Nach dem Fund mit Sprengstoff beladener Drohnen am Leipziger Flughafen Anfang August hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angekündigt, die Urheber des Angriffs „werden dafür bezahlen“. Am Dienstagnachmittag verkündete die Bundesregierung den Adressaten – und den Preis.
Hinter dem Anschlagsversuch soll ein russischer Geheimdienst stehen. Als Signal nach Moskau wurde ein Vertrag für das Russische Haus gekündigt und das Generalkonsulat in Bonn geschlossen. Nach Informationen von CORRECTIV sollen die Diplomaten an beiden Standorten das Land verlassen. Zudem soll auf die russische Schattenflotte der „Druck erhöht“ werden.
Es ist eine Verschärfung von Sanktionen: Erneut wird das diplomatische Korps der Russischen Föderation ausgedünnt. Bestehende Sanktionen gegen die Schattenflotte sollen offenbar besser kontrolliert werden.
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Ob man der zunehmenden Aggression aus Moskau damit jedoch wirklich „angemessen“ entgegen tritt, wie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Außenminister Johann Wadephul (CSU) am Dienstag verkündeten, wird zunehmend bezweifelt – auch innerhalb der Bundesregierung.
Das Vorgehen rund um einen angeblichen „Aktionsplan“ des Nationalen Sicherheitsrats wirft Fragen darüber auf, ob der Ernst der Lage vollumfänglich erfasst wird.
Ist das noch „hybrid“? Russische Angriffe gegen Deutschland kommen mit Ansage
Angesichts der Frequenz und der neuen Qualität der Angriffe ist auch fraglich, ob die Beschreibung von Russlands Aktivitäten als „hybrid“ noch passend ist. Denn die hybride Kriegsführung ist Teil der russischen Militärdoktrin.
Es geht darum, einen Gegner so frühzeitig anzugehen, dass der darauffolgende rein militärische Angriff erfolgreich sein wird oder im günstigsten Fall gar nicht mehr erforderlich ist. Zu ihren Eigenschaften gehört, dass eine klare Zuweisung schwer, spät oder gar nicht erfolgen kann.
Die jüngsten Vorfälle – darunter der versuchte Anschlag auf den Leipziger Flughafen – erfolgten jedoch mit Ansage.
Diese Vorfälle der jüngeren Vergangenheit deuten auf eine neue Qualität der Angriffe gegen Deutschland hin
Mitte April hat die bayerische Polizei ein Auto mit lettischem Kennzeichen bei einer Verkehrskontrolle durchsucht. Darin: Eine Drohne, GPS-Tracker, Mini-Kameras, Funkgeräte und gefälschte Pässe. Gegen die zwei Insassen, einen Ukrainer und einen Letten, wird wegen „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken“ ermittelt.
Anfang August wurde in Thüringen ein Ukrainer festgenommen, der das Gelände eines bayerischen Rüstungsunternehmens fotografiert haben soll. Die Ermittler vermuten dahinter Vorbereitungen für Sabotage.
Mitte August nahmen Behörden in Lettland drei Staatsbürger wegen des Verdachts fest, einen Brandanschlag auf das estnische Rüstungsunternehmen „Milrem Robotics“ verüben zu wollen.
Ende August war in der Fabrik „WB Electronics“ südlich von Warschau ein Feuer ausgebrochen. Es gebe keine Zweifel, dass es sich um gezielte Brandstiftung gehandelt habe, sagte Regierungschef Donald Tusk am Mittwoch.
In den vergangenen zwei Tagen kamen Sabotage-Akte gegen Umspannwerke in Turnow-Preilack in Brandenburg und in Bergheim in Nordrhein-Westfalen hinzu. Die Ermittlungen stehen noch am Anfang.
Im April hatte das russische Verteidigungsministerium auf seiner Internetseite eine Liste mit 21 Unternehmen veröffentlicht, die in Europa an der Produktion von Drohnen für die Ukraine beteiligt sein sollen. Für das Ministerium ist demnach auch Deutschland „strategisches Hinterland der Ukraine“. Der frühere russische Premier Dmitrij Medwedjew sprach gar von einer „Liste potenzieller Ziele für die russischen Streitkräfte”.
Nachdem Großbritannien Ende August bekannt gegeben hatte, Baupläne für in Großbritannien hergestellte Komponenten von Marschflugkörpern an die Ukraine zu geben, erklärte ein ehemaliger stellvertretender russischer Außenminister, es könne zu einer „halbmilitärischen“ Reaktion „unbekannter Quellen“ gegen britische Drohnenfabriken kommen.
Angriffe wie in Leipzig, aber auch andere Attacken der vergangenen Monate im europäischen Ausland, werden inzwischen schnell Russland zugeschrieben. Auch seine Pläne sind längst bekannt: Rüstungsunternehmen „besonders mit Beziehungen zur Ukraine“ stünden „auch in Deutschland im Fokus russischer Geheimdienste“, teilte das Bundesamt für Verfassungsschutz CORRECTIV im April mit.
Bereits vor zwei Jahren, als die Gefahr der Ausspähung durch russische Drohnen und Schiffe in der Ostsee in den Medien verstärkt thematisiert wurde, war das Urteil in Sicherheitskreisen klar. Die Ausspähung – etwa durch Drohnenüberflüge, wie sie in den vergangenen Jahren massenhaft stattfanden – hat nur einen Zweck: die Vorbereitung auf einen scharfen Angriff.
Russland hat womöglich inzwischen einen Gang höher geschaltet.
Vorgehen gegen hybride Attacken: Mit „Wunschlisten“ an der strategischen Realität vorbei
Deutschland ist nach den bisherigen Erkenntnissen mittlerweile von einem strategischen und kombinierten Angriffsmuster aus Russland betroffen: Informationsmanipulation, Ausspähoperationen, und zunehmend konkrete physische Sabotageversuche wie kürzlich in Leipzig kommen zusammen.
Die neuen Maßnahmen, die Alexander Dobrindt und Johann Wadephul am Dienstagabend vorstellten, gehen Experten und selbst mit dem Thema betrauten Mitarbeitenden im Innenministerium nahe des Berliner Hauptbahnhofs deshalb nicht weit genug.
Neben der weiteren Unterstützung der Ukraine nannte die Bundesregierung fünf konkrete Konsequenzen:
- Das russische Generalkonsulat in Bonn soll bis zum 18. September geschlossen werden.
- Der Vertrag mit dem Russischen Haus in Berlin soll gekündigt werden.
- Die Einreisekontrollen für russische Staatsangehörige sollen verschärft werden.
- Wadephul bestellte den russischen Botschafter ein.
- Der Druck auf die russische Schattenflotte soll erhöht werden.
Dobrindt sprach am Dienstag vor Pressevertretern auch von einem „Aktionsplan des Nationalen Sicherheitsrats“. Darauf aufbauend seien bereits Maßnahmen zum Schutz vor hybriden Bedrohungen umgesetzt worden.
Der Innenminister sieht hierfür die Einrichtung des gemeinsamen Abwehrzentrums Hybrid, die Umsetzung des Luftsicherheitsgesetzes, der Aufbau der Drohnenabwehreinheit bei der Bundespolizei und das neue Cybersicherheitsgesetz. Auch die Weiterentwicklung der Nachrichtendienste hin zu einem „echten Geheimdienst“ gehörten dazu.
Insgesamt klingt das nach einem durchdachten Plan: Doch hinter den Kulissen führt genau dieser „Aktionsplan“ seit Monaten für Ärger.
Der neue Nationale Sicherheitsrat hatte diesen nach seiner ersten Sitzung im vergangenen Dezember verabschiedet, so zumindest teilte es die Bundesregierung mit. Die Mitteilung sorgte nach CORRECTIV-Informationen für Kopfschütteln in den zuständigen Abteilungen des Ministeriums. Der Vorwurf: Man agiere an der strategischen Realität vorbei und erfasse die Problemlage nicht.
Denn bei dem Aktionsplan soll es sich lediglich um eine Art geteiltes Google-Dokument handeln, das intern von manchen als „Wunschliste“ bezeichnet wird. Die Ressorts sollten demnach jeweils eintragen, was sie sich an Maßnahmen vorstellen können. Eine kohärente Strategie, Zuständigkeiten, Finanzierungen oder Deadlines beinhaltete die Liste aber auch über ein halbes Jahr später noch nicht, wie CORRECTIV aus dem Ministerium berichtet wird.
Dabei lägen solche aus den beteiligten Referaten des Ministeriums längst vor. Im sogenannten „Stab KH“ unter der Verantwortung des Ministerialdirektors Hans Dietz entsteht offenbar seit knapp zwei Jahren eine tatsächliche, umfassende Strategie.
Im Juni 2025 übte die Innenministerkonferenz diesbezüglich noch einmal Druck aus: Deutschland sei hybriden Angriffen gegenüber nicht ausreichend gewappnet, es brauche dringend mehr Engagement und Steuerung aus dem Dobrindt-Ministerium. Es geht dabei vor allem um Gelder und eine länderübergreifende Koordinierung.
Doch der länderübergreifende Maßnahmenkatalog, den die Ministerialmitarbeitenden in den zuständigen Referaten erarbeiteten, wurde nach CORRECTIV-Informationen bis zum heutigen Tag nicht gebilligt. Diesen Freitag und Mitte September soll es zum Thema Sitzungen geben.
Ein mit allen Beteiligten abgestimmtes Vorgehen gegen die russischen Angriffe sieht anders aus.
Experten fordern stärkere Abschreckung
Auch laut Jan Stöckmann von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) im Interview mit dem ZDF fehlt es weiterhin an einem strategischen Abwehransatz. Stöckmann veröffentlichte mit weiteren Expertinnen und Experten vor einigen Wochen ein Konzeptpapier, in dem er für einen stärkere Abschreckung plädiert.
Die Expertenrunde des Thinktanks schlägt eine asymmetrische Reaktion vor: gezielte Sanktionen, Cyberattacken und Geheimdienstoperationen sowie das Einfrieren von Geldern oder die Beschlagnahmung von Schiffen der sogenannten russischen Schattenflotte. Das sind Schiffe, die im Verborgenen Sanktionen umgehen sollen.
Der Druck auf die Schattenflotte soll laut der Bundesregierung jetzt zwar erhöht werden. Wie genau das aussehen soll, bleibt aber weiterhin offen. Die bisherigen Sanktionen gegen die Schiffe zeigen offensichtlich nur wenig Wirkung.
Allein in den vergangenen drei Tagen passierten laut Schiffstrackern 15 sanktionierte Tanker die Bundesrepublik. Drei von ihnen streiften kurzzeitig deutsches Gewässer.
Redigatur und Faktencheck: Martin Böhmer