Vetternwirtschaft – jetzt mit Folgen

Dass AfD-Politiker Familienmitglieder gegenseitig anstellen, hat nun erstmals Konsequenzen: Eine Staatsanwaltschaft ermittelt.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

im März war es still geworden um die Vetternwirtschaft in der AfD – man hatte fast das Gefühl, als habe die Partei das unangenehme Thema erfolgreich „ausgesessen“, wie man in der Politik sagt. Unser Rechercheteam CORRECTIV.Sunlight ist allerdings stetig drangeblieben und hat den AfD-Vetternwirtschafts-Tracker mit dem schönen Namen „Family and Friends“ weiter aktualisiert. Per Klick aufs Bild geht’s zur Übersicht:

Collage mit AfD-Abgeordneten und Netzwerkpunkten, die die Vetternwirtschaft in der AfD illustrieren. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Quelle: picture alliance
Die AfD sieht sich schweren Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt. CORRECTIV zeigt alle bislang bekannten Fälle. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Quelle: Picture Alliance

Jetzt tut sich aber auch in der Justiz etwas – mehr dazu im Thema des Tages.

Dann ein Update zu einem anderen Komplex: Anfang dieser Woche hatte ich hier im SPOTLIGHT angekündigt, dass wir dem Bundesinnenministerium auf den Zahn fühlen wollen: Wie genau stellt man sich dort vor, demnächst abgelehnte Asylbewerber in andere Staaten vor allem in Afrika abzuschieben – in Abschiebezentren, die sie „Return Hubs“ nennen wollen? Nachdem das Haus von Alexander Dobrindt (CSU) ein paar Tage stumm blieb, schickte es gestern Abend eine Nicht-Antwort: 

„Zu Gesprächen mit etwaigen Drittstaaten äußern wir uns nicht.“
Sprecherin des Bundesinnenministeriums

Wir finden es nicht angemessen, dass die Bundesregierung zu einem so wichtigen Thema die Auskunft verweigert – und versuchen nun auf anderen Wegen, mehr dazu herauszufinden. 

Hier noch das Abstimmungsergebnis zur nächsten Cartoon-Arena. Sie haben sich mehrheitlich dieses Thema gewünscht: Digitale Gewalt gegen Frauen – doch einige Männer beschwichtigen.

Und jetzt, kurz, bevor wir in die Osterpause gehen, ein besonderes SPOTLIGHT-Osterei: Immer wieder bitten uns Leserinnen und Leser vor Feiertagen, ihnen Argumentationshilfen zu heiklen Themen an die Hand zu geben – damit man bei Familienfeiern darauf vorbereitet ist, wenn zum Beispiel AfD-Onkels oder Klimaleugner-Omas am Kaffeetisch sitzen. Wir denken seit ein paar Monaten darauf herum. 

Nun haben wir die beiden ersten kompakten Informationszettel für Sie erstellt: einen „CORRECTIV-Spickzettel“ auf je einer Din-A4-Seite als PDF. Es geht – wie könnte es zu Ostern anders sein – um die katholische Kirche: 

  • Der erste Spickzettel (hier zum Download) bietet Fakten und Zahlen, wie relevant die katholische Kirche in Deutschland (noch) ist. 
  • Der zweite (hier zum Download) liefert einen kompakten Überblick über die Missbrauchs-Fälle. 

Sie können sich die Zettel abspeichern oder ausdrucken und zum Eiersuchen mitnehmen. Ich wünsche Ihnen entspannte Ostertage – wir lesen uns am Dienstag wieder! Schreiben Sie mir zwischenzeitlich gern unter anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Vetternwirtschaft – jetzt mit Folgen

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Missbrauch im Erzbistum Paderborn – Studie zeigt, auch der Vatikan war informiert • Bundesregierung hat keinen Überblick über sensible Forschungskooperationen mit China

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Streit um die Übergewinnstreuer

Leserfrage der Woche: Warum wird Spitzensport in Deutschland eher gefördert als Breitensport?

Faktencheck: Nein, Peter Hahne hat keinen Wahlbetrug in Baden-Württemberg aufgedeckt

Gute Sache(n): Feuerzangenbowle mittlerweile erlaubt – das hat es mit den Filmverboten zu Ostern auf sich • Kunst gegen Autokraten • Artemis 2: Mondmission live verfolgen

CORRECTIV ganz persönlich: Angebliche Skandalmeldungen: Ich recherchiere zu dubiosen Webseiten im Netz

Grafik des Tages: Anteil der Erneuerbaren Energien auf Rekordhoch – aber gefährdet

Um wen geht es konkret?
Im Zentrum der Ermittlungen steht der Landeschef der AfD Niedersachsen, Ansgar Schledde. Gegen ihn laufen nach CORRECTIV-Informationen bereits seit mehr als zwei Jahren Ermittlungen wegen des mutmaßlichen Verstoßes gegen das Parteiengesetz. 

Der Kernvorwurf der neuen Ermittlungen:
Schledde und die anderen beschuldigten Abgeordneten sollen Mitarbeitende in der Bundestagsfraktion nur zum Schein beschäftigt haben – sie also auf dem Papier angestellt haben, obwohl sie nicht wirklich gearbeitet haben sollen. 

Auf diese Weise sollen sie zu Unrecht Fraktionsgeld für Niedersachsen abgezwackt haben. Fraktionsgeld ist Steuergeld, das die Parteien bekommen, um damit die Arbeit der Fraktionen zu finanzieren. Die gesetzliche Grundlage dafür können Sie hier nachlesen.

Mehr zu den aktuellen Ermittlungen steht in dieser Nachricht, die wir vorhin veröffentlicht haben:

Das Foto zeigt Ansgar Schledde, AfD-Landeschef in Niedersachsen. Er sieht bedrückt aus und hat die Hände vor dem Gesicht zusammengefaltet, die Handflächen zeigen zueinander. Die Staatsanwwaltschaft Hannover ermittelt gegen Schledde und zehn weitere Personen der AfD Niedersachsen.
Gegen Ansgar Schledde, Landeschef der AfD Niedersachsen, wird bereits seit 2023 ermittelt. Im Zuge der AfD-Affäre um Vetternwirtschaft sind neue Hinweise bekannt geworden, weswegen die Staatsanwaltschaft Hannover zwei weitere Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Neben Schledde sind insgesamt zehn weitere Personen der AfD Niedersachsen im Fokus. Foto: Picture Alliance/dpa | Shireen Broszies

Die Vorgeschichte:
Beim Vetternwirtschafts-Skandal in der AfD geht es darum, dass Abgeordnete der Partei (auf Bundesebene und in mehreren Bundesländern) Familienmitglieder anderer AfD-Abgeordneter in ihren Büros angestellt haben – und zwar in vielen Fällen. Man nennt das Überkreuz-Anstellungen.

Wir haben es hier dargestellt:

Das Kuriose ist, dass solche Überkreuz-Anstellungen in den meisten Fällen bisher nicht offiziell verboten sind. (Nur in Bayern sind sie verboten.)

Trotz der Affäre ist hier bisher politisch noch nicht viel ins Rollen gekommen. Lediglich in Sachsen-Anhalt gibt es derzeit konkrete Pläne, diese Beschäftigungsverhältnisse demnächst zu verbieten, und auf Bundesebene diskutiert man darüber seit ein paar Wochen.

Das Problem:
Da das Ganze nicht verboten ist, konnte es bisher auch nicht strafrechtlich verfolgt werden. Dass nun trotzdem ermittelt wird, hängt damit zusammen: Bei der Staatsanwaltschaft Niedersachsen geht es nun ja nicht direkt um die Überkreuz-Anstellungen – sondern um Untreue, die damit zusammenhängt. 

DRK-Präsident kritisiert deutschen Zivilschutz 
Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Hermann Gröhe, kritisiert erhebliche Defizite im deutschen Zivilschutz. Dieser sei „völlig unterfinanziert“ trotz jüngster Krisen wie Hochwasser und Stromausfällen. Er forderte mindestens eine Milliarde Euro zusätzlich für den Zivilschutz, denn ohne bessere Vorsorge bestehe keine echte Verteidigungsfähigkeit. 
fuldainfo.de / tagesspiegel.de(€)  

Ostsee-Wal liegt im Sterben 
Nachdem sich der Buckelwal zum vierten Mal in Küstennähe festgeschwommen hat, entschieden Fachleute, keine weiteren Rettungsmaßnahmen durchzuführen. Rund um den Wal wurde eine Sperrzone von 500 Metern eingerichtet, damit der Meeressäuger friedlich sterben kann. Falls dies eintritt, soll der Wal in ein Museum gebracht und untersucht werden, um die Todesursache festzustellen. 
taz.de

Foto: Friso Gentsch / Picture Alliance / dpa

Missbrauch im Erzbistum Paderborn: Studie zeigt, auch der Vatikan war informiert
Eine neue Studie der Universität Paderborn zeigt, dass der Vatikan früh über Missbrauchsfälle im Erzbistum Paderborn informiert war. Die Ergebnisse stützen CORRECTIV-Recherchen, wonach Wissen über Missbrauch in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten auch in Rom vorlag.
correctiv.org

Symbolbild Leserfrage der Woche

Während Spitzensport durch Sponsoring oder staatliche Förderung getragen wird, ist Breitensport oftmals nur durch Eigenfinanzierung möglich.

Wir haben beim Bundeskanzleramt nachgefragt. Es teilt mit: Der Bund investiert 2026 über 350 Millionen Euro in den Spitzensport. Zusätzlich fließen Mittel in die Athletenförderung, Sportförderstellen sowie in Sportstätten und Sportwissenschaft. Die staatliche Förderung ist jedoch nur ergänzend gedacht, also keine Vollfinanzierung. Dabei erhalte keine Sportart Vorrang. 

Der Sinn dieser intensiven Unterstützung liegt im internationalen Auftritt Deutschlands: „Leistung und Auftreten deutscher Spitzensportlerinnen und -sportler prägen das Image Deutschlands weltweit.“ 

Peter Hahne bei einer Gala
Archivfoto: Mike Schmidt / SZ Photo / Picture Alliance

So geht’s auch
Kunst gegen Möchtegern-Könige: Immer wieder tauchen in Washington, D.C. Installationen auf, die Kritik am US-Präsidenten publikumswirksam in den öffentlichen Raum tragen. Das jüngste Werk ist ein Thron, dessen Sitz ein goldener Lokus ist – klare Kritik am Luxusgehabe des Präsidenten, der sich etwa am Umbau des Weißen Hauses äußert.
zeit.de
Dass Kunst den Mächtigen durchaus wehtun kann, zeigt ein Beispiel aus Deutschland: Der hiesige Karnevalswagen-Gestalter Jacques Tilly wurde in Abwesenheit von einem Moskauer Gericht zu acht Jahren Haft verurteilt. Hintergrund sind Karnevalswagen, die Kremlchef Putin und den von ihm befohlenen Krieg in der Ukraine kritisierten. 
tagesspiegel.de

Fundstück
Drei Männer und eine Frau befinden sich seit gestern auf außerirdischer Mission: Sie sollen nicht nur den Mond umrunden, sondern weiter ins All fliegen als je ein Mensch zuvor. Hier können Sie das Spektakel weiterhin live verfolgen:
artemis2.live


Diese Schwäche nutzen einige Facebook-Seiten aus: Sie posten sensationsheischende Beiträge, zuletzt auch mit der Unterstellung, bei Wahlen in Deutschland sei betrogen worden. Mal geht es um die Bundestagswahl, mal um Landtags- oder Kommunalwahlen – doch die angeblichen Schock-Meldungen sind keine.

Schon früh fiel mir auf: Hinter diesen Facebook-Seiten stecken keine besorgten Bürger. Die Kontaktdaten auf den Seiten sind zum Beispiel erfunden. Ich grub weiter: Die Facebook-Posts verlinken Webseiten, die mit Werbeanzeigen gepflastert sind – manche Spur führt nach Vietnam. Es scheint, als gehe es ums Geld.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt und Jule Scharun.