Missbrauch: Was die Kirchenchefs wussten
In unserem Rechercheprojekt „Akten des Missbrauchs“ sind wir auf weitere Dokumente gestoßen. Sie bestätigen, dass die Kirchenoberen vom sexuellen Missbrauch durch Priester wussten.

Liebe Leserinnen und Leser,
der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche geht weiter und weiter, er zieht immer größere Kreise. Unser Rechercheteam hat noch weitere Dokumente aus dem Inneren der katholischen Kirche bekommen. Und die zeigen noch einmal eindrücklich, wie viel die Kirchenoberen vom sexuellen Missbrauch durch Priester wussten. Mehr dazu im Thema des Tages.
Dazu empfehle ich Ihnen auch die aktuelle Fun Facts-Folge – auch dort geht es um unsere „Akten des Missbrauchs“-Recherche.
Außerdem heute wichtig: Die Bundesregierung hat heute ihr neues Klimaschutzprogramm vorgelegt – weil sie unter Druck stand, dies zu tun. Es geht dabei um die Frage, wie wir bis 2045 Klimaneutralität erreichen können. Morgen wird es darum im SPOTLIGHT ausführlicher gehen.
Und noch eine schöne Meldung in eigener Sache: Wir bekommen wieder mal Verstärkung in unserem Rechercheteam – durch den bekannten Investigativjournalisten Martin Murphy. Er war viele Jahre beim Handelsblatt (und zuletzt als Leiter der investigativen Recherchen bei der BILD). Mehr steht hier.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Schreiben Sie mir wie immer gern, wenn Sie Anregungen haben: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Missbrauch: Was die Kirchenchefs wussten
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Max Uthoff über geheime Vatikan-Akten
CORRECTIV ganz persönlich: Verein veröffentlicht Sachstand zu Gewalt im Sport
Für das Projekt „Akten des Missbrauchs“ war unser Reporterteam in mehreren Ländern unterwegs und hat dort Informationen zusammengetragen. Es ging darum, aus vielen kleinen Informations-Steinchen ein Mosaik zusammenzutragen: Wie viel wussten die katholischen Kirchenoberen bis hinauf in den Vatikan wirklich über die vielen Missbrauchsfälle weltweit?
Die Recherche entwickelt sich nun immer weiter. Heute haben wir eine neue Story dazu veröffentlicht: Wir haben weitere wichtige Vatikan-Dokumente erhalten.

Das wichtigste neue Ergebnis:
Die nun aufgetauchten Briefe zeigen vor allem, wie tief Joseph Kardinal Ratzinger in die Sache verstrickt war, der spätere Papst Benedikt XVI.
Die Briefe bestätigen, dass Ratzinger und andere Kirchenobere nicht nur vom sexuellen Missbrauch durch Priester wussten – sondern sie sogar geheim hielten. Verantwortliche im Vatikan entschieden, wie mit den Tätern umzugehen sei: Teils wurden Fälle über Jahre verschleppt, Strafen wieder aufgehoben und der Wiedereinsatz von verurteilten Tätern ermöglicht.
Vier dieser Briefe hat Ratzinger selbst unterschrieben.
Ein besonders brisanter Fall:
Im Jahr 1986 entschied Ratzinger, damals Leiter der Glaubenskongregation im Vatikan, dass der damalige Priester Peter H. die Messe mit Traubensaft statt Wein zelebrieren dürfe.
Warum? Weil Peter H. ein verurteilter Sexualstraftäter war. Er hatte in Essen Kinder missbraucht – die Kirche hatte ihn deshalb schon 1980 nach München versetzt. (Wir berichteten zum Beispiel hier.)
Sechs Jahre später nun gab es Hinweise auf weitere derartige Probleme mit Priester H. Die Verantwortlichen in der Kirche fanden offenbar, dass man ihm besser keinen Alkohol geben dürfe, weil er dann noch übergriffiger zu werden schien. Die Lösung bestand für Ratzinger darin: Priester H. sollte beim Feiern der Messe besser nur noch Traubensaft statt Wein trinken.
Diese Erlaubnis ermöglichte es der katholischen Kirche, H. wieder in einer Gemeinde einzusetzen. Dort hat er später erneut Jungen missbraucht.
Und nun zeigt ein weiterer Brief, den unser Rechercheteam erhalten hat: Einen ganz ähnlichen Freischein erhielt auch ein Priester in den USA.
Bemerkenswert ist auch, dass diese Briefe keine Protokollnummern erhielten, mit denen die katholische Kirche solche Vorgänge normalerweise intern dokumentierte. Dies weist darauf hin, dass die brisanten Briefe lieber geheim bleiben sollten.
Sie haben Hinweise zum Thema?
Dann schreiben Sie unserer Reporterin: anna.kassin@correctiv.org.
Israel kündigt Besetzung des Südlibanon an
Nach Angaben des israelischen Verteidigungsministers Israel Katz soll so eine Pufferzone entstehen, die rund einem Zehntel des Landes entspricht. Hunderttausende sind bereits aus der Region geflüchtet. Die Hisbollah-Miliz hatte durch wiederholte Angriffe auf Israel den Libanon mit in den Nahostkrieg gezogen.
taz.de
Drohne trifft Kraftwerk in Estland
Eine Drohne hat ein Kraftwerk in Estland getroffen. Nach estnischen Angaben drang sie aus dem russischen Luftraum in das Nato-Land ein. Auch in Lettland wurde der Absturz einer Drohne gemeldet. Ob es sich bei den Fluggeräten um russische oder ukrainische Drohnen handelt, war lange unklar.
welt.de / tagesschau.de
Saarländische AfD: Nachlässiger Umgang mit Steuergeld
Die Saar-AfD-Fraktion ging nachlässiger mit Steuergeld um als bisher bekannt. Dies geht aus einem Prüfbericht des Landesrechnungshofs zu den Finanzen der Fraktion von 2020 bis 2023 hervor. Der Bericht nennt eine überbeanspruchte Handkasse, fehlende Ausgabenkontrolle sowie fragwürdige Warenbestellungen.
sr.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

Nach CORRECTIV-Recherche zu Phishing-Attacke: Innenpolitiker sehen Defizite im Umgang mit hybriden Bedrohungen Russlands
Nach einer CORRECTIV-Recherche zu einer Phishing-Attacke auf Politiker, Beamte und Journalisten über den Messengerdienst Signal äußern sich Innenpolitiker aus dem Bundestag. Sie fordern Schritte, um gegen hybride Angriffe Russlands besser gewappnet zu sein. Die CDU verweist auf geplante Gesetzesvorhaben. Die Grünen üben deutliche Kritik an der Bundesregierung.
correctiv.org

In dieser Folge spricht Max Uthoff über Collien Fernandes und Christian Ulmen, erklärt, was Verdachtsberichterstattung ist und was es mit der CORRECTIV-Recherche „Akten des Missbrauchs“ auf sich hat.
tube.funfacts.de

Online macht ein Nutzer mit einer Grafik Stimmung gegen die EU. Diese habe 2024 mehr durch Strafen gegen US-Tech-Konzerne eingenommen als durch Steuern von europäischen Tech-Unternehmen. Das ergibt wenig Sinn, denn die EU erhebt keine Steuern.
correctiv.org
Endlich verständlich
Steuerentlastungen für den Mittelstand, veränderte Mehrwertsteuer, Änderungen beim Ehegattensplitting – aktuell diskutiert die Bundesregierung über mögliche Steuerreformen. T-Online gibt den Überblick über die verschiedenen Ansätze:
t-online.de
So geht’s auch
Weniger Beton, mehr Grün: Hamburg ruft in einem Wettbewerb dazu auf, Flächen zu entsiegeln. Dadurch soll sich das Stadtklima verbessern und mehr Lebensraum für Pflanzen und Tiere entstehen. Der Wettbewerb findet zum zweiten Mal statt. Dass in großen Städten zu wenig Fläche entsiegelt wird, hatte CORRECTIV auch am Beispiel Hamburg vor einiger Zeit mit Hilfe von Satellitendaten zeigen können.
ndr.de
Fundstück
In der Lübecker Bucht ist vor wenigen Tagen ein Buckelwal gestrandet. Seitdem laufen Rettungsaktionen. Diese gestalten sich schwierig – doch die Helfenden versuchen es unermüdlich weiter. Hier können Sie mehr dazu erfahren:
ndr.de / stern.de (Newsblog)
Vor einigen Wochen sprach ich mit der Mutter eines jungen Fußballers. Sie erzählte mir von einem Mann im Verein ihres Sohnes, der sich jungen Spielern auf unangebrachte Weise näherte. Sie befürchtete, dass es nicht bei diesen Grenzverletzungen bleiben würde, und wollte handeln, wusste aber nicht wie. Nachdem ein Gespräch mit dem Vereinsvorstand erfolglos geblieben war, wandte sie sich an Safe Sport.
Das war einer von 236 Hilfegesuchen aus dem vergangenen Jahr, die bei der unabhängigen Ansprechstelle Safe Sport e.V gelandet sind. Der Verein berät seit 2023 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die im Sport von Gewalt betroffen sind. Der Verein wurde 2022 bei der Sportministerkonferenz gegründet. Vergangene Woche haben sie ihren Jahresbericht veröffentlicht.
Über zwei Drittel der Anfragen, die von Betroffenen gestellt werden, kommen von Mädchen und Frauen. Der überwiegende Teil war zum Zeitpunkt der Gewalterfahrungen unter 18. Die Tatverdächtigen sind laut Bericht überwiegend Männer (84 Prozent) und in der Mehrheit als Trainer aktiv (in 77 Prozent der Anfragen).
In dem Bericht werden verschiedene Gewaltformen erfasst – darunter körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt. Bei den Beratungsanfragen dominiert psychische Gewalt – wobei diese im Spitzensport signifikant häufiger vorkommt. Dagegen beziehen sich über die Hälfte der Beratungsanfragen im Breitensport auf sexualisierte Gewalt.
Im Fall der Mutter des Fußballers geht es um Vorwürfe sexualisierter Gewalt: Der tatverdächtige Mann suchte vor allem über Social Media Kontakt zu jungen Fußballern – ein Muster, das mir in den Recherchen zu Gewalt im Sport auffällt. Diese zunehmenden Grenzverletzungen im digitalen Raum beobachtet auch Safe Sport und führt „digitale Gewalt“ seit dem neusten Bericht gesondert auf. Den gesamten Bericht können Sie hier lesen.

Deutschlandweit wollen immer weniger junge Menschen ihren Berufsweg bei der Polizei einschlagen. Zudem fallen viele durch die Aufnahmetests, andere brechen die Ausbildung ab. Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt. Die Grafik des Tages zeigt Bundesländer, in denen die Bewerberzahlen bei den Polizei-Ausbildungsstätten am meisten gesunken sind – und die beiden Länder, in denen die Zahlen gestiegen sind.
Was dieser Trend für die Polizei bedeutet, zeigt diese letzte Woche erschienene CORRECTIV-Recherche:
correctiv.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt und Jule Scharun.
CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir finanzieren unsere Recherchen durch Spenden. Helfen Sie uns jetzt mit Ihrer Spende, damit wir Desinformation entlarven und Netzwerke sichtbar machen können.


