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Hüdaverdi Güngör

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Hüdaverdi hat schon undercover recherchiert, bevor er die Journalistenlaufbahn einschlug. Als 20-Jähriger drehte er in Eigenregie den Dokumentarfilm „Obdachlos – 4 Tage ein Penner“. Dafür lebte er im Selbstversuch in den Straßen von Köln. Wenn ihn etwas bewegt, unternimmt Hüdaverdi etwas. Genervt von den Argumenten in der Integrationsdebatte, wie Thilo Sarrazin sie mit „Deutschland schafft sich ab“ angestoßen hatte, organisierte er in Bottrop politische Diskussionen für Schüler zum Thema. Zu den Kommunalwahlen gründete er die Wählergemeinschaft „Die Verfassungsschüler“. Für CORRECTIV reiste Hüdaverdi durch Deutschland und unterhielt sich mit Türkischstämmigen über ihre Probleme und die Versäumnisse der Integration. Daraus entstand die Web- und Workshopserie „Auf eine Shisha mit…“. Zudem beaufsichtigt und leitet er die Technik für die Livestreams und Studios in Essen und Berlin.

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Die Alte Apotheke

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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von Oliver Schröm , Niklas Schenck , Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Benjamin Schubert , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann , Simon Wörpel

Der Betrug: Früher flog Peter Stadtmann von Zeit zu Zeit nach München, um sich Fett absaugen zu lassen. Das muss er jetzt nicht mehr. Er ist begeistert: „Ich bin wieder total schlank.“ In Haft hat er fast 30 Kilogramm abgenommen. Kein Stressfressen mehr. Sein Leben wird kontrolliert – täglich ein Acht-Kilometer-Spaziergang, fünfmal in der Woche Kurse von gewaltfreier Kommunikation bis Kirchenkreis. Das gibt ihm Kraft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Primär geht es mir um meine Eltern und mich – alles andere kommt irgendwann.“ Das schrieb der Apotheker in Papieren, die Ermittlern vorliegen.

Damals, als Peter Stadtmann zum Fettabsaugen flog, war er ein anerkannter Bürger in Bottrop. Ihm gehörte die sogenannte Alte Apotheke. Er war einer, den die Leute grüßten. Ein Steuerzahler, ein Gönner. Heute sitzt er in Untersuchungshaft. Und tausende Menschen machen ihn für ihr Leid verantwortlich.

Peter Stadtmann hat einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik seit Contergan verursacht. Seine Geschichte ist ein Lehrstück – über Gier im Gesundheitswesen. Über den Mut von Einzelnen, nicht zu schweigen. Über Lokalpolitik. Über die Arroganz von Behörden und die Selbstherrlichkeit von Ärzten.

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Peter Stadtmann vor der Alten Apotheke

CORRECTIV

Und auch darüber, wie ein weißer Kittel vor Strafverfolgung schützen kann. Denn Peter Stadtmann hat über 4.600 Menschen in sechs Bundesländern um ihre Krebsmedikamente betrogen. Damit hat er viel Geld verdient. Und Schaden verursacht. Allein bei den Kassen über 56 Millionen Euro. Er hat die Medikamente unterdosiert und verunreinigt und trotzdem den vollen Preis von den Krankenkassen kassiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Abrechnungsbetrugs. Und wegen versuchter Körperverletzung. Anfänglich nur in 27 Fällen. Aber das hat sich mittlerweile ausgeweitet. Am Montag, 13. November, beginnt der Prozess gegen Peter Stadtmann vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen.

Wir haben vier Monate lang mit fünf Journalisten in diesem Fall recherchiert. Für zwei Monate haben wir 50 Meter vom Tatort entfernt eine Lokalredaktion eröffnet. Weil dieser Fall wichtig ist. Weil er zeigt, was alles in der Krebsmedizin in Deutschland falsch läuft.

Wir muten Ihnen als Leser mit dieser Geschichte viel zu. Fast ein Buch. Es ist für uns wie für Sie ein Experiment. An manchen Stellen nicht perfekt. Aber nehmen Sie sich die Zeit und lassen Sie sich darauf ein. Denn wir glauben, es ist wichtig, dass wir hier einen Stand zusammentragen über alles, was bis jetzt bekannt ist. Wir wollen Ihnen die Details erklären und die Fakten deutlich machen. Damit Sie sich selber ein Bild machen können. Dabei ist uns bewusst, dass sich im Laufe der Zeit vor Gericht noch Sachverhalte genauer darstellen und erklären lassen werden. Dass Lücken in den Ermittlungen geschlossen und Versatzstücke dieses großen Puzzles ein größeres Bild zeigen werden.

Investigativer Journalismus ist aufwendig und teuer.

Als gemeinnütziges Investigativ-Büro sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen. Wir machen langfristige Recherchen, also brauchen wir auch langfristige Unterstützung. Unsere Arbeit und unsere Angebote müssen wir zu einem großen Teil aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanzieren. Unterstützen Sie uns jetzt!

Bislang haben wir schon viel darüber geschrieben, was in diesem Prozess gegen Peter Stadtmann verhandelt wird. Wir haben über Krebspatienten geschrieben, über Zeugen und Ungereimtheiten. In dieser Geschichte schreiben wir auf, wie das System in der Alten Apotheke funktioniert hat.

Denn Stadtmann war nicht alleine. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen auf zwei Mitarbeiterinnen ausgeweitet. Der Apotheker schweigt beharrlich, will nichts zugeben – aber wir wissen, wie seine Verteidiger vor Gericht argumentieren wollen. Und der Fall geht weiter, als wir bisher vermutet hatten: der Apotheker lieferte auch nach Dänemark und Schweden. Außerdem können und werden mehr Betroffene als von der Staatsanwaltschaft gedacht, im anstehenden Prozess Nebenklage einreichen.

Fangen wir mit Bettina Neitzel (Name geändert) an. Sie wäre um ein Haar gestorben. Sie ist eine der Nebenkläger. Ihre Geschichte mit dem Krebs beginnt vor neun Jahren. Sie ist selbst Ärztin, hat oft mit Krebspatienten zu tun gehabt. Welche Nebenwirkungen die Behandlung hat, versteht sie erst als Patientin. Sie verträgt die Chemotherapie nicht gut, aber die Mittel wirken ab der ersten Sitzung. Ihre Tumormarker fallen kontinuierlich, am Ende der Therapie bleibt keine Spur des Tumors.

Als ihre Krankheit im Juli 2016 zurückkehrt, ist sie zunächst voller Hoffnung, dass sie den Krebs auch diesmal besiegen wird. Erstmals wird sie in Bottrop behandelt, zum ersten Mal kommen ihre Medikamente aus der Alten Apotheke. Stadtmann weiß, dass sie Ärztin ist. Als Neitzel einmal in die Apotheke kommt, gibt er ihr seine private Handynummer und sagt: „Sie können mich jederzeit anrufen, ich bin immer für Sie da.“

Der Gönner

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Stadtmann mit Startkelle

CORRECTIV

Damals dirigierte der Apotheker noch die Stadt Bottrop. An einem Samstag im Juni 2016 schlägt er vor seiner Apotheke zwei Holzlatten mit einem lauten Knall gegeneinander. Und auf sein Zeichen rennt die halbe Stadt los. Mädchen mit Ballerinaröcken halten sich an den Händen, ein Gehbehinderter donnert im elektrischen Rollstuhl übers Kopfsteinpflaster. Es ist der jährliche Spendenlauf für das Hospiz in Bottrop, der Apotheker ist der wichtigste Spender. Deshalb steht er in der regnerischen Innenstadt, die Arme mit der Startkelle noch immer über den Kopf gereckt. Zwischen seinem weißen T-Shirt und der weißen Hose schaut sein Bauch hervor.

Die Ziellinie des Spendenlaufs ist gleich neben der Alten Apotheke. Jedes Mal, wenn ein Läufer an ihm vorbeikommt, lässt Peter Stadtmann einen Euro in die Kasse fallen, die dem Hospiz zu Gute kommt, den Sterbenden, den hoffnungslosen Krebspatienten. Stadtmanns Apotheke ist die älteste in Bottrop, die beliebteste Apotheke und das einzige Haus im Umkreis, das man auf eine Postkarte drucken könnte: ein frischer, rosafarbener Anstrich, die Fenster stuckverziert. Was wäre Bottrop ohne dieses Haus, was wäre Bottrop ohne diesen Apotheker, der so viele Steuern zahlt und so viel spendet? Wahrscheinlich ein bisschen ärmer.

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Die Alte Apotheke in der Bottroper Hochstraße

CORRECTIV / Lennart Schraven

Am Ende des verregneten Sommertages sind mehrere zehntausend Euro Spenden zusammengekommen. Der lokale Radiosender macht ein Video für seinen Youtube-Kanal, die Reporterin holt Stadtmann vor die Kamera. Sein rundes Gesicht ist rot angelaufen. „Also sehen wir uns im nächsten Jahr hier wieder?“, fragt die Reporterin. „Wenn Sie dabei sind, gerne“, sagt er.

Bettina Neitzels hatte damals andere Sorgen. Ihre Stimme zittert, wenn die Ärztin von ihrem ersten Chemozyklus erzählt. „Erste Therapie: Nichts. Zweite Therapie: Nichts. Dritte, vierte, fünfte, sechste, siebte Therapie: Nichts.“ Zu ihren Freundinnen sagt sie: „Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.“ Neitzels Tumormarker, sonst ein verlässlicher Indikator dafür, dass ihr Tumor kleiner wird, steigen von Mal zu Mal stärker. Alles unter 35 ist normal, Neitzels Werte klettern bald über 6000. Ihre behandelnde Onkologin rät zu einer zweiten Chemotherapie-Linie, die bei Neitzels erstem Rückfall gut angeschlagen hatte. Drei Sitzungen, keine Wirkung. Jedes Mal, wenn sie anrufen soll, um die Werte abzufragen, zittert sie, und jedes Mal werden die Werte schlechter. Ihr Tumormarker steigt auf 7000. Neitzel will aufgeben. „Ich war an einem Punkt, an dem ich gedacht habe: So, das war’s jetzt. Diesmal schaffst du das nicht.“

Ich glaube ich krieg da nur Wasser! Ich merke nichts, keine Nebenwirkungen, und das Blutbild ändert sich nicht.

Ihre Ärztin startet noch einen letzten Versuch, eine Immuntherapie mit einem Antikörper, der für ihre Krebsart noch gar nicht zugelassen ist. Die Chancen bei solch einem sogenannten Off-Label-Use sind unbestimmt, aber die Kasse stimmt zu, und Stadtmanns Apotheke liefert die erste Infusion, im November 2016. Noch einmal schöpft Neitzel Hoffnung. Aber als nach drei Wochen die Blutwerte kommen, sind ihre Tumormarker noch einmal angestiegen, auf fast 12.000. „Ich habe meiner Familie gesagt: Das ist das letzte Weihnachtsfest, das ich erleben werde.“ Neitzel macht eine Bestattungsvorsorge. Sie will nicht, dass sich ihre Angehörigen darum kümmern müssen, wie und wo sie begraben wird.

Dann wird Peter Stadtmann festgenommen. Neitzel erinnert sich an den November-Tag 2016 wie andere an den 11. September 2001. Sie liest online von der Festnahme und den Vorwürfen gegen Stadtmann. Sie hat nicht den geringsten Zweifel: Der hat das mit mir gemacht. Vier Tage später kommt dieselbe Antikörpertherapie aus einer anderen Apotheke. Der Tumormarker fällt. Binnen weniger Tage. Von 12.000 auf 6000.

Neitzel hat mutmaßlich fast fünf Monate lang nur Kochsalzlösung bekommen. Ihre Tumormarker haben sich seither bei 6000 eingependelt, im Ultraschall sieht man: ihr Tumor verschwindet. Aber nun sind Lebermetastasen aufgetreten — und als Ärztin weiß sie, was das bedeutet: „Wenn man Lebermetastasen hat, ist eigentlich keine Chance mehr auf Heilung da. Ich werde eine verkürzte Lebenszeit haben. Das weiß ich auf jeden Fall.“

Das System

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Im Apotheker-Labor

NDR

Um zu verstehen, wie Stadtmanns Betrug möglich war, muss man zuerst verstehen, wie Krebsmedizin funktioniert. Knapp über 200 Apotheken in Deutschland mischen Krebsmedikamente, sogenannte Zytostatika. In diesen Apotheken gibt es ein Labor, das einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Wer hineingeht, muss seine Alltagskleidung gegen sterile Kleidung tauschen, eine Plastikhaube tragen, einen Mundschutz und Handschuhe. Das muss einerseits sein, um die Mitarbeiter selbst zu schützen. Denn die Wirkstoffe gegen Krebs sind giftig – im Körper eines gesunden Menschen schädlich. Aber auch die Krebspatienten muss man schützen, denn ein Körper, der eine Chemotherapie durchmacht, fährt das eigene Immunsystem fast komplett herunter. Ein kleiner Husten kann bei einem Krebspatienten zu einer Lungenentzündung werden. Also müssen die Medikamente steril sein. Denn sie gehen per Infusion direkt ins Blut. Ein Keim in der Lösung, hereingetragen in das Labor auf einem Stück unsauberer Kleidung, kann den Tod bringen.

TV-Dokumentation

Die 30-minütige NDR-Doku „Der Krebsapotheker“ entstand in Kooperation mit Panorama — die Reporter.

Peter Stadtmann stand nach Aussagen von Zeugen im Straßenanzug und mit seiner Labradorhündin in diesem Labor. Es wurden dort immer wieder Hundehaare gefunden. Peter Stadtmann war seine eigene Gesundheit, die der Mitarbeiter und vor allem aber die der Patienten offenbar egal.

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Stadtmann mit Hund

NDR

Stadtmann schweigt zu den Vorwürfen. Seine Anwälte beantworten die Fragen von CORRECTIV zu den Vorwürfen nicht.

Stattdessen wollen sie vor Gericht angreifen. Nach uns vorliegenden Informationen argumentieren die Anwälte dort unter anderem, dass die Zeugen schlicht nicht glaubhaft seien. Auch könne man aus einem möglichen Einzelfall nicht auf eine gängige Praxis schließen. Zudem gebe es keinen Nachweis, dass Infusionen tatsächlich verunreinigt waren.

Solche Sätze sind schwer zu schlucken: für tausende Patienten, die bundesweit mit den Krebsmedikamenten von Stadtmann behandelt wurden. Genauso für ihre Angehörigen.

Weil jeder Krebspatient eine andere Behandlung braucht, mischen Apotheker die Medikamente individuell an. Je größer und schwerer der Patient, desto mehr Wirkstoff braucht er. Der Apotheker mischt anhand des Rezepts den Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung. Weil die Wirkstoffe schon nach wenigen Stunden zerfallen oder gekühlt werden müssen, sollte die Apotheke in der Nähe der Arztpraxis sein, in der ein Patient die Infusion bekommt.

Im Prozess gegen Peter Stadtmann geht es um 61.980 Infusionen, die möglicherweise gepanscht waren; die er an Patienten verkauft und ihnen so heilende Wirkstoffe vorenthalten haben soll. Die Staatsanwaltschaft in Essen führt als einen Beweis die Buchhaltung der Alten Apotheke an. Aus ihr geht hervor, dass Stadtmann deutlich weniger Krebsmedikamente einkaufte, als er angeblich verkaufte und bei den Krankenkassen abrechnete.

Wie einfach es für ihn war, an jeder Dosierung hunderte Euro mehr zu verdienen, sieht man zum Beispiel am Wirkstoff Trabectedin, der zur Behandlung von Eierstockkrebs eingesetzt wird. Trabectedin kostet über 2.000 Euro pro Milligramm. Ein Erwachsener braucht pro Behandlung etwa zwei bis drei Milligramm. Wenn ein Apotheker nur etwas weniger in den Infusionsbeutel füllt, merkt das niemand. Und der Gewinn liegt bei einigen hundert Euro. Der Patient, sein Arzt und unser Gesundheitssystem vertrauen dem Apotheker, seiner Berufsethik, seiner Integrität. Wirksame Kontrollen gibt es bislang kaum.

Und dann gibt es noch eine Besonderheit: Bei Krebsmedikamenten darf der Patient im Gegensatz zu anderen Rezepten nicht selbst aussuchen, in welche Apotheke er geht. Der Arzt sendet die teuren Rezepte direkt an einen Apotheker seiner Wahl. Rezepte, die viel Geld wert sind. Eine einzelne Therapie mit modernen Antikörpern kann schon mal 100.000 Euro kosten.

Kein Bereich im deutschen Gesundheitswesen bietet so viel Potenzial für mafiöse Strukturen wie das Geschäft mit Krebsmedikamenten. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Studien besagen: In ein paar Jahren wird jeder zweite Deutsche im Alter an Krebs erkranken. Die Branche setzt jedes Jahr vier Milliarden Euro um. Diesen Markt teilen sich ein paar Dutzend Pharmahändler, 1.500 niedergelassene Onkologen und Hämatologen sowie die knapp über 200 Apotheker, die Krebsmedikamente herstellen dürfen.

Ein Eldorado für gierige Apotheker.

Peter Stadtmann ist sicher nicht der einzige Kriminelle im Krebsgeschäft. Und bei Weitem nicht der erste. Das ARD-Magazin „Panorama“ dokumentierte schon im vergangenen Jahr, wie Apotheker und Pharmahändler versuchten, einen Hamburger Onkologen zu bestechen. Sie wollten seine Patienten beliefern.

Wir verfolgen dieses System der Krebsmafia mit Oliver Schröm und Niklas Schenck weiter.

Die Kindheit

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Aufnahme aus der Kindheit

Martin Porwoll

Der Sprecher der Stadt Bottrop, Andreas Pläsken, sagte noch im September 2017 in einem Interview, Stadtmann „stammt aus einer Apotheker-Dynastie, er war für mich jemand, der den Ethos eines Apothekers mit der Muttermilch aufgesogen hatte.“

So viel stimmt: Stadtmann stammt aus einer reichen Apotheker-Familie. Beliebt war er trotzdem nicht.

In der Schule saß Stadtmann in der ersten Reihe. Die coolen Kinder saßen dahinter. Sie lachten über seinen Prinz-Eisenherz-Haarschnitt oder über die Pullunder, die er zu karierten Hemden trug. Das war Anfang der 80er-Jahre, als die Jungen anfingen, Lederjacken und Vanilla-Jeans zu tragen. Stadtmann trug Bundfaltenhosen und bewegte sich darin ungelenk. Die anderen Jungs spielten Fußball oder rauften auf dem Schulhof. Stadtmann konnte nicht mithalten. Er versteckte sich, und schwieg, wenn er angesprochen wurde. Er konnte sich gegen die anderen nicht wehren, denn er war als Kind schon etwas übergewichtig.

Zwei Mitschüler erinnern sich an einen Geburtstag von Stadtmann, auf den sie eigentlich nie eingeladen waren. Sie gingen durch die Fußgängerzone, sahen ihn, das Einzelkind, mit seinen Eltern in der Eisdiele gegenüber der Alten Apotheke sitzen. Die Eltern holten die beiden Schüler an den Tisch, bestanden darauf, dass sie sich zu ihrem Sohn setzen. Dann bestellten sie Eis für die Kinder. Eine Geburtstagsfeier ohne Spiele, Kuchen, Tänze, Geschenke, Tobereien. Nichts, was hätte vorbereitet, geplant, aufgebaut werden müssen. Stattdessen Eis in einer Eisdiele mit zufällig dazu geholten Kindern.

Jahre später ist Stadtmann ein angesehener Apotheker, das Kennzeichen seines BMW X5 ist „Bottrop-AA 111“, das doppelte „A“ steht für „Alte Apotheke“. Er definiert sich über Geld und Statussymbole. Bei einem Gespräch mit einem Schulkameraden erfährt er, dass ein gemeinsamer Bekannter aus der Schulzeit geheiratet hat. Stadtmann will das nicht glauben. „Der hat nicht geheiratet“, sagt er, „höchstens eine Krankenschwester.“ Nein, antwortet der Schulkamerad, eine Ärztin. Und Peter Stadtmann ist verwirrt. „Der hat doch gar nicht so viel Geld. Der kann höchstens eine Krankenschwester heiraten.“

Wenn seine Eltern auf eine lange Kreuzfahrt fuhren, verlor Stadtmann den starren, angespannten Blick, den er sonst als erwachsener Mann meistens hatte, erinnert sich eine Bekannte aus dem Familienkreis. Ohne die Eltern habe er entspannt gewirkt, sagt die Bekannte, er sei „charmant und weltmännisch, ja geradezu witzig“, gewesen. Sobald seine Eltern zurück waren, entflog diese Leichtigkeit, als sei „eine Klappe gefallen“.

Die Eltern

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Das Signet der Alten Apotheke

CORRECTIV / Lennart Schraven

Sein Vater gilt in Bottrop als freundlicher Mann. Keiner in der Stadt kann glauben, dass er von den Machenschaften seines Sohnes gewusst haben könnte. Der hätte sich nicht weggeduckt, sagen sie. Doch es gibt Fragezeichen.

Der Vater hat seit Anfang des Jahres eine Generalvollmacht von Peter Stadtmann. Er verwaltet seit dessen Verhaftung das Vermögen seines Sohnes. Und er versucht, Spuren seines Sohnes zu verwischen. Weil die Staatsanwaltschaft die Buchhaltung als Beweis für die Unterdosierung nimmt, versucht der Vater im Nachhinein, die Buchhaltung zu korrigieren: So hat er nach Informationen von CORRECTIV in einem Fall die Angaben eines Lieferanten der Alten Apotheke hinterfragt. Er bat ihn, Wirkstoffe nachzumelden, die angeblich an die Alte Lieferung gegangen seien, aber nicht registriert wurden.

Der Lieferant meldet daraufhin tatsächlich wenige Milligramm einer Dosierung nach, die bis dahin nicht erfasst wurden. Doch dies bleibt in dem Verfahren ohne Wirkung. Die Ermittler halten die Korrektur nicht für entscheidend. Aus ihrer Sicht fehlten so große Mengen in der Buchhaltung, dass es auf die wenigen Milligramm nicht ankommt.

Peter Stadtmann übernahm die Alte Apotheke im Jahr 2009 von seiner Mutter. Die Mutter ist auch jetzt wieder Besitzerin der Alten Apotheke. Nach Aussage ihrer Anwälte hat sie nichts mit den gepanschten Medikamenten zu tun. Ein ehemaliger Angestellter der Alten Apotheke, erinnert sich, dass die Mutter einmal sagte, sie hätte ihrem Sohn die Apotheke nie geben sollen.

Die Verteidigung

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Stadtmann wird verhaftet

NDR

Ihr Sohn steht jetzt vor Gericht. Die Beweise für ein systematisches Strecken der Infusionen mit Krebsmedikamente sind erdrückend. Mathematisch genau ist anhand der Buchhaltung ausgerechnet, dass Stadtmann weniger Wirkstoffe eingekauft hat als ausgegeben.

Dazu kommen die Ergebnisse der Razzia in der Apotheke vom  29. November 2016. In der Apotheke herrschte Chaos. Keines der aufgefundenen Präparate war ordnungsgemäß beschriftet. Das Herstellungsdatum fehlte durchweg. Das ist ein Problem: Krebsmedikamente sind nur kurz haltbar und müssen schnell nach der Zubereitung verabreicht werden.

Auf einer Arbeitsplatte im Labor fanden die Polizisten Plastikkoffer. Darin lagen Krebsmedikamente, die nicht wie eigentlich vorgeschrieben, gekühlt waren. Sie standen wohl schon seit dem Vorabend dort. Die Koffer waren an verschiedene Praxen adressiert, in denen die Patienten mit den Infusionen behandelt werden sollten. Neben der Arbeitsplatte brummten drei Kühlschränke. Unter der Arbeitsplatte standen zwei weitere. Doch da hatte niemand die Koffer hineingestellt.

Ein halbes Dutzend Transportwannen stand im Vorraum des Zytolabors. Darin Blätterberge aus Herstellungsprotokollen. Das sind wichtige Dokumente. Jeder Apotheker, der Krebsmedikamente mischt, muss sie aufbewahren und bei Bedarf zeigen – auch, falls Patienten danach fragen.

Die Ermittler beschlagnahmten 117 Infusionen darunter auch 29, die monoklonale Antikörper enthalten sollten. Das sind besonders wirkungsvolle – und besonders teure – Mittel gegen Krebs.

Die Ermittler ließen alle Arzneien untersuchen. Das Ergebnis: Bei den monoklonale Antikörper war nur in einer von 29 Proben auch der geforderte Wirkstoffgehalt. In etlichen dieser Mischungen war oft nur gerade soviel Wirkstoff, dass Patienten Nebenwirkungen spürten. Anders gesagt: Sie erbrachen, wurden aber nicht geheilt. Von den insgesamt 117 Arzneien, die die Polizei sicherstellte, waren 66 falsch angemischt, darunter zum Beispiel Mittel gegen Übelkeit. Einige Infusionen beinhalteten gar keinen Wirkstoff, in fünf Medikamenten war ein anderer Wirkstoff als verordnet (Infografik).

Untersucht haben die Proben das Landeszentrum für Gesundheit in NRW und die Infusionen mit Antikörper das Paul-Ehrlich-Institut in Hessen.

Wie argumentiert man gegen eine solche Beweislast? Wir haben Peter Stadtmann angeschrieben und über seinen Anwalt gefragt. Wir haben keine Antworten bekommen.

Allerdings haben wir Unterlagen gefunden. Papiere, aus denen die Strategie der Verteidiger klar wird. Sie setzen auf Attacke. Sie bezweifeln die Buchhaltung der Alten Apotheke  und die Wissenschaftlichkeit der Analysen der bei der Razzia sichergestellten Infusionen. Die Verteidiger geben notfalls kleinere Vergehen zu, um Stadtmann vor dem Vorwurf zu schützen, tausenden Patienten lebensrettende Medikamente vorenthalten zu haben. Es sind Sätze wie bittere Pillen – schwer zu schlucken. Wir haben sie zusammen gefasst:

Buchhaltung stimmt nicht

Die Buchhaltung der Alten Apotheke und die der Lieferanten hätten nach Ansicht der Verteidiger nicht gestimmt, der tatsächliche Warenbestand an vorhandenen Krebsmittel sei gar nicht verzeichnet gewesen. Folgender Warenbestand fehle in der Buchhaltung der Alten Apotheke:

  • Die Zytostatika aus den Jahren von 2001 bis 2012, die in der Apotheke noch gelagert hätten
  • Überfüllungen und Restmengen aus angebrochenen Packungen
  • Warenlieferungen, die nicht verzeichnet wurden – zum Beispiel aus Schwarzeinkäufen
  • Abgelaufene und beschädigte Zytostatika seien faktisch nicht an die Hersteller zurückgeliefert worden. Sie wurden nur auf dem Papier zurückgebracht, um Geld zu kassieren, tatsächlich seien sie aber in der Alten Apotheke weiter verwendet worden.
  • Die Dokumentation der Hersteller sei fehlerhaft. Sie hätten mehr an die Alte Apotheke geliefert, als in ihren Büchern stünde.

Diese Punkte der Verteidigung erscheinen den Ermittlern als Unfug. Bei den angegebenen Summen seien die Mengen viel zu gering, die Stadtmann auf dem Schwarzmarkt eingekauft oder aus Überfüllungen genutzt haben will. Zudem sei die Vielfalt der gepanschten Mittel viel zu groß, als dass man sie mit diesen einzelnen, krummen Geschäften erklären könne. Insgesamt haben die Ermittler festgestellt, dass Peter Stadtmann bei 35 Wirkstoffen weniger als die Hälfte der verkauften Menge eingekauft hatte. Von dem besonders teuren Wirkstoff Trastuzumab soll er sogar weniger als ein Fünftel der verkauften Menge vorher auch tatsächlich besorgt haben.

Ankäufe auf Schwarzmarkt

Die Verteidiger sagen, Peter Stadtmann habe mit Privatentnahmen aus der Kasse der Alten Apotheke von mindestens einem Pharmavertretern Zytostatika billig aus dem Kofferraum gekauft und zwar aus einem Wagen, der im Parkhaus stand. Dieser Schwarzhandel sei nicht verbucht worden. 2014 soll er unter anderem für diese Geschäfte über 200.000 Euro aus der Kasse der Apotheke genommen haben. Das Bargeld für den Einkauf sei aber versteuert worden.

Razzia nicht beweiskräftig

Die Anwälte von Peter Stadtmann behaupten, die bei der Razzia beschlagnahmten Infusionen seien kein Beweis gegen ihren Mandanten. Da die Infusionen die Apotheke nicht verlassen hätten, habe Peter Stadtmann sie noch nicht freigegeben. Er hätte sie noch richtig anrühren können. Und aus diesem Grund könne er nicht wegen versuchter Körperverletzung verurteilt werden.

Außerdem sagen die Anwälte, es sei gar nicht nicht möglich, das Konzentrat von Zytostatika in Infusionen nachträglich zu bestimmen. Sie legen ein Gutachten vor, das belegen soll, dass die Untersuchungen des Landeszentrum Gesundheit NRW und des Paul-Ehrlich-Institut keine Beweiskraft hätten.

Den Angaben der Stadtmann-Anwälte widerspricht die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Institutes. Im Europäischen Arzneibuch seien die Methoden beschrieben, mit denen es möglich sei, „monoklonale Antikörper zweifelsfrei in den Infusionsbeuteln nachzuweisen“, schreibt die Sprecherin des Institutes. Anders ausgedrückt: die Anwälte fabulieren Unfug.

Keine echten Zeugen

Die Anwälte sagen, es gebe keine Zeugen, die gesehen hätten, dass Stadtmann Medikamente gestreckt habe. Er habe schließlich regelmäßig alleine gearbeitet. Es gebe auch niemanden, der schwören könne, dass er seine Mitarbeiter angewiesen habe, Medikamente zu strecken.

Hier geben die Verteidiger von Peter Stadtmann zu, dass ihr Mandant gewohnheitsmäßig gegen das vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip verstoßen hat.

Verstöße wegen Zeitersparnis

Die Anwälte von Peter Stadtmann sagen, er habe bevorzugt in den frühen Morgenstunden alleine in seinem Labor gearbeitet, um Zeit zu sparen. Dass Stadtmann dabei gegen das gesetzlich vorgeschriebene Vier-Augen-Prinzip bei der Herstellung von Zytostatika verstoßen hat, nehmen die Verteidiger hin. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Alten Apotheke hatten ausgesagt, dass Stadtmann gewohnheitsmäßig früh morgens allein im Labor gearbeitet habe. Die Verteidiger sagen, Peter habe dies nicht getan, um ungestört Medikamente strecken zu können.

Nachdem die Richter am Landgericht Essen die Schriftstücke der Verteidigung gelesen hatten, ließen sie die Anklage gegen Peter Stadtmann zu. Der zuständige Richter ging dabei sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

Die Staatsanwaltschaft hatte nämlich nur die Patienten zur Nebenklage zugelassen, deren Infusionen bei der Razzia sichergestellt wurden. Die anderen Patienten erhielten im Sommer 2017 einen Brief von der Staatsanwaltschaft, dass ihre Strafanzeige abgelehnt worden sei. Dabei stützte sie sich auf ein Gutachten, das sagt, man könne nicht von dem Einzelfall darauf schließen, dass tatsächlich alle Medikamente gestreckt gewesen seien.

Der Richter dagegen lies weitere Nebenkläger zu. Bis heute über 17 Menschen. Ein kleines Mädchen, das seine Mutter an den Krebs verloren hatte, sorgte für den wichtigsten Riss in der Mauer der Staatsanwaltschaft. Der Richter entschied, dass auch sie als Tochter einer Frau, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen hatten und verstorben war, als Nebenklägerin zugelassen werden müsse. Sie sei genauso wie ihre Oma eine Angehörige eines möglichen Gewaltopfers. Ein Durchbruch: Hunderte, tausende Betroffene können nun eine Nebenklage anstreben. Und noch etwas ist damit klar: Es wird im Prozess nicht mehr nur um einen Abrechnungsbetrug gehen, es geht um wesentlich mehr. Aber dazu später.

Die Ausweitung

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NDR

Als Peter Stadtmann verhaftet wurde, war die Alte Apotheke ein Riesenbetrieb mit 60 Mitarbeitern – vom Fahrer bis zum Pharmazeutischen Assistenten, die im Zytolabor arbeiteten. Auf den beschlagnahmten Unterlagen fanden die Ermittler auch die Namen von zwei Mitarbeiterinnen. Sie waren neben Stadtmann für die gepanschten Infusionen verantwortlich. Für 21 der fehlerhaften Proben unterzeichnete die pharmazeutisch-technische Assistentin S., für zwei weitere ihre Kollegin G.

An dieser Stelle wurde den Ermittlern klar, dass es bei dieser Geschichte nicht nur um einen einzigen kriminellen Apotheker geht. Der Fall der Alten Apotheke zeigt, was Menschen für Geld zu tun bereit sind.

Oder zwang Stadtmann seine Mitarbeiterinnen, die Mischungen zu panschen? Steht ihr Name fälschlicherweise unter den Protokollen? Eine Zeugin sagt, dass es nahezu unmöglich sei, die Herstellungsprotokolle und Unterschriften zu fälschen. Wurden die Medikamente also bewusst gestreckt? Wir haben versucht, mit S. zu sprechen, sind zu ihrer Wohnung gefahren. Sie wollte nicht mit uns sprechen. Einen Tag später rief uns ihr Anwalt an. Wir sollen den Kontakt zu seiner Mandantin unterlassen. Die Bottroper Apothekenangestellte wird von einem Düsseldorfer Strafverteidiger vertreten.

Eine Mauer des Schweigens hat sich um die Alte Apotheke gelegt. Angestellte der Apotheke verweigerten reihenweise die Aussage vor den Ermittlern. Sie sagen, sie könnten sich selbst belasten. Wir erfahren aus dem Umfeld der Alten Apotheke, dass Peter Stadtmann seine Mitarbeiter in der Regel 20 Prozent über Tarif bezahlt haben soll. Dazu habe es großzügige Schenkungen gegeben. Die Assistenten hätten in manchen Monaten 6.000 Euro netto verdienen können.

Noch heute arbeiten S. und G. in der Alten Apotheke – so steht es zumindest in einem Schreiben der Anwälte aus der Kanzlei Höcker, die über ein dutzend Mitarbeiter der Alten Apotheke vertreten. Das Schreiben liegt uns vor. Die Anwaltskanzlei Höcker arbeitet nicht nur für die vielen Mitarbeiter aus der Alten Apotheke. Sie ist auch schon für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und diverse AfD-Politiker aktiv geworden. Wir haben die Mutter gefragt, warum sie die Labormitarbeiterinnen S. und G. noch bezahlt. Wieder antworteten die Höcker-Anwälte, diesmal im Namen der Mutter. Sie schrieben, dass sich die Mutter an der „Unschuldvermutung“ orientiere – auch wenn Ermittlungen gegen die Mitarbeiterinnen liefen. Mit anderen Worten: Die Mutter sieht keinen Grund S. und G. zu feuern, auch wenn ihre Unterschriften auf gepanschten Medikamenten prangen.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

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Der Großhandel

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Hüdaverdi Güngör

Die Ermittler fanden auch heraus, dass die Alte Apotheke unter Stadtmann nebenher noch einen nicht genehmigten – und damit illegalen – Großhandel für Arzneien betrieb. Und zwar im internationalen Maßstab.

Der Apotheker kaufte zum Beispiel bei der Essener Firma Noweda Antikörper im Millionenwert ein, ließ sie in Schleswig-Holstein umverpacken und weiter nach Dänemark und Schweden verkaufen. Die Bezirksregierung Düsseldorf behauptet, dass die Packungen der Medikamente unversehrt gewesen seien. Das heißt, Stadtmann hätte diese Wirkstoffe gar nicht gepanscht haben können. Eine unabhängige Prüfung der betreffenden Medikamente hat es aber nicht gegeben.

Stadtmann genoss einen Sonderstatus bei Arzneimittelhändlern. Vor allem bei Noweda. Stadtmanns Monatsumsatz wird in den Papieren des Händlers auf etwa 600.000 Euro beziffert, so dass Noweda ihm schließlich das Sonderrecht einräumte, alles wieder eintauschen zu können. Egal woher es kam. Sogar Produkte, die Peter Stadtmann woanders gekauft hatte.

Damit machte er Geld: Er verkaufte nicht nur Medikamente ins Ausland. Er bezog sie auch von ausländischen Händlern und schickte sie als so genannte Retoure an Noweda. Und Noweda zahlte ihm dafür den deutschen Katalogpreis zurück. Man kann sich das so vorstellen, als könnte man in einem holländischen Marken-Outlet hundert Paar Schuhe zu einem reduzierten Preis einkaufen und diese dann anschließend zum vollen Preis in einer deutschen Filiale zurückgeben – ohne Kassenbon. Denn für die meisten seiner Retouren legte Stadtmann nicht einmal einen gültigen Lieferschein vor.

Neben Krebsmedikamenten retournierte Peter Stadtmann auch gängige Produkte. Allein im Februar 2016 schrieb Noweda ihm 240.000 Euro für Arzneimittelretouren gut. Mit dabei: rund 2.700 Fläschchen Nasenspray.

Die Anwälte von Stadtmann behaupten, dass diese Retouren bei Krebsmedikamenten nie wirklich stattgefunden hätten. Sie sagen, dass ihr Mandant nur so getan habe, als schicke er Medikamente zurück an die Großhändler. In Wahrheit habe er sie aber in der Apotheke weiterverarbeitet. Es sei auch möglich, dass die Alte Apotheke bei der Herstellung der Krebsmedikamente auf Vorräte zugegriffen hätte, die sich von 2001 bis 2012 angesammelt hätten. Abgelaufene Medikamente.

Wie gesagt: Krebsmedikamente sind nur sehr kurz haltbar, sie zersetzen sich. Und können danach zum Gift werden.

Die Dimension des Verfahrens ist kaum zu erfassen. Die nackten Zahlen wirken steif und ungelenk. Man möchte wegschauen und diese Details am liebsten überlesen.

Nach Berechnungen der Staatsanwaltschaft hat Peter Stadtmann von 2012 bis 2016 insgesamt 4661 Patienten mit Krebsmedikamenten versorgt – seine Lieferungen gingen an 38 Ärzte in sechs Bundesländern. Aber der Apotheker hat nicht erst 2012 angefangen, Krebsmedikamente zu mischen. Die Staatsanwaltschaft legt sich auf diesen Zeitraum fest, weil die Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs laufen, und der verjährt schon nach fünf Jahren.

Doch hinter den Zahlen verbergen sich tausende Schicksale wie das von Bettina Neitzel. Sie liebt es mit ihrem Hund durch den Bottroper Stadtpark zu laufen. Jeden Tag eine Runde. Sie ist gerne bei ihrem Mann, ihrer Familie. Sie lacht gerne. Und sie leidet, weil sie weiß, dass sie gepanschte Krebsmittel bekommen hat, die vielleicht ihre Lebenszeit verkürzt haben.

Seit 2001 soll Stadtmann in der Alten Apotheke Krebsmedikamente angemischt haben. Das geht aus Unterlagen hervor, die den Ermittlern vorliegen. Die Zahl der Patienten, die seitdem Bottroper Medikamente bekommen haben, reicht an die 10000. Bis 2009 war die Mutter von Stadtmann verantwortlich für die Alte Apotheke. Doch: „Während der Zeit, in der unsere Mandantin die Betriebserlaubnis für die Alte Apotheke besaß, ist es nach Kenntnis unserer Mandantin zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen“, sagen ihre Anwälte aus der Kanzlei Höcker.


Die vollständige Antwort der Mutter-Anwälte veröffentlichen wir hier. (1,5 MB)

Als ihr Sohn bereits im Gefängnis war, übernahm die Mutter die Apotheke wieder – wie genau sie das gemacht hat, erklären wir später. Als neue Inhaberin rief sie die Privatpatienten an. Sie erinnerte daran, dass noch Rechnungen für Krebsmedikamente offen seien. Krebsmedikamente, die ihr Sohn wahrscheinlich gepanscht hatte.

Die Alte Apotheke in Bottrop hat tausende Menschen beliefert, deren Angehörige sich heute fragen, warum das niemand gemerkt hat. Warum der Betrug nicht schon Jahre früher aufgefallen ist. Und warum kein Mitarbeiter etwas gesagt hat. Um diese Fragen zu beantworten, muss man zuerst die Geschichte der Menschen kennen, die Peter Stadtmann auffliegen ließen: Martin Porwoll, der die Anzeige stellte. Und Marie Klein, die den letzten Beweis lieferte.

Die Whistleblower

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Die Whistleblower

CORRECTIV / Anna Mayr

Im August 2014 wird Martin Porwoll kaufmännischer Leiter der Alten Apotheke. Porwoll ist wie jeder andere Buchhalter: Man sieht ihm seinen Beruf nicht an. Er trägt ein Hemd und eine Brille mit schwarzem Rand, er fällt nicht auf. Aber er ist ein Ur-Bottroper, war mit Stadtmann auf dem Gymnasium. Bottrop hat fast 120.000 Einwohner, aber manchmal fühlt es sich an, als wären es nur 120.

Porwoll erledigt ab 2013 kleine Aufgaben für den Apotheker, später gibt Stadtmann ihm einen Vollzeitjob. Davon, was im Labor passiert, bekommt Porwoll in seinem Büro nichts mit. Es gehört allerdings zu seinen Aufgaben, Mitarbeitergespräche zu führen. Und als Ende des Jahres 2014 zwei Kolleginnen plötzlich gleichzeitig kündigen, hört er zum ersten Mal davon, was Stadtmann heute vorgeworfen wird.

Beide Kolleginnen arbeiten im Labor – dort, wo die Krebsmedikamente gemischt werden. Im Gespräch mit Martin Porwoll klagen sie über die Hygiene. Und sie sagen, dass Peter Stadtmann die Medikamente unterdosiere.

Im Labor der Apotheke war das bekannt. Aber sonst hat es niemand mitbekommen. Weil in Deutschland keine Behörde kontrolliert, ob die Krebs-Apotheken die Infusionsbeutel wirklich mit Medikamenten befüllen. Hygiene-Kontrollen gibt es, aber nur alle drei Jahre, meist mit Ankündigung.

Es wäre einfach, Infusionen unangekündigt zu kontrollieren. Jeden Tag gibt es Infusionen, die nicht beim Patienten ankommen. Zum Beispiel, weil der Patient krank ist und nicht stark genug. Diese Infusionen gehen zurück in die Apotheken. Man könnte sie aber auch zur Analyse ins Gesundheitsamt schicken. Dass man damit kriminelle Apotheker überführen kann, dafür ist diese Geschichte ein Beispiel. Aber dazu später.

Was die Kolleginnen ihm erzählen, ist für Porwoll unfassbar. Er hält es erstmal für ein Gerücht. Gerüchte holt man heraus, wenn man sie braucht – zum Beispiel in einem Kündigungsgespräch, um den ungeliebten Chef anzuschwärzen.

Im Sommer 2015 bekommt Porwoll eine neue Büro-Nachbarin: die pharmazeutisch-technische Assistentin Marie Klein, seit ein paar Monaten Mitarbeiterin im Labor. Sie ahnt längst, das dort etwas nicht in Ordnung ist. Dann fassten die anderen Kollegen Vertrauen zu ihr. Sie erinnert sich, dass über Medikamente getuschelt wurde, die abgerechnet wurden, ohne dass es sie gab.

Die Anzüge vom Chef sind aus Teflon. Da prallt alles dran ab, damit kann man auch steril arbeiten.

Porwoll und Klein sehen sich fast jeden Tag. Sie verstehen sich gut, sie haben den gleichen Humor. Sie fangen an, Witze zu machen.

Die Krebsmedikamente hier sind der Beweis dafür, dass Homoöpathie wirkt.

Sie sprechen die Wahrheit aus, die sie beide kennen, aber nicht kennen wollen.

Wie Jesus Christus Brot und Wein, so kann Peter Stadtmann per Handauflage Wirkstoffe verdoppeln.

Vielleicht waren es diese Witze, die dafür gesorgt haben, dass Martin Porwoll verstand, dass er derjenige war, der alles beweisen konnte. Vielleicht auch nicht. Aber Porwoll wurde klar, dass er, der kaufmännische Leiter, auf alles Zugriff hatte: Zahlen, Rechnungen, Rezepte. Was ihm fehlte, war eine Gelegenheit, ein paar Stunden allein im Büro.

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Martin schaut in die Bücher

NDR

Die bietet sich an einem Abend im Januar 2016, als Handwerker in der Apotheke den neuen Arznei-Lagerautomaten aufbauen. Das geht nur nach Ladenschluss, Porwoll bleibt als einziger der Angestellten bei den Handwerkern. Als alle weg sind, sucht er aus seinen Unterlagen alle Rezepte für das Medikament Opdivo aus den letzten Monaten heraus. Das Medikament ist da erst seit ungefähr einem halben Jahr zugelassen, nur wenige Patienten bekommen es, deshalb sind die Zahlen übersichtlich. Er rechnet zusammen, wie viel Opdivo Stadtmann in dieser Zeit abgerechnet hat. Er kommt auf 52.000 Milligramm. So viel Opdivo müsste in den Infusionsbeuteln gewesen sein. Für so viel Opdivo hat Stadtmann Geld bekommen.

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Porwoll rechnet zusammen

NDR

Dann rechnet Porwoll nach, wie viel Opdivo eingekauft wurde – wie viel des Medikaments sich überhaupt in der Apotheke befunden haben kann. Porwoll weiß nicht, was er finden will. Am liebsten wäre ihm Erlösung gewesen, der Gegenbeweis, der das Gerücht zum Gerücht macht und damit unwahr. Er addiert die Einkaufsrechnungen: 16.000 Milligramm. Das sind 36.000 Milligramm zu wenig. 36.000 Milligramm, für die Stadtmann Geld bekommen hat. 36.000 Milligramm, die nicht nur auf der Einkaufsrechnung fehlen, sondern in den Blutkreisläufen von Patienten. 100 Milligramm Opdivo kosten etwa 1.300 Euro. Anstelle von 34.000 Euro Gewinn machte Stadtmann mit dem Phantom-Opdivo 615.000 Euro, fast 20 Mal mehr. In einer Stunde, mithilfe einer einfachen Excel-Tabelle, wird das Gerücht zu einem ernst zu nehmenden Verdacht.

Ab da legt sich Porwoll jeden Abend nach der Arbeit in die Badewanne. 40 Grad. Er kocht sich selbst ab. Er wäscht den Dreck weg. In den nächsten Monaten sammelt er weitere Beweise in der Buchhaltung und reicht eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ein.

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Marie Klein steckt Beutel ein

NDR

Im Oktober bringt seine Kollegin Marie Klein den entscheidenden Beweis zur Polizei. Sie, die PtA, nimmt an diesem Arbeitstag die Retouren entgegen, die Infusionen, die nicht an die Patienten gehen konnten – die, mit denen man Stadtmann überführen kann. Sie nimmt einen Beutel heraus und schiebt ihn unter ihre Jeansjacke. Als später ein anderer Kollege die Beutel zählt, fällt ihm auf, dass eine Infusion fehlt. Marie Klein schaut weg und schweigt.

Die Staatsanwaltschaft lässt den Infusionsbeutel prüfen. Er enthält gar keinen Wirkstoff.

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Ermittler mit Beutel in der Hand

NDR

Die Verteidiger von Peter Stadtmann halten Porwoll und Klein nicht für glaubwürdig. Und auch der Infusionsbeutel, den Marie Klein zur Polizei gebracht hatte, habe keinen Beweiswert. Die Anwälte sind überzeugt, dass man Zytostatika gar nicht in Infusionen nachweisen könne. Zudem sei der Weg des Infusionsbeutels nicht ausreichend dokumentiert worden.

Es ist bedauerlich. Schon im November 2016, vor einem Jahr, hätte man verstehen können, wie groß dieser Fall ist. Man hätte die Erschütterungen voraussehen müssen, die dieser Fall im Leben von Krebspatienten haben würde. Man hätte auch schon überlegen können, was die Menschen brauchen, die gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Eine Anlaufstelle mit psychologischer Beratung. Einen Rechtsbeistand. Oder überhaupt: Information.

Niemand hat diese Gedanken öffentlich gedacht. Wahrscheinlich, weil jeder in der städtischen Elite von Bottrop sich bereits einen Gefallen von Peter Stadtmann tun ließ. Sein Vermögen und sein Beruf haben Stadtmann davor geschützt, dass die Dimension des Falls sofort klar wurde.

Aber nicht nur das – Peter Stadtmann hat ein Verbrechen begangen, das es so noch nicht gab. Die Onkologen, die Stadt Bottrop, die Gesundheitsämter, auch die Staatsanwaltschaft standen alle vor dem gleichen Problem: Es gab keine Handlungsanweisungen und kein Protokoll, dem man hätte folgen können.

Wenn ein Flugzeug abstürzt, wissen die Regierung, die Fluggesellschaft und der Flughafen, was zu tun ist. Sie richten einen Krisenstab ein, die Angehörigen der verunglückten Passagiere werden medizinisch und psychologisch versorgt, Ermittler forschen nach den Ursachen des Absturzes. Opferausgleich und Entschädigungen werden geregelt. In Bottrop gab es keine Abläufe. Obwohl tausende Patienten und deren Angehörige betroffen sind, hat das Gesundheitsministerium in NRW bis heute versäumt, die Organisation eines Krisenstabes in die Hand zu nehmen. Bis heute ist nicht klar, ob man und wenn ja, wer die betroffenen Patienten informieren soll. Und wer sie oder deren Angehörige im Notfall therapieren soll.

Im November 2016, zwei Tage nachdem die Polizei Peter Stadtmann festnimmt, wird Martin Porwoll noch einmal in die Apotheke zitiert. Dort erwarten ihn die Eltern von Stadtmann und dessen Anwalt und überreichen ihm die Kündigung. Sie werfen ihm vor, dass er nicht versucht hatte, die Sache intern zu klären. Marie Klein bekam ihre Kündigung per Post.

Getan hat sich seitdem nicht viel. Die Apotheke bleibt geöffnet.

Nach der Verhaftung verbreitet das Gesundheitsamt in Bottrop sogar Falschinformationen – auf Grundlage von Porwolls Anzeige. Für fünf Wirkstoffe hatte der Whistleblower als Beweis die Buchhaltung durchgerechnet. Und nur diese fünf Wirkstoffe veröffentlicht das Bottroper Gesundheitsamt auf seiner Website. Über eine Hotline beschwichtigt man die Patienten, die andere Wirkstoffe bekommen haben. Dabei hat Porwoll immer betont, dass da etwas im großen Stil passiert. Trotzdem werden bis zum Sommer 2017 viele Betroffene fälschlicherweise beruhigt, weil das Gesundheitsamt die Liste sieben Monate lang nicht auf ihrer Internetseite aktualisiert – und bei der Hotline nicht die volle Wahrheit sagt.

Die Betroffenen

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Onko Mädels im Patientenraum

NDR

Martin Porwoll hat nicht nur Zahlen addiert. Er hat Rezepte gesehen, auf denen die Namen von Patienten standen. Namen von Menschen, die gegen Krebs kämpfen, Menschen aus Bottrop, Düsseldorf und weiteren Gemeinden. Niemand informierte sie. Wer es nicht in der Zeitung las, weiß bis heute oft nichts davon.

Auch Heike Benedettis Name stand auf den Rechnungen der Alten Apotheke. Aber sie erfährt von der Sache nicht von ihrem Arzt, vom Gesundheitsamt oder der Staatsanwaltschaft. Sondern auf Facebook. „Bottroper Apotheker panschte Krebsmedikamente“ titelte dort der lokale Radiosender. Benedetti schreibt einen Kommentar: „Hoffentlich nicht die Alte Apotheke, da habe ich meine Krebsmedikamente herbekommen.“ Kurz darauf hat sie eine Nachricht von einem Redakteur des Lokalradios. Ob sie für ein Interview vorbeikommen wolle. Es ginge um die Alte Apotheke.

Stadtmann hat bereits Krebsmedikamente für Heike Benedettis Eltern gemischt. Beide sind an der Krankheit gestorben. Als sie selbst Brustkrebs bekam, hat Benedetti ein Stoßgebet zum Himmel geschickt: „Mama, Papa, ich komm noch nicht zu euch hoch.“ Zu ihrem Mann hat sie gesagt: Das ist jetzt ein etwas schlimmerer Schnupfen. Das geht vorbei.

Benedetti ist Mitte 40, in der Schule war sie eine, die sich unter dem Tisch versteckt hat, sie schaute weg, wenn der Lehrer eine Frage stellte. Heute ist das alles anders. Sie spricht mit Journalisten, mit Politikern. Sie ist zur Aktivistin geworden. Weil sie nicht nur ihre Eltern verloren hat, sondern auch fünf Freundinnen – fünf Freundinnen, die Brustkrebs hatten. Sie lernten sich 2014 kennen, standen gemeinsam die Krankheit durch, dann haben sie sich verloren. Und Benedetti wird den Gedanken nicht los, dass das nicht hätte sein müssen.

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Selfie der Onko Mädels

Heike Benedetti

Ihre Freundinnen bekamen die Nebenwirkungen von der Chemotherapie nicht – genau so, wie es andere Betroffene erzählen. Kein Haarausfall, keine Übelkeit. Aber die Ärzte meinten, das wäre normal. Erst nach der Festnahme von Peter Stadtmann, als die Medikamente aus einer anderen Apotheke geliefert wurden, kamen die Nebenwirkungen. Doch da war es schon zu spät.

Dabei hätte es schon 2013 eine Chance gegeben, den Apotheker auffliegen zu lassen. Ein Jahr vor Benedettis Diagnose.

Die erste Anzeige

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NDR

Im Herbst 2013 entscheidet Ralf Umbreit, der als Häftling der JVA Willich sitzt, reinen Tisch zu machen. Es ist Halbzeit seiner siebenjährigen Haftstrafe. Umbreit nimmt sich ein kariertes Blatt Papier, einen schwarzen Fineliner und beginnt einen Brief an die Kriminalpolizei in Essen. Er schreibt, dass der Apotheker Stadtmann aus Bottrop Steuern hinterzieht, indem er Krebsmedikamente unterdosiert. Er schreibt, dass er von der Geschichte seit 2001 weiß, weil seine Ex-Frau in der Apotheke gearbeitet hat. Sie hat ihm davon erzählt. Der Häftling ist nicht dumm, aber er hat auch nicht Jura studiert. Umbreit hat keinen Anwalt. Er kann keine Anzeige formulieren, die überzeugend ist. Und: Er ist ein geschiedener Mann Mitte 40, der wegen eines Sexualdelikts im Gefängnis sitzt. Er sagt bis heute, dass er unschuldig ist. Ein schwieriger Zeuge. Seinen Brief schickt er an seine Mutter, sie tippt ihn ab und sendet ihn an die Staatsanwaltschaft in Essen. Und die befragt zu der Sache genau zwei Zeugen.

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Ermittlungsverfahren

CORRECTIV / Benjamin Schubert

Zuerst sprechen die Ermittler mit der Ex-Frau des Häftlings, Mitarbeiterin der Alten Apotheke, die alles abstreitet. Dann befragen sie Stadtmann zu den Vorwürfen, der über seinen Anwalt ebenfalls alles abstreitet. Wörtlich hieß es damals im Brief des Anwalts: „Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen, indem er deren Leiden verschlimmert oder gar deren Leben verkürzt, indem er weniger als die erforderliche Menge Zytostatikum anmischt. Mein Mandant ist im Gegenteil sozial sehr stark engagiert und hilft wo er nur kann.“

Er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen…

Damit stehen die Beamten vor einem Bild, das zwei Seiten hat: Auf der einen sieht man Umbreit, einen verurteilten Sträfling, der mit einer irren Geschichte seine Ex-Frau belastet und deren Arbeitsplatz gefährdet. Auf der anderen steht ein Apotheker, ein Mann, den man aus Vereinen kennt, der Geld spendet, freundlich grüßt, Anzüge trägt. Ein wichtiger Arbeitgeber. Das Ergebnis: Ermittlungen eingestellt.

Die Anzüge von Stadtmann sind zwar nicht aus Teflon, wie Martin Porwoll und Marie Klein gewitzelt hatten – aber sie waren teuer genug, dass jede Anschuldigung daran abprallte.

Die Gefühlskälte

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NDR

Peter Stadtmann besaß eine neonlichtige, brutale Gefühlskälte. „Die hat doch sowieso keine Chance“, soll er einmal über eine Krebspatientin gesagt haben. So erinnert sich ein Zeuge des Gesprächs. Es ging um eine Frau, deren Namen er kannte, die ihm nahe stand.

Manchmal bestellte Stadtmann Handwerker in die Apotheke, nur um sie dann zu ignorieren.

Er demonstrierte seine Macht, indem er seine Mitarbeiter vor außenstehenden Geschäftspartnern demütigte. Bei einer Besprechung in seiner Apotheke warf er einen Stift auf den Boden, rief eine Angestellte: „Da liegt ein Stift. Heb den auf.“ Die Frau hob den Stift auf.

Ein anderes Mal zog er seine Brille ab und gab sie einer Angestellten zum Putzen. Und während sie putzte, warf Stadtmann einen Blick in die Männerrunde aus Geschäftspartnern. Dieser Blick sagte: „Habt ihr gesehen. Ich kann das.“

Stadtmann machte sich in Bottrop breit, in der Fußgängerzone gehören ihm viele Häuser. Auch die sind als Wohltat getarnt. Die „Medi-City“ sollte ein Stadtentwicklungskonzept für Bottrop sein; verschiedene Fachärzte im Umkreis von 150 Metern, alles in der Innenstadt, alles um seine Apotheke herum.

In den Häusern, die Stadtmann gekauft hat, haben sich viele Arztpraxen eingemietet. An jedem Haus hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Weil Gesundheit ein Geschenk ist“.

Seine wichtigsten Abnehmer waren die beiden Onkologen Dirk Pott und Christian Tirier. Sie haben eine onkologische Gemeinschaftspraxis in Bottrop. Zu ihnen habe Stadtmann ein enges Verhältnis gehabt, sagt eine Bekannte. Sie erinnert sich, dass Stadtmann in der ersten Jahreshälfte 2010 viel mit diesen Ärzten beschäftigt gewesen sei: Er habe Geschenke besorgt und sie mehrmals wöchentlich abends besucht. Die Ärzte der onkologischen Praxis haben bis zur Veröffentlichung Fragen zu diesem Sachverhalt nicht beantwortet.

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Drohnenaufnahme von Stadtmanns Luxusvilla

NDR

Stadtmann wohnte allein in einem Haus in Kirchhellen, einem wohlhabenden Stadtteil von Bottrop. Das Haus ist der wahrgewordene Traum eines exzentrischen Zwölfjährigen: Eine Rutsche führt vom Badezimmer in den Pool im Erdgeschoss. Im Keller steht eine Modelleisenbahn, die er nicht selbst gebaut hat. Im Garten stehen Kunstwerke, wahllos zusammengewürfelt. Er hatte Pläne für diesen Garten: Eine Ecke sollte Atlantis gewidmet sein, eine Ecke Grimms Märchen – sein privater Themenpark. Um festzulegen, wie hoch das Haus werden sollte, ließ er einen Kran an dem Gelände in die Höhe fahren und ausmessen, von welcher Höhe man auf die letzte Kohleanlage des Ruhrgebietes schauen kann. Das Bauamt hatte nichts gegen die Pläne einzuwenden.

Auf den Videos der Überwachungskameras ist zu sehen, dass er dort von Zeit zu Zeit Damenbesuch hatte. Ganz allein war er auch nicht: Stadtmann hielt eine Labradorhündin, die auf den Namen Grace hört. Grace wie Grace Kelly, weil Stadtmann fand, dass er selbst aussieht wie der Fürst von Monaco – so sagt es eine Zeugin. Seit Stadtmann im Gefängnis sitzt, kümmert sich sein Vater um die Hündin und spaziert mit ihr durch die Stadt.

Die Mutter

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Peter mit seiner Mutter

Correctiv

Auch die Mutter von Peter Stadtmann hat reagiert. Sie versucht mit einer Schar von Anwälten, die Lage in den Griff zu kriegen und das Vermögen der Familie in Sicherheit zu bringen.

Da ist der Versuch, die Whistleblower  einzuschüchtern. Das erscheint nötig, seit Martin Porwoll den Skandal erklärt. Er hat beim Apothekerverband vorgesprochen, mit Betroffenen geredet, immer wieder betont, dass es Mitwisser in der Apotheke gab. Dafür hat er eine Abmahnung der Kanzlei Höcker bekommen, die 18 Mitarbeiter der Alten Apotheke und die Mutter von Stadtmann vertritt. Für die Abmahnung soll Martin Porwoll 3.456 Euro zahlen. Und schweigen, aus Angst nochmal Tausende von Euros zu berappen.

Dann ist da der Griff der Mutter nach dem Vermögen von Peter Stadtmann. Dem Familienvermögen.

Am 26. Januar fuhr der Notar Andreas S. in das Wuppertaler Gefängnis, in dem Peter Stadtmann in Untersuchungshaft sitzt. Dort ließ er sich von dem Apotheker mehrere Dokumente unterschreiben. Die Alte Apotheke wurde so vom Sohn auf die Mutter übertragen, damit das stuckverzierte, rosa Haus nicht beschlagnahmt werden kann, um Betroffene zu entschädigen. So steht es als Grund der Übertragung im Vertrag zwischen Mutter und Sohn. Die Mutter zahlte für diese Übertragung nichts an ihren Sohn. Sie bekam die Apotheke umsonst.

Gleichzeitig sicherte sie sich Hypotheken auf weitere Grundstücke von Peter Stadtmann – angeblich als Sicherheit für Darlehen in Millionenhöhe. Geld, das der Sohn seiner Mutter angeblich schulden sollte.

Dass die Mutter sich das Vermögen auf diese Art und Weise sichern konnte, erscheint fast unglaublich. Aus der Haft heraus kann jemand Millionen verschieben?

Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft langsam reagiert. Vielleicht zu langsam. Nach der Festnahme ließ sie zunächst nur eine Hypothek in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro auf die Villa von Peter Stadtmann eintragen.

Die Staatsanwaltschaft ließ nicht das gesamte Vermögen einfrieren. Sie sprach kein Verkaufsverbot für die Häuser von Peter Stadtmann aus, nicht für seine Bilder und Kunstwerke. Die Staatsanwaltschaft ließ Peter Stadtmann monatelang gewähren.

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Obwohl sie im Verlauf der Ermittlungen herausbekam, wie groß der Skandal ist. Wie viele Menschen betroffen sind, wie unermesslich der Schaden ist.

Erst im August 2017 sicherte die Staatsanwaltschaft insgesamt 56 Millionen Euro. Auch dieses Geld würden in erster Linie die Krankenkassen bekommen, wenn ein Gericht den Betrug des Alten Apothekers bestätigen sollte.

Ausreichend Geld für Schadensersatzforderungen der vielen Patienten ist immer noch nicht gesichert. Es gibt aber auch keinen Straftatbestand, der die Handlungen von Stadtmann genau abdeckt. Die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass jemand an Krebs stirbt – ist das Mord? Fahrlässiger Totschlag? Körperverletzung? Sowieso müsste man es erst beweisen. Hat einer der Krebsmedikamente panscht eine Tötungsabsicht?

Die Informationspolitik

Im Fall Stadtmann muss sich nicht nur die Justiz Fragen gefallen lassen. Vor allem Behörden und Ärzte haben versagt. Die Stadt Bottrop hat nach der Razzia und dem Bekanntwerden des Falls nur die Ärzte angeschrieben, die von Stadtmann beliefert wurden. Patienten und Angehörige von Verstorbenen wurden nicht informiert. Denn das ist das besondere an Krebsmedizin: Die Patienten müssen immer genau auf den Zuzahlungsbescheid gucken, um zu wissen, aus welcher Apotheke ihre Medikamente kommen. Und wer schaut auf die Rezeptzuzahlungen des verstorbenen Ehemannes, Ehefrau, Kindes oder Vater oder Mutter? Der Arzt weiß aber genau, woher die Zytostatika stammen.

Am 2. Dezember 2016 schickt die Stadt einen Brief an die Ärzte, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben. In dem Brief werden nur die fünf Wirkstoffe genannt, die der Whistleblower Porwoll aufgelistet hatte. Sonst nichts. Keine Aufforderung dazu, Patienten zu informieren.

Später im Mai 2017 dann: Die Meldung von der Stadt an die Ärzte, dass wesentlich mehr Medikamente betroffen sind. Aber wieder keine direkte, öffentliche Bekanntmachung, damit sich die Patienten unabhängig von ihren Ärzten informieren können.

Und etliche Ärzte klären ihre Patienten nicht aktiv auf. Dies belegen unsere Recherchen. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen. Die meisten gaben an, ihre Patienten nicht informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht oder man wolle die Patienten nicht grundlos aufregen.

Wir haben uns nach langer Überlegung entschlossen, die Namen der Ärzte zu veröffentlichen, die von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekommen haben: damit die betroffenen Patienten von sich aus ihren Arzt fragen können, was zu tun ist.

Ein paar Tage nach ihrem Interview mit dem Lokalradio fährt Heike Benedetti ins Bottroper Marienhospital. Sie selbst ist da schon seit einem Jahr krebsfrei, aber ihre Freundinnen kämpfen zu diesem Zeitpunkt immer noch. Benedetti stellt ihren weißen Geländewagen auf dem Parkplatz ab, sie steigt aus – und läuft ihrer Ärztin in die Arme. Die Ärztin, die ihre Rezepte geschrieben hat, die Rezepte mit den richtigen Wirkstoffmengen. Sie begrüßen sich freundlich, dann fragt die Ärztin, was Benedetti denn im Krankenhaus wolle. „Das können Sie sich doch wohl denken“, sagt Benedetti. Laut Benedetti hat die Ärztin daraufhin nur gelächelt, genickt und ist weitergegangen. Am Empfang fragt Benedetti noch einmal nach. „Wir müssen jetzt eben schauen, ob der Krebs wiederkommt“, sagt die Sprechstundenhilfe.
Das ist der Moment, in dem Heike Benedetti anfängt zu zweifeln: Wusste ihre Ärztin davon, dass Peter Stadtmann die Medikamente panschte? Hätte sie nicht wenigstens etwas ahnen können? Wenn sie unschuldig ist, warum spricht sie dann nicht offen darüber? Wir haben die Ärztin mit der Geschichte von Benedetti konfrontiert. Sie hat nicht geantwortet. Auch Benedetti hat keinen Brief erhalten, in dem steht, dass sowohl sie als auch ihre Eltern eventuell gepanschte Krebsmedikamente bekommen haben. Es wäre ihr egal gewesen, von wem dieser Brief kommt. Nur die offizielle Nachricht, die hätte sie gerne gehabt.

Man wolle geheilte Patienten nicht verunsichern, sagen manche Ärzte. Die beiden wichtigsten Abnehmer von Stadtmann, der bekannte Düsseldorfer Chirurg Mahdi Rezai und die Onkologie in Bottrop, gehen sogar noch weiter: Sie sagen, dass sie keine Auffälligkeiten in ihren Behandlungsergebnissen festgestellt hätten. Das machen sich wiederum die Verteidiger von Stadtmann zunutze: da kein Schaden angerichtet sei, könne ihr Mandant auch nicht gestreckt haben. Bis heute spricht ein Großteil der Ärzte nur mit den Patienten, die es selbst herausgefunden haben und sich daraufhin melden.

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Selbst ein Gutachter hat im Zuge der Ermittlungen gesagt, dass man von einem womöglich gestreckten Medikament nicht auf einen körperlichen Schaden, bis hin zum Tod, schließen könne. Krebs ist eine schicksalbeladene Krankheit, bei der ein einzelner Fall wenig Aussagekraft hat.

Gewissheit könnte nur eine großangelegte Studie bringen. Für eine Fall-Kontroll-Studie bräuchte man die Behandlungsunterlagen von Betroffenen, die alle eine ähnliche Krebsart haben, zum Beispiel Brustkrebs. Man wirft sie dann zusammen mit einer Kontrollgruppe, die ordnungsgemäße Medikamente bekommen hat. Dann schaut man sich alle Unterlagen gesammelt an. Und sucht sich die Patienten heraus, die besonders schnell gestorben sind oder bei denen der Krebs zurückgekommen ist. Wenn sich dann feststellen lässt, dass Patienten, bei denen die Erkrankung besonders schlecht verlaufen ist, überwiegend häufig aus der Alten Apotheke versorgt wurden, hätte man den Beweis. Den statistischen Beweis dafür, dass Stadtmann Menschen geschädigt hat.

Infografik: Die gepanschten Wirkstoffe
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CORRECTIV

Davon sind betroffene Onkologen überzeugt, und auch das Gesundheitsamt in Düsseldorf. Allerdings kostet so eine Studie Geld, ungefähr hunderttausend Euro, auf eine genaue Zahl will sich kein Interviewpartner festlegen. Das Geld müsste das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium bereitstellen. Das Ministerium, das den Fall bis jetzt nicht an sich gezogen hat.

Die Ergebnisse so einer Studie werden weh tun: Entweder den Angehörigen der Verstorbenen, weil sie dann wissen, dass sie wohl noch mehr Zeit mit ihren Liebsten gehabt hätten. Oder der Pharmaindustrie – weil Peter Stadtmann dann bewiesen hätte, dass die teuren Krebsmedikamente keinen Einfluss auf Heilungschancen haben.

Seitdem Heike Benedetti weiß, dass Stadtmann Medikamente panschte, dreht sich in ihrem Kopf ein Karussell, auf dem immer wieder die gleichen Gedanken vorbeifliegen: Die Angst, dass der Krebs jetzt zurückkommt, weil die Chemotherapie nur halb wirksam war. Die Wut darüber, dass ihre Freundinnen heute noch leben könnten. Der Gedanke, dass ihre Kinder noch ein paar Jahre länger Großeltern gehabt haben könnten. Die Sorge, dass jemand in ihr Leben eingegriffen hat, ohne dass sie es merkte.

Für Geld interessiert Heike Benedetti sich nicht. Es geht ihr darum, dass endlich jemand zuhört. Dass jemand den Fall so ernst nimmt, wie er ist. Das Leid erkennen, den Betroffenen zuhören – monatelang hat das niemand getan. Und das so etwas nie wieder passieren kann. Heike Benedetti will, dass die Kontrollen der Krebsapotheken verbessert werden.

Und zunächst sah es ganz gut aus. Als der Krebsskandal begann, war mit Barbara Steffens eine Ministerin der Grünen für das NRW-Gesundheitsministerium verantwortlich. Sie wurde im Mai abgewählt. Der neue NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) wollte kurz nach seiner Ernennung auf den Fall reagieren. Also hat er im August 2017 einen Erlass geschrieben und an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen geschickt. Die Nachricht: Alle Gesundheitsämter müssen ihre Kontrollen der Krebslabore neu ausrichten, verbessern, verschärfen. Aber tatsächlich verändert Laumanns Erlass wenig. Der Erlass bekräftigt nämlich nur, was bereits besteht: Unangemeldete Kontrollen von Apotheken sind möglich. Das war vorher auch schon so. Die Amtsapotheker durften auch schon immer die sterilen Räume kontrollieren und sie durften auch schon immer Proben aus den Infusionen ziehen. Auch ohne Ankündigung.

Nur macht das kaum einer. Und daran ändert auch Laumanns Erlass wenig.

Der Minister traf sich weder mit uns noch mit Betroffenen.

Die mobile Lokalredaktion

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Die mobile Lokalredaktion von CORRECTIV

Hüdaverdi Güngör

Folgt man den Ermittlern, hat der Apotheker Peter Stadtmann Gewalt über die Patienten ausgeübt, ihnen Schaden zugefügt, ohne dass sie es bemerkten. Soll man ein unwissendes Opfer aufklären? Ist die Unwissenheit nicht viel angenehmer als das Gefühl, Opfer zu sein? Oder ist es das Recht eines erwachsenen Menschen, darüber informiert zu werden, dass ihm etwas angetan wurde?

Keine Kommission, kein Untersuchungsausschuss, keine Experten haben sich bis jetzt mit diesem Fall befasst. Stattdessen überließ man all diese Fragen den Ärzten: Sie können ihre Patienten informieren, aber sie müssen nicht. Die Ärzte aber haben hunderte Patienten und keine Zeit dafür, mit jedem ein Gespräch zu führen. Deshalb machen sie sich die Entscheidung leicht und informieren nur, wenn jemand von sich aus nachfragt.

Alles ist schiefgelaufen.

Und wenn alles schief läuft, dann muss wenigstens Journalismus noch funktionieren. Die Dinge öffentlich machen. Über das Versagen reden. Das kann helfen.

Im Sommer 2017 war ganz Bottrop voll mit Menschen, die sich Sorgen gemacht haben. Und kaum jemand hat mit ihnen geredet. Das war der Zeitpunkt, an dem wir uns entschlossen haben, das Schweigen zu brechen.

Wir wussten, es reicht nicht, nur zu berichten oder leise zu recherchieren. Wir wollten Ratgeber-Journalismus machen. Service-Texte schreiben für die Menschen, die in der Luft hängen, unwissend sind, Fragen haben. Dann sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben ein journalistisches Service-Center eröffnet – eine mobile Lokalredaktion.

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Veranstaltung in der mobilen Lokalredaktion

Hüdaverdi Güngör

Wir haben ein Ladenlokal bezogen, das knapp 50 Meter von der Alten Apotheke entfernt ist. Hier wollten wir Bottrop informieren und vor allem zu Wort kommen lassen. Vielleicht wollten wir auch provozieren – in der ganzen Stadt war so viel Stille, dass irgendjemand laut sein musste. Wir waren Kummerkasten und Litfaßsäule. Wir haben Menschen dazu eingeladen, uns bei der Recherche zu helfen. Wir haben sehr oft einfach nur zugehört und kein Wort mitgeschrieben. Am Ende hatten wir das Gefühl, dass sich etwas in Bottrop gewandelt hat. Ob es auch ohne uns passiert wäre, werden wir nie wissen.

Heike Benedettis Kampf beginnt bei einer Tasse Kaffee in unserer mobilen Redaktion. „Wir möchten uns anmelden“, sagt Benedetti, sie ist mit einer Freundin da. Sie sind gekommen, weil Gabi nicht mehr lebt. Gabi, ihre Freundin, die auch von Peter Stadtmann Krebsmedikamente bekam und vor zwei Tagen verstorben ist. Benedetti setzt sich, nach vorne gebeugt, die Hände auf dem Tisch gefaltet, mit einem Blick, der fragt: „Darf ich hier sein? Bin ich betroffen genug, auch wenn ich selbst noch lebe?“  Dass diese Frau in einem Monat zur einer der Sprecherinnen der Betroffenen wird, das wissen wir da alle noch nicht. Früher waren sie und ihre Freundinnen eine Kaffeeklatschrunde, die Onko-Mädels, Frauen, die sich in der Therapie kennengelernt hatten. Mittlerweile organisieren sie die dritte Demonstration, Benedetti wird wieder eine Rede halten.

Journalisten machen sich mit nichts gemein, das hat mal irgendjemand in ein schlaues Buch geschrieben. Nur auf die Dinge gucken und mitschreiben. Bloß nicht einmischen. Wir haben uns in die Fußgängerzone gesetzt, „Informationen zum Fall der Alten Apotheke“ an die Fenster geschrieben und zu Gesprächen eingeladen. Wir hatten einen klaren Standpunkt: Alle Betroffenen und alle Angehörigen müssen informiert werden.

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Tafel mit Veranstaltungen

An einem Tag stürmt eine Frau durch die Tür, etwa 70 Jahre alt, sie geht leicht gebückt und hält einen Jutebeutel in der rechten Hand. „Hat der bei meinem Mann auch gepanscht?“, fragt sie, immer wieder. Eigentlich hätte sie alles lieber verdrängt. Schwer genug, über den Tod ihres Mannes hinwegzukommen. Aber ihr Sohn, der will einen Anwalt nehmen. Da hat er gefragt, ob sie Informationen bekommen könnte. Nun sitzt sie hier und muss neu anfangen zu trauern.

Wir haben ihrem Sohn einen Brief geschickt mit Info-Material und der Bitte, seiner Mutter Abstand von der Sache zu lassen. Sie ist noch ein paar Mal am Lokal vorbeigelaufen, ihren Blick nach unten gerichtet. Hoffentlich hat sie es geschafft, uns zu vergessen.

Gleichzeitig gibt es da Menschen, die sich ohne dieses Ladenlokal nicht gefunden hätten. Die überhaupt erst den Mut bekamen, sich für ihre Interessen einzusetzen.

Die Bewegung

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Heike Benedetti bei der zweiten Demonstration in Bottrop

Benno Gi

Am Abend vor der zweiten großen Demo in Bottrop bastelt Annelie Scholz in ihrer Küche ein Plakat mit dem Foto ihrer toten Tochter Nicole. Es ist bereits 21 Uhr. Plötzlich steht ihre Enkeltochter Lara im Türrahmen. „Oma, ich will auch eins, ich will auch für Mama sprechen.“ Das achtjährige Mädchen hält einen Zettel in der Hand, auf den sie mit dickem schwarzen Stift einen weinenden Smiley gemalt hat.„Es ist schrecklich, was dieses Monster gemacht hat“, steht da in krakeliger Kinderschrift. Nicole Abresche ist im Dezember 2016 an Brustkrebs verstorben. Sie bekam ihre Medikamente aus der Bottroper Apotheke.

Annelie Scholz und ihre Enkelin haben es geschafft, dass der Richter ihre Nebenklage zugelassen hat, obwohl Nicoles Infusionen nicht bei der Razzia im November beschlagnahmt wurden. Der Grund dafür ist für den Fall Dynamit. Der Richter folgte dem Paragraph 395 Absatz 2 der Strafprozessordnung: Zur Nebenklage sind Personen berechtigt, „deren Kinder, Eltern, Geschwister, Ehegatten oder Lebenspartner durch eine rechtswidrige Tat getötet wurden“. Damit lässt der Richter im Essener Landgericht zumindest die Möglichkeit zu, dass das Strecken von Krebsmedikamenten zum Tod geführt haben könnte. Außerdem ist die Tür offen für Tausende Patienten und Angehörigen der Verstorbenen, die Krebsmittel aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Früher liefen die Bottroper für ihren Spendenlauf an der Alten Apotheke vorbei. Heute tragen sie Särge vor den Eingang. Es ist der 11. Oktober, Lara und Annelie Scholz stehen gegenüber der Alten Apotheke, Lara trägt den Zettel mit dem weinenden Smiley und der krakeligen Kinderschrift auf ein Stück Pappe geklebt um den Hals. Annelie Scholz hat zwei Löcher in die Ecken gebohrt und ein goldenes Geschenkband hindurchgezogen. Sie stehen zwischen Grablichtern, Großmutter und Enkelin, die erste und dritte Generation einer Familie und betrauern den Verlust der zweiten. Einen Verlust, für den sie den Chef der Alten Apotheke verantwortlich machen, den Multimillionär Stadtmann.

Neben ihnen tragen sechs Männer einen Sarg. Der Sarg ist mit Infusionsbeuteln dekoriert, auf denen die Namen der Medikamente stehen, die Peter Stadtmann gepanscht hat: Xgeva, Topotecan, Cyclophosphamid. Es ist ein Schweigemarsch, der durch die Bottroper Innenstadt zieht – und er wächst. Im September waren sie etwa 150, heute sind es mehr als doppelt so viele Menschen, die an die mutmaßlichen Opfer von Stadtmann erinnern wollen. Manche werden später sagen, die Nummer mit dem Sarg sei übertrieben gewesen. Und manche werden entgegnen, dass es jetzt wichtig ist, dass die Leute hinschauen.

Annelie Scholz hat drei Töchter zur Welt gebracht, 1968, 1970 und 1972. Nicole war die jüngste. Jetzt, mit 65, zieht sie ein weiteres Mädchen groß. Ihre Enkelin. Wenn es nach Annelie Scholz geht, ist Peter Stadtmann dafür verantwortlich, dass Lara ohne Mutter aufwächst.

Drei Tage nach der Razzia, am 2. Dezember 2016, hat Nicole Abresche, Laras Mutter, auf einer Eckbank in der Küche ihres Elternhauses in Bottrop gesessen, ihr Radio hatte sie auf den lokalen Sender gestellt, „Radio Emscher Lippe“. Es wird über den „Apothekenskandal Bottrop“ berichtet. Tonlos sackte Nicole Abresche in sich zusammen. An diesem Tag verlor die junge Mutter ihren Lebensmut. „Die Nachricht hat meine Tochter getötet“, sagt Annelie Scholz.

Für manche der Menschen, die jetzt in der Bottroper Fußgängerzone stehen, ist ihr Kampf zu einer Therapie geworden. Ein Apotheker hat Gewalt über sie ausgeübt, ihr Schicksal bestimmt. Sie wollen ihr Leben zurück.

Die Stadt

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Apotheker Peter Stadtmann, Claus Schwarz (ehem. Stadtspiegel-Chef), Oberbürgermeister Bernd Tischler (SPD), CDU-Chef Hermann Hirschfelder (v.l.n.r.)

CORRECTIV

Wir sind auf der zweiten Demonstration in der Bottroper Innenstadt. „Und nun ein Dankeschön an Herrn Tischler und Herrn Loeven, dass sie sich hinter uns Betroffene stellen“, sagt Heike Benedetti in ein Megaphon, die Sargträger und die Frauen in schwarz stehen versammelt um sie. „Zwar erst nach zehn Monaten und mehreren Anfragen, aber besser spät als nie.“

Der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler hatte Heike Benedetti nach der ersten Demonstration zu einem Gespräch eingeladen. In unsere mobile Lokalredaktion wollten Vertreter der Stadt nur unter der Bedingung kommen, dass wir keine Bild- und Tonaufnahmen ihres Auftrittes machen. Diese Bedingung konnten wir so nicht annehmen.

Jetzt also Bernd Tischler. Wenige Tage vor der Demonstration hat der Oberbürgermeister Heike Benedetti und einige andere Betroffene in seinem Büro empfangen. Erst zu diesem Gespräch hatte er sich dazu entschlossen, sich von einem Bild zu trennen, es abhängen zu lassen. Ein besonderes Bild. Denn in seinem Büro hing ein Werk des Sängers Udo Lindenberg, ein Likörello, mit Farben aus Alkoholika. Lindenbergs Werke kosten auf dem Markt schon mal fünfstellige Beträge. Auf dem Bild sieht man eine Weltkugel, um die die wichtigsten Orte Bottrops arrangiert sind. Auch die Alte Apotheke war auf dem Likörello zu sehen. Sie dominierte die Stadtansicht. Der Oberbürgermeister hatte das Bild sechs Jahre in seinem Büro hängen. Es gehörte Peter Stadtmann. Bernd Tischler ließ seinen Pressesprecher ausrichten, dass er das Bild geliehen bekommen habe, von einer Firma aus der Stadt. Die Firma sagt, dass sie das Bild selber von Peter Stadtmann bekommen habe. Vor dem Besuch von Benedetti verschwand das Bild aus dem Rathaus. Es wurde verhüllt und in einen Keller gebracht.

Von der Stadt Bottrop fühlen sich viele Betroffene verhöhnt. Der Stadtsprecher nutzte ein kostenloses Anzeigenblatt, um den Fall herunterzuspielen. Noch im Sommer, als die Zahl der betroffenen Patienten bereits klar war, zweifelte er diese Zahl der Tausenden in einem Interview als übertrieben an.

In der offiziellen Sponsoringliste der Stadt finden sich nur Geschenke von wenigen hundert Euro von Stadtmann, denn er bezahlte lieber selbst anstelle der Stadt. Das Gegenüber sagte ihm schlicht, was gekauft werden musste. Für das Stadtfest, für eine Bewerbung, für ein Projekt. Wenn ihm die Idee gefiel, überwies Stadtmann das Geld direkt an die Auftragnehmer. Er ließ Sachen geschehen.

Auf der 150-Jahr-Feier der Apotheke ließ Peter Stadtmann den Oberbürgermeister einen Kuchen anschneiden. Es war eine Marketingaktion, ein Tag, an dem Peter Stadtmann zeigen konnte, dass alle ihm zuhören. Aber es war nicht wirklich eine 150-Jahr-Feier. Es gab zwar schon sehr früh eine Alte Apotheke in Bottrop – aber die war an einem anderen Ort und gehörte nicht der Familie von Stadtmann. Die Jahreszahl, die an dem rosa Prunkbau über der Tür hängt, ist gelogen – sie dient nur dem schönen Schein. Eine Zahl, die dem Zweck diente, sich feiern zu lassen.

Der Ausblick

Kurz vor ihrem Tod hat Nicole Abresche ihrer Mutter noch eine Vollmacht erteilt und sie von der Schweigepflicht entbunden. „Mama, bitte sorge dafür, dass dieses Monster richtig bestraft wird“, hat sie gesagt. Das ist jetzt die Mission von Annelie Scholz. Sie hat schon früh einen Antrag beim Gericht gestellt, weil sie als Nebenklägerin im Verfahren dabei sein wollte. Sie wurde zugelassen – genau wie Bettina Neitzel und auch Heike Benedetti und die anderen Onko-Mädels.

Der Skandal der Alten Apotheke ist immer noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen werden Zeugen vor Gericht gehört, neue Ermittlungen angestrengt, Beweise gesichtet. Denn noch immer ist die wichtigste Frage nicht beantwortet.

Warum hat Peter Stadtmann das alles getan?

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Weitere Informationen

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Der Film: 30-minütige TV-Dokumentation Der Krebsapotheker – Kochsalz statt Chemotherapie


© Hüdaverdi Güngör

Türkei

Ist Köfte geiler als Kraut?

Ich bin Deutschtürke. Was heißt das eigentlich? Ständig soll ich mich positionieren: zu Erdoğan, zu den Kurden, zu verhafteten Journalisten. Aber ich lebe in Deutschland, meine Infos kommen von meinen Eltern und dem türkischen Staatsfernsehen. Deswegen muss ich in die Türkei. Um mir endlich eine eigene Meinung zu bilden. Und um zu verstehen, wo meine Heimat und auch mein Herz liegen.

von Hüdaverdi Güngör

KAPITEL 1: Die Sache mit den Kurden und der Musik

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Kippen als Türöffner – der beste Weg, um mit einem Türken ins Gespräch zu kommen. Hüdaverdi raucht vor dem billigsten 3-Sterne-Hotel Istanbuls.

Illustration: Julia Beier

Wenn die Türkei in der EU wäre, hätte ich mein Hotel schneller gefunden. In EU-Ländern funktioniert nämlich das Internet auf meinem Handy. In der Türkei nicht. Seit 55 Jahren wartet die Türkei auf den EU-Beitritt. Durch Recep Tayyip Erdoğan war sie kurze Zeit zum Greifen nah. Heute ist sie durch ihn so weit entfernt wie nie. Und so irre ich durch die Straßen um den Taksim-Platz, muss mich bei Passanten durchfragen, als lebte ich im vergangenen Jahrtausend.

Vor meinem Hotel in Istanbul sitzen ein dicker und ein dünner Bursche – rauchend auf den leeren Straßen wie in einem kolorierten Wild-West-Film. Beide sind jung, vielleicht in meinem Alter. Als die zwei Cowboys mich mit dem Koffer ankommen sehen, werfen sie die Kippen weg – aus Respekt – und richten sich auf. „Selamualeykum“, sage ich. „Aleykumselam — Hoşgeldiniz efendim!“, sagen sie (dt.: „Herzlich willkommen, mein Herr!“). Der Dünne reißt mir den Koffer aus der Hand, während ich bei dem Dicken einchecke. Dieser gibt sich Mühe, seinen kurdischen Akzent zu verstecken und Hochtürkisch zu reden. Ich muss lächeln. Türkisch mit kurdischem Akzent klingt in meinen Ohren irgendwie niedlich. Und liebevoll.

Ich höre das nur selten. Kurdische Wurzeln habe ich keine. Mit meinen Freunden in Deutschland unterhalte ich mich meistens auf Deutsch. Außerdem kann auch nicht jeder Kurde Türkisch. Kurden leben in einem Gebiet verteilt auf mehrere Länder. Iran, Irak, Syrien und die Türkei. Nur im Irak haben sie ein Autonomiegebiet. In der Türkei sind sie Türken, mit türkischem Pass. Eine eindeutige kurdische Heimat zu definieren ist also schwierig.

Der Dicke gibt mir wortlos die Schlüssel und nickt, dann bringt der Dünne mich in mein Zimmer. Die Tür öffnet er zögerlich. Ich kann nicht einordnen, ob es ein positives Zögern ist – wie bei einer Neuwagen-Vorführung. Will er gerade Spannung aufbauen, oder schämt er sich, mir das Zimmer zu zeigen?

Ich bin Türke, ich bin Deutschland

Es ist schon etwas Besonderes: Ich kann in meiner Heimat ins Flugzeug steigen und 3.000 Kilometer weiter in meiner Heimat ankommen. Die letzten zwei Jahre habe ich nur in einer Heimat gelebt – in Deutschland. Zwischendurch wäre ich sehr gerne zu meiner Verwandtschaft gereist, aber erst kam der Anschlag am Flughafen in Istanbul im Juni 2016, ein Jahr später dann der Putschversuch.

Jeden Tag erreichen mich neue Meldungen aus der Türkei, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Das Land ist nicht mehr der warme, sonnendurchflutete Sehnsuchtsort, den ich aus meiner Kindheit kenne.

Ich stehe zwischen Deutschland und der Türkei. Zwischen meinem Vater, der mit Erdoğan sympathisiert, und dem Teil meiner Familie, die Gülen-Anhänger sind. Ich stehe zwischen der türkischen Community, in die ich hineingeboren wurde, und meinen kurdischen Freunden, die von Staatsterror sprechen. 

In Deutschland fragen mich die Leute oft, woher ich komme. Dafür habe ich mittlerweile eine einfache Formel, mit der ich entscheide, was ich gerade bin. Wenn ich keine Lust auf Türken habe, bin ich Deutscher. Wenn ich keine Lust auf Deutsche habe, bin ich Türke. Und seit die AfD im Bundestag sitzt und in der Türkei nach dem Putsch Menschen entlassen und verhaftet werden, habe ich meistens auf beides keine Lust. Ich bin halt ein Mensch.

Aber ich bin auch Journalist. Ich bin 22 Jahre alt. Ich sollte eine Haltung haben. Zu meinen Heimaten. Zu Erdoğan. Zu den Kurden. Den Anspruch stellen mir nicht nur andere. Ich stelle ihn inzwischen auch an mich selbst. Der Deutsche in mir fragt, was ich über die Politik in der Türkei denke. Der Türke sagt: Warum muss ich überhaupt etwas darüber denken? Deshalb verreise ich. Ich möchte mich mit dem Türken und dem Deutschen in mir auseinandersetzen. Man kommt schließlich nicht mit einer Meinung zu Erdoğan auf die Welt – auch nicht, wenn man türkische Eltern hat.

Für dich würde ich sterben, Türkei

Meine Reise beginnt in Deutschland. Im Flieger stecke ich mir Kopfhörer in die Ohren und versuche, den Deutschen in mir ruhig zu stellen. Dazu höre ich türkische Lieder. Besonders gern „Ölürüm Türkiyem“ (dt.: „Für dich würde ich sterben, Türkei“) von Mustafa Yildizdogan. Musik ist wichtig.

Ich lebe in einem alten Zechenhaus, spreche besser Deutsch als Türkisch, denke meistens auf Deutsch. Aber in dem Moment, in dem ich Ölürüm Türkiyem höre, würde ich ohne mit der Wimper zu zucken für die Türkei sterben. Am besten heldenhaft, wie in einem Film. Mit wehendem Haar vor der untergehenden Sonne. 

In meiner Pubertät habe ich oft Bushido gehört. Die meisten Texte von ihm hatten genau eine Botschaft: „Ich bin der Stärkste und ficke euch alle!“ Bushido hat mich damals geprägt. Obwohl ich kein Pumper war, lief ich durch die Stadt, als hätte ich einen Holzbalken zwischen den Schultern und Steine in den Armen. Und selbstverständlich bekam jeder, der an mir vorbeilief, einen bösen Blick ab. Ich war der Klischee-Türke. Aus deutscher Sicht. 

Dann habe ich Baris Manco entdeckt, einen türkischen Sänger und Fernsehmoderator. In seinen Liedern singt er vom Frieden.
 

In „Hemsirem Memleket Nire?“ (dt.: „Landsmann, wo liegt deine Heimat?“) singt er: 
Kardeşlik ve eşitlik üzerine uzun uzun nutuklar çekip
„Niye senin derin benden daha koyu?“ diyen çok
Kaşının altında gözün var diye silahlanıp ölüme koşarken
„Kalan dul ve yetim ne yer, ne içer?“ diye soran yok 
Barış garibim bulamadı çözümü, oturdu, etti bunca sözü
„Gelin, hep beraber anlaşalım.“ diyen yok
Zaten paramparça bölünmüş ve yaşanmaz olmuş Dünyamız
Daha fazla kesip bölmeye hiç gerek yok
„Tek bir soru hemşerim memleket nire?
Bu dünya benim memleket“

 
(dt.: „Viele Menschen halten Ansprachen über Brüderlichkeit und Gleichberechtigung. (…) „Kommt, lasst uns auskommen“, sagt niemand. Unsere Welt ist sowieso in mehrere Stücke gespalten und nicht mehr lebenswert. Deswegen müssen wir sie nicht noch mehr stückeln. Nur eine Frage: Wo liegt deine Heimat? Diese Welt ist meine Heimat.“)

Erdoğan als Stimme der Unterdrückten

Nach dem Mutterficker-Rap war das für mich eine echte Offenbarung. Ich verstand: Ich kann selbst entscheiden, wer ich bin, wie ich mich verhalte und wo meine Heimat ist. Der Holzbalken zwischen meinen Schultern verschwand, die Steine fielen mir aus den Ärmeln.
 Heute kann ich „Ölürüm Türkiyem“ hören und mir einbilden, der größte Türke zu sein. Aber auch „Kürdüm ölene kadar“ (dt.: „Ich bin Kurde bis zum Tode“), und mir einbilden, der größte Kurde zu sein. Oder „Das alles ist Deutschland“ – dann bin ich der größte Deutsche. Warum soll ich mich festlegen? Es gibt Unmengen guter Lieder auf dieser Welt. Wenn ich „Baskent Ankara“ (dt.: „Hauptstadt Ankara“) höre, spüre ich den Stolz auf meine Wurzeln in Ankara. Höre ich aber „In dein G Sicht“ vom Gladbecker Rapper Fard, bin ich stolz darauf, dass ich im Ruhrpott lebe. Musik steht für Lebensgefühle. Und davon gibt es viele. 

Auch die türkischen Parteien wissen um die Macht, die ein Lied auf ihr Volk haben kann und produzieren einen Song nach dem anderen. Erdoğan hat dafür den Sänger Uğur Işılak. Er hat einen Wahlsong für die Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP, dt.: Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) geschrieben: „Recep Tayyip Erdoğan“. Im Refrain wiederholt ein Chor immer wieder den Namen des Staatsoberhauptes. Die Strophen dazwischen besingen Erdoğan als Stimme der Unterdrückten. Der Song wurde auf YouTube über 19 Millionen Mal angeklickt. Auch ich hatte schon oft einen Ohrwurm davon. 

Die linke pro-kurdische Partei Halkların Demokratik Partisi (HDP, dt.: Demokratische Partei der Völker) schränkt die Zielgruppe ihrer Hörer selbst ein: Sie singen auf Kurdisch. Ohne Untertitel. Ihr erfolgreichstes Lied kommt auf 2,5 Millionen Klicks.

Angekommen im hässlichsten Zimmer der Stadt

Als ich das Hotelzimmer sehe, bin ich mir sicher: Der Dünne schämt sich. Das Zimmer ist gerade mal so groß, dass das Einzelbett hineinpasst und eine Tür ins heruntergekommene Badezimmer führt. Ich fühle mich wie in einer Gefängniszelle. Während ich meine Sachen in den Schrank lege, sitzt der Dünne schon wieder draußen und raucht. Was habe ich auch erwartet für knapp 15 Euro die Nacht im günstigsten 3-Sterne-Hotel der Stadt?

Früher bin ich mit meiner Familie zu jeder Ferienzeit, die sich uns bot, in die Türkei gereist. Damals war die Türkei eine andere. Aber gewisse Dinge ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte meiner Heimat. Das Bild, das mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist: meine Oma, wie sie damals vor dem Fernseher sitzt und weint. Auf dem flackernden Röhrenbildschirm werden Meldungen über gefallene türkische Soldaten verlesen. Seit 1987 gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und radikalen Kurden. Bis heute sind tausende Menschen auf beiden Seiten gestorben.

Wie ist das eigentlich, als Kurde?

Im Konflikt zwischen den Kurden und den Türken betete meine Familie stets für die türkischen Gefallenen. Diesen Konflikt betrachte ich aus den Augen eines Türken. Ich habe es nicht anders gelernt. Ist das aber so offensichtlich? Versteckt der Dicke daher seinen Akzent vor mir? Warum will er nicht, dass ich den Kurden höre?

„Wohin gehst du?“, fragt mich der dicke Cowboy auf Türkisch, als ich das Hotel verlassen will, um zum nächsten Kiosk zu gehen. Dann zieht er kräftig an seiner Zigarette. „Wieso sagst du nicht unserem Kellner Bescheid?“, fragt er. „Er wäre für dich gegangen.“ Vielleicht ist das meine Chance, dem Dicken ein bisschen sympathischer zu werden. „Bruder, ich bin doch kein König“, sage ich. „Gott hat mir zwei gesunde Beine gegeben.“ Wir lachen. Ich kann nicht sagen in welcher Sprache.

Am Kiosk kaufe ich eine Cola und zwei Uludağ. Uludağ gibt es auch in Deutschland, meist in Dönerbuden, sieht aus wie Sprite, schmeckt aber wie aufgelöste Gummibärchen. Sagen zumindest meine deutschen Freunde. Vor dem Hotel biete ich dem Dicken und dem Dünnen davon an. Sie lehnen dankend ab. Aber ich bin heute ein guter Türke: Ich beharre darauf, dass sie es annehmen. Sie öffnen die Glasflaschen mit ihren Feuerzeugen.  

Da sind sich Türken und Kurden ziemlich ähnlich

Nach dem ersten Schluck Uludağ fängt der Dicke heftig zu würgen an. Ihn zu vergiften hatte ich eigentlich nicht geplant.
„Siehst du, wie weit meine Gastfreundschaft geht?“, fragt er mich keuchend. „Ich wollte dein Angebot nicht ablehnen und dich traurig machen.“ Sein Kollege und ich lachen ihn aus, je mehr er hustet. Er verträgt die Kohlensäure nicht. Als ich ihm sage, dass er es nicht trinken muss, stellt er das Getränk dankbar neben sich ab. Gastfreundschaft – da sind sich Türken und Kurden ziemlich ähnlich.

„Wie ist das denn so, als Kurde in der Türkei?“, frage ich. Zumindest da habe ich eine klare Meinung: Die Partiya Karkerên Kurdistanê (PKK, dt.: Arbeiterpartei Kurdistan) gilt als Terrororganisation, auch in Deutschland. Erdoğan hat als erster türkischer Staatschef die Probleme der Kurden offen angesprochen. Er hat den Kurden viele längst überfällige Rechte zugestanden. Bis 1991 waren zum Beispiel kurdische Medien verboten. Kurdische Satzzeichen ebenfalls. Was wollen sie denn noch, denke ich. Aber anstatt das zu sagen, gebe ich den ahnungslosen Deutschtürken. Ich weiß von nichts.

Die beiden zucken nur mit den Schultern. Der Dünne nippt am Uludağ.

Ich gehe wieder zum Kiosk, diesmal kaufe ich Zigaretten. Auf dem Weg zum Hotel habe ich die Schachtel schon geöffnet und halte sie direkt den Cowboys vor die Nase. Diesmal greifen sie ohne Diskussion zu. Sie streiten sich, wer mir das Feuer reichen darf. Der Dicke setzt sich durch, und der Dünne serviert passend zur Zigarette türkischen Tee.

Wir paffen eine nach der anderen. Mit der Kippe im Mund fühle ich mich wohl, Arsch auf einem Hocker und mittlerweile Tee in der Hand. Von Zeit zu Zeit laufen Leute am Hotel vorbei, immer wieder setzen sich welche zu uns.

Der Türke und der Deutsche in mir beginnen zu streiten

Ich frage den Dicken, ob er schonmal diskriminiert wurde, weil er Kurde ist. Er schüttelt den Kopf. Aber neulich war ein deutsch-türkischer Gast da, der in der Lobby saß und über Kurden fluchte. Da ist der Dicke an die Grenzen seiner Geduld gestoßen, meint er. Er hat damals aber nichts gesagt – aus Respekt vor dem Gast.

Neben mir sitzt seit einer Viertelstunde ein Freund des Dicken, der zufällig vorbeigekommen war und mir direkt angeboten hatte, eine mit ihm zu rauchen. Ein kurdischer Kiffer. Jetzt reibt er sich die Hände, wippt mit dem Knie auf und ab. Dann sagt er: „Bruder, die türkische Regierung hat mein Haus in Diyarbakir zerbombt.“ Er zückt sein Handy und zeigt mir ein Vorher-Nachher-Foto seines Hauses. Vorher: ein Mehrfamilienhaus mit vier Stockwerken. Nachher: ein Haufen Steine.

Der Türke und der Deutsche in mir beginnen zu streiten. Der Türke sagt, dass die türkische Regierung niemals die Häuser von Unschuldigen bombardieren würde. Der Deutsche hingegen hält es für durchaus möglich.

Der Freund des Dicken sagt, dass die Regierung im Kampf gegen die PKK vermehrt auch in die Städte geht, statt in die Berge. „Wie stehst du denn zur PKK?“, frage ich. Er aber will nicht mit mir diskutieren, weicht aus. „In der PKK sind genauso unsere Brüder und Schwestern wie bei den türkischen Streitkräften“, sagt er.

War das, was Erdoğan für die Kurden getan hat, zu wenig? Wollen sie noch mehr? Wollen sie endlich den eigenen Staat? Kommt nicht in Frage, sagt der Türke in mir. Die Türkei kann nicht kleiner werden und Teile abgeben. Wir haben einen Spruch: „Märtyrer sterben nicht. Und das Vaterland wird nicht gespalten.“

Jeder, der stirbt, ist ein Märtyrer

Jetzt redet der Bursche auf mich ein: „Stell dir vor: Du, deine Familie und deine Landsmänner werden in Deutschland unterdrückt, weil ihr Türken seid. Dein Bruder, dein Vater, dein Landsmann entscheiden irgendwann, sich mit Waffen zu wehren. Wenn diese im Kampf für eure Rechte fallen, trauerst du um sie. Sie sind Märtyrer geworden, und du willst sie rächen.“

Nun meldet sich der diplomatische Deutsche in mir zu Wort. In Deutschland assoziiert man mit dem Wort Märtyrer häufig Selbstmordattentäter. Aber in der Türkei ist irgendwie jeder, der stirbt, ein Märtyrer. Bei den Kurden wahrscheinlich auch.

Den Schmerz der Kurden habe ich bis heute nicht wirklich gesehen. Das Leben eines Türken ist mir mehr wert gewesen als das eines Kurden. Hart gesagt. Für ihn wird es aber dasselbe sein, wenn ein Kurde stirbt. Auch in Deutschland wird in den Nachrichten immer erwähnt, ob es deutsche Opfer bei einer Katastrophe gab. Weil es uns halt am meisten interessiert. Weil dadurch Leben gewichtet wird. Aber ist das richtig?

Die eigene Identität bewahren – das wollen alle. Auch ich. In Deutschland setze ich mich dafür ein, dass sich Türken integrieren können, ohne ihre Identität abzugeben. Ich schreibe darüber, filme und produziere gerade mit Migrantenkindern Workshops und eine Webserie zum Thema. Von mir wird dabei gefordert, deutscher zu sein als die Deutschen selbst. Aber was soll das? Dieses Beweisen? Ich bin in Deutschland geboren, habe einen deutschen Pass. Genauso geht es den Kurden in der Türkei. Gleich behandelt werden wir trotzdem nicht.
Die türkischen Nationalisten, die in Deutschland leben, sind auch häufig die Leute, die von den Kurden fordern, sich endlich zu integrieren. Gleichzeitig gründen sie in Deutschland Kulturvereine, um ihre Identität zu wahren. In Deutschland verteidigen sie genau das, was sie den Kurden in der Türkei vorwerfen. Sie wollen das Türkische nicht verlieren und wollen sich nicht assimilieren lassen. Es ist absurd.

Zeit, die Dinge neu zu bewerten

Der Freund des Dicken fragt mich jetzt, ob ich den deutsch-kurdischen Rapper Hüseyin kenne. Ich überlege und überlege. Dann der Gedankenblitz! „Meinst du KC Rebell?“ – „Ja genau, KAAAC Rebell, den höre ich oft.“ Wow, ein Kurde in der Türkei hört deutschen Rap. Musik kennt echt keine Grenzen. Ich hole mein Handy raus und mache die Musik an. Es läuft „Hayvan“ (dt.: „Tier“) und „Anhörung“. Wir rappen mit, wir rufen „Fick den Richter! Nur Gott kann mich richten!“ und sprechen nicht mehr über die PKK oder das zerbombte Haus in Diyarbakir. Stattdessen bietet er mir wieder Gras an. Ich lehne dankend ab.

Am Abend in meiner 3-Sterne-Zelle denke ich lange über das Gesagte nach. Den Terror der PKK verurteile ich noch immer. Aber ich glaube, ich verstehe jetzt, wie es so weit kommen konnte. Wenn man in einem kurdischen Dorf aufwächst und auf der staatlichen Schule kein Türkisch sprechen kann, weil man nie die Chance hatte, die Sprache zu lernen, dafür sogar auf die Fresse bekommt, dann wird man irgendwann wütend. Und greift zu Mitteln wie Waffen, um zu zeigen: Hey, ich bin auch noch da!

Und ich dachte bislang, nur Deutschland hätte mit gescheiterter Integration und Chancenungleichheit zu kämpfen. Es ist Zeit, die Dinge neu zu bewerten.

KAPITEL 2: Die Sache mit dem Journalismus und den Hühnern

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Immer wachsam, immer in Gefahr. Journalisten tragen in der Türkei härtere Kämpfe aus. Hüdaverdi trifft die Reporterin Zübeyde Sari.

Illustration: Julia Beier

Tags vor meinem Abflug nach Istanbul hatte ich in Deutschland einen Vertrag unterschrieben, in dem steht, dass ich Journalist bin. Kurz vor meinem Abflug hatte ich deshalb nur einen Gedanken: „Fuck.“ In der Türkei sitzen laut Reporter ohne Grenzen mindestens 34 meiner Kollegen wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Viele weitere aufgrund anderer Vergehen. Vermutlich vorgeschobener (Stand März 2018).

Meine Schwester hat gesagt: „Fahr lieber nicht.“

Und mein Vater: „Wird schon nichts passieren.“

Ich habe mich mit dem Gedanken beruhigt, dass ich, wenn ich verhaftet werde, immer noch ein Buch im türkischen Gefängnis schreiben kann.

Warum wurdest du noch nicht verhaftet? – Journalismus in der Türkei

An meinem zweiten Tag in Istanbul gehe ich in ein Café, das jemand eröffnet hat, der mir wichtig ist. Deshalb kann ich hier nicht schreiben, wer es ist. Ich möchte ihm keine Schwierigkeiten machen. Im Café treffe ich nur einen Kellner, der mir sagt, dass ich umsonst gekommen bin: Der Chef hat Termine in Ankara.

Ich biete dem Kellner eine Zigarette an – mein bewährter Türöffner. Er lehnt aber ab, weil er vor einigen Jahren aufgehört hat. Ungewöhnlich für einen Türken. „Ich habe in den USA studiert und hatte wenig Geld“, sagt er. „Irgendwann wurde mir das Schnorren zu blöd.“

Es gibt drei Möglichkeiten, als Türke in den USA zu studieren. Entweder du bekommst ein gutes Stipendium, oder dein Vater hat Kohle, oder du gehörst der Gülen-Bewegung an. Fetullah Gülen ist ein islamischer Prediger, der bekannt dafür ist, durch seine emotionalen Reden Anhänger um sich zu scharren. Weltweit hat er tausende Anhänger, die ihn zum Teil wie einen Propheten verehren, andere nennen ihn den weinenden Imam. Gülen revolutionierte den türkischen Islam. „Baut Schulen statt Moscheen“, sagte er. Kritiker warfen der Gülen-Bewegung vor, eine Sekte zu sein, die den Staatsapparat unterwandere. 1999 flüchtete Gülen nach Amerika. Der Kellner sagt, dass sein Vater reich sei. Ich stutze. Aber wieso arbeitete er dann hier und nicht in einem Büro?

„Mein Vater will, dass ich mir selbst was aufbaue“, sagt er. „Aber in der Türkei gibt es Jobs nur durch Freunde und Bekannte.“ Daran ist die Politik schuld, auf die er „einen Fick gibt.“ Er ist enttäuscht, wütend. Wahrscheinlich hatte er große Hoffnungen nach dem Studium. Wir schweigen uns an, während ich rauche. Irgendwann – wahrscheinlich aus Höflichkeit – fragt er, woher ich komme und was ich beruflich mache. Ich erzähle ihm, dass ich in Deutschland in einer Redaktion mit Can Dündar arbeite.

Jeder in der Türkei hat eine Meinung zu Can Dündar

Jeder in der Türkei hat eine Meinung zu Can Dündar, dem Journalisten, der 92 Tage in der Türkei in Haft saß und heute in Deutschland im Exil lebt. Der Kellner hat eine gute Meinung von ihm: Die türkische Regierung habe Can Dündar verschwendet, sagt er. Der Kellner ist Atheist. Er wirft Erdoğan vor, die Türkei zu islamisieren. „Damit er die Menschen wie Hühner halten kann.“ Neulich, sagt er, wurde eine Frau im Bus verprügelt, weil sie sich im Fastenmonat zu offen angezogen hatte. Ich habe Bilder von Mastanlagen im Kopf, in denen sich Vögel gegenseitig tot picken.

Der Kellner zeigt mir eine Türkei, die ich so noch nicht gesehen habe. Bis heute war ich entweder im Hotel-Urlaub oder bei meiner Familie. Da gibt es keine Diskussionen über Laizismus.

Die geheime Köfte

Facebook zeigt mir eine Veranstaltung in meiner Nähe: „Demonstration für Gerechtigkeit.“ Na gut, denke ich, ich habe ja sonst nichts vor. Es ist 14 Uhr, als ich mich von dem Café aus auf den Weg mache. Der Muezzin ruft.

Ich laufe an Kneipen vorbei, in denen junge Menschen Efes trinken. Die Leute, die diesen Monat fasten, haben heute noch keinen Schluck Wasser getrunken.

In der Türkei fehlt eine Schicht zwischen den zwei Extremen – die Schicht zwischen Atheisten und Konservativen. Und es fehlt an gegenseitiger Akzeptanz, sogar in Istanbul. Jeder hier hat sein Viertel. Schwule, Künstler und Linke gehen in die Kneipen in Kadiköy, im Stadtteil Kasimpasa trinken die Konservativen und Armen Tee, und die Reichen haben ihre klimatisierten Häuser in Bebek.

Die Demo soll im Macka-Park sein – auf der europäischen Seite der Stadt. Als ich im Park ankomme, rieche ich Köfte. Ich folge dem Geruch und lande an einem Grillwagen, wo der Verkäufer zehn türkische Lira für Köfte im Brot haben will – teuer, für türkische Verhältnisse. Aber für den Deutschen in mir ist das Köftebrötchen immer noch günstig – man bekommt heute für einen Euro etwa vier Lira. In unseren Familienurlauben waren es nur zwei. Die türkische Währung ist geschwächt.

Im Urlaub mit meinen Eltern habe ich trotzdem immer alles bekommen, was ich wollte. Jeden Tag haben wir in den besten Restaurants gegessen. In Deutschland war das nicht möglich. Das kann einer der Gründe sein, warum ich in der Pubertät den Wunsch hatte, „zurück“ in die Türkei zu ziehen. Erst später wurde mir klar, dass ich nicht zurückziehen kann. Ich bin in Bottrop geboren.

Die Köfte esse ich verdeckt, damit die Fastenden keinen Hunger bekommen. Ich laufe durch den Park und stoße auf Polizeibeamte. Sie stehen beim Eingang zur Demo, kontrollieren meine Tasche. Auf dem Gelände herrscht gute Stimmung, es gibt Tee und Snacks. Es ist eher ein Festival als eine Demonstration. Hier, im Lager der Kemalisten, brauche ich mein Köftebrötchen nicht mehr zu verstecken. Die Kemalisten sind Laizisten und Anhänger des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk.

Es wird der Tag kommen, an dem die AKP zur Rechenschaft gezogen wird

Auf der kleinen Bühne wird Musik über große Boxen abgespielt. Als „Izmir Marsi“ läuft, springen auch die Leute auf, die vorher noch auf der Wiese gechillt haben. Es ist die inoffizielle Hymne der Kemalisten.

Der Moderator kündigt Özgür Mumcu an. Sein Vater, Uğur Mumcu, hat früher als Journalist über Korruption, Islamismus und den Konflikt mit den Kurden geschrieben. 1993 wurde er durch eine Autobombe ermordet.

Özgür Mumcu schreibt heute für die Cumhuriyet. Es ist die Zeitung, deren Chefredakteur Can Dündar war. Die Zeitung, die immer wieder Verfehlungen der türkischen Regierung aufdeckt. Mumcu ist knallrot im Gesicht. Er schwitzt.

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Die Demonstranten rufen im Chor: „Es wird der Tag kommen und die AKP wird zur Rechenschaft gezogen“. Etliche Zuhörer streamen die Rede live.

Was muss das für ein Gefühl sein? Für Texte, die man tippt, Worte, die man von sich gibt, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen? In Deutschland kann man fast alles enthüllen, was man will. In den Knast geht man dafür nicht. In Deutschland ist die Presse mächtig, fast unantastbar. In der Türkei nicht. Da werden Medienhäuser einfach geschlossen.

Ein Leben im Livestream

Zübeyde Sari ist an jedem ihrer Arbeitstage in Gefahr. Die Kurdin arbeitet als Korrespondentin des deutsch-türkischen Magazins Özgürüz, das Can untersteht und Teil von CORRECTIV ist. Als ich sie später am Taksim-Platz treffe, hält sie ihr Handy in der Hand – falls etwas passiert, falls sie festgenommen wird, schafft sie es so noch, jemandem Bescheid zu geben.

ÖZGÜRÜZ – Wir sind frei!

ÖZGÜRÜZ deutsch

ÖZGÜRÜZ türkisch

Livestreams/Periscope

Can Dündar bei Twitter

Zübeyde Sari bei Twitter

Sie ist es gewohnt, aus kritischen Regionen zu berichten. Sie selbst stammt auch aus einer. Sie kommt aus einem kurdischen Dorf. Bevor sie Türkisch konnte, lernte sie Kurdisch.

Noch bevor die Seite Özgürüz online ging, wurde sie in der Türkei gesperrt. Also nutzt Zübeyde Twitter, um ihre Inhalte zu verbreiten. In der Türkei ist es üblich Livestreams über Periscope aufzunehmen, die Live-Funktion von Twitter. Neulich hat sie eine Familie interviewt, die die Taten von PKK-Kämpfern verharmlost hat. In der Türkei gilt das als terroristische Propaganda.

„Warum bist du bis heute nicht verhaftet worden?“, frage ich. Und sie sagt: „Darüber denke ich nicht nach.“

Wir setzen uns in ein Café und rauchen. Wenn Zübeyde über die Türkei spricht, dann redet sie immer so, als würde ihr Statement live in der Tagesschau übertragen. Andauernd sagt sie „off the record“. Immer wieder schaut sie auf ihr Handy – aus Angst, eine Nachricht zu verpassen. Es ist bezeichnend für Zübeyde: In einem Land, in dem man für Journalismus verhaftet wird, kann diese Journalistin ihren Beruf nicht für eine Sekunde ablegen. Sie beeindruckt mich.

Aber ich will kein Korrespondent werden. Ich will über deutsche Probleme schreiben. Vielleicht, weil mir der Mut fehlt. Oder vielleicht, weil sie mir näher sind als die Probleme hier. Bin ich doch mehr Deutscher als Türke?

KAPITEL 3: Die Sache mit Erdoğan und dem Zauberstern

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Der Personenkult der Türken macht auch vor Hüdaverdi nicht Halt: Flammt seine alte Liebe zu Erdoğan wieder auf? Er begegnet dem türkischen Präsidenten auf einem Friedhof.

Illustration: Julia Beier

Jede politische Richtung in der Türkei hat einen Führer, den sie extrem verehrt.

Die Linken haben Deniz Gezmis. Er gründete die Volksbefreiungsarmee. Im Alter von 25 wurde er dafür erhängt.

Die Rechten haben Alparslan Türkes. Er gründete die nationalistische Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, dt.: Partei der Nationalistischen Bewegung).

Die Gülen-Anhänger haben den Prediger Fetullah Gülen.

Die radikalen Kurden haben Abdullah Öcalan, genannt APO. Er ist das Symbol für Freiheit bei den Kurden. Er gründete die PKK und sitzt jetzt in einem türkischen Gefängnis.

Die Nazis haben Hitler

Die Laizisten und auch Patrioten haben Atatürk, den Retter der Türkei, den „Vater aller Türken“.

Eigentlich gehört jeder Türke irgendeinem politischen Lager an und verehrt irgendeinen großen Mann. Vielleicht ist das eines der Probleme.

In Deutschland kenne ich niemanden, der Angela Merkel, Martin Schulz, Willy Brandt oder Konrad Adenauer so verehrt wie die Türken ihre Politiker. Außer den Nazis. Die haben Hitler.

Und ich? Ich habe meinen Lieblingssänger Baris Manco. Für ihn bin ich schon mehrmals in die Türkei geflogen. Einmal, um sein Grab zu besuchen und ein weiteres Mal, um sein Haus zu besichtigen, das nach seinem Tod zu einem Museum umgebaut wurde.

Das Grab von Baris Manco ist für mich ein Pflichtbesuch, wenn ich in Istanbul bin. Ich fahre auch dieses Mal mit der Fähre nach Kadiköy, auf die asiatische Seite der Stadt, und steige dort in den Bus Richtung Grabstätte. Manco liegt auf einem Friedhof mit Ausblick auf den Bosporus. Damit die Toten eine schöne Sicht haben.

Kurz bevor ich den Stadtteil verlasse, stockt auf einmal der Verkehr. Die Leute werden unruhig. Ein Konvoi von Autos blockiert die Straße. Hammer-Autos! Ich erkenne die Mercedes S-Klasse – unser Klischee-Wagen. Ist aber auch ein geiles Auto, denkt anerkennend der Türke in mir. Der Stern auf dem Kennzeichen verrät: Es ist der Konvoi von Recep Tayyip Erdoğan. Alter! Das darf ich nicht verpassen.

Erdoğan, meine alte Liebe

Ich springe an der nächsten Haltestelle aus dem Bus. Dort hat sich schon eine Menschenmenge versammelt. Jemand sagt, dass Erdoğan auf dem Friedhof sein soll, um das Grab seiner Mutter zu besuchen. Mein Herz pocht, als würde ich einer alten großen Liebe über den Weg laufen. Vielleicht ist es aber auch die Angst, dass die alte Liebe zu ihr wieder aufflammt.

Die Journalisten greifen zu ihren Kameras, als Erdoğan in Richtung Friedhof geht. Erdoğan ist für mich schon immer an der Macht. Ich kann mich nicht an eine Türkei ohne ihn erinnern, genauso wie ich mich kaum an ein Deutschland ohne Angela Merkel erinnern kann.

Als Erdoğan Präsident wurde, zahlte man in der Türkei für Brot eine Million Lira. Meine Urgroßeltern lebten in einem „Gece Kondu“ in Ankara. Gece Kondu, das heißt auf Deutsch „nachts hingestellt“. Und so sehen die Häuser auch aus: klein, provisorisch, schlicht. Als Kind fand ich das Häuschen idyllisch. Mein weiser Uropa mit seinem langen Bart und meine Uroma, die sich um uns gekümmert hat. Trotz aller Armut. Das sind meine Erinnerungen an die alte Türkei.

Der Zauber geht verloren

Die Realität war aber eine andere. Weniger romantisch: regelmäßiger Stromausfall, kein sauberes Wasser und ein Bau, den in Deutschland niemand abgenommen hätte. Erdoğan verbesserte die Infrastruktur und die Wirtschaft. Die Orte in der Türkei verändern sich so schnell, dass ich mich in Vierteln verlaufe, in denen ich vor ein paar Jahren noch flaniert bin wie durch meine Hood in Bottrop. Damit hat Erdoğan das Selbstbewusstsein der Türken gestärkt. Wenn mein Opa über Politik diskutiert, dann lauert er nur darauf, dass jemand etwas Schlechtes über Erdoğan sagt, damit er ihn verteidigen kann.

In dem Moment, in dem ich den türkischen Präsidenten sehe, merke ich, dass Erdoğan für mich seinen Zauber verloren hat. Ich habe es durchschaut – wie er versucht über Nationalstolz die Türken im Ausland hinter sich zu vereinen. Ich hätte es wohl genauso cool gefunden, Kim Jong-un auf der Straße zu treffen. Es sind eben Leute, über die die Welt spricht. Attraktionen, keine Idole. Zumindest nicht für den Deutschen in mir. Das beruhigt mich.

Ich fahre weiter nach Kanlica und halte dort meinen Pflichtbesuch am Grab von Baris Manco ab. Was ich nicht alles für meinen Lieblingssänger mache… Bei Baris übernimmt wieder der türkische Groupie das Steuer. Meine Reise bleibt eine Achterbahnfahrt.

Es gibt keine Gläubigen-Mittelschicht wie in Deutschland.

Einmal haben wir im Geschichtsunterricht in meiner Bottroper Grundschule über Atatürk gesprochen. Obwohl ich nicht wusste, was er getan hat, bekam ich Gänsehaut, weil es mich stolz gemacht hat, seinen Namen zu hören. Der türkische Personenkult um Atatürk hält bis heute an. Es ist eine ganze Maschinerie, jeder mystifiziert ihn und folgt treu seiner Figur. Nicht nur die Türken. Auch Hitler und Winston Churchill sollen zu ihm aufgesehen haben.

Mein Urgroßvater dagegen liebte Menderes, der 1950 Ministerpräsident war und so etwas wie der Anti-Atatürk. Ein Verfechter von mehr Religion im Staat. „Hätten sie damals Menderes nicht erhängt, dann wären die Deutschen zu uns zum Arbeiten gekommen“, sagte mein Uropa immer. Die Amtszeit von Adnan Menderes dauerte knapp zehn Jahre und wurde durch einen Putsch des türkischen Militärs beendet. Seitdem ist er für viele eine Legende. Erdoğan sieht sich als seinen Nachfolger.

Atatürk oder Menderes – beide kann man nicht lieben. Der Streit darüber spaltet die Türken: Ungläubige für Atatürk, Gläubige für Menderes. Und wieder haben wir das Problem der politischen Lager. Entweder oder. Dazwischen bleibt nichts.

1999 flog eine Abgeordnete aus dem türkischen Parlament und verlor ihre Staatsbürgerschaft, weil sie ein Kopftuch im Parlament getragen hatte. Auf YouTube kursieren etliche Videos aus der Zeit, in denen Musliminnen aus den Universitäten geschmissen werden, nur weil sie Kopftuch tragen.

Erdoğan hat diese Machtverhältnisse umgedreht. Er gab, als er im Amt war, der Abgeordneten ihre Staatsbürgerschaft und der Religion ihren politischen Einfluss zurück. Die Zeit, in der Religion nicht sichtbar sein durfte, nennt er „eski Türkiye“ (dt.: „Alte Türkei“) und sagt, dass es in der „yeni Türkiye“ (dt.: „neuen Türkei“) nicht mehr so ist. Jetzt werden Frauen angegangen, weil sie Shorts tragen.

Mein Vater konnte nie irgendwo ankommen

Als mein Vater klein war, wohnte seine Familie in einem Mietshaus im Ruhrgebiet. Im Erdgeschoss hauste eine alte Dame, die meinem Vater nachmittags Deutsch beibrachte. Jeder Türke, den ich kenne und der es in Deutschland zu etwas gebracht hat, erzählt mir von so einer Bezugsperson. Von jemandem, der geholfen hat. Wenn aber mein Vater in den dritten Stock ging, in die Wohnung meiner Großeltern, dann sprachen alle Türkisch und mein Großvater redete immer wieder davon, bald endlich in die Türkei zurückzugehen.

Wenn ich mich schon nicht zwischen meinen Identitäten entscheiden kann, wie schwierig muss es dann erst für meinen Vater sein? Oder meine Großeltern. Erdoğan fängt genau das auf. Er gibt allen Türken im Ausland das Gefühl, zur Türkei zu gehören. Er schenkt ihnen eine Identität. Mein Vater ist kein großer Anhänger, aber er mag Erdoğan.

Vom Balkon meiner Großeltern in Ankara sah ich früher das Grab des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, den Atakule Fernsehturm und die Kocatepe Moschee. Mittlerweile ergänzt der Palast von Erdoğan den Ausblick. Dieser Ausblick ist für mich ein Sinnbild für die Türkei: eine Aufreihung großer Bauwerke, eine Aneinanderreihung großer Männer. Auch Erdoğan Zeit wird irgendwann enden. Das ist immer so. Vor allem in der Türkei.

Nur ein ganz normaler Autokrat

Meine letzten Tage in Istanbul verbringe ich in einem Hotel am Galataturm, in einem Zimmer ohne Fenster. Mit Zigaretten freunde ich mich – auch hier – mit dem Hotelpersonal an. Der Mitarbeiter in der Lobby träumt von einer Schauspielkarriere, der Mitarbeiter an der Bar von einer eigenen Bar in der Küstenstadt Bodrum, und ein Afghane, der Koch, Kellner und Barkeeper zugleich ist, möchte seinen Eltern in Afghanistan einfach nur Geld zukommen lassen. Das sind noch einfache Wünsche und Probleme, die sowohl der Deutsche als auch der Türke in mir verstehen können.

Ich: 2. Der Afghane: 0.

Der Afghane wird in den nächsten Tagen mein lebendiger Wecker, er bereitet das Frühstück vor und klingelt mich aus dem Bett. Beim Frühstück kalkulieren wir gemeinsam seinen Traum von einer eigenen Bar.

Rein rechnerisch dürfte der Afghane gar kein Geld zum Leben haben. Alles geht für Kippen und Miete drauf. Auch sein Bruder arbeitet in der Türkei. Eines Tages würden die Geschwister gerne ihre Eltern dazu holen. Sie haben die Bindung zu ihrem Land verloren. Für ihn ist Afghanistan nicht mehr seine Heimat. Zu viele Bomben haben das Land zerstört. In der Türkei hofft er auf ein besseres, neues Leben. Noch hat er hier keine Heimat. Und ich habe zwei.

Das Zuckerfest nach dem Putsch

Am Ende meiner Reise fliege ich aus Istanbul nach Ankara, um meine Großeltern am Zuckerfest zu überraschen. Als ich vor ihrer Tür stehe, ist meine Oma den Tränen nahe. „Mein Junge, ich hatte es im Gefühl, dass du kommst“, sagt sie. Mein Opa hingegen gibt sich gewohnt distanziert.

Meine Großeltern wohnen im Stadtteil Yenimahalle, nicht weit vom Hauptsitz des türkischen Geheimdienstes. Schüsse und tieffliegende Flugzeuge weckten sie in der Nacht des Putsches. In Bottrop saß ich währenddessen mit meiner Familie vor dem Fernseher. Wir haben alle zehn Minuten angerufen, um zu fragen, ob sie noch leben.

Für die Türken war der Putsch ein traumatisches Erlebnis, emotional stecken sie da immer noch drin. Jeder weiß, wie er an diesem Tag davon erfahren hat. Es ist vermutlich ein ähnliches Erlebnis gewesen wie für die Amis der 9/11. Das Vorgehen der Regierung gegen die angeblich beteiligten Menschen wird daher nicht hinterfragt. Deshalb finden viele es auch nicht so schlimm, dass es jetzt – nach dem Putsch – nicht mehr rechtsstaatlich im Land zugeht.

Mein Onkel zeigt mir auf seinem Handy Bilder von Menschen, die von Panzern zerquetscht wurden. Es sind Aufnahmen, die wochenlang über WhatsApp rumgingen.

Auf einmal bin ich ganz Deutschland

Am nächsten Tag spaziere ich durch Ankara. Auf dem Rückweg zum Haus meiner Großeltern steige ich in der Nähe der deutschen Botschaft in ein Taxi. Der Taxifahrer hört meinen deutschen Akzent und fragt mich, ob ich Politiker sei. Ich verneine. Und sage ihm, dass ich Journalist bin. Er atmet tief ein. „Wieso tut Deutschland nichts gegen die Terroristen?“, fragt er laut. Jetzt sitzt in seinen Augen nicht Hüdaverdi neben ihm, sondern die gesamte Bundesrepublik. In den Augen vieler Türken hat sich Deutschland auf der Seite der Putschisten positioniert.

„Bei dem Putschversuch sind etliche Menschen gestorben und sie nehmen die Drahtzieher sogar noch auf“, sagt der Taxifahrer. Ich erwidere, dass die türkische Regierung Beweise vorlegen müsse. „Der Putsch ist doch der größte Beweis!“, sagt er, schiebt demonstrativ sein Hemd über die Arme und zeigt mir seine Narben am Hinterkopf. Auch an der Schulter und seiner Brust habe er Einschusslöcher.

In dem Moment schäme ich mich. Eigentlich würde ich gerne sagen, dass Erdoğan sich selbst entlassen müsste. Weil er früher auch mit Fetullah Gülen zusammengearbeitet hat, der heute von ihm als Terrorist verfolgt wird. Eigentlich möchte ich auch sagen, dass es ein Unrecht ist, so viele Leute einzusperren und zu entlassen.

Als ich aber seine Narben sehe, habe ich das Gefühl, dass alles, was ich sagen könnte, falsch wäre. Er erzählt, dass er in der Putschnacht angeschossen wurde, als er sich gegen das Militär gestellt habe. Und plötzlich wird der Putsch für mich spürbar. Jedes Leid bekommt Bedeutung, wenn man anfängt, es zu spüren. Ob türkisches, kurdisches oder sonst eines. „Sorge in Deutschland für eine fairere Berichterstattung über die Türkei“, sagt der Taxifahrer zu mir.

Mir wird klar: Ich bin Deutschland. Ich habe einen deutschen Pass. In der Türkei kann ich nicht einmal wählen. Je weiter ich von der türkischen Politik entfernt bin, je weniger ich mich damit beschäftige, desto lieber bin ich bei meiner Familie in der Türkei. Aber die Türkei ist nicht mein Land. Ankara nicht meine Heimatstadt. Ich lebe in Bottrop. Und dort gibt es genug Stoff, mit dem ich mich beschäftigen möchte. Zu dem ich eine Haltung entwickeln und darüber schreiben will. Was ich verändern muss. Zum Besseren. Ich möchte mich nicht über die PKK, Erdoğan und Gülen streiten. Würde ich mich in der Türkei dazu positionieren, würde ich mir Mauern in Deutschland errichten. Sie würden mich daran hindern, mit allen türkischen Gruppierungen in einen Dialog treten zu können. 

Durch meine deutsche Staatsbürgerschaft stehe ich unter dem Schutz des Bundesadlers. Und selbst in der Türkei sehen sie den Schatten der Flügel, den der Adler auf mich wirft. Von Halbmond keine Spur. Genau das verpflichtet mich, Deutschland etwas zurückzugeben und mitzugestalten. Es ist mein Land.

Der Türke und Deutsche in mir können sich in Deutschland versöhnen.  

Goldene Schlangen vor der Alten Apotheke© Lennart Schraven

Alte Apotheke

Ermittlungspanne weitet sich aus

Eine zu geringe Dosierung von Antikörpern in Krebsmedikamenten ist bei Menschen nachweisbar. Das bestätigt jetzt auch Siegfried Giess vor dem Essener Landgericht, wo wegen der gestreckten Arznei aus der Bottroper Alten Apotheke verhandelt wird. Giess ist in dem Verfahren gegen Apotheker Peter Stadtmann der Sachverständige des bundeseigenen Paul-Ehrlich-Instituts. Fatal: Die Staatsanwaltschaft versäumte eine zeitnahe systematische Blutentnahme der betroffenen Patienten.

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von Marcus Bensmann , Hüdaverdi Güngör

Der zweite Zeuge offenbart im Prozess zu den gestreckten Krebsmedikamenten aus der Alten Apotheke aus Bottrop eine schwere Ermittlungspanne. Monoklonale Antikörper hätten im Blutkreislauf eines Patienten eine Halbwertzeit von 20 Tagen, sagte am Mittwoch der Sachverständige des Paul-Ehrlich-Instituts, Siegfried Giess, vor dem Landgericht in Essen aus.  Im Dezember 2016 hatte sich bereits der Professor am onkologischen Institut der Uniklinik Essen, Martin Schuler, so geäußert. Schuler hatte dem Gericht ein Frist von zwei Wochen genannt, in der monklonale Antikörper im Menschen nachzuweisen sind.

Dem Apotheker aus Bottrop, Peter Stadtmann, wirft die Staatsanwalt vor, in fünf Jahren über 60.000 Zytostatika gestreckt zu haben. Mehr als 4000 Patienten bundesweit sind von dieser Panscherei betroffen. Die Verteidigung des Apothekers weist die Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft stützt die Anklage auf die Buchhaltung und eine Hausdurchsuchung der Alten Apotheke.

Keine systematischen Blutproben

Dort war in der Buchhaltung ein gravierendes Missverhältnis zwischen Einkauf und Vergabe der Krebsmitteln festgestellt worden. Zudem wurden bei einer Razzia im November 2016 116 Krebszubereitungen beschlagnahmt und untersucht. Bei 66 wurde ein Mindergehalt festgestellt. Unter den beschlagnahmten Infusionen und Spritzen fanden sich 29 Zubereitungen mit monoklonalen Antikörpern, einem hochpreisigen Krebsmittel. Das renommierte Paul-Ehrlich-Institut untersuchte die Proben und fand heraus, dass nur eine einzige Zubereitung die richtige Konzentration beinhaltete. Giess hatte die Untersuchungen dieser 29 Infusionen und Spritzen geleitet.

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Nach Erkenntnissen von CORRECTIV erhielten wöchentlich um die 100 Personen Krebszubereitungen mit Antikörper aus der Alten Apotheke. Nach Aussagen der beiden Sachverständigen wäre es möglich gewesen, bei circa 100 Patienten nachzuweisen, ob die von der Alten Apotheke zubereiteten und verabreichten Zytostatika minderdosiert waren. Das ist aber nicht geschehen. Es konnte gar nicht.

Manöver der Verteidigung

Denn die Staatsanwaltschaft versäumte es am Tag der Razzia 2016 eine ausreichende Zahl von Blutuntersuchungen zu veranlassen. In Frage gekommen wären dafür Patienten, die wenigsten sieben Tagen vor der Hausdurchsuchung die Zubereitungen mit diesen hochpreisigen Krebsmitteln erhalten hatten. Es wurde nur vereinzelt Blut von einigen Patienten entnommen.

Die Verteidigung versucht zudem, eine weitere Ermittlungspanne zu konstruieren und damit den Apotheker von dem Vorwurf der Körperverletzung zu entlasten. Demnach seien die bei der Razzia beschlagnahmten Infusionen weder von Stadtmann selbst noch dem Personal  freigegeben gewesen. Dabei beziehen sich die Verteidiger auf die Aussagen eines Fahrers der Alten Apotheke, der zuvor ausgesagt hatte, dass er nur Infusionsboxen nach einer entsprechenden Freigabe ins Auto gepackt hätte. Da bei der Razzia die Krebszubereitungen aber vor dieser Freigabe beschlagnahmt worden seien, hätte sie nach Aussage der Verteidigung keinen strafrechtlichen Beweiswert. Die Verteidiger stellten daher den Antrag, den Anklagevorwurf der versuchten Körperverletzung fallen zu lassen. Die Anwälte der Nebenklage halten dieses Manöver der Verteidigung für durchsichtig. 

Die Nebenkläger kurz vor Beginn des 13. Prozesstages© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 13

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel soll als Zeugin im Panschprozess auftreten. Der pensionierte Leiter der medizinischen Abteilung des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI), Siegfried Giess, tritt als souveräner Sachverständiger auf. Auch der PEI-Experte sagt, dass Antikörper im Menschen nachweisbar sind. Die Verteidigung bezweifelt die strafrechtliche Verwertbarkeit der bei der Razzia beschlagnahmten Krebszubereitungen.

von Marcus Bensmann , Hüdaverdi Güngör

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann zeigt sich gewohnt still. Im Gegensatz zu den vergangenen Prozesstagen ist er in den Verhandlungspausen wesentlich ruhiger. Am Anfang sitzt Stadtmann nur mit zwei Anwälten im Gericht, Nummer drei und vier kommen erst später.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Einen Tag nach der Demonstration der Betroffenen in Bottrop, die trotz der Drohungen gegen die Demonstration stattgefunden hat, sind gut die Hälfte der Nebenklägerinnen und Nebenkläger gekommen. Die klaren und kompetenten Aussagen des Sachverständigen des PEI beeindrucken sie. Manchmal lachen sie.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Die Bundeskanzlerin im Zeugenstand? Gleich zu Beginn des Verhandlungstages stellt der Rechtsanwalt der Nebenklage, Andreas Schulz, den Antrag die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder einen anderen Vertreter des Bundeskanzleramts als Zeuge zu laden. Grund dafür ist die Antwort des Bundeskanzleramt auf das Schreiben der Nebenklägerin Heike Benedetti. Sie hatte am 2. Januar Merkel geschrieben und bereits am 4. Januar eine Antwort erhalten. Das Kanzleramt verweist auf die Zuständigkeit der Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen und gibt sich überzeugt, dass die durch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) eingeleitete Verschärfung der Regeln bei der Überwachung der Herstellung von Zytostatika wirksam sein wird. Dann aber folgt ein Satz, den Anwalt Schulz zum Anlass für den Antrag auf Vorladung der Kanzlerin nimmt: Das Kanzleramt geht demnach davon aus, „dass es sich bei den Bottroper Geschehnissen um einen Einzelfall kriminellen Fehlverhaltens handelt“. Der Anwalt sagt, dass die Schnelligkeit der Antwort und die Beschreibung darauf hinweisen, dass dem Kanzleramt Kenntnisse zu dem Fall vorliegen. Das Gericht wird über den Antrag entscheiden.

  • Siegfried Giess vom PEI macht einen souveränen Eindruck. Er war Leiter der medizinischen Abteilung des PEI, die die Krebszubereitungen mit den monoklonalen Antikörpern aus der Alten Apotheke untersucht hatte. Nun ist er pensioniert. Das PEI hat sowohl den Infusionsbeutel untersucht, den Marie Klein zur Polizei gebracht hatte, als auch die 29 Zubereitungen mit monoklonalen Antikörpern, die am Tag der Razzia in der Alten Apotheke beschlagnahmt wurden. Die Mitarbeiter des PEI haben die Zubereitungen mit Sichtkontrolle, Proteinbestimmung, molekulare Gewichtsverteilung, SDS-Elektrophorese und der isoelektrischen Fokussierung untersucht und mit einer Referenzprobe verglichen. Nach Aussage von Giess sind das bewährte Methoden der Analyse, die im europäischen Rahmen durch das PEI angewandt  und teilweise seit über 20 Jahren eingesetzt werden. Alle Vorgänge seien gemäß der  Standardarbeitsvorschriften (SOP) dokumentiert und bezögen sich auf das europäische Arzneibuch. Alle Untersuchungsmethoden sind validiert.

  • Das PEI hat Erfahrung. Nach der Aussage von Giess habe das PEI bisher direkt die Erzeugnisse von Herstellern untersucht, aber keine in den Apotheken zubereiteten Infusionen. Giess sieht jedoch darin keinen Unterschied, denn eine Infusion sei ja nur eine Verdünnung. Methodisch würde das keinen Unterschied machen, sagt der PEI-Sachverständige.

  • Die Zubereitung der Zytostatika ist eine Verdünnung. Die Verteidigung will wissen, ob die Referenzproben des PEI von ausgebildeten Apothekern und Fachpersonal für die Zytostatika hergestellt worden sei. Der PEI-Experte sagte, dies sei nicht nötig gewesen, die strengen Vorgaben für die Zytoherstellung gelten da die Zubereitungen einem Menschen verabreicht werden sollen. Für die Herstellung der Referenzproben seien diese Vorsichtsmaßnahmen nicht nötig.

  • Stabilität spielt für die Untersuchung keine Rolle. Die Stabilität, also die Frage, ob der Wirkstoff zerfallen sein könnte, hat für die Untersuchung keine Auswirkung. Denn dann wären die Rückstände der Antikörper nachweisbar gewesen, sagt Giess,  aber auch diese seien nicht nachweisbar gewesen.

  • Kühlkette stand. Es sei sichergestellt worden, dass die Infusionen immer gekühlt waren und die Kühlkette kontrolliert worden sei, sagt der PEI-Sachverständige.

  • Blitzlicht ist egal. Monoklonale Antikörper seien zwar lichtempfindlich, aber ein einmaliges Blitzlicht hätte keine Wirkung, sagt der Sachverständige von Giess. Erst wenn man einen Beutel zwei Wochen auf der Hutablage im Auto liegen liesse, dann wären die Antikörper hin, sagt der PEI-Experte.

  • Nur die Spritze für eine Studie war ok. Nur in einer von 29 Zubereitungen haben die Untersuchung ergeben, dass die Konzentrierung der Vorgabe auf dem Etikett entsprach. Das war eine Spritze für eine Studie. Bei den anderen wurde ein gravierender Mindestgehalt festgestellt, bei sechs Zubereitungen gab es nicht nur einen Mindergehalt sondern es war auch ein anderer Wirkstoff drin. Zudem stellte die Analysen Verunreinigungen fest.

  • Grund für eine zu geringe Dosierung. Als die Verteidigung den PEI-Experte fragt, welche Gründe es für die festgestellten Minderdosierung geben könnte, sagt Giess, dass es nur einen gebe, nämlich dass zu wenig reingegeben wurde. Der PEI-Experte hält es für ausgeschlossen, dass schon das Ursprungsprodukt einen Mindergehalt haben könnte.

  • Halbwertzeit von 20 Tagen. Der PEI-Experte sagt, dass die Antikörper im Menschen eine Halbwertzeit von 20 Tagen hätte. Damit ist Giess der zweite Experte der sagt, dass man die Minderdosierung von Anitkörpern im Menschen hätte nachweisen können.

  • Kein Neuland. Mit Hilfe eines Gutachtens des international anerkannten Wissenschaftlers Fritz Sörgel versucht die Verteidigung die Verwertbarkeit der Untersuchungsergebnisse der beschlagnahmten Krebszubereitungen in Frage zu stellen. CORRECTIV hatte schon berichtet, dass die Verteidigung das Gutachten des Professors vom Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung aus Bayern überzogen hatte. Nun konfrontiert der Anwalt der Nebenklage, Schulz, den PEI-Experten Punkt für Punkt mit dem Fazit des Gutachtens der Verteidigung. Unter anderem schreibt Sörgel darin, dass mit den Untersuchungen von Zytostatika  „Neuland“ betreten würde und dass es sich keinewegs um eine Routineanalytik mit anerkannten Analyseverfahren handele. Schulz fragt den PEI-Experten, ob das stimmen würde, der PEI-Experte verneint.   

  • Akten vom Staatsschutz gefordert. Ein Anwalt der Nebenklage beantragte, dass Akten vom Staatsschutz eingefordert werden. Grund dafür sind die Ermittlungen des Staatsschutzes, nachdem es Drohungen im Vorfeld der Demonstration in Bottrop gegeben hat. Das Schreiben des anonymen Absenders ging bei mehreren Betroffenen und dem Whistleblower Martin Porwoll ein.

  • Beschlagnahmte Infusionen angeblich nicht freigegeben. Die Verteidigung versucht, eine Ermittlungspanne zu konstruieren und damit den Apotheker von dem Vorwurf der Körperverletzung zu entlasten. Demnach seien die bei der Razzia  beschlagnahmten Infusionen weder von Peter Stadtmann noch anderem zuständigen Personal freigegeben gewesen. Dabei beziehen sich die Verteidiger auf die Aussagen eines Fahrers der Alten Apotheke, der ausgesagt hatte, dass er nur Infusionsboxen nach einer entsprechenden Freigabe ins Auto gepackt hätte. Da bei der Razzia die Krebszubereitungen aber vor dieser Freigabe beschlagnahmt worden seien, hätten sie nach Aussage der Verteidigung keinen strafrechtlichen Beweiswert. Die Infusionen hätten den „Machtbereich“ von Herrn Stadtmann noch nicht verlassen.  Die Verteidiger stellen daher den Antrag, den Anklagevorwurf der versuchten Körperverletzung fallen zu lassen. Die Anwälte der Nebenklage halten dieses Manöver der Verteidigung für durchsichtig.

  • Verteidiger bereiten sich auf den Whistleblower Martin Porwoll vor. Die Verteidigung hat das Gericht gebeten, Akteneinsicht in ein abgeschlossenes Verfahren gegen Porwoll zu erhalten. Das Gericht verweist auf die Verantwortlichkeit der Staatsanwaltschaft.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am  15.01. werden zwei weitere Mitarbeiterinnen der Apotheke und eine Ermittlungsbeamter vernommen.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):  15.01., 18.01., 24.01., 29.01., 31.01., 01.02., 05.02., 08.02., 14.02., 16.02., 20.02., 22.02., 13.03.

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Die Menschen im Gerichtssaal erheben sich vor dem Richter.© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess,Tag 12

Am ersten Verhandlungstag im neuen Jahr im Fall der gepanschten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop geht es um Gerüchte, Frauen und die Mutter des Angeklagten. Es sagen zwei Mitarbeiter der Alten Apotheke aus. Fahrer Kim F. nimmt seinen ehemaligen Arbeitgeber in Schutz. Die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M. berichtet allerdings von Gerüchten in der Belegschaft, dass es bei der Zubereitung der Krebsmittel nicht mit rechten Dingen zugegangen sei.

von Marcus Bensmann , Hüdaverdi Güngör

Am heutigen Verhandlungstag ist die Zuschauertribüne gut besetzt. Etwa 30 Menschen verfolgen den Prozess. Während des Verhandlungstages kommt es immer wieder zu kleineren Wortgefechten zwischen den Anwälten der Nebenklage und denen der Verteidigung. Ursprünglich war am 12. Prozesstag die ehemalige Mitarbeiterin Sonja U. als Zeugin vorgesehen, deren Exmann hatte bereits 2013 Peter Stadtmann angezeigt, Krebsmedikamente zu panschen. Die Anzeige verlief damals im Sande. Ihre Vernehmung findet an einem anderen Tag statt. Die Eltern des Angeklagten nehmen von ihrem Recht der Zeugnisverweigerung Gebrauch und werden nicht im Prozess aussagen. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Nach den Feiertagen wirkt Peter Stadtmann noch schmaler. Die Mundwinkel sind fast durchgehend nach unten gezogen, sein Blick geht oft ins Leere. In Verhandlungspausen berät er sich intensiv mit seinen Verteidigern. Peter Stadtmann studiert Notizen, die er mit rotem Kugelschreiber in einem Schulheft verfasst hat. Dem Fahrer Kim F. nickt er während einer Verhandlungspause wohlwollend zu.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Von den 44 Nebenklägerinnen und Nebenklägern sind weit über die Hälfte erschienen. Sie beteiligen sich aktiv an der Befragung der Zeugen. Der Gerichtstag ist für sie ein Wechselbad der Gefühle.  Bei den Aussagen des Fahrers Kim S. schütteln sie mit dem Kopf, die Aussage der ehemaligen Mitarbeiterin Stefanie M. ermutigt sie.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Die Eltern von Stadtmann werden nicht aussagen. Der Richter sagt, dass die Eltern des Angeklagten das Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch nehmen.

  • Der Pharmavertreter von Hexal wird Zeuge. Die Verteidigung von Stadtmann hat in einem Schreiben an den Richter behauptet, dass ein Pharmavertreter von Hexal Stadtmann schwarz aus dem Kofferraum Krebsmittel verkauft hätte. Hexal und der Vertreter wiesen diesen Vorwurf zurück, nun wird der Mann am 08.02. als Zeuge vernommen.

  • Der Fahrer Kim S. und die Familie in der Alten Apotheke. Der Fahrer Kim S. hat als Fahrer die zubereiteten Krebsmittel zu den Praxen gefahren. Morgens sei er in die Apotheke gekommen und hätte die Boxen mit den Infusionen eingeladen. Diese seien ihm von den Mitarbeitern ausgehändigt worden. Der Fahrer S. sagt, dass er es nicht mitbekommen hätte, dass mal eine Infusion kurz vor der Auslieferung wegen Mängel aus der Box genommen worden sei. Vor der Verhaftung von Stadtmann haben für die Alte Apotheke 22 Fahrer gearbeitet. Aufgrund der Schließung des Zyto-Labor seien aktuell nur noch fünf beschäftigt.  S. ist seit Juli krankgeschrieben. Der Fahrer geht nach einem Unfall an Krücken und kratzt sich immer am Bein. Sein Verhältnis zu Stadtmann sei gut gewesen, er könne nichts Schlechtes über ihn sagen, sagt der Fahrer.  F. bezeichnet das Arbeitsklima in der Alten Apotheke wie in einer großen Familie. Nach der Verhaftung von Peter Stadtmann sei man zusammengerückt.  Der Fahrer sagt, dass er zuvor von keinen Gerüchten in der Belegschaft zu möglichen Streckungen von Krebsmedikamenten gehört habe. Auch nach der Verhaftung hätte sich die Belegschaft nicht über die Vorwürfe unterhalten. Der Fahrer informiert sich über den Fall aber bei CORRECTIV. Nach Aussagen des Fahrers, sei Stadtmann auch länger in Urlaub gefahren, auch mal für drei Wochen. F. habe dann Stadtmann zum Flughafen nach Düsseldorf gefahren, Stadtmann hätte ihm aber nicht gesagt, wo er Urlaub machen würde. Nur einmal sei er nach München geflogen. Er habe auch Stadtmann nach Hause gefahren, und manchmal sei er in Damenbegleitung gewesen. Stadtmann nickt dem Fahrer im Zeugenstand wohlwollend zu.

  • WhatsApp Gruppe und das Protokoll im Handy. Die Fahrer der Alten Apotheke haben sich über eine Whatsappgruppe verständigt. Auch am Tag der Verhaftung. Die Anwälte der Nebenklage beantragen daraufhin, das Handy des Fahrers im Gerichtssaal zu beschlagnahmen. Das Gericht lehnt diesen Antrag ab.

  • Keine Sicherheitskleidung Die Aussagen von Kim F. bestätigen zumindest den Aspekt der mangelnden Hygiene im Labor der Apotheke. Er habe Stadtmann mehrfach in Straßenkleidung in den Räumlichkeiten des Labors gesehen.

  • Gerüchte über Unregelmäßigkeiten. Anders als der Fahrer berichtete die ehemalige Mitarbeiterin Stefanie M. über Gerüchte in der Belegschaft über Unregelmäßigkeiten bei der Herstellung der Krebsmedikamente. Stefanie M. wurde als Zeugin berufen, da ihr Exmann im Dezember 2016 ausgesagt hatte, dass sie eine enge Vertraute von Stadtmann gewesen sei, die Krebsmittel hergestellt und viel Geld verdient hätte. Die Zeugin widerspricht der Aussage ihres Exmannes. Stefanie M. hat mit Unterbrechung von 2007 bis im Juli 2017 in der Alten Apotheke gearbeitet. Sie sei im Handverkauf tätig gewesen und hätte die Belieferung der Altenheime übernommen. Die Mitarbeiterin hätte nie Krebsmittel zubereitet, aber bei der Dokumentation schon mal in den Zytolabors ausgeholfen. Sie berichtet von Gerüchten in der Belegschaft. So soll die Schwester einer Labor-Mitarbeiterin an Krebs erkrankt sein. Daraufhin soll die Mitarbeiterin gebeten haben,  die Therapien für ihre Schwester nicht von Peter Stadtmann anfertigen zu lassen.  Weiter erzählt die Zeugin von einer Situation im Labor. Eine Mitarbeiterin hätte sich gewundert, warum von vier Flaschen eines Krebsmittels, die eigentlich hätten verbraucht sein müssen, noch eine im Kühlschrank gestanden hätte. Aufgefallen sei Stefanie M. auch, dass die Apotheker, die im Zytolabor gearbeitet hätten, häufig gewechselt hätten. Einer von ihnen habe von heute auf morgen die Apotheke verlassen, sagt die Zeugin.

  • Offene Labortüren und Straßenkleidung. Die Zeugin sagt, dass in der Apotheke die Sicherheitsvorkehrungen bei der Zubereitung von Krebsmitteln nicht beachtet worden seien. Die Türen zu den Labors hätten offen gestanden, sie hätte Stadtmann nicht in Sicherheitskleidung gesehen, und Handschuhe hätten die Mitarbeiter auch nicht immer getragen. Wenn sie Stadtmann auf die Mängel aufmerksam gemacht habe, hätte dieser sie abgewiesen, sagt Stefanie M.

  • Straffe Hierarchie und der letzte Dreck. Für die Zeugin Stefanie M. hat in der Alten Apotheke eine strenge Hierarchie geherrscht. Reinigungskräfte seien wie der „letzte Dreck“ behandelt worden. Seine Mitarbeiterinnen hätte Stadtmann mit dem lateinischen Ausdruck für den Beifuß „artemisia vulgaris“ herbeizitiert. Alle Mitarbeiter des Zytolabors hätten nach der Razzia ihren Job in der Alten Apotheke behalten und die Überstunden abfeiern können, sagt die Zeugin. Den meisten Fahrern wurde allerdings sofort gekündigt.

  • Dominante Mutter und Liebesbeziehungen in der Alten Apotheke. Stefanie M. berichtet von einer dominanten Mutter, die sich in alle Angelegenheiten der Apotheke eingemischt hätte, auch nachdem Peter Stadtmann die Apotheke übernommen hatte. Die Mutter hätte auch die Patientenzuzahlungen und Privatrechnungen für die Krebszubereitungen kontrolliert. Sie hätte nach der Verhaftung von den Mitarbeitern gefordert, sich nicht zu dem Fall zu äußern. Die Mutter hätte sie einmal in den Rücken geboxt, sagt Stefanie M. Die Zeugin berichtet auch von Gerüchten, dass Stadtmann Beziehungen zu Mitarbeiterinnen hatte.

  • Marc F. Stadtmanns wichtigster Mitarbeiter. In einem waren sich die beiden Zeugen einig. Sowohl der Fahrer als auch Stefanie M. sagten, dass Marc F. für Stadtmann der wichtigste Mitarbeiter und dessen rechte Hand war. Marc F. hat vor dem Gericht das Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch genommen. Er hat bis zur Verhaftung von Peter Stadtmann das Zytolabor geleitet und leitet nun die Buchhaltung der Alten Apotheke.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am  11.01. wird der Sachverständige des Paul-Ehrlich-Instituts als Zeuge aussagen. Das PEI hatte die beschlagnahmten Infusionen mit teuren Antikörpern untersucht und darin erheblichen Mindergehalt festgestellt. 

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 11.01., 15.01., 18.01., 24.01., 29.01., 31.01., 01.02., 05.02., 08.02., 14.02., 16.02., 20.02., 22.02., 13.03.

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Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Alte Apotheke: Die Namen der Ärzte

von Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Simon Wörpel , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann

Über 3700 Menschen. In sechs Bundesländern. Immer noch wissen viele von ihnen nicht, dass sie vermutlich gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Die Folgen sind unerträglich in unseren Augen. Diesen Menschen wird die Chance genommen, sich erneut mit einem Arzt zu beraten; ihnen wird die Chance genommen, sich juristisch zu wehren.

Sie werden dumm gehalten.

Jeder betroffene Mensch hat in unseren Augen ein Recht auf die Information, ob er gepanschte Krebsmedikamente bekommen hat – und er muss sie bekommen. Wie er mit dem Wissen umgeht, ist seine eigene Entscheidung. Es liegt aber niemals im Ermessen einer Behörde, diese Information vorzuenthalten.

CORRECTIV veröffentlicht die Namen der Ärzte

Die Behörden im Land NRW und in der Stadt Bottrop wissen spätestens seit Februar diesen Jahres um das Ausmaß des Skandals: Der Alte Apotheker in Bottrop hatte über 60.000 Krebstherapien gepanscht, tausende Menschen in sechs Bundesländern sind betroffen. Doch die Behörden haben nicht die Betroffenen informiert. Sie haben die Ärzte angeschrieben und diese gebeten, die Patienten aufzuklären. Dies ist nach Recherchen von CORRECTIV jedoch nicht immer passiert. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen und sie angefragt. Etliche gaben an, ihre Patienten aus unterschiedlichen Gründen nicht umfassend informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht.

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Der Fall der Alten Apotheke: Ermittler gehen bundesweit von über 3700 Betroffenen aus, die möglicherweise mit gepanschten Krebsmedikamenten aus Bottrop behandelt worden sind. 37 Arztpraxen und Kliniken seien laut Staatsanwaltschaft in den vergangenen fünf Jahren von dem Bottroper Apotheker beliefert worden. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Es gab allerdings auch Abnehmer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen. 

Bei einer Pressekonferenz am 10. Oktober 2017 hatten die Verantwortlichen der Bottroper Gesundheitsbehörde erklärt, dass jeder Patient über die Hotline eine Information bekommen könnte, ob er betroffen ist. Doch weiß von dieser Hotline außerhalb von Bottrop so gut wie kein Mensch. Die Stadt ist überfordert und das Land hat sich weggeduckt. Offen und transparent nach dem Namen der behandelnden Ärzte kann niemand suchen. Aber nur, wenn ein Betroffener erfährt, ob sein behandelnder Arzt möglicherweise gepanschte Medikamente bekommen hat, kann er sich mit diesem über weitere Schritte beraten. Die Ärzte haben in unseren Augen nicht das Recht, ihren Patienten bewusst diese Information vorzuenthalten.

Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, hat dazu gesagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.“

Da die Betroffenen auch nach Monaten noch nicht aktiv von den Behörden informiert wurden, haben wir uns entschlossen, den Patienten die Möglichkeit zu geben, zu überprüfen, ob ihr Arzt Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bezogen hat. Geben Sie in unserer Suchmaske die Postleitzahl ihres Arztes ein, um herauszufinden, ob auch er möglicherweise gepanscht Mittel bekommen hat. Die Liste der Ärzte ergibt sich aus unseren Recherchen und Konfrontationen. Es kann sein, dass weitere Praxen beliefert worden sind.

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV finanziert sich aus Spenden von Menschen, denen unsere Arbeit für die Gesellschaft wichtig ist. Hinter uns steht kein Konzern, sondern nur der Wille zur Aufklärung beizutragen. Unterstützen Sie uns bei unserer Arbeit.


Alte Apotheke

Es gab schon 2013 eine Anzeige gegen Peter S. – die Ermittlungen dauerten nur 14 Tage

Unterdosierte und abgelaufene Krebsmedikamente – schon vor dreieinhalb Jahren wurden diese Vorwürfe gegen Peter S. zur Anzeige gebracht. Aber die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein.

von Hüdaverdi Güngör , Anna Mayr

Am 2. Dezember 2013 wurde gegen Peter S. eine Anzeige gestellt. Die Vorwürfe gleichen denen, die jetzt auch gegen ihn erhoben werden. Allerdings wurden die Ermittlungen gegen S. 14 Werktage später eingestellt, am 19. Dezember 2013. Nur 14 Werktage, um Vorwürfe zu prüfen, aus denen man hätte folgern können, dass es nicht nur um Steuerhinterziehung, sondern auch um Körperverletzung gehen könnte.

CORRECTIV liegt das Schreiben vor, mit dem die Staatsanwaltschaft Essen die Anzeige ablehnte. Die Begründung dafür: Man hätte keine Beweise. Dabei wäre es anhand der Vorwürfe damals schon möglich gewesen, S. zu überführen. Rund 3000 Krebspatienten haben in den dreieinhalb Jahren nach dieser ersten Anzeige Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen. Peter S. hat damit Millionen Euro verdient.

Konkrete Vorwürfe

Der Mann, der die Anzeige damals gestellt hat, sagt, dass er selbst nicht in der Apotheke beschäftigt war. Was dort passierte, habe er allerdings schon seit 2002 gewusst. Als Quelle gibt er einen Labor-Mitarbeiter von Peter S. an.

Tatsächlich waren die Vorwürfe in der gestellten Anzeige konkret formuliert. Krebsmedikamente würden „abweichend von der ärztlichen Verordnung falsch bzw. niedriger dosiert an die Ärzte geliefert bzw. den Patienten verabreicht.“ Außerdem enthielt die Anzeige den Vorwurf, dass abgelaufene Medikamente weiterverwendet würden.

Keine Beweise

Das Fazit nach 14 Tagen Ermittlungen: Den Tatverdacht wegen Steuerhinterziehung durch Falschdosierung von Krebsmedikamenten könne man nicht nachweisen, schrieb die Staatsanwaltschaft Essen. Die Ermittler verstanden schon, dass Peter S. durch die Unterdosierung viel Geld verdienen könnte. Aber wie viel Geld genau, das könne man nicht nachvollziehen – „aufgrund der Vielzahl der eingesetzten Inhaltsstoffe und der unterschiedlichen Lieferanten.“ Übersetzt heißt das eigentlich nur, dass die Staatsanwaltschaft gewissermaßen kapitulierte. Dass S. mit der Unterdosierung Menschen schaden könnte, darum geht es in dem Schreiben nicht. Man könne eben nicht berechnen, wie viel Geld Peter S. mit der Unterdosierung verdient.

Die Berechnungen des Whistleblowers Martin Porwoll beweisen aber das Gegenteil.

Im letzten Absatz des Schreibens heißt es, dass die zuständige Staatsanwältin die Ausführungen weitergeben wird – falls sich daraus ein Verdacht wegen Abrechnungsbetrugs gegenüber den Krankenkassen ergibt. Oder, falls sich daraus ein Verdacht wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz ergibt. Offensichtlich hat sich beides aber nicht ergeben. Sonst wäre Peter S. sicher schon zu einem früheren Zeitpunkt festgenommen worden.

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Dieselbe Staatsanwaltschaft

Auch in dem aktuellen Verfahren ist wieder die Staatsanwaltschaft Essen mit dem Fall Peter S. betraut. Martin Porwoll hatte seine Anzeige im Herbst 2016 ursprünglich an die Staatsanwaltschaft in Bochum gerichtet, die auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert ist.

UPDATE – 6.9.17, 21:40 Uhr: Die Staatsanwaltschaft in Essen erklärt den Vorgang folgendermaßen: Das Verfahren, das eingestellt wurde, hätte nicht den Vorwurf der Unterdosierung von Medikamenten oder des Abrechnungsbetrugs zum Gegenstand gehabt. Die Ermittlungen zu dieser speziellen Anzeige wurden also eingestellt, aber es folgten weitere Ermittlungen. 

Den Vorwürfen zum Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und wegen des Abrechnungsbetrugs sei man gesondert nachgegangen, so sagt es die Staatsanwaltschaft.

Dazu befragten die Ermittler sowohl den Hinweisgeber, der die initiale Anzeige gestellt hatte, als auch seine Quelle, von der er die Informationen hatte. So wurde es gemacht, da der Hinweisgeber ja eben nur aus dritter Hand berichtete. Seine Quelle, eine damalige Angestellte von Peter S., bestätigte die Vorwürfe aber nicht. 

Nach den Angaben der Angestellten schloss die Staatsanwaltschaft darauf, dass der ursprüngliche Hinweisgeber ein Motiv für die Anzeige gegen Peter S. hatte: Man ging von einem „Rosenkrieg“ zwischen ihm und der Angestellten aus. Auch Peter S. wurde im Lauf dieser Ermittlungen vernommen. 

Elf Monate später, also im November 2014, wurden dann auch diese Ermittlungen eingestellt. 

Die Staatsanwaltschaft sagt weiterhin, dass die Ausgangslage damals eine andere war: Die Beweise und die Angaben des Hinweisgebers waren nicht so eindeutig, wie es 2016 der Fall war. Die Beweislage sei deshalb nicht geeignet gewesen, um einen Durchsungsbeschluss zu erwirken. 

Hüdaverdi war ganz nah dran an der großen Politik. Hier an Spitzenkandidat Armin Laschet (CDU).© CORRECTIV.RUHR

Integration & Gesellschaft

Von der Lkw-Wäsche in den Landtag

NRW erlebt eine dramatische Wahl. SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft wird abgewählt. Armin Laschet gewinnt für die CDU. Zitterpartie um die Linkspartei. Unser Reporter ist vor Ort.

weiterlesen 7 Minuten

von Hüdaverdi Güngör

Die Sonne scheint, eigentlich beste Voraussetzungen für eine hohe Wahlbeteiligung in Nordrhein-Westfalen. Ich bin gespannt, was wird sich ändern? Raus aus dem „Engelbert & Strauss“-Anzug, rein in ein T-Shirt und Sakko und ab in den Landtag, um die Auszählung der Wahl zu verfolgen. Erschöpft von einer 40-Stunden-Woche, ist meine bislang einzige Motivation das hoffentlich kostenlose Essen, das mir versprochen wurde. Meine Stimmen habe ich bereits per Briefwahl abgegeben und damit meine Pflicht erfüllt.

Ich fahre in Bottrop los, nehme den Bus Richtung Oberhausen HBF und scheitere gemeinsam mit dem afrikanischen Busfahrer am Kopfrechnen um das Rückgeld für mein Bahnticket. Ich setze mich nach hinten und merke, dass auch schon die ersten Flüchtlinge bemerkt haben, dass die Coolen hinten im Bus sitzen. Meinen Platz hinten im Bus lasse ich mir jedoch nicht nehmen.

Der Regen: ein Zeichen?

Vorbei an den etlichen Wahlplakaten und den lächelnden, um Stimmen bettelnden Gesichtern denke ich, dass die Linke und die FDP die ehrlichsten Wahlplakate dieses Jahr hatten. Wenn ich mir das Plakat der Linken angucke sehe ich nur Rot, auf dem Plakat der FDP sehe ich einen selbstverliebten Lindner, der in jeder Pose zeigen möchte, wie toll er ist. Hätte ich vor einigen Jahren Geld für Plakate gehabt, als ich mit einer Wählergemeinschaft zu den Kommunalwahlen in Bottrop angetreten bin, hätte ich mich genauso dargestellt.

Nicht jeder kann oder möchte sich den besten Anzug leisten in NRW, umso mehr fordere ich eine Jogginghosen-Quote in jedem Parlament.

Einige dummen Gedankengänge später bin ich am Hauptbahnhof in Oberhausen und am Bahnsteig empfängt mich starker Regen. Entweder weint der Himmel ob des möglichen Einzugs der AfD in den Landtag, oder weil die SPD heute die Mehrheit verliert, oder weil die Piraten ausscheiden.

Einstieg in den Landtag

Später komme ich im Sonnenschein am Landtag an, die Polizei stellt Absperrungen auf, die Sicherheitskontrollen sind streng. Ich fühle mich cool, ich darf als einer von der Presse rein, bekomme nach einer Kontrolle am Eingang einen Presseausweis, der mir praktisch jede Tür öffnet und einen Arbeitsplatz im Plenarsaal garantiert.

Auf dem Weg in den Plenarsaal fange ich an zu träumen, vorbei an provisorisch eingerichteten WDR, ZDF und N-TV Studios. Vielleicht hätte ich es irgendwann als Politiker und nicht als Journalist hier rein geschafft? Vor Jahren habe ich in Bottrop die Wählerinitiative „Die Verfassungsschüler“ gestartet und nur knapp den Einzug in den Stadtrat verpasst. Aber irgendwie schaffe ich es immer überall rein, schließlich war ich vor einigen Wochen, unter einem Vorwand einen Film zu zeigen, das erste mal in einem Gymnasium. Und eine Hochschule habe ich auch schon von innen gesehen und das mit einem Hauptschulabschluss. Nur an der Discotür scheitere ich manchmal.

Während die Kollegen die Tastatur ihrer Macbooks streicheln, kloppe ich in die Tastatur meines Hewlett Packard.

Posten in Social Media

Ich bin zurück in der Realität; Facebook und Instagram verraten, dass ich im Landtag bin um ein paar Likes abzustauben und meine credibility zu erhöhen.

Mir wird langweilig, die ersten Ergebnisse lassen auf um 16 Uhr noch auf sich warten. Nach meinem Posting für Snapchat verlasse ich den Plenarsaal und laufe ziellos umher. Höre die ersten Gerüchte raus, Christian Lindner soll geweint haben. Vor Freude oder Trauer, weiß ich nicht. Ich schaue mir das Sicherheitspersonal und die Putzfrauen an, geschätzt 90 Prozent von ihnen sind türkischstämmig, immerhin haben sie es, genauso raffiniert wie ich, es in den Landtag geschafft. Kloppen und putzen können wir Türken bekanntlich gut.

Das Service Personal in der Mensa besteht zu gefühlt 90 Prozent aus Deutsch-Deutschen, dafür wären wir Türken wohl zu grob. Zufällig wird eine türkischstämmige Dame aus dem Sicherheitspersonal vor mir nach einem Interview angefragt. Ich freue mich und bin gespannt. Sie lehnt dankend ab und gibt dann noch einen Kommentar ab „Sanki baska isim yok ya“ (dt. „Als hätte ich nichts anderes zu tun“). Ich muss schmunzeln, typisch türkisch.

Endlich wird das Buffet eröffnet. Ich merke, dass die Kollegen genauso hungrig sind wie ich und stehe in der Schlange. Erst jetzt schaue ich mir das Menü für heute an und meine, dass etwas schief gelaufen ist. Für Veganer und Vegetarier ist etwas dabei. Für Fleischliebhaber Rindergluasch mit Röggelchen (was sind Röggelchen?), aber dann Berliner Currywust, Thüringer Bratwurst und Gebratene Mie-Nudeln? Im Landtag von Nordrhein-Westfalen? Ein NO-GO! Sollte die AfD heute einziehen, bin ich mir sicher, dass es in fünf Jahren nur noch westfälische Küche geben wird.

Obwohl ich im Ruhrgebiet aufgewachsen bin, kann ich nicht viel mit der westfälischen Küche anfangen. Es wäre toll, wenn man für mich den Döner und für die Araber Humus auf die Speisekarte nehmen würde.

Die Muff-Ecke bei der SPD

Mir ist echt langweilig. Ich beobachte die Studios der Fernseh-Sender und erkenne die Bundestagsabgeordnete der Linken Sevim Dagdelen. Ich spreche sie an und bitte sie um ein Statement. Sie fragt mich für welches Medium ich arbeite: CORRECTIV.Ruhr. Sie willigt ein, aber hat mir noch etwas zu sagen: Wegen einem Bericht, der auf CORRECTIV.Ruhr veröffentlicht wurde, wirft sie einem Kollegen vor „Dreckssack-Journalismus“ betrieben zu haben, ein Kurden-Hasser zu sein – weil er für die ZAMAN und somit für Fetullah Gülen geschrieben habe. Eigentlich würde ich gerne mit ihr über die steile These diskutieren. Aber nicht heute, heute stelle ich nur Fragen. 

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Es geht weiter, von Ecke zu Ecke. Ich möchte Stimmungen einfangen. Ich gehe zur SPD; es riecht muffig, vielleicht ist das Angstschweiß. In der Ecke der CDU riecht es besser, vielleicht weil hier Vorfreude herrscht. Abgelegen finde ich den Stand der Piraten und verwickele mehrere von ihnen in ein Abschiedsgespräch. Zudem staube ich noch ein paar Give-Aways ab, als persönliche Erinnerung an die Piraten.

Ich möchte von einem ihrer Vertreter erfahren, wieso die Piraten nicht den Hype von vor fünf Jahren halten konnten. Er erläutert mir die Fehler der Partei, aber auch die fehlende Unterstützung der Medien. Weiter im Gespräch kritisiert er den – angeblich verbotenen – Fraktionszwang in den Parlamenten. Damit erweckt er meine alten Sympathien zu der Partei. Es macht mich traurig, das jetzt schon feststeht, dass sie es nicht mehr schaffen werden. Der Regen heute Mittag war dem Abschied der Piraten gewidmet.

35 Prozent haben nicht gewählt

Ich verabschiede mich. Langsam sickern die ersten Infos durch: 65 Prozent Wahlbeteiligung. Der erste kleine Applaus. Ich frage mich, was es da bejubeln gibt. Es sind immer noch 35 Prozent zu wenig. Klar hat es einen Anstieg von rund fünf Prozent, aber ich frage mich, wieso die restlichen 35 Prozent nicht gewählt haben. Hatten sie keine Lust, keine Zeit oder keine Hoffnung auf einen politischen Wechsel? Oder ergeht es ihnen wie meinen Arbeitskollegen von der Lkw-Wäsche, wo ich derzeit hauptberuflich arbeite, die aufgrund der körperlich harten und langen Arbeit nicht jede Partei inspizieren können. Wir hatten immer wieder untereinander diskutiert, ob und wen wir wählen sollen.

Zurück im Plenarsaal bricht Jubel in der CDU-Ecke aus. Ich frage mich was los ist und gehe hin. Minuten langer Jubel – die ersten Wahlergebnisse werden eingeblendet. Armin Laschet hat gewonnen!

Wenn Armin Laschet gewonnen hat, bedeutet das, dass Hannelore Kraft verloren hat. Also ab in die SPD-Ecke, Beileid wünschen. Doch in die Muffnische der SPD komme ich jetzt kaum rein, zu viele Menschen strömen mit lang gezogenen Gesichtern raus. Eine Frau weint sogar. Ich bin begeistert, diese Frau muss für die Politik leben. Keiner möchte mehr mit mir reden.

Ich schwöre. CDU hat gewonnen

Ich begebe mich daher zurück an meinen Schreibplatz. Im Plenarsaal wird die Wahl live übertragen und ich sehe im WDR einen runden, rotköpfigen Herrn, den ich unten schon gesehen habe. Ich stürme raus und möchte ich ihn für CORRECTIV.Ruhr um ein kurzes Statement bitten. Ich finde ihn, dort, wo ich ihn im Fernsehen gesehen habe, spreche ihn an und bitte um ein Statement. Er bittet mich, seinen Namen vorher anzusagen. Ich bin aufgelaufen. Ich frage ihn, wie sein Name nochmal war. Er antwortet mir und ich verstehe nur „Hermann Grööööö“, CDU, und Gesundheitsminister. Fuck, ich habe meinen Gesundheitsminister nicht erkannt.

Ich starte das Video und sage ihn an: „Hermann Gröö“ und nuschele den Nachnamen einfach weg. Das war knapp, denke ich mir und ziehe mich zurück, um endlich das vorläufige Wahlergebnis analysieren zu können.

Meine Angst, dass die Wähler die Bundesregierung in den Landtagswahlen abstrafen wollen, hat sich meiner Meinung nach nicht bestätigt. Umso mehr haben die Wähler die SPD abgestraft. Insbesondere der Innenminister der SPD, Ralf Jäger, hat seinen Beitrag dazu geleistet. Gleichzeitig zieht die AfD in Landtag ein. Ich hoffe, dass die AfD genauso schnell aus dem Landtag verschwindet wie die Piraten.

Allerdings sollten wir die AfD-Wähler für ihre Wahl nicht verurteilen. Durch viele Gespräche in den letzten Wochen konnte ich erfahren, dass sie die Landesregierung abstrafen wollten. Das haben viele heute geschafft, auch ohne die AfD zu wählen.

Während meiner Analyse schallt ein weiterer Jubel bis in den Plenarsaal, gemeinsam mit den Kollegen stürmen wir raus. Obwohl das Ergebnis schon seit gut zwei Stunden feststeht, fragt ein junger Mann von der Secuirty, was passiert ist. Der Mann rennt zum Fernseher und schreit rüber: „Die CDU hat gewonnen!“ Ein Kollege will, dass der Mann schwört. „Ich schwöre die CDU hat gewonnen!“ Diese Jungs haben ihren Job heute gemacht.

Und mit dem Zitat „Ich schwöre die CDU hat gewonnen“, beende ich meine Reportage.

Zurück in die LKW-Wäsche

Morgen früh um 8 Uhr muss ich mein Sakko eintauschen, gegen einen Anzug von „Engelbert & Strauss“ und weiter Lkw waschen. Einen Wunsch möchte ich aber noch los werden: Es sollten mehr junge Menschen in den Parlamenten Platz finden, nicht als Sicherheitspersonal, sondern als Abgeordnete.

Abgeordnete, die auch mal gerne in Jogginghose aufkreuzen und die Politik für viele von uns wieder greifbar machen, denn seit ich in der Lkw-Wäsche arbeite habe ich nicht viel mitbekommen – außer die hohen Abzüge von meinem Lohn.

© CORRECTIV.RUHR

Integration & Gesellschaft

Türken in NRW: Auf der Suche nach dem verlorenen Wählerwillen

Hüdaverdi Güngor ist Autor, „Verfassungsschüler“ und Deutsch-Türke. Und weil er das alles ist, dachte die ziemlich deutsch-deutsche Redaktion von CORRECTIV.RUHR: Das ist genau der Richtige für die Geschichte. Der soll sich mal bei Deutsch-Türken umhören, was die von der Landtagswahl halten. Das hat er getan und hat uns allen noch was beigebracht. Eine Reise durchs Ruhrgebiet.

von Hüdaverdi Güngör

Meine Reise durchs Ruhrgebiet beginne ich in Dortmund. Ich mache mich auf den Weg, um zu erfahren, was Deutsch-Türken und Türken zur Landtagswahl sagen. Das ist natürlich jetzt ein Thema – nach dem Referendum in Türkei. Die Integrationsdebatte geht wieder von vorne los. Wieso stimmen die mit „Ja“ in der Türkei? Und was sagt das über ihr Leben hier? Fragen, die viele Deutsch-Türken schon nicht mehr hören können.

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Hüdaverdi Güngör

Ich selbst setze mich seit vier Jahren für die Teilhabe junger Menschen – insbesondere Deutsch-Türken – an der deutschen Politik ein. Auch wir sind Teil dieser Gesellschaft, ob wir wollen oder nicht. Daher sollte es für uns selbstverständlich sein, unser Land mitzugestalten.

Zu den Kommunalwahlen 2014 gründeten wir eine Wählergemeinschaft in Bottrop. Gemeinsam mit türkeistämmigen, mit kurdisch-, afrikanisch- und libanesischstämmigen Freunden überzeugten wir uns von unseren Grundrechten und kandidierten bei den Wahlen als „Die Verfassungsschüler“. Anders als die etablierten Parteien gelang es uns, junge Wähler dort zu erreichen, wo andere niemals hingegangen wären, auf Schulhöfe und in Shisha-Bars. Den Einzug in den Bottroper Stadtrat verpassten wir nur knapp.

Umso gespannter bin ich jetzt, drei Jahre später, wie Deutsch-Türken im Ruhrgebiet landespolitisch ticken.

Von den Menschen, mit denen ich spreche, will ich nur wissen, ob sie sich in Deutschland politisch vertreten fühlen – und ob sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, wenn sie eins haben.

Ich bin nicht besser

Ich verlasse den Hauptbahnhof Richtung Innenstadt und treffe auf eine Gruppe Jugendlicher. Zwei Schwarzköpfe, so nenne ich die immer. Ich bin schließlich auch einer. Und ein Blonder. Einer will mit Politik nichts am Hut haben. Sein Kollege stimmt zu und sagt, dass er von der deutschen Politik nichts mitbekommt. Dass im Mai Landtagswahlen in NRW stattfinden, erfährt er erst durch mich.

Nicht schlimm, denke ich. Politikverdrossenheit ist nicht allein bei Deutsch-Türken ein Problem. Und ich lobe mich ein wenig, dass wir mit unserer Wählergemeinschaft wussten, wie wir die Menschen erreichen, ohne einen Cent für Wahlplakate zu investieren: Facebook, Schulhöfe oder eben die Shisha-Bar.

Zuversichtlich spreche ich weiter Menschen an. Keine Zeit, keine Lust haben sie.

Ich sehe zwei Frauen: eine davon schwarze Haare, die andere blonde. Ich bin mir sicher, dass zumindest die Schwarzhaarige eine Türkin ist. Ich gehe näher und frage, ob sie türkische Wurzeln hat, erst da guck ich in ihr Gesicht. Asiatische Augen. „Fuck“, denke ich und entschuldige mich. In diesem Moment habe ich Verständnis für alle, die Nationalitäten nicht anhand ihres Aussehens unterscheiden können.

Für uns sehen Chinesen wie Japaner oder Koreaner aus, weil wir sie nicht unterscheiden können. Würden wir in Japan leben, könnten wir das gut. Ich habe unserer Gesellschaft oft vorgeworfen, die Vielfältigkeit in diesem Land nicht unterscheiden zu können und Marokkaner zu oft mit Türken zu verwechseln. Ich merke: Ich bin gar nicht besser.

Blond für Besiktas

Ich ändere meine Strategie. Gehe in Geschäfte, deren Mitarbeiter Schwarzköpfe sind. Frage einen Kioskbetreiber. Er würgt mich ab. Nihat aus der Gastronomie nebenan könne meine Fragen bestimmt beantworten. Der sagt mir dann, dass er natürlich an den Wahlen teilnimmt, keine großen Erwartungen hat, aber Hoffnung.

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CORRECTIV.Ruhr

Ich entschließe mich, es auf der Münsterstraße weiter zu versuchen, quasi der Keupstraße Dortmunds. Auf dem Weg treffe ich auf zwei junge Männer. Wieder ein Schwarzkopf und ein Blonder. Der Schwarzhaarige ist türkeistämmig, habe ich sofort erkannt, bei dem Blonden bin ich unsicher: optisch ein Deutscher, aber mit Besiktas-Trikot. Er könnte aus Trabzon oder Rize abstammen, dort sehen die Menschen auch so aus, aber dafür trägt er das falsche Trikot.

Meine Vermutungen waren richtig, der Schwarzkopf hat ihm das Trikot geborgt. Beide sagen mir, ihnen sei Politik scheißegal, solange alle friedlich zusammenlebten. Beide sind aber noch nicht wahlberechtigt. Auch das ist Integration. Wieso soll ein Türke ein Dortmund-Trikot anziehen, ein Deutscher kann genauso gut ein Besiktas-Trikot tragen! Auch wenn das für Sarrazin und Konsorten wohl ein weiterer Beweis wäre, dass Deutschland sich abschafft. Ich verabschiede mich und weise ihn auf die fehlenden zwei Sterne auf seinem Trikot hin. Ich bin Fan von Galatasaray und wir haben vier!

Deutsch-Türken ohne Wahlrecht

An der Linienstraße vorbei und nach einem neugierigen Blick auf den Puff erreiche ich die Münsterstraße und spreche Passanten an. Glückstreffer. Einer sagt, dass er sich Frieden wünscht und dass es wichtig ist, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen: „Kleinvieh macht auch Mist.“ Deswegen sei es wichtig wählen zu gehen. Dann stellt sich heraus, dass er nur die türkische Staatsbürgerschaft besitzt und in Deutschland, trotz seiner Geburt und Sozialisierung in diesem Land, nicht wählen gehen darf.

Ein großer Verlust. In Deutschland leben mittlerweile drei Millionen türkeistämmige Menschen. Knapp die Hälfte davon sind türkische Staatsbürger. Ohne die Minderjährigen zu berücksichtigen, liegt meine Chance sowieso nur bei 50 Prozent, einen Interviewpartner zu finden. Ein kleiner Trost für bis jetzt gefühlte hundert Absagen.

Vor einem Shisha-Café sitzen sechs ältere Männer. Ich spreche sie auf Türkisch an. „Politik? Komm setz dich hin und wir legen los“, sagen sie auf Türkisch mit kurdischem Akzent. Ich mag den Klang, er hat für mich etwas Herzliches und zugleich Humorvolles. Ich fühle mich wie in Diyarbakir, da wollte ich immer schon mal hin.

„Jetzt geht’s los“, denke ich mir, sage Ihnen aber erst jetzt, dass es um die bevorstehenden Landtagswahlen in NRW geht – nicht um das Referendum in der Türkei. „Darüber können wir leider nichts sagen. Wir können weder wählen, noch wirklich Stellung beziehen.“ Ich bin traurig, ich hätte diesen Menschen den ganzen Tag lang zuhören können. Warum sind sie nicht Teil der politischen Diskussion in Deutschland geworden, in Nordrhein-Westfalen?

Miteinander fremdgehen

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Hüdaverdi Güngör, 73

Ich denke nach und suche Gründe. Meine Großeltern fallen mir ein. Obwohl mein Dede (Opa) das halbe Jahr in Deutschland lebt, bezieht er seine Informationen über Deutschland noch immer ausschließlich aus den türkischen Nachrichten. Um das zu verstehen, muss man zurück als mein Dede, der auch Hüdaverdi Güngör heißt, voller Hoffnung im Gepäck in den Zug stieg, um in Deutschland zu arbeiten. Die Gastarbeiter kamen meist aus den Dörfern der Türkei. Deutschland war ihnen fremd, sie waren fremd. Aber sie sollten ja auch nur einige Jahre die Zähne zusammenbeißen, schnell Geld machen und wieder abhauen.

Davon gingen sie aus und die Bundesrepublik ebenfalls. Mein Dede lebte in Wohnheimen, arbeitete hart, trug Narben davon, ständig auf Montage. Aber schließlich lohnte es sich für ihn und für dieses Land. Beiden geht es heute, Gott sei dank, gut.

Aber das Verhältnis zwischen Dede und Deutschland war zunächst nur eine Affäre auf Zeit. Beide legten keinen Wert darauf, sich auf eine Hochzeit vorzubereiten (sprich: auf eine feste Integration in die Gesellschaft, raus aus den Wohnheimen, Deutsch lernen). Irgendwann beschloss man doch, kurzfristig, hastig, ohne Vorbereitung zu heiraten, quasi über Nacht. Das Verhältnis wurde dennoch weiter wie eine Affäre geführt. Ich gebe keiner Seite die Schuld, aber ich gebe jedem die Schuld dafür, der nicht versucht, es zu ändern.

Und es ist die Verantwortung meiner Generation, zu vermitteln, eine Brücke zu sein zwischen den Kontinenten. Wir Deutsch-Türken kennen beide Seiten dieser Beziehung, beide Geschichten.

Frauen halten sich raus

Es sind zu viele Gedanken in meinem Kopf. Ich will im Café eine Shisha rauchen in der Hoffnung, dass die Gäste dort vielleicht zugänglicher sind. Ich rauche meine Pfeife, die Kellnerin diskutiert mit einem Freund über die kulturellen Unterschiede zwischen arabischen und türkischen Hochzeiten. Ich denke: „Dat is dat Ruhrgebiet, in seiner ganzen Vielfalt.“ Nach mir kommt aber leider kein anderer Gast.

Ich laufe die Münsterstraße runter und sehe vor einem Laden ein Wahlplakat des SPD-Landtagskandidaten Volkan Baran. Hier müssen sie sich doch für die Landtagswahlen interessieren, denke ich mir und begrüße die Männer im Laden. Aber: Das Wahlplakat hänge nur, weil Herr Baran ein guter Freund sei, sagen sie. Ich muss lächeln, das gefällt mir. Typisch türkisch.

Ernüchtert geht’s zurück in die Innenstadt, vorbei am Puff; wieder ein neugieriger Blick und im Kopf läuft dazu „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang. Deutsche fragen sich bestimmt, woher kennt der Türke das?

Meine Chance, auch mal eine Frau zu einem Interview zu überreden, versuche ich zu erhöhen, indem ich noch mehr anspreche. Ohne Erfolg. Vielleicht sollte ich das nächste mal einen Ehering am Finger haben! Vielleicht dachten einige, es wäre eine Anmache. Allerdings war es für mich schon 2014 in Bottrop ein Problem, Frauen mit ins politische Boot zu holen. Eine konnte ich damals überzeugen. Heute ist sie meine Freundin.

Wo Erdogan sie abholt

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CORRECTIV.Ruhr

Ab zum Markt in der City. Da muss ich hin, das lassen wir Türken uns doch nicht entgehen. Allerdings bauen die Händler schon ab. Ich suche den türkischen Klischee-Gemüsehändler, spreche aus Versehen einen Libanesen an, der sauer guckt.

Schließlich finde ich einen, und denke, Buschkowski, der ehemalige Berliner Bezirksbürgermeister, würde jetzte bestimmt sagen: „Neuköln ist überall.“ Ich störe den Händler, während er seinen Stand abbaut. Er lehnt erstmal ab, weil er türkischer Staatsbürger ist. Ich frage, wen er denn wählen würde, wenn er könnte?

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Er hat eine Gegenfrage: „Wen könnte man denn noch wählen, die SPD nutzt uns seit Jahren aus, tut nichts für uns, die Grünen sind sch… und die Linken sowieso am schlimmsten.“ – „Und die CDU?“, frage ich. Er antwortet: „AfD, ich verstehe die Deutschen, die AfD wählen, das wäre in keinem Land anders, wenn so viele fremde Menschen auf einmal kommen.“

Ich bin geschockt und sauer – nicht sauer auf ihn, er ist eigentlich ganz nett. Ich spreche ihn auf die türkische Politik an. Er sei für Erdogan, sagt er. Aber die AfD fahre doch einen Anti-Erdogan-, Anti-Türkei-Kurs, sage ich. Die AfD profitiere davon, dass die Bundesregierung in Sachen Erdogan nicht hart durchgreife. Ist er trotzdem für die AfD?

Nach kurzer Überlegung bestätigt er seine Entscheidung. Mission Failed. Ich will wissen, was ihm an Deutschland gefällt und was nicht. Er lobt Deutschland als Sozialstaat, aber er fühle sich als Bürger zweiter Klasse. Das wird der Punkt sein, an dem Erdogan ihn abholt.

Draußen vor der Diskotür

Es ist immer noch schwerer, mit einem türkischen Nachnamen einen Ausbildungsplatz zu finden als mit einem deutschen. Vor einigen Jahren wollte ich in eine Discothek, meine Freunde waren drin, ich stand vor den Türstehern. Eine der zwei Kanten checkte meinen Pass und fragte die andere Kante: „War der schon hier?“ Die verneinte. In dem Moment kam eine dritte Kante dazu, nahm meinen Pass und fragte mich „Sen türkmüsün?“ (Bist du Türke?). Ich dachte, das wäre meine Chance: „Evet abi sen?“ (Ja, Bruder und du?). Darauf folgte: „Dann wird es heute nichts.“

Erdogan gab den Türken in Deutschland mit einer Rede das Gefühl, dass sie immer noch ein Teil der Türkei sind. Dank ihm durften einige das erste mal überhaupt an einer Wahl teilnehmen. Er gewinnt dort, wo wir verkackt haben.

Immerhin sehe ich das Potenzial in den Menschen, auch etwas für dieses Land zu tun. Denn auch die dritte Generation wird von dem Heimatgefühl aus der Türkei beeinflusst, obwohl viele von ihnen deutsche Staatsbürger sind und in der Türkei nichts bewirken könnten. Diesen Menschen müssen wir klar machen: Wenn ihr mit eurem deutschen Pass wirklich Einfluss auf die Politik in der Türkei nehmen wollt, müsst ihr am besten Außenminister der Bundesrepublik Deutschlands werden!

Zum Beispiel: Mehmet

Ich stehe mittlerweile ordentlich unter Strom. Da stoße ich auf einen Stand der Grünen. Einem Mann sehe ich auch ohne Stand an, dass er Mitglied ist. Ich will diskutieren, streiten, Dampf ablassen. Ich spreche über die Türkei, und kritisiere, wieso führende Kräfte der Grünen die Deutsch-Türken abschrecken und sie in Richtung der türkischen Politik drängen, statt sie für dieses Land gewinnen?

Mir fällt ein, dass sich der Markthändler als Bürger zweiter Klasse sieht. „Wieso dürfen EU-Bürger alle in Deutschland wählen, aber nicht die türkischen Staatsbürger?“ Die plausiblen Antworten interessieren mich kaum, ich will nur halbwegs respektvoll meine schlechte Laune loswerden.

Ich finde es verlogen, wenn hier Kampagnen und Demonstrationen – egal ob pro oder contra Türkei – unterstützt werden: Wirklich ernst kann ich den Kampf für die Demokratie erst nehmen, wenn er auch dort stattfindet, wo die Presse nicht täglich darüber berichten kann, dort, wo deutsche Politiker keine potenziellen Wählerstimmen abgreifen können.

Die Lage ist verzwickt: zum Beispiel bei Mehmet. Frisch aus der Pubertät, weiß er als Deutsch-Türke nicht wirklich, wo seine Heimat ist. Aufgrund der Sozialisierung in Deutschland passt er gut nach Deutschland, fühlt sich jedoch nicht immer akzeptiert. Etwas ähnliches widerfährt ihm in der Türkei. Dort passt er zwar optisch zu den Menschen, aber er wird den Titel als „Almanci“ (Deutschländer) niemals los.

Dennoch beschließt er, sich als Türke zu fühlen und stolz auf das Land zu sein, in dem er jeden Sommer zwei Wochen Urlaub macht und in gebrochenem Türkisch mit den Kellnern redet. Er assoziiert das Land mit Sommer, Strand und Meer und vergisst dabei, dass es auch in der Türkei regnet.

Aber der Mensch träumt halt gerne. Mehmet kriegt dank Erdogans einfacher, aber auch durchaus klugen Rhetorik neues Selbstbewusstsein und entwickelt einen türkischen Nationalstolz. Und außerdem ist es ja zweifellos wesentlich spannender über Kurden, Putschversuch und Gülen zu diskutieren als über die Pkw-Maut in Deutschland.

Wir dürfen Mehmet und viele andere aber nicht ausgrenzen, sondern müssen ihnen eben klar machen, dass sie auf türkische Politik am meisten Einfluss nehmen können, wenn sie auf die deutsche Außenpolitik Einfluss nehmen.

Im Leid vereint

Überhaupt: Wir sollten den Schwerpunkt auf Dinge legen, die uns verbinden, statt uns zu trennen. Zu Zeiten der Proteste um den Gezi-Park waren binnen weniger Tage tausende Menschen auch auf deutschen Straßen. Und ich frage mich weiter, wieso wir es bisher nicht geschafft haben, eine große gemeinsame Demonstration für die NSU-Opfer und die Aufklärung zu starten. Das tut weh. Leid hat auch etwas Positives, es kann die Menschen vereinen. Daran müssen wir denken.

Mein Duell am Stand der Grünen endete übrigens unentschieden und mit neuen Facebook-Freundschaften.

Ich bin mit dir fertig, Dortmund und steige in die Bahn Richtung Bochum. Auf dem Weg denke ich nach und fühle mich abgefuckt. Mich interessiert nicht mehr, ob und warum die Deutsch-Türken wählen gehen oder nicht. Die Obdachlosen in der Innenstadt haben mich mehr interessiert, als das Thema, für das ich mich eigentlich mit großen Erwartungen auf den Weg begeben habe.

In Bochum fühle ich mich wohler, wie Bottrop nur größer. Am Erfolg meiner Umfrage ändert sich aber auch hier nichts. Ich stoße auf Desinteresse, aber das erste mal in meinem Leben auch auf einen Bodo-Verkäufer. Ich kaufe eine Ausgabe. Der Verkäufer hat lange Haare, Dreck unter den Fingernägeln, entspricht also voll unserem gesellschaftlichen Klischee vom Penner. Ich verwickle den sympathischen Mann in ein Gespräch, ich will mehr über ihn erfahren und insgeheim schinde ich auch Zeit – die Zeit, in der ich eigentlich Deutsch-Türken ansprechen wollte.

Kevin und Ali gegen Obdachlosigkeit

Ein tolles Gespräch und etliche Absagen später steige ich in die Bahn Richtung Duisburg. Verbessere meine Laune mit einer Kolumne von Martin Kaysh in der Bodo. Dort versuche ich es weiter – ohne Erfolg.

Schon den ganzen Tag habe ich nach einer Begründung dafür gesucht, dass so viele Leute keine Lust haben über Politik zu sprechen. Ich glaube, es ist einfach: Ich habe den Fehler gemacht habe, mich auf Deutsch-Türken zu fokussieren. Manfred und Kevin aus sozial schwachen Bezirken gehen genauso ungern und selten wählen und fühlen sich genauso wenig vertreten wie Mehmet und Ali aus Gelsenkirchen-Ückendorf. Dazu kommt, dass Manfred und Ali wahrscheinlich ähnliche Probleme durchmachen.

Wir sollten uns einfach gemeinsam auf dieses Land und die Probleme konzentrieren, die in dieser Gesellschaft bestehen. Wir müssen über unseren Schatten springen und wir dürfen von Ali nicht erwarten, dass er Integrationsarbeit leistet und deutscher wird als die Deutschen. Aber wieso sollen Ali und Kevin, Mehmet und Manfred nicht einfach mal auf ihre Unterschiede pfeifen und sich gemeinsam um Obdachlose kümmern?

Obdachlosigkeit finden nämlich beide nicht gut.

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Wir starten heute eine neue Videoserie. Unser Reporter Hüdaverdi Güngör trifft sich mit jungen Menschen aus dem Ruhrgebiet. Wir wollen wissen, was sie umtreibt, was sie vom Leben erwarten, was sie hier hält. Auf eine Shisha mit...

von David Schraven , Hüdaverdi Güngör

Wenn sich alle Welt mit Trump, Syrien und Erdogan beschäftigt, kann man leicht vergessen, dass wir eigene Sorgen haben, insbesondere im Ruhrgebiet.

Hier gibt es junge Menschen, die in ihr Leben starten. Die Chancen suchen, sich bilden, verlieben, nach oben streben. Die Montanindustrie bestimmt nicht mehr unser Leben. Was dann? Was bewegt diese Jugend? Wie spricht sie? Was denkt sie?

Wir glauben, hier gibt es einiges zu lernen. Wenn man sich Zeit nimmt. Zeit für ein Gespräch. Ruhe einkehren lässt; und einfach mal zuhört. Im kommenden Jahr sind Landtagswahlen. Und die Stimmen der Jugend sind die Stimmen der Zukunft.

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Unser Reporter Hüdaverdi Güngör nimmt sich die Zeit. Er lädt junge  Menschen auf eine Shisha ein. Und redet mit ihnen über das Ruhrgebiet, was sie erleben und denken. Er fragt sie danach, was sich ihrer Meinung nach ändern müsste.

Wir wollen nicht über junge Menschen im Ruhrgebiet reden, sondern mit jungen Menschen.

In der ersten Folge trifft sich Hüdaverdi mit Mehti, 18. Er macht grade Abitur und betreibt nebenher einen Imbiss, um Geld zu verdienen.

Wir werden etwa einmal in der Woche neue Folgen veröffentlichen.

Faktencheck

Minister Jäger wirbt für Blitzmarathon mit falschen Zahlen

Als im Jahr 2012 der Blitzmarathon gestartet wurde, war das erklärte Ziel, die Zahl der Verkehrstoten abzusenken. Nach einem Abgleich der Daten kommt der unvoreingenommene Betrachter allerdings zum Schluss: das Ziel wurde kaum erreicht. Der Blitzmarathon blieb über die vergangenen Jahre nahezu wirkungslos. Mehr noch: Das NRW-Innenministerium arbeitete in der Public Relation an einer zentralen Stelle mit einer falschen Zahl.

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von David Schraven , Hüdaverdi Güngör

Der erste Blitzmarathon fand im Februar 2012 statt. Damals sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), mit der Aktion sollten Todesfälle im Verkehr verhindert und Verletzte vermieden werden. „Wir nehmen die vielen Toten und Verletzten nicht hin“, sagte Jäger. Der Blitzmarathon war Teil der Kampagne „Brems Dich — rette Leben!“

Der erste Blitzmarathon war vor allem ein großer Public-Relation-Erfolg. Einen Tag lang wurden tausende Polizisten an über 1000 Kontrollstellen eingesetzt, um Blitzanlagen entlang möglichst vieler Stellen zu bedienen, und Raser zu blitzen. Minister Jäger sagte: „Die Menschen erkennen an, dass es hier nicht um Knöllchen geht, sondern um mehr Sicherheit im Straßenverkehr.“

In der Folge wurde der Blitzmarathon regelmäßig wiederholt, in anderen Bundesländern übernommen und auf das Bundesgebiet ausgedehnt. Ja, es gab sogar mindesten einen Europaweiten Blitzmarathon. Bei jeder Aktion konnten sich die beteiligten Innenminister öffentlichkeitswirksam im Bild als Kämpfer für Recht und Ordnung im Dienst einer guten Sache präsentieren.

Nach fast fünf Jahren ist es Zeit, eine Bilanz zu ziehen: Hat der Blitzmarathon etwas gebracht?

Die Zahl der Menschen, die aufgrund erhöhter Geschwindigkeit im Straßenverkehr gestorben sind, lag 2012 – dem Jahr des ersten Blitzmarathons – nach Angaben des Innenministeriums von Ralf Jäger (SPD) bei 159 Toten. Im Jahr 2015 – dem derzeit letzten Jahr, für das Zahlen vorliegen, bei 158 Toten. Im Jahr 2011, vor dem Blitzmarathon, habe die Zahl der Opfer bei 235 Toten gelegen, behauptet das Ministerium. Die Reduktion der Zahl der Toten sei unter anderem auf den Blitzmarathon zurückzuführen.

Fazit auf Basis dieser vom Ministerium vorgelegten Daten: Auf den ersten Blick könnte sich im ersten Blitzmarathon-Jahr etwas getan haben. Danach kaum noch.

Falsche Zahlen

Doch richtig spannend wird es erst, wenn man tiefer in die Materie eintaucht:

Das Innenministerium NRW veröffentlicht falsche Zahlen.

Nach Angaben des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste starben im Jahr 2012 genau 163 Menschen im Straßenverkehr aufgrund zu hoher Geschwindigkeit. Und im Jahr 2015 lag die Zahl bei 159 Toten.

Die offizielle Grafik des Landesamtes:


Verkehrstote in echt

Erklärung: VU – Verkehrsunfälle, GT – Getötete, agO – außerhalb geschlossener Ortschaften, BaB – Autobahnen, igO – innerhalb geschlossener Ortschaften


Im Februar 2016 verkaufte Innenminister Jäger im Rahmen einer Pressekonferenz seinen Blitzmarathon als großen Erfolg. Mit falschen Zahlen.

So legte Jäger Unterlagen vor, nach denen im Jahr 2013 genau 173 Toten aufgrund zu hoher Geschwindigkeit im Straßenverkehr gestorben seien. Eine Zahl, die sich im Jahr  2014 laut Jäger wiederholte, um dann im Jahr 2015 rapide auf 158 abzusinken.

Daten Innenministerium NRW

Man beachte das Jahr 2013. Angeblich gab es 173 Tote. Die Grafik wurde am 2. November 2016 vom Server des Innenministeriums heruntergeladen.


Nach Angaben des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste starben im Jahr 2013 jedoch nur 148 Menschen im Straßenverkehr aufgrund zu hoher Geschwindigkeit, um im Jahr 2014 auf 174 Opfer anzusteigen und im nächsten Jahr auf 159 Tote zu sinken. (siehe Grafik des Landesamtes oben)

Wir haben das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste auf die abweichenden Zahlen hingewiesen. Ein Sprecher sagte, die Zahl für das Jahr 2013 sei durch einen Fehler im Ministerium falsch verbreitet worden. Die richtige Zahl sei nicht die vom Ministerium veröffentlichte, sondern die eigene. Die Opferzahl liege bei 148.

Bei den anderen falschen Zahlen handele es sich um statistische Änderungen, die im Verlauf der Jahre nachgetragen – aber noch nicht vom Innenministerium übernommen worden wären. Die Daten stammen von 2013.

Im Klartext: Das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste sagt, Innenminister Jäger hat im Jahr 2016 seinen Blitzmarathon auf einer offiziellen Pressekonferenz mit falschen Zahlen als Erfolg verkauft.

Es geht weiter: Aufgeweckt von den falschen Daten wäre es nun beispielsweise interessant, die Zahlen der Toten im Jahr 2013 mit älteren Daten zu vergleichen. Also: mit der Zahl der tödlichen Unfallopfer aus den Jahren 2007, 2008, 2009 oder 2010 beispielsweise. Doch das ist nicht ohne weiteres möglich. Das Ministerium hat eine Grafik für die Jahre 2007 bis 2011 aus der Verkehrsunfallstatistik aus dem Internet gelöscht, die hier zu finden war.


Verkehrsstatistik gelöscht

Screenshot Polizei.NRW

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Screenshot Polizei.NRW


Auf Nachfrage teilt das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste mit, dass Daten vor 2011 nicht verfügbar seien, weil sie nicht vergleichbar wären. Zu viel habe sich geändert.

Als letzte verfügbare Zahl nennt das Ministerium also die Zahl von 235 Opfern im Jahr 2011. Von diesem hohen Sockel aus habe sich die Zahl der Verkehrstoten auf die schon genannten rund 160 Toten im Jahr reduziert. Dies sei nicht nur – aber auch – auf den Blitzmarathon zurückzuführen.

Veränderte Angaben

Das ist nicht die letzte Merkwürdigkeit.

Im Verlauf dieser Recherche haben sich Angaben des Ministeriums verändert. So wurde die falsche Zahl von 173 Toten im Jahr 2013 in der Grafik – während dieser Artikel geschrieben wurde – durch die fast korrekte Zahl von 150 Toten ersetzt. Allerdings hat das Ministerium die Kurve nicht der Zahl angepasst. Statt eines Absinkens der Zahl zeigt die Kurve einen Anstieg der Linie.

Falsche Kurve

Die Kurve der Toten zeigt die falsche Richtung. Im Jahr 2013 sollen 150 Opfer mehr sein als 159 Opfer. Die Grafik ist falsch. Die Datei wurde am 3. November von der Internetseite des Innenministeriums NRW heruntergeladen.


An anderer Stelle behauptet das Ministerium der Blitzmarathon werde seit 2010 durchgeführt. Tatsächlich gibt es ihn – wie gesagt – seit Februar 2012.

Innenminister Jäger jedenfalls ist vom Blitzmarathon weiter überzeugt. Im Februar 2016 sagte er: „Der Blitzmarathon wirkt.

Ob Zahlen und Angaben bewusste gefälscht wurden – oder ob das Innenministerium schlampt, wissen wir hier nicht. Auffallend ist allerdings, dass aus dem Innenministerium auch das Parlament vor wenigen Tagen falsch informiert wurde. Es ging dabei um einen angeblich starken Anstieg von Angriffen auf Polizeibeamte. Tatsächlich beruhte auch diese Angabe auf einer falschen Zahl.

+++ Update: Mittlerweile hat das Innenministerium erneut seine Angaben verändert. Nun ist eine Grafik mit fast richtigen Zahlen online. Zumindest zeigt die Kurve jetzt in die richtige Richtung +++

+++ Update 2: @Stepanito hat im Webarchiv eine alte Tabelle aus der Verkehrsunfallstatistik gefunden. Demnach ist die Zahl der Unfälle aufgrund hoher Geschwindigkeit schon deutlich vor dem Blitzmarathon zurückgegangen. +++

Unfallursache Geschwindigkeit


Unsere Wertung: vier von fünf Pinocchios für das Innenministerium von Ralf Jäger (SPD)


Mit Pinocchios bewerten wir den Wahrheitsgehalt einer offiziellen Aussage. Fünf Pinocchios stehen für das Maximum einer bewusste Falschmeldung. Ein Pinocchio bezeichnet eine leichtgewichtige Falschmeldung, die Menschen versehentlich in die Irre leitet. Drei Pinocchios stehen für eine grobe unwahre Aussage, die mehr oder weniger fahrlässig über offizielle Kanäle oder in Interviews wiederholt verbreitet wurde.