Computerpflicht für Senioren?

Bei vielen Arztpraxen kann man Termine nicht mehr per Telefon ausmachen. Ist das wirklich so schlimm für ältere Menschen?

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Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

in immer mehr Arztpraxen kann man nicht mehr anrufen, um einen Termin auszumachen. Verbraucherschützer sagen, das sei ein Problem – für ältere Menschen, für die sich das Internet wie eine Bedrohung anfühlt und nicht wie eine Alltagshilfe.

Aber stimmt das? Sind ältere Menschen wirklich so schnell durch Technik überfordert? Und wenn dem so ist: Wären Staat und Gesellschaft in der Pflicht, sie beim Wandel von der analogen in die digitale Welt besser mitzunehmen? Oder sind die Senioren in der Pflicht, sich weiterzubilden?

Darum geht es im Thema des Tages. Wir wollen dazu mit Ihnen ins Gespräch kommen: Sehen Sie sich selbst als „ältere Person“? Wenn ja: An welchen Stellen macht Ihnen die Digitalisierung zu schaffen? Schreiben Sie es uns in unseren CrowdNewsroom – per Klick hier oder aufs Bild:

Außerdem heute bei uns: Die Europäische Union (EU) hat sich nicht auf eine Verlängerung der Sanktionen gegen rund 3.000 Personen aus Russland verständigen können. Wir haben recherchiert, was dahintersteckt – vor allem: Welche Rolle das System Putin dabei spielte.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, und schreiben Sie mir gern, was Sie sonst noch umtreibt: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Computerpflicht für Senioren?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Erfolg für Russland. EU blockiert. Veto gegen Sanktionen gegen Russland verlängert

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wie ungleich ist Deutschland wirklich?

Faktencheck: Gerüchtekiller #8: Ist es schädlich, mit den Fingerknöcheln zu knacken?

Gute Sache(n): Hochschulen suchen nach Lösungen gegen Deep-Fakes • Projekt „Recht Solidarisch“ zeigt Anleitung gegen autoritäres Vorgehen • Neuer Nachtzug verbindet bis nach Mailand

CORRECTIV ganz persönlich: Verdacht gegen Berliner SPD-Spitzenkandidaten: Das Was ist wichtig, aber auch das Wann

Grafik des Tages: Rekordhoch für Benzinpreise

Der aktuelle Anlass für die Diskussion sind die Arztpraxen: Viele ältere Menschen machen laut Verbraucherzentrale Hessen derzeit die Erfahrung, per Telefon keine Termine mehr ausmachen zu können. Stattdessen würden sie auf die Internetseite der Praxis verwiesen – oder diese sei gar nicht mehr telefonisch erreichbar.

Das sei vor allem für ältere Menschen ein Problem, sagte der Chef der Verbraucherzentrale. Die dortige Landesärztekammer verteidigte sich. Sie erklärte, die Ärztinnen und Ärzte hätten einfach nicht genug Mitarbeitende – denn Arzthelfer seien schwer zu finden.

Es stellt sich aber auch eine andere Frage:
Nämlich die, ob es überhaupt stimmt, dass alte Menschen so stark überfordert sind, wenn sie Dinge online erledigen sollen. Diese Debatte kommt alle paar Monate wieder auf, wenn ein analoges Angebot wegfällt, zum Beispiel:

  • Wenn es wieder mal neue Zahlen gibt, wie viele Bankfilialen schließen. Seit dem Jahr 2022 wurde jede fünfte Filiale geschlossen.
  • Wenn die Post ankündigt, Filialen zuzumachen – wie zuletzt in Baden-Württemberg. Dann warnen Verbraucherschützer und Medien, dass ältere Menschen Probleme mit Packstationen und selbst ausdruckbaren Briefmarken hätten.
  • Als die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr plante, Spartickets nur noch an Kundinnen und Kunden zu verkaufen, die eine E-Mail-Adresse angeben. Dies sorgte sogar für so viel Ärger wegen des Vorwurfs der Altersdiskriminierung, dass der Vorgang vor Gericht ging – und der Bahn diese Praxis verboten wurde.

Auch in der Diskussion um ein mögliches Ende des Bargeldes spielt die Frage nach Altersdiskriminierung stets mit.

Wir haben heute Morgen in der Redaktionskonferenz diskutiert:
Ist es denn wirklich so, dass es älteren Menschen so viel schwerer fällt als jüngeren, mit dem Internet umzugehen? Ist es nicht eine Anmaßung, dies zu unterstellen?

Anfang dieses Jahres hat die Bundesregierung hierzu die Ergebnisse einer Studie vorgestellt, die sie zusammen mit dem Digitalverband Bitkom in Auftrag gegeben hatte – weil sie sich diese Frage auch gestellt hatte. Das Ergebnis war spannend (hier nachzulesen): Die große Mehrheit der über 65-Jährigen nutzt das Internet und wünscht sich mehr Tempo bei der Digitalisierung.

Wichtig ist bei diesem Studienergebnis allerdings: Als „älter“ werden hier Menschen ab 65 Jahren definiert. Ich persönlich finde, dass 65 nicht besonders alt ist – sondern dass es relevanter ist, wie es bei den Menschen über 80 aussieht. Auch hierzu gibt es Antworten in der Studie, die allerdings weiter unten stehen: In dieser Altersgruppe nutzt weniger als die Hälfte der Leute das Internet.

Hinter der Debatte stehen aber auch noch andere, größere Fragen:

1.) Gibt es ein Recht auf analoges Leben? 

2.) Wenn die Digitalisierung des Alltags immer weiter voranschreitet – besteht dann für Staat und Wirtschaft eine moralische Pflicht, die Menschen mitzunehmen und für deren technische Weiterbildung zu sorgen?

3.) Haben auch wir Bürgerinnen und Bürger eine Pflicht, uns unser Leben lang technisch weiterzubilden, um nicht den Anschluss zu verlieren?

Auch um diese Fragen geht es in der oben genannten Studie im Auftrag der Bundesregierung: Sie zeigte einen „hohen Bedarf an Unterstützungsangeboten zur Stärkung der digitalen Kompetenzen.“ 

Tatsächlich gibt es bereits solche Angebote für jene, die sich als ältere Leute definieren. Zum Beispiel das Projekt „Digitaler Engel“. Dabei fahren unter anderem Infomobile durchs Land.

Zur Frage, ob die Menschen auch selbst in der Pflicht sind, dranzubleiben, ist vor ein paar Tagen eine spannende neue Studie erschienen: das „Digitalbarometer“, das die digitale Kompetenz der Bevölkerung zeigt – hier nachzulesen. Darin steht: 

„Wer im Ruhestand das Internet häufig nutzt, fühlt sich deutlich seltener überfordert und weist höhere digitale Kompetenzen auf als der Durchschnitt der älteren Menschen.“

Es steht auch noch etwas anderes Wichtiges darin: Nicht nur für ältere Menschen fühlt sich die zunehmende Digitalisierung zuweilen wie eine abschottende Mauer an – sondern auch für Menschen mit niedrigem Bildungsgrad.

Wir wollen von Ihnen wissen:
Wie geht es Ihnen mit der Digitalisierung des Alltags? Sind Sie schon mal an Barrieren gestoßen? Teilen Sie es uns mit – per Klick hier oder aufs Bild:

Zu guter Letzt noch ein Blick über die europäischen Grenzen:
Die Körber-Stiftung hat vor ein paar Jahren untersucht, wie es in anderen Ländern aussieht: Haben auch dort Seniorinnen und Senioren so großen Respekt vor digitalen Arztterminen und Online-Banking?

Die Ergebnisse fand ich spannend. Heraus kam unter anderem: Frauen sind europaweit skeptischer als Männer; Skandinavier gehen besonders gut mit dem digitalen Wandel um, weil sie generell mehr Vertrauen in staatliche Institutionen haben – und rund die Hälfte der befragten Europäer hat Sorge, dass sie im Zuge der Digitalisierung im Alter von Robotern anstatt von Menschen gepflegt werden.

Trumps Briefwahl-Gesetz scheitert am Supreme Court 
Der Supreme Court hat die unmittelbare Einführung der verschärften Briefwahlregeln der Trump-Regierung abgelehnt. Damit bleiben die Änderungen vor den entscheidenden Kongresswahlen außer Kraft. Trump verteidigt die Pläne mit dem Ziel, Wahlbetrug zu verhindern. Kritiker werfen ihm jedoch vor, die Demokraten benachteiligen zu wollen. 
tagesschau.de

Drohne über Litauen abgeschossen 
Nato-Kampfflugzeuge haben nach Angaben der litauischen Regierung eine Drohne über dem Land abgeschossen. Einem litauischen Medienbericht zufolge soll sie in Belarus gestartet worden sein. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine gilt Litauen als besonders gefährdet für mögliche Aggressionen aus Moskau. Für die Nato spielt das baltische Land daher eine zentrale Rolle in der Verteidigungsplanung.
sueddeutsche.de / n-tv.de

Merz plant interne Vertrauensfrage 
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will nach den Landtagswahlen am kommenden Sonntag das CDU-Präsidium einberufen, um eine interne Vertrauensfrage zu stellen. Das berichtet Table Media. Auch Zugeständnisse an die SPD stehen zur Debatte, etwa höhere Steuerentlastungen und Maßnahmen gegen steigende Energiepreise. Führende CDU-Mitglieder lehnen jedoch Personaldebatten ab und stellen sich hinter den Kanzler.
table.media / zeit.de

Foto: Public Affairs / Pixabay

So geht’s auch
Internationale Hochschulen suchen Wege, um besser mit Deepfakes umzugehen. In Deutschland beteiligt sich die Universität Duisburg-Essen an einem neuen, EU‑geförderten Forschungsprojekt. Ziel ist es, Manipulationen schneller zu erkennen und zu verstehen, warum manche Menschen anfälliger für KI-Manipulationen sind als andere.
wdr.de

Endlich Verständlich
Demokratische Strukturen verfallen nicht plötzlich, sondern schrittweise unter autoritärem Druck. Nach dem Wahlausgang in Sachsen-Anhalt ist die Sorge groß, dass zahlreiche Vereine von repressiven Maßnahmen betroffen sein könnten. Schon in den vergangenen Monaten ist der Druck auf viele Initiativen gewachsen. Das Projekt „Recht Solidarisch“ hilft, diese Situationen zu analysieren, und zeigt konkrete Handlungsmöglichkeiten auf, die ein Juristenteam erarbeitet hat.
recht-solidarisch.de 

Fundstück
Seit dem 9. September verbindet ein Nachtzug Brüssel mit Mailand. In Deutschland können Reisende in Köln oder Aachen zusteigen. Der Zug des Betreibers European Sleeper fährt dreimal wöchentlich. Sitzplätze gibt es ab knapp 30 Euro. 
utopia.de


Am Sonntag wird in Berlin das neue Abgeordnetenhaus gewählt. Gegen den SPD-Spitzenkandidaten Steffen Krach laufen derzeit Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsannahme in zwei Fällen. Aus meiner Erfahrung als Polizeireporterin und Politikredakteurin kann ich sagen: Diese Geschichte hat zwei Seiten – das Was und das Wann. 

  • Das Was (die rechtliche Dimension): Eine Staatsanwaltschaft ermittelt nicht allein aus einer Laune heraus: Wenn es einen Anfangsverdacht und Hausdurchsuchungen gibt, ist der Ansatz der Strafverfolgung und die Berichterstattung darüber natürlich völlig gerechtfertigt. Wenn ein Politiker in Verdacht steht, bestechlich zu sein, ist es besser, das zu erfahren, bevor er in ein Amt gewählt wird. (CORRECTIV hat sich bereits intensiv mit dem Thema Parteispenden beschäftigt, hier nachzulesen.)
  • Das Wann (die politische Dimension): Bis zum Beweis seiner Schuld gilt für Krach die Unschuldsvermutung. Und wenn sich der Anfangsverdacht als unbegründet herausstellt und die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellt, dann ist an der Geschichte rechtlich nichts mehr dran. Aber politisch wird sie lange nachhallen – über den Berliner Wahlsonntag und weit darüber hinaus: Das Vertrauen in den Mann ist erschüttert. Der politische Schaden ist immens, selbst wenn der juristische Schaden gar nicht eintritt.

Interessant ist also nicht nur, was am Ende dabei herauskommt, sondern auch: Warum gerade jetzt? Der Zeitpunkt der Hausdurchsuchungen und der Ermittlungen kam für Krach und die Berliner SPD maximal ungünstig – für seine politischen Gegner war er ein Glückstreffer. Ob das Zufall war oder ob vielmehr ein Hinweis gezielt platziert wurde, bleibt derzeit reine Spekulation. 

Ich musste in diesem Zusammenhang in den vergangenen Tagen häufiger an den amerikanischen Wahlkampf denken (sehr empfehlenswerter Film dazu: „The Ides of March“, 2011): In den USA wird nicht nur versucht, den eigenen Kandidaten möglichst gut aussehen zu lassen – sondern den gegnerischen auch möglichst schlecht.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Jacob Gehring, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.