Umweltverbrechen in NRW

Schadstoffbelastete Böden: Anklage gegen Müll-Makler

Durchbruch bei Ermittlungen zu schadstoffbelasteten Böden in NRW: Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat einen Verdächtigen angeklagt. Nach CORRECTIV-Informationen handelt es sich um einen Müll-Makler, der schon in einen früheren Skandal um giftige Ölpellets verwickelt war.

von Michael Billig

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Schadstoffbelasteter Boden in Selfkant an der niederländischen Grenze. Foto: Michael Billig

Seit mehr als anderthalb Jahren laufen Ermittlungen gegen mehrere Entsorgungs-, Transport- und Baufirmen in Nordrhein-Westfalen. Sie sollen Teil eines kriminellen Netzwerkes sein, das im großen Stil belasteten Boden und andere Abfälle illegal entsorgt hat. Mehrere Orte sollen betroffen sein, darunter der Tagebau Garzweiler.

Die zuständige Zentralstelle für die Verfolgung von Umweltkriminalität in NRW hat jetzt einen ersten Verdächtigen angeklagt. Nach Recherchen von CORRECTIV handelt es sich bei dem Angeklagten um einen Abfallmakler, der früher schon in einem anderen spektakulären Fall eine Schlüsselrolle gespielt hat. Er ist schon lange im Geschäft und auch wegen weiterer Vergehen wie Bestechung und Steuerhinterziehung bei Polizei und Staatsanwaltschaft aktenkundig.

Die Umweltermittler werfen dem 63-jährigen Mann aus Unna jetzt illegalen Anlagenbetrieb, unerlaubten Umgang mit Abfall und bandenmäßigen Betrug vor. Bei einer Razzia entdeckten sie im Auto des Angeklagten Bargeld in Höhe von 120.000 Euro, außerdem 200 Gramm Gold und weitere Wertgegenstände.

Seit Oktober vergangenen Jahres befindet er sich in Untersuchungshaft. Das teilte die bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft angesiedelte Zentralstelle in einer Pressemitteilung vom 12. März mit. Der Anwalt des Angeklagten reagierte auf unsere Bitte um Stellungnahme nicht.

Giftige Ölpellets von BP

Für bundesweite Schlagzeilen sorgte sein Mandant schon in der Vergangenheit mit der Entsorgung von Abfällen aus einer Raffinerie des Mineralölkonzerns BP in Gelsenkirchen: 25.000 Tonnen sogenannter Ölpellets. Mit Schwermetallen belasteter, leicht entzündlicher Industriemüll, der von 2010 bis 2013 in einer Tongrube in der Gemeinde Schermbeck illegal vergraben wurde.

Ansicht der BP Raffinerie in Gelsenkirchen
Die BP Raffinerie in Gelsenkirchen. Foto: Picture Alliance / Jochen Tack | Jochen Tack

Die juristische Aufarbeitung des Falls zog sich über Jahre. Der Makler hatte sich zwischenzeitlich nach Namibia abgesetzt, wo ihn das Bundeskriminalamt im Februar 2018 aufspürte. Es gab auch noch andere Beteiligte, weitere Verfahren und Urteile.

Trotz Vorstrafen weiter im Geschäft

Im Juni 2024 wurde der Makler zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Gefängnis verurteilt. Zwei Drittel der Strafe hatte er da schon in Untersuchungshaft verbracht. Ein paar Monate wurden ihm wegen der langen Verfahrensdauer erlassen. Den Rest setzte das Gericht zur Bewährung aus.

So gelangte der Mann wieder auf freien Fuß – und machte wohl einfach weiter. Wieder offenbar nicht allein.

Die Zentralstelle für die Verfolgung von Umweltkriminalität in NRW hat insgesamt mehr als 40 Personen im Visier. Mit einigen von ihnen soll der Angeklagte seit Januar 2024 teils gefährliche Abfälle angenommen, mit harmlosem Material vermischt und umdeklariert haben. Auftraggebern und Behörden sollen sie eine ordnungsgemäße Entsorgung vorgespielt haben.

Belasteter Boden in Kiesgruben entsorgt

Tatsächlich sollen die gepanschten Abfälle an Orten abgelagert worden sein, wo sie nicht zugelassen waren: etwa 23.000 Tonnen belasteter Boden auf einem Betriebsgelände in Selfkant unweit der niederländischen Grenze.

Ungefähr die gleiche Menge, so der Verdacht der Ermittler, landete in Kiesgruben im niederrheinischen Kamp-Lintfort. Dieser Boden soll von einer Baustelle in Dortmund stammen. Der Auftraggeberin sei durch die mutmaßlich illegale Entsorgung in den Tagebauen ein Schaden von 360.000 Euro entstanden, wie die Zentralstelle für die Verfolgung von Umweltkriminalität weiter mitteilte.

Wer hat den Müll produziert?

Neben der Jagd nach den Müllganoven ist die Frage interessant, wem der Müll ursprünglich gehört, wer ihn produziert und dessen Entsorgung Kriminellen überlassen hat. Warum – das zeigt sich gerade in Gelsenkirchen. Auf einem früheren Betriebsgelände lagern rund eine Million Tonnen Müll. Da die verantwortliche Entsorgungsfirma bis heute nicht dafür haftbar gemacht werden konnte, gedenkt die Stadt nun, die Produzenten und Lieferanten in die Pflicht zu nehmen. Sie beruft sich dabei auf das Kreislaufwirtschaftsgesetz. Demnach sind Firmen so lange für ihren Müll verantwortlich, bis er ordnungsgemäß entsorgt wurde. Übernimmt niemand die Verantwortung, droht die öffentliche Hand auf den Kosten sitzen zu bleiben. Für Selfkant etwa rechnet der Landkreis Heinsberg mit mehreren Millionen Euro.

Melden Sie sich bei Tipps und Hinweisen bei unserem Reporter michael.billig@correctiv.org.

Freier Berater“ für eine Firma aus Soest

Ein Brancheninsider sagte bereits im vergangenen Jahr gegenüber CORRECTIV, dass der Makler wieder im Geschäft sei. Jetzt als „freier Berater“ für eine Recyclingfirma aus Soest. „Er managt für die Firma Stoffströme“, so der Insider.

Das deckt sich offenbar mit Angaben aus der Anklageschrift. Eine Sprecherin des Landgerichts Dortmund berichtete daraus auf Anfrage von CORRECTIV: Demnach soll der Beschuldigte in den Bereichen Kundenakquise und Vertrieb tätig gewesen sein – für eine Firma aus Soest.

Haus auf gegenüberliegender Straßenseite
Dieses Haus in Soest dient der Recyclingfirma als Firmensitz. Foto: Michael Billig

Der Name des Unternehmens ist unserer Redaktion bekannt. In Soest befindet sich allerdings lediglich deren Geschäftssitz: ein Wohnhaus mit mehreren Firmennamen auf den Klingelschildern.

Verdächtiger Betrieb in Bottrop

Der Betrieb lief woanders: in Bottrop. Unter derselben Adresse hatte bereits die frühere Maklerfirma des mutmaßlichen „freien Beraters“ zuletzt ihren Sitz. Das zeigt ein Blick ins Handelsregister. In Bottrop soll auch einer der Tatorte in dem aktuellen Verfahren gewesen sein. Dort sollen Abfälle umgeschlagen worden sein, bevor sie in Selfkant oder in den Gruben landeten.

Wusste die Recyclingfirma aus Soest, mit wem sie sich da eingelassen hat? Auf eine Antwort ihres Geschäftsführers warten wir bis zu dieser Veröffentlichung vergebens.

Stattdessen stellt sich heraus: Die Firma hat ihren Betrieb in Bottrop inzwischen aufgegeben. Eine andere Firma schlägt jetzt hier Abfälle um. Sie kommt aus Datteln und gehört ebenfalls zu den verdächtigen Unternehmen, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Das Landgericht Dortmund muss jetzt prüfen, ob es das Verfahren zulässt. Derweil könnten bald neue Anklagen gegen weitere Verdächtige folgen.

Redigat & Faktencheck: Finn Schöneck