Wirtschaft und Umwelt

Nein, die Nasa glaubt nicht, dass der Klimawandel allein durch „Veränderungen der Erdumlaufbahn“ verursacht wird

In einem zehntausendfach geteilten Artikel wird behauptet, die Nasa gehe davon aus, dass der Klimawandel nicht menschengemacht sei, sondern durch sogenannte Milanković-Zyklen entstehe. Das stimmt nicht – die US-Weltraumbehörde schätzt den menschlichen Einfluss höher ein.

von Till Eckert

INTERNATIONAL SPACE STATION (ISS) POST STS-120 MISSION
Die US-Weltraumbehörde Nasa schätzt den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel höher ein als natürliche Faktoren. (Symbolbild der internationalen Raumstation ISS aus dem Jahr 2007: Nasa)
Bewertung
Falsch. Die Nasa nennt die Milanković-Zyklen zwar als einen natürlich Grund für die Erderwärmung, schätzt den menschlichen Einfluss aber höher ein.

Hat die Nasa herausgefunden, dass der Klimawandel nicht menschengemacht, sondern durch „Veränderungen in der Umlaufbahn der Erde um die Sonne und Veränderungen der Axialneigung verursacht“ wird? Das zumindest wird in einem Artikel der Webseite Transinformation vom 21. September behauptet, der bisher mehr als 19.000 Mal auf Facebook geteilt wurde. 

Der Artikel auf der Webseite „Transinformation“. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Nasa habe schon 1958 erstmals „beobachtet“, dass Veränderungen der Sonnenumlaufbahn der Erde sowie in der Axialneigung der Erde für die Erderwärmung verantwortlich seien, nicht die Menschen, schreiben die Autoren des Artikels. 1958 ist das Gründungsjahr der Behörde. Die Nasa wisse das also seit „mehr als 60 Jahren“, habe sich aber dazu entschieden, „den Schwindel der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung zu verbreiten und bestehen zu lassen“.

Als angeblicher Beweis dafür wird ein Artikel über die sogenannten Milanković-Zyklen genannt, welchen die Nasa im Jahr 2000 in ihrem Online-Magazin Earth Observatory veröffentlichte.


Bei dem Artikel von Transinformation handelt es sich um eine wörtliche Übersetzung eines Artikel der US-amerikanischen Webseite Natural News vom 30. August, der laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 264.000 Mal auf Facebook geteilt wurde. Unsere Faktencheck-Kollegen von Snopes haben diesen Text bereits geprüft. Ihr Ergebnis: Die Behauptungen sind falsch. 

Wir haben das Thema ebenfalls recherchiert und ein Statement der Nasa dazu eingeholt.

Was sagt die Nasa zu den Behauptungen in dem Artikel?

CORRECTIV kontaktierte die NASA zu dem Artikel von Transinformation. Steve Cole, ein Sprecher der Nasa, verweist in seiner Antwort auf einen aktuellen Bericht zu natürlichen Klimafaktoren des U.S. Global Change Research Program. Die Nasa wirke an diesen Berichten mit und unterstütze die Ergebnisse.

Die Antwort-E-Mail der Nasa auf CORRECTIV-Anfrage. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Bericht steht (unter Punkt 2.3), dass zu den „wichtigen Klimafaktoren im Industriezeitalter“ sowohl menschliche Aktivitäten gehören, als auch „in geringerem Maße“ solche natürlichen Ursprungs. „Die einzigen wesentlichen natürlichen Klimafaktoren im Industriezeitalter sind Veränderungen der Sonneneinstrahlung, Vulkanausbrüche und die El-Niño-Southern-Oscillation.“ Es gäbe laut des Berichts weitere „Treiber“ natürlichen Ursprungs, die auf längeren Zeitskalen arbeiten würden; darunter die Milanković-Zyklen oder „Veränderungen im atmosphärischen CO2 durch chemische Verwitterung des Gesteins“. 

Aus einem aktuellen Bericht des U.S. Global Change Research Program, an dem die Nasa mitwirkt. (Screenshot: CORRECTIV)

Cole verweist außerdem auf eine Webseite, auf der die Nasa über die Gründe für den Klimawandel schreibt. Darin steht unter anderem: „In seinem fünften Bewertungsbericht kam das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), eine Gruppe von 1.300 unabhängigen wissenschaftlichen Experten aus Ländern der ganzen Welt unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen, zu dem Schluss, dass es eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent gibt, dass menschliche Aktivitäten in den letzten 50 Jahren unseren Planeten erwärmt haben.“

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Die Nasa geht also nicht davon aus, dass „Veränderungen der Umlaufbahn“ oder die Milanković-Zyklen allein verantwortlich für den Klimawandel seien und der Mensch keinen Einfluss darauf nehme. Die Weltraumbehörde definiert im Gegenteil mehrere Gründe für den Klimawandel und nennt die Zyklen als einen davon – sie seien jedoch in einem geringeren Maße für die Veränderung des Klimas verantwortlich als etwa von Menschen emittierte Treibhausgase.

Was sind die Milanković-Zyklen? 

In einem Studienprojekt des Fachbereichs Geowissenschaften der Universität Bremen in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie werden die Milanković-Zyklen „neben der Drehung der Erde um sich selbst (Tag und Nacht) und der Rotation um die Sonne (Jahreszeiten)“ als „drei weitere Kreisläufe, die die Temperatur beeinflussen und dadurch das Klima verändern“ erklärt (PDF). Dabei gehe es darum, wie schräg oder gerade die Erdachse während ihres Kreislaufs um die Sonne steht, in welchem Winkel die Erdachse geneigt ist, und welche Form die Umlaufbahn hat (eher rund oder eher elliptisch).

Eine Beschreibung der Milanković-Zyklen von der Universität Bremen. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese drei Zyklen führen in Kombination dazu, dass die Sonneneinstrahlung in verschiedenen Winkeln auf die Erde trifft, was zu Veränderungen der Temperatur auf der Erde führt. 

Die Milanković-Zyklen dauern jedoch 25.000 bis 100.000 Jahre, geschehen also viel langsamer als die aktuelle Klimaerwärmung, die durch von Menschen emittiertes CO2 verursacht wird (hier eine Erklärung dazu in einem unserer Faktenchecks). Die Forscher der Universität Bremen schreiben: „Definitive Klimaprognosen kann man nicht allein auf diesen Zyklen aufbauen.“ Die Sonneneinstrahlung auf die Erde sei seit 1980 zurückgegangen – die Temperatur aber angestiegen. Und: „Momentan wird die Umlaufbahn der Erde kreisförmiger und ist auf dem besten Wege zu einer Eiszeit.“

Wir leben derzeit in einem Eiszeitalter. Die Faktenchecker von Snopes verweisen  auf Ergebnisse einer Studie, die 2016 im Wissenschafts-Magazin Nature erschienen ist. Ihr zufolge könnte uns die derzeitige Umlaufbahn-Anordnung weitere 50.000 Jahre in der aktuellen Interglazial-Periode halten – einer Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters. Nach Ansicht der Forscher könnten CO2-Emissionen die nächste Kaltzeit um 100.000 Jahre verschieben. Snopes schreibt: „In anderen Worten: Die schnellen Temperaturanstiege, die derzeit auf menschlicher Zeitskala beobachtet werden, können nicht durch Milanković-Zyklen erklärt werden.“

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