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Die Amateurfußballerin Carolin Böttcher redet offen darüber, wie sie Schmerzmittel prophylaktisch nimmt. / Foto: Sportschau/ ARD-Dopingredaktion
Pillenkick

Pillenkick – auch bei den Frauen

CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben über Schmerzmittelmissbrauch bei Amateur- und Profispielern recherchiert. Jetzt berichten Fußballerinnen, welche Rolle Ibuprofen und andere Mittel für sie spielen

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von Wigbert Löer , Hajo Seppelt , Josef Opfermann , Joerg Mebus , Jonathan Sachse

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Dies ist ein Text von sportschau.de. Dieser ist Teil der #Pillenkick-Recherche, die eine Recherchekooperation von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema Schmerzmittelmissbrauch im Fußball ist. Wir berichten auf pillenkick.de in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Tabea Kemme hat aufgehört, eher früh, mit 28 Jahren. Sie wurde Deutsche Meisterin mit dem 1. FFC Turbine Potsdam, spielte auch in England beim Londoner Verein Arsenal Women FC. Mit der deutschen Nationalmannschaft holte sie Gold bei den Olympischen Spielen, machte insgesamt 47 Länderspiele. Eine Karriere im Frauenfußball, die meistens glanzvoll ablief. Aber keineswegs ohne Schmerztabletten.

„Irgendwie nimmst du ein paar Schmerzmittel und trainierst dann weiter, weil ja am Wochenende der Wettkampf ist“, sagt Tabea Kemme im Interview in Potsdam. Man komme dann aber „an den Punkt, an dem du realisierst, was da eigentlich gerade passiert.“

#Pillenkick: CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben mit etlichen Protagonisten des Profifußballs gesprochen und nach einer bundesweiten Befragung über den CrowdNewsroom von CORRECTIV auch die Angaben von mehr als 1000 Spielerinnen und Spielern ausgewertet, die allermeisten aus dem Amateurlager. Das Ergebnis der rund einjährigen Recherche für eine Fernseh-Dokumentation und verschiedene Texte zeigen: Schmerzmittel werden im deutschen Fußball nicht nur in Einzelfällen missbraucht. Das Problem ist massiv, und es zieht sich durch alle Ligen.

Die Olympiasiegerin Tabea Kemme spricht im Interview mit der ARD-Dopingredaktion über ihr Karriereende und Schmerzmittel. / Foto: Sportschau

Im Frauenfußball scheint das nicht anders zu sein. Viele Sportlerinnen nehmen während der Menstruation Schmerzmittel, um die damit verbundenen Schmerzen zu bekämpfen. Doch bei den Fußball-Weltmeisterschaften 2003 und 2007 nahmen laut einer Studie der FIFA 36 Prozent der Frauen vor jedem Spiel solche Tabletten.

Tabea Kemme erinnert sich an eine Zeit in ihrer Karriere, als sie morgens aus dem Bett die Treppe hinunter ins Wohnzimmer gehen wollte. Ein „Hindernis“ sei diese Treppe gewesen und zugleich ein Zeichen dafür, dass sie Schmerzen hatte und diesen Schmerzen nicht mehr standhalten konnte. „Weil sie einfach so präsent waren“, sagt Kemme und schildert ihre damalige Reaktion. „Dann nehm ich eine Ibu 400 oder eine Diclofenac, was halt gerade in meiner Kulturtasche ist.“

Fritz Keller reagiert

Am Ende habe sie „bewusst eine Entscheidung getroffen“, erzählt sie. Sie habe sich gesagt, „okay, ich möchte nicht diejenige sein, die sich wöchentlich die 1600-Höchst-Milligramm-Anzahl an Ibuprofen organisieren muss, damit es irgendwie hilft“. Das Problem, das eine Schmerztablette beseitigen solle, verschiebe sich nur. „Und hintenraus wird es schlimmer, eine geringe Verletzung größer.“ Jeder Einzelne, sagt die langjährige Bundesliga-Spielerin Tabea Kemme noch, müsse „ein bisschen dafür sensibilisiert werden“.

Das sieht auch Fritz Keller so. Der DFB-Präsident hat die Auswertung der Antworten gesehen (Alle können Sie als PDF hier herunterladen), die bei der Befragung von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion aus dem Amateurlager kamen. Er sei „schockiert“ über das Ausmaß des Schmerzmittelmissbrauchs, sagt Keller und will nun über die Trainer in den Landesverbänden auf die Vereine und Spieler einwirken.

„Mit Fieber & Ibu fast umgekippt“

An der Befragung der Fußballer nahmen auch einige Frauen teil. Sie berichten von den Folgen, die Schmerzmittel für sie gehabt haben. „Ich erlitt nach einer hartnäckigen Erkältung fast eine Herzmuskelentzündung. Mit Fieber & Ibu 600 gespielt & fast umgekippt“, schrieb eine. Eine andere gab an: „Anschließende Verschlimmerung der Schmerzen in Ruhe / nach Belastung, schwerwiegendere Verletzungen entstanden“.

Über unsere Rechercheseite pillenkick.de meldete sich Lisa Mandt. Sie spielte Fußball in der Regionalliga, ein Jahr auch in der Zweiten Bundesliga Süd. Weil die Patellasehne am linken Knie über Jahre chronisch entzündet war, spielte und trainierte sie regelmäßig mit Schmerzmitteln. Ihr Trainer habe sie damals inständig gebeten zu spielen, sagt Lisa Mandt, die heute 28 Jahre alt ist. Sie selbst habe dann nachgegeben. Doch das sei nicht der einzige Grund gewesen.

Kritik einer Kassenpatientin

Als gesetzlich versicherte Amateursportlerin habe sie wenig Chancen auf eine vernünftige Verletzungsbekämpfung gehabt. „Die Ärzte speisen einen ab mit den Worten: ‚Machen Sie mal zwei Wochen Pause und nehmen Sie Ibuprofen täglich, um die Entzündung zu bekämpfen. Nach zwei Wochen geht das schon wieder.‘“ Vernünftig untersucht habe sie niemand – und erst recht nicht aufgeklärt über Nebenwirkungen und mögliche Auswirkungen regelmäßiger Schmerzmitteleinnahme. „Die Ärzte haben mir zum Teil nicht mal die Ausübung des Sportes verboten oder zur Pause geraten.“

Heute würde sie anders handeln, sagt Lisa Mandt, ihr Körper sei ihr Gut, sie lasse sich zu nichts mehr drängen, was die Gesundheit gefährden könnte. Letztlich sei sie ja selbst für die Einnahme der Schmerzmittel verantwortlich. Vor einem Jahr hat sie mit dem Fußball aufgehört.

Prophylaxe mit Pillen

Auch Carolin Böttcher, 27, hat die ARD-Doku „Hau rein die Pille“ gesehen. Die Betriebswirtin aus der Nähe von Höxter in Ostwestfalen steht im Tor des SV Ottbergen-Bruchhausen. Sie verdient kein Geld mit ihrem Sport – ernst nimmt sie ihn dennoch. „Man vertritt ja schon ein bisschen auch sein Dorf. Hier stehen Zuschauer, und die wollen natürlich auch sehen, dass die Mädels kämpfen, dass man sich zerreißt für den Klub. Und da geht es manchmal eben auch nicht ohne Schmerzmittel.“

Carolin Böttcher ist wichtig, dass sie auf dem Fußballplatz eine Form erreicht, in der sie „der Mannschaft optimal helfen“ kann. Fühlt sie sich außer Form, schluckt sie eine Tablette, sagt sie, ebenso vor wichtigen Partien wie im Pokal-Wettbewerb, bei Derbys oder Spitzenspielen. „Da brauche ich das vom Kopf her. Ich sage mir, heute musst du 100 Prozent Leistung bringen. Ich nehme die Tablette dann prophylaktisch.“

Schmerzmittel schlucken, um möglichen Schmerzen vorzubeugen, für sie sei das „wie Schienbeinschoner anzuziehen“, sagt die Fußballerin. Das gelte für knapp die Hälfte ihrer Mitspielerinnen, schätzt sie. Eine Tablette mache einen für die 90 Minuten ein Stück weit unverwundbar.

Es gehe auch im Frauenfußball hart zur Sache, findet Carolin Böttcher, und Stärke zu zeigen, gehöre dazu. Einmal spielte sie mehr als eine Halbzeit mit einem Bandscheibenvorfall. Der Arzt empfahl dann, die Sportart zu wechseln, er schlug ihr Schwimmen vor. Carolin Böttcher steht weiterhin im Tor.

Wie Schmerzmittel im Frauenfußball ebenfalls eine große Rolle spielen, war auch Thema in der Sportschau-Sendung am Sonntag, den 14. Juni, sein. In der ARD-Sendung wurde in diesem Beitrag über weitere Entwicklungen nach der #Pillenkick-Veröffentlichung berichtet.