von Ärzten.

peter stadtmann alte apotheke

Peter Stadtmann vor der Alten Apotheke

CORRECTIV

Und auch darüber, wie ein weißer Kittel vor Strafverfolgung schützen kann. Denn Peter Stadtmann hat über 4.600 Menschen in sechs Bundesländern um ihre Krebsmedikamente betrogen. Damit hat er viel Geld verdient. Und Schaden verursacht. Allein bei den Kassen über 56 Millionen Euro. Er hat die Medikamente unterdosiert und verunreinigt und trotzdem den vollen Preis von den Krankenkassen kassiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Abrechnungsbetrugs. Und wegen versuchter Körperverletzung. Anfänglich nur in 27 Fällen. Aber das hat sich mittlerweile ausgeweitet. Am Montag, 13. November, beginnt der Prozess gegen Peter Stadtmann vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen.

Wir haben vier Monate lang mit fünf Journalisten in diesem Fall recherchiert. Für zwei Monate haben wir 50 Meter vom Tatort entfernt eine Lokalredaktion eröffnet. Weil dieser Fall wichtig ist. Weil er zeigt, was alles in der Krebsmedizin in Deutschland falsch läuft.

Wir muten Ihnen als Leser mit dieser Geschichte viel zu. Fast ein Buch. Es ist für uns wie für Sie ein Experiment. An manchen Stellen nicht perfekt. Aber nehmen Sie sich die Zeit und lassen Sie sich darauf ein. Denn wir glauben, es ist wichtig, dass wir hier einen Stand zusammentragen über alles, was bis jetzt bekannt ist. Wir wollen Ihnen die Details erklären und die Fakten deutlich machen. Damit Sie sich selber ein Bild machen können. Dabei ist uns bewusst, dass sich im Laufe der Zeit vor Gericht noch Sachverhalte genauer darstellen und erklären lassen werden. Dass Lücken in den Ermittlungen geschlossen und Versatzstücke dieses großen Puzzles ein größeres Bild zeigen werden.

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Bislang haben wir schon viel darüber geschrieben, was in diesem Prozess gegen Peter Stadtmann verhandelt wird. Wir haben über Krebspatienten geschrieben, über Zeugen und Ungereimtheiten. In dieser Geschichte schreiben wir auf, wie das System in der Alten Apotheke funktioniert hat.

Denn Stadtmann war nicht alleine. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen auf zwei Mitarbeiterinnen ausgeweitet. Der Apotheker schweigt beharrlich, will nichts zugeben – aber wir wissen, wie seine Verteidiger vor Gericht argumentieren wollen. Und der Fall geht weiter, als wir bisher vermutet hatten: der Apotheker lieferte auch nach Dänemark und Schweden. Außerdem können und werden mehr Betroffene als von der Staatsanwaltschaft gedacht, im anstehenden Prozess Nebenklage einreichen.

Fangen wir mit Bettina Neitzel (Name geändert) an. Sie wäre um ein Haar gestorben. Sie ist eine der Nebenkläger. Ihre Geschichte mit dem Krebs beginnt vor neun Jahren. Sie ist selbst Ärztin, hat oft mit Krebspatienten zu tun gehabt. Welche Nebenwirkungen die Behandlung hat, versteht sie erst als Patientin. Sie verträgt die Chemotherapie nicht gut, aber die Mittel wirken ab der ersten Sitzung. Ihre Tumormarker fallen kontinuierlich, am Ende der Therapie bleibt keine Spur des Tumors.

Als ihre Krankheit im Juli 2016 zurückkehrt, ist sie zunächst voller Hoffnung, dass sie den Krebs auch diesmal besiegen wird. Erstmals wird sie in Bottrop behandelt, zum ersten Mal kommen ihre Medikamente aus der Alten Apotheke. Stadtmann weiß, dass sie Ärztin ist. Als Neitzel einmal in die Apotheke kommt, gibt er ihr seine private Handynummer und sagt: „Sie können mich jederzeit anrufen, ich bin immer für Sie da.“

Der Gönner

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Stadtmann mit Startkelle

CORRECTIV

Damals dirigierte der Apotheker noch die Stadt Bottrop. An einem Samstag im Juni 2016 schlägt er vor seiner Apotheke zwei Holzlatten mit einem lauten Knall gegeneinander. Und auf sein Zeichen rennt die halbe Stadt los. Mädchen mit Ballerinaröcken halten sich an den Händen, ein Gehbehinderter donnert im elektrischen Rollstuhl übers Kopfsteinpflaster. Es ist der jährliche Spendenlauf für das Hospiz in Bottrop, der Apotheker ist der wichtigste Spender. Deshalb steht er in der regnerischen Innenstadt, die Arme mit der Startkelle noch immer über den Kopf gereckt. Zwischen seinem weißen T-Shirt und der weißen Hose schaut sein Bauch hervor.

Die Ziellinie des Spendenlaufs ist gleich neben der Alten Apotheke. Jedes Mal, wenn ein Läufer an ihm vorbeikommt, lässt Peter Stadtmann einen Euro in die Kasse fallen, die dem Hospiz zu Gute kommt, den Sterbenden, den hoffnungslosen Krebspatienten. Stadtmanns Apotheke ist die älteste in Bottrop, die beliebteste Apotheke und das einzige Haus im Umkreis, das man auf eine Postkarte drucken könnte: ein frischer, rosafarbener Anstrich, die Fenster stuckverziert. Was wäre Bottrop ohne dieses Haus, was wäre Bottrop ohne diesen Apotheker, der so viele Steuern zahlt und so viel spendet? Wahrscheinlich ein bisschen ärmer.

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Die Alte Apotheke in der Bottroper Hochstraße

CORRECTIV / Lennart Schraven

Am Ende des verregneten Sommertages sind mehrere zehntausend Euro Spenden zusammengekommen. Der lokale Radiosender macht ein Video für seinen Youtube-Kanal, die Reporterin holt Stadtmann vor die Kamera. Sein rundes Gesicht ist rot angelaufen. „Also sehen wir uns im nächsten Jahr hier wieder?“, fragt die Reporterin. „Wenn Sie dabei sind, gerne“, sagt er.

Bettina Neitzels hatte damals andere Sorgen. Ihre Stimme zittert, wenn die Ärztin von ihrem ersten Chemozyklus erzählt. „Erste Therapie: Nichts. Zweite Therapie: Nichts. Dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte Therapie: Nichts.“ Zu ihren Freundinnen sagt sie: „Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.“ Neitzels Tumormarker, sonst ein verlässlicher Indikator dafür, dass ihr Tumor kleiner wird, steigen von Mal zu Mal stärker. Alles unter 35 ist normal, Neitzels Werte klettern bald über 6000. Ihre behandelnde Onkologin rät zu einer zweiten Chemotherapie-Linie, die bei Neitzels erstem Rückfall gut angeschlagen hatte. Drei Sitzungen, keine Wirkung. Jedes Mal, wenn sie anrufen soll, um die Werte abzufragen, zittert sie, und jedes Mal werden die Werte schlechter. Ihr Tumormarker steigt auf 7000. Neitzel will aufgeben. „Ich war an einem Punkt, an dem ich gedacht habe: So, das war’s jetzt. Diesmal schaffst du das nicht.“

Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.

Ihre Ärztin startet noch einen letzten Versuch, eine Immuntherapie mit einem Antikörper, der für ihre Krebsart noch gar nicht zugelassen ist. Die Chancen bei solch einem sogenannten Off-Label-Use sind unbestimmt, aber die Kasse stimmt zu, und Stadtmanns Apotheke liefert die erste Infusion, im November 2016. Noch einmal schöpft Neitzel Hoffnung. Aber als nach drei Wochen die Blutwerte kommen, sind ihre Tumormarker noch einmal angestiegen, auf fast 12.000. „Ich habe meiner Familie gesagt: Das ist das letzte Weihnachtsfest, das ich erleben werde.“ Neitzel macht eine Bestattungsvorsorge. Sie will nicht, dass sich ihre Angehörigen darum kümmern müssen, wie und wo sie begraben wird.

Dann wird Peter Stadtmann festgenommen. Neitzel erinnert sich an den November-Tag 2016 wie andere an den 11. September 2001. Sie liest online von der Festnahme und den Vorwürfen gegen Stadtmann. Sie hat nicht den geringsten Zweifel: Der hat das mit mir gemacht. Vier Tage später kommt dieselbe Antikörpertherapie aus einer anderen Apotheke. Der Tumormarker fällt. Binnen weniger Tage. Von 12.000 auf 6000.

Neitzel hat mutmaßlich fast fünf Monate lang nur Kochsalzlösung bekommen. Ihre Tumormarker haben sich seither bei 6000 eingependelt, im Ultraschall sieht man: ihr Tumor verschwindet. Aber nun sind Lebermetastasen aufgetreten — und als Ärztin weiß sie, was das bedeutet: „Wenn man Lebermetastasen hat, ist eigentlich keine Chance mehr auf Heilung da. Ich werde eine verkürzte Lebenszeit haben. Das weiß ich auf jeden Fall.“

Das System

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Im Apotheker-Labor

NDR

Um zu verstehen, wie Stadtmanns Betrug möglich war, muss man zuerst verstehen, wie Krebsmedizin funktioniert. Knapp über 200 Apotheken in Deutschland mischen Krebsmedikamente, sogenannte Zytostatika. In diesen Apotheken gibt es ein Labor, das einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Wer hineingeht, muss seine Alltagskleidung gegen sterile Kleidung tauschen, eine Plastikhaube tragen, einen Mundschutz und Handschuhe. Das muss einerseits sein, um die Mitarbeiter selbst zu schützen. Denn die Wirkstoffe gegen Krebs sind giftig – im Körper eines gesunden Menschen schädlich. Aber auch die Krebspatienten muss man schützen, denn ein Körper, der eine Chemotherapie durchmacht, fährt das eigene Immunsystem fast komplett herunter. Ein kleiner Husten kann bei einem Krebspatienten zu einer Lungenentzündung werden. Also müssen die Medikamente steril sein. Denn sie gehen per Infusion direkt ins Blut. Ein Keim in der Lösung, hereingetragen in das Labor auf einem Stück unsauberer Kleidung, kann den Tod bringen.

TV-Dokumentation

Die 30-minütige NDR-Doku „Der Krebsapotheker“ entstand in Kooperation mit Panorama — die Reporter.

Peter Stadtmann stand nach Aussagen von Zeugen im Straßenanzug und mit seiner Labradorhündin in diesem Labor. Es wurden dort immer wieder Hundehaare gefunden. Peter Stadtmann war seine eigene Gesundheit, die der Mitarbeiter und vor allem aber die der Patienten offenbar egal.

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Stadtmann mit Hund

NDR

Stadtmann schweigt zu den Vorwürfen. Seine Anwälte beantworten die Fragen von CORRECTIV zu den Vorwürfen nicht.

Stattdessen wollen sie vor Gericht angreifen. Nach uns vorliegenden Informationen argumentieren die Anwälte dort unter anderem, dass die Zeugen schlicht nicht glaubhaft seien. Auch könne man aus einem möglichen Einzelfall nicht auf eine gängige Praxis schließen. Zudem gebe es keinen Nachweis, dass Infusionen tatsächlich verunreinigt waren.

Solche Sätze sind schwer zu schlucken: für tausende Patienten, die bundesweit mit den Krebsmedikamenten von Stadtmann behandelt wurden. Genauso für ihre Angehörigen.

Weil jeder Krebspatient eine andere Behandlung braucht, mischen Apotheker die Medikamente individuell an. Je größer und schwerer der Patient, desto mehr Wirkstoff braucht er. Der Apotheker mischt anhand des Rezepts den Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung. Weil die Wirkstoffe schon nach wenigen Stunden zerfallen oder gekühlt werden müssen, sollte die Apotheke in der Nähe der Arztpraxis sein, in der ein Patient die Infusion bekommt.

Im Prozess gegen Peter Stadtmann geht es um 61.980 Infusionen, die möglicherweise gepanscht waren; die er an Patienten verkauft und ihnen so heilende Wirkstoffe vorenthalten haben soll. Die Staatsanwaltschaft in Essen führt als einen Beweis die Buchhaltung der Alten Apotheke an. Aus ihr geht hervor, dass Stadtmann deutlich weniger Krebsmedikamente einkaufte, als er angeblich verkaufte und bei den Krankenkassen abrechnete.

Wie einfach es für ihn war, an jeder Dosierung hunderte Euro mehr zu verdienen, sieht man zum Beispiel am Wirkstoff Trabectedin, der zur Behandlung von Eierstockkrebs eingesetzt wird. Trabectedin kostet über 2.000 Euro pro Milligramm. Ein Erwachsener braucht pro Behandlung etwa zwei bis drei Milligramm. Wenn ein Apotheker nur etwas weniger in den Infusionsbeutel füllt, merkt das niemand. Und der Gewinn liegt bei einigen hundert Euro. Der Patient, sein Arzt und unser Gesundheitssystem vertrauen dem Apotheker, seiner Berufsethik, seiner Integrität. Wirksame Kontrollen gibt es bislang kaum.

Und dann gibt es noch eine Besonderheit: Bei Krebsmedikamenten darf der Patient im Gegensatz zu anderen Rezepten nicht selbst aussuchen, in welche Apotheke er geht. Der Arzt sendet die teuren Rezepte direkt an einen Apotheker seiner Wahl. Rezepte, die viel Geld wert sind. Eine einzelne Therapie mit modernen Antikörpern kann schon mal 100.000 Euro kosten.

Kein Bereich im deutschen Gesundheitswesen bietet so viel Potenzial für mafiöse Strukturen wie das Geschäft mit Krebsmedikamenten. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Studien besagen: In ein paar Jahren wird jeder zweite Deutsche im Alter an Krebs erkranken. Die Branche setzt jedes Jahr vier Milliarden Euro um. Diesen Markt teilen sich ein paar Dutzend Pharmahändler, 1.500 niedergelassene Onkologen und Hämatologen sowie die knapp über 200 Apotheker, die Krebsmedikamente herstellen dürfen.

Ein Eldorado für gierige Apotheker.

Peter Stadtmann ist sicher nicht der einzige Kriminelle im Krebsgeschäft. Und bei Weitem nicht der erste. Das ARD-Magazin „Panorama“ dokumentierte schon im vergangenen Jahr, wie Apotheker und Pharmahändler versuchten, einen Hamburger Onkologen zu bestechen. Sie wollten seine Patienten beliefern.

Wir verfolgen dieses System der Krebsmafia mit Oliver Schröm und Niklas Schenck weiter.

Die Kindheit

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Aufnahme aus der Kindheit

Martin Porwoll

Der Sprecher der Stadt Bottrop, Andreas Pläsken, sagte noch im September 2017 in einem Interview, Stadtmann „stammt aus einer Apotheker-Dynastie, er war für mich jemand, der den Ethos eines Apothekers mit der Muttermilch aufgesogen hatte.“

So viel stimmt: Stadtmann stammt aus einer reichen Apotheker-Familie. Beliebt war er trotzdem nicht.

In der Schule saß Stadtmann in der ersten Reihe. Die coolen Kinder saßen dahinter. Sie lachten über seinen Prinz-Eisenherz-Haarschnitt oder über die Pullunder, die er zu karierten Hemden trug. Das war Anfang der 80er-Jahre, als die Jungen anfingen, Lederjacken und Vanilla-Jeans zu tragen. Stadtmann trug Bundfaltenhosen und bewegte sich darin ungelenk. Die anderen Jungs spielten Fußball oder rauften auf dem Schulhof. Stadtmann konnte nicht mithalten. Er versteckte sich, und schwieg, wenn er angesprochen wurde. Er konnte sich gegen die anderen nicht wehren, denn er war als Kind schon etwas übergewichtig.

Zwei Mitschüler erinnern sich an einen Geburtstag von Stadtmann, auf den sie eigentlich nie eingeladen waren. Sie gingen durch die Fußgängerzone, sahen ihn, das Einzelkind, mit seinen Eltern in der Eisdiele gegenüber der Alten Apotheke sitzen. Die Eltern holten die beiden Schüler an den Tisch, bestanden darauf, dass sie sich zu ihrem Sohn setzen. Dann bestellten sie Eis für die Kinder. Eine Geburtstagsfeier ohne Spiele, Kuchen, Tänze, Geschenke, Tobereien. Nichts, was hätte vorbereitet, geplant, aufgebaut werden müssen. Stattdessen Eis in einer Eisdiele mit zufällig dazu geholten Kindern.

Jahre später ist Stadtmann ein angesehener Apotheker, das Kennzeichen seines BMW X5 ist „Bottrop-AA 111“, das doppelte „A“ steht für „Alte Apotheke“. Er definiert sich über Geld und Statussymbole. Bei einem Gespräch mit einem Schulkameraden erfährt er, dass ein gemeinsamer Bekannter aus der Schulzeit geheiratet hat. Stadtmann will das nicht glauben. „Der hat nicht geheiratet“, sagt er, „höchstens eine Krankenschwester.“ Nein, antwortet der Schulkamerad, eine Ärztin. Und Peter Stadtmann ist verwirrt. „Der hat doch gar nicht so viel Geld. Der kann höchstens eine Krankenschwester heiraten.“

Wenn seine Eltern auf eine lange Kreuzfahrt fuhren, verlor Stadtmann den starren, angespannten Blick, den er sonst als erwachsener Mann meistens hatte, erinnert sich eine Bekannte aus dem Familienkreis. Ohne die Eltern habe er entspannt gewirkt, sagt die Bekannte, er sei „charmant und weltmännisch, ja geradezu witzig“, gewesen. Sobald seine Eltern zurück waren, entflog diese Leichtigkeit, als sei „eine Klappe gefallen“.

Die Eltern

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Das Signet der Alten Apotheke

CORRECTIV / Lennart Schraven

Sein Vater gilt in Bottrop als freundlicher Mann. Keiner in der Stadt kann glauben, dass er von den Machenschaften seines Sohnes gewusst haben könnte. Der hätte sich nicht weggeduckt, sagen sie. Doch es gibt Fragezeichen.

Der Vater hat seit Anfang des Jahres eine Generalvollmacht von Peter Stadtmann. Er verwaltet seit dessen Verhaftung das Vermögen seines Sohnes. Und er versucht, Spuren seines Sohnes zu verwischen. Weil die Staatsanwaltschaft die Buchhaltung als Beweis für die Unterdosierung nimmt, versucht der Vater im Nachhinein, die Buchhaltung zu korrigieren: So hat er nach Informationen von CORRECTIV in einem Fall die Angaben eines Lieferanten der Alten Apotheke hinterfragt. Er bat ihn, Wirkstoffe nachzumelden, die angeblich an die Alte Lieferung gegangen seien, aber nicht registriert wurden.

Der Lieferant meldet daraufhin tatsächlich wenige Milligramm einer Dosierung nach, die bis dahin nicht erfasst wurden. Doch dies bleibt in dem Verfahren ohne Wirkung. Die Ermittler halten die Korrektur nicht für entscheidend. Aus ihrer Sicht fehlten so große Mengen in der Buchhaltung, dass es auf die wenigen Milligramm nicht ankommt.

Peter Stadtmann übernahm die Alte Apotheke im Jahr 2009 von seiner Mutter. Die Mutter ist auch jetzt wieder Besitzerin der Alten Apotheke. Nach Aussage ihrer Anwälte hat sie nichts mit den gepanschten Medikamenten zu tun. Ein ehemaliger Angestellter der Alten Apotheke, erinnert sich, dass die Mutter einmal sagte, sie hätte ihrem Sohn die Apotheke nie geben sollen.

Die Verteidigung

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Stadtmann wird verhaftet

NDR

Ihr Sohn steht jetzt vor Gericht. Die Beweise für ein systematisches Strecken der Infusionen mit Krebsmedikamente sind erdrückend. Mathematisch genau ist anhand der Buchhaltung ausgerechnet, dass Stadtmann weniger Wirkstoffe eingekauft hat als ausgegeben.

Dazu kommen die Ergebnisse der Razzia in der Apotheke vom  29. November 2016. In der Apotheke herrschte Chaos. Keines der aufgefundenen Präparate war ordnungsgemäß beschriftet. Das Herstellungsdatum fehlte durchweg. Das ist ein Problem: Krebsmedikamente sind nur kurz haltbar und müssen schnell nach der Zubereitung verabreicht werden.

Auf einer Arbeitsplatte im Labor fanden die Polizisten Plastikkoffer. Darin lagen Krebsmedikamente, die nicht wie eigentlich vorgeschrieben, gekühlt waren. Sie standen wohl schon seit dem Vorabend dort. Die Koffer waren an verschiedene Praxen adressiert, in denen die Patienten mit den Infusionen behandelt werden sollten. Neben der Arbeitsplatte brummten drei Kühlschränke. Unter der Arbeitsplatte standen zwei weitere. Doch da hatte niemand die Koffer hineingestellt.

Ein halbes Dutzend Transportwannen stand im Vorraum des Zytolabors. Darin Blätterberge aus Herstellungsprotokollen. Das sind wichtige Dokumente. Jeder Apotheker, der Krebsmedikamente mischt, muss sie aufbewahren und bei Bedarf zeigen – auch, falls Patienten danach fragen.

Die Ermittler beschlagnahmten 117 Infusionen darunter auch 29, die monoklonale Antikörper enthalten sollten. Das sind besonders wirkungsvolle – und besonders teure – Mittel gegen Krebs.

Die Ermittler ließen alle Arzneien untersuchen. Das Ergebnis: Bei den monoklonale Antikörper war nur in einer von 29 Proben auch der geforderte Wirkstoffgehalt. In etlichen dieser Mischungen war oft nur gerade soviel Wirkstoff, dass Patienten Nebenwirkungen spürten. Anders gesagt: Sie erbrachen, wurden aber nicht geheilt. Von den insgesamt 117 Arzneien, die die Polizei sicherstellte, waren 66 falsch angemischt, darunter zum Beispiel Mittel gegen Übelkeit. Einige Infusionen beinhalteten gar keinen Wirkstoff, in fünf Medikamenten war ein anderer Wirkstoff als verordnet (Infografik).

Untersucht haben die Proben das Landeszentrum für Gesundheit in NRW und die Infusionen mit Antikörper das Paul-Ehrlich-Institut in Hessen.

Wie argumentiert man gegen eine solche Beweislast? Wir haben Peter Stadtmann angeschrieben und über seinen Anwalt gefragt. Wir haben keine Antworten bekommen.

Allerdings haben wir Unterlagen gefunden. Papiere, aus denen die Strategie der Verteidiger klar wird. Sie setzen auf Attacke. Sie bezweifeln die Buchhaltung der Alten Apotheke  und die Wissenschaftlichkeit der Analysen der bei der Razzia sichergestellten Infusionen. Die Verteidiger geben notfalls kleinere Vergehen zu, um Stadtmann vor dem Vorwurf zu schützen, tausenden Patienten lebensrettende Medikamente vorenthalten zu haben. Es sind Sätze wie bittere Pillen – schwer zu schlucken. Wir haben sie zusammen gefasst:

Buchhaltung stimmt nicht

Die Buchhaltung der Alten Apotheke und die der Lieferanten hätten nach Ansicht der Verteidiger nicht gestimmt, der tatsächliche Warenbestand an vorhandenen Krebsmittel sei gar nicht verzeichnet gewesen. Folgender Warenbestand fehle in der Buchhaltung der Alten Apotheke:

  • Die Zytostatika aus den Jahren von 2001 bis 2012, die in der Apotheke noch gelagert hätten
  • Überfüllungen und Restmengen aus angebrochenen Packungen
  • Warenlieferungen, die nicht verzeichnet wurden – zum Beispiel aus Schwarzeinkäufen
  • Abgelaufene und beschädigte Zytostatika seien faktisch nicht an die Hersteller zurückgeliefert worden. Sie wurden nur auf dem Papier zurückgebracht, um Geld zu kassieren, tatsächlich seien sie aber in der Alten Apotheke weiter verwendet worden.
  • Die Dokumentation der Hersteller sei fehlerhaft. Sie hätten mehr an die Alte Apotheke geliefert, als in ihren Büchern stünde.

Diese Punkte der Verteidigung erscheinen den Ermittlern als Unfug. Bei den angegebenen Summen seien die Mengen viel zu gering, die Stadtmann auf dem Schwarzmarkt eingekauft oder aus Überfüllungen genutzt haben will. Zudem sei die Vielfalt der gepanschten Mittel viel zu groß, als dass man sie mit diesen einzelnen, krummen Geschäften erklären könne. Insgesamt haben die Ermittler festgestellt, dass Peter Stadtmann bei 35 Wirkstoffen weniger als die Hälfte der verkauften Menge eingekauft hatte. Von dem besonders teuren Wirkstoff Trastuzumab soll er sogar weniger als ein Fünftel der verkauften Menge vorher auch tatsächlich besorgt haben.

Ankäufe auf Schwarzmarkt

Die Verteidiger sagen, Peter Stadtmann habe mit Privatentnahmen aus der Kasse der Alten Apotheke von mindestens einem Pharmavertretern Zytostatika billig aus dem Kofferraum gekauft und zwar aus einem Wagen, der im Parkhaus stand. Dieser Schwarzhandel sei nicht verbucht worden. 2014 soll er unter anderem für diese Geschäfte über 200.000 Euro aus der Kasse der Apotheke genommen haben. Das Bargeld für den Einkauf sei aber versteuert worden.

Razzia nicht beweiskräftig

Die Anwälte von Peter Stadtmann behaupten, die bei der Razzia beschlagnahmten Infusionen seien kein Beweis gegen ihren Mandanten. Da die Infusionen die Apotheke nicht verlassen hätten, habe Peter Stadtmann sie noch nicht freigegeben. Er hätte sie noch richtig anrühren können. Und aus diesem Grund könne er nicht wegen versuchter Körperverletzung verurteilt werden.

Außerdem sagen die Anwälte, es sei gar nicht nicht möglich, das Konzentrat von Zytostatika in Infusionen nachträglich zu bestimmen. Sie legen ein Gutachten vor, das belegen soll, dass die Untersuchungen des Landeszentrum Gesundheit NRW und des Paul-Ehrlich-Institut keine Beweiskraft hätten.

Den Angaben der Stadtmann-Anwälte widerspricht die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Institutes. Im Europäischen Arzneibuch seien die Methoden beschrieben, mit denen es möglich sei, „monoklonale Antikörper zweifelsfrei in den Infusionsbeuteln nachzuweisen“, schreibt die Sprecherin des Institutes. Anders ausgedrückt: die Anwälte fabulieren Unfug.

Keine echten Zeugen

Die Anwälte sagen, es gebe keine Zeugen, die gesehen hätten, dass Stadtmann Medikamente gestreckt habe. Er habe schließlich regelmäßig alleine gearbeitet. Es gebe auch niemanden, der schwören könne, dass er seine Mitarbeiter angewiesen habe, Medikamente zu strecken.

Hier geben die Verteidiger von Peter Stadtmann zu, dass ihr Mandant gewohnheitsmäßig gegen das vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip verstoßen hat.

Verstöße wegen Zeitersparnis

Die Anwälte von Peter Stadtmann sagen, er habe bevorzugt in den frühen Morgenstunden alleine in seinem Labor gearbeitet, um Zeit zu sparen. Dass Stadtmann dabei gegen das gesetzlich vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip bei der Herstellung von Zytostatika verstoßen hat, nehmen die Verteidiger hin. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Alten Apotheke hatten ausgesagt, dass Stadtmann gewohnheitsmäßig früh morgens allein im Labor gearbeitet habe. Die Verteidiger sagen, Peter habe dies nicht getan, um ungestört Medikamente strecken zu können.

Nachdem die Richter am Landgericht Essen die Schriftstücke der Verteidigung gelesen hatten, ließen sie die Anklage gegen Peter Stadtmann zu. Der zuständige Richter ging dabei sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

Die Staatsanwaltschaft hatte nämlich nur die Patienten zur Nebenklage zugelassen, deren Infusionen bei der Razzia sichergestellt wurden. Die anderen Patienten erhielten im Sommer 2017 einen Brief von der Staatsanwaltschaft, dass ihre Strafanzeige abgelehnt worden sei. Dabei stützte sie sich auf ein Gutachten, das sagt, man könne nicht von dem Einzelfall darauf schließen, dass tatsächlich alle Medikamente gestreckt gewesen seien.

Der Richter dagegen lies weitere Nebenkläger zu. Bis heute über 17 Menschen. Ein kleines Mädchen, das seine Mutter an den Krebs verloren hatte, sorgte für den wichtigsten Riss in der Mauer der Staatsanwaltschaft. Der Richter entschied, dass auch sie als Tochter einer Frau, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen hatten und verstorben war, als Nebenklägerin zugelassen werden müsse. Sie sei genauso wie ihre Oma eine Angehörige eines möglichen Gewaltopfers. Ein Durchbruch: Hunderte, tausende Betroffene können nun eine Nebenklage anstreben. Und noch etwas ist damit klar: Es wird im Prozess nicht mehr nur um einen Abrechnungsbetrug gehen, es geht um wesentlich mehr. Aber dazu später.

Die Ausweitung

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NDR

Als Peter Stadtmann verhaftet wurde, war die Alte Apotheke ein Riesenbetrieb mit 60 Mitarbeitern – vom Fahrer bis zum Pharmazeutischen Assistenten, die im Zytolabor arbeiteten. Auf den beschlagnahmten Unterlagen fanden die Ermittler auch die Namen von zwei Mitarbeiterinnen. Sie waren neben Stadtmann für die gepanschten Infusionen verantwortlich. Für 21 der fehlerhaften Proben unterzeichnete die pharmazeutisch-technische Assistentin S., für zwei weitere ihre Kollegin G.

An dieser Stelle wurde den Ermittlern klar, dass es bei dieser Geschichte nicht nur um einen einzigen kriminellen Apotheker geht. Der Fall der Alten Apotheke zeigt, was Menschen für Geld zu tun bereit sind.

Oder zwang Stadtmann seine Mitarbeiterinnen, die Mischungen zu panschen? Steht ihr Name fälschlicherweise unter den Protokollen? Eine Zeugin sagt, dass es nahezu unmöglich sei, die Herstellungsprotokolle und Unterschriften zu fälschen. Wurden die Medikamente also bewusst gestreckt? Wir haben versucht, mit S. zu sprechen, sind zu ihrer Wohnung gefahren. Sie wollte nicht mit uns sprechen. Einen Tag später rief uns ihr Anwalt an. Wir sollen den Kontakt zu seiner Mandantin unterlassen. Die Bottroper Apothekenangestellte wird von einem Düsseldorfer Strafverteidiger vertreten.

Eine Mauer des Schweigens hat sich um die Alte Apotheke gelegt. Angestellte der Apotheke verweigerten reihenweise die Aussage vor den Ermittlern. Sie sagen, sie könnten sich selbst belasten. Wir erfahren aus dem Umfeld der Alten Apotheke, dass Peter Stadtmann seine Mitarbeiter in der Regel 20 Prozent über Tarif bezahlt haben soll. Dazu habe es großzügige Schenkungen gegeben. Die Assistenten hätten in manchen Monaten 6.000 Euro netto verdienen können.

Noch heute arbeiten S. und G. in der Alten Apotheke – so steht es zumindest in einem Schreiben der Anwälte aus der Kanzlei Höcker, die über ein dutzend Mitarbeiter der Alten Apotheke vertreten. Das Schreiben liegt uns vor. Die Anwaltskanzlei Höcker arbeitet nicht nur für die vielen Mitarbeiter aus der Alten Apotheke. Sie ist auch schon für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und diverse AfD-Politiker aktiv geworden. Wir haben die Mutter gefragt, warum sie die Labormitarbeiterinnen S. und G. noch bezahlt. Wieder antworteten die Höcker-Anwälte, diesmal im Namen der Mutter. Sie schrieben, dass sich die Mutter an der „Unschuldvermutung“ orientiere – auch wenn Ermittlungen gegen die Mitarbeiterinnen liefen. Mit anderen Worten: Die Mutter sieht keinen Grund S. und G. zu feuern, auch wenn ihre Unterschriften auf gepanschten Medikamenten prangen.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

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Der Großhandel

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Hüdaverdi Güngör

Die Ermittler fanden auch heraus, dass die Alte Apotheke unter Stadtmann nebenher noch einen nicht genehmigten – und damit illegalen – Großhandel für Arzneien betrieb. Und zwar im internationalen Maßstab.

Der Apotheker kaufte zum Beispiel bei der Essener Firma Noweda Antikörper im Millionenwert ein, ließ sie in Schleswig-Holstein umverpacken und weiter nach Dänemark und Schweden verkaufen. Die Bezirksregierung Düsseldorf behauptet, dass die Packungen der Medikamente unversehrt gewesen seien. Das heißt, Stadtmann hätte diese Wirkstoffe gar nicht gepanscht haben können. Eine unabhängige Prüfung der betreffenden Medikamente hat es aber nicht gegeben.

Stadtmann genoss einen Sonderstatus bei Arzneimittelhändlern. Vor allem bei Noweda. Stadtmanns Monatsumsatz wird in den Papieren des Händlers auf etwa 600.000 Euro beziffert, so dass Noweda ihm schließlich das Sonderrecht einräumte, alles wieder eintauschen zu können. Egal woher es kam. Sogar Produkte, die Peter Stadtmann woanders gekauft hatte.

Damit machte er Geld: Er verkaufte nicht nur Medikamente ins Ausland. Er bezog sie auch von ausländischen Händlern und schickte sie als so genannte Retoure an Noweda. Und Noweda zahlte ihm dafür den deutschen Katalogpreis zurück. Man kann sich das so vorstellen, als könnte man in einem holländischen Marken-Outlet hundert Paar Schuhe zu einem reduzierten Preis einkaufen und diese dann anschließend zum vollen Preis in einer deutschen Filiale zurückgeben – ohne Kassenbon. Denn für die meisten seiner Retouren legte Stadtmann nicht einmal einen gültigen Lieferschein vor.

Neben Krebsmedikamenten retournierte Peter Stadtmann auch gängige Produkte. Allein im Februar 2016 schrieb Noweda ihm 240.000 Euro für Arzneimittelretouren gut. Mit dabei: rund 2.700 Fläschchen Nasenspray.

Die Anwälte von Stadtmann behaupten, dass diese Retouren bei Krebsmedikamenten nie wirklich stattgefunden hätten. Sie sagen, dass ihr Mandant nur so getan habe, als schicke er Medikamente zurück an die Großhändler. In Wahrheit habe er sie aber in der Apotheke weiterverarbeitet. Es sei auch möglich, dass die Alte Apotheke bei der Herstellung der Krebsmedikamente auf Vorräte zugegriffen hätte, die sich von 2001 bis 2012 angesammelt hätten. Abgelaufene Medikamente.

Wie gesagt: Krebsmedikamente sind nur sehr kurz haltbar, sie zersetzen sich. Und können danach zum Gift werden.

Die Dimension des Verfahrens ist kaum zu erfassen. Die nackten Zahlen wirken steif und ungelenk. Man möchte wegschauen und diese Details am liebsten überlesen.

Nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft hat Peter Stadtmann von 2012 bis 2016 insgesamt 4661 Patienten mit Krebsmedikamenten versorgt – seine Lieferungen gingen an 38 Ärzte in sechs Bundesländern. Aber der Apotheker hat nicht erst 2012 angefangen, Krebsmedikamente zu mischen. Die Staatsanwaltschaft legt sich auf diesen Zeitraum fest, weil die Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs laufen, und der verjährt schon nach fünf Jahren.

Doch hinter den Zahlen verbergen sich tausende Schicksale wie das von Bettina Neitzel. Sie liebt es mit ihrem Hund durch den Bottroper Stadtpark zu laufen. Jeden Tag eine Runde. Sie ist gerne bei ihrem Mann, ihrer Familie. Sie lacht gerne. Und sie leidet, weil sie weiß, dass sie gepanschte Krebsmittel bekommen hat, die vielleicht ihre Lebenszeit verkürzt haben.

Seit 2001 soll Stadtmann in der Alten Apotheke Krebsmedikamente angemischt haben. Das geht aus Unterlagen hervor, die den Ermittlern vorliegen. Die Zahl der Patienten, die seitdem Bottroper Medikamente bekommen haben, reicht an die 10000. Bis 2009 war die Mutter von Stadtmann verantwortlich für die Alte Apotheke. Doch: „Während der Zeit, in der unsere Mandantin die Betriebserlaubnis für die Alte Apotheke besaß, ist es nach Kenntnis unserer Mandantin zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen“, sagen ihre Anwälte aus der Kanzlei Höcker.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

Als ihr Sohn bereits im Gefängnis war, übernahm die Mutter die Apotheke wieder – wie genau sie das gemacht hat, erklären wir später. Als neue Inhaberin rief sie die Privatpatienten an. Sie erinnerte daran, dass noch Rechnungen für Krebsmedikamente offen seien. Krebsmedikamente, die ihr Sohn wahrscheinlich gepanscht hatte.

Die Alte Apotheke in Bottrop hat tausende Menschen beliefert, deren Angehörige sich heute fragen, warum das niemand gemerkt hat. Warum der Betrug nicht schon Jahre früher aufgefallen ist. Und warum kein Mitarbeiter etwas gesagt hat. Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst die Geschichte der Menschen kennen, die Peter Stadtmann auffliegen ließen: Martin Porwoll, der die Anzeige stellte. Und Marie Klein, die den letzten Beweis lieferte.

Die Whistleblower

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Die Whistleblower

CORRECTIV / Anna Mayr

Im August 2014 wird Martin Porwoll kaufmännischer Leiter der Alten Apotheke. Porwoll ist wie jeder andere Buchhalter: Man sieht ihm seinen Beruf nicht an. Er trägt ein Hemd und eine Brille mit schwarzem Rand, er fällt nicht auf. Aber er ist ein Ur-Bottroper, war mit Stadtmann auf dem Gymnasium. Bottrop hat fast 120.000 Einwohner, aber manchmal fühlt es sich an, als wären es nur 120.

Porwoll erledigt ab 2013 kleine Aufgaben für den Apotheker, später gibt Stadtmann ihm einen Vollzeitjob. Davon, was im Labor passiert, bekommt Porwoll in seinem Büro nichts mit. Es gehört allerdings zu seinen Aufgaben, Mitarbeitergespräche zu führen. Und als Ende des Jahres 2014 zwei Kolleginnen plötzlich gleichzeitig kündigen, hört er zum ersten Mal davon, was Stadtmann heute vorgeworfen wird.

Beide Kolleginnen arbeiten im Labor – dort, wo die Krebsmedikamente gemischt werden. Im Gespräch mit Martin Porwoll klagen sie über die Hygiene. Und sie sagen, dass Peter Stadtmann die Medikamente unterdosiere.

Im Labor der Apotheke war das bekannt. Aber sonst hat es niemand mitbekommen. Weil in Deutschland keine Behörde kontrolliert, ob die Krebs-Apotheken die Infusionsbeutel wirklich mit Medikamenten befüllen. Hygiene-Kontrollen gibt es, aber nur alle drei Jahre, meist mit Ankündigung.

Es wäre einfach, Infusionen unangekündigt zu kontrollieren. Jeden Tag gibt es Infusionen, die nicht beim Patienten ankommen. Zum Beispiel, weil der Patient krank ist und nicht stark genug. Diese Infusionen gehen zurück in die Apotheken. Man könnte sie aber auch zur Analyse ins Gesundheitsamt schicken. Dass man damit kriminelle Apotheker überführen kann, dafür ist diese Geschichte ein Beispiel. Aber dazu später.

Was die Kolleginnen ihm erzählen, ist für Porwoll unfassbar. Er hält es erstmal für ein Gerücht. Gerüchte holt man heraus, wenn man sie braucht – zum Beispiel in einem Kündigungsgespräch, um den ungeliebten Chef anzuschwärzen.

Im Sommer 2015 bekommt Porwoll eine neue Büro-Nachbarin: die pharmazeutisch-technische Assistentin Marie Klein, seit ein paar Monaten Mitarbeiterin im Labor. Sie ahnt längst, das dort etwas nicht in Ordnung ist. Dann fassten die anderen Kollegen Vertrauen zu ihr. Sie erinnert sich, dass über Medikamente getuschelt wurde, die abgerechnet wurden, ohne dass es sie gab.

Die Anzüge vom Chef sind aus Teflon. Da prallt alles dran ab, damit kann man auch steril arbeiten.

Porwoll und Klein sehen sich fast jeden Tag. Sie verstehen sich gut, sie haben den gleichen Humor. Sie fangen an, Witze zu machen.

Die Krebsmedikamente hier sind der Beweis dafür, dass Homoöpathie wirkt.

Sie sprechen die Wahrheit aus, die sie beide kennen, aber nicht kennen wollen.

Wie Jesus Christus Brot und Wein, so kann Peter Stadtmann per Handauflage Wirkstoffe verdoppeln.

Vielleicht waren es diese Witze, die dafür gesorgt haben, dass Martin Porwoll verstand, dass er derjenige war, der alles beweisen konnte. Vielleicht auch nicht. Aber Porwoll wurde klar, dass er, der kaufmännische Leiter, auf alles Zugriff hatte: Zahlen, Rechnungen, Rezepte. Was ihm fehlte, war eine Gelegenheit, ein paar Stunden allein im Büro.

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Martin schaut in die Bücher

NDR

Die bietet sich an einem Abend im Januar 2016, als Handwerker in der Apotheke den neuen Arznei-Lagerautomaten aufbauen. Das geht nur nach Ladenschluss, Porwoll bleibt als einziger der Angestellten bei den Handwerkern. Als alle weg sind, sucht er aus seinen Unterlagen alle Rezepte für das Medikament Opdivo aus den letzten Monaten heraus. Das Medikament ist da erst seit ungefähr einem halben Jahr zugelassen, nur wenige Patienten bekommen es, deshalb sind die Zahlen übersichtlich. Er rechnet zusammen, wie viel Opdivo Stadtmann in dieser Zeit abgerechnet hat. Er kommt auf 52.000 Milligramm. So viel Opdivo müsste in den Infusionsbeuteln gewesen sein. Für so viel Opdivo hat Stadtmann Geld bekommen.

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Porwoll rechnet zusammen

NDR

Dann rechnet Porwoll nach, wie viel Opdivo eingekauft wurde – wie viel des Medikaments sich überhaupt in der Apotheke befunden haben kann. Porwoll weiß nicht, was er finden will. Am liebsten wäre ihm Erlösung gewesen, der Gegenbeweis, der das Gerücht zum Gerücht macht und damit unwahr. Er addiert die Einkaufsrechnungen: 16.000 Milligramm. Das sind 36.000 Milligramm zu wenig. 36.000 Milligramm, für die Stadtmann Geld bekommen hat. 36.000 Milligramm, die nicht nur auf der Einkaufsrechnung fehlen, sondern in den Blutkreisläufen von Patienten. 100 Milligramm Opdivo kosten etwa 1.300 Euro. Anstelle von 34.000 Euro Gewinn machte Stadtmann mit dem Phantom-Opdivo 615.000 Euro, fast 20 Mal mehr. In einer Stunde, mithilfe einer einfachen Excel-Tabelle, wird das Gerücht zu einem ernst zu nehmenden Verdacht.

Ab da legt sich Porwoll jeden Abend nach der Arbeit in die Badewanne. 40 Grad. Er kocht sich selbst ab. Er wäscht den Dreck weg. In den nächsten Monaten sammelt er weitere Beweise in der Buchhaltung und reicht eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ein.

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Marie Klein steckt Beutel ein

NDR

Im Oktober bringt seine Kollegin Marie Klein den entscheidenden Beweis zur Polizei. Sie, die PtA, nimmt an diesem Arbeitstag die Retouren entgegen, die Infusionen, die nicht an die Patienten gehen konnten – die, mit denen man Stadtmann überführen kann. Sie nimmt einen Beutel heraus und schiebt ihn unter ihre Jeansjacke. Als später ein anderer Kollege die Beutel zählt, fällt ihm auf, dass eine Infusion fehlt. Marie Klein schaut weg und schweigt.

Die Staatsanwaltschaft lässt den Infusionsbeutel prüfen. Er enthält gar keinen Wirkstoff.

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Ermittler mit Beutel in der Hand

NDR

Die Verteidiger von Peter Stadtmann halten Porwoll und Klein nicht für glaubwürdig. Und auch der Infusionsbeutel, den Marie Klein zur Polizei gebracht hatte, habe keinen Beweiswert. Die Anwälte sind überzeugt, dass man Zytostatika gar nicht in Infusionen nachweisen könne. Zudem sei der Weg des Infusionsbeutels nicht ausreichend dokumentiert worden.

Es ist bedauerlich. Schon im November 2016, vor einem Jahr, hätte man verstehen können, wie groß dieser Fall ist. Man hätte die Erschütterungen voraussehen müssen, die dieser Fall im Leben von Krebspatienten haben würde. Man hätte auch schon überlegen können, was die Menschen brauchen, die gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Eine Anlaufstelle mit psychologischer Beratung. Einen Rechtsbeistand. Oder überhaupt: Information.

Niemand hat diese Gedanken öffentlich gedacht. Wahrscheinlich, weil jeder in der städtischen Elite von Bottrop sich bereits einen Gefallen von Peter Stadtmann tun ließ. Sein Vermögen und sein Beruf haben Stadtmann davor geschützt, dass die Dimension des Falls sofort klar wurde.

Aber nicht nur das – Peter Stadtmann hat ein Verbrechen begangen, das es so noch nicht gab. Die Onkologen, die Stadt Bottrop, die Gesundheitsämter, auch die Staatsanwaltschaft standen alle vor dem gleichen Problem: Es gab keine Handlungsanweisungen und kein Protokoll, dem man hätte folgen können.

Wenn ein Flugzeug abstürzt, wissen die Regierung, die Fluggesellschaft und der Flughafen, was zu tun ist. Sie richten einen Krisenstab ein, die Angehörigen der verunglückten Passagiere werden medizinisch und psychologisch versorgt, Ermittler forschen nach den Ursachen des Absturzes. Opferausgleich und Entschädigungen werden geregelt. In Bottrop gab es keine Abläufe. Obwohl tausende Patienten und deren Angehörige betroffen sind, hat das Gesundheitsministerium in NRW bis heute versäumt, die Organisation eines Krisenstabes in die Hand zu nehmen. Bis heute ist nicht klar, ob man und wenn ja, wer die betroffenen Patienten informieren soll. Und wer sie oder deren Angehörige im Notfall therapieren soll.

Im November 2016, zwei Tage nachdem die Polizei Peter Stadtmann festnimmt, wird Martin Porwoll noch einmal in die Apotheke zitiert. Dort erwarten ihn die Eltern von Stadtmann und dessen Anwalt und überreichen ihm die Kündigung. Sie werfen ihm vor, dass er nicht versucht hatte, die Sache intern zu klären. Marie Klein bekam ihre Kündigung per Post.

Getan hat sich seitdem nicht viel. Die Apotheke bleibt geöffnet.

Nach der Verhaftung verbreitet das Gesundheitsamt in Bottrop sogar Falschinformationen – auf Grundlage von Porwolls Anzeige. Für fünf Wirkstoffe hatte der Whistleblower als Beweis die Buchhaltung durchgerechnet. Und nur diese fünf Wirkstoffe veröffentlicht das Bottroper Gesundheitsamt auf seiner Website. Über eine Hotline beschwichtigt man die Patienten, die andere Wirkstoffe bekommen haben. Dabei hat Porwoll immer betont, dass da etwas im großen Stil passiert. Trotzdem werden bis zum Sommer 2017 viele Betroffene fälschlicherweise beruhigt, weil das Gesundheitsamt die Liste sieben Monate lang nicht auf ihrer Internetseite aktualisiert – und bei der Hotline nicht die volle Wahrheit sagt.

Die Betroffenen

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Onko Mädels im Patientenraum

NDR

Martin Porwoll hat nicht nur Zahlen addiert. Er hat Rezepte gesehen, auf denen die Namen von Patienten standen. Namen von Menschen, die gegen Krebs kämpfen, Menschen aus Bottrop, Düsseldorf und weiteren Gemeinden. Niemand informierte sie. Wer es nicht in der Zeitung las, weiß bis heute oft nichts davon.

Auch Heike Benedettis Name stand auf den Rechnungen der Alten Apotheke. Aber sie erfährt von der Sache nicht von ihrem Arzt, vom Gesundheitsamt oder der Staatsanwaltschaft. Sondern auf Facebook. „Bottroper Apotheker panschte Krebsmedikamente“ titelte dort der lokale Radiosender. Benedetti schreibt einen Kommentar: „Hoffentlich nicht die Alte Apotheke, da habe ich meine Krebsmedikamente herbekommen.“ Kurz darauf hat sie eine Nachricht von einem Redakteur des Lokalradios. Ob sie für ein Interview vorbeikommen wolle. Es ginge um die Alte Apotheke.

Stadtmann hat bereits Krebsmedikamente für Heike Benedettis Eltern gemischt. Beide sind an der Krankheit gestorben. Als sie selbst Brustkrebs bekam, hat Benedetti ein Stoßgebet zum Himmel geschickt: „Mama, Papa, ich komm noch nicht zu euch hoch.“ Zu ihrem Mann hat sie gesagt: Das ist jetzt ein etwas schlimmerer Schnupfen. Das geht vorbei.

Benedetti ist Mitte 40, in der Schule war sie eine, die sich unter dem Tisch versteckt hat, sie schaute weg, wenn der Lehrer eine Frage stellte. Heute ist das alles anders. Sie spricht mit Journalisten, mit Politikern. Sie ist zur Aktivistin geworden. Weil sie nicht nur ihre Eltern verloren hat, sondern auch fünf Freundinnen – fünf Freundinnen, die Brustkrebs hatten. Sie lernten sich 2014 kennen, standen gemeinsam die Krankheit durch, dann haben sie sich verloren. Und Benedetti wird den Gedanken nicht los, dass das nicht hätte sein müssen.

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Selfie der Onko Mädels

Heike Benedetti

Ihre Freundinnen bekamen die Nebenwirkungen von der Chemotherapie nicht – genau so, wie es andere Betroffene erzählen. Kein Haarausfall, keine Übelkeit. Aber die Ärzte meinten, das wäre normal. Erst nach der Festnahme von Peter Stadtmann, als die Medikamente aus einer anderen Apotheke geliefert wurden, kamen die Nebenwirkungen. Doch da war es schon zu spät.

Dabei hätte es schon 2013 eine Chance gegeben, den Apotheker auffliegen zu lassen. Ein Jahr vor Benedettis Diagnose.

Die erste Anzeige

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NDR

Im Herbst 2013 entscheidet Ralf U., der als Häftling der JVA Willich sitzt, reinen Tisch zu machen. Es ist Halbzeit seiner siebenjährigen Haftstrafe. U. nimmt sich ein kariertes Blatt Papier, einen schwarzen Fineliner und beginnt einen Brief an die Kriminalpolizei in Essen. Er schreibt, dass der Apotheker Stadtmann aus Bottrop Steuern hinterzieht, indem er Krebsmedikamente unterdosiert. Er schreibt, dass er von der Geschichte seit 2001 weiß, weil seine Ex-Frau in der Apotheke gearbeitet hat. Sie hat ihm davon erzählt. Der Häftling ist nicht dumm, aber er hat auch nicht Jura studiert. U. hat keinen Anwalt. Er kann keine Anzeige formulieren, die überzeugend ist. Und: Er ist ein geschiedener Mann Mitte 40, der wegen eines Sexualdelikts im Gefängnis sitzt. Er sagt bis heute, dass er unschuldig ist. Ein schwieriger Zeuge. Seinen Brief schickt er an seine Mutter, sie tippt ihn ab und sendet ihn an die Staatsanwaltschaft in Essen. Und die befragt zu der Sache genau zwei Zeugen.

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Ermittlungsverfahren

CORRECTIV / Benjamin Schubert

Zuerst sprechen die Ermittler mit der Ex-Frau des Häftlings, Mitarbeiterin der Alten Apotheke, die alles abstreitet. Dann befragen sie Stadtmann zu den Vorwürfen, der über seinen Anwalt ebenfalls alles abstreitet. Wörtlich hieß es damals im Brief des Anwalts: „Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen, indem er deren Leiden verschlimmert oder gar deren Leben verkürzt, indem er weniger als die erforderliche Menge Zytostatikum anmischt. Mein Mandant ist im Gegenteil sozial sehr stark engagiert und hilft wo er nur kann.“

Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen…

Damit stehen die Beamten vor einem Bild, das zwei Seiten hat: Auf der einen sieht man U., einen verurteilten Sträfling, der mit einer irren Geschichte seine Ex-Frau belastet und deren Arbeitsplatz gefährdet. Auf der anderen steht ein Apotheker, ein Mann, den man aus Vereinen kennt, der Geld spendet, freundlich grüßt, Anzüge trägt. Ein wichtiger Arbeitgeber. Das Ergebnis: Ermittlungen eingestellt.

Die Anzüge von Stadtmann sind zwar nicht aus Teflon, wie Martin Porwoll und Marie Klein gewitzelt hatten – aber sie waren teuer genug, dass jede Anschuldigung daran abprallte.

Die Gefühlskälte

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NDR

Peter Stadtmann besaß eine neonlichtige, brutale Gefühlskälte. „Die hat doch sowieso keine Chance“, soll er einmal über eine Krebspatientin gesagt haben. So erinnert sich ein Zeuge des Gesprächs. Es ging um eine Frau, deren Namen er kannte, die ihm nahe stand.

Manchmal bestellte Stadtmann Handwerker in die Apotheke, nur um sie dann zu ignorieren.

Er demonstrierte seine Macht, indem er seine Mitarbeiter vor außenstehenden Geschäftspartnern demütigte. Bei einer Besprechung in seiner Apotheke warf er einen Stift auf den Boden, rief eine Angestellte: „Da liegt ein Stift. Heb den auf.“ Die Frau hob den Stift auf.

Ein anderes Mal zog er seine Brille ab und gab sie einer Angestellten zum Putzen. Und während sie putzte, warf Stadtmann einen Blick in die Männerrunde aus Geschäftspartnern. Dieser Blick sagte: „Habt ihr gesehen. Ich kann das.“

Stadtmann machte sich in Bottrop breit, in der Fußgängerzone gehören ihm viele Häuser. Auch die sind als Wohltat getarnt. Die „Medi-City“ sollte ein Stadtentwicklungskonzept für Bottrop sein; verschiedene Fachärzte im Umkreis von 150 Metern, alles in der Innenstadt, alles um seine Apotheke herum.

In den Häusern, die Stadtmann gekauft hat, haben sich viele Arztpraxen eingemietet. An jedem Haus hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Weil Gesundheit ein Geschenk ist“.

Seine wichtigsten Abnehmer waren die beiden Onkologen Dirk Pott und Christian Tirier. Sie haben eine onkologische Gemeinschaftspraxis in Bottrop. Zu ihnen habe Stadtmann ein enges Verhältnis gehabt, sagt eine Bekannte. Sie erinnert sich, dass Stadtmann in der ersten Jahreshälfte 2010 viel mit diesen Ärzten beschäftigt gewesen sei: Er habe Geschenke besorgt und sie mehrmals wöchentlich abends besucht. Die Ärzte der onkologischen Praxis haben bis zur Veröffentlichung Fragen zu diesem Sachverhalt nicht beantwortet.

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Drohnenaufnahme von Stadtmanns Luxusvilla

NDR

Stadtmann wohnte allein in einem Haus in Kirchhellen, einem wohlhabenden Stadtteil von Bottrop. Das Haus ist der wahrgewordene Traum eines exzentrischen Zwölfjährigen: Eine Rutsche führt vom Badezimmer in den Pool im Erdgeschoss. Im Keller steht eine Modelleisenbahn, die er nicht selbst gebaut hat. Im Garten stehen Kunstwerke, wahllos zusammengewürfelt. Er hatte Pläne für diesen Garten: Eine Ecke sollte Atlantis gewidmet sein, eine Ecke Grimms Märchen – sein privater Themenpark. Um festzulegen, wie hoch das Haus werden sollte, ließ er einen Kran an dem Gelände in die Höhe fahren und ausmessen, von welcher Höhe man auf die letzte Kohleanlage des Ruhrgebietes schauen kann. Das Bauamt hatte nichts gegen die Pläne einzuwenden.

Auf den Videos der Überwachungskameras ist zu sehen, dass er dort von Zeit zu Zeit Damenbesuch hatte. Ganz allein war er auch nicht: Stadtmann hielt eine Labradorhündin, die auf den Namen Grace hört. Grace wie Grace Kelly, weil Stadtmann fand, dass er selbst aussieht wie der Fürst von Monaco – so sagt es eine Zeugin. Seit Stadtmann im Gefängnis sitzt, kümmert sich sein Vater um die Hündin und spaziert mit ihr durch die Stadt.

Die Mutter

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Peter mit seiner Mutter

Correctiv

Auch die Mutter von Peter Stadtmann hat reagiert. Sie versucht mit einer Schar von Anwälten, die Lage in den Griff zu kriegen und das Vermögen der Familie in Sicherheit zu bringen.

Da ist der Versuch, die Whistleblower  einzuschüchtern. Das erscheint nötig, seit Martin Porwoll den Skandal erklärt. Er hat beim Apothekerverband vorgesprochen, mit Betroffenen geredet, immer wieder betont, dass es Mitwisser in der Apotheke gab. Dafür hat er eine Abmahnung der Kanzlei Höcker bekommen, die 18 Mitarbeiter der Alten Apotheke und die Mutter von Stadtmann vertritt. Für die Abmahnung soll Martin Porwoll 3.456 Euro zahlen. Und schweigen, aus Angst nochmal Tausende von Euros zu berappen.

Dann ist da der Griff der Mutter nach dem Vermögen von Peter Stadtmann. Dem Familienvermögen.

Am 26. Januar fuhr der Notar Andreas S. in das Wuppertaler Gefängnis, in dem Peter Stadtmann in Untersuchungshaft sitzt. Dort ließ er sich von dem Apotheker mehrere Dokumente unterschreiben. Die Alte Apotheke wurde so vom Sohn auf die Mutter übertragen, damit das stuckverzierte, rosa Haus nicht beschlagnahmt werden kann, um Betroffene zu entschädigen. So steht es als Grund der Übertragung im Vertrag zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter zahlte für diese Übertragung nichts an ihren Sohn. Sie bekam die Apotheke umsonst.

Gleichzeitig sicherte sie sich Hypotheken auf weitere Grundstücke von Peter Stadtmann – angeblich als Sicherheit für Darlehen in Millionenhöhe. Geld, das der Sohn seiner Mutter angeblich schulden sollte.

Dass die Mutter sich das Vermögen auf diese Art und Weise sichern konnte, erscheint fast unglaublich. Aus der Haft heraus kann jemand Millionen verschieben?

Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft langsam reagiert. Vielleicht zu langsam. Nach der Festnahme ließ sie zunächst nur eine Hypothek in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro auf die Villa von Peter Stadtmann eintragen.

Die Staatsanwaltschaft ließ nicht das gesamte Vermögen einfrieren. Sie sprach kein Verkaufsverbot für die Häuser von Peter Stadtmann aus, nicht für seine Bilder und Kunstwerke. Die Staatsanwaltschaft ließ Peter Stadtmann monatelang gewähren.

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Obwohl sie im Verlauf der Ermittlungen herausbekam, wie groß der Skandal ist. Wie viele Menschen betroffen sind, wie unermesslich der Schaden ist.

Erst im August 2017 sicherte die Staatsanwaltschaft insgesamt 56 Millionen Euro. Auch dieses Geld würden in erster Linie die Krankenkassen bekommen, wenn ein Gericht den Betrug des Alten Apothekers bestätigen sollte.

Ausreichend Geld für Schadensersatzforderungen der vielen Patienten ist immer noch nicht gesichert. Es gibt aber auch keinen Straftatbestand, der die Handlungen von Stadtmann genau abdeckt. Die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass jemand an Krebs stirbt – ist das Mord? Fahrlässiger Totschlag? Körperverletzung? Sowieso müsste man es erst beweisen. Hat einer der Krebsmedikamente panscht eine Tötungsabsicht?

Die Informationspolitik

Im Fall Stadtmann muss sich nicht nur die Justiz Fragen gefallen lassen. Vor allem Behörden und Ärzte haben versagt. Die Stadt Bottrop hat nach der Razzia und dem Bekanntwerden des Falls nur die Ärzte angeschrieben, die von Stadtmann beliefert wurden. Patienten und Angehörige von Verstorbenen wurden nicht informiert. Denn das ist das besondere an Krebsmedizin: Die Patienten müssen immer genau auf den Zuzahlungsbescheid gucken, um zu wissen, aus welcher Apotheke ihre Medikamente kommen. Und wer schaut auf die Rezeptzuzahlungen des verstorbenen Ehemannes, Ehefrau, Kindes oder Vater oder Mutter? Der Arzt weiß aber genau, woher die Zytostatika stammen.

Am 2. Dezember 2016 schickt die Stadt einen Brief an die Ärzte, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben. In dem Brief werden nur die fünf Wirkstoffe genannt, die der Whistleblower Porwoll aufgelistet hatte. Sonst nichts. Keine Aufforderung dazu, Patienten zu informieren.

Später im Mai 2017 dann: Die Meldung von der Stadt an die Ärzte, dass wesentlich mehr Medikamente betroffen sind. Aber wieder keine direkte, öffentliche Bekanntmachung, damit sich die Patienten unabhängig von ihren Ärzten informieren können.

Und etliche Ärzte klären ihre Patienten nicht aktiv auf. Dies belegen unsere Recherchen. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen. Die meisten gaben an, ihre Patienten nicht informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht oder man wolle die Patienten nicht grundlos aufregen.

Wir haben uns nach langer Überlegung entschlossen, die Namen der Ärzte zu veröffentlichen, die von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekommen haben: damit die betroffenen Patienten von sich aus ihren Arzt fragen können, was zu tun ist.

Ein paar Tage nach ihrem Interview mit dem Lokalradio fährt Heike Benedetti ins Bottroper Marienhospital. Sie selbst ist da schon seit einem Jahr krebsfrei, aber ihre Freundinnen kämpfen zu diesem Zeitpunkt immer noch. Benedetti stellt ihren weißen Geländewagen auf dem Parkplatz ab, sie steigt aus – und läuft ihrer Ärztin in die Arme. Die Ärztin, die ihre Rezepte geschrieben hat, die Rezepte mit den richtigen Wirkstoffmengen. Sie begrüßen sich freundlich, dann fragt die Ärztin, was Benedetti denn im Krankenhaus wolle. „Das können Sie sich doch wohl denken“, sagt Benedetti. Laut Benedetti hat die Ärztin daraufhin nur gelächelt, genickt und ist weitergegangen. Am Empfang fragt Benedetti noch einmal nach. „Wir müssen jetzt eben schauen, ob der Krebs wiederkommt“, sagt die Sprechstundenhilfe.
Das ist der Moment, in dem Heike Benedetti anfängt zu zweifeln: Wusste ihre Ärztin davon, dass Peter Stadtmann die Medikamente panschte? Hätte sie nicht wenigstens etwas ahnen können? Wenn sie unschuldig ist, warum spricht sie dann nicht offen darüber? Wir haben die Ärztin mit der Geschichte von Benedetti konfrontiert. Sie hat nicht geantwortet. Auch Benedetti hat keinen Brief erhalten, in dem steht, dass sowohl sie als auch ihre Eltern eventuell gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Es wäre ihr egal gewesen, von wem dieser Brief kommt. Nur die offizielle Nachricht, die hätte sie gerne gehabt.

Man wolle geheilte Patienten nicht verunsichern, sagen manche Ärzte. Die beiden wichtigsten Abnehmer von Stadtmann, der bekannte Düsseldorfer Chirurg Mahdi Rezai und die Onkologie in Bottrop, gehen sogar noch weiter: Sie sagen, dass sie keine Auffälligkeiten in ihren Behandlungsergebnissen festgestellt hätten. Das machen sich wiederum die Verteidiger von Stadtmann zunutze: da kein Schaden angerichtet sei, könne ihr Mandant auch nicht gestreckt haben. Bis heute spricht ein Großteil der Ärzte nur mit den Patienten, die es selbst herausgefunden haben und sich daraufhin melden.

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Selbst ein Gutachter hat im Zuge der Ermittlungen gesagt, dass man von einem womöglich gestreckten Medikament nicht auf einen körperlichen Schaden, bis hin zum Tod, schließen könne. Krebs ist eine schicksalbeladene Krankheit, bei der ein einzelner Fall wenig Aussagekraft hat.

Gewissheit könnte nur eine großangelegte Studie bringen. Für eine Fall-Kontroll-Studie bräuchte man die Behandlungsunterlagen von Betroffenen, die alle eine ähnliche Krebsart haben, zum Beispiel Brustkrebs. Man wirft sie dann zusammen mit einer Kontrollgruppe, die ordnungsgemäße Medikamente bekommen hat. Dann schaut man sich alle Unterlagen gesammelt an. Und sucht sich die Patienten heraus, die besonders schnell gestorben sind oder bei denen der Krebs zurückgekommen ist. Wenn sich dann feststellen lässt, dass Patienten, bei denen die Erkrankung besonders schlecht verlaufen ist, überwiegend häufig aus der Alten Apotheke versorgt wurden, hätte man den Beweis. Den statistischen Beweis dafür, dass Stadtmann Menschen geschädigt hat.

Infografik: Die gepanschten Wirkstoffe
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CORRECTIV

Davon sind betroffene Onkologen überzeugt, und auch das Gesundheitsamt in Düsseldorf. Allerdings kostet so eine Studie Geld, ungefähr hunderttausend Euro, auf eine genaue Zahl will sich kein Interviewpartner festlegen. Das Geld müsste das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium bereitstellen. Das Ministerium, das den Fall bis jetzt nicht an sich gezogen hat.

Die Ergebnisse so einer Studie werden weh tun: Entweder den Angehörigen der Verstorbenen, weil sie dann wissen, dass sie wohl noch mehr Zeit mit ihren Liebsten gehabt hätten. Oder der Pharmaindustrie – weil Peter Stadtmann dann bewiesen hätte, dass die teuren Krebsmedikamente keinen Einfluss auf Heilungschancen haben.

Seitdem Heike Benedetti weiß, dass Stadtmann Medikamente panschte, dreht sich in ihrem Kopf ein Karussell, auf dem immer wieder die gleichen Gedanken vorbeifliegen: Die Angst, dass der Krebs jetzt zurückkommt, weil die Chemotherapie nur halb wirksam war. Die Wut darüber, dass ihre Freundinnen heute noch leben könnten. Der Gedanke, dass ihre Kinder noch ein paar Jahre länger Großeltern gehabt haben könnten. Die Sorge, dass jemand in ihr Leben eingegriffen hat, ohne dass sie es merkte.

Für Geld interessiert Heike Benedetti sich nicht. Es geht ihr darum, dass endlich jemand zuhört. Dass jemand den Fall so ernst nimmt, wie er ist. Das Leid erkennen, den Betroffenen zuhören – monatelang hat das niemand getan. Und das so etwas nie wieder passieren kann. Heike Benedetti will, dass die Kontrollen der Krebsapotheken verbessert werden.

Und zunächst sah es ganz gut aus. Als der Krebsskandal begann, war mit Barbara Steffens eine Ministerin der Grünen für das NRW-Gesundheitsministerium verantwortlich. Sie wurde im Mai abgewählt. Der neue NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) wollte kurz nach seiner Ernennung auf den Fall reagieren. Also hat er im August 2017 einen Erlass geschrieben und an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen geschickt. Die Nachricht: Alle Gesundheitsämter müssen ihre Kontrollen der Krebslabore neu ausrichten, verbessern, verschärfen. Aber tatsächlich verändert Laumanns Erlass wenig. Der Erlass bekräftigt nämlich nur, was bereits besteht: Unangemeldete Kontrollen von Apotheken sind möglich. Das war vorher auch schon so. Die Amtsapotheker durften auch schon immer die sterilen Räume kontrollieren und sie durften auch schon immer Proben aus den Infusionen ziehen. Auch ohne Ankündigung.

Nur macht das kaum einer. Und daran ändert auch Laumanns Erlass wenig.

Der Minister traf sich weder mit uns noch mit Betroffenen.

Die mobile Lokalredaktion

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Die mobile Lokalredaktion von CORRECTIV

Hüdaverdi Güngör

Folgt man den Ermittlern, hat der Apotheker Peter Stadtmann Gewalt über die Patienten ausgeübt, ihnen Schaden zugefügt, ohne dass sie es bemerkten. Soll man ein unwissendes Opfer aufklären? Ist die Unwissenheit nicht viel angenehmer als das Gefühl, Opfer zu sein? Oder ist es das Recht eines erwachsenen Menschen, darüber informiert zu werden, dass ihm etwas angetan wurde?

Keine Kommission, kein Untersuchungsausschuss, keine Experten haben sich bis jetzt mit diesem Fall befasst. Stattdessen überließ man all diese Fragen den Ärzten: Sie können ihre Patienten informieren, aber sie müssen nicht. Die Ärzte aber haben hunderte Patienten und keine Zeit dafür, mit jedem ein Gespräch zu führen. Deshalb machen sie sich die Entscheidung leicht und informieren nur, wenn jemand von sich aus nachfragt.

Alles ist schiefgelaufen.

Und wenn alles schief läuft, dann muss wenigstens Journalismus noch funktionieren. Die Dinge öffentlich machen. Über das Versagen reden. Das kann helfen.

Im Sommer 2017 war ganz Bottrop voll mit Menschen, die sich Sorgen gemacht haben. Und kaum jemand hat mit ihnen geredet. Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns entschlossen haben, das Schweigen zu brechen.

Wir wussten, es reicht nicht, nur zu berichten oder leise zu recherchieren. Wir wollten Ratgeber-Journalismus machen. Service-Texte schreiben für die Menschen, die in der Luft hängen, unwissend sind, Fragen haben. Dann sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben ein journalistisches Service-Center eröffnet – eine mobile Lokalredaktion.

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Veranstaltung in der mobilen Lokalredaktion

Hüdaverdi Güngör

Wir haben ein Ladenlokal bezogen, das knapp 50 Meter von der Alten Apotheke entfernt ist. Hier wollten wir Bottrop informieren und vor allem zu Wort kommen lassen. Vielleicht wollten wir auch provozieren – in der ganzen Stadt war so viel Stille, dass irgendjemand laut sein musste. Wir waren Kummerkasten und Litfaßsäule. Wir haben Menschen dazu eingeladen, uns bei der Recherche zu helfen. Wir haben sehr oft einfach nur zugehört und kein Wort mitgeschrieben. Am Ende hatten wir das Gefühl, dass sich etwas in Bottrop gewandelt hat. Ob es auch ohne uns passiert wäre, werden wir nie wissen.

Heike Benedettis Kampf beginnt bei einer Tasse Kaffee in unserer mobilen Redaktion. „Wir möchten uns anmelden“, sagt Benedetti, sie ist mit einer Freundin da. Sie sind gekommen, weil Gabi nicht mehr lebt. Gabi, ihre Freundin, die auch von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekam und vor zwei Tagen verstorben ist. Benedetti setzt sich, nach vorne gebeugt, die Hände auf dem Tisch gefaltet, mit einem Blick, der fragt: „Darf ich hier sein? Bin ich betroffen genug, auch wenn ich selbst noch lebe?“  Dass diese Frau in einem Monat zur einer der Sprecherinnen der Betroffenen wird, das wissen wir da alle noch nicht. Früher waren sie und ihre Freundinnen eine Kaffeeklatschrunde, die Onko-Mädels, Frauen, die sich in der Therapie kennengelernt hatten. Mittlerweile organisieren sie die dritte Demonstration, Benedetti wird wieder eine Rede halten.

Journalisten machen sich mit nichts gemein, das hat mal irgendjemand in ein schlaues Buch geschrieben. Nur auf die Dinge gucken und mitschreiben. Bloß nicht einmischen. Wir haben uns in die Fußgängerzone gesetzt, „Informationen zum Fall der Alten Apotheke“ an die Fenster geschrieben und zu Gesprächen eingeladen. Wir hatten einen klaren Standpunkt: Alle Betroffenen und alle Angehörigen müssen informiert werden.

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Tafel mit Veranstaltungen

An einem Tag stürmt eine Frau durch die Tür, etwa 70 Jahre alt, sie geht leicht gebückt und hält einen Jutebeutel in der rechten Hand. „Hat der bei meinem Mann auch gepanscht?“, fragt sie, immer wieder. Eigentlich hätte sie alles lieber verdrängt. Schwer genug, über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Aber ihr Sohn, der will einen Anwalt nehmen. Da hat er gefragt, ob sie Informationen bekommen könnte. Nun sitzt sie hier und muss neu anfangen zu trauern.

Wir haben ihrem Sohn einen Brief geschickt mit Info-Material und der Bitte, seiner Mutter Abstand von der Sache zu lassen. Sie ist noch ein paar Mal am Lokal vorbeigelaufen, ihren Blick nach unten gerichtet. Hoffentlich hat sie es geschafft, uns zu vergessen.

Gleichzeitig gibt es da Menschen, die sich ohne dieses Ladenlokal nicht gefunden hätten. Die überhaupt erst den Mut bekamen, sich für ihre Interessen einzusetzen.

Die Bewegung

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Heike Benedetti bei der zweiten Demonstration in Bottrop

Benno Gi

Am Abend vor der zweiten großen Demo in Bottrop bastelt Annelie Scholz in ihrer Küche ein Plakat mit dem Foto ihrer toten Tochter Nicole. Es ist bereits 21 Uhr. Plötzlich steht ihre Enkeltochter Lara im Türrahmen. „Oma, ich will auch eins, ich will auch für Mama sprechen.“ Das achtjährige Mädchen hält einen Zettel in der Hand, auf den sie mit dickem schwarzen Stift einen weinenden Smiley gemalt hat.„Es ist schrecklich, was dieses Monster gemacht hat“, steht da in krakeliger Kinderschrift. Nicole Abresche ist im Dezember 2016 an Brustkrebs verstorben. Sie bekam ihre Medikamente aus der Bottroper Apotheke.

Annelie Scholz und ihre Enkelin haben es geschafft, dass der Richter ihre Nebenklage zugelassen hat, obwohl Nicoles Infusionen nicht bei der Razzia im November beschlagnahmt wurden. Der Grund dafür ist für den Fall Dynamit. Der Richter folgte dem Paragraph 395 Absatz 2 der Strafprozessordnung: Zur Nebenklage sind Personen berechtigt, „deren Kinder, Eltern, Geschwister, Ehegatten oder Lebenspartner durch eine rechtswidrige Tat getötet wurden“. Damit lässt der Richter im Essener Landgericht zumindest die Möglichkeit zu, dass das Strecken von Krebsmedikamenten zum Tod geführt haben könnte. Außerdem ist die Tür offen für Tausende Patienten und Angehörigen der Verstorbenen, die Krebsmittel aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Früher liefen die Bottroper für ihren Spendenlauf an der Alten Apotheke vorbei. Heute tragen sie Särge vor den Eingang. Es ist der 11. Oktober, Lara und Annelie Scholz stehen gegenüber der Alten Apotheke, Lara trägt den Zettel mit dem weinenden Smiley und der krakeligen Kinderschrift auf ein Stück Pappe geklebt um den Hals. Annelie Scholz hat zwei Löcher in die Ecken gebohrt und ein goldenes Geschenkband hindurchgezogen. Sie stehen zwischen Grablichtern, Großmutter und Enkelin, die erste und dritte Generation einer Familie und betrauern den Verlust der zweiten. Einen Verlust, für den sie den Chef der Alten Apotheke verantwortlich machen, den Multimillionär Stadtmann.

Neben ihnen tragen sechs Männer einen Sarg. Der Sarg ist mit Infusionsbeuteln dekoriert, auf denen die Namen der Medikamente stehen, die Peter Stadtmann gepanscht hat: Xgeva, Topotecan, Cyclophosphamid. Es ist ein Schweigemarsch, der durch die Bottroper Innenstadt zieht – und er wächst. Im September waren sie etwa 150, heute sind es mehr als doppelt so viele Menschen, die an die mutmaßlichen Opfer von Stadtmann erinnern wollen. Manche werden später sagen, die Nummer mit dem Sarg sei übertrieben gewesen. Und manche werden entgegnen, dass es jetzt wichtig ist, dass die Leute hinschauen.

Annelie Scholz hat drei Töchter zur Welt gebracht, 1968, 1970 und 1972. Nicole war die jüngste. Jetzt, mit 65, zieht sie ein weiteres Mädchen groß. Ihre Enkelin. Wenn es nach Annelie Scholz geht, ist Peter Stadtmann dafür verantwortlich, dass Lara ohne Mutter aufwächst.

Drei Tage nach der Razzia, am 2. Dezember 2016, hat Nicole Abresche, Laras Mutter, auf einer Eckbank in der Küche ihres Elternhauses in Bottrop gesessen, ihr Radio hatte sie auf den lokalen Sender gestellt, „Radio Emscher Lippe“. Es wird über den „Apothekenskandal Bottrop“ berichtet. Tonlos sackte Nicole Abresche in sich zusammen. An diesem Tag verlor die junge Mutter ihren Lebensmut. „Die Nachricht hat meine Tochter getötet“, sagt Annelie Scholz.

Für manche der Menschen, die jetzt in der Bottroper Fußgängerzone stehen, ist ihr Kampf zu einer Therapie geworden. Ein Apotheker hat Gewalt über sie ausgeübt, ihr Schicksal bestimmt. Sie wollen ihr Leben zurück.

Die Stadt

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Apotheker Peter Stadtmann, Claus Schwarz (ehem. Stadtspiegel-Chef), Oberbürgermeister Bernd Tischler (SPD), CDU-Chef Hermann Hirschfelder (v.l.n.r.)

CORRECTIV

Wir sind auf der zweiten Demonstration in der Bottroper Innenstadt. „Und nun ein Dankeschön an Herrn Tischler und Herrn Loeven, dass sie sich hinter uns Betroffene stellen“, sagt Heike Benedetti in ein Megaphon, die Sargträger und die Frauen in schwarz stehen versammelt um sie. „Zwar erst nach zehn Monaten und mehreren Anfragen, aber besser spät als nie.“

Der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler hatte Heike Benedetti nach der ersten Demonstration zu einem Gespräch eingeladen. In unsere mobile Lokalredaktion wollten Vertreter der Stadt nur unter der Bedingung kommen, dass wir keine Bild- und Tonaufnahmen ihres Auftrittes machen. Diese Bedingung konnten wir so nicht annehmen.

Jetzt also Bernd Tischler. Wenige Tage vor der Demonstration hat der Oberbürgermeister Heike Benedetti und einige andere Betroffene in seinem Büro empfangen. Erst zu diesem Gespräch hatte er sich dazu entschlossen, sich von einem Bild zu trennen, es abhängen zu lassen. Ein besonderes Bild. Denn in seinem Büro hing ein Werk des Sängers Udo Lindenberg, ein Likörello, mit Farben aus Alkoholika. Lindenbergs Werke kosten auf dem Markt schon mal fünfstellige Beträge. Auf dem Bild sieht man eine Weltkugel, um die die wichtigsten Orte Bottrops arrangiert sind. Auch die Alte Apotheke war auf dem Likörello zu sehen. Sie dominierte die Stadtansicht. Der Oberbürgermeister hatte das Bild sechs Jahre in seinem Büro hängen. Es gehörte Peter Stadtmann. Bernd Tischler ließ seinen Pressesprecher ausrichten, dass er das Bild geliehen bekommen habe, von einer Firma aus der Stadt. Die Firma sagt, dass sie das Bild selber von Peter Stadtmann bekommen habe. Vor dem Besuch von Benedetti verschwand das Bild aus dem Rathaus. Es wurde verhüllt und in einen Keller gebracht.

Von der Stadt Bottrop fühlen sich viele Betroffene verhöhnt. Der Stadtsprecher nutzte ein kostenloses Anzeigenblatt, um den Fall herunterzuspielen. Noch im Sommer, als die Zahl der betroffenen Patienten bereits klar war, zweifelte er diese Zahl der Tausenden in einem Interview als übertrieben an.

In der offiziellen Sponsoringliste der Stadt finden sich nur Geschenke von wenigen hundert Euro von Stadtmann, denn er bezahlte lieber selbst anstelle der Stadt. Das Gegenüber sagte ihm schlicht, was gekauft werden musste. Für das Stadtfest, für eine Bewerbung, für ein Projekt. Wenn ihm die Idee gefiel, überwies Stadtmann das Geld direkt an die Auftragnehmer. Er ließ Sachen geschehen.

Auf der 150-Jahr-Feier der Apotheke ließ Peter Stadtmann den Oberbürgermeister einen Kuchen anschneiden. Es war eine Marketingaktion, ein Tag, an dem Peter Stadtmann zeigen konnte, dass alle ihm zuhören. Aber es war nicht wirklich eine 150-Jahr-Feier. Es gab zwar schon sehr früh eine Alte Apotheke in Bottrop – aber die war an einem anderen Ort und gehörte nicht der Familie von Stadtmann. Die Jahreszahl, die an dem rosa Prunkbau über der Tür hängt, ist gelogen – sie dient nur dem schönen Schein. Eine Zahl, die dem Zweck diente, sich feiern zu lassen.

Der Ausblick

Kurz vor ihrem Tod hat Nicole Abresche ihrer Mutter noch eine Vollmacht erteilt und sie von der Schweigepflicht entbunden. „Mama, bitte sorge dafür, dass dieses Monster richtig bestraft wird“, hat sie gesagt. Das ist jetzt die Mission von Annelie Scholz. Sie hat schon früh einen Antrag beim Gericht gestellt, weil sie als Nebenklägerin im Verfahren dabei sein wollte. Sie wurde zugelassen – genau wie Bettina Neitzel und auch Heike Benedetti und die anderen Onko-Mädels.

Der Skandal der Alten Apotheke ist immer noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen werden Zeugen vor Gericht gehört, neue Ermittlungen angestrengt, Beweise gesichtet. Denn noch immer ist die wichtigste Frage nicht beantwortet.

Warum hat Peter Stadtmann das alles getan?

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Weitere Informationen

Ausführliche Hintergrundberichte und aktuelle Informationen zum Verlauf des Verfahrens finden Sie auf unserer Themenseite zur Alten Apotheke und auf unserem Youtube-Kanal.
Der Film: 30-minütige TV-Dokumentation Der Krebsapotheker – Kochsalz statt Chemotherapie


© Hüdaverdi Güngör

Türkei

Ist Köfte geiler als Kraut?

Ich bin Deutschtürke. Was heißt das eigentlich? Ständig soll ich mich positionieren: zu Erdoğan, zu den Kurden, zu verhafteten Journalisten. Aber ich lebe in Deutschland, meine Infos kommen von meinen Eltern und dem türkischen Staatsfernsehen. Deswegen muss ich in die Türkei. Um mir endlich eine eigene Meinung zu bilden. Und um zu verstehen, wo meine Heimat und auch mein Herz liegen.

von Hüdaverdi Güngör

KAPITEL 1: Die Sache mit den Kurden und der Musik

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Kippen als Türöffner – der beste Weg, um mit einem Türken ins Gespräch zu kommen. Hüdaverdi raucht vor dem billigsten 3-Sterne-Hotel Istanbuls.

Illustration: Julia Beier

Wenn die Türkei in der EU wäre, hätte ich mein Hotel schneller gefunden. In EU-Ländern funktioniert nämlich das Internet auf meinem Handy. In der Türkei nicht. Seit 55 Jahren wartet die Türkei auf den EU-Beitritt. Durch Recep Tayyip Erdoğan war sie kurze Zeit zum Greifen nah. Heute ist sie durch ihn so weit entfernt wie nie. Und so irre ich durch die Straßen um den Taksim-Platz, muss mich bei Passanten durchfragen, als lebte ich im vergangenen Jahrtausend.

Vor meinem Hotel in Istanbul sitzen ein dicker und ein dünner Bursche – rauchend auf den leeren Straßen wie in einem kolorierten Wild-West-Film. Beide sind jung, vielleicht in meinem Alter. Als die zwei Cowboys mich mit dem Koffer ankommen sehen, werfen sie die Kippen weg – aus Respekt – und richten sich auf. „Selamualeykum“, sage ich. „Aleykumselam — Hoşgeldiniz efendim!“, sagen sie (dt.: „Herzlich willkommen, mein Herr!“). Der Dünne reißt mir den Koffer aus der Hand, während ich bei dem Dicken einchecke. Dieser gibt sich Mühe, seinen kurdischen Akzent zu verstecken und Hochtürkisch zu reden. Ich muss lächeln. Türkisch mit kurdischem Akzent klingt in meinen Ohren irgendwie niedlich. Und liebevoll.

Ich höre das nur selten. Kurdische Wurzeln habe ich keine. Mit meinen Freunden in Deutschland unterhalte ich mich meistens auf Deutsch. Außerdem kann auch nicht jeder Kurde Türkisch. Kurden leben in einem Gebiet verteilt auf mehrere Länder. Iran, Irak, Syrien und die Türkei. Nur im Irak haben sie ein Autonomiegebiet. In der Türkei sind sie Türken, mit türkischem Pass. Eine eindeutige kurdische Heimat zu definieren ist also schwierig.

Der Dicke gibt mir wortlos die Schlüssel und nickt, dann bringt der Dünne mich in mein Zimmer. Die Tür öffnet er zögerlich. Ich kann nicht einordnen, ob es ein positives Zögern ist – wie bei einer Neuwagen-Vorführung. Will er gerade Spannung aufbauen, oder schämt er sich, mir das Zimmer zu zeigen?

Ich bin Türke, ich bin Deutschland

Es ist schon etwas Besonderes: Ich kann in meiner Heimat ins Flugzeug steigen und 3.000 Kilometer weiter in meiner Heimat ankommen. Die letzten zwei Jahre habe ich nur in einer Heimat gelebt – in Deutschland. Zwischendurch wäre ich sehr gerne zu meiner Verwandtschaft gereist, aber erst kam der Anschlag am Flughafen in Istanbul im Juni 2016, ein Jahr später dann der Putschversuch.

Jeden Tag erreichen mich neue Meldungen aus der Türkei, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Das Land ist nicht mehr der warme, sonnendurchflutete Sehnsuchtsort, den ich aus meiner Kindheit kenne.

Ich stehe zwischen Deutschland und der Türkei. Zwischen meinem Vater, der mit Erdoğan sympathisiert, und dem Teil meiner Familie, die Gülen-Anhänger sind. Ich stehe zwischen der türkischen Community, in die ich hineingeboren wurde, und meinen kurdischen Freunden, die von Staatsterror sprechen. 

In Deutschland fragen mich die Leute oft, woher ich komme. Dafür habe ich mittlerweile eine einfache Formel, mit der ich entscheide, was ich gerade bin. Wenn ich keine Lust auf Türken habe, bin ich Deutscher. Wenn ich keine Lust auf Deutsche habe, bin ich Türke. Und seit die AfD im Bundestag sitzt und in der Türkei nach dem Putsch Menschen entlassen und verhaftet werden, habe ich meistens auf beides keine Lust. Ich bin halt ein Mensch.

Aber ich bin auch Journalist. Ich bin 22 Jahre alt. Ich sollte eine Haltung haben. Zu meinen Heimaten. Zu Erdoğan. Zu den Kurden. Den Anspruch stellen mir nicht nur andere. Ich stelle ihn inzwischen auch an mich selbst. Der Deutsche in mir fragt, was ich über die Politik in der Türkei denke. Der Türke sagt: Warum muss ich überhaupt etwas darüber denken? Deshalb verreise ich. Ich möchte mich mit dem Türken und dem Deutschen in mir auseinandersetzen. Man kommt schließlich nicht mit einer Meinung zu Erdoğan auf die Welt – auch nicht, wenn man türkische Eltern hat.

Für dich würde ich sterben, Türkei

Meine Reise beginnt in Deutschland. Im Flieger stecke ich mir Kopfhörer in die Ohren und versuche, den Deutschen in mir ruhig zu stellen. Dazu höre ich türkische Lieder. Besonders gern „Ölürüm Türkiyem“ (dt.: „Für dich würde ich sterben, Türkei“) von Mustafa Yildizdogan. Musik ist wichtig.

Ich lebe in einem alten Zechenhaus, spreche besser Deutsch als Türkisch, denke meistens auf Deutsch. Aber in dem Moment, in dem ich Ölürüm Türkiyem höre, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken für die Türkei sterben. Am besten heldenhaft, wie in einem Film. Mit wehendem Haar vor der untergehenden Sonne. 

In meiner Pubertät habe ich oft Bushido gehört. Die meisten Texte von ihm hatten genau eine Botschaft: „Ich bin der Stärkste und ficke euch alle!“ Bushido hat mich damals geprägt. Obwohl ich kein Pumper war, lief ich durch die Stadt, als hätte ich einen Holzbalken zwischen den Schultern und Steine in den Armen. Und selbstverständlich bekam jeder, der an mir vorbeilief, einen bösen Blick ab. Ich war der Klischee-Türke. Aus deutscher Sicht. 

Dann habe ich Baris Manco entdeckt, einen türkischen Sänger und Fernsehmoderator. In seinen Liedern singt er vom Frieden.
 

In „Hemsirem Memleket Nire?“ (dt.: „Landsmann, wo liegt deine Heimat?“) singt er: 
Kardeşlik ve eşitlik üzerine uzun uzun nutuklar çekip
„Niye senin derin benden daha koyu?“ diyen çok
Kaşının altında gözün var diye silahlanıp ölüme koşarken
„Kalan dul ve yetim ne yer, ne içer?“ diye soran yok 
Barış garibim bulamadı çözümü, oturdu, etti bunca sözü
„Gelin, hep beraber anlaşalım.“ diyen yok
Zaten paramparça bölünmüş ve yaşanmaz olmuş Dünyamız
Daha fazla kesip bölmeye hiç gerek yok
„Tek bir soru hemşerim memleket nire?
Bu dünya benim memleket“

 
(dt.: „Viele Menschen halten Ansprachen über Brüderlichkeit und Gleichberechtigung. (…) „Kommt, lasst uns auskommen“, sagt niemand. Unsere Welt ist sowieso in mehrere Stücke gespalten und nicht mehr lebenswert. Deswegen müssen wir sie nicht noch mehr stückeln. Nur eine Frage: Wo liegt deine Heimat? Diese Welt ist meine Heimat.“)

Erdoğan als Stimme der Unterdrückten

Nach dem Mutterficker-Rap war das für mich eine echte Offenbarung. Ich verstand: Ich kann selbst entscheiden, wer ich bin, wie ich mich verhalte und wo meine Heimat ist. Der Holzbalken zwischen meinen Schultern verschwand, die Steine fielen mir aus den Ärmeln.
 Heute kann ich „Ölürüm Türkiyem“ hören und mir einbilden, der größte Türke zu sein. Aber auch „Kürdüm ölene kadar“ (dt.: „Ich bin Kurde bis zum Tode“), und mir einbilden, der größte Kurde zu sein. Oder „Das alles ist Deutschland“ – dann bin ich der größte Deutsche. Warum soll ich mich festlegen? Es gibt Unmengen guter Lieder auf dieser Welt. Wenn ich „Baskent Ankara“ (dt.: „Hauptstadt Ankara“) höre, spüre ich den Stolz auf meine Wurzeln in Ankara. Höre ich aber „In dein G Sicht“ vom Gladbecker Rapper Fard, bin ich stolz darauf, dass ich im Ruhrpott lebe. Musik steht für Lebensgefühle. Und davon gibt es viele. 

Auch die türkischen Parteien wissen um die Macht, die ein Lied auf ihr Volk haben kann und produzieren einen Song nach dem anderen. Erdoğan hat dafür den Sänger Uğur Işılak. Er hat einen Wahlsong für die Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP, dt.: Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) geschrieben: „Recep Tayyip Erdoğan“. Im Refrain wiederholt ein Chor immer wieder den Namen des Staatsoberhauptes. Die Strophen dazwischen besingen Erdoğan als Stimme der Unterdrückten. Der Song wurde auf YouTube über 19 Millionen Mal angeklickt. Auch ich hatte schon oft einen Ohrwurm davon. 

Die linke pro-kurdische Partei Halkların Demokratik Partisi (HDP, dt.: Demokratische Partei der Völker) schränkt die Zielgruppe ihrer Hörer selbst ein: Sie singen auf Kurdisch. Ohne Untertitel. Ihr erfolgreichstes Lied kommt auf 2,5 Millionen Klicks.

Angekommen im hässlichsten Zimmer der Stadt

Als ich das Hotelzimmer sehe, bin ich mir sicher: Der Dünne schämt sich. Das Zimmer ist gerade mal so groß, dass das Einzelbett hineinpasst und eine Tür ins heruntergekommene Badezimmer führt. Ich fühle mich wie in einer Gefängniszelle. Während ich meine Sachen in den Schrank lege, sitzt der Dünne schon wieder draußen und raucht. Was habe ich auch erwartet für knapp 15 Euro die Nacht im günstigsten 3-Sterne-Hotel der Stadt?

Früher bin ich mit meiner Familie zu jeder Ferienzeit, die sich uns bot, in die Türkei gereist. Damals war die Türkei eine andere. Aber gewisse Dinge ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte meiner Heimat. Das Bild, das mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist: meine Oma, wie sie damals vor dem Fernseher sitzt und weint. Auf dem flackernden Röhrenbildschirm werden Meldungen über gefallene türkische Soldaten verlesen. Seit 1987 gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und radikalen Kurden. Bis heute sind tausende Menschen auf beiden Seiten gestorben.

Wie ist das eigentlich, als Kurde?

Im Konflikt zwischen den Kurden und den Türken betete meine Familie stets für die türkischen Gefallenen. Diesen Konflikt betrachte ich aus den Augen eines Türken. Ich habe es nicht anders gelernt. Ist das aber so offensichtlich? Versteckt der Dicke daher seinen Akzent vor mir? Warum will er nicht, dass ich den Kurden höre?

„Wohin gehst du?“, fragt mich der dicke Cowboy auf Türkisch, als ich das Hotel verlassen will, um zum nächsten Kiosk zu gehen. Dann zieht er kräftig an seiner Zigarette. „Wieso sagst du nicht unserem Kellner Bescheid?“, fragt er. „Er wäre für dich gegangen.“ Vielleicht ist das meine Chance, dem Dicken ein bisschen sympathischer zu werden. „Bruder, ich bin doch kein König“, sage ich. „Gott hat mir zwei gesunde Beine gegeben.“ Wir lachen. Ich kann nicht sagen in welcher Sprache.

Am Kiosk kaufe ich eine Cola und zwei Uludağ. Uludağ gibt es auch in Deutschland, meist in Dönerbuden, sieht aus wie Sprite, schmeckt aber wie aufgelöste Gummibärchen. Sagen zumindest meine deutschen Freunde. Vor dem Hotel biete ich dem Dicken und dem Dünnen davon an. Sie lehnen dankend ab. Aber ich bin heute ein guter Türke: Ich beharre darauf, dass sie es annehmen. Sie öffnen die Glasflaschen mit ihren Feuerzeugen.  

Da sind sich Türken und Kurden ziemlich ähnlich

Nach dem ersten Schluck Uludağ fängt der Dicke heftig zu würgen an. Ihn zu vergiften hatte ich eigentlich nicht geplant.
„Siehst du, wie weit meine Gastfreundschaft geht?“, fragt er mich keuchend. „Ich wollte dein Angebot nicht ablehnen und dich traurig machen.“ Sein Kollege und ich lachen ihn aus, je mehr er hustet. Er verträgt die Kohlensäure nicht. Als ich ihm sage, dass er es nicht trinken muss, stellt er das Getränk dankbar neben sich ab. Gastfreundschaft – da sind sich Türken und Kurden ziemlich ähnlich.

„Wie ist das denn so, als Kurde in der Türkei?“, frage ich. Zumindest da habe ich eine klare Meinung: Die Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK, dt.: Arbeiterpartei Kurdistan) gilt als Terrororganisation, auch in Deutschland. Erdoğan hat als erster türkischer Staatschef die Probleme der Kurden offen angesprochen. Er hat den Kurden viele längst überfällige Rechte zugestanden. Bis 1991 waren zum Beispiel kurdische Medien verboten. Kurdische Satzzeichen ebenfalls. Was wollen sie denn noch, denke ich. Aber anstatt das zu sagen, gebe ich den ahnungslosen Deutschtürken. Ich weiß von nichts.

Die beiden zucken nur mit den Schultern. Der Dünne nippt am Uludağ.

Ich gehe wieder zum Kiosk, diesmal kaufe ich Zigaretten. Auf dem Weg zum Hotel habe ich die Schachtel schon geöffnet und halte sie direkt den Cowboys vor die Nase. Diesmal greifen sie ohne Diskussion zu. Sie streiten sich, wer mir das Feuer reichen darf. Der Dicke setzt sich durch, und der Dünne serviert passend zur Zigarette türkischen Tee.

Wir paffen eine nach der anderen. Mit der Kippe im Mund fühle ich mich wohl, Arsch auf einem Hocker und mittlerweile Tee in der Hand. Von Zeit zu Zeit laufen Leute am Hotel vorbei, immer wieder setzen sich welche zu uns.

Der Türke und der Deutsche in mir beginnen zu streiten

Ich frage den Dicken, ob er schonmal diskriminiert wurde, weil er Kurde ist. Er schüttelt den Kopf. Aber neulich war ein deutsch-türkischer Gast da, der in der Lobby saß und über Kurden fluchte. Da ist der Dicke an die Grenzen seiner Geduld gestoßen, meint er. Er hat damals aber nichts gesagt – aus Respekt vor dem Gast.

Neben mir sitzt seit einer Viertelstunde ein Freund des Dicken, der zufällig vorbeigekommen war und mir direkt angeboten hatte, eine mit ihm zu rauchen. Ein kurdischer Kiffer. Jetzt reibt er sich die Hände, wippt mit dem Knie auf und ab. Dann sagt er: „Bruder, die türkische Regierung hat mein Haus in Diyarbakir zerbombt.“ Er zückt sein Handy und zeigt mir ein Vorher-Nachher-Foto seines Hauses. Vorher: ein Mehrfamilienhaus mit vier Stockwerken. Nachher: ein Haufen Steine.

Der Türke und der Deutsche in mir beginnen zu streiten. Der Türke sagt, dass die türkische Regierung niemals die Häuser von Unschuldigen bombardieren würde. Der Deutsche hingegen hält es für durchaus möglich.

Der Freund des Dicken sagt, dass die Regierung im Kampf gegen die PKK vermehrt auch in die Städte geht, statt in die Berge. „Wie stehst du denn zur PKK?“, frage ich. Er aber will nicht mit mir diskutieren, weicht aus. „In der PKK sind genauso unsere Brüder und Schwestern wie bei den türkischen Streitkräften“, sagt er.

War das, was Erdoğan für die Kurden getan hat, zu wenig? Wollen sie noch mehr? Wollen sie endlich den eigenen Staat? Kommt nicht in Frage, sagt der Türke in mir. Die Türkei kann nicht kleiner werden und Teile abgeben. Wir haben einen Spruch: „Märtyrer sterben nicht. Und das Vaterland wird nicht gespalten.“

Jeder, der stirbt, ist ein Märtyrer

Jetzt redet der Bursche auf mich ein: „Stell dir vor: Du, deine Familie und deine Landsmänner werden in Deutschland unterdrückt, weil ihr Türken seid. Dein Bruder, dein Vater, dein Landsmann entscheiden irgendwann, sich mit Waffen zu wehren. Wenn diese im Kampf für eure Rechte fallen, trauerst du um sie. Sie sind Märtyrer geworden, und du willst sie rächen.“

Nun meldet sich der diplomatische Deutsche in mir zu Wort. In Deutschland assoziiert man mit dem Wort Märtyrer häufig Selbstmordattentäter. Aber in der Türkei ist irgendwie jeder, der stirbt, ein Märtyrer. Bei den Kurden wahrscheinlich auch.

Den Schmerz der Kurden habe ich bis heute nicht wirklich gesehen. Das Leben eines Türken ist mir mehr wert gewesen als das eines Kurden. Hart gesagt. Für ihn wird es aber dasselbe sein, wenn ein Kurde stirbt. Auch in Deutschland wird in den Nachrichten immer erwähnt, ob es deutsche Opfer bei einer Katastrophe gab. Weil es uns halt am meisten interessiert. Weil dadurch Leben gewichtet wird. Aber ist das richtig?

Die eigene Identität bewahren – das wollen alle. Auch ich. In Deutschland setze ich mich dafür ein, dass sich Türken integrieren können, ohne ihre Identität abzugeben. Ich schreibe darüber, filme und produziere gerade mit Migrantenkindern Workshops und eine Webserie zum Thema. Von mir wird dabei gefordert, deutscher zu sein als die Deutschen selbst. Aber was soll das? Dieses Beweisen? Ich bin in Deutschland geboren, habe einen deutschen Pass. Genauso geht es den Kurden in der Türkei. Gleich behandelt werden wir trotzdem nicht.
Die türkischen Nationalisten, die in Deutschland leben, sind auch häufig die Leute, die von den Kurden fordern, sich endlich zu integrieren. Gleichzeitig gründen sie in Deutschland Kulturvereine, um ihre Identität zu wahren. In Deutschland verteidigen sie genau das, was sie den Kurden in der Türkei vorwerfen. Sie wollen das Türkische nicht verlieren und wollen sich nicht assimilieren lassen. Es ist absurd.

Zeit, die Dinge neu zu bewerten

Der Freund des Dicken fragt mich jetzt, ob ich den deutsch-kurdischen Rapper Hüseyin kenne. Ich überlege und überlege. Dann der Gedankenblitz! „Meinst du KC Rebell?“ – „Ja genau, KAAAC Rebell, den höre ich oft.“ Wow, ein Kurde in der Türkei hört deutschen Rap. Musik kennt echt keine Grenzen. Ich hole mein Handy raus und mache die Musik an. Es läuft „Hayvan“ (dt.: „Tier“) und „Anhörung“. Wir rappen mit, wir rufen „Fick den Richter! Nur Gott kann mich richten!“ und sprechen nicht mehr über die PKK oder das zerbombte Haus in Diyarbakir. Stattdessen bietet er mir wieder Gras an. Ich lehne dankend ab.

Am Abend in meiner 3-Sterne-Zelle denke ich lange über das Gesagte nach. Den Terror der PKK verurteile ich noch immer. Aber ich glaube, ich verstehe jetzt, wie es so weit kommen konnte. Wenn man in einem kurdischen Dorf aufwächst und auf der staatlichen Schule kein Türkisch sprechen kann, weil man nie die Chance hatte, die Sprache zu lernen, dafür sogar auf die Fresse bekommt, dann wird man irgendwann wütend. Und greift zu Mitteln wie Waffen, um zu zeigen: Hey, ich bin auch noch da!

Und ich dachte bislang, nur Deutschland hätte mit gescheiterter Integration und Chancenungleichheit zu kämpfen. Es ist Zeit, die Dinge neu zu bewerten.

KAPITEL 2: Die Sache mit dem Journalismus und den Hühnern

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Immer wachsam, immer in Gefahr. Journalisten tragen in der Türkei härtere Kämpfe aus. Hüdaverdi trifft die Reporterin Zübeyde Sari.

Illustration: Julia Beier

Tags vor meinem Abflug nach Istanbul hatte ich in Deutschland einen Vertrag unterschrieben, in dem steht, dass ich Journalist bin. Kurz vor meinem Abflug hatte ich deshalb nur einen Gedanken: „Fuck.“ In der Türkei sitzen laut Reporter ohne Grenzen mindestens 34 meiner Kollegen wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Viele weitere aufgrund anderer Vergehen. Vermutlich vorgeschobener (Stand März 2018).

Meine Schwester hat gesagt: „Fahr lieber nicht.“

Und mein Vater: „Wird schon nichts passieren.“

Ich habe mich mit dem Gedanken beruhigt, dass ich, wenn ich verhaftet werde, immer noch ein Buch im türkischen Gefängnis schreiben kann.

Warum wurdest du noch nicht verhaftet? – Journalismus in der Türkei

An meinem zweiten Tag in Istanbul gehe ich in ein Café, das jemand eröffnet hat, der mir wichtig ist. Deshalb kann ich hier nicht schreiben, wer es ist. Ich möchte ihm keine Schwierigkeiten machen. Im Café treffe ich nur einen Kellner, der mir sagt, dass ich umsonst gekommen bin: Der Chef hat Termine in Ankara.

Ich biete dem Kellner eine Zigarette an – mein bewährter Türöffner. Er lehnt aber ab, weil er vor einigen Jahren aufgehört hat. Ungewöhnlich für einen Türken. „Ich habe in den USA studiert und hatte wenig Geld“, sagt er. „Irgendwann wurde mir das Schnorren zu blöd.“

Es gibt drei Möglichkeiten, als Türke in den USA zu studieren. Entweder du bekommst ein gutes Stipendium, oder dein Vater hat Kohle, oder du gehörst der Gülen-Bewegung an. Fetullah Gülen ist ein islamischer Prediger, der bekannt dafür ist, durch seine emotionalen Reden Anhänger um sich zu scharren. Weltweit hat er tausende Anhänger, die ihn zum Teil wie einen Propheten verehren, andere nennen ihn den weinenden Imam. Gülen revolutionierte den türkischen Islam. „Baut Schulen statt Moscheen“, sagte er. Kritiker warfen der Gülen-Bewegung vor, eine Sekte zu sein, die den Staatsapparat unterwandere. 1999 flüchtete Gülen nach Amerika. Der Kellner sagt, dass sein Vater reich sei. Ich stutze. Aber wieso arbeitete er dann hier und nicht in einem Büro?

„Mein Vater will, dass ich mir selbst was aufbaue“, sagt er. „Aber in der Türkei gibt es Jobs nur durch Freunde und Bekannte.“ Daran ist die Politik schuld, auf die er „einen Fick gibt.“ Er ist enttäuscht, wütend. Wahrscheinlich hatte er große Hoffnungen nach dem Studium. Wir schweigen uns an, während ich rauche. Irgendwann – wahrscheinlich aus Höflichkeit – fragt er, woher ich komme und was ich beruflich mache. Ich erzähle ihm, dass ich in Deutschland in einer Redaktion mit Can Dündar arbeite.

Jeder in der Türkei hat eine Meinung zu Can Dündar

Jeder in der Türkei hat eine Meinung zu Can Dündar, dem Journalisten, der 92 Tage in der Türkei in Haft saß und heute in Deutschland im Exil lebt. Der Kellner hat eine gute Meinung von ihm: Die türkische Regierung habe Can Dündar verschwendet, sagt er. Der Kellner ist Atheist. Er wirft Erdoğan vor, die Türkei zu islamisieren. „Damit er die Menschen wie Hühner halten kann.“ Neulich, sagt er, wurde eine Frau im Bus verprügelt, weil sie sich im Fastenmonat zu offen angezogen hatte. Ich habe Bilder von Mastanlagen im Kopf, in denen sich Vögel gegenseitig tot picken.

Der Kellner zeigt mir eine Türkei, die ich so noch nicht gesehen habe. Bis heute war ich entweder im Hotel-Urlaub oder bei meiner Familie. Da gibt es keine Diskussionen über Laizismus.

Die geheime Köfte

Facebook zeigt mir eine Veranstaltung in meiner Nähe: „Demonstration für Gerechtigkeit.“ Na gut, denke ich, ich habe ja sonst nichts vor. Es ist 14 Uhr, als ich mich von dem Café aus auf den Weg mache. Der Muezzin ruft.

Ich laufe an Kneipen vorbei, in denen junge Menschen Efes trinken. Die Leute, die diesen Monat fasten, haben heute noch keinen Schluck Wasser getrunken.

In der Türkei fehlt eine Schicht zwischen den zwei Extremen – die Schicht zwischen Atheisten und Konservativen. Und es fehlt an gegenseitiger Akzeptanz, sogar in Istanbul. Jeder hier hat sein Viertel. Schwule, Künstler und Linke gehen in die Kneipen in Kadiköy, im Stadtteil Kasimpasa trinken die Konservativen und Armen Tee, und die Reichen haben ihre klimatisierten Häuser in Bebek.

Die Demo soll im Macka-Park sein – auf der europäischen Seite der Stadt. Als ich im Park ankomme, rieche ich Köfte. Ich folge dem Geruch und lande an einem Grillwagen, wo der Verkäufer zehn türkische Lira für Köfte im Brot haben will – teuer, für türkische Verhältnisse. Aber für den Deutschen in mir ist das Köftebrötchen immer noch günstig – man bekommt heute für einen Euro etwa vier Lira. In unseren Familienurlauben waren es nur zwei. Die türkische Währung ist geschwächt.

Im Urlaub mit meinen Eltern habe ich trotzdem immer alles bekommen, was ich wollte. Jeden Tag haben wir in den besten Restaurants gegessen. In Deutschland war das nicht möglich. Das kann einer der Gründe sein, warum ich in der Pubertät den Wunsch hatte, „zurück“ in die Türkei zu ziehen. Erst später wurde mir klar, dass ich nicht zurückziehen kann. Ich bin in Bottrop geboren.

Die Köfte esse ich verdeckt, damit die Fastenden keinen Hunger bekommen. Ich laufe durch den Park und stoße auf Polizeibeamte. Sie stehen beim Eingang zur Demo, kontrollieren meine Tasche. Auf dem Gelände herrscht gute Stimmung, es gibt Tee und Snacks. Es ist eher ein Festival als eine Demonstration. Hier, im Lager der Kemalisten, brauche ich mein Köftebrötchen nicht mehr zu verstecken. Die Kemalisten sind Laizisten und Anhänger des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk.

Es wird der Tag kommen, an dem die AKP zur Rechenschaft gezogen wird

Auf der kleinen Bühne wird Musik über große Boxen abgespielt. Als „Izmir Marsi“ läuft, springen auch die Leute auf, die vorher noch auf der Wiese gechillt haben. Es ist die inoffizielle Hymne der Kemalisten.

Der Moderator kündigt Özgür Mumcu an. Sein Vater, Uğur Mumcu, hat früher als Journalist über Korruption, Islamismus und den Konflikt mit den Kurden geschrieben. 1993 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

Özgür Mumcu schreibt heute für die Cumhuriyet. Es ist die Zeitung, deren Chefredakteur Can Dündar war. Die Zeitung, die immer wieder Verfehlungen der türkischen Regierung aufdeckt. Mumcu ist knallrot im Gesicht. Er schwitzt.

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Die Demonstranten rufen im Chor: „Es wird der Tag kommen und die AKP wird zur Rechenschaft gezogen“. Etliche Zuhörer streamen die Rede live.

Was muss das für ein Gefühl sein? Für Texte, die man tippt, Worte, die man von sich gibt, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen? In Deutschland kann man fast alles enthüllen, was man will. In den Knast geht man dafür nicht. In Deutschland ist die Presse mächtig, fast unantastbar. In der Türkei nicht. Da werden Medienhäuser einfach geschlossen.

Ein Leben im Livestream

Zübeyde Sari ist an jedem ihrer Arbeitstage in Gefahr. Die Kurdin arbeitet als Korrespondentin des deutsch-türkischen Magazins Özgürüz, das Can untersteht und Teil von CORRECTIV ist. Als ich sie später am Taksim-Platz treffe, hält sie ihr Handy in der Hand – falls etwas passiert, falls sie festgenommen wird, schafft sie es so noch, jemandem Bescheid zu geben.

ÖZGÜRÜZ – Wir sind frei!

ÖZGÜRÜZ deutsch

ÖZGÜRÜZ türkisch

Livestreams/Periscope

Can Dündar bei Twitter

Zübeyde Sari bei Twitter

Sie ist es gewohnt, aus kritischen Regionen zu berichten. Sie selbst stammt auch aus einer. Sie kommt aus einem kurdischen Dorf. Bevor sie Türkisch konnte, lernte sie Kurdisch.

Noch bevor die Seite Özgürüz online ging, wurde sie in der Türkei gesperrt. Also nutzt Zübeyde Twitter, um ihre Inhalte zu verbreiten. In der Türkei ist es üblich Livestreams über Periscope aufzunehmen, die Live-Funktion von Twitter. Neulich hat sie eine Familie interviewt, die die Taten von PKK-Kämpfern verharmlost hat. In der Türkei gilt das als terroristische Propaganda.

„Warum bist du bis heute nicht verhaftet worden?“, frage ich. Und sie sagt: „Darüber denke ich nicht nach.“

Wir setzen uns in ein Café und rauchen. Wenn Zübeyde über die Türkei spricht, dann redet sie immer so, als würde ihr Statement live in der Tagesschau übertragen. Andauernd sagt sie „off the record“. Immer wieder schaut sie auf ihr Handy – aus Angst, eine Nachricht zu verpassen. Es ist bezeichnend für Zübeyde: In einem Land, in dem man für Journalismus verhaftet wird, kann diese Journalistin ihren Beruf nicht für eine Sekunde ablegen. Sie beeindruckt mich.

Aber ich will kein Korrespondent werden. Ich will über deutsche Probleme schreiben. Vielleicht, weil mir der Mut fehlt. Oder vielleicht, weil sie mir näher sind als die Probleme hier. Bin ich doch mehr Deutscher als Türke?

KAPITEL 3: Die Sache mit Erdoğan und dem Zauberstern

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Der Personenkult der Türken macht auch vor Hüdaverdi nicht Halt: Flammt seine alte Liebe zu Erdoğan wieder auf? Er begegnet dem türkischen Präsidenten auf einem Friedhof.

Illustration: Julia Beier

Jede politische Richtung in der Türkei hat einen Führer, den sie extrem verehrt.

Die Linken haben Deniz Gezmis. Er gründete die Volksbefreiungsarmee. Im Alter von 25 wurde er dafür erhängt.

Die Rechten haben Alparslan Türkes. Er gründete die nationalistische Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, dt.: Partei der Nationalistischen Bewegung).

Die Gülen-Anhänger haben den Prediger Fetullah Gülen.

Die radikalen Kurden haben Abdullah Öcalan, genannt APO. Er ist das Symbol für Freiheit bei den Kurden. Er gründete die PKK und sitzt jetzt in einem türkischen Gefängnis.

Die Nazis haben Hitler

Die Laizisten und auch Patrioten haben Atatürk, den Retter der Türkei, den „Vater aller Türken“.

Eigentlich gehört jeder Türke irgendeinem politischen Lager an und verehrt irgendeinen großen Mann. Vielleicht ist das eines der Probleme.

In Deutschland kenne ich niemanden, der Angela Merkel, Martin Schulz, Willy Brandt oder Konrad Adenauer so verehrt wie die Türken ihre Politiker. Außer den Nazis. Die haben Hitler.

Und ich? Ich habe meinen Lieblingssänger Baris Manco. Für ihn bin ich schon mehrmals in die Türkei geflogen. Einmal, um sein Grab zu besuchen und ein weiteres Mal, um sein Haus zu besichtigen, das nach seinem Tod zu einem Museum umgebaut wurde.

Das Grab von Baris Manco ist für mich ein Pflichtbesuch, wenn ich in Istanbul bin. Ich fahre auch dieses Mal mit der Fähre nach Kadiköy, auf die asiatische Seite der Stadt, und steige dort in den Bus Richtung Grabstätte. Manco liegt auf einem Friedhof mit Ausblick auf den Bosporus. Damit die Toten eine schöne Sicht haben.

Kurz bevor ich den Stadtteil verlasse, stockt auf einmal der Verkehr. Die Leute werden unruhig. Ein Konvoi von Autos blockiert die Straße. Hammer-Autos! Ich erkenne die Mercedes S-Klasse – unser Klischee-Wagen. Ist aber auch ein geiles Auto, denkt anerkennend der Türke in mir. Der Stern auf dem Kennzeichen verrät: Es ist der Konvoi von Recep Tayyip Erdoğan. Alter! Das darf ich nicht verpassen.

Erdoğan, meine alte Liebe

Ich springe an der nächsten Haltestelle aus dem Bus. Dort hat sich schon eine Menschenmenge versammelt. Jemand sagt, dass Erdoğan auf dem Friedhof sein soll, um das Grab seiner Mutter zu besuchen. Mein Herz pocht, als würde ich einer alten großen Liebe über den Weg laufen. Vielleicht ist es aber auch die Angst, dass die alte Liebe zu ihr wieder aufflammt.

Die Journalisten greifen zu ihren Kameras, als Erdoğan in Richtung Friedhof geht. Erdoğan ist für mich schon immer an der Macht. Ich kann mich nicht an eine Türkei ohne ihn erinnern, genauso wie ich mich kaum an ein Deutschland ohne Angela Merkel erinnern kann.

Als Erdoğan Präsident wurde, zahlte man in der Türkei für Brot eine Million Lira. Meine Urgroßeltern lebten in einem „Gece Kondu“ in Ankara. Gece Kondu, das heißt auf Deutsch „nachts hingestellt“. Und so sehen die Häuser auch aus: klein, provisorisch, schlicht. Als Kind fand ich das Häuschen idyllisch. Mein weiser Uropa mit seinem langen Bart und meine Uroma, die sich um uns gekümmert hat. Trotz aller Armut. Das sind meine Erinnerungen an die alte Türkei.

Der Zauber geht verloren

Die Realität war aber eine andere. Weniger romantisch: regelmäßiger Stromausfall, kein sauberes Wasser und ein Bau, den in Deutschland niemand abgenommen hätte. Erdoğan verbesserte die Infrastruktur und die Wirtschaft. Die Orte in der Türkei verändern sich so schnell, dass ich mich in Vierteln verlaufe, in denen ich vor ein paar Jahren noch flaniert bin wie durch meine Hood in Bottrop. Damit hat Erdoğan das Selbstbewusstsein der Türken gestärkt. Wenn mein Opa über Politik diskutiert, dann lauert er nur darauf, dass jemand etwas Schlechtes über Erdoğan sagt, damit er ihn verteidigen kann.

In dem Moment, in dem ich den türkischen Präsidenten sehe, merke ich, dass Erdoğan für mich seinen Zauber verloren hat. Ich habe es durchschaut – wie er versucht über Nationalstolz die Türken im Ausland hinter sich zu vereinen. Ich hätte es wohl genauso cool gefunden, Kim Jong-un auf der Straße zu treffen. Es sind eben Leute, über die die Welt spricht. Attraktionen, keine Idole. Zumindest nicht für den Deutschen in mir. Das beruhigt mich.

Ich fahre weiter nach Kanlica und halte dort meinen Pflichtbesuch am Grab von Baris Manco ab. Was ich nicht alles für meinen Lieblingssänger mache… Bei Baris übernimmt wieder der türkische Groupie das Steuer. Meine Reise bleibt eine Achterbahnfahrt.

Es gibt keine Gläubigen-Mittelschicht wie in Deutschland.

Einmal haben wir im Geschichtsunterricht in meiner Bottroper Grundschule über Atatürk gesprochen. Obwohl ich nicht wusste, was er getan hat, bekam ich Gänsehaut, weil es mich stolz gemacht hat, seinen Namen zu hören. Der türkische Personenkult um Atatürk hält bis heute an. Es ist eine ganze Maschinerie, jeder mystifiziert ihn und folgt treu seiner Figur. Nicht nur die Türken. Auch Hitler und Winston Churchill sollen zu ihm aufgesehen haben.

Mein Urgroßvater dagegen liebte Menderes, der 1950 Ministerpräsident war und so etwas wie der Anti-Atatürk. Ein Verfechter von mehr Religion im Staat. „Hätten sie damals Menderes nicht erhängt, dann wären die Deutschen zu uns zum Arbeiten gekommen“, sagte mein Uropa immer. Die Amtszeit von Adnan Menderes dauerte knapp zehn Jahre und wurde durch einen Putsch des türkischen Militärs beendet. Seitdem ist er für viele eine Legende. Erdoğan sieht sich als seinen Nachfolger.

Atatürk oder Menderes – beide kann man nicht lieben. Der Streit darüber spaltet die Türken: Ungläubige für Atatürk, Gläubige für Menderes. Und wieder haben wir das Problem der politischen Lager. Entweder oder. Dazwischen bleibt nichts.

1999 flog eine Abgeordnete aus dem türkischen Parlament und verlor ihre Staatsbürgerschaft, weil sie ein Kopftuch im Parlament getragen hatte. Auf YouTube kursieren etliche Videos aus der Zeit, in denen Musliminnen aus den Universitäten geschmissen werden, nur weil sie Kopftuch tragen.

Erdoğan hat diese Machtverhältnisse umgedreht. Er gab, als er im Amt war, der Abgeordneten ihre Staatsbürgerschaft und der Religion ihren politischen Einfluss zurück. Die Zeit, in der Religion nicht sichtbar sein durfte, nennt er „eski Türkiye“ (dt.: „Alte Türkei“) und sagt, dass es in der „yeni Türkiye“ (dt.: „neuen Türkei“) nicht mehr so ist. Jetzt werden Frauen angegangen, weil sie Shorts tragen.

Mein Vater konnte nie irgendwo ankommen

Als mein Vater klein war, wohnte seine Familie in einem Mietshaus im Ruhrgebiet. Im Erdgeschoss hauste eine alte Dame, die meinem Vater nachmittags Deutsch beibrachte. Jeder Türke, den ich kenne und der es in Deutschland zu etwas gebracht hat, erzählt mir von so einer Bezugsperson. Von jemandem, der geholfen hat. Wenn aber mein Vater in den dritten Stock ging, in die Wohnung meiner Großeltern, dann sprachen alle Türkisch und mein Großvater redete immer wieder davon, bald endlich in die Türkei zurückzugehen.

Wenn ich mich schon nicht zwischen meinen Identitäten entscheiden kann, wie schwierig muss es dann erst für meinen Vater sein? Oder meine Großeltern. Erdoğan fängt genau das auf. Er gibt allen Türken im Ausland das Gefühl, zur Türkei zu gehören. Er schenkt ihnen eine Identität. Mein Vater ist kein großer Anhänger, aber er mag Erdoğan.

Vom Balkon meiner Großeltern in Ankara sah ich früher das Grab des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, den Atakule Fernsehturm und die Kocatepe Moschee. Mittlerweile ergänzt der Palast von Erdoğan den Ausblick. Dieser Ausblick ist für mich ein Sinnbild für die Türkei: eine Aufreihung großer Bauwerke, eine Aneinanderreihung großer Männer. Auch Erdoğan Zeit wird irgendwann enden. Das ist immer so. Vor allem in der Türkei.

Nur ein ganz normaler Autokrat

Meine letzten Tage in Istanbul verbringe ich in einem Hotel am Galataturm, in einem Zimmer ohne Fenster. Mit Zigaretten freunde ich mich – auch hier – mit dem Hotelpersonal an. Der Mitarbeiter in der Lobby träumt von einer Schauspielkarriere, der Mitarbeiter an der Bar von einer eigenen Bar in der Küstenstadt Bodrum, und ein Afghane, der Koch, Kellner und Barkeeper zugleich ist, möchte seinen Eltern in Afghanistan einfach nur Geld zukommen lassen. Das sind noch einfache Wünsche und Probleme, die sowohl der Deutsche als auch der Türke in mir verstehen können.

Ich: 2. Der Afghane: 0.

Der Afghane wird in den nächsten Tagen mein lebendiger Wecker, er bereitet das Frühstück vor und klingelt mich aus dem Bett. Beim Frühstück kalkulieren wir gemeinsam seinen Traum von einer eigenen Bar.

Rein rechnerisch dürfte der Afghane gar kein Geld zum Leben haben. Alles geht für Kippen und Miete drauf. Auch sein Bruder arbeitet in der Türkei. Eines Tages würden die Geschwister gerne ihre Eltern dazu holen. Sie haben die Bindung zu ihrem Land verloren. Für ihn ist Afghanistan nicht mehr seine Heimat. Zu viele Bomben haben das Land zerstört. In der Türkei hofft er auf ein besseres, neues Leben. Noch hat er hier keine Heimat. Und ich habe zwei.

Das Zuckerfest nach dem Putsch

Am Ende meiner Reise fliege ich aus Istanbul nach Ankara, um meine Großeltern am Zuckerfest zu überraschen. Als ich vor ihrer Tür stehe, ist meine Oma den Tränen nahe. „Mein Junge, ich hatte es im Gefühl, dass du kommst“, sagt sie. Mein Opa hingegen gibt sich gewohnt distanziert.

Meine Großeltern wohnen im Stadtteil Yenimahalle, nicht weit vom Hauptsitz des türkischen Geheimdienstes. Schüsse und tieffliegende Flugzeuge weckten sie in der Nacht des Putsches. In Bottrop saß ich währenddessen mit meiner Familie vor dem Fernseher. Wir haben alle zehn Minuten angerufen, um zu fragen, ob sie noch leben.

Für die Türken war der Putsch ein traumatisches Erlebnis, emotional stecken sie da immer noch drin. Jeder weiß, wie er an diesem Tag davon erfahren hat. Es ist vermutlich ein ähnliches Erlebnis gewesen wie für die Amis der 9/11. Das Vorgehen der Regierung gegen die angeblich beteiligten Menschen wird daher nicht hinterfragt. Deshalb finden viele es auch nicht so schlimm, dass es jetzt – nach dem Putsch – nicht mehr rechtsstaatlich im Land zugeht.

Mein Onkel zeigt mir auf seinem Handy Bilder von Menschen, die von Panzern zerquetscht wurden. Es sind Aufnahmen, die wochenlang über WhatsApp rumgingen.

Auf einmal bin ich ganz Deutschland

Am nächsten Tag spaziere ich durch Ankara. Auf dem Rückweg zum Haus meiner Großeltern steige ich in der Nähe der deutschen Botschaft in ein Taxi. Der Taxifahrer hört meinen deutschen Akzent und fragt mich, ob ich Politiker sei. Ich verneine. Und sage ihm, dass ich Journalist bin. Er atmet tief ein. „Wieso tut Deutschland nichts gegen die Terroristen?“, fragt er laut. Jetzt sitzt in seinen Augen nicht Hüdaverdi neben ihm, sondern die gesamte Bundesrepublik. In den Augen vieler Türken hat sich Deutschland auf der Seite der Putschisten positioniert.

„Bei dem Putschversuch sind etliche Menschen gestorben und sie nehmen die Drahtzieher sogar noch auf“, sagt der Taxifahrer. Ich erwidere, dass die türkische Regierung Beweise vorlegen müsse. „Der Putsch ist doch der größte Beweis!“, sagt er, schiebt demonstrativ sein Hemd über die Arme und zeigt mir seine Narben am Hinterkopf. Auch an der Schulter und seiner Brust habe er Einschusslöcher.

In dem Moment schäme ich mich. Eigentlich würde ich gerne sagen, dass Erdoğan sich selbst entlassen müsste. Weil er früher auch mit Fetullah Gülen zusammengearbeitet hat, der heute von ihm als Terrorist verfolgt wird. Eigentlich möchte ich auch sagen, dass es ein Unrecht ist, so viele Leute einzusperren und zu entlassen.

Als ich aber seine Narben sehe, habe ich das Gefühl, dass alles, was ich sagen könnte, falsch wäre. Er erzählt, dass er in der Putschnacht angeschossen wurde, als er sich gegen das Militär gestellt habe. Und plötzlich wird der Putsch für mich spürbar. Jedes Leid bekommt Bedeutung, wenn man anfängt, es zu spüren. Ob türkisches, kurdisches oder sonst eines. „Sorge in Deutschland für eine fairere Berichterstattung über die Türkei“, sagt der Taxifahrer zu mir.

Mir wird klar: Ich bin Deutschland. Ich habe einen deutschen Pass. In der Türkei kann ich nicht einmal wählen. Je weiter ich von der türkischen Politik entfernt bin, je weniger ich mich damit beschäftige, desto lieber bin ich bei meiner Familie in der Türkei. Aber die Türkei ist nicht mein Land. Ankara nicht meine Heimatstadt. Ich lebe in Bottrop. Und dort gibt es genug Stoff, mit dem ich mich beschäftigen möchte. Zu dem ich eine Haltung entwickeln und darüber schreiben will. Was ich verändern muss. Zum Besseren. Ich möchte mich nicht über die PKK, Erdoğan und Gülen streiten. Würde ich mich in der Türkei dazu positionieren, würde ich mir Mauern in Deutschland errichten. Sie würden mich daran hindern, mit allen türkischen Gruppierungen in einen Dialog treten zu können. 

Durch meine deutsche Staatsbürgerschaft stehe ich unter dem Schutz des Bundesadlers. Und selbst in der Türkei sehen sie den Schatten der Flügel, den der Adler auf mich wirft. Von Halbmond keine Spur. Genau das verpflichtet mich, Deutschland etwas zurückzugeben und mitzugestalten. Es ist mein Land.

Der Türke und Deutsche in mir können sich in Deutschland versöhnen.  

Goldene Schlangen vor der Alten Apotheke© Lennart Schraven

Alte Apotheke

Ermittlungspanne weitet sich aus

Eine zu geringe Dosierung von Antikörpern in Krebsmedikamenten ist bei Menschen nachweisbar. Das bestätigt jetzt auch Siegfried Giess vor dem Essener Landgericht, wo wegen der gestreckten Arznei aus der Bottroper Alten Apotheke verhandelt wird. Giess ist in dem Verfahren gegen Apotheker Peter Stadtmann der Sachverständige des bundeseigenen Paul-Ehrlich-Instituts. Fatal: Die Staatsanwaltschaft versäumte eine zeitnahe systematische Blutentnahme der betroffenen Patienten.

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von Marcus Bensmann , Hüdaverdi Güngör

Der zweite Zeuge offenbart im Prozess zu den gestreckten Krebsmedikamenten aus der Alten Apotheke aus Bottrop eine schwere Ermittlungspanne. Monoklonale Antikörper hätten im Blutkreislauf eines Patienten eine Halbwertzeit von 20 Tagen, sagte am Mittwoch der Sachverständige des Paul-Ehrlich-Instituts, Siegfried Giess, vor dem Landgericht in Essen aus.  Im Dezember 2016 hatte sich bereits der Professor am onkologischen Institut der Uniklinik Essen, Martin Schuler, so geäußert. Schuler hatte dem Gericht ein Frist von zwei Wochen genannt, in der monklonale Antikörper im Menschen nachzuweisen sind.

Dem Apotheker aus Bottrop, Peter Stadtmann, wirft die Staatsanwalt vor, in fünf Jahren über 60.000 Zytostatika gestreckt zu haben. Mehr als 4000 Patienten bundesweit sind von dieser Panscherei betroffen. Die Verteidigung des Apothekers weist die Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft stützt die Anklage auf die Buchhaltung und eine Hausdurchsuchung der Alten Apotheke.

Keine systematischen Blutproben

Dort war in der Buchhaltung ein gravierendes Missverhältnis zwischen Einkauf und Vergabe der Krebsmitteln festgestellt worden. Zudem wurden bei einer Razzia im November 2016 116 Krebszubereitungen beschlagnahmt und untersucht. Bei 66 wurde ein Mindergehalt festgestellt. Unter den beschlagnahmten Infusionen und Spritzen fanden sich 29 Zubereitungen mit monoklonalen Antikörpern, einem hochpreisigen Krebsmittel. Das renommierte Paul-Ehrlich-Institut untersuchte die Proben und fand heraus, dass nur eine einzige Zubereitung die richtige Konzentration beinhaltete. Giess hatte die Untersuchungen dieser 29 Infusionen und Spritzen geleitet.

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Nach Erkenntnissen von CORRECTIV erhielten wöchentlich um die 100 Personen Krebszubereitungen mit Antikörper aus der Alten Apotheke. Nach Aussagen der beiden Sachverständigen wäre es möglich gewesen, bei circa 100 Patienten nachzuweisen, ob die von der Alten Apotheke zubereiteten und verabreichten Zytostatika minderdosiert waren. Das ist aber nicht geschehen. Es konnte gar nicht.

Manöver der Verteidigung

Denn die Staatsanwaltschaft versäumte es am Tag der Razzia 2016 eine ausreichende Zahl von Blutuntersuchungen zu veranlassen. In Frage gekommen wären dafür Patienten, die wenigsten sieben Tagen vor der Hausdurchsuchung die Zubereitungen mit diesen hochpreisigen Krebsmitteln erhalten hatten. Es wurde nur vereinzelt Blut von einigen Patienten entnommen.

Die Verteidigung versucht zudem, eine weitere Ermittlungspanne zu konstruieren und damit den Apotheker von dem Vorwurf der Körperverletzung zu entlasten. Demnach seien die bei der Razzia beschlagnahmten Infusionen weder von Stadtmann selbst noch dem Personal  freigegeben gewesen. Dabei beziehen sich die Verteidiger auf die Aussagen eines Fahrers der Alten Apotheke, der zuvor ausgesagt hatte, dass er nur Infusionsboxen nach einer entsprechenden Freigabe ins Auto gepackt hätte. Da bei der Razzia die Krebszubereitungen aber vor dieser Freigabe beschlagnahmt worden seien, hätte sie nach Aussage der Verteidigung keinen strafrechtlichen Beweiswert. Die Verteidiger stellten daher den Antrag, den Anklagevorwurf der versuchten Körperverletzung fallen zu lassen. Die Anwälte der Nebenklage halten dieses Manöver der Verteidigung für durchsichtig. 

Die Nebenkläger kurz vor Beginn des 13. Prozesstages© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 13

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel soll als Zeugin im Panschprozess auftreten. Der pensionierte Leiter der medizinischen Abteilung des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI), Siegfried Giess, tritt als souveräner Sachverständiger auf. Auch der PEI-Experte sagt, dass Antikörper im Menschen nachweisbar sind. Die Verteidigung bezweifelt die strafrechtliche Verwertbarkeit der bei der Razzia beschlagnahmten Krebszubereitungen.

von Marcus Bensmann , Hüdaverdi Güngör

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann zeigt sich gewohnt still. Im Gegensatz zu den vergangenen Prozesstagen ist er in den Verhandlungspausen wesentlich ruhiger. Am Anfang sitzt Stadtmann nur mit zwei Anwälten im Gericht, Nummer drei und vier kommen erst später.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Einen Tag nach der Demonstration der Betroffenen in Bottrop, die trotz der Drohungen gegen die Demonstration stattgefunden hat, sind gut die Hälfte der Nebenklägerinnen und Nebenkläger gekommen. Die klaren und kompetenten Aussagen des Sachverständigen des PEI beeindrucken sie. Manchmal lachen sie.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Die Bundeskanzlerin im Zeugenstand? Gleich zu Beginn des Verhandlungstages stellt der Rechtsanwalt der Nebenklage, Andreas Schulz, den Antrag die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder einen anderen Vertreter des Bundeskanzleramts als Zeuge zu laden. Grund dafür ist die Antwort des Bundeskanzleramt auf das Schreiben der Nebenklägerin Heike Benedetti. Sie hatte am 2. Januar Merkel geschrieben und bereits am 4. Januar eine Antwort erhalten. Das Kanzleramt verweist auf die Zuständigkeit der Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen und gibt sich überzeugt, dass die durch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eingeleitete Verschärfung der Regeln bei der Überwachung der Herstellung von Zytostatika wirksam sein wird. Dann aber folgt ein Satz, den Anwalt Schulz zum Anlass für den Antrag auf Vorladung der Kanzlerin nimmt: Das Kanzleramt geht demnach davon aus, „dass es sich bei den Bottroper Geschehnissen um einen Einzelfall kriminellen Fehlverhaltens handelt“. Der Anwalt sagt, dass die Schnelligkeit der Antwort und die Beschreibung darauf hinweisen, dass dem Kanzleramt Kenntnisse zu dem Fall vorliegen. Das Gericht wird über den Antrag entscheiden.

  • Siegfried Giess vom PEI macht einen souveränen Eindruck. Er war Leiter der medizinischen Abteilung des PEI, die die Krebszubereitungen mit den monoklonalen Antikörpern aus der Alten Apotheke untersucht hatte. Nun ist er pensioniert. Das PEI hat sowohl den Infusionsbeutel untersucht, den Marie Klein zur Polizei gebracht hatte, als auch die 29 Zubereitungen mit monoklonalen Antikörpern, die am Tag der Razzia in der Alten Apotheke beschlagnahmt wurden. Die Mitarbeiter des PEI haben die Zubereitungen mit Sichtkontrolle, Proteinbestimmung, molekulare Gewichtsverteilung, SDS-Elektrophorese und der isoelektrischen Fokussierung untersucht und mit einer Referenzprobe verglichen. Nach Aussage von Giess sind das bewährte Methoden der Analyse, die im europäischen Rahmen durch das PEI angewandt  und teilweise seit über 20 Jahren eingesetzt werden. Alle Vorgänge seien gemäß der  Standardarbeitsvorschriften (SOP) dokumentiert und bezögen sich auf das europäische Arzneibuch. Alle Untersuchungsmethoden sind validiert.

  • Das PEI hat Erfahrung. Nach der Aussage von Giess habe das PEI bisher direkt die Erzeugnisse von Herstellern untersucht, aber keine in den Apotheken zubereiteten Infusionen. Giess sieht jedoch darin keinen Unterschied, denn eine Infusion sei ja nur eine Verdünnung. Methodisch würde das keinen Unterschied machen, sagt der PEI-Sachverständige.

  • Die Zubereitung der Zytostatika ist eine Verdünnung. Die Verteidigung will wissen, ob die Referenzproben des PEI von ausgebildeten Apothekern und Fachpersonal für die Zytostatika hergestellt worden sei. Der PEI-Experte sagte, dies sei nicht nötig gewesen, die strengen Vorgaben für die Zytoherstellung gelten da die Zubereitungen einem Menschen verabreicht werden sollen. Für die Herstellung der Referenzproben seien diese Vorsichtsmaßnahmen nicht nötig.

  • Stabilität spielt für die Untersuchung keine Rolle. Die Stabilität, also die Frage, ob der Wirkstoff zerfallen sein könnte, hat für die Untersuchung keine Auswirkung. Denn dann wären die Rückstände der Antikörper nachweisbar gewesen, sagt Giess,  aber auch diese seien nicht nachweisbar gewesen.

  • Kühlkette stand. Es sei sichergestellt worden, dass die Infusionen immer gekühlt waren und die Kühlkette kontrolliert worden sei, sagt der PEI-Sachverständige.

  • Blitzlicht ist egal. Monoklonale Antikörper seien zwar lichtempfindlich, aber ein einmaliges Blitzlicht hätte keine Wirkung, sagt der Sachverständige von Giess. Erst wenn man einen Beutel zwei Wochen auf der Hutablage im Auto liegen liesse, dann wären die Antikörper hin, sagt der PEI-Experte.

  • Nur die Spritze für eine Studie war ok. Nur in einer von 29 Zubereitungen haben die Untersuchung ergeben, dass die Konzentrierung der Vorgabe auf dem Etikett entsprach. Das war eine Spritze für eine Studie. Bei den anderen wurde ein gravierender Mindestgehalt festgestellt, bei sechs Zubereitungen gab es nicht nur einen Mindergehalt sondern es war auch ein anderer Wirkstoff drin. Zudem stellte die Analysen Verunreinigungen fest.

  • Grund für eine zu geringe Dosierung. Als die Verteidigung den PEI-Experte fragt, welche Gründe es für die festgestellten Minderdosierung geben könnte, sagt Giess, dass es nur einen gebe, nämlich dass zu wenig reingegeben wurde. Der PEI-Experte hält es für ausgeschlossen, dass schon das Ursprungsprodukt einen Mindergehalt haben könnte.

  • Halbwertzeit von 20 Tagen. Der PEI-Experte sagt, dass die Antikörper im Menschen eine Halbwertzeit von 20 Tagen hätte. Damit ist Giess der zweite Experte der sagt, dass man die Minderdosierung von Anitkörpern im Menschen hätte nachweisen können.

  • Kein Neuland. Mit Hilfe eines Gutachtens des international anerkannten Wissenschaftlers Fritz Sörgel versucht die Verteidigung die Verwertbarkeit der Untersuchungsergebnisse der beschlagnahmten Krebszubereitungen in Frage zu stellen. CORRECTIV hatte schon berichtet, dass die Verteidigung das Gutachten des Professors vom Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung aus Bayern überzogen hatte. Nun konfrontiert der Anwalt der Nebenklage, Schulz, den PEI-Experten Punkt für Punkt mit dem Fazit des Gutachtens der Verteidigung. Unter anderem schreibt Sörgel darin, dass mit den Untersuchungen von Zytostatika  „Neuland“ betreten würde und dass es sich keinewegs um eine Routineanalytik mit anerkannten Analyseverfahren handele. Schulz fragt den PEI-Experten, ob das stimmen würde, der PEI-Experte verneint.   

  • Akten vom Staatsschutz gefordert. Ein Anwalt der Nebenklage beantragte, dass Akten vom Staatsschutz eingefordert werden. Grund dafür sind die Ermittlungen des Staatsschutzes, nachdem es Drohungen im Vorfeld der Demonstration in Bottrop gegeben hat. Das Schreiben des anonymen Absenders ging bei mehreren Betroffenen und dem Whistleblower Martin Porwoll ein.

  • Beschlagnahmte Infusionen angeblich nicht freigegeben. Die Verteidigung versucht, eine Ermittlungspanne zu konstruieren und damit den Apotheker von dem Vorwurf der Körperverletzung zu entlasten. Demnach seien die bei der Razzia  beschlagnahmten Infusionen weder von Peter Stadtmann noch anderem zuständigen Personal freigegeben gewesen. Dabei beziehen sich die Verteidiger auf die Aussagen eines Fahrers der Alten Apotheke, der ausgesagt hatte, dass er nur Infusionsboxen nach einer entsprechenden Freigabe ins Auto gepackt hätte. Da bei der Razzia die Krebszubereitungen aber vor dieser Freigabe beschlagnahmt worden seien, hätten sie nach Aussage der Verteidigung keinen strafrechtlichen Beweiswert. Die Infusionen hätten den „Machtbereich“ von Herrn Stadtmann noch nicht verlassen.  Die Verteidiger stellen daher den Antrag, den Anklagevorwurf der versuchten Körperverletzung fallen zu lassen. Die Anwälte der Nebenklage halten dieses Manöver der Verteidigung für durchsichtig.

  • Verteidiger bereiten sich auf den Whistleblower Martin Porwoll vor. Die Verteidigung hat das Gericht gebeten, Akteneinsicht in ein abgeschlossenes Verfahren gegen Porwoll zu erhalten. Das Gericht verweist auf die Verantwortlichkeit der Staatsanwaltschaft.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am  15.01. werden zwei weitere Mitarbeiterinnen der Apotheke und eine Ermittlungsbeamter vernommen.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):  15.01., 18.01., 24.01., 29.01., 31.01., 01.02., 05.02., 08.02., 14.02., 16.02., 20.02., 22.02., 13.03.

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Die Menschen im Gerichtssaal erheben sich vor dem Richter.© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess,Tag 12

Am ersten Verhandlungstag im neuen Jahr im Fall der gepanschten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop geht es um Gerüchte, Frauen und die Mutter des Angeklagten. Es sagen zwei Mitarbeiter der Alten Apotheke aus. Fahrer Kim F. nimmt seinen ehemaligen Arbeitgeber in Schutz. Die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M. berichtet allerdings von Gerüchten in der Belegschaft, dass es bei der Zubereitung der Krebsmittel nicht mit rechten Dingen zugegangen sei.

von Marcus Bensmann , Hüdaverdi Güngör

Am heutigen Verhandlungstag ist die Zuschauertribüne gut besetzt. Etwa 30 Menschen verfolgen den Prozess. Während des Verhandlungstages kommt es immer wieder zu kleineren Wortgefechten zwischen den Anwälten der Nebenklage und denen der Verteidigung. Ursprünglich war am 12. Prozesstag die ehemalige Mitarbeiterin Sonja U. als Zeugin vorgesehen, deren Exmann hatte bereits 2013 Peter Stadtmann angezeigt, Krebsmedikamente zu panschen. Die Anzeige verlief damals im Sande. Ihre Vernehmung findet an einem anderen Tag statt. Die Eltern des Angeklagten nehmen von ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch und werden nicht im Prozess aussagen. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Nach den Feiertagen wirkt Peter Stadtmann noch schmaler. Die Mundwinkel sind fast durchgehend nach unten gezogen, sein Blick geht oft ins Leere. In Verhandlungspausen berät er sich intensiv mit seinen Verteidigern. Peter Stadtmann studiert Notizen, die er mit rotem Kugelschreiber in einem Schulheft verfasst hat. Dem Fahrer Kim F. nickt er während einer Verhandlungspause wohlwollend zu.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Von den 44 Nebenklägerinnen und Nebenklägern sind weit über die Hälfte erschienen. Sie beteiligen sich aktiv an der Befragung der Zeugen. Der Gerichtstag ist für sie ein Wechselbad der Gefühle.  Bei den Aussagen des Fahrers Kim S. schütteln sie mit dem Kopf, die Aussage der ehemaligen Mitarbeiterin Stefanie M. ermutigt sie.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Die Eltern von Stadtmann werden nicht aussagen. Der Richter sagt, dass die Eltern des Angeklagten das Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch nehmen.

  • Der Pharmavertreter von Hexal wird Zeuge. Die Verteidigung von Stadtmann hat in einem Schreiben an den Richter behauptet, dass ein Pharmavertreter von Hexal Stadtmann schwarz aus dem Kofferraum Krebsmittel verkauft hätte. Hexal und der Vertreter wiesen diesen Vorwurf zurück, nun wird der Mann am 08.02. als Zeuge vernommen.

  • Der Fahrer Kim S. und die Familie in der Alten Apotheke. Der Fahrer Kim S. hat als Fahrer die zubereiteten Krebsmittel zu den Praxen gefahren. Morgens sei er in die Apotheke gekommen und hätte die Boxen mit den Infusionen eingeladen. Diese seien ihm von den Mitarbeitern ausgehändigt worden. Der Fahrer S. sagt, dass er es nicht mitbekommen hätte, dass mal eine Infusion kurz vor der Auslieferung wegen Mängel aus der Box genommen worden sei. Vor der Verhaftung von Stadtmann haben für die Alte Apotheke 22 Fahrer gearbeitet. Aufgrund der Schließung des Zyto-Labor seien aktuell nur noch fünf beschäftigt.  S. ist seit Juli krankgeschrieben. Der Fahrer geht nach einem Unfall an Krücken und kratzt sich immer am Bein. Sein Verhältnis zu Stadtmann sei gut gewesen, er könne nichts Schlechtes über ihn sagen, sagt der Fahrer.  F. bezeichnet das Arbeitsklima in der Alten Apotheke wie in einer großen Familie. Nach der Verhaftung von Peter Stadtmann sei man zusammengerückt.  Der Fahrer sagt, dass er zuvor von keinen Gerüchten in der Belegschaft zu möglichen Streckungen von Krebsmedikamenten gehört habe. Auch nach der Verhaftung hätte sich die Belegschaft nicht über die Vorwürfe unterhalten. Der Fahrer informiert sich über den Fall aber bei CORRECTIV. Nach Aussagen des Fahrers, sei Stadtmann auch länger in Urlaub gefahren, auch mal für drei Wochen. F. habe dann Stadtmann zum Flughafen nach Düsseldorf gefahren, Stadtmann hätte ihm aber nicht gesagt, wo er Urlaub machen würde. Nur einmal sei er nach München geflogen. Er habe auch Stadtmann nach Hause gefahren, und manchmal sei er in Damenbegleitung gewesen. Stadtmann nickt dem Fahrer im Zeugenstand wohlwollend zu.

  • WhatsApp Gruppe und das Protokoll im Handy. Die Fahrer der Alten Apotheke haben sich über eine Whatsappgruppe verständigt. Auch am Tag der Verhaftung. Die Anwälte der Nebenklage beantragen daraufhin, das Handy des Fahrers im Gerichtssaal zu beschlagnahmen. Das Gericht lehnt diesen Antrag ab.

  • Keine Sicherheitskleidung Die Aussagen von Kim F. bestätigen zumindest den Aspekt der mangelnden Hygiene im Labor der Apotheke. Er habe Stadtmann mehrfach in Straßenkleidung in den Räumlichkeiten des Labors gesehen.

  • Gerüchte über Unregelmäßigkeiten. Anders als der Fahrer berichtete die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M. über Gerüchte in der Belegschaft über Unregelmäßigkeiten bei der Herstellung der Krebsmedikamente. Stefanie M. wurde als Zeugin berufen, da ihr Exmann im Dezember 2016 ausgesagt hatte, dass sie eine enge Vertraute von Stadtmann gewesen sei, die Krebsmittel hergestellt und viel Geld verdient hätte. Die Zeugin widerspricht der Aussage ihres Exmannes. Stefanie M. hat mit Unterbrechung von 2007 bis im Juli 2017 in der Alten Apotheke gearbeitet. Sie sei im Handverkauf tätig gewesen und hätte die Belieferung der Altenheime übernommen. Die Mitarbeiterin hätte nie Krebsmittel zubereitet, aber bei der Dokumentation schon mal in den Zytolabors ausgeholfen. Sie berichtet von Gerüchten in der Belegschaft. So soll die Schwester einer Labor-Mitarbeiterin an Krebs erkrankt sein. Daraufhin soll die Mitarbeiterin gebeten haben,  die Therapien für ihre Schwester nicht von Peter Stadtmann anfertigen zu lassen.  Weiter erzählt die Zeugin von einer Situation im Labor. Eine Mitarbeiterin hätte sich gewundert, warum von vier Flaschen eines Krebsmittels, die eigentlich hätten verbraucht sein müssen, noch eine im Kühlschrank gestanden hätte. Aufgefallen sei Stefanie M. auch, dass die Apotheker, die im Zytolabor gearbeitet hätten, häufig gewechselt hätten. Einer von ihnen habe von heute auf morgen die Apotheke verlassen, sagt die Zeugin.

  • Offene Labortüren und Straßenkleidung. Die Zeugin sagt, dass in der Apotheke die Sicherheitsvorkehrungen bei der Zubereitung von Krebsmitteln nicht beachtet worden seien. Die Türen zu den Labors hätten offen gestanden, sie hätte Stadtmann nicht in Sicherheitskleidung gesehen, und Handschuhe hätten die Mitarbeiter auch nicht immer getragen. Wenn sie Stadtmann auf die Mängel aufmerksam gemacht habe, hätte dieser sie abgewiesen, sagt Stefanie M.

  • Straffe Hierarchie und der letzte Dreck. Für die Zeugin Stefanie M. hat in der Alten Apotheke eine strenge Hierarchie geherrscht. Reinigungskräfte seien wie der „letzte Dreck“ behandelt worden. Seine Mitarbeiterinnen hätte Stadtmann mit dem lateinischen Ausdruck für den Beifuß „artemisia vulgaris“ herbeizitiert. Alle Mitarbeiter des Zytolabors hätten nach der Razzia ihren Job in der Alten Apotheke behalten und die Überstunden abfeiern können, sagt die Zeugin. Den meisten Fahrern wurde allerdings sofort gekündigt.

  • Dominante Mutter und Liebesbeziehungen in der Alten Apotheke. Stefanie M. berichtet von einer dominanten Mutter, die sich in alle Angelegenheiten der Apotheke eingemischt hätte, auch nachdem Peter Stadtmann die Apotheke übernommen hatte. Die Mutter hätte auch die Patientenzuzahlungen und Privatrechnungen für die Krebszubereitungen kontrolliert. Sie hätte nach der Verhaftung von den Mitarbeitern gefordert, sich nicht zu dem Fall zu äußern. Die Mutter hätte sie einmal in den Rücken geboxt, sagt Stefanie M. Die Zeugin berichtet auch von Gerüchten, dass Stadtmann Beziehungen zu Mitarbeiterinnen hatte.

  • Marc F. Stadtmanns wichtigster Mitarbeiter. In einem waren sich die beiden Zeugen einig. Sowohl der Fahrer als auch Stefanie M. sagten, dass Marc F. für Stadtmann der wichtigste Mitarbeiter und dessen rechte Hand war. Marc F. hat vor dem Gericht das Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch genommen. Er hat bis zur Verhaftung von Peter Stadtmann das Zytolabor geleitet und leitet nun die Buchhaltung der Alten Apotheke.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am  11.01. wird der Sachverständige des Paul-Ehrlich-Instituts als Zeuge aussagen. Das PEI hatte die beschlagnahmten Infusionen mit teuren Antikörpern untersucht und darin erheblichen Mindergehalt festgestellt. 

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 11.01., 15.01., 18.01., 24.01., 29.01., 31.01., 01.02., 05.02., 08.02., 14.02., 16.02., 20.02., 22.02., 13.03.

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Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Alte Apotheke: Die Namen der Ärzte

von Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Simon Wörpel , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann

Über 3700 Menschen. In sechs Bundesländern. Immer noch wissen viele von ihnen nicht, dass sie vermutlich gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Die Folgen sind unerträglich in unseren Augen. Diesen Menschen wird die Chance genommen, sich erneut mit einem Arzt zu beraten; ihnen wird die Chance genommen, sich juristisch zu wehren.

Sie werden dumm gehalten.

Jeder betroffene Mensch hat in unseren Augen ein Recht auf die Information, ob er gepanschte Krebsmedikamente bekommen hat – und er muss sie bekommen. Wie er mit dem Wissen umgeht, ist seine eigene Entscheidung. Es liegt aber niemals im Ermessen einer Behörde, diese Information vorzuenthalten.

CORRECTIV veröffentlicht die Namen der Ärzte

Die Behörden im Land NRW und in der Stadt Bottrop wissen spätestens seit Februar diesen Jahres um das Ausmaß des Skandals: Der Alte Apotheker in Bottrop hatte über 60.000 Krebstherapien gepanscht, tausende Menschen in sechs Bundesländern sind betroffen. Doch die Behörden haben nicht die Betroffenen informiert. Sie haben die Ärzte angeschrieben und diese gebeten, die Patienten aufzuklären. Dies ist nach Recherchen von CORRECTIV jedoch nicht immer passiert. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen und sie angefragt. Etliche gaben an, ihre Patienten aus unterschiedlichen Gründen nicht umfassend informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht.

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Der Fall der Alten Apotheke: Ermittler gehen bundesweit von über 3700 Betroffenen aus, die möglicherweise mit gepanschten Krebsmedikamenten aus Bottrop behandelt worden sind. 37 Arztpraxen und Kliniken seien laut Staatsanwaltschaft in den vergangenen fünf Jahren von dem Bottroper Apotheker beliefert worden. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Es gab allerdings auch Abnehmer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen. 

Bei einer Pressekonferenz am 10. Oktober 2017 hatten die Verantwortlichen der Bottroper Gesundheitsbehörde erklärt, dass jeder Patient über die Hotline eine Information bekommen könnte, ob er betroffen ist. Doch weiß von dieser Hotline außerhalb von Bottrop so gut wie kein Mensch. Die Stadt ist überfordert und das Land hat sich weggeduckt. Offen und transparent nach dem Namen der behandelnden Ärzte kann niemand suchen. Aber nur, wenn ein Betroffener erfährt, ob sein behandelnder Arzt möglicherweise gepanschte Medikamente bekommen hat, kann er sich mit diesem über weitere Schritte beraten. Die Ärzte haben in unseren Augen nicht das Recht, ihren Patienten bewusst diese Information vorzuenthalten.

Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, hat dazu gesagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.“

Da die Betroffenen auch nach Monaten noch nicht aktiv von den Behörden informiert wurden, haben wir uns entschlossen, den Patienten die Möglichkeit zu geben, zu überprüfen, ob ihr Arzt Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bezogen hat. Geben Sie in unserer Suchmaske die Postleitzahl ihres Arztes ein, um herauszufinden, ob auch er möglicherweise gepanscht Mittel bekommen hat. Die Liste der Ärzte ergibt sich aus unseren Recherchen und Konfrontationen. Es kann sein, dass weitere Praxen beliefert worden sind.

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV finanziert sich aus Spenden von Menschen, denen unsere Arbeit für die Gesellschaft wichtig ist. Hinter uns steht kein Konzern, sondern nur der Wille zur Aufklärung beizutragen. Unterstützen Sie uns bei unserer Arbeit.