Kirchenlied und investigative Recherche

Erstes Kirchenlied zu Missbrauch: „Der Vorhang zerreißt“

CORRECTIV veröffentlicht gemeinsam mit der Kölner Band Ruhama das Kirchenlied „Der Vorhang zerreißt“. Es ist nach unserer Kenntnis das erste Kirchenlied, das sexuellen Missbrauch selbst zum Gegenstand hat – menschlich wie theologisch. Es ist ganz sicher das erste Mal, dass eine investigative Recherche als Kirchenlied erscheint.

von Jean Peters

Standbild Der Vorhang zerreisst
Screenshot des Musikvideos von „Der Vorhang zerreist“ der Band Ruhama

Zwei Männer haben es geschrieben: ein Theologieethiker und ein Strafrichter. Gespielt wird „Der Vorhang zerreißt“ von einer Kölner Band. Es ist gedacht zum Singen — in Gemeinden, in Gottesdiensten, in Andachten. Wer es übernehmen möchte, ist eingeladen.

Das Lied entstand als Reaktion auf die CORRECTIV-Recherche „Akten des Missbrauchs“ vom 19. März 2026. Wir laden alle Gemeinden ein, die Noten hier herunterzuladen. Die Band Ruhama lädt dazu ein, sich mit dem Text auseinanderzusetzen und es zum eigenen Lied gegen Missbrauch und Vertuschung zu machen.

Die Recherche

Ausgangspunkt des Liedes ist die CORRECTIV-Recherche „Akten des Missbrauchs“ von Anna Kassin und Marcus Bensmann. Über zwei Jahre hat das Team weltweit Briefwechsel zwischen Bistümern und dem Vatikan zusammengetragen – aus Deutschland, Italien, Portugal, den USA, Kolumbien, Australien und Österreich. Die Dokumente zeigen, dass die Leitung der katholischen Kirche schwere Sexualstraftaten an Kindern seit mindestens hundert Jahren systematisch erfasst, mit Protokollnummern in vertraulichen Archiven verwaltet und gegenüber den Strafverfolgungsbehörden geheim gehalten hat. Eine zentrale Rolle spielte dabei Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., zunächst als Erzbischof von München und Freising, später als Präfekt der Glaubenskongregation. Die Recherche erschien bereits als Buch, als Kinofilm und – auf Basis derselben Quellen – als Theaterabend „Das Schweigen des Heiligen Vaters“ am Schauspiel Köln in der Regie von Kay Voges.

Ein Lied mit theologischen Hintergrund 

Text und Komposition stammen von zwei Autoren, die sich mit dem Thema seit Jahren wissenschaftlich und beruflich auseinandersetzen. Den Text hat Thomas Laubach (Weißer) geschrieben, Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Vorsitzender der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Bamberg. Die Musik hat Thomas Quast komponiert, Vorsitzender Richter am Landgericht Köln. Quast verhandelt als Strafrichter auch Missbrauchsfälle und ist mit den Missbrauchs-Gutachten im Erzbistum Köln vertraut. 

„In Deutschland gibt es eine kirchliche und kulturelle Szene, die mit neuen Liedern in der Sprache unserer Zeit von Gott und der Welt erzählt; in dieser Tradition und in diesem Kontext steht das Lied.“ sagt Thomas Quast gegenüber CORRECTIV. „Der biblischer Bezug – der Vorhang im Tempel, der im Moment des Todes Jesu zerreißt (Markusevangelium 15,38; Matthäusevangelium 27,51; Lukasevangelium 23,44–46) – steht hier für mehr als das Aufbrechen des Schweigens: Der Vorhang trennte im Tempel den heiligsten Innenraum ab, den nur der Hohepriester betreten durfte (2. Buch Mose 26,31 ff.).“ Was zerreißt, sei also nicht nur ein Tabu, sondern die Mauer um den geschützten Sakralraum selbst. 

Innerhalb der christlichen Musikszene Deutschlands wird seit einigen Jahren über den Umgang mit Werken diskutiert, deren Verfasser des sexuellen Missbrauchs verdächtig (oder überführt) sind. Komponist Quast ist Geschäftsführer eines Arbeitskreises im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum Köln, der zum Umgang mit Werken von des Missbrauchs verdächtigen Personen in der katholischen Kirche ein Orientierungspapier erarbeitet hat.

Auf einer Fachtagung des Verbandes für Christliche Popularmusik in Deutschland (VCPD) haben Laubach und Quast im Jahr 2024 Fachbeiträge gehalten, wie man mit Kirchenliedern umgehen kann, die von Missbrauchstätern stammen. Die vorläufige Haltung der beteiligten Fachleute: Solange Betroffene noch leben können, hat ihr Schutz vor Retraumatisierung Vorrang: Solche Lieder bzw. Liedanteile sollten nicht mehr gedruckt und nicht mehr gesungen werden. Als Orientierung dient eine Frist von 70 Jahren nach dem Tod des Täters – die Zeitlinie, die parallel auch das Urheberrecht zieht. Zugleich sei generell zu überlegen, ob solche Lieder überhaupt noch publiziert und gesungen werden sollten. Denn Lieder von Missbrauchstätern stellten die Frage, wie glaubwürdig ein Glaube ist, der sich zwar in besonderer Weise dem Schutz von Schutzbedürftigen verpflichtet sieht, aber oft genug nicht danach handelt.

Der Liedtext wurde vor der Veröffentlichung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Bamberg vorgelegt. Die Kommission hat ihn ausdrücklich begrüßt.

Premiere und Filmvorführung

Wir veröffentlichen das Lied im Rahmen des 103. Deutschen Katholikentages in Würzburg (13.–17. Mai 2026). Ruhama spielt das Lied erstmals öffentlich am Donnerstag, 14. Mai, gegen 16.30 Uhr auf der Bühne „Unterer Markt“ beim Katholikentag in Würzburg.

Am Samstag, 16. Mai, zeigt CORRECTIV in Würzburg den Kinofilm zur Recherche: Im Kino Central im Bürgerbräu, 18:30 Uhr.

Einladung an die Gemeinden

Wir laden alle Kirchen und Gemeinden – konfessionsübergreifend – ein, „Der Vorhang zerreißt“ in ihren Gottesdiensten, Andachten und Veranstaltungen zu singen. Noten und Text stehen unter correctiv.org/kirchenlied sowie bei ruhama.de zur Verfügung.

Über Rückmeldungen aus den Gemeinden freuen wir uns: hannah.staehle@correctiv.org.

Credits: „Der Vorhang zerreißt“ – Text: Thomas Laubach. Musik: Thomas Quast. Rechte: tvd-Verlag Düsseldorf. Das RUHAMA Trio Köln: Andrea Hommelsheim – Gesang, Michael Lätsch – E-Gitarre, Gesang, Thomas Quast – Piano, Gesang sowie Gregor Lepping – E-Bass, Recording/Mixing, Konstantin Sippl – Drumset. Alle Rechte: tvd-Verlag Düsseldorf 2026

Hilfe für Betroffene

Wenn Sie sexualisierte Gewalt erfahren haben, können Sie sich zum Beispiel an das „Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch“ wenden:  0800 22 55 530. 

Telefonzeiten: Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr sowie Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr.

Eine ausführliche Liste mit weiteren Hilfsangeboten deutschland- und weltweit finden Sie hier: Weitere Hilfsangebote