Digitalpolitik

Was bringt ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche?

Die SPD will Minderjährige unter 16 Jahren vor den Risiken von Social Media schützen und erntet viel Zustimmung – auch von Bundeskanzler Friedrich Merz. Erfahrungen aus Solingen, Australien und der Wissenschaft zeigen Chancen und Schlupflöcher bei der Umsetzung.

von Samira Joy Frauwallner , Pamela Kaethner , Alexandra Ringendahl

Rosenmontag Tilly Wagen DUS
Rund um das Thema Social Media und das Verbot desselben drehen sich gerade politische und wissenschaftliche Diskurse. Das Thema zog sich sogar bis in den Karneval: Am Rosenmontag hier zu sehen ein Mottowagen von Wagenbauer Jacques Tilly zum Thema „Smartphone-Sucht bei Kindern und Jugendlichen“. (Symbolbild). Quelle: Picture Alliance / Jochen Tack | Jochen Tack

Für viele gehört es zum Alltag, auf Instagram, X, Facebook oder Tiktok zu scrollen, zu liken und sich zu informieren. Das Problem dabei ist nur: Oft merkt man erst später, wie sehr der Inhalt auf diesen Plattformen die Gedanken verwirrt, den Geist überreizt und erschöpft. Bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich die negativen Effekte Sozialer Netzwerke besonders deutlich. Darauf weisen nicht nur Experten hin. Auch viele, die regelmäßig mit jungen Menschen zu tun haben, dürften diese Einschätzung teilen.

Nun gibt es einen Vorschlag der SPD-Bundestagsfraktion zur Beschränkung von Sozialen Netzwerken für Kinder und Jugendliche, der ziemlich radikal klingt. 

Was sieht der Vorschlag der SPD vor? 

Kinder unter 14 Jahren sollen demnach gar keinen Zugriff mehr auf Soziale Netzwerke haben. Die Plattformbetreiber müssten den Zugang zuverlässig blockieren und Verstöße sollen geahndet werden. 

Jugendliche bis 16 Jahre sollen nur eine Jugendversion der Plattformen nutzen dürfen. Dort soll es keine algorithmischen Feeds oder personalisierte Empfehlungen geben. Auch typische „Sucht-Features“ wie Endlos-Scrollen, Autoplay, Push-Nachrichten oder Belohnungssysteme wären tabu.

Nach den SPD-Plänen sollen Minderjährige unter 16 nur über die EUDI-Wallet ihrer Erziehungsberechtigten Zugang erhalten. Die App dient als digitale Ausweis-Brieftasche, etwa für Personalausweis oder Führerschein, und soll ab Januar 2027 in der gesamten EU einsatzbereit sein.

Für Jugendliche ab 16 Jahren sowie Erwachsene sollen personalisierte, algorithmische Empfehlungen standardmäßig ausgeschaltet sein. Wer solche Vorschläge nutzen will, müsste sie aktiv einschalten. 

Alle Anbieter, darunter die beliebtesten Netzwerke in Deutschland – Instagram, Tiktok, Facebook, Snapchat und Pinterest – sollen nach den SPD-Plänen stärker in die Pflicht genommen werden. Bei Verstößen gegen Alterskontrollen, verbotene Algorithmen oder Regeln des Digital Service Acts kann der Staat schnell mit Anordnungen, hohen Strafen, Nutzungsbeschränkungen oder sogar Netzsperren reagieren.

Die SPD will Minderjährige unter 16 Jahren vor den Risiken von Social Media schützen und erntet viel Zustimmung – auch von Bundeskanzler Friedrich Merz. (Symbolbild.) Quelle: Picture Alliance / Photothek.de, Thomas Trutschel

Kritik und Zustimmung zum SPD-Vorschlag

SPD-Politiker gaben ihren Genossen aus der Fraktion in Stellungnahmen gegenüber verschiedenen Medien Rückendeckung. So verteidigt Bundesjustizministerin Stefanie Hubig das Papier der SPD-Fraktion. Soziale Medien seien fester Bestandteil der Lebensrealität junger Menschen. „Wir müssen aber erkennen, dass ihre Nutzung gerade bei Kindern und Jugendlichen schaden kann und es darum klarer rechtlicher Leitplanken bedarf“, sagte Huber der Rheinischen Post

Zustimmung gibt es auch beim Koalitionspartner CDU. Der Chef der Unions-Bundestagsfraktion, Jens Spahn (CDU), befürwortete eine Altersbeschränkung für Social Media, ebenso der CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst aus NRW. Wie es die Gesamtpartei sieht, wird sich ab Freitag zeigen. Dann will die CDU das Thema auf ihrem Bundesparteitag besprechen.

Inzwischen äußerte auch Bundeskanzler Friedrich Merz Sympathien für den Vorschlag. Im Politik-Podcast „Machtwechsel“ warnte er vor den Folgen exzessiver Mediennutzung bei Kindern, die „bis zu fünf Stunden und mehr Bildschirmzeit haben am Tag“. Wenn „die gesamte Sozialisation nur noch über dieses Medium stattfindet“, führe das zu „Persönlichkeitsdefiziten und Problemen im Sozialverhalten“, so der Bundeskanzler. Bei Verboten sei er zurückhaltend, doch für den Vorschlag habe er Sympathien. „Im Vordergrund muss stehen, wie schütze ich die Kinder in einem Alter, in dem sie auch Zeit haben müssen zu spielen, zu lernen, sich in der Schule zu konzentrieren.“ 

Bildungs- und Familienministerin Karin Prien (CDU) unterstützt die SPD-Vorschläge ebenfalls. Sie warnte bereits im Dezember, dass exzessiver Konsum von Sozialen Netzwerken bei Jugendlichen Depressionen, Angststörungen, ein negatives Selbstbild sowie Einbußen bei Konzentration, sozialen Fähigkeiten und schulischer Leistung fördern kann.

In der bayerischen Schwesterpartei, der CSU, regt sich derweil Widerspruch. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, zugleich Parteivorsitzender der CSU, bezeichnete ein Verbot Sozialer Netzwerke als „totalen Quatsch“.

Die Reaktionen in der Opposition gehen indes weit auseinander. Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen unterstützt ein Verbot und kritisierte die aktuelle Situation als „ein System, das gezielt auf maximale Bindung und Abhängigkeit ausgelegt ist – mit besonders gravierenden Folgen für junge Menschen, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet.“

Ablehnend äußerte sich Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek. Sie setzt auf strengere Kontrollen und härtere Strafen für die Plattformbetreiber. Alice Weidel, Partei- und Fraktionschefin der AfD, bezeichnete die Forderung nach einem Verbot als „falsch und gefährlich.“

Experten diskutieren strikte Regeln für Minderjährige auf Social Media. Von Sucht-Features bis zur Ausweispflicht – die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sind weitreichend. (Symbolbild.) Quelle: Sinitta Leunen, Unsplash

Experteneinschätzungen: Zwischen Schutz und Medienbildung

CORRECTIV hat zu dem SPD-Vorstoß Expertinnen aus der Sucht-, Medien- und Jugendforschung befragt. Ihre Einschätzungen zeigen: Der Schutz junger Menschen ist wichtig, in der Verantwortung sind aber nicht allein junge Menschen. 

Hans-Jürgen Rumpf, Suchtforscher an der Universität Lübeck, unterstützt grundsätzlich altersgerechte Kontrollen, wie es die SPD vorschlägt: „Aus psychologischer Sicht macht eine altersgerechte Kontrolle des Zugangs und der Inhalte auf jeden Fall Sinn.“ Dafür müssten die Unternehmen Verantwortung übernehmen und ihre Angebote altersgerecht ausrichten, so Rumpf. Wenn das nicht funktioniere, könne auch ein Zugangsverbot in Abhängigkeit vom Alter sinnvoll sein. 

Die Gefahren Sozialer Netzwerke sieht Rumpf in der menschlichen Biologie: Bei ihrer Nutzung wird das Belohnungszentrum aktiviert und Dopamin ausgeschüttet. Das finde sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen statt. Rumpf warnt, dass Heranwachsende darauf stärker ansprächen.

Die Funktionen der Plattformen können laut Rumpf außerdem zu einem gefährlichen Teufelskreis führen: Nutzer würden die Kontrolle über ihre Zeit verlieren, andere Aktivitäten und alltägliche Pflichten vernachlässigen. Soziale Netzwerke würden dann zum emotionalen Ventil und könnten dazu dienen, die eigenen Gefühle zu regulieren, so der Experte. Fehlen andere Bewältigungsstrategien, drohe eine Suchtentwicklung.

CORRECTIV hat zu dem SPD-Vorstoß Expertinnen aus der Sucht-, Medien- und Jugendforschung befragt. Ihre Einschätzungen zeigen: Der Schutz junger Menschen ist wichtig, in der Verantwortung sind aber nicht allein junge Menschen. (Symbolbild.) Quelle: Jon Tyson, Unsplash

Kira Thiel vom Leibniz-Institut für Medienforschung befasst sich ebenfalls mit den Chancen und Risiken Sozialer Netzwerke für Heranwachsende. Sie Ansätze vor, wie Nutzende ihren Plattform-Konsum einschränken können: Jugendliche sollten beispielsweise verstehen lernen, wie Soziale Netzwerke psychologisch funktionieren und wie sie sie beeinflussen.

Gegen Gefahren wie Cybermobbing oder sexuelle Übergriffe müssten Jugendliche gewappnet werden, so Thiel. Dazu gehöre: Privatsphäre richtig einstellen, die eigenen Rechte kennen und wissen, an wen sie sich im Ernstfall wenden können. Auch Medientagebücher können Thiel zufolge dabei helfen, das eigene Nutzungsverhalten zu hinterfragen. Auch helfe es, Push-Benachrichtigungen auszuschalten und die Bildschirmzeit zu begrenzen. 

Verantwortung sieht Thiel bei den Plattform-Betreibern: Jugendliche können der Expertin zufolge nicht allein für ihren Schutz vor Online-Gefahren verantwortlich sein. „Plattformen sind gefordert, die verschiedenen Risiken durch kind- bzw. altersgerechtes Design, konsequente Moderation und verlässliche Beschwerdestrukturen zu begrenzen“, so Thiel. Die Politik müsse dafür „klare und verbindliche Regeln“ schaffen.

Was ist „Plattformdesign“, was daran macht süchtig – und was sagt die EU-Kommission?

 Das von Forschern beschriebene sogenannte Plattformdesign bezeichnet die bewusste Gestaltung von Apps und Webseiten, die ein bestimmtes Nutzerverhalten fördern. Dabei geht es also nicht nur um das Aussehen von Instagram, Tiktok und Co., sondern vor allem um psychologische Mechanismen, die uns länger auf den Plattformen halten sollen: etwa Endlos-Scrollen, Algorithmen, das Like-System und Gamification. 

Die EU-Kommission verlangt seit Februar 2026 von Tiktok tiefgreifende Änderungen am Plattformdesign, um suchtähnliche Nutzung zu verhindern. Funktionen wie endloses Scrollen und fehlende Pausen sollen angepasst, Empfehlungssysteme überarbeitet werden. 

Altersbeschränkungen für Soziale Netzwerke weltweit im Fokus

Weltweit diskutieren derzeit Regierungen Altersbeschränkungen für Soziale Netzwerke für Kinder und Jugendliche. Australien war international das erste Land, das im Dezember 2025 ein Verbot für unter 16‑Jährige in Kraft setzte und über vier Millionen Social Media Konten sperren ließ. 

Frankreich will ein Verbot für unter 15 Jährige noch im Herbst einführen. Auch in Großbritannien werden schärfere Regeln beim Zugang von Jugendlichen unter 16 Jahren zu Sozialen Netzwerken diskutiert. Auch Spanien, Polen, Slowenien und Griechenland sowie Neuseeland, Malaysia und Indonesien planen Altersbeschränkungen für die Nutzung Sozialer Netzwerke. Die Altersgrenze liegt meistens zwischen 15 und 16 Jahren.

Einige Länder setzen auf eine Kombination aus Altersgrenzen und elterlicher Zustimmung. Die dänische Regierung etwa kündigte an, Soziale Netzwerke für unter 15-Jährige zu sperren. Gleichzeitig sollen Eltern ihren Kindern bereits ab 13 Jahren den Zugang zu ausgewählten Plattformen erlauben können.

Portugal erwägt, Plattformen bei Verstößen gegen Altersbeschränkungen mit hohen Strafen zu belegen. Die Europäische Kommission prüft bis zum Sommer ein EU-weites Social-Media-Verbot für Jugendliche. Fachleute betonen, dass einzelne Länder eine Altersgrenze kaum eigenständig umsetzen könnten, da die Zuständigkeit überwiegend bei der EU liegt.

Von Australien lernen

Laut Experten weichen Teenager in Australien auf andere Dienste wie Gaming- oder Messenger-Plattformen aus, wo Risiken höher und Kontrollen schwieriger sind. Belastbare Zahlen, wie viele australische Jugendliche tatsächlich keinen Zugang zu Sozialen Netzwerken mehr haben, gibt es derzeit nicht. Das sagte Tom Sulston von der australischen Organisation Digital Rights Watch beim Fachgespräch der europäischen Denkfabrik „Interface“. Laut Sulston, lasse die Altersverifizierung der Plattformen australischen Jugendlichen viele Schlupflöcher. So nutzten Jugendliche beim Scannen von Gesichtern Tricks, um älter zu wirken.

Sulston kritisiert, dass die australische Regierung Kinder angeblich schützen will, während die Plattformen gleichzeitig noch mehr Daten wie Gesichtsscans oder Ausweisinformationen sammeln.

Pilotprojekt: Kinder in Solingen proben Social-Media-Verzicht

Während die Koalition in Deutschland beim Thema Verbot Sozialer Netzwerke noch um einen Fahrplan ringt, hat eine kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen bereits Fakten geschaffen: Solingen zeigt schon jetzt in Eigenregie, wie das mit einem Social-Media-Verbot in Deutschland funktionieren könnte. Dort verzichten seit Beginn des Schuljahres im Rahmen einer stadtweiten Vereinbarung alle Fünftklässler auf Apps wie Instagram oder Tiktok und geben außerdem ihr Handy mit Schulbeginn ab. 

Alle Eltern haben bei der Anmeldung ihrer Kinder ein Formular unterschrieben und sich verpflichtet, auch zu Hause auf die Einhaltung des Social-Media-Verbots zu achten. Die stadtweite Regelung soll es Kindern wie Eltern erleichtern, den Verzicht auch zuhause umzusetzen, weil das Argument „Die anderen dürfen auch“ entfällt. 

Solingen: Wissenschaftliche Begleitung durch die Uni Köln

Nach dem ersten Halbjahr ohne Soziale Netzwerke beobachten Schulleitungen und Kollegien in Solingen die ersten Effekte: Auf den Schulhöfen werde mehr miteinander gespielt, es gebe viel mehr Gespräche untereinander. Um das Ganze auch wissenschaftlich evaluieren zu lassen, sei man derzeit mit der Universität Köln in Verhandlungen, erläutert der Leiter des Bildungsbüros und Initiator Jörg Augustin gegenüber CORRECTIV. Dabei ist allen vor Ort klar, dass das Problem mit einem Verbot alleine nicht gelöst ist. „Wichtig ist ergänzend konsequente Medienerziehung in der Schule und die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern“, sagt Augustin. 

So gibt es in allen Klassen Medienprojekte und Medienscouts, also speziell ausgebildete Schülerinnen und Schüler, die ihre Mitschüler beim sicheren, fairen und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien unterstützen. 

Der Umgang mit Sozialen Netzwerken ist zudem Teil des Unterrichts. Außerdem ist Elternarbeit ein zentrales Element: Neben zielgerichteter Elternberatung ist auch der psychologische Dienst in das Projekt eingebunden. Flyer informieren die Eltern, welche Apps es gibt, um den Medienkonsum der Kinder auf deren Smartphones zu steuern. 

Auch wenn es in weiten Teilen von Union und SPD Zustimmung für eine Altersbeschränkung von Sozialen Netzwerken gibt, wird es wohl noch einige Monate dauern, ehe sich wirklich etwas bewegt. Die Bundesregierung will nämlich vor der Entscheidung über die Reglementierung noch die Ergebnisse einer Expertenkommission zum Thema abwarten. Diese hatte Familienministerin Karin Prien (CDU) im vergangenen Jahr eigens eingesetzt, um eine Empfehlung zu erarbeiten. 

Die Kommission will im Sommer ihre Ergebnisse vorlegen. Aber selbst wenn Deutschland dann eine Beschränkung für Jugendliche beschließt, bleibt der Vorbehalt, dass nationales Recht womöglich gar nicht anwendbar ist. Denn für die EU-Staaten gilt der auf EU-Ebene beschlossene Digital Service Act. Der Medienrechtler Stephan Dreyer sieht aber gute Chancen, dass es auf europäischer Ebene eine Mehrheit für eine solche EU-weite Regelung geben könne, sagte er gegenüber dem Deutschlandfunk.

Redigatur: Katarina Huth, Ulrich Kraetzer
Faktencheck: Katarina Huth 
Recherche: Samira Joy Frauwallner, Alexandra Ringendahl, Ulrich Kraetzer, Pamela Kaethner, Dilara Schwidder