Vergisst Deutschland seine Soldaten?

Wir haben uns angeschaut: Wie gut werden Veteranen versorgt, die versehrt aus dem Einsatz kommen?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

Am Sonntag veranstaltet die Bundesregierung ein Fest am Reichstag: Deutschlands Veteranen sollen geehrt werden. Also die Männer und Frauen, die für die Bundeswehr im Einsatz waren. 

Ein Fest ist schön, aber deutlich wichtiger ist doch die Frage: Versorgen wir als Solidargemeinschaft denn auch jene, die versehrt an Körper oder Seele von Einsätzen zurückkehren? Oder bleiben sie auf der Strecke? Dieser Frage ist unsere Nachrichtenchefin Elena Müller nachgegangen – und darum drehen sich unsere beiden Themen des Tages. 

Zum letzten Mal erscheinen heute zwei Tagesthemen im SPOTLIGHT, meines und das von der KI. Gestern, als es um Sabotage an Verkehrsinfrastruktur ging, haben drei Viertel von Ihnen richtig erkannt: Variante 1 stammte von der KI. Ich habe es Ihnen diesmal aber auch leicht gemacht und all die merkwürdigen Ausdrücke drin gelassen, die sich Kollegin KI ausgedacht hatte. Zum Beispiel das Wort „Verkehrsbahnen“. Drei Viertel von Ihnen fanden das selbst geschriebene Tagesthema besser. Heute geht’s hier zum letzten Mal zum Mitraten und Bewerten.

Bild mit KI generiert, gepromptet von Sebastian Haupt.

Jetzt noch eine dringende Leseempfehlung – Thema: Dauerbrenner Nord Stream 2. Uns liegt der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses aus Mecklenburg-Vorpommern vor: Wie groß war der Einfluss Russlands auf die Landesregierung? Wir haben ihn ausgewertet.

Und nun noch eine Abstimmung: Wer aus unserem Karikaturisten-Team hat am besten die Diskussion um Rückkehrzentren für Asylbewerber aufs Korn genommen? Hier finden Sie die Übersicht über die Cartoons – und hier die Abstimmung:

Und am Montag startet dann etwas ganz Besonderes bei uns: unser eigener täglicher Nachrichten-Podcast – mit echten Hosts, nicht mit KI. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und schreiben Sie mir gern, was Sie bewegt: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Vergisst Deutschland seine Soldaten?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Nord-Stream-Untersuchung endet im Streit: Regierung spricht von Entlastung, Opposition von Täuschung

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Kostenloser ÖPNV – Utopie oder machbar?

Cartoon-Arena: EU-Asylpolitik – Abschiebehaft in „Drittstaaten“

Leserfrage der Woche: Wieso leisten die Abgeordneten des Bayerischen Landtags keinen Beitrag zur Sicherung des Haushalts, indem sie auf eine Diätenerhöhung verzichten?

CORRECTIV Events: Was tun gegen Lügen, Hass und Desinformation

Faktencheck: Angebliche neue Anti-Islam-Gesetze in Japan gibt es nicht

Gute Sache(n): Erklärt: Evangelikale Missionierung im Fußball • Abkühlung für heiße Städte • Archive der Klimakrise

CORRECTIV ganz persönlich: Gespritzte Lippen für die Autokratie

Grafik des Tages: Wird das BSW zum Steigbügelhalter für die AfD?

Bei den Feierlichkeiten vor dem Reichstag treten am Sonntag Bands auf, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner wird sprechen. Es sieht also aus, als hätte die Bundesregierung absolut auf dem Schirm: Jene, die für Deutschland im Auslandseinsatz sind, müssen dafür Anerkennung bekommen.

Das wird immer wichtiger, wo doch die Bundeswehr die Zahl der Soldatinnen und Soldaten massiv aufstocken will. Umso brennender ist aber eben deshalb die Frage: Wie steht es denn um die Versorgung jener, die versehrt von einem solchen Einsatz zurückkommen? Es geht nicht nur um körperliche dauerhafte Schäden – sondern viel häufiger um Schäden an der Seele, Stichwort: posttraumatisches Belastungssyndrom.

Wir haben recherchiert: Wie viele sind betroffen? Und wie geht Deutschland mit ihnen um? Hier geht es zum heute erschienenen Text.

Ein Soldat feiert 2009 seinen Geburtstag bei einem Einsatz in Afghanistan: Das, was die Männer und Frauen im Einsatz erleben, begleitet sie meist noch Jahre später – teilweise massiv. picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Anja Niedringhaus
Ein Soldat feiert 2009 seinen Geburtstag bei einem Einsatz in Afghanistan: Das, was die Männer und Frauen im Einsatz erleben, begleitet sie meist noch Jahre später – teilweise massiv. picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Anja Niedringhaus

Was die Zahlen zeigen:
Laut offizieller Zahlen der Bundeswehr gab es 2024 genau 235 Soldatinnen und Soldaten, die „einsatzbedingt“ psychische Erkrankungen entwickelten, und im Jahr davor 322. Das klingt nicht nach besonders vielen.

Aber:
Der von der Bundeswehr unabhängige, privat organisierte Bund Deutscher Einsatzveteranen geht von weitaus mehr Betroffenen aus. 

Der stellvertretende Bundesvorsitzende des Vereins schrieb uns: Wissenschaftliche Untersuchungen und Erfahrungen aus der Veteranenarbeit sprechen dafür, dass die offiziell erfassten Zahlen den tatsächlichen Unterstützungsbedarf nur teilweise abbilden würden. Fachleute gehen davon aus, dass 12.000 bis 13.000 Soldatinnen und Soldaten nach Einsätzen unter teils schweren psychischen Problemen leiden.

Diese Schätzungen basieren auf Hochrechnungen. Eine Grundlage ist beispielsweise die Langzeitstudie „Leben nach Afghanistan“ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. 

Die relevante Frage ist:
Wie gut werden die psychisch versehrten Soldatinnen und Soldaten von ihrer ehemaligen Dienstherrin, der Bundeswehr, versorgt? Der NDR berichtete vor rund einem Jahr, die Bundeswehr lehne 30 Prozent aller Anträge auf Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung wegen psychischer Erkrankungen wie PTBS ab. 

Und: Es dauert oft sehr lange, bis man als Betroffener überhaupt einen Bescheid bekommt, ob man von der Bundeswehr entschädigt wird.

Ein Beispiel:
Der Vater eines an PTBS erkrankten Bundeswehrsoldaten, der in Afghanistan im Einsatz war, berichtete uns genau davon: 

„Die Bundeswehr rühmt sich damit, wie groß die Unterstützung einsatzgeschädigter Soldaten ist. In Wirklichkeit legt sie ihnen dermaßen große Steine in den Weg, dass die meisten auf dem Weg durch die Instanzen verzweifeln und aufgeben. Sie verlassen die Bundeswehr, resignieren auf irgendwelchen Alibidienstposten oder wählen sogar den Freitod.“

Zur Einordnung:
Aus der Bundesregierung gab es in jüngerer Vergangenheit immer wieder Äußerungen, wir Bürgerinnen und Bürger müssten künftig viel mehr auf Eigenverantwortung setzen:

So sagte Bundeskanzler Friedrich Merz erst kürzlich, die gesetzliche Rentenversicherung werde in Zukunft nur noch eine Grundversorgung leisten – und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche äußerte diese Woche bei einer Journalistenveranstaltung, dass sie persönlich ja ein Fan von privater Altersvorsorge sei. Nach dem Motto: Leistung zahlt sich im Alter aus – und wer nicht leistet, ist selbst Schuld.

Es scheint ein wenig, als blendeten beide aus, dass eben nicht jede und jeder im selben Ausmaß vorsorgen kann. Schon gar nicht, wenn er für unser Land im Einsatz war – und dadurch Schaden genommen hat.

***

Thema des Tages, Variante 2:

Am Sonntag feiert die Bundeswehr zum zweiten Mal ihren „Nationalen Veteranentag“. Schirmherrin ist – ach ja – Julia Klöckner (CDU). Vor dem Reichstag hängt die Ausstellung des Rockstars Bryan Adams, der auch fotografiert: „Verwundet“: Riesige Fotos, auf denen deutsche Soldaten mit klaffenden Wunden zu sehen sind. 

Ein würdiger Anblick? Gewiss. Doch was ist mit den Verletzungen, die man nicht sieht? Die Traumata, die sich im Kopf abspielen und keinen Platz in einer Bildergalerie finden?

Unsichtbare Narben versus harte Zahlen
Das ist das eine große Fragezeichen: Wie viele der rund 500.000 deutschen Einsatzveteraninnen und -veteranen kämpfen wirklich mit den Folgen? 

Offizielle Zahlen geben nur ein Stück des Puzzles preis. Für die Jahre 2023 und 2024 verzeichnete die Bundeswehr „nur“ 322 bzw. 235 einsatzbedingte psychische Erkrankungen. Eine Zahl, die für manche beruhigend wirken mag. 

Doch Andreas Eggert vom Bund Deutscher Einsatzveteranen warnt: Diese offiziellen Statistiken bilden den tatsächlichen Unterstützungsbedarf bestenfalls lückenhaft ab. 

Fachleute schätzen die Zahl der Betroffenen – also jener mit PTBS, Depressionen oder Angststörungen – eher auf 12.000 bis 13.000 Menschen. Da hakt es gewaltig an der Datengrundlage. Und wer will es den Betroffenen verdenken, wenn sie verzweifeln? Schließlich lehnt die Bundeswehr laut einer NDR-Recherche stolze 30 Prozent aller Anträge auf Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung wegen psychischer Erkrankungen ab.

Der Bürokratie-Drache verschlingt die Opfer
Die Entschädigung? Ein bürokratisches Alptraum-Szenario. Ein Vater eines betroffenen Soldaten berichtete uns: 

Die Bundeswehr lege so große Steine in den Weg, dass viele mitten auf der Straße stehen bleiben. Im Schnitt dauert es 22 Monate bis zum ersten Bescheid bei psychischen Wehrdienstbeschädigungen. Zweiundzwanzig Monate! In dieser Zeit können Familien zerbrechen, Existenzen gefährdet sein. Manche wählen sogar den Freitod. Das ist kein Alarmsignal mehr, das ist eine Panikmeldung.

Russland-Sanktionen erstmals für ein Jahr verlängert
Zum ersten Mal verlängert die EU die Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht nur für sechs Monate, sondern für ein Jahr. Bisher hatte der ehemalige ungarische Regierungschef Viktor Orbán die längere Laufzeit blockiert. Die Sanktionen betreffen nach wie vor den Handel, das Finanzwesen, den Energiesektor sowie das Verkehrswesen und Luxusgüter.
n-tv.de 

Eklat um CDU-Mitglied: Partei distanziert sich 
In einem Video sagt ein Mitglied der Krefelder CDU, dass er alle Muslime umbringen lassen will. Die CDU hat daraufhin Strafanzeige gestellt und distanziert sich von den menschenverachtenden Aussagen des 23-Jährigen. Sie hat laut WZ angekündigt, mit den Behörden für die Aufklärung zusammenzuarbeiten. Die Polizei prüft, ob das Video echt ist. 
wz.de

Die Landesregierung von Ministepräsidentin Manuela Schwesig (SPD) wird im Abschlussbericht zur Klimastiftung entlastet – und von der Opposition kritisiert. Im Wahlkampf tritt sie mit Ex-Stiftungschef Erwin-Sellering (SPD) auf. Foto: picture alliance/dpa | Jens Büttner

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Symbolbild Leserfrage der Woche

Zur Einordnung: Der bayerische Ministerpräsident kündigte schon letztes Jahr an, die Gehaltserhöhung der Beamten um sechs Monate zu verschieben. Die CSU begründete das damit, dass die Finanzen des Freistaats zukunftsfähig bleiben müssen. Dafür brauche es Einschnitte. Doch gleichzeitig werden die Diäten der Abgeordneten erhöht. 

Wir haben beim bayerischen Landtag, der Staatskanzlei und der CSU nachgefragt. Warum verzichten sie nicht auf eine Diätenerhöhung – wie es etwa der Bundestag vormachte? 

Ein Sprecher der CSU-Fraktion erklärte, nicht die Abgeordneten legten die Diäten fest, sondern sie seien automatisch an die Lohnentwicklung gekoppelt. Der Vorteil dieses Automatismus liege in der Transparenz; zugleich verhindere man, dass die Diäten zum politischen Streitfall werden, so der Sprecher der CSU.

Der bayerische Landtag schrieb uns allerdings, dass trotzdem eine Aussetzung prinzipiell möglich sei. Dafür brauche es aber eine Initiative der Fraktionen. Diese habe es nicht gegeben, so eine Sprecherin des Landtags. 

Sanae Takaichi Premierministerin von Japan auf einem Podium
Bild: Photoshot / Picture Alliance

So geht’s auch
Beton, Asphalt und Stahl führen dazu, dass der Sommer in Städten besonders drückend ist. Dort, wo grüne Flächen fehlen, staut sich die Hitze und der Asphalt verhindert eine Abkühlung über Nacht. Freiburg setzt deswegen gezielt auf Grünoasen und Sonnenschutz. Bäume leisten dabei besondere Arbeit: Ihre Krone sorgt für Schatten und das Wasser, das über ihre Blätter verdunstet, kühlt zusätzlich.
deutschlandfunknova.de 

Fundstück
Die Aussicht ist düster: Bis 2050 droht der arabischen Welt der Klimakollaps. Im Projekt Green Panter haben sich 25 Journalistinnen aus 16 arabischsprachigen Ländern vernetzt, um trotzdem Hoffnung zu stiften – und neue Perspektiven auf die Klimakrise sichtbar zu machen. Auch mit ungewöhnlichen Fragestellungen. Zum Beispiel: Was werden uns die Bäume Jordaniens erzählen? Die Journalistin Raghad Gharaibeh antwortet: Die Bäume „sind lebendige Archive der Klimakrise. Sie machen das Land lesbar. Und mit dieser Lesbarkeit wächst die eigentliche Frage: Was werden die Menschen mit dem tun, was die Bäume ihnen berichten?“
taz.de


Stille Architektinnen eines Umbaus, den sie nicht immer selbst gewählt haben. Die Recherche begann mit einem Podcast über das „Mar-a-Lago-Gesicht“ – ein einheitlicher Look von Frauen in Trumps Umfeld. Von gespritzten Lippen bis zu einer makellos straffen Haut. Heute ist dieses Symbol politischer Loyalität als ästhetisches Gesamtpaket sogar in Berliner Kliniken erhältlich. Das war der Moment, in dem ich merkte: Das ist keine amerikanische Kuriosität. Das ist ein Symptom. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt, Lea Messerschmidt, Elena Müller und Pamela Kaethner.