Putin in Panik

Das autoritäre russische Regime schneidet seine Bürger immer weiter von Informationen ab, und Putin verschanzt sich. Was in Russland los ist.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

Russlands Präsident Wladimir Putin hat offenbar große Angst vor einem Verlust von Macht und Kontrolle über „sein“ Land – deshalb verschanzt er sich – und schneidet das russische Volk immer weiter von unabhängigen Informationen ab. Unser russisches Partnermedium iStories hat zur aktuellen Lage in Russland recherchiert. Was dort los ist (und was das mit uns hier in Deutschland zu tun hat), steht heute im Thema des Tages.

Außerdem im SPOTLIGHT: Unsere Sparte CORRECTIV.Exile, in der Exiljournalistinnen und -journalisten (unter anderem aus Russland) arbeiten, hat ein wichtiges neues Projekt gestartet: Kara Kutu. Die Idee ist, ein Archiv für das Wissen der Welt zu schaffen, das im Internet gespeichert ist – damit autoritäre Staaten die Geschichte nicht zu ihren Gunsten umschreiben können. Vor allem geht es um die Türkei, perspektivisch aber eben auch um Russland. Mehr dazu steht hier.

Ich hoffe, Sie hatten einen guten Start in die Woche! Schicken Sie gern wieder Ihre Vorschläge für die „Leserfrage der Woche“ an unseren Leserreporter: tristan.devigne@correctiv.org.

Thema des Tages: Putin in Panik

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Wo Russland an seine Grenzen kommt • Spannungen in Putins Machtapparat – Angst vor Attentaten und Putschversuchen

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wie Flüssiggas Wale attackiert

Faktencheck: Doch, Schwedens König schüttelte Wolodymyr Selenskyjs Hand

Gute Sache(n): Chefökonom bezeichnet Jens Spahns Überlegung zu Atomenergie als unsinnig • Italienischer Zugbetreiber will DB Konkurrenz machen • Neue Therapieansätze bei Bauchspeicheldrüsenkrebs

CORRECTIV ganz persönlich: Eine Schwarze Box gegen das Vergessen

Grafik des Tages: Der Referendum-Widerspruch

Laut einem Geheimdienst-Bericht eines EU-Staates hat Russlands Präsident Wladimir Putin zunehmend Angst vor Attentaten und Putschversuchen. Foto: Russian Foreign Ministry'S Offic/APA Images via ZUMA Press Wire
Laut einem Geheimdienst-Bericht eines EU-Staates hat Russlands Präsident Wladimir Putin zunehmend Angst vor Attentaten und Putschversuchen. Foto: Russian Foreign Ministry’S Offic/APA Images via ZUMA Press Wire

Darum geht es:
Schon seit März haben Putin und sein Führungsstab anscheinend große Sorge, dass ein Staatsstreich oder ein Attentat gegen Putin geplant werden könnte. Deshalb hat der Föderale Sicherheitsdienst (FSO), der für den Schutz der höchsten Amtsträger Russlands verantwortlich ist, die Sicherheitsmaßnahmen um den Machthaber erheblich verschärft. Putin hält sich derzeit viel in Bunkern auf, schreiben die Kollegen.

Es gibt demnach auch große Querelen der russischen Sicherheitsbehörden untereinander – sie schieben sich gegenseitig die Schuld für Sicherheitslücken zu.

Putins Einfluss bröckelt …
… auch in der Nachbarregion Kaukasus. Wo nach Beginn von Russlands Invasion in die Ukraine noch große Furcht vor Putin herrschte, findet momentan ein EU-Treffen von Staats- und Regierungschefs statt. Auch der ukrainische Präsident Selenskij ist vor Ort – während Putin sich daheim verbuddelt hat. Dazu hat unsere Reporterin Silvia Stöber heute einen lesenswerten Report veröffentlicht.

Abschneiden von Informationen:
Weil die Nervosität in der russischen Führung so groß ist, schränkt sie auch den Zugang des Volks zu Informationen immer weiter ein. 

Zum Beispiel: Unser eben schon erwähnter Partner iStories, der investigative Recherchen über Putin und seine Führungsmannschaft macht, wird gerade von der staatlichen Aufsichtsbehörde Roskomnadzor angegangen: Sie will dafür sorgen, dass Apple und Google die iStories-App aus ihren Stores entfernt. Mehr dazu haben wir hier aufgeschrieben.

Es ist bei Weitem nicht das einzige Zensur-Instrument:
Putins Regime ist gerade dabei, Russland immer stärker vom globalen Internet abzutrennen. Darüber berichtet aktuell unter anderem die Tagesschau, die schreibt, Putin baue hier gerade einen neuen „Eisernen Vorhang“.

Konkret sieht das so aus: 

  • Immer mehr Exil-Medien werden geblockt.
  • Facebook und Instagram wurden als „extremistisch“ eingestuft, ihre Dienste wurden weitgehend verboten oder blockiert.
  • Der Messengerdienst Whatsapp wurde gesperrt, der Dienst Telegram stark gedrosselt.
  • In zahlreichen Regionen Russlands wurde und wird seit dem vergangenen Jahr immer wieder das mobile Internet abgeschaltet.

Stattdessen werden die Menschen dazu angehalten, einen staatsfinanzierten Dienst namens MAX zu nutzen. Die Folge ist, dass viele Bürgerinnen und Bürger des Landes (fast) nur noch Zugang zu kremltreuer Berichterstattung haben. 

Viele versuchen, dies durch die Nutzung von VPNs zu umgehen: Das sind verschlüsselte, private Verbindungen, die einen sogenannten „Tunnel“ durch das öffentliche Internet graben – aber auch dagegen geht die russische Regierung vor.

Was das mit uns zu tun hat:
Die Einschränkungen betreffen zum einen viele Russinnen und Russen, die in Deutschland leben – das sind etwa 300.000 Menschen. Für sie wird es immer schwieriger, mit ihren Angehörigen zu Hause zu kommunizieren.

Trump will mehr als 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abziehen
US-Präsident Donald Trump plant, mehr als die vorgesehenen 5000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Zudem soll Deutschland keine Mittelstreckenraketen zur Abschreckung erhalten. Zwei führende Republikaner kritisieren diese Entscheidungen: Sie schwächten die Abschreckung und sendeten ein falsches Signal an den russischen Präsidenten Putin.
tagesspiegel.de

Dobrindt will Grenzkontrollen beibehalten
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will die Kontrollen an den EU-Binnengrenzen fortsetzen. Rechtlich sind diese Maßnahmen umstritten. Ein Berliner Verwaltungsgericht entschied 2025, dass Deutschland Geflüchtete nicht einfach zurückweisen darf. Im April stellten knapp ein Drittel weniger Menschen einen Asylantrag als im Vorjahresmonat. Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) kritisiert die Verlängerung der Grenzkontrollen.
fr.de

8. Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft in der armenischen Hauptstadt Jerewan

Spannungen in Putins Machtapparat – Angst vor Attentaten und Putschversuchen
Laut einem EU-Geheimdienst befürchtet Russlands Machthaber Putin Attentats- und Putschversuche gegen sich. Angesichts der Sicherheitslage gebe es zudem wachsende Spannungen zwischen den Sicherheitsdiensten, berichtet das unabhängige russische Investigativmedium iStories, Kooperationspartner von CORRECTIV, mit Bezug auf ein Dokument des Geheimdienstes.
correctiv.org

Anders als in pro-russischer Desinformation behauptet wird, schüttelte der schwedische König Carl Gustaf bei einem Treffen am 17. April 2026 in Lwiw, Ukraine, die Hand von Wolodymyr Selenskyj (Foto: ABACA / Picture Alliance)

So geht’s auch
Der italienische Zugbetreiber Italo will in den nächsten Jahren eine eigene Flotte von Hochgeschwindigkeitszügen in Deutschland einsetzen. Geplant sind 30 Züge. Der wachsende Wettbewerb soll das Angebot hierzulande verbessern. In Italien hat Italo die Zahl der Bahnreisenden vervielfacht und die Ticketpreise im Schnitt um 40 Prozent gesenkt. Zunächst sind 56 tägliche Verbindungen vorgesehen. Die Strecke München–Köln–Dortmund soll stündlich, die Strecke München–Berlin–Hamburg alle zwei Stunden bedient werden.
zeit.de

Fundstück
Neue Ansätze wecken Hoffnung, die Überlebenschancen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs zu verbessern. Besonders im Fokus steht eine Tablette, die ein Protein blockiert, das Krebszellen zur Vermehrung anregt. Eine klinische Studie zeigt: Patienten, die mit dem Wirkstoff Daraxonrasib behandelt wurden, lebten im Median 13,2 Monate. Mit einer Chemotherapie sind es 6,7 Monate.
fr.de


Kara Kutu ist ein Civic-Tech-Projekt, das zensierte Online-Artikel aus der Türkei archiviert und für alle überall zugänglich macht – auch in der Türkei. Die Plattform ist auf einer Blockchain aufgebaut, einem dezentralen System, das keine Regierung sperren und keine Behörde abschalten kann. Denn die türkische Zensur reicht weiter, als die meisten denken. Es geht nicht nur darum, politische Korruption oder Staatsgeheimnisse zu verbergen. Das System verschweigt auch Berichte über Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Frauen, schützt Prominente und Unternehmen. Das wollen wir ändern. 

Über ein Jahr lang habe ich mit dem türkischen Entwickler Baris Paksoy gearbeitet. Er hat aus erster Hand erlebt, was es bedeutet, wenn Artikel zensiert werden. Seine feste Überzeugung einer Informationsfreiheit für jeden wurde zum Fundament des Projekts. 

Quelle: KIIS survey, April 2014

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Elena Müller und Finn Schöneck.