Bildung

„Wir verlieren einen Teil der jungen Generation“: Deutlich mehr Psychiatrie-Aufenthalte von Jugendlichen

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verschlechtert sich massiv. Während CORRECTIV-Recherchen einen starken Anstieg bei Diagnosen und Psychatrieaufenthalten zeigen, stellt die Bundesregierung das präventive Programm „Mental Health Coaches an Schulen“ ein.

von Miriam Lenz , Alexandra Ringendahl

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Besonders viele Mädchen sind von Depressionen und Angststörungen betroffen. (Symbolbild: Carolina/shhiscat/ Unsplash)

Es gibt Sätze, die Marie Hacker (16) aufhorchen lassen. „Wenn jemand zum Beispiel beiläufig sagt, ‚Ich habe keine Kraft mehr‘.“ Der Suizidversuch einer Mitschülerin hat die Kölner Gymnasiastin geprägt. „Ich habe danach in der Schule so viel Hilflosigkeit erlebt. Keiner wusste damit umzugehen, nichts wurde besprochen.“ Als eine andere Mitschülerin in der Klasse plötzlich Panikattacken bekam, sei das auch so gewesen. Hacker gehört zum Vorstand der Bezirksschülervertretung Köln, die 150.000 Schülerinnen und Schüler vertritt. Gemeinsam organisieren sie in einem wohl deutschlandweit einzigartigen Projekt präventive Mental Health Workshops für Kölner Schulen. „Weil es eben keiner macht, wenn wir es nicht selbst machen.“

50.000 Euro Jahresbudget aus dem städtischen Haushalt haben sie politisch erstritten, um dieses Angebot ehrenamtlich in Kooperation mit Workshop-Anbietern aufzubauen. „Ich höre oft von Erwachsenen: So schlimm kann das doch nicht sein. Die sollen einfach mal in eine Klasse gehen und zuhören. Ich schätze, dass inzwischen jeder Dritte, der dort sitzt, psychische Probleme hat.“

Eine Einschätzung, die sich mit den Befunden der jüngsten Ausgabe der Copsy-Untersuchung deckt. Laut dieser Studie, für die das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf jedes Jahr Kinder und Jugendliche befragt, gilt fast jeder vierte Heranwachsende in Deutschland als psychisch auffällig. Grundlage sind allerdings Selbstauskünfte und keine medizinischen Befunde. CORRECTIV belegt nun mit einer Recherche bei den großen Säulen des Gesundheitssystems, dass auch die Zahl der diagnostizierten psychischen Erkrankungen in dieser Altersgruppe deutlich und kontinuierlich steigt.

Stationäre Aufenthalte steigen um knapp ein Drittel

Am deutlichsten zeigt sich dieser Zuwachs bei der Zahl der stationären psychiatrischen Behandlungen. So sind psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen inzwischen die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausaufenthalte. Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen – auf alle Formen psychischer Erkrankungen bezogen – zwischen 2022 und 2024 eine Steigerung von 40 Prozent innerhalb von drei Jahren. Im Jahr 2024 waren demnach 116.340 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und unter 19 Jahren wegen psychischer Erkrankungen oder Verhaltensstörungen im Krankenhaus. Allein 30 Prozent fallen dabei auf die Diagnose Depression. Zum Vergleich: 2023 waren es noch 112.538 und 2022 waren es lediglich gut 81.000 Kinder und Jugendliche.

Allein bei den fünf am häufigsten gestellten Diagnosen stieg die Zahl der Minderjährigen, die in die Psychiatrie eines Krankenhauses eingewiesen wurden, im Zeitraum zwischen 2020 und 2024 in Summe um knapp ein Drittel. Das belegen die aktuellen Daten der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Porträt von Marie Hacker von der Bezirksschülervertretung Köln .
Marie Hacker von der Bezirksschülervertretung Köln hat mit Mitstreitern ein Budget im städtischen Haushalt erstritten, um Mental-Health-Workshops für alle Kölner Schulen anzubieten. Das Projekt wurde mit dem Deutschen Jugendpreis 2025 ausgezeichnet. (Foto: Marie Hacker)

Für 2025 gibt es noch keine abschließende Zahl. Rechnet man allerdings die Zahl, die für den Zeitraum bis Ende des dritten Quartals vorliegt, hoch, ergibt sich eine weitere deutliche Steigerung und damit eine über fünf Jahre kontinuierlich steigende Kurve.

Dabei müssen die betroffenen jungen Menschen laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft inzwischen Wartezeiten von vier bis sechs Monaten für einen stationären Platz in Kauf nehmen. „Die lange Wartezeit ist natürlich gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hochproblematisch“, warnt der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß.

Mehr Angststörungen und Depressionen vor allem bei Mädchen

Die stationären psychiatrischen Behandlungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die Daten der größten deutschen Krankenkassen belegen, dass analog dazu auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die ambulant die Diagnose Angststörung, Essstörung oder Depression erhalten, deutlich steigt. So zeigen etwa die Zahlen der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), dass bei den Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren inzwischen 44 von 1.000 an einer Angststörung leiden.

Besonders betroffen sind demnach Mädchen, bei denen 66 von 1.000 diese Diagnose bekommen haben. Laut dem DAK-Report ist das ein Plus von 53 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Hochgerechnet auf alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland erhielten demnach 230.000 Kinder die Diagnose Angststörung. Auch von der Diagnose Depression sind Mädchen deutlich stärker betroffen. Im Jahr 2024 litten 73 von 1.000 bei der DAK versicherten Mädchen an einer Depression. Damit stieg der Anteil der betroffenen Mädchen der Altersgruppe im Vergleich zu 2019 um ein Viertel.

Hilfsangebote

Wenn Sie sich mental belastet fühlen, Suizidgedanken haben oder sich Sorgen um jemand anderen machen, können Sie sich unter anderem an folgende Hilfsangebote wenden:

Telefonseelsorge: 0800 1110111 (jederzeit erreichbar)

Nummer gegen Kummer – Beratung für Kinder und Jugendliche: 116 111(montags bis samstags 14 Uhr bis 20 Uhr)

Nummer gegen Kummer – Beratung für Eltern: 0800 1110 550 (montags, mittwochs und freitags von 9 Uhr bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 Uhr bis 19 Uhr)

Krisenchat: Chat für alle unter 25 Jahren per Messengerdienst mit Beraterinnen und Beratern

Die aktuellen Zahlen des wissenschaftlichen Instituts der AOK belegen einen vergleichbaren Trend. Demnach leiden von 100.000 Versicherten im Alter von zehn bis 19 Jahren inzwischen bei den Mädchen 3,1 Prozent an einer Depression. Bei den 15- bis 19-Jährigen sind es sogar 4,9 Prozent der jungen Frauen. Bei jungen Männern  sind es 3,2 Prozent. Dabei steigt die Zahl seit 2015 in dieser Altersgruppe kontinuierlich weiter an. Mit Blick auf die Zahlen spricht DAK-Vorstandschef Andreas Storm von einer „neuen Dimension“, die den Ernst der Lage zeige.

Knapp 100.000 Jugendliche suchten Hilfe bei Nummer gegen Kummer

Beim Kinder- und Jugendtelefon Nummer gegen Kummer wandten sich 2024 knapp 96.000 Jugendliche telefonisch oder online an die Beraterinnen. Psychosoziale und gesundheitliche Probleme waren dabei mit knapp 40 Prozent das mit weitem Abstand wichtigste Themenfeld. „Viele junge Ratsuchende nutzen die Angebote, um über lebensmüde oder Suizidgedanken, aber auch Suizidversuche zu sprechen“, erläutert die Sprecherin des Jugendtelefons, Nora Malmedie.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einen Teil dieser Generation verlieren“, warnt DAK-Vorstand Storm. Zumal das aktuelle DAK-Präventionsradar als bundesweite Schulstudie ergeben habe, dass 84 Prozent der Kinder und Jugendlichen – vor allem auch im Hinblick auf Mediennutzung – keine ausreichende Motivation für gesundheitsbewusstes Verhalten hätten. „Es braucht eine Offensive für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, fordert DAK-Vorstand Storm. Und zwar in den Schulen.

Hilferuf der Bundesschülerkonferenz

Bei der Bundesschülerkonferenz rennt er damit offene Türen ein. Erst im Spätherbst hatte sich die Bundesschülerkonferenz zu Wort gemeldet – unterstützt unter anderem vom Deutschen Lehrerverband. Mit der Kampagne „Uns geht’s gut?“ wollen sie auf den schlechten Zustand der seelischen Gesundheit junger Menschen aufmerksam machen und lieferten einen Zehn-Punkte-Plan. Darin fordern sie unter anderem mehr Schulsozialarbeit und Schulpsychologen sowie mehr Förderung von Medienkompetenz.

Eine politische Antwort auf ihren öffentlichen Hilferuf sehen die Schülerinnen und Schüler bislang nicht. Stattdessen sende die Bundesregierung ein „fatales Signal“ an eine ohnehin belastete Generation, sagt Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz. Denn das von der Vorgängerregierung angesichts der besorgniserregenden Entwicklung als Reaktion auf die Pandemie gestartete Pilot-Programm „Mental Health Coaches“ an Schulen wird eingestellt statt ausgeweitet. Im Haushalt für 2026 gibt es kein Geld mehr für das Programm.

Dabei hatte eine vom Bildungsministerium in Auftrag gegebene Evaluierung des Projekts durch die Universität Leipzig eindeutig geben, dass an den Schulen, an denen diese Coaches eingeführt worden waren, Wirksamkeit und auch hohe Akzeptanz rückgemeldet wurde. 90 Prozent der Beteiligten wünschten sich eine Fortsetzung. Im Rahmen des Programms konnten Kinder und Jugendliche an rund 100 Schulen bei einer Fachkraft Hilfe suchen, wenn sie psychische Probleme haben.

„Wir müssen endlich gehört und ernst genommen werden“, fordert Amy Kirchhoff. „Die Politik muss investieren, damit diese Generation ohne permanenten Druck, Angst und Depressionen aufwachsen kann.“

Kritik vom Deutschen Ethikrat: „Sehr bedauernswert“

Auch der Deutsche Ethikrat kritisiert die Einstellung des Mental-Health-Programms der Bundesregierung. Es sei „sehr bedauerlich, dass das positiv evaluierte Programm an Schulen aus finanziellen Gründen eingestellt wird“, kritisierte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Helmut Frister.

Der Ethikrat hatte in einer Ad-hoc-Empfehlung 2022 – damals vor allem in Reaktion auf die Pandemie – gefordert, die Jugendlichen mit den psychischen Belastungen nicht alleine zu lassen. Zu den konkreten Forderungen der Empfehlung gehörten auch, niedrigschwellige Angebote in den Schulen einzurichten, da man die Jugendlichen dort flächendeckend und rechtzeitig präventiv erreichen kann. Die psychische Gesundheit sei für die Zukunft einer Gesellschaft von ganz zentraler Bedeutung und müsse deshalb hohe Priorität haben, trotz großer finanzieller Probleme. „Ich kann verstehen, dass Jugendliche unzufrieden sind, dass da zu wenig passiert“, sagt der Ethikrat-Vorsitzende.

Die Bundesregierung wisse gut um die Situation der mentalen Gesundheit junger Menschen, heißt es dazu aus dem Bundesbildungsministerium. An Stelle des bisherigen Programms werde – aufsetzend auf die gewonnenen Erfahrungen – eine neue Strategie für die Prävention von psychischen Störungen entwickelt. Ergebnisse dazu liegen bislang nicht vor.

„Darauf wollen und können wir auch einfach nicht warten“, sagt Marie Hacker von der Kölner Bezirksschülervertretung. „Das Einstellen des Programms ist ein Tritt ins Gesicht. Wir brauchen die Schulsozialarbeiter und Mental Health Coaches jetzt.“ 143 Workshops konnten dank der Vermittlung der Bezirksschülervertretung 2025 an Kölner Schulen stattfinden. Außerdem wurde das Projekt mit dem Deutschen Kinder- und Jugendpreis 2025 ausgezeichnet. „Wir kämpfen, bis jede Schule die Möglichkeit hat, präventive Workshops durchzuführen. Ich spüre so viel Frustration in meiner Generation. Wir wollen diese Wut in Aktionismus umwandeln.“

Redigat und Faktencheck: Finn Schöneck