
Liebe Leserinnen und Leser,
heute standen bundesweit Busse und Bahnen still – in 15 Bundesländern gab es Warnstreiks im öffentlichen Personennahverkehr. Und das, während vielerorts Glatteis herrscht und das Fahrrad für Kinder auf dem Schulweg und für Erwachsene auf der Fahrt ins Büro derzeit keine Alternative ist.
Entsprechend erregte der Streik viele Gemüter. Im Thema des Tages und in der heutigen Grafik beleuchten wir die wichtigsten Fragen dazu. Zum Beispiel, ob im ÖPNV wirklich mehr gestreikt wird als in anderen Branchen.
In unserer Redaktionskonferenz haben wir uns heute gefragt: Wie passt es zusammen, dass einerseits die Bus- und Bahnfahrer über Arbeitsüberlastung klagen – und andererseits einige Politikschaffende dieser Tage so laut über die angebliche fehlende Arbeitsmoral der Deutschen klagen? Am Wochenende zum Beispiel forderte CSU-Chef Markus Söder eine Stunde Mehrarbeit pro Woche. Er will außerdem, dass wir später in Rente gehen und uns nicht mehr per Telefon krankschreiben lassen dürfen.
Sind wir Deutschen also wirklich so faul, wie einige Politikschaffende es derzeit behaupten? Unsere Leserinnen und Leser haben sich dieses Thema (mit großer Mehrheit) für die kommende SPOTLIGHT-Cartoon-Arena gewünscht. Nächste Woche sehen Sie bei uns die Karikaturen dazu.
Haben Sie konkrete Fragen zu diesem Komplex – entweder zu den Streiks im ÖPNV oder zur Arbeitsmoral der Deutschen? Schicken Sie uns Ihren Vorschlag für eine „Leserfrage der Woche“, die wir Politikern, Behörden oder Gewerkschaften in Ihrem Auftrag stellen sollen – an anette.dowideit@correctiv.org. Unsere Leserredaktion wählt eine davon aus und beantwortet sie am Donnerstag hier.
Besonders empfehlen möchte ich Ihnen außerdem die heute erschienene Recherche, wie Deutschland afghanische Ortskräfte im Stich lässt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!
Thema des Tages: Faul – oder überlastet?
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Neueste CORRECTIV-Recherchen: Wie Deutschland afghanische Ortskräfte im Stich lässt
Faktencheck: Lokalpolitiker verbreitet falsches Narrativ zu Rente für ukrainische Geflüchtete
Grafik des Tages: So viel streiken die unterschiedlichen Branchen in Deutschland
Die Gewerkschaft Ver.di hat zu den Warnstreiks aufgerufen, die in der Nacht von Sonntag auf Montag um drei Uhr losgingen und 24 Stunden dauern. Sie will bessere Arbeitsbedingungen für die etwa 100.000 Beschäftigten im kommunalen Nahverkehr erwirken.

Was genau gefordert wird:
Das erklärt die Gewerkschaft hier auf ihrer Internetseite. Sie schreibt: Viele Bus- und Bahnfahrer müssten bis spät in die Nacht arbeiten – was ja erstmal zur Berufsbeschreibung gehört, damit man auch nachts von A nach B kommt.
Aber, so die weitere Argumentation: Die Pausenzeiten zwischen den Einsätzen seien oft zu kurz, die Arbeitstage zu lang, die Gehälter im Vergleich dazu zu niedrig. In dem oben verlinkten Text kommen mehrere ÖPNV-Beschäftigte zu Wort, ich empfehle Ihnen die Lektüre.
Aber ist das unser Problem?
Ver.di sagt: ja. Denn wenn die Arbeitsbedingungen im ÖPNV zu unattraktiv seien, dann wolle niemand mehr Bahnfahrerin oder Busfahrer werden – und dann wird es schwer mit der Verkehrswende und dem Klimaschutz.
Im vergangenen Herbst hat das Umweltbundesamt eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Der Busverkehr müsste verdoppelt werden und der Schienenverkehr um die Hälfte steigen, damit Deutschland seine Klimaziele bis 2045 erreichen kann. Und dafür bräuchte es eben eine Menge neuer Fahrerinnen und Fahrer.
Streikt der ÖPNV wirklich so viel?
Das hat sich mein Kollege Sebastian Haupt für die heutige Grafik des Tages genauer angesehen, die ganz unten im SPOTLIGHT steht.
Warum dürfen Angestellte im öffentlichen Dienst eigentlich streiken?
In unserem Grundgesetz ist das Recht garantiert, Arbeitskämpfe zu führen. Dies soll sicherstellen, dass der meistens weniger mächtige Verhandlungspartner um Lohn und Gehalt – der Arbeitnehmer – sich mit Kollegen verbünden kann. Und so Verhandlungen auf Augenhöhe möglich werden.
Dies gilt auch für die Angestellten des öffentlichen Dienstes, weil auch (oder gerade) bei ihnen der Arbeitgeber am deutlich längeren Hebel sitzt. Aber: Es gilt nicht für Beamte! Diese dürfen nicht streiken. Der Grund ist, dass sie von ihrem Arbeitgeber Staat vergleichsweise gut versorgt werden (zum Beispiel durch den lebenslang sicheren Arbeitsplatz).
Ist dieses Streikrecht gut für die Demokratie …
… obwohl es für uns, die wir vom öffentlichen Dienst abhängig sind, doch extrem nervig ist, wenn schon wieder die Müllabfuhr oder der ÖPNV streiken?
Ja. Warum, erklärt der Deutschlandfunk in diesem Radiobeitrag: Bei Streiks geht es darum, gemeinsam etwas zu verändern und politisch Einfluss zu nehmen.
Übrigens:
Wenn Sie sich informieren möchten, wo im Land derzeit gestreikt wird und in welchen Branchen, könnten Sie sich mal diese Internetseite anschauen. Der „Strike Tracker“ gibt einen Überblick über aktuelle Streiks.
Dobrindt möchte Verfassungsschutz zum Geheimdienst ausbauen
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt möchte aus dem Verfassungsschutz, der Stand jetzt nur als Nachrichtendienst agiert, einen echten Geheimdienst machen. Zudem will Dobrindt die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten, wie denen der USA, weiter ausbauen.
deutschlandfunk.de
Neue Epstein-Akten werfen Fragen über Verbindung nach Russland auf
Das US-Justizministerium hatte am Freitag Millionen Seiten an neuem Material veröffentlicht, darunter knapp 2.000 Videos und 180.000 Fotos. In den Dokumenten werden zum einen E-Mails zwischen dem milliardenschweren Sexualstraftäter Epstein und Prinz Andrew sowie Elon Musk aufgeführt. Zum anderen gibt es Tausende Dokumente, die einen Bezug zu Moskau aufweisen.
politico.com (Englisch)/fr.de
Kritik-Hagel an US-Einwanderungspolitik bei den Grammys
Grammy-Gewinner Bad Bunny (bestes Album) und auch Preisträgerin Billie Eilish (Single des Jahres) nutzten die Preisverleihung, um Kritik an der Vorgehensweise der US-Einwanderungsbehörde ICE zu üben. Der US-Rapper Bad Bunny erklärte: „Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Fremden: Wir sind Menschen und wir sind Amerikaner.“
tagesschau.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

Versprochen, hingehalten, abgelehnt: Wie Deutschland afghanische Ortskräfte im Stich lässt
Nora Azimi hat in ihrem Heimatland Afghanistan für eine deutsche Organisation gearbeitet. Nach der Machtübernahme durch die Taliban wurde ihr eine Aufnahme in Deutschland zugesagt. Doch die Regierung Merz fühlt sich an das Versprechen der Ampel-Koalition nicht gebunden. Nun sitzen Nora Azimi und ihre Familie in Pakistan fest und fürchten eine Abschiebung nach Afghanistan – das Land, in dem die Taliban sie mit dem Tod bedrohen.
correctiv.org

Zu den Rentenansprüchen von geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern verbreiten sich seit Jahren Falschbehauptungen. So auch in einem viralen Video von Januar 2026.
correctiv.org
Endlich verständlich
Die Bundeswehr bietet verschiedene Berufe an, sowohl zivile als auch militärische. Einige dieser Tätigkeiten beinhalten eine militärische Grundausbildung – das heißt, im Notfall kann man an die Front einberufen werden. Unsere Jugendredaktion Salon5 stellt in ihrem Beitrag verschiedene Berufe vor und zeigt, mit welchen Herausforderungen militärische Tätigkeiten verbunden sein können.
instagram.com
So geht’s auch
Rheinland-Pfalz hat vergangene Woche das Gesetz für Chancengleichheit, Demokratie und Vielfalt (LGCDV) verabschiedet. Es soll vor Diskriminierung durch Behörden etwa aufgrund des Geschlechts, einer Behinderung oder der Religion schützen. Wenn beispielsweise ein Kind mit einer Behinderung von der Klassenfahrt ausgeschlossen wird, weil es organisatorisch zu aufwändig ist, greift das Gesetz. Betroffene können zukünftig Beschwerden einreichen. Außerdem sind finanzielle Entschädigungen möglich. Das Gesetz gilt zunächst nur für Landesbehörden.
wdr.de / zeit.de
Fundstück
Wie Inklusion im Sport gelingen kann: Arianna Sacripanti, Synchronschwimmerin mit Down-Syndrom, und Synchron-Weltmeister Giorgio Minisini trainieren gemeinsam im Kunstschwimmen. Offizielle Wettkämpfe für gemischte Paare gibt es aber noch nicht.
dw.com
Nach ein paar Jährchen im Politikjournalismus glaube ich nicht an die große Naivität von Leuten, die sich tagein, tagaus beraten lassen. Ich glaube vielmehr an politisches Kalkül, auch bei der aktuellen Forderung des so genannten Wirtschaftsrates, Zahnbehandlungen nicht mehr zu bezahlen. Sie katapultiert mich direkt ins Jahr 2016: Damals enthüllte François Hollandes wütende Ex-Partnerin Valérie Trierweiler, dass der Präsident seine armen Landsleute privat als „sans-dents“ – die Zahnlosen – verspottete. Kaum eine Enthüllung schadete dem Sozialisten mehr als dieser Ausdruck der Verachtung.
Vordergründig risikoreich agiert also auch die CDU-nahe Wirtschaftstruppe, deren Mitglieder auf Fotos ihre einwandfreien Zahnreihen präsentieren. Die Kritik am Vorschlag, auch aus den eigenen Reihen, war daher erwartbar und aus meiner Sicht folgerichtig. Fehlende, verfärbte oder schiefe Zähne galten schon immer als Zeichen von Armut – ihre kostenlose Behandlung hingegen als Symbol einer fürsorglichen Gesellschaft.
Das Risiko für den Wirtschaftsrat ist gering – das Risiko von Geringverdienern allerdings real. Ich vermute: Der Rat befeuert gezielt kurzfristig die Debatte, um sie langfristig zu verschieben. Er rückt weit nach rechts, um sich später in einer verschobenen Mitte wiederzufinden – etwa bei höheren Zuzahlungen für Zahnersatz. Der Rat hat es schon immer geschafft, die Politik zu beeinflussen. 2019, als der Wirtschaftsrat noch nicht als Lobbyorganisation in der Kritik stand, prahlte er im Jahresbericht ganz offen mit seinem Einfluss auf die Regierungspolitik. „Wir konnten Handlungsempfehlungen bei Politikern platzieren“, heißt es im Bericht. So habe der Rat etwa eine Mittelstandsstrategie „entscheidend vorbereitet“ – mit den heute wieder recycelten Forderungen nach weniger Steuern und Bürokratie. Eine Mitgliedschaft kostet für Einzelpersonen übrigens rund 1.000 Euro, für Firmen zwischen 2.500 und 30.000 Euro, heißt es in der Satzung. So viel wie ein Implantat oder ein komplett neuer Strahle-Kiefer.
Zurück zum Kalkül. Auch Trierweiler verpfiff ihren Ex nicht ohne Grund – Hollande hatte sie über Nacht verlassen und wurde von Paparazzi dabei erwischt, wie er seiner Neuen frühmorgens Croissants auf dem Motorroller vorbeibrachte. Das geschah wohl ausnahmsweise ungeplant.

Streiken die Beschäftigten im Verkehrsbereich besonders häufig? Verglichen mit Menschen aus dem produzierenden Gewerbe ja, verglichen mit Angestellten aus der Informations- und Kommunikationsbranche nein. Das zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2024. Doch weil so viele Menschen vom öffentlichen Nahverkehr abhängig sind, sorgen Arbeitsniederlegungen in diesem Bereich für besonders hohe Aufmerksamkeit. Verglichen mit europäischen Nachbarn wie Frankreich sind die Deutschen allerdings eher wenig streikfreudig.
bpb.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Jule Scharun und Dilara Schwidder.
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