Klimawandel

Klimakrise oder Wetter: Ist der Hitzesommer 2026 das neue „Normal“?

Deutschland wird wärmer. Hitzewellen und Dürren nehmen zu – gleichzeitig verschiebt sich unser Gefühl dafür, was „normal“ ist. Was zeigen die Daten? Wie stark hat sich Deutschland bereits verändert? Ein Überblick.

von Katarina Huth, Annika Joeres, Gesa Steeger

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Am Rhein wurden in diesem Sommer Rekordtiefstände gemessen. Foto: Lennard Birmanns / Philipp Schulte CORRECTIV)

Ausgetrocknete Flüsse, Tausende Hitzetote, Waldbrände und kaum Regen: der Sommer 2026 war extrem. Doch er war kein Ausreißer. Was früher als Ausnahme galt, ist in Deutschland zunehmend neue Realität. 

Gleichzeitig verschiebt sich unser Gefühl dafür, was eigentlich noch „normal“ ist. Viele fragen sich: War es früher nicht auch schon heiß? Gab es nicht immer schon trockene Flüsse und hohe Temperaturen?

In der Wissenschaft gibt es dafür einen Begriff: das „Shifting Baseline Syndrom“. Wir erinnern uns schlecht an das Wetter vergangener Jahrzehnte. Ein Sommer, der 1990 noch als außergewöhnlich heiß galt, kann uns heute vergleichsweise mild erscheinen.

CORRECTIV zeigt, wo wir in der Klimakrise stehen, wie außergewöhnlich der Sommer 2026 tatsächlich war – und stellt die Frage nach politischer Verantwortung. 

Zu Beginn ein Blick in die Daten: Schauen Sie in unserer Grafik nach, welche Hitze-Rekorde wir in den vergangenen Jahrzehnten bereits gerissen haben – und wie stark die Temperaturen tatsächlich gestiegen sind. 

Deutschland wird wärmer – was hat das mit dem Klima zu tun?

Die Zahlen des Deutschen Wetterdienstes sind eindeutig: Deutschland wird wärmer, Extremtemperaturen häufen sich. Das ist kein Zufall und lässt sich nicht allein mit natürlichen Wetterschwankungen erklären. Die Ursache ist vor allem die menschengemachte Klimakrise: Durch den Ausstoß von Treibhausgasen – etwa von Kohlekraftwerken, beim Autofahren, durch konventionelle Tierhaltung – erwärmt sich die Atmosphäre – und damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit für extreme Hitze.

Ist der Sommer 2026 – mit Hitze, Waldbränden und Niedrigwasser – das „neue Normal“?

Nein, was wir heute als extrem erleben, ist kein Dauerzustand. Solange sich die Erde weiter erhitzt, verschieben sich auch die Extreme: Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen werden häufiger und heißer, Dürren länger und Niedrigwasser ausgesprägter. Was uns heute als außergewöhnlicher Hitzesommer in Erinnerung bleibt, könnte in einigen Jahrzehnten ein vergleichsweise normaler Sommer sein – während die dann extremen Sommer noch deutlich heißer ausfallen.

Ist der Sommer 2026 – mit Hitze, Waldbränden und Niedrigwasser – das „neue Normal“?

Nein, was wir heute als extrem erleben, ist kein Dauerzustand. Solange sich die Erde weiter erhitzt, verschieben sich auch die Extreme: Folgen des Klimawandels wie Hitzewellen werden häufiger und heißer, Dürren länger und Niedrigwasser ausgesprägter. Was uns heute als außergewöhnlicher Hitzesommer in Erinnerung bleibt, könnte in einigen Jahrzehnten ein vergleichsweise normaler Sommer sein – während die dann extremen Sommer noch deutlich heißer ausfallen.

Reagiert die Politik in Deutschland angemessen auf die Situation?

Nein, bisher nicht. Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass Deutschland sein Klimaziel für 2030 mit den derzeitigen Maßnahmen verfehlen dürfte. Auch die Klimaneutralität bis 2045 ist demnach gefährdet. Spätestens bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein. Ab dann dürften nur noch unvermeidbare Treibhausgase ausgestoßen werden, die an anderer Stelle wieder ausgeglichen werden – etwa durch natürliche Kohlenstoffspeicher wie Moore oder durch technische Verfahren, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen.

Das Bundesverfassungsgericht hat zwar 2021 klargestellt, dass der Staat wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen muss, damit auch künftige Generationen in einer lebenswerten Umwelt leben können. Doch bei der Umsetzung hapert es: Vor allem in den Bereichen Verkehr und Gebäude kommt der Klimaschutz nur langsam voran. 

Die aktuelle Bundesregierung agiert widersprüchlich in ihrer Klimapolitik, wie eine Recherche von CORRECTIV zeigt. Zwar hat sie ein Klimaschutzprogramm mit 67 Maßnahmen beschlossen. Doch der Klimawissenschaftler Niklas Höhne vom NewClimate Institute kritisiert das Paket: Statt eines Gesamtkonzepts handle es sich um einen Flickenteppich mit sich widersprechenden Maßnahmen. Gleichzeitig setzt sie stärker auf Erdgas, bremst beim Ausbau erneuerbarer Energien und erleichtert teilweise die Nutzung fossiler Energie. 

Ist Klimaschutz teuer?

Ja, aber nicht vorzusorgen kann deutlich teurer werden. Schon heute verursacht die Klimakrise erhebliche Schäden: Zwischen 2000 und 2021 wurden laut Bundesumweltministerium Schäden durch Extremwetter in Höhe von rund 145 Milliarden Euro erfasst. Allein seit 2018 waren es etwa 80 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: Der Ariadne-Report – an dem 27 Forschungsinstitute mitgewirkt haben, unter anderem das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) – beziffert die notwendigen Investitionen für Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 durchschnittlich auf 116 Milliarden bis 131 Milliarden Euro pro Jahr.

Klimaschutz ist also teuer. Aber auch die Klimakrise hat einen Preis. Wer heute zu wenig investiert, riskiert, später deutlich mehr für Schäden und Klimaanpassungen – wie Hitze- oder Hochwasserschutz ausgeben – zu müssen.

Warum herrscht Dürre, obwohl es zwischendurch (heftig) regnet?

Regen bedeutet nicht automatisch, dass die Dürre vorbei ist. Entscheidend ist, wie viel Regen fällt, wo und zu welcher Zeit. Im Frühjahr nehmen Pflanzen einen großen Teil des Wassers auf – und der Boden bleibt trocken. 

Hinzu kommt: Bei höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser aus Böden, Pflanzen und Gewässern. Nach längerer Trockenheit kann heftiger Regen zudem schnell oberflächlich abfließen, statt langsam in tiefere Bodenschichten zu gelangen.

Für Deutschland wird eine Verschiebung der Niederschläge vom Sommer in den Winter erwartet. Im Sommer steht damit tendenziell weniger Wasser zur Verfügung – gerade dann, wenn der Bedarf zum Beispiel an Kühlwasser für Kraftwerke besonders hoch ist..

Kann in Deutschland wirklich das Wasser knapp werden?

Wasser kann regional und zeitweise knapp werden – und das passiert bereits. Eine Recherche von CORRECTIV zeigt, dass trockene Jahre und sinkende Grundwasserstände zunehmend zum Problem werden. Besonders kritisch: Grundwasser füllt sich nur langsam wieder auf. Ein paar Regentage reichen deshalb nicht unbedingt aus, um ein längerfristiges Defizit auszugleichen.

Wenn Wasser knapp wird, konkurrieren Landwirtschaft, Industrie, Energieversorgung, Haushalte und Natur darum. Das Umweltbundesamt (UBA) rechnet deshalb künftig mit zunehmenden Konflikten um die Nutzung von Wasser. Das belegen auch Recherchen von CORRECTIV.

Wieso ist Hitze so gefährlich und für wen? 

Hitze kann lebensgefährlich sein – besonders für vulnerable Menschen. Hitze belastet das Herz-Kreislauf-System und erschwert dem Körper, seine Temperatur zu regulieren. Besonders betroffen sind unter anderem ältere Menschen, chronisch Kranke, Säuglinge und Kleinkinder sowie Menschen, die draußen arbeiten oder sich kaum vor Hitze schützen können. In Deutschland ist mehr als jeder Zehnte gefährdet. Besonders problematisch sind warme Nächte, weil der Körper sich nicht erholen kann.

Wie viele Menschen durch Hitze sterben, steht nicht direkt auf den Totenscheinen. Dort taucht Hitze selten als unmittelbare Todesursache auf. Das Robert-Koch-Institut, kurz RKI, schätzt die Zahl der Hitzetoten deshalb anhand der sogenannten Übersterblichkeit während Hitzeperioden.


Redaktion und Faktencheck: Martin Böhmer

Datenanalyse und Visualisierung: Rose Mintzer-Sweeney