Über Abwasser und die Klimakrise
Annika Joeres Investigativjournalistin Liebe Leute, eine Studie lässt mich jedes Mal erschaudern: Bei Niedrigwasser besteht mehr als die Hälfte des Wassers in Deutschlands Flüssen aus (geklärtem) Abwasser. Das bedeutet: Führt beispielsweise der Rhein wie aktuell sehr wenig Wasser, schwimmt darin mehr Abwasser als ursprüngliches Flusswasser. Zehntausende giftige und größtenteils unbekannte Stoffe konzentrieren sich in dieser […]

Liebe Leute,
eine Studie lässt mich jedes Mal erschaudern: Bei Niedrigwasser besteht mehr als die Hälfte des Wassers in Deutschlands Flüssen aus (geklärtem) Abwasser. Das bedeutet: Führt beispielsweise der Rhein wie aktuell sehr wenig Wasser, schwimmt darin mehr Abwasser als ursprüngliches Flusswasser. Zehntausende giftige und größtenteils unbekannte Stoffe konzentrieren sich in dieser menschengemachten Brühe.
Kontaminiertes Wasser ist ein Sicherheitsproblem. Schließlich stammt ein erheblicher Teil des deutschen Trinkwassers aus Uferfiltrat: Kann dies nicht mehr ausreichend gereinigt werden, drohen Wassermangel oder eben zahlreiche gesundheitliche Probleme, wie eine Recherche von uns zeigte. Prost.
Darum müssen wir dringend mal reden. Über Sicherheit. Das tun wir doch ständig, mögen Sie einwenden – im Bundestag, im Verteidigungsministerium, in Wahlkämpfen. Dann geht es, polemisch gesagt, um den Messerstecher in Bulmke-Hüllen. Oder einen Flüchtenden in Ceuta. Um politische leicht verwertbare Bilder. Aber wenn wir unter Sicherheit auch verstehen, Millionen Leib und Leben zu retten, müsste jetzt jeder und jede von der Klimakrise sprechen.
Sie werden wieder einwenden – denn CORRECTIV-Leserinnen vergessen nichts – vor einer Woche schrieb ich hier im Wochenend-Newsletter schon mal über die Feuer und die Klimakrise. Wohl wahr. Aber sie ist nun mal die größte Bedrohung – auch wenn wir uns zwischendurch auch noch um, sagen wir mal, Drohnen in Leipzig kümmern müssen. Die eine Gefahr fliegt, die andere steigt. Und manchmal sinkt dabei der Pegel.
Rund 10.000 Menschen, so das RKI, haben die anhaltenden Hitzewellen in diesem Jahr bereits das Leben gekostet. Waldbrände bedrohen europaweit Menschen, Häuser und ganze Metropolen. Wir alle könnten die Liste endlos fortführen.
Die schier gute Nachricht geht dabei oft unter: Viele Lösungen der Klimakrise lösen auch Sicherheitsprobleme. Eine für alle, alle für alle. Städte zu begrünen und mit Wasserinseln zu versehen, senkt die Temperatur und bindet Treibhausgase. Und die Brandgefahr. Kein Öl und Gas mehr von Kriegstreibenden und Drohnen-Versendern zu kaufen, lindert den Klimawandel und erhöht unsere Sicherheit.
Der deutsche Bundesnachrichtendienst, nicht unbedingt die historische Speerspitze der linksgrünen Klimakleber, warnte schon 2025: Drei der fünf größten Risiken für Deutschlands Sicherheit hängen direkt mit fossilen und importierten Ressourcen zusammen: die Klimakrise, weitere russische Invasionen und Chinas weltweite Expansion. Das Fazit: Weniger Abhängigkeit von Öl und Gas würde Deutschlands Sicherheit stärken, weil es waffenfähige Verflechtungen verringert. Ebenso wichtig: Einnahmequellen aggressiver Staaten zu kappen, die ihre Macht aus dem Export fossiler Brennstoffe schöpfen.
Die Klimakrise ist in der Sicherheitspolitik angekommen – wenn auch noch nicht in allen rechtsdrehenden Köpfen, die das Wort im Mund führen und doch nur entkräftete Menschen im Mittelmeer verfolgen wollen. Dass der BND beim Umdenken hilft, ist jedenfalls eine gute Nachricht.
Damit führt der Rhein zwar noch keinen Liter mehr Wasser. Aber vielleicht kommen wir langsam zu der Einsicht, dass Schutz nicht erst dann beginnen muss, wenn Donald Trump die NATO schwächt. Oder eine Drohne über Leipzig kreist. Zumal die Leipziger Drohnen – ironische Pointe – am Ende gar keine Waffen an Bord hatten. Die Klimakrise aber ist zu hundert Prozent munitioniert. Und lebensgefährlich. Also passen sie auf sich auf. Und reden wir über größer, breiter, schlauer über Sicherheit – bevor der Rhein nur noch aus dem besteht, was wir längst für weggespült hielten.
Ihre
Annika Joeres
„Frau K. verhält sich, als wäre sie Gott“
Der Ort, an dem Frau K. über Schicksale entscheidet, ist in Grautönen gehalten. Im Warteraum hängt ein Plakat mit der Überschrift „Freiwillige Ausreise und Rückkehrhilfe“. Im Takt weniger Minuten werden die Wartenden aufgerufen, in eine der vielen Kabinen. Winzige Glasboxen, kaum einen Quadratmeter groß. Hier stehen sie dann vor einer Scheibe. Und dahinter, auf Bürostühlen, sitzen die, die über ihren weiteren Lebensweg walten. Leute wie Frau K. Die Taz hat länger als ein Jahr zu K. und zur Landshuter Ausländerbehörde recherchiert, hat mit Betroffenen, Mitarbeitenden von Hilfsorganisationen, Anwälten und Menschen aus der Gegend gesprochen. Daraus entstand das Bild einer Beamtin, die Geflüchteten systematisch die Integration erschwert, die Menschen in Not schikaniert und zur Ausreise drängen will; einer Staatsbediensteten, die Menschen unter fragwürdigen Bedingungen abschieben lässt.
Mitarbeiterin in Ausländerbehörde (taz.de)
Aminas Flucht aus Belarus: Leben auf Pause
Amina Aliyeva ist 17 Jahre alt, als sie im August 2020 in Minsk, der Hauptstadt von Belarus, massive Polizeigewalt erlebt. Die Proteste gegen Machthaber Lukaschenko prägen ihren Weg: von Belarus über die Flucht aus der Ukraine bis in die deutsche Behördenrealität. 2026 ist Amina 23, lebt in Berlin und wartet: auf Papiere, auf eine Entscheidung, auf ein selbst bestimmtes Leben. Ihre Geschichte steht exemplarisch für Menschen auf der Flucht und im Exil. Aminas Weg erzählt von einer jungen Frau zwischen Hoffnung und Stillstand – und von Belarus, einem Land, das nicht nur medial oft ein weißer Fleck bleibt.
Aminas Flucht aus Belarus (wdr.de, Audio)
Auf der Suche nach Patient null
Seit dem aktuellen Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik sind mehr als 1.000 Menschen gestorben. Ein Anthropologe aus Hamburg will das Unmögliche möglich machen: Er versucht den Patienten null zu finden. Also den Menschen, der als Erstes an Ebola starb. Er nimmt er die Hörerinnen und Hörer per Sprachnachricht mit. Daraus wird eine Art Audio-Tagebuch, das dokumentiert, wie er sich durch Patientenregister wühlt, auf leere Krankenstationen und Misstrauen in der Bevölkerung stößt.
Wo liegt der Ursprung der Ebola-Epidemie? (zeit.de, Podcast)
Wie ein See verschwindet
Ein toter Fisch liegt halb verwest am Ufer. Eine Fliege krabbelt über seine Schuppen, die Augen wurden bereits von Vögeln herausgepickt. Der Kadaver könnte ein Vorbote eines massenhaften Fischsterbens sein. Bald könnten mehr und mehr Fische ersticken. Temperaturen um die 40 Grad, dazu kaum Regen: Die anhaltende Dürre ist am drittgrößten natürlichen See Ungarns nicht spurlos vorbeigegangen. Besonders tief war das Gewässer nie – doch die derzeitige Situation ist dramatisch: Der Pegelstand in Agard am Südufer des Velencer Sees wird seit 1933 erfasst. Wegen anhaltender Dürre droht der drittgrößte See Ungarns auszutrocknen. Die aktuelle Hitzewelle hat auch den Rest Ungarns fest im Griff: Aufgrund von Niedrigwasser wird das wichtigste Kraftwerk des Landes abgeschaltet.
Ungarn: Wie ein See verschwindet (dw.com)
Auslandseinsätze für Priester trotz Missbrauchsvorwürfen
Katholische Priester, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde, wurden häufiger im Ausland eingesetzt als bisher bekannt – das zeigt eine Bistums-Umfrage für das ARD-Radiofeature. Teils hatten die Männer dort wieder Kontakt zu Kindern.
Auslandseinsätze für Priester trotz Missbrauchsvorwürfen (tagesschau.de)
Ist die EU bereit für eine Erweiterung?
Nach Jahren des Stillstands rückt die EU-Erweiterung wieder ins Zentrum der politischen Debatte. Ist die EU bereit, neue Mitglieder aufzunehmen? Diese Frage beleuchtet die aktuelle Folge des #lensEU-Podcasts, produziert von OKO. press in Polen. Mit Gästen aus Kroatien und Lettland analysieren sie den Status der Beitrittskandidaten und die unterschiedlichen Positionen innerhalb der EU. Die polnischen Kollegen erklären, warum die Erweiterung nach langer Pause wieder an Bedeutung gewonnen hat. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine gilt sie nicht mehr nur als politisches oder wirtschaftliches Vorhaben, sondern als Kernstück der europäischen Sicherheitsstrategie. Aus Kroatien kommt eine differenziertere Perspektive: Zwar unterstützt man die Erweiterung grundsätzlich, doch bei konkreten Kandidaten wie Serbien schwindet die Zustimmung. Historische Konflikte, innenpolitische Spannungen und die Diskussion über Vetorechte prägen die kroatische Haltung. Lettland hingegen sieht die Erweiterung vor allem als geopolitische Notwendigkeit und Beitrag zur Sicherheit Europas. Riga setzt sich entschieden für den EU-Beitritt der Ukraine, Moldaus und Montenegros ein und betrachtet sie als künftige Partner, die Lettlands außen- und sicherheitspolitische Ziele teilen. Hier geht es zur Episode:
Ist die EU bereit für eine Erweiterung? (theaudiomarketplace.eu, Podcast)
In Sachsen-Anhalt gab es im vergangenen Jahr laut Zahlen von Reporter ohne Grenzen bundesweit die drittmeisten körperlichen Übergriffe auf Journalisten – was gemessen an der relativ kleinen Bevölkerung von 2,1 Millionen Menschen beachtlich ist. Klar: Das gesellschaftliche Klima ist aufgeheizt, Medienschaffende werden vor allem von rechts angegangen. Entsprechend besorgt waren Kollegen und familiäres Umfeld, als ich mit einem Kameramann für die Themenfindung der Fun Facts Sommertour dorthin aufbrach. Würden wir jederzeit sicher sein?
Garantieren lässt sich das freilich nicht, auch nicht für zwei weiße Männer. Nach unserer einwöchigen Rundreise mit Dutzenden erkenntnisreichen Begegnungen aber lässt sich festhalten: Wir wurden kein einziges Mal angefeindet oder auch nur angepöbelt. Unsere zufälligen Gesprächspartner freuten sich über das offene Wort und einen Blick nach Sachsen-Anhalt, der nicht nur auf die Wahlumfragen schaut.
Natürlich darf unsere durchweg positive Erfahrung nicht über die sehr konkrete Bedrohungslage vieler Menschen hinwegtäuschen, die ist ganz real. Der (selbstverständlich wichtige!) Fokus darauf sollte aber gerade den westdeutschen Blick nicht verengen und die Region vorauseilend zur „national befreiten Zone“ erklären, wie Rechtsextreme es sich wünschen.
Das Alltagsleben in Sachsen-Anhalt ist ruhig, vielen zu ruhig. In unseren Begegnungen wünschten sich die Menschen – egal ob jung oder alt – lebendige Orte für ihre Heimat: Kulturangebote wie öffentliche Konzerte, Sitzgelegenheiten mit Begegnungsmöglichkeiten oder eine Kneipe. Was sich die meisten wohl nicht wünschen: beklemmende No-go-Areas nationalistischer Einheitlichkeit.
Waren Sie schon mal in Sachsen-Anhalt? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Schreiben Sie mir gerne an jann-luca.kuenssberg@correctiv.org.

„Remigration“, Russland, Radikalität: Wofür die AfD Sachsen-Anhalt steht
Rechtsextrem, MAGA- und Russland-nah und trotzdem in den Umfragen weit vorne: CORRECTIV zeigt, wofür die AfD-Kandidatinnen und -Kandidaten in Sachsen-Anhalt stehen, wie sie in radikale Netzwerke eingebunden sind – und warum sie Wachposten an Schulen fordern.
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Drohnen mit Sprengstoff: Das waren Profis
Die Suche nach den Hinterleuten der Drohnenattacke auf den Leipziger Flughafen läuft. Laut Innenminister Dobrindt waren keine Amateure am Werk. Auf professionelle Agenten setzt nach CORRECTIV-Informationen vor allem ein Land.
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Drohnen-Überflüge und Sabotage: In mehr als 100 Fällen verdächtigen Behörden einen fremden Staat als Drahtzieher
Ob Sabotage gegen die Deutsche Bahn oder Drohnen über Militärobjekten, schnell fällt der Verdacht auf Russland. Eine Abfrage von CORRECTIV in den Bundesländern zeigt, wie häufig die Polizei tatsächlich ausländische Akteure vermutet. Doch wie gut ist ihr Überblick über solche Taten?
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KI-Test: So einfach lassen sich Nachrichten mit ChatGPT und Co. fälschen
Mit KI-Chatbots von Google, OpenAI und Microsoft lassen sich gefälschte Beiträge von existierenden Medien erstellen – selbst zu sensiblen Themen. Eine CORRECTIV-Recherche zeigt Sicherheitslücken vor allem bei ChatGPT.
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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Lilith Grull, Miriam Lenz und Finn Schöneck.
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