Jetzt amtlich: Deutschland wird dümmer

Die neue Pisa-Studie zeigt erschreckende Entwicklungen bei der Lesekompetenz.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

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Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie lesen gerade einen Text und verstehen ihn. Glückwunsch! Diese Fähigkeit, so unglaublich und traurig es klingen mag, geht unserem Land zunehmend verloren. Vor allem bei Kindern sieht es düster aus: Die heute veröffentlichte Pisa-Studie ergab, dass die Lesekompetenz bei Schülerinnen und Schülern drastisch gesunken ist. 

Unser Tagesthema zeigt: Das ist aber noch nicht alles – auch die Erwachsenen im Land können immer schlechter lesen. 

Dies ist nicht nur für den Wirtschaftsstandort Deutschland ein massives Problem, sondern auch eines für die politische Kompetenz in der Bevölkerung: Wer sich keine komplexen Zusammenhänge aus Texten erschließen kann, sondern nur noch einfache Botschaften aus Tiktok-Videos und Instagram-Reels durchdringt – der wählt dann womöglich entsprechend.

Apropos Wahlen: Wir von CORRECTIV geben jetzt, nach dem Wahlausgang in Sachsen-Anhalt, richtig Gas: Wir beobachten intensiv, was sich in dem Bundesland tut – und wir gehen im Oktober gezielt nach Magdeburg. Wir haben unsere eigene, jährlich stattfindende Lokaljournalisten-Konferenz dorthin verlagert, weil wir dort sein wollen, wo es politisch Not tut. Hier gibt es noch Tickets für alle, die dabei sein wollen.

Damit wir so gut es geht über die Vorgänge in Sachsen-Anhalt und anderswo berichten können, brauchen wir Sie! Wenn Sie können, unterstützen Sie unsere Arbeit. Hier geht es zu unserer aktuellen Kampagne mit dem Titel „Lass uns machen!“

Und jetzt noch die Gewinnerin der Cartoon-Arena von letzter Woche: Miriam Wurster hat diesmal die Karikaturen-Krone geholt, mit 38 Prozent der Stimmen – knapp vor Henning Christiansen (35 Prozent). Herzlichen Glückwunsch! Und hier nochmal der Gewinner-Cartoon:

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Bei Hinweisen zum neuen Pisa-Schock schreiben Sie unserer Bildungsreporterin: alexandra.ringendahl@correctiv.org.

Thema des Tages: Jetzt amtlich: Deutschland wird dümmer

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Was läuft an deutschen Schulen falsch?

Faktencheck: Landtagswahl 2026: Video mit AfD-Stimmzetteln zeigt keinen Wahlbetrug in Sachsen-Anhalt

Gute Sache(n): Veganes mit Fleischtextur zu Hause nachmachen • Was sagen Jugendliche zu der Wahl in Sachsen-Anhalt? • Deutschland kann Safran anbauen

CORRECTIV ganz persönlich: Aus dem Zug Richtung Kyiv schaue ich gen Sachsen-Anhalt

Grafik des Tages: Hat die CDU ein Jugendproblem?

Heute Vormittag wurde die aktuelle Pisa-Studie veröffentlicht (die wichtigsten Ergebnisse sind hier nachzulesen). Das Ergebnis: Deutschland schneidet so schlecht ab wie nie zuvor. Getestet wurden 6.700 15-jährige Schülerinnen und Schüler.

Besonders heikel: die Lesekompetenz
In der Studie heißt es, hier seien „die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen erzielt“ worden – also noch schlechtere als in der ersten Pisa-Studie aus dem Jahr 2000. Sie erinnern sich vielleicht, dass damals die Rede vom „Pisa-Schock“ war. Abgesehen vom Lesen gibt es auch ziemlich große Defizite bei mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen. Aber bleiben wir mal beim Lesen.

Der internationale Vergleich:
Viel besser schnitten in der aktuellen Studie asiatische Länder ab. In China, Taiwan, Korea und Japan können die Jugendlichen deutlich besser den Inhalt von Texten erfassen als bei uns in Deutschland.

Für die deutschen Jugendlichen ergaben die Studientests, dass ein Drittel die Hauptaussage eines mittellangen Textes nicht erfassen kann. Das sind deutlich mehr als bei der Pisa-Studie aus dem Jahr 2022 – da lag dieser Anteil in Deutschland noch bei 25 Prozent.

Aus schlecht lesenden Jugendlichen werden …
… wenig überraschend: schlecht lesende Erwachsene. Hierzu gab es bereits vor zwei Jahren eine alarmierende Untersuchung der OECD. Sie zeigte, dass jede und jeder fünfte erwachsene Deutsche schlecht lesen kann.

Liegt es an der Zuwanderung?
Diese Frage hat mich persönlich natürlich besonders umgetrieben – denn ich habe ja gerade das Buch „Ich bin ja kein Rassist, aber …“ geschrieben. Darin habe ich mir unter anderem angesehen: Belastet die Zuwanderung unser Bildungssystem – wenn ja, wie stark? Und: Was ließe sich dagegen tun? Wenn Sie darüber mehr wissen möchten, können Sie das Buch hier bestellen.

Kleiner Teaser: Etwa jede dritte Schülerin und jeder dritte Schüler, die oder der 2025 eine allgemeinbildende Schule oder eine Berufsschule besuchte, wurde nicht in Deutschland geboren. Im vergangenen Schuljahr mussten mehr Kinder die erste Klasse wiederholen als je zuvor – und der Hauptgrund dafür war, dass immer mehr Kinder im Kita-Alter kein oder kaum Deutsch sprachen. Mehr dazu steht in dieser Recherche des CORRECTIV-Bildungsteams.



Zurück zur Pisa-Studie:
Diese zeigt an dieser Stelle – was mich persönlich überrascht hat – ein differenzierteres Bild: Ob ein Jugendlicher gut oder schlecht liest, hängt deutlich stärker mit anderen Faktoren als mit der Herkunft zusammen. Und zwar mit der sozialen Herkunft – und mit dem Geschlecht:

Mädchen lesen im Durchschnitt deutlich besser als Jungen. Diesen Unterschied gibt es allerdings nicht nur in Deutschland, sondern in der Tendenz überall auf der Welt, wenn auch nicht überall so stark ausgeprägt.

Was ist denn das Hauptproblem?
Sie haben es sich wahrscheinlich schon gedacht: Die Jugendlichen daddeln lieber an ihren Handys als die Nase in ein Buch zu stecken. „Digitale Ablenkung“ heißt das in der Fachsprache der Pisa-Studie. 

Abgelenkt werden die Schülerinnen und Schüler allerdings nicht nur zu Hause, sondern auch im Unterricht. In der Studienzusammenfassung heißt es:

„Handyverbote gehen dabei mit weniger Ablenkung einher: Schülerinnen und Schüler an Schulen, an denen Handys auf dem Schulgelände verboten sind, berichten mit einer um rund 22 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit von digitaler Ablenkung. 64 Prozent der Jugendlichen in Deutschland besuchen inzwischen Schulen mit einem solchen Verbot, im OECD-Durchschnitt sind es 49 Prozent.“

Wäre ein Handyverbot sinnvoll?
Vielleicht könnte Frankreich hier ein Vorbild für Deutschland sein: Dort gilt seit Anfang September ein landesweites komplettes Handyverbot an Schulen – selbst für die Oberstufe. Bei uns ist das allerdings kniffelig, denn Schulpolitik ist ja Bundesländersache. Doch auch hier haben erste Bundesländer wie Hessen, Schleswig-Holstein (seit dem Schuljahr 2025/26) und Rheinland-Pfalz (ab Februar 2027) Handynutzungsverbote an den Schulen erlassen.

Haushaltswoche in Berlin 
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hat den Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vorgestellt. Geplant sind Ausgaben von rund 555 Milliarden Euro – sechs Prozent mehr als im laufenden Jahr. Der Bund will dafür 200 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen. Die Regierung begründet die Rekordverschuldung mit globalen Krisen und Konflikten, die das Wirtschaftswachstum bremsen. Scharfe Kritik erntete Klingbeil für die geplante Umverteilung von drei Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds in den regulären Haushalt. 
deutschlandfunk.de

Wagenknecht offen für Zusammenarbeit mit AfD
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt hat sich BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht offen für eine Zusammenarbeit mit der AfD gezeigt. Sie schränkte jedoch ein, dass ihre Partei viele Positionen der AfD nicht teile. Wagenknecht erneuerte den Vorschlag, einen überparteilichen Ministerpräsidenten zu stellen – ein Modell, das die AfD ablehnt. 
zeit.de

Mutmaßlicher Strom-Saboteur festgenommen
Die Polizei hat bei Aachen den Mann festgenommen, der für Sabotage am Stromnetz an mehreren Orten verantwortlich sein soll. Nach Polizeiangaben hatte Daniel V. bei seiner Festnahme weitere Sprengmittel dabei und leistete keinen Widerstand.
tagesspiegel.de

Briefwahl Sachsen-Anhalt im September 2026
Wahlhelfer sortieren Briefwahlumschläge für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (Quelle: Heiko Rebsch / DPA / Picture Alliance)

So geht’s auch 
Forscher der ETH Zürich haben aus Hülsenfrüchten und Kälte ein faseriges, bissfestes Gelee entwickelt, das Fleischersatz eine täuschend echte Textur verleihen könnte. Sie pürierten Hülsenfrüchte mit Wasser, erhitzten die Mischung zu Gelee und froren sie einseitig an. Dabei wuchsen Eiskristalle in eine Richtung und hinterließen beim Auftauen eine Faserstruktur. Die Methode lässt sich auch zu Hause nachmachen – eine Anleitung finden Sie unter dem folgenden Link.
utopia.de

Endlich verständlich 
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat auch diejenigen bewegt, die noch gar nicht wählen dürfen. Unsere Jugendredaktion Salon5 hat junge Stimmen aus der Region gesammelt. Die Jugendlichen erzählen von Hoffnung, Angst und der Wut darüber, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner nun als rechtsextrem abgestempelt werden. Ihre Zitate gibt es in diesem Instagram-Post. 
instagram.com

Fundstück 
Die Erderwärmung stellt auch Europa und Deutschland vor riesige Probleme, wie nicht zuletzt der vergangene Sommer gezeigt hat. Da klingt diese Nachricht schon reichlich kurios: Angesichts des Temperaturanstiegs soll Safrananbau in Deutschland möglich werden. Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt (SPD) hält die sandigen Böden der Lausitz für geeignete Standorte. In Sachsen, Thüringen und der Pfalz wird bereits jetzt Safran angebaut. Das Gewürz gehört zu den wertvollsten der Welt und wird überwiegend in Regionen wie Iran und Afghanistan produziert.
deutschlandfunk.de


Der Nachtzug nähert sich Kyiv. Es ist Morgen. Die Sonne scheint, der Himmel strahlt blau, und die weiten Felder, die am Zug vorbeiziehen, sind bereit für die Ernte. Im Viererabteil rufe ich die Webseite der Kyiv Post auf. Diesmal funktioniert das Netz, und ich sehe ein Foto, das aus dem „Hotel Ukraine“ aufgenommen wurde. Rauchwolken steigen aus dem Zentrum der Stadt auf. Nach einer kurzen Feuerpause für die Verhandlungskommission der Trump-Vermittler in Moskau und Kyiv attackiert Russland erneut die ukrainische Hauptstadt. 

Seit meinem letzten Besuch im April hat sich die Lage verschärft. Die Luftangriffe mit ballistischen Raketen und Drohnen sind seit dem Sommer intensiver geworden und machen auch vor dem Zentrum nicht halt. Ich habe einen Schlafsack im Rucksack, denn ich werde wohl nachts im Keller des jeweiligen Hotels übernachten müssen. Neben den Nachrichten aus Kyiv sehe ich die triumphierenden Gesichter der Wahlsieger in Sachsen-Anhalt.

Am Sonntag haben im ostdeutschen Bundesland bei den Landtagswahlen die AfD und die BSW zusammen 50 Prozent der Stimmen erhalten, die mit ihrer Nähe zu Wladimir Putin und Russland Wahlkampf gemacht haben. Sie wollen die Hilfe für die Ukraine einstellen und den Widerstand der Menschen dort verächtlich machen. Nicht umsonst haben sich sowohl Putin als auch Donald Trump über den Wahlsieg gefreut. Besonders bleibt mir ein bösartiges Plakat der BSW in Erinnerung, das den ukrainischen Präsidenten als habgierige Fratze zeigte, die um Geld bettelt. Doch das Problem beschränkt sich nicht nur auf Ostdeutschland. 

Publizisten aus dem bürgerlich-rechten Umfeld feiern republikweit den Sieg und die Ohrfeige, die das verhasste Establishment erhalten hat. Eine Sehnsucht nach Kettensäge und Disruption zieht durch das Land, ausgehend von Menschen, die am meisten von der liberalen Demokratie in der Bundesrepublik profitiert haben. 

Ich muss die Arbeit an diesem Text unterbrechen, da wir wegen Luftalarm den Zug verlassen und uns unter den Bäumen am Gleisverlauf in Sicherheit bringen müssen. Nach einer halben Stunde geht es weiter.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt, Elena Müller und Alexandra Ringendahl.