Umweltverbrechen in NRW

Millionen-Fiasko um illegale Deponie in Gelsenkirchen

Eine gigantische illegale Deponie in Gelsenkirchen sorgt im Ruhrgebiet für Streit. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Der Müll stammt teilweise von kommunalen Betrieben. Einem von ihnen drohen nun Kosten in Millionenhöhe.

von Michael Billig

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Mehr Müll als erlaubt: Selbst der Müllbetrieb von Gelsenkirchen hat über Jahre Müll auf einer Anlage entsorgt, die offenbar längst voll war. Credits: CORRECTIV / Design: Mohamed Anwar

Am Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen befindet sich eine der wohl größten illegalen Deponien in Deutschland. Aschen aus einer Müllverbrennungsanlage türmen sich neben Bergen aus Schutt und anderem Unrat von Baustellen. Die Menge, die auf einem ehemaligen Betriebsgelände zwischen dem Hafen Grimberg und einem Naturschutzgebiet lagert, ist gigantisch: insgesamt rund eine Million Tonnen Dreck. Umgerechnet in LKW-Ladungen: ca. 40.000 Transporte.

Früher gab es hier zwei Entsorgungsanlagen, die die Müllmassen sortieren und anschließend verwerten sollten. Doch irgendwann wurde offenbar nur noch angehäuft. Die Bottroper Unternehmensgruppe Becker, die für den Betrieb der Anlagen verantwortlich war, hat sich längst zurückgezogen. Seit etwa acht Jahren liegt das Gelände brach. Mehrere Firmen der Becker-Gruppe sind pleite. Die Kosten für die Bereinigung dieses Müllskandals werden wohl andere zahlen müssen.

Der Müll kam aus Nachbarstädten – und von Gelsenkirchens eigenem Entsorgungsbetrieb

Die Stadt Gelsenkirchen hat es dabei auf diejenigen abgesehen, die den Müll einst produziert und angeliefert haben. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Für einige Betroffene könnte dies sehr teuer werden.

Im Fall der Aschen streiten sich bereits zwei deutsche Großkonzerne, wer sich darum kümmern muss. Bei den anderen Abfällen war die Herkunft lange Zeit gar nicht klar. Unterlagen, die CORRECTIV vorliegen, belegen nun: Ein Teil des Mülls könnte von kommunalen Betrieben aus den Nachbarstädten stammen, ein anderer Teil aus der Ruhrindustrie.

Entsorgung kostet Millionen

Eine beträchtliche Menge kam wohl aber auch aus Gelsenkirchen selbst. Der städtische Entsorgungsbetrieb Gelsendienste rechnet bereits mit Millionen-Kosten.

Zum Teil schon Gras drüber gewachsen: die illegale Mülldeponie am Rhein-Herne-Kanal. Credit: CORRECTIV
Zum Teil schon Gras drüber gewachsen: die illegale Mülldeponie am Rhein-Herne-Kanal. Credit: CORRECTIV

Wie teuer die Entsorgung letztlich exakt wird, kann niemand vorhersagen. Die Stadt Gelsenkirchen geht von einem „höheren zweistelligen Millionen-Betrag“ für das gesamte Müllgebirge aus. Bliebe Gelsenkirchen allein auf dem Dreck sitzen, droht das Loch in der ohnehin schon leeren Stadtkasse noch größer zu werden.

Ausgerechnet die Behörde, die für die Überwachung der beiden Entsorgungsanlagen zuständig war, muss nun versuchen, den größten Schaden abzuwenden: das Gelsenkirchener Umweltamt.

Werden die Müllproduzenten zur Kasse gebeten?

Die Behörde beruft sich dabei auf das Kreislaufwirtschaftsgesetz, wie der Sprecher der Stadt Gelsenkirchen auf Anfrage von CORRECTIV erklärt. Demnach bleiben Firmen solange für ihren Müll verantwortlich, bis dieser ordnungsgemäß entsorgt wurde.

Für die betroffenen Unternehmen heißt das, dass sie für den Müll, für dessen Entsorgung sie schon einmal gezahlt haben dürften, womöglich ein weiteres Mal zur Kasse gebeten werden. Fraglich ist, ob das Umweltamt damit Erfolg hat.

Aschen in den Gärten der Nachbarschaft

Eine dieser Firmen ist der Entsorgungsbetrieb der Stadt Herne. Das Umweltamt der Stadt Gelsenkirchen will das Unternehmen in die Verantwortung nehmen. Das jedenfalls kündigte die Behörde in einem Schreiben von Mai 2024 an. Von dem abgelagerten Müll seien rund 11.000 Tonnen dem Herner Entsorgungsbetrieb zuzurechnen. “Diese Schlussfolgerung lehnen wir ab”, so die trotzige Reaktion im Antwortschreiben aus der Nachbarstadt. Der Schriftverkehr liegt CORRECTIV vor.

Der Herner Betrieb weist darin nicht nur jede Verantwortung von sich. Er macht dem Gelsenkirchener Umweltamt auch Vorwürfe. Der Behörde seien “Probleme mit der Anlage im Hafen Grimberg“ seit Jahren bekannt gewesen. “Umso verwunderlicher ist es, dass nun wir für die Entsorgung der abgelagerten Abfälle herangezogen werden sollen.”

„Das Umweltamt hat auf Schönwetter gemacht“

Tatsächlich zeichnete sich das Fiasko bereits ab, als die Entsorgungsanlagen noch in Betrieb waren. Damals wirbelten Radlader jede Menge von den Aschen aus der Müllverbrennung auf. Der Wind wehte graue Partikel in die Gärten der Nachbarschaft. Doch Anwohner wie Klaus Schäfer wurden mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen. „Das Umweltamt hat auf Schönwetter gemacht“, erinnert er sich im Gespräch mit CORRECTIV.

Im Jahr 2013 stellte das Amt dann fest, wovor Anwohner Schäfer schon länger gewarnt hatte: Der Ascheberg war zu hoch. Mittlerweile ist klar: Beide Anlagen wurden massiv überfrachtet. Das Umweltamt schritt offensichtlich zu spät ein. Genehmigt war die Lagerung von 200.000 Tonnen Aschen. Aufgetürmt wurde fast doppelt so viel. Die zweite Anlage hatte eine Genehmigung für die Verwertung von 280.000 Tonnen Bauschutt pro Jahr. Doch auch hier quillt das Lager über.

Überfachtet: jede Menge Unrat von Baustellen. Credits: CORRECTIV
Überfachtet: jede Menge Unrat von Baustellen. Credits: CORRECTIV

Der Herner Betrieb, von dem ein Teil des Mülls angeliefert worden sein soll, bestätigt auf CORRECTIV-Anfrage, „mit der Stadt Gelsenkirchen im Austausch zu dem Sachverhalt“ zu stehen. Eine Einigung wurde bis heute aber offenbar nicht erzielt.

Der Betrieb räumt zwar ein, von 2015 bis 2017 geschäftlich mit einer der Betreiberfirmen zu tun gehabt zu haben. In Herne geht man aber davon aus, “dass die von uns gelieferten Abfälle ordnungsgemäß und schadlos verwertet wurden.” Mit Blick auf die gigantischen Müllberge eine streitbare Annahme. Doch Herne ist damit nicht alleine.

Lieferungen aus Essen und Bottrop

Auch andere kommunale Betriebe, deren Müll nach CORRECTIV-Informationen in Gelsenkirchen abgeladen wurde, stellen sich stur. Verantwortlich für die Entsorgung sei “grundsätzlich” der Anlagenbetreiber, heißt es etwa vom kommunalen Entsorger aus Bottrop. Auch dieser Betrieb lieferte Bauschutt nach Gelsenkirchen – nach eigenen Angaben zwischen 2008 und 2017 schätzungsweise rund 60.000 Tonnen.

Die Entsorgungsbetriebe Essen GmbH (EBE) wiederum teilt auf Anfrage mit: „Die zurzeit in Gelsenkirchen abgelagerten Mengen können der EBE nicht mehr zugerechnet werden.” Ihre letzte Lieferung sei im Juni 2014 erfolgt, die Menge nicht mehr “vollumfänglich” ermittelbar.

Die Liste der Abfallproduzenten und Lieferanten, die dem Gelsenkirchener Umweltamt bekannt sind, dürfte noch viel länger sein. Die Behörde verfügt über Lieferdaten aus den Jahren 2004 bis 2017 – aufgelistet in Excel-Dateien mit “insgesamt 361.436 Zeilen”, wie in einem behördeninternen Bericht zu lesen ist. Dieser Bericht liegt CORRECTIV vor. Anhand dieser Daten rechnete das Gelsenkirchener Umweltamt etwa vor, welchen Anteil die Lieferungen aus Herne an den Müllbergen haben sollen.

Halbe Million Tonnen Müll aus Gelsenkirchen

Eine Firma, die ziemlich sicher auch in den Lieferdaten auftaucht, ist der kommunale Entsorgungsbetrieb der Stadt Gelsenkirchen. So berichtet der Sprecher der Gelsendienste auf Anfrage von CORRECTIV von einer “vertraglichen Vereinbarung zur Verwertung von Bau- und Abbruchabfällen aus dem Stadtgebiet Gelsenkirchens” mit der Heinrich Becker GmbH. Die Firma gehört zur Bottroper Unternehmensgruppe Becker, die für den Anlagenbetrieb im Hafen Grimberg verantwortlich war.

Fundstück auf der Halde: offenbar aus Gelsenkirchen. Credits: CORRECTIV
Fundstück auf der Halde: offenbar aus Gelsenkirchen. Credits: CORRECTIV

Die Vereinbarung zwischen Gelsendienste und Becker habe seit dem Jahr 1993 bestanden, so der Sprecher weiter. Seitdem soll mehr als eine halbe Million Tonnen Material aus Gelsenkirchen zur Entsorgungsanlage im Hafen Grimberg geliefert worden sein: Bauschutt, ausgehobener Boden, Straßenaufbruch, Gipsmüll und sogenannter Baumischabfall.

Die Lieferungen seien 2017 eingestellt worden, da “die Anlage nicht ordnungsgemäß betrieben wurde”. Ob sich die gesamten Abfälle aus Gelsenkirchen heute auf dem Gelände am Rhein-Herne-Kanal befinden oder zumindest teilweise verarbeitet und verwertet wurden, ist unklar.

Kommunaler Entsorger rechnet mit 9,5 Millionen Euro Kosten

Dennoch hat Gelsendienste in seinem noch unveröffentlichten Jahresabschluss 2024 schon einmal eine stattliche Summe als Rückstellung eingeplant: knapp 9,5 Millionen Euro. “Zur Deckung der voraussichtlichen Entsorgungskosten”, berichtet der Gelsendienste-Sprecher.

Für die Stadt Gelsenkirchen und ihren Entsorgungsbetrieb ein äußerst schmerzhafter Betrag. Für die Beseitigung des gesamten Mülls aber längst nicht genug.

Noch ein Fund: Etiketten für Senfsauce auf Portugiesisch. Credits: CORRECTIV

Immerhin im Fall der abgelagerten Aschen scheint klar zu sein, wer hier zur Kasse gebeten werden soll: Remondis, Deutschlands größter Entsorgungskonzern. Remondis war vom Energiekonzern RWE beauftragt worden, Aschen aus seinem Müllheizkraftwerk in Essen-Karnap zu entsorgen. Doch Remondis kümmerte sich nicht selbst, sondern heuerte Becker an. Eine Entscheidung, die den Konzern Jahre später Millionen kosten könnte.

RWE und Remondis streiten vor Gericht

RWE verlangt von Remondis nämlich die ordnungsgemäße Entsorgung der Aschen in Gelsenkirchen und klagt deswegen. Die Stadt Gelsenkirchen steht im Verfahren auf der Seite von RWE. In erster Instanz hatten sie Erfolg. Doch Remondis hat Berufung eingelegt.

Strittig ist unter anderem, ob wirklich die gesamte Asche aus Essen-Karnap stammt. „Nach unserem Kenntnisstand stammt sie von Dutzenden Anlieferern, von denen wir nur einer waren“, so ein Sprecher von Remondis. Auf Nachfrage von CORRECTIV, um wen es sich bei den anderen Lieferanten handeln soll, reagierte er nicht.

Einen weiteren Hinweis auf die Herkunft des abgelagerten Mülls gibt es aber noch. Er findet sich in dem Bericht des Gelsenkirchener Umweltamtes mit den Excel-Tabellen. Darin listet die Behörde mit Verweis auf die ihr vorliegenden Lieferdaten verschiedene Arten von Abfall auf, die bei der Anlage im Hafen Grimberg eingegangen sein sollen: darunter auch Kupfer- und Hochofenschlacke. Das ist kein Müll, der auf städtischen Baustellen anfällt, sondern in den Fabriken der Montanindustrie. RWE und Remondis könnten demnach nicht die einzigen Konzerne sein, die in diesen Fall verwickelt sind.

Betroffenes Grundstück gehört der RAG

Zu den Betroffenen in diesem Müll-Skandal gehört auch die RAG AG. Denn dem früheren Kohle-Giganten gehört das Grundstück, auf dem sich der Müll zu Bergen erhebt. Das bestätigt eine RAG-Sprecherin auf CORRECTIV-Anfrage: “Seit 1999 war das Grundstück an die Heinrich Becker GmbH vermietet, die es wiederum an verschiedene verbundene Gesellschaften zur Nutzung überließ.” Das Mietverhältnis sei Ende 2022 beendet worden.

Unsere Frage, ob sich die RAG an der Beräumung des Grundstücks finanziell beteiligen werde, ließ die Sprecherin offen. Sie teilte lediglich mit: “Gemeinsam mit der Stadt Gelsenkirchen arbeiten wir weiter zielführend an einer Lösung, damit die Fläche wieder in den Wirtschaftskreislauf kommt.”

Insgesamt soll sich hier eine Million Tonnen Müll auftürmen. Credits: CORRECTIV
Insgesamt soll sich hier eine Million Tonnen Müll auftürmen. Credits: CORRECTIV

Ein sogenannter Räumungstitel, den die RAG nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr gegen Becker gerichtlich erwirkt hat, ist aber wohl wertlos. Laut der RAG-Sprecherin hat die Firma schon während des Verfahrens einen Antrag auf Insolvenz gestellt. Es sei daher davon auszugehen, dass die Firma Becker das Gelände wohl nicht vom Müll befreien werde.

Auf Fragen von CORRECTIV zu den Insolvenzen und den abgelagerten Abfällen hat der aktuelle Becker-Geschäftsführer bis zur Veröffentlichung nicht reagiert.

Die Unternehmensgruppe war in den 1990er und 2000er Jahren ein großer Player im Entsorgungsgeschäft. Von der einstigen Größe ist heute nicht mehr viel übrig – außer den Müllbergen in Gelsenkirchen.

Mitarbeit: Tobias Hauswurz
Redigat und Faktencheck: Marius Münstermann

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