„Remigration“ harmlos?

Ein Berliner Gericht findet das „Remigrations“-Konzept Sellners harmlos und einige Kommentatoren freuen sich. Über ein Urteil, das vielen Gerichten widerspricht.

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Autor Bild Justus von Daniels

Ein Gericht findet das harmlos
Leider nicht, denn vielleicht haben Sie es in den vergangenen Tagen gelesen: Ein Berliner Gericht hat über unsere Geheimplan-Recherche von 2024 entschieden, dass wir dort zwei Passagen ändern müssten. 

Einige Medien berichteten daraufhin in schrillem Ton, dass unsere Recherche ja wohl in sich zusammenfalle. Ob man darin nun Schadenfreude erkennen will, sei mal dahingestellt. Jedenfalls bedienen sie ein Narrativ, das vor allem darauf abzielt, die rechtsextremen Pläne zu verharmlosen – immer in Form eines Kommentars statt einer ausgewogenen Auseinandersetzung.

Die Begründung der Berliner Richter gibt dem das nötige Futter. „Eine bloße Motivation für Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit zur Ausreise“ steht in dem Urteil über das Konzept des Rechtsextremisten Sellner, wie er es in Potsdam vorgetragen habe. Die Klägerin, eine Teilnehmerin des Treffens und AfD-Bundestagsabgeordnete, habe darin zulässigerweise CDU-nahe Positionen erkennen dürfen. 

Herber Schlag, denn selbst die AfD sucht Distanz zu Sellner
Diese Zuschreibung ist schon herber ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die sich mit Sellner und seinem völkischen Konzept auseinandersetzen. Nicht nur das Bundesverwaltungsgericht erkannte das Konzept, so wie Sellner es in Potsdam vorgetragen hatte, als „menschenwürdewidrig“ (sehr klar in der Welt). Auch andere Gerichte haben es regelmäßig als verfassungswidrig bezeichnet, auch deutsche Staatsbürger mit „maßgeschneiderten Gesetzen“ und „Anpassungsdruck“ aus dem Land zu vertreiben. Selbst in der AfD distanzieren sie sich immer wieder von Sellner (dazu die Zeit), der an anderer Stelle auch klar gesagt hat, wie viele Staatsbürger er denn meint: fünf bis sechs Millionen kämen infrage.

Im Dezember vergangenen Jahres hatte das Landgericht Hamburg über unsere Recherche in zwei Verfahren klar geurteilt, dass wir auf Basis der berichteten Fakten ebenso schlussfolgern dürften, dass es um einen verfassungswidrigen Plan gegangen sei.

Und jetzt spricht ein anderes Gericht von einer „bloßen Motivation“, die Sellner hervorrufen will? Als ob ein konspiratives Treffen mit der Teilnahme eines der damals schon prominentesten Köpfe des rechtsextremen Vorfelds eine Art CDU-Ortsverband-Treffen imitiert habe, zur Verschärfung des Asylrechts. Mit der CDU haben Sellner und Co. absolut nichts zu tun.

Natürlich gehen wir gegen dieses Urteil vor dem Hintergrund auch der bisherigen Verfahren, die zu unseren Gunsten ausgefallen sind, in Berufung.

Die Vehemenz, mit der sich einige Kommentatoren nun über dieses Urteil freuen, macht allerdings auch deutlich, wie leicht es offenbar ist, radikale Inhalte in der Öffentlichkeit zu verharmlosen und dafür willige Mitstreiter zu finden. Die Rechtsaußen-Kreise geben für ihr Ziel übrigens sehr viel Geld aus, um Medien mit diesen Klagen öffentlich zu delegitimieren.

In einem aktuellen Bericht der ARD (hier zum Nachhören) ist der Stand zu den Verfahren sehr klar und nüchtern mit Stimmen von beiden Seiten zusammengefasst. Wir haben ja auch mehrfach schon darüber berichtet (hier oder hier), gerade weil diese Klagen (zwei Jahre nach der Recherche übrigens) vor allem Verwirrung stiften sollen. Die Vernetzungspläne vom rechtsextremen Vorfeld in die AfD zur „Remigration“ haben wir damals ans Licht gebracht. Der Inhalt des Treffens von Potsdam bleibt – auch zwei Jahre danach – auf unserer Webseite nachzulesen.

Wenn Sie konkrete Fragen dazu haben, schreiben Sie mir gern

Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende, klicken Sie sich gern durch unsere Empfehlungen der Woche! Am Ende des SPOTLIGHT schreibt meine Kollegin Annika Joeres, wie sie etlichen Giftstoffen in Kosmetikprodukten auf die Spur gekommen sind.

Herzlich,

Recherchen legen Gas-Pläne von Reiche offen
Gas statt Erneuerbare Energien. Diese Strategie verfolgt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche – trotz Nahostkonflikt und Klimakrise. Für die argumentative Schützenhilfe im Ministerium beauftragte sie offenbar die Gaslobby, wie der Spiegel kürzlich recherchiert hat (hier nachzulesen, €). Wo genau nun neue Gasinfrastruktur entstehen soll und wo sogar das Bohren nach fossilen Rohstoffen angedacht ist, zeigt eine gestern erschienene Karte verschiedener Umwelt- und Transparenzinitiativen. Hier bekommen Sie den Überblick:
Gemeinsam gegen Gas (fragdenstaat.de)


Zu sehen ist ein Schreibtisch mit einem Schminkspiegel. Auf dem Spiegel ist mit pinker Farbe ein Totenkopf gemalt. Auf dem Tisch liegen silberne Tuben, auf denen Glitzergel steht.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert und Finn Schöneck.