Droht ein Apotheken-Sterben?

Heute blieben die meisten Apotheken zu – ihr Verband warnt vor einer Sparpolitik, die am Ende den Kunden schaden würde. Was steckt dahinter?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

heute blieben die meisten Apotheken zu – ihr Verband wollte mit diesem bundesweiten Protesttag vor einer Sparpolitik warnen, die am Ende den Kunden schaden würde. Was steckt dahinter? Das schauen wir uns im heutigen Thema des Tages an. Wir wollen dazu auch von Ihren Erfahrungen hören.

Außerdem heute wichtig: Am Wochenende drehten sich viele Gespräche um Collien Fernandes – die mutige Schauspielerin, die vor ein paar Tagen im Spiegel öffentlich machte, dass ihr eigener Ehemann ihr über Jahre hinweg ihre Identität im Internet gestohlen und sie auf niederträchtige Weise zum Objekt seiner abgedrehten sexuellen Phantasien gemacht haben soll. Im heutigen „CORRECTIV ganz persönlich“ geht es anlässlich dieses Vorfalls darum, wer im Falle digitaler und sexualisierter Gewalt abseits der Täter noch alles zur Verantwortung gezogen werden muss.

Die Grafik des Tages dreht sich heute um die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Und zwar insbesondere darum, was bei der SPD los ist, die dort enorm Stimmen einbüßte. 

Und: Sie haben gewählt, wer die Cartoon-Arena der vergangenen Woche gewonnen hat. Abgeräumt hat diesmal Katharina Greve. Hier noch mal ihre Karikatur:

Was bewegt Sie heute besonders? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Droht ein Apotheken-Sterben?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Tara-Louise Wittwer über Hass und Gewalt gegen Frauen

Faktencheck: Strom für drei Milliarden Euro „weggeworfen“? Katherina Reiches Äußerung ist irreführend

Gute Sache(n): Social-Media-Pause kann Stress und Ängste reduzieren • Faktenchecker-Projekt: Erkennst du den Fake? • Hummel-Challenge: Mit einem Foto zur Wissenschaft beitragen

CORRECTIV ganz persönlich: KI, Deepfakes und Verantwortung: Wie (sexueller) Missbrauch gedeckt wird

Grafik des Tages: Nach Landtagswahlen: Wo ist die SPD noch Volkspartei?

Apotheke zu am Protesttag – hier zum Beispiel im rheinland-pfälzischen Siegen. Quelle: Picture Alliance / Rene Traut Fotografie | Rene Traut

Was die Apotheker-Verbände sagen:
Ihnen geht es ums Geld. Verbandssprecher argumentieren, sie würden zu wenig Geld für die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente bekommen. Seit 13 Jahren seien die Honorare nicht mehr gestiegen, während die Löhne und alle anderen Kosten immer weiter wüchsen.

Die Verbände warnen, dass deshalb Apotheken in wirtschaftlicher Not seien – und gerade in ländlichen Regionen die Versorgung deshalb in Gefahr sei.

Unser Reporterinnen-Team hat mit verschiedenen Beteiligten gesprochen und dazu heute einen Beitrag bei Instagram veröffentlicht.

Was ist dran an den Sorgen?
Wir haben zum einen mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Apothekerverbandes gesprochen, Anke Rüdinger. Sie sagt: Vor allem außerhalb von größeren Städten gebe es ein „Apothekensterben“. 

„Die Apotheken in Deutschland sind seit Jahren chronisch unterfinanziert.“
Anke Rüdinger
Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes

Laut einer Statistik der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) sind die durchschnittlichen Anfahrtswege zu Apotheken deutlich länger geworden. Im Jahr 2018 mussten rund 8.000 Menschen im Land fünf bis zehn Kilometer bis zur nächsten Apotheke fahren, 2023 waren es schon 97.000. 

Die offiziellen Zahlen der ABDA zeigen allerdings auch (siehe hier, auf Seite 9): Die Zahl der Apotheken ist seit 1990 zwar gesunken, aber nicht dramatisch. Und dafür kamen ja Versandhändler hinzu.

Was sagen die verantwortlichen Krankenkassen?
Der GKV-Spitzenverband (also der Verband der gesetzlichen Krankenkassen) sagt: Die gesetzlich Versicherten in Deutschland hätten am Ende gar nichts davon, wenn die Kassen jetzt die Apotheken besser bezahlen würden. Denn dieses Geld sei schließlich Versichertengeld – das dann an anderer Stelle wieder fehlen würde.

Außerdem: Würde man jetzt für alle Apotheken im Land die Honorare anheben, dann würden ja nicht nur die Apotheken auf dem Land profitieren, sondern auch die in Großstädten, wo das Versorgungsnetz dicht ist.

Was macht die Bundesregierung?
Sie will unter anderem das sogenannte Packungsfixum steigern. Das ist die feste Summe, die Apotheken pro abgegebener Packung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten erhalten. Der Betrag soll nun von 8,35 auf 9,50 Euro steigen.

Die Apotheken wollen jedoch noch einmal die Forderungen bekräftigen, damit die Pläne der Regierung nicht wieder (auf Druck der Krankenkassen) aufgeweicht werden.

Und sie sagen, die Apotheken auf dem Land müssten gestärkt werden. Auch dieses Problem hat die Bundesregierung allerdings auf dem Schirm – und will eine ganze Reihe bürokratischer Hürden abbauen. Zum Beispiel soll es leichter sein, Zweigstellen zu öffnen.

Und dann ist da ja noch der schon erwähnte Versandhandel …
… auf den Kundinnen und Kunden in ländlichen Regionen zurückgreifen können (wenn auch nicht für Notfälle): Die Statistik der Apothekervereinigung zeigt (Seite 14), dass Versandapotheken mittlerweile etwa ein Fünftel der Umsätze des Apothekensektors erzielen.

OB-Wahl: Grünen-Politiker gewinnt in München
Der Grünen-Politiker Dominik Krause wird die Nachfolge von Dieter Reiter (SPD) als Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt antreten. Mit 56,4 Prozent gewann Krause die Stichwahl in München. Reiter galt zuvor lange als Favorit, doch durch eine ungenehmigte Tätigkeit beim FC Bayern München war er zuletzt in die Kritik geraten. 
welt.de  

Trump verlängert Frist für Wiedereröffnung der Straße von Hormus durch den Iran 
US-Präsident Donald Trump hat nach eigenen Angaben das Pentagon angewiesen, Angriffe auf iranische Energieinfrastruktur für fünf Tage auszusetzen. Damit verlängert Trump sein Ultimatum deutlich. Ursprünglich sollte es nach Mitternacht deutscher Zeit auslaufen. Zudem sprach Trump von guten Gesprächen zwischen den USA und dem Iran. Dies dementierte der Iran jedoch kurze Zeit später. 
tagesschau.de

Katherina Reiche auf einem Podium bei einer Rede
Foto: Amrei Schulz / BMWE / photothek / Picture Alliance

So geht’s auch
Sind Sie fit im Erkennen von Desinformation? Ein neues Projekt unserer Jugendredaktion Salon5 soll den Umgang mit Informationen stärken – vor allem bei jungen Menschen. So können Jugendliche selber zu Faktencheckern werden. Das Ziel des Accounts „salon5_faktenchecker“ ist es, gezielt gegen Desinformationen im Netz vorzugehen und eine informierte Online-Community zu fördern. 
Salon5  

Fundstück
Die sogenannte „Hummel-Challenge“ soll Forschenden dabei helfen, die Artenvielfalt von Hummeln in ganz Deutschland zu erforschen. Durch ein Foto können die Hummeln in einer App gemeldet und anschließend von Experten genauer unter die Lupe genommen werden. In den Vorjahren gab es durch die Challenge viele Sichtungen von seltenen Hummelarten. 
zeit.de


Eins darf nicht außer Acht geraten: Welche Mittel dafür mitunter herangezogen worden sein sollen. Ich beschäftige mich als Redakteurin ausführlich mit KI – mit den Möglichkeiten, aber auch mit den ethischen und moralischen Fallstricken. Erste Verfahren zum Stimmklonen, wie mutmaßlich im Fall Fernandes, gibt es seit Ende der 90er. Dies erlaubt es heute, mit KI-generierter Technologie Inhalte zu verbessern. 

Technik wie diese wurde jedoch hoffentlich nicht dafür entwickelt, andere Menschen digital zu missbrauchen oder Stimmen ohne vorherige Zustimmung zu entwenden. Dennoch erlaubt es die KI böswilligen Akteuren, zunehmend subtiler und ausgefeilter zu agieren. Das zwingt uns einerseits alle dazu, unsere Vorstellungen von Authentizität zu hinterfragen. Ein Gespür für Täuschungen zu entwickeln. Wege zu finden, die eigene Identität oder jene von Betroffenen – sowohl online als auch offline – wirksamer zu schützen. Wie das geht, was Fake und was richtig ist, berichtet bei CORRECTIV am laufenden Band die Faktencheck-Redaktion.

Die aktuelle Causa wirft aber in meinen Augen – wie immer im KI-Diskurs – auch das Thema Verantwortung in den Ring. Technik handelt nicht von selbst. Sie wird bereitgestellt und genutzt. Wir müssen also die Probleme benennen. 

Das Problem sind Täter, die Gewalt mittels Technologie produzieren und verbreiten. Das Problem sind jene, die die Inhalte ansehen (und nicht melden). Das Problem sind Plattformen und Tech-Konzerne, die die Inhalte zulassen, von ihrer Reichweite profitieren und oft erst eingreifen, wenn der Schaden längst angerichtet ist; falls sie überhaupt eingreifen. Das Problem ist, dass Strafverfolgungsbehörden strukturell unterlegen sind, zu langsam, zu schlecht ausgestattet, zu selten in der Lage, im digitalen Raum konsequent durchzugreifen. Das Problem ist, dass den Betroffenen oft kaum jemand glaubt. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.