Wer arm ist, hat keine Chance

Eine neue Studie zeigt: In Deutschland bestimmt die soziale Herkunft den gesamten Bildungsverlauf eines Menschen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

übernächstes Wochenende (am 22. März) wird im nächsten Bundesland der Landtag neu gewählt, in Rheinland-Pfalz. Das wichtigste Thema im Wahlkampf: Bildung. Es geht unter anderem um die Frage, ob künftig mehr Geld in Sozialarbeit gesteckt wird – genau um diesen Mangel drehte sich die letzte große Recherche unseres Bildungsteams.

Die Illustration zeigt ein symbolisches Bild einer Schulsozialarbeiterin, die überlastet ist.
Illustration: Christina S. Zhu

Auch die Umfragen unter unseren Leserinnen und Lesern zeigen immer wieder, dass Ihnen die Ungerechtigkeiten in unserem Bildungssystem wichtiger sind als fast alle anderen Themen – und dafür ist das Thema in der deutschen Politik ziemlich unterbelichtet. Das ist auch genau der Grund, weshalb wir von CORRECTIV ein eigenes Rechercheteam Bildung gegründet haben. 

Eine der Reporterinnen aus dem Team, Miriam Lenz, schreibt im Thema des Tages über eine große, extrem wichtige Bildungsstudie, die heute veröffentlicht wurde. Sie zeigt: Wie erfolgreich jemand in Deutschland im Leben sein wird, hängt extrem von dessen sozialer Herkunft ab. Mit anderen Worten: Die Politik schafft es derzeit nicht, hier gegenzusteuern.

Ein anderes wichtiges Thema: Das neue Nachrichten-Comedy-Format Fun Facts, dessen journalistischer Partner wir sind, hat gestern eine spannende Initiative gestartet: 

Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus ganz Deutschland sollen sich zusammenschließen und gemeinsam die Wiedereinführung der Vermögenssteuer fordern – damit die Kommunen bald mehr Geld haben. Schauspielerin Karoline Herfurth erklärt hier nochmal genauer, warum. 

Thema des Tages: Wer arm ist, hat keine Chance

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: IS-Finanzierung – Vier Tschetschenen verurteilt

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Gewalt gegen Politiker und steigende Spritpreise

Faktencheck: Kinderkriminalität und Migration: AfD stellt falschen Zusammenhang her

Gute Sache(n): HIV-Infektionen: Forscherteam entwickelt neuen Ansatz zu Infektionsreduzierung • US-Vertreter scheitern mit dem Versuch, Erklärung zu Frauenrechten zu stoppen • Trump- und Epstein-Statue sorgt für Aufruhr

CORRECTIV ganz persönlich: Wie aus unserem Buch dank einer Unterstützerin ein Hörbuch wurde

Grafik des Tages: Atomstrom-Renaissance? Die Kosten werfen Zweifel auf

Dass das offenbar nicht stimmt, wird seit Jahren in der Wissenschaft und Politik diskutiert. Jetzt zeigt eine neue Studie zum ersten Mal, wie stark die soziale Herkunft die Bildungsungleichheit von der Kita bis zur Uni prägt.

Was neu ist:
Forschende des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg haben dafür Daten von tausenden Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ihren Eltern aus dem Nationalen Bildungspanel ausgewertet. Und zwar als Langzeitstudie: Diese begleitet die Teilnehmenden über mehrere Jahre – deshalb lässt sich mit ihr die Bildungsentwicklung der Kinder und Jugendlichen besonders gut beobachten.

Die Wissenschaftler haben untersucht, wie sich Armut, das Bildungsniveau sowie der berufliche Status der Eltern auf folgende Bildungsaspekte auswirken:

  • auf die Kompetenzen der Kinder, also wie gut sie zum Beispiel sprechen, lesen oder rechnen können 
  • auf die Bildungsentscheidungen, die getroffen werden – zum Beispiel, ob die Kinder in die Kita gehen oder später auf die Realschule oder das Gymnasium geschickt werden
  • auf die Beurteilungen durch Lehrkräfte, also wie sie Kinder benoten und für welche weiterführende Schule sie Kinder nach der Grundschule empfehlen

Die wichtigsten Ergebnisse:
Die soziale Herkunft von Kindern macht schon sehr früh einen großen Unterschied: Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau gehen vor dem vierten Lebensjahr seltener in eine Kita. Bereits im Kleinkindalter haben Kinder aus privilegierten Familien einen größeren Wortschatz und bessere frühe mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten. Diese Unterschiede werden in den Jahren, bis die Kinder in die Schule kommen, immer größer. 

Je höher die soziale Schicht der Eltern ist, desto besser schneiden die Kinder bei den Tests ab, die die Forscher für ihre Untersuchung vorgenommen haben. In der Schule setzen sich diese unterschiedlichen Ergebnisse nach sozialer Schicht fort, vergrößern sich aber nicht deutlich weiter.

Die soziale Herkunft wirkt sich auch darauf aus, wie Kinder benotet werden und auf welche weiterführende Schule sie gehen: Lehrkräfte geben privilegierten Schülern häufiger bessere Noten als Kindern aus Familien mit einem sozial niedrigen Status – auch wenn sie vergleichbare Kompetenzen haben. 

Und bei gleichen Noten und Kompetenzen empfehlen Lehrer am Ende der Grundschule die Kinder nicht-privilegierter Eltern seltener für das Gymnasium. 

Die Studie liefert außerdem eine wichtige Erkenntnis, warum Kinder mit Migrationshintergrund häufig niedrigere Schulabschlüsse erwerben: Demnach liegt es nicht am Migrationshintergrund selbst, sondern vor allem an der niedrigeren sozialen Lage des Elternhauses. Allerdings sind im Nationalen Bildungspanel weder Daten zu geflüchteten Kindern, die zwischen 2014 und 2017 nach Deutschland kamen, noch zu aus der Ukraine geflüchteten Kindern enthalten.

Was heißt das politisch?
Viele Bundesländer haben bereits (oder planen) verpflichtende Sprachtests für Kinder im Kita-Alter, allerdings frühestens im Alter von vier Jahren. Nach den neuen Forschungsergebnissen ist das allerdings eigentlich schon zu spät – benachteiligte Kinder müssten viel früher besonders gefördert werden, damit sie nicht den Anschluss verlieren.

Außerdem müssten Lehrkräfte in der Aus- und Weiterbildung stärker dafür sensibilisiert werden, dass ihre Notengebung oft durch die soziale Herkunft ihrer Schüler verzerrt wird – sie also nicht unvoreingenommen auf die Kinder und Jugendlichen in ihren Klassen blicken.

US-Militär greift iranische Schiffe in der Straße von Hormus an 
Das US-Militär soll nach eigenen Angaben 16 iranische Minenleger-Schiffe nahe der Straße von Hormus zerstört haben. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump den Iran davor gewarnt, in der Meerenge Minen zu platzieren. Sie gilt als das wichtigste Nadelöhr im internationalen Ölhandel. 
deutschlandfunk.de 

Japan in Gedenken an Tsunami und Atomkatastrophe in Fukushima 
Heute hielten Menschen in ganz Japan Schweigeminuten ab, um der rund 20.000 Tsunami-Opfer vor 15 Jahren zu gedenken. Am 11. März 2011 löste ein Erdbeben der Stärke 9,0 im Nordosten Japans eine Naturkatastrophe aus. In Fukushima ereignete sich in der Folge die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl 1986. Trotz dieses Super-GAUs setzt die japanische Regierung heute erneut auf Nukleartechnik. 
marktspiegel.de / tagesschau.de

Foto: David Hammersen / Picture Alliance / dpa
Ein Häftling steht in der Jugendstrafanstalt Adelsheim an seinem Zellenfenster.
(Foto: Norbert Försterling / DPA / Picture Alliance)

So geht’s auch
Blockade gescheitert: US-Vertreter wollten eine gemeinsame UN-Erklärung zu Frauenrechten verhindern. Deren Kernpunkt ist die Sicherung von Frauenrechten durch die Justiz und den Abbau diskriminierender Gesetze. Die US-Vertreter beklagten hingegen, der Entwurf enthalte „missverständliche Sprache zur Förderung von Gender-Ideologie“. Sie konnten sich aber nicht durchsetzen. 37 der 44 abstimmenden Staaten votierten für einen gemeinsam verhandelten Text, sechs enthielten sich. Lediglich die USA stimmten dagegen. 
spiegel.de

Fundstück
Dieses Thema möchte Donald Trump am liebsten vergessen machen: die Verbindung des US-Präsidenten zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Die Künstlergruppe „The Handshake“ will das verhindern. In Washington, D.C. stellte sie erneut eine Statue von Donald Trump auf. Sie zeigt den US-Präsidenten, wie er Jeffrey Epstein umarmt – in einer Haltung, die aus einer berühmten Szene aus dem Film Titanic stammt. Es ist bereits die dritte Installation der Künstlergruppe, die auf die Beziehung der beiden aufmerksam macht. 
merkur.de


Vor einiger Zeit hat sich eine Unterstützerin aus unserer Community gemeldet. Sie ist Sprecherin und hatte eine Idee: Sie würde „Der AfD-Komplex“ gern als Hörbuch einsprechen. Honorarfrei. Einfach, weil sie die Recherche wichtig findet. Gemeinsam mit einer Tontechnikerin aus ihrem Netzwerk hat sie das Projekt umgesetzt.

Für uns war das mehr als eine praktische Hilfe. Es zeigt etwas, das man von außen oft nicht sieht: CORRECTIV besteht nicht nur aus Journalistinnen, Autorinnen und Redakteurinnen. Hinter unserer Arbeit steht eine Gemeinschaft von Menschen, die Zeit, Können und Überzeugung einbringen.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Miriam Lenz, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.