Spionage an deutschen Hochschulen: Das Playbook der China-Agenten
Fünfstellige Geldbeträge, wochenlange Reisen: Neue Details zeigen, wie die mutmaßliche Spionin Hua S. deutsche Forschende nach China lockte. Sie trat nach CORRECTIV-Recherchen als Vermittlerin auf und nannte sich „Anja“.
Die E-Mail an den Professor liest sich harmlos. Eine Frau, die sich „Anja“ nennt, lädt ihn als „qualifizierten Experten für eine Zusammenarbeit (z.B. Vorträge, On-Site-Coaching, Austausch etc.) nach China“ ein. Sie schreibt im Namen eines Berliner Automobilvereins mit der „langjährigen Erfahrungen bei der Koordination der internationalen Kooperationen zwischen deutschen und chinesischen Firmen und Forschungsinstituten“.
Es ist eine Nachricht, wie sie in den vergangenen Jahren viele Forschende in Deutschland erhalten haben dürften. Mittlerweile ist klar: Sie kam von einer mutmaßlichen Spionin. Anja heißt eigentlich Hua S. – und sie wurde kürzlich gemeinsam mit ihrem Ehemann Xuejun C. festgenommen.
Das Duo soll Wissenschaftler unter falschem Vorwand nach China gelockt haben, wo diese dann Vorträge vor Rüstungsunternehmern hielten. Mehrere Forscher sollen auf die Masche hereingefallen sein. Jetzt liegen CORRECTIV E-Mail-Auszüge vor, die neue Details zum brisanten Spionage-Fall offenbaren.

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So bot Hua S. den Forschenden unter ihrem Alias fünfstellige Beträge und eine wochenlange Reise mit Vollpension für die Vorträge an – gesponsert vom „Gastgeber“.
Bei diesem Gastgeber handelt es sich laut der E-Mail von Hua S. ausgerechnet um die chinesische State Administration of Foreign Experts Affairs (SAFEA): Die Behörde stand in der Vergangenheit schon einmal im Fokus von Spionage-Ermittlungen.
Die mutmaßlichen Spione handelten im Auftrag einer chinesischen Behörde, die berüchtigte Talent-Programme koordiniert
In den frühen Nullerjahren sollen in den USA zwei Personen im Auftrag der SAFEA-Behörde den Ingenieur Noshir Gowadia angeworben haben. Dieser hatte einen US-amerikanischen Tarnkappenbomber mitentwickelt. Gowadia soll sensible Informationen zu dem Flugzeug weitergegeben haben. Er wurde 2011 wegen Spionage zu 32 Jahren Haft verurteilt.
Auch im aktuellen Fall waren die mutmaßlichen Spione offenbar an militärisch verwertbarer Hochtechnologie interessiert. CORRECTIV berichtete kürzlich, dass sie es unter anderem auf Wissen über Aufklärungsdrohnen abgesehen haben – solche Geräte stehen bei Militärs weltweit derzeit hoch im Kurs.
Das SAFEA ist für die berüchtigten chinesischen Talent-Programme zuständig. Der deutsche Verfassungsschutz oder das US-amerikanische FBI stufen solche schon seit Jahren hauptsächlich als Spionagewerkzeug des chinesischen Regimes ein.
Trotzdem sollen gleich neun Forscher in acht deutschen Hochschulen den fragwürdigen Angebote des mutmaßlichen Agenten-Ehepaares aufgesessen sein. Sie werden im Verfahren gegen die möglichen Spione als Zeugen geführt.
Mutmaßliches Agenten-Ehepaar ist in Netzwerk aus Tarnvereinen und -firmen eingebettet
China hat in den vergangenen Jahren ein ganzes Spionagenetz über Deutschland ausgerollt: Die kürzlich verhafteten Eheleute sind nach CORRECTIV-Recherchen eingebettet in ein Netzwerk aus Tarnvereinen und -firmen, die hierzulande sogenannte „Talente“ anwerben sollen.
Die Lockmittel solcher Firmen reichen von hohen Geldsummen bis hin zu Autos, nach eigenen Wünschen eingerichtete Wohnungen in China, Übersetzern, bevorzugte Behandlung von Kindern in Schulen und mehr. „So etwas bekommen gute Professoren quasi täglich“, sagt ein Insider, der sich an Hochschulen mit Sicherheitsfragen beschäftigt und mit dem Sachverhalt vertraut ist. „Das ist kein neues Muster.“
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Der Verein, unter dem Hua S. als „Anja“ die Forschenden nach China lockte, nennt sich „Verein chinesischer Automobilingenieure in Deutschland (VECA)“. Eingetragen war dieser seit 2011 in Berlin. 2021 wurde er zunächst aufgelöst. Aktiv war er danach aber offenbar weiterhin: Im Jahr 2024 trat der Vorstand in seinem Namen auf einer Konferenz in China auf.
VECA ist wiederum Teil eines größeren Netzwerks verschiedener chinesischer Vereine in mehreren Ländern. Gemeinsam veranstalteten sie noch 2025 ein Online-Event.
Professoren in Deutschland können frei entscheiden, wen sie einstellen, mit wem sie kooperieren und wo sie auftreten. Ab 2027 sollen sie vom Forschungsministerium verstärkt zu Risiken beraten werden.
Redaktion: Alexej Hock, Martin Murphy
Faktencheck: Alexej Hock
Mitarbeit: Max Bernhard
