Bäuche mieten

Bei der Aufregung über den Spahn-Rücktritt geht fast unter: Es ist aus gutem Grund in Deutschland verboten, Frauen fürs Kinderkriegen zu bezahlen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

Jens Spahn ist am Wochenende als Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag zurückgetreten. Viel wurde darüber geschrieben, dass ihm eine Mischung aus Hybris und Doppelmoral zum Verhängnis wurde: Anderen als Gesundheitsminister verwehren, per Leihmutterschaft Eltern werden zu können – selbst aber dank weit überdurchschnittlicher finanzieller Möglichkeiten jenes Verbot umgehen, für das er selbst mit gesorgt hat.

Unsere Redaktion war sich heute in der Morgenkonferenz einig, dass eine andere Frage unterbelichtet blieb: Warum ist denn Leihmutterschaft in Deutschland verboten – und sollte es dabei bleiben? Darum dreht sich das Thema des Tages. Da wir bei CORRECTIV selbst so einiges an Spahn-Skandalen recherchiert haben, lässt meine Kollegin Annika Joeres im „Ganz persönlich“ noch einmal die größten Spahn-dale Revue passieren. 

Und dann noch ein Thema, das nicht untergehen sollte: Ziemlich viele Kinder in Deutschland sind von Grundsicherung abhängig – ein großer Teil von ihnen bekommt aber Leistungen nicht, die ihnen eigentlich zustünden. Das zeigen SPOTLIGHT-Chef Sebastian Haupt und Lea Messerschmidt in der Grafik des Tages.

Ich würde mich über Ihre Gedanken zur Leihmutterschaft freuen: Sollte sie in Deutschland erlaubt werden? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Bäuche mieten

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Migration: Die AfD kann nicht rechnen

CORRECTIV.Faktenforum: Tiktok-Account erfindet Applaus für AfD-Chefin Alice Weidel im Bundestag

Gute Sache(n): Durchleuchtet: Wie die Lichtverschmutzung Körper und Umwelt schadet • Mega-Events können zum Klimaschutz beitragen • Ein Ikea-Standort vermittelt Haustiere

CORRECTIV ganz persönlich: Ich habe Spahns vorerst politisches Ende nicht kommen sehen

Grafik des Tages: Schulessen und Geld für Teilhabe: Viele Kinder erhalten Mittel nicht

Spahns Ehemann Daniel Funke machte die Elternschaft in diesem Instagram-Post (hier im Screenshot von der Seite promiflash.de) öffentlich. Quelle: Daniel Funke/Instagram.

Letzte Hoffnung:
Es gibt unheimlich viele Menschen, denen dieses Glück verwehrt bleibt. Viele versuchen eine ganze Menge und stoßen an immer neue Barrieren: Sie können vielleicht nicht adoptieren, sie geben vielleicht erfolglos sehr viel Geld für Hormonbehandlungen und künstliche Befruchtungen aus. Und einige denken dann aus Verzweiflung als letzte Hoffnung über Leihmutterschaft nach. Ob auch das Ehepaar Spahn/Funke verzweifelt war, wissen wir nicht – und wollen uns auch nicht anmaßen, darüber zu spekulieren. Ich behaupte aber: Niemand geht diesen Schritt leichtmütig.

Vor ein paar Jahren habe ich mich als Reporterin damit intensiv auseinandergesetzt. Ich habe ein Paar begleitet, das mir von seinem langen, inneren Ringen erzählt hat. Bei diesem Paar war der Weg besonders holprig: Es nahm die Dienste einer Baby-Klinik im ukrainischen Kiew in Anspruch – und erlebte dort Schreckliches: Am Ende wurde zwar alles gut, soweit man davon sprechen kann. Doch erstmal wurde ein Baby vertauscht. Die Recherche von damals können Sie in diesem Podcast nachhören.

Die Perspektive der Leihmütter:
Über die Sicht und die Lage jener Frauen, die ihre Bäuche vermieten, wird vergleichsweise wenig berichtet. Mein Rechercheteam und ich haben damals mit einer Reihe ukrainischer Frauen gesprochen, die diesen Weg gingen. Alle machten es, weil sie große existenzielle Nöte plagten.

Die Frauen berichteten uns von medizinischen Problemen durch die Behandlungen, die für die Leihmutterschaft nötig waren, und von den seelischen Folgeschäden, die es mit sich bringt, wenn man neun Monate ein Kind in sich trägt und es dann einfach abgeben muss. Und: Von dem vielen Geld, das die Auftraggeber zahlen, bekommen sie in der Regel nur einen Bruchteil ab.

Ich kam damals zu dem Schluss: Leihmutterschaft ist absolut keine normale Dienstleistung. Es mag für viele Menschen mit Wohlstand die einzige Lösung sein, um sich ihr Lebensglück zu erfüllen. Aber gleichzeitig ist es nun einmal ein Geschäft, das auf sozialem Gefälle beruht – also darauf, dass die einen Geld haben und die anderen dieses Geld so dringend brauchen, dass sie dafür bereit sind, einen Schritt mit unabschätzbarer Tragweite zu gehen.

Die Rechtslage in Deutschland:
Bei uns ist Leihmutterschaft verboten – ausdrücklich geregelt ist dies im Embryonenschutzgesetz

Verboten ist nicht nur Leihmutterschaft, für die Geld gezahlt wird – sondern selbst die sogenannte „altruistische Leihmutterschaft“. Damit sind Arrangements gemeint, bei denen jemand freiwillig – und ohne, dass Geld fließt – ein Kind für jemand anderen austrägt. Das typische Beispiel, das hier oft genannt wird: Eine Frau trägt für ihre Schwester ein Kind aus.

Der Grund, warum auch dies verboten ist: Es wäre faktisch kaum zu kontrollieren, ob nicht doch unter der Hand Geld fließt – und ob das Ganze wirklich freiwillig geschieht. Es gab zwar bereits politische Diskussionen, ob die Regelungen geändert werden sollen. Letztlich überwogen bislang immer die oben genannten Bedenken.

Warum kann man trotzdem ins Ausland gehen?
Die Paare nutzen dabei eine Gesetzeslücke: Sie selbst, als Auftraggeber einer Leihmutter, machen sich nach deutschem Recht nicht strafbar. Das gilt demnach auch, wenn man das Baby von einer Leihmutter im Ausland austragen lässt.

Bei den Fällen, die wir damals im Zusammenhang mit der Kiewer Baby-Firma beobachteten, lernten wir: Die Eltern müssen das Kind adoptieren – erst dann dürfen sie es nach Deutschland bringen. Beim Beantragen der Papiere helfen die Baby-Firmen, in dem Fall Biotexcom in Kiew: Sie bieten in der Regel das Komplettpaket mit dem ganzen Papierkram an.

Reiche legt EEG-Novelle vor: Einschnitte für Energiebetreiber 
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat Entwürfe zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und zur Neuordnung des Stromnetzes vorgelegt. Sie sehen Einschnitte für Betreiber erneuerbarer Energieanlagen vor. So sollen diese teilweise auf Entschädigungen verzichten, wenn das Netz ihren Strom nicht aufnimmt. Verbände und Opposition üben scharfe Kritik. 
taz.de

Vereinigtes Königreich: Burnham neuer Premierminister
Der britische König Charles III. hat den Chef der regierenden Labour-Partei, Andy Burnham, zum neuen Premierminister ernannt. Die Partei hatte ihn vergangenen Freitag als Nachfolger von Keir Starmer als Parteichef gewählt. Starmer war nach mehreren Niederlagen seiner Partei bei Regional- und Lokalwahlen zurückgetreten.
zdfheute.de

Blick in den Plenarsaal bei der Kanzlerwahl vor dem zweiten Wahlgang im Bundestag.
Symbolbild: Michael Kappeler / DPA / Picture Alliance

So geht’s auch 
Mega-Events wie Konzerte stoßen viel CO₂ aus, vor allem durch die An- und Abreise der Fans. Eine Analyse der Universität Cambridge zur Coldplay-Tour zeigt, wie Großveranstaltungen zum Klimaschutz beitragen können. Veranstalter könnten etwa die Ticketpreise anheben und Fans belohnen, die mit dem Zug anreisen – etwa durch Rückzahlungen oder Rabatte auf Fanartikel. 
wdr.de

Fundstück 
Der Ikea-Standort Nürnberg/Fürth zeigt neben Möbeln jetzt auch Fotos von Katzen und Hunden. Zwei Tierheime wollen so Haustiere vermitteln, die oft übersehen werden. Die Porträts tragen QR-Codes, die direkt zu den Informationen des jeweiligen Tieres führen.
watson.de


Nein, Spahn gibt sein Amt – zurecht – auf, weil er ein Kind von einer fremden Frau austragen ließ. Damit ist auch unsere kommende Spahn-Geschichte mit meiner Kollegin Karolin Arnold gestorben: Wir wollten wissen, ob der Christdemokrat womöglich noch häufiger an „Superbösewicht“ Thiels Veranstaltung teilnahm, als bislang bekannt. Denn im Jahr 2022 stand er gleich zwei Mal auf einer Liste von Personen, die angeblich eingeladen waren. Ob Spahn tatsächlich eine Einladung erhielt, lässt sich in dem uns vorliegenden Dokument nicht zweifelsfrei erkennen. 

Bestätigt hatte Spahn jedenfalls nur eine Teilnahme im Jahr 2022. Zum zweiten Treffen blieben Spahn und ein Fraktionssprecher einsilbig. Wie häufig sich Spahn und der Milliardär sonst noch über den Weg liefen und möglicherweise – rein spekulativ – über Thiels Pläne unterhielten, die Demokratie auszuhebeln, auch dies ließen sie im Dunkeln. 

Mehr als 80 Prozent der Kinder aus Familien, die SGBII beziehen und damit ein Recht auf die Leistungen haben, erreicht beispielsweise der monatliche Teilhabebetrag von 15 Euro nicht. Dieser kann beispielsweise für Aktivitäten wie Vereinssport, Musikunterricht oder Ferienfreizeiten verwendet werden.
 
Das liegt am großen bürokratischen Aufwand, an langen Bearbeitungszeiten, Sprachbarrieren und letztlich daran, dass viele überhaupt nicht wissen, dass sie ein Recht auf BuT haben. Nur beim Schulbedarf sind die Zahlen vergleichsweise gut, weil dieser als Pauschalbetrag ohne Nachweispflichten an die Eltern ausgezahlt wird.
bertelsmann-stiftung.de

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt, Lea Messerschmidt und Elena Müller.