In einem Dorf in Sachsen-Anhalt betreibt der Publizist Götz Kubitschek eine neurechte Denkfabrik unter dem Namen „Institut für Staatspolitik". Kubitschek verlegt dort das schmale Theorie-Magazin „Sezession“, in dem die Autoren mit umstürzlerischen und antidemokratischen Ideen liebäugeln. Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke sagt, diese Denkfabrik versorge ihn mit „geistigem Manna“.

In Schnellroda, das zu dem 459-Seelen-Dorf Albersroda gehört, auf dem plattesten anhaltinischen Land, hat der Publizist Götz Kubitschek in einem ehemaligen Rittergut eine neurechte Denkfabrik gegründet: das IfS Institut für Staatspolitik, den Verlag Antaios und das Magazin „Sezession“.

Faktenbox: Sezession

  • Gegründet: 2003
  • Herausgeber: Götz Kubitschek
  • Reichweite: laut eigenen Angaben 2300 verkaufte Exemplare alle 2 Monate

So entlegen das Institut ist, so weitreichend ist dessen Einfluss. Zu den Sommer- und Winterakademien, zu Tagungen und Konferenzen, die Kubitschek ausrichtet, kommen AfD-Abgeordnete und NPD-Funktionäre, neurechte Publizisten und Angehörige der Identitären Bewegung, italienische Neofaschisten und ungarische Radikale. Zweimal im Jahr gibt es Akademie-Tagungen. Sie heißen dann schlicht: „Islam“, „Heimat“, „Geschichtspolitik“ oder „Widerstand“.

Über lebensbejahende Afrikaner

Im Januar 2015 wollen Kubitschek und seine Frau in die AfD eintreten. Der Parteivorstand unter dem Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, stellt sich quer und lehnt den Aufnahmeantrag ab. Ostdeutsche Funktionäre um Björn Höcke und André Poggenburg, ebenso die „Patriotische Plattform“ innerhalb der AfD, kritisieren die Entscheidung. Der Protest mündet in die Erfurter Resolution, mit der Höcke und Poggenburg den völkischen Flügel der AfD erst begründen.

Schnellroda inspiriere ihn, sagt der thüringische AfD-Chef Björn Höcke – aus den Schriften des Instituts ziehe er sein „geistiges Manna“. In Schnellroda hält er im Dezember 2015 seine rassistische Rede über das angebliche „Reproduktionsverhalten der Afrikaner“ – die sich nach der R-Strategie vermehren, wie Grasfrösche, Ameisen oder Blattläuse. Während sich der Europäer nach der K-Strategie vermehre, wie Bären, Elefanten oder Löwen. Im 21. Jahrhundert treffe „der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“, doziert Geschichtslehrer Höcke damals. Deswegen müsse sich Europa abschotten. Doch das nütze auch Afrika. Denn die Afrikaner brauchen „die europäische Grenze, um zur einer ökologisch nachhaltigen Bevölkerungspolitik zu finden“. 

Im Weltbürgerkrieg der Ideologien

Die „Sezession“ ist ein dünnes Magazin, das alle zwei Monate erscheint und vorgibt, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Die Auflage ist klein: Das im Jahr 2003 gegründete Blatt verkauft nach eigenen Angaben aus dem Jahr 2013 rund 2300 Hefte pro Ausgabe. Die Zeitschrift ist nicht am Kiosk erhältlich, sondern wird direkt vom Verlag an die Leser versandt. Der Youtube-Channel „Kanal Schnellroda“ hat nur 1.200 Abonnenten und über 261.000 Aufrufe seit März 2015.

Wer die „Sezession liest, stößt dort auf Überschriften wie: 

  • „Deutschland im Weltbürgerkrieg der Ideologien.“
  • „Zeit für pragmatische Reaktionäre.“
  • „Der Mythos von Putins fünfter Kolonne.“
  • „Trump: Alternative für Amerika?“
  • „Linke Netzwerke und die Syrien-Berichterstattung.“

Es folgen dann jeweils lange, theorielastige Texte. Das hier ist keine plumpe Hetze wie bei „Compact“. Hier gibt man sich vornehm, zitiert Nietzsche oder Carl Schmitt und betont, mit Ernst-Jünger-hafter Entschiedenheit, standzuhalten gegen all jene, die die deutsche Nation abschaffen wollen.  

Die Vernichtung der deutschen Identität

Götz Kubitschek ist heute einer der Vordenker der neuen Rechten in Deutschland; im Impressum des Magazins firmiert er als Verantwortlicher Redakteur. Verheiratet ist er mit der Publizistin Ellen Kositza. Die beiden, so ist in Medienberichten immer wieder zu lesen, siezen sich und haben ihren sieben Kindern germanische und mythologische Namen gegeben, darunter Brunhilde, Undine und Wieland.

Kubitschek stammt aus Oberschwaben und hat in Hannover Philosophie und Germanistik studiert. Er ist Oberleutnant der Reserve. 2001 wurde er wegen rechtsextremistischer Bestrebungen aus der Bundeswehr geworfen, beschwerte sich aber dagegen und wurde ein Jahr später wieder aufgenommen.

Kubitschek redet auf Pegida- und Legida-Demonstrationen und pflegt gute Beziehungen in viele Richtungen: zu „Compact“-Gründer Jürgen Elsässer etwa, aber auch zu Akif Pirincci, dessen zweites politisches Buch „Umvolkung“ er verlegt. Genau wie das Werk „Revolte gegen den großen Austausch“ des Franzosen Renaud Camus, eine Art Bibel der Neuen Rechten. Die These darin: Die Europäer werden verdrängt, der Kontinent wird von Muslimen bevölkert.

Diese These greift Kubitschek immer wieder auf. Auf der Pegida-Kundgebung am 3. Oktober 2016 stellt Kubitschek eine Frage, die er „existenziell“ nennt: „Werden wir Deutschen in der nächsten, übernächsten und allen weiteren Generationen noch das entscheidende Staatsvolk in Deutschland sein oder nicht?“ Das sei nicht sicher, so Kubitschek, denn deutsche Politiker würden gezielt die Identität des Volkes auslöschen. Mit „Gesellschaftsexperimenten“ setzen sie „unser Land aufs Spiel“.

Aufruf zum Handeln

2015 verfasst der Jurist Thor von Waldstein die Schrift „Zum politischen Widerstandsrecht der Deutschen“; die „Sezession“ veröffentlicht sie. Waldstein zählt auf, wie sich das deutsche Volk gegen den „Angriff“ von Merkel und Co. wehren könne. Um die Unterbringung „Illegaler” – er meint damit Asylbewerber – zu verhindern, könnten „Widerstandsleistende“ etwa Strom- und Heizungszufuhr und die Zufahrtsstraßen blockieren; Busse, die Flüchtlinge transportieren, könne man fahruntüchtig machen. Waldstein beruft sich auf den Widerstandsparagraphen des Grundgesetzes, in dem es heißt: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese (freiheitlich-demokratische) Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.”

Götz Kubitschek sieht das ähnlich. Er unterstützt die Internetplattform einprozent.de, auf der Bürger ihre Widerstandsprojekte auf einer Deutschlandkarte eintragen sollen, um sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Das Ziel: Eine Bürgerbewegung gegen die Asylpolitik zu schaffen. Dazu brauche es nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung. 800.000 Deutsche.

Sammelbecken für neurechte Denker

Das Institut für Staatspolitik gründet Kubitschek im Jahr 2000 zusammen mit dem rechtskonservativen Autor Karlheinz Weißmann. Beider Ziel: Rechte Denker zusammenbringen und deren Ansichten wissenschaftlich untermauern. Kubitschek schreibt, genau wie Weißmann, damals für die Wochenzeitung „Junge Freiheit“; mit der Zeit entfernen sich die beiden jedoch voneinander. Schließlich kommt es zum offenen Streit – untereinander und mit der „Jungen Freiheit“

Es geht um das Lied „Nur der Freiheit gehört unser Leben“, das im Gesangsbuch eines neurechten Jugendverbandes auftaucht. Das Lied wurde ursprünglich für die Hitler-Jugend geschrieben. In der „Jungen Freiheit“ schreibt ein Redakteur namens Roland Wehl: „Erwarten diejenigen, die das Lied heute singen, von denen, deren Vorfahren unter dem NS-Regime gequält und ermordet wurden, daß sie das Lied mitsingen?“

Daraufhin gibt es in Schnellroda kein Halten mehr: Eine absurde Suggestivfrage, durch die die „Kollektivschuld wieder ins Boot kommt“, schreibt ein Autor. Götz Kubitschek beantwortet die Frage mit einer Gegenfrage: „Hat das je einer gefordert, dieses Mitsingen der Opfer?“ Wehl bewertet die Antwort anschließend als „zynisch und anmaßend“, Kubitschek leide an einem Mangel an Empathie.

Im selben Jahr verlässt Mitgründer Weißmann das IfS und beschuldigt Kubitschek später öffentlich, von der politischen Ordnung Deutschlands nicht allzu viel zu halten. In einem Interview mit der „Jungen Freiheit” sagt Weißmann: „Kubitschek hat einen solchen Dissens immer bestritten, aber auch süffisant angemerkt, daß ich nicht einmal hinter verschlossenen Türen die Verfassung in Frage stellte.“

Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man Kubitscheks Reden bei Pegida-Veranstaltungen anhört: Die Ostdeutschen hätten verstanden, dass Deutschland beständiger sei als seine politische Ordnung, sagte er etwa anlässlich des zweiten Jahrestages der Pegida-Gründung im Oktober 2016. Mit anderen Worten: Das „Volk“ stehe über dem Grundgesetz. Auch in der „Sezession“ finden sich Texte, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen: Im August 2013 etwa wirbt der italienische Aktivist Adriano Scianca dafür, den Faschismus auf die heutige Zeit zu übertragen.

 

CORRECTIV-Serie über die Medien der Neuen Rechten

  1. Warum wir über die Medien der Neuen Rechten berichten (Interview mit der Autorin Camillia Kohrs)
  2. Junge Freiheit (Dieter Stein)
  3. Compact (Jürgen Elsässer)
  4. Sezession (Götz Kubitschek)
  5. KenFM (Ken Jebsen)
  6. Politically Incorrect PI-News (anonym)
  7. Kopp-Verlag (Jochen Kopp)
  8. RT Deutsch (Jasmin Kosubek)

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