Politik

„Das ist Kanku“: Diese falsche Geschichte eines Jungen aus dem Kongo soll Stimmung gegen Elektroautos erzeugen

Ein Facebook-Beitrag erzählt die angebliche Geschichte eines Jungen aus dem Kongo, der täglich „zwölf Stunden für ein bis zwei Dollar am Tag in einer Kobaltmine“ arbeite. Weder ist die Geschichte echt, noch stammt sie von den Grünen.

von Till Eckert

KANKU COLLAGE (1)
Die Geschichte dieses Jungen zu dem Foto ist frei erfunden. (Screenshot: CORRECTIV)
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Größtenteils falsch. Die Geschichte des Jungen ist konstruiert – Hintergrund ist jedoch ein reales Problem mit Kinderarbeit im Kongo.

„Das ist Kanku“, so startet eine angebliche Geschichte über einen Jungen in einem Facebook-Beitrag vom 3. Juni. Er sei acht Jahre alt und arbeite täglich zwölf Stunden für ein bis zwei Dollar pro Tag in einer Kobaltmine im Kongo. „Mit etwas Glück (?) wird er das 30. Lebensjahr erreichen.“ Das Kobalt werde „nämlich ganz dringend“ für „die Elektroautos der Grünen-Wähler“ gebraucht.

Ein Facebook-Beitrag mit der erfundenen Geschichte des Jungen aus dem Kongo. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Beitrag ist mit einem Logo der Grünen versehen und wurde bisher mehr als 1.300 Mal auf Facebook geteilt.

„Kanku“? Die Hintergrundgeschichte des Jungen ist erfunden – das Bild ist acht Jahre alt

Durch das Logo wird suggeriert, es handele sich um ein Bild der Grünen. Das ist nicht der Fall, wie Grünen-Sprecher Simon Zunk CORRECTIV per Mail mitteilt: „Das auf Facebook gepostete Bild ist kein offizielles Sharepic von BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN.“

Woher stammt das Foto? Über eine Google-Bilderrückwärtssuche finden sich mehrere Artikel, bei denen das Foto des Jungens verwendet wurde, so unter anderem für einen Artikel der Webseite msn finanzen vom 27. April und einem Artikel der Webseite swissinfo.ch vom 16. April. Der Name „Kanku“ wird darin nicht erwähnt. Die Rechte des Fotos liegen bei der Bildagentur Laif, der Fotograf ist Meinrad Schade.

Fotograf Schade sagt CORRECTIV am Telefon: „Ich kann mich nicht daran erinnern, einen Namen oder Alter des Jungen notiert zu haben.“ Es sei auch nicht klar, ob er tatsächlich in einer Kobaltmine gearbeitet habe, auf dem Foto habe er lediglich Kobalterz gewaschen. Schade leitete CORRECTIV die Bildinformationen weiter, die er zum Bild angegeben hat: Das Foto ist demnach schon 2011 am Fluss Kamatanda bei Likasi im Kongo entstanden.

Die Bildinformationen, die Fotograf Meinrad Schade zu seinem Foto von 2011 angab. (Quelle: Meinrad Schade / Screenshot: CORRECTIV)

Der Hintergrund, der offenbar zu dem Facebook-Beitrag führte, ist ein reales Problem: im Kongo arbeiten laut der Berichte des UN-Kinderhilfswerks Unicef, verschiedener Menschenrechtsorganisationen (Amnesty International; Aktiv gegen Kinderarbeit) und Medien tatsächlich zehntausende Kinder im Kobaltabbau, unter schlechten Bedingungen und geringem Lohn. Die Behauptung aus dem Facebook-Beitrag, der Junge arbeite „täglich zwölf Stunden für ein bis zwei Dollar pro Tag“ wurde offenbar einer Passage aus einem Amnesty-International-Bericht von 2016 entnommen:

Aus einem Amnesty-International-Bericht von 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Geschichte des Jungen ist demnach anhand eines alten Fotos und Informationen von Menschenrechtsorganisationen konstruiert.

Zusammenhang mit Elektroautos?

Im Facebook-Post wird außerdem behauptet, das Kobalt werde für den Bau von Elektroautos gebraucht. Laut Recherchen des NDR, dem eine bisher unveröffentlichte Studie der Deutschen Rohstoffagentur vorliege, werde die deutsche Autoindustrie für den Bau von Elektroautos tatsächlich zunehmend abhängig von Kobalt aus dem Kongo. „Wer Kobalt will, kommt am Kongo nicht vorbei“, sagte Siyamend Al Barazi, Autor der Studie, dem NDR. Ohne den Kongo sei die weltweite E-Mobilität nicht zu realisieren.

Doch dass nur Elektroautos Kobalt benötigen, vereinfacht die Situation: Kobalt wird zum Beispiel auch für die Herstellung von Smartphones verwendet.