
Liebe Leserinnen und Leser,
viele Wochen lang diskutierte die deutsche Öffentlichkeit, ob 500 Milliarden zusätzliche Staatsschulden ein annehmbarer Preis für Investitionen in die Zukunft sind. Bundestag und Bundesrat sagten „Ja“ – seitdem nähern sich Union und SPD einer gemeinsamen Regierungsbildung an. Diese Woche gelangten zahlreiche Dokumente der Verhandlungsgruppen an die Öffentlichkeit, die einen guten Eindruck vermitteln, wo es zwischen den Parteien noch hakt. Sie dokumentieren aber auch, dass das zentrale Zukunftsthema schlechthin, nämlich Klimapolitik, auffallend wenig Priorität bekommt.
Meine Kollegin und Klima-Expertin Annika Joeres hat sich die Dokumente der Arbeitsgruppen genau angesehen und analysiert für Sie heute im Thema des Tages, was sich daraus über die Klimapläne der möglichen neuen Regierung lernen lässt.
Außerdem im SPOTLIGHT: Unsere Kollegen von CORRECTIV in der Schweiz haben eine Recherche zu den Schweizer Pensionskassen veröffentlicht. Sie forschen nach, wie genau die Milliardenbeträge der Altersversorgung investiert werden – und ob Nachhaltigkeit dabei eine Rolle spielt. Und: Was uns Leserinnen und Leser bislang über ihre Erfahrungen mit Gewalt im Fußball berichtet haben.
Übrigens: Derzeit findet die Buchmesse in Leipzig statt. Auch CORRECTIV ist vor Ort, wie Sie auf dem Foto sehen können. Besuchen Sie uns doch am Stand – oder bei einer der zahlreichen Veranstaltungen. Infos dazu finden Sie hier.
Ich vertrete heute meine Kollegin Anette Dowideit, schreiben Sie mir gern, was Sie bewegt, an sebastian.haupt@correctiv.org.

Thema des Tages: Was ist mit Klimapolitik?
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Faktencheck: Nein, der Tag der Deutschen Einheit soll nicht abgeschafft werden
In dieser Woche sickerte recht umfassend durch, was die neue GroKo plant. Und natürlich schauen wir in der CORRECTIV-Klimaredaktion genauer hin, was die Pläne für den Klimaschutz bedeuten. Ein erstes Fazit: Die Papiere atmen Nostalgie. Für alte Zeiten, als dicke Karren, Ölheizungen und Atomkraft noch als Fortschritt galten. Nostalgie aber hilft wenig für DIE Aufgabe der Zukunft, weniger Treibhausgase in die Luft zu pusten und dabei menschenfreundlicher zu leben.
Autozentrierte Verkehrspolitik
Das Deutschlandticket soll bleiben, das ist die gute und zukunftsträchtige Nachricht. Aber die übrige Verkehrspolitik wirkt veraltet. „Am bestehenden Bundesverkehrswegeplan und den Verfahren zu seiner Aufstellung und Überprüfung halten wir fest“, heißt es dort, obwohl dieser Plan im Kern schon ein Jahrzehnt alt ist und auf noch älteren Plänen beruht. Ein Spiegel-Kollege kommentiert: „So wie es ist, so soll es sein.“
Man könnte auch sagen: So wie es mal war, soll es wieder sein. Das EU-weite Verbot für den Verkauf von neuen Verbrennern ab 2035 will die CDU wieder zurückdrehen. Ich selbst besaß in meinem Leben noch kein Auto, nur sehr schicke Fahrräder, habe aber angesichts solcher Pläne Mitleid den PKW-Nutzerinnen und Nutzern, vor allem mit denjenigen, die wenig Geld besitzen: Sie werden künftig das Mineralöl teuer bezahlen müssen. Schließlich müssen wir 98 Prozent unseres Diesels und Benzins importieren – vielfach von autoritären Staaten und abhängig von einem weltweiten Handel, der gerade aus den Fugen gerät.
Vage Energiepolitik
Auch im Kapitel zur Klima- und Energiepolitik dringt Nostalgie durch. Wind- und Solarkraft, unsere wichtigsten Energiequellen in Deutschland, um von klimaschädlicher Kohle wegzukommen, werden mit vagen Worten bedacht. Bei Atomkraftwerken, die bekanntlich in Deutschland nicht mehr laufen, wird es hingegen sehr konkret: Dort sollen sogar die Rückbauarbeiten der Meiler gestoppt werden. Die ehemaligen AKW-Betreiber sind von dieser Idee nicht begeistert, sie halten eine mögliche Wiederinbetriebnahme für wenig sinnvoll.
Langes Hoffen auf den Fusionsreaktor
Einziges Projekt, das nicht nostalgisch ist, sondern auf Zukunftshoffnung beruht, ist der Fusionsreaktor. Der kann aber frühestens, so sagen es selbst die ansonsten enthusiastischen Physiker vom Max-Planck-Institut, 2045 laufen. Also dann, wenn Deutschland sich längst klimaneutral versorgen soll.
An dieser Stelle machen wir von der Klimaredaktion ein Versprechen für die Zukunft: In der kommenden Woche publizieren wir eine Recherche darüber, wie teuer es aktuell ist, ein Kernkraft zu bauen und zu betreiben.
Bis zu einem endgültigen Koalitionsvertrag wird es noch dauern. Daher hegen auch wir noch nostalgische Hoffnungen: Dass die Verhandler ihre Klimapolitik mehr an funktionierenden Errungenschaften und Fakten statt an Hoffnungen und Gefühlen ausrichten werden. Vielleicht gibt es sogar bald Pläne, wie wir weniger Energie verbrauchen. Auch Klimajournalistinnen dürfen träumen.
Schweres Erdbeben erschüttert Thailand und Myanmar
Mehrere Gebäude in Thailand stürzten in Folge eines schweren Erdbebens ein, darunter ein noch nicht fertiggestelltes Gebäude in Bangkok, unter dessen Trümmern mehr als 40 Menschen verschüttet wurden. Chinesische Behörden warnen vor einem möglichen Tsunami.
süddeutsche.de
Auslandsstudentin in den USA auf offener Straße festgenommen
In der Nähe einer Universität in Boston wurde eine Studentin von US-Beamten des Heimatschutzes festgenommen und in eine Haftanstalt gebracht. Die Studentin soll sich für die Terrormiliz Hamas eingesetzt haben – so lautet zumindest die offizielle Anschuldigung.
faz.net
Ostsee: Luftwaffe fängt russisches Aufklärungsflugzeug ab
Ein russisches Aufklärungsflugzeug näherte sich am Donnerstag dem deutschen Luftraum und reagierte nicht auf Funksprüche. Abfangjäger der deutschen Luftwaffe eskortierten das Flugzeug bis zum Verlassen des NATO-Luftraums.
spiegel.de
Investigativ: Rendite auf Kosten der Zukunft
Die Schweizer Pensionskassen – wichtige Säulen der Schweizer Altersvorsorge – verwalten pro Jahr über eine Billion Schweizer Franken. Aber wie sie das Geld investieren, ist mehrheitlich unbekannt. CORRECTIV in der Schweiz und das Recherchekollektiv Wav veröffentlichen diese Daten erstmals in einem langfristigen Projekt. Ein Ergebnis: Die Pensionskasse des Kantons Schwyz legt keinen Wert auf Nachhaltigkeit. Sie investiert in einige der weltweit grössten Öl- und Gaskonzerne, teils aus autokratischen Staaten.
bote.ch

Faktencheck

Plant die Bundesregierung, den Tag der Deutschen Einheit abzuschaffen, um die Wirtschaftskraft anzukurbeln? Das wird aktuell auf Tiktok behauptet. Wir haben bei allen Parteien nachgefragt, ob es wirklich solche Pläne gibt.
CORRECTIV.Faktencheck
Endlich verständlich
Die Auswirkungen der Klimakrise betreffen die junge Generation in besonderem Maße. Das zeigt sich auch in Zahlen: Jeder zweite Jugendliche hat Klimaangst. Klimaangst ist zwar kein konkretes Krankheitsbild, zeigt sich aber durch Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit, aber auch durch Wut und Scham. Was gegen die Angst vor der Zukunft unternommen werden kann, listet unsere Jugendredaktion Salon5 auf.
Salon5 (Instagram)
So geht’s auch
Apropos Klima: In den letzten Jahrzehnten häufen sich auch in Deutschland Starkregenereignisse, die Schadenssummen gehen in die Milliarden. Eine neue Online-Warnkarte soll die Schutzmaßnahmen verbessern und Überschwemmungsgefahren metergenau anzeigen können.
geoportal.de / tagesschau.de
Fundstück
Das Wochenende kommt. Zeit für lustige Tierfotos.
watson.ch
Seit zwei Tagen lese ich jeden Tag Dutzende Schilderungen von psychischer und sexualisierter Gewalt: Am Mittwoch haben wir von CORRECTIV.Lokal gemeinsam mit unserem Medienpartner 11Freunde eine Umfrage zu Gewalt im Jugendfußball gestartet. Gut 130 Antworten haben uns bisher erreicht. Manche der Menschen, die uns geantwortet haben, sind heute Teenager. Andere sind über 60 und erzählen von Erfahrungen in den 1970ern.
Es sind Schilderungen von Mobbing und Ausgrenzung, von Training bis zum Erbrechen, von Wutausbrüchen, die sich gegen Kinder richten, von Body-Shaming. Und von aufgezwungenen Berührungen. Im Fußballverein, durch Trainer und Trainerinnen, Mannschaftskollegen, Verantwortliche im Verein.
Der DFB veranstaltet heute und morgen zum ersten Mal einen Jugendfußball-Kongress, um eine Strategie zu entwickeln, wie der Vereinsfußball in den Jugendspielklassen wieder attraktiver werden kann. Denn offenbar hören derzeit viele im Jugendalter auf, Fußball zu spielen.
Und Gewalterfahrungen könnten einer der Gründe dafür sein. Das berichten uns schon jetzt ein Dutzend Menschen in unserer Umfrage. Wir wollten vom DFB wissen, wie er dazu steht und ob Gewalt im Jugendfußball Thema beim Kongress sein wird. Der DFB teilte daraufhin mit, dass er unsere Fragen nicht beantworten werde. Ob Maßnahmen gegen Gewalt im Jugendfußball also Teil der neuen Strategie des DFB sein werden, bleibt unklar.
Wir werden weiter zu Gewalt im Jugendfußball recherchieren. Herzlichen Dank an dieser Stelle an alle Menschen, die sich bereits an unserer Umfrage beteiligt haben.


US-Vizepräsident JD Vance reist heute nach Grönland – als ungebetener Gast. Damit verschärft er die internationalen Spannungen und unterstreicht zugleich die imperialistischen Ambitionen der US-Regierung auf die Insel. Präsident Trump hob in der Vergangenheit immer wieder die beeindruckende Größe Grönlands hervor. Böse Zungen unterstellen, er könnte sich dabei von der auch in den USA sehr gebräuchlichen Kartendarstellung täuschen lassen: Denn auf vielen Weltkarten erscheint die Insel viel größer, als sie in Wahrheit ist. Warum Karten unseren Blick auf die Welt verzerren, erklärt der MDR hier.
mdr.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert und Jule Scharun.
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