Bildung

Am Limit: Wie Deutschlands Schulsozialarbeiter ausbrennen

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von Gewalt betroffen oder haben schwere psychische Erkrankungen. Schulsozialarbeiter sind häufig die ersten, die ihnen helfen. Doch viele von ihnen sind so überlastet, dass sie nicht mehr alle Kinder unterstützen können. Trotzdem sollen in einigen Bundesländern Stellen gestrichen werden. Über 500 Schulsozialarbeiter teilen ihre Erfahrungen.

von Miriam Lenz , Sarah Langner

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Rund 550 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter berichten CORRECTIV von ihrem Alltag – viele sind überlastet und können sich nicht um alle Kinder kümmern, die Hilfe brauchen. Illustration: Christina S. Zhu

An manchen Tagen wartet eine Schülerin schon vor Maja Winters* Büro, wenn sie morgens in die Schule kommt. Um Winter kurz erzählen zu können, was sie bedrückt. Bevor das Mädchen in den Unterricht und funktionieren muss.

Winter arbeitet als Sozialarbeiterin an einem Gymnasium in Sachsen. Rund 1.100 Kinder und Jugendliche besuchen die Schule. Gut 80 Lehrkräfte unterrichten dort. Sie ist die einzige Sozialarbeiterin. Und damit die erste Ansprechpartnerin der Kinder und Jugendlichen bei kleinen Sorgen und bei existentiellen Nöten: Streit zwischen Freunden. Häuslicher Gewalt. Liebeskummer. Essstörungen. Leistungsdruck. Suizidgedanken.

Wenn Winter von der Arbeit nach Hause kommt, muss sie erstmal den Kopf freikriegen. Langsam all die Gespräche und Krisen und Notfälle des Tages loslassen. „Ich will dann häufig niemanden mehr sehen“, sagt sie. „Weil ich keine Kraft mehr habe.“

600 Beratungen hat sie im vergangenen Jahr gemacht. Sie sei am Limit, sagt Winter. „Kurz vorm Burnout.“

Knapp 550 Schulsozialarbeiter berichten von ihren Erfahrungen

So wie ihr geht es vielen Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern. Knapp 550 berichten CORRECTIV in einer Online-Befragung von ihrem Alltag: dem Druck, allein für hunderte Schülerinnen und Schüler zuständig zu sein, als „Feuerwehr“ von Krisensituation zu Krisensituation zu hetzen und längst nicht allen Kindern und Jugendlichen so gerecht werden zu können, wie sie es bräuchten. Und dabei oft nicht zu wissen, ob es ihren Job im nächsten Jahr noch geben wird – denn in Zeiten klammer öffentlicher Kassen werden Stellen gestrichen. In Sachsen-Anhalt stehen womöglich hunderte Stellen vor dem Aus.

Die Erzählungen der Schulsozialarbeitenden zeigen, wie schlecht es vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland geht – Dutzende berichten von Kindeswohlgefährdungen, Gewalt unter Schülern, von Kindern und Jugendlichen, die sich das Leben nehmen wollen.

Sie fühlen sich zerrieben zwischen den Nöten der Kinder und Jugendlichen und einem Hilfesystem, das so überlastet ist, dass es nicht mehr helfen kann – Jugendämter, die sich um immer mehr Fälle kümmern müssen; Kinder- und Jugendtherapeuten, deren Wartelisten überfüllt sind.

Viele Sozialarbeiterinnen kämpfen auch um ihren Platz im System Schule. Denn noch immer sind nicht alle Schulleitungen und Lehrkräfte darauf vorbereitet, dass Schule nun auch von anderen Berufen mitgestaltet wird. Manchmal geht es bei diesem Kampf ganz wörtlich um ein eigenes Büro, um vertraulich mit Schülern sprechen zu können.

An vielen Schulen in Deutschland gibt es noch immer keine Sozialarbeit, wie Recherchen von CORRECTIV zeigen. Obwohl Studien belegen, wie sehr sie Kindern hilft.

„Wir nehmen jeden Tag die gesellschaftlichen und politischen Probleme dieses Landes wahr und versuchen, etwas für die Kinder und Jugendlichen zu verbessern“, sagt Winter. „Trotzdem werden wir belächelt, weil viele Menschen überhaupt nicht wissen, was wir machen.“

So hat CORRECTIV recherchiert

Wir haben mit dem CrowdNewsroom, einer von CORRECTIV entwickelten Online-Plattform, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter gefragt, welche Herausforderungen sie bei ihrer Arbeit erleben.

Zwischen dem 21. Oktober 2025 und dem 25. Februar 2026 nahmen insgesamt 546 Personen teil. In der Umfrage wurden offene Fragen gestellt – die Teilnehmenden konnten somit von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Die Antworten wurden nach Methoden der qualitativen Sozialforschung ausgewertet, indem Kategorien gebildet wurden. Jeder einzelne Beitrag wurde mit diesen Kategorien codiert.

Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Dennoch liefert sie einen tiefen Einblick in die alltäglichen Probleme von Schulsozialarbeitenden.

Die Teilnehmenden konnten die Anfrage anonym beantworten, aber auch ihre Kontaktdaten für Rückfragen angeben. CORRECTIV hat mit acht Schulsozialarbeitenden, die die Umfrage beantwortet haben, vertiefende Interviews geführt.

CORRECTIV hat zudem alle Bundesländer gefragt, wie viele Schulsozialarbeiterinnen in ihrem Land arbeiten sowie an welchen Schulen es Schulsozialarbeit gibt und an welchen nicht. Nur wenige Bundesländer konnten genaue Daten liefern. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen hat CORRECTIV diese Fragen außerdem allen Landkreisen gestellt.

Der Leistungsdruck an dem Gymnasium, an dem Winter arbeitet, ist hoch. Manchmal sitzen Fünftklässler weinend bei ihr auf dem Sofa, weil sie Angst haben, später das Abitur nicht zu schaffen. „Bei mir müssen die Kinder nichts leisten“, sagt Winter. „Bei mir dürfen sie einfach sagen, wie es ihnen geht.“ Dann sucht sie gemeinsam mit ihnen nach Lösungen.

Winter kümmert sich um einzelne Kinder, aber spricht auch mit ganzen Klassen, zum Beispiel über Suchtgefahr. Ihren Arbeitstag kann sie kaum planen. „Als ich neulich einen Workshop gegeben habe, hat mich eine Lehrkraft plötzlich aus der Klasse zu einer suizidalen Schülerin gerufen.“

Wenn Sie sich mental belastet fühlen, Suizidgedanken haben oder sich Sorgen um jemanden machen, können Sie sich an folgende Hilfsangebote wenden:

Telefonseelsorge: 0800 1110111 (jederzeit erreichbar)

Nummer gegen Kummer – Beratung für Kinder und Jugendliche: 116 111 (montags bis samstags von 14 Uhr bis 20 Uhr)

Nummer gegen Kummer – Beratung für Eltern: 0800 1110 550 (montags, mittwochs und freitags von 9 Uhr bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 Uhr bis 19 Uhr)

Krisenchat: Chat für alle unter 25 Jahren per Messengerdienst mit Beraterinnen und Beratern

Schulsozialarbeit: Brücke zwischen Schule und Jugendamt

„Schulsozialarbeiter sollen Kinder und Jugendliche in ihrer schulischen, beruflichen, persönlichen und familiären Entwicklung unterstützen“, erklärt Karsten Speck. Er ist Professor für Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Oldenburg und forscht seit Langem zu Schulsozialarbeit und ihrer Wirkung.

Schulsozialarbeiter bilden dabei eine Brücke zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe, also den Jugendämtern. Sie haben das Wohl der Kinder im Blick und schreiten bei Gefährdungen ein. Gleichzeitig sollen sie für ein angenehmes Schulklima sorgen und unterstützen, wenn Kinder nicht regelmäßig zur Schule gehen.

„Schulsozialarbeiter müssen sozialpädagogische Allrounder sein“, sagt Speck. Denn sie müssen mit Schülerinnen, Lehrkräften und Schulleitungen, Eltern, den Jugendämtern und anderen Akteuren der Kinder- und Jugendhilfe zusammenarbeiten und sollen dabei auch in die Nachbarschaft der Schule hineinwirken.

Weniger Schulabbrecher durch Sozialarbeit

Eines der wichtigsten Ziele von Schulsozialarbeit: die soziale Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen verringern. Noch immer hat in Deutschland die soziale Herkunft einen großen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien schneiden in Deutschland bei der PISA-Studie deutlich schlechter ab als ihre Mitschüler aus privilegierten Elternhäusern. Kinder aus Akademikerfamilien studieren hierzulande deutlich häufiger als Gleichaltrige, deren Eltern keine Hochschule besucht haben.

Dass Schulsozialarbeit wirkt, ist inzwischen gut erforscht. „Schulsozialarbeit führt dazu, dass weniger Jugendliche die Schule abbrechen und seltener Klassen wiederholt werden müssen“, sagt Karsten Speck. Ein weiterer positiver Effekt, den die Forschung zeigt: „Kinder und Jugendliche bekommen durch Schulsozialarbeit früher Zugang zu Hilfen – innerhalb und außerhalb der Schule.“

Bundesweite Zahlen zu Schulsozialarbeit fehlen

Trotzdem gibt es längst nicht an allen Schulen in Deutschland Sozialarbeiter. Wie viele insgesamt an deutschen Schulen arbeiten und welche Kommunen und Schulen leer ausgehen, ist unklar. Denn viele Bundesländer erfassen kaum Daten dazu. Das zeigt eine Anfrage von CORRECTIV an alle Bundesländer.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert seit mehr als zehn Jahren, dass es an jeder Schule Sozialarbeit und pro 150 Schülern mindestens eine volle Stelle gibt. Die Bundesländer, für die CORRECTIV genaue Daten vorliegen, sind davon weit entfernt.

Sachsen und Thüringen: Viele Schulen ohne Sozialarbeit

Mehr als jede zweite allgemeinbildende Schule in Sachsen hat derzeit keinen Schulsozialarbeiter. In Thüringen ist die Lage ähnlich: Gut 43 Prozent der allgemeinbildenden Schulen haben keine Sozialarbeit. Rund 65.500 Schülerinnen und Schüler lernen an diesen Schulen – sie können bei Problemen nicht von einer Schulsozialarbeiterin unterstützt werden. Besonders an Grundschulen und Förderschulen in Thüringen fehlen Sozialarbeiter – rund 60 Prozent dieser Schulen müssen ohne Sozialarbeiter auskommen.

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Situation etwas besser, betrachtet man nur die öffentlichen allgemeinbildenden Schulen: Knapp 30 Prozent haben keine Schulsozialarbeiterin. 25.000 Kinder und Jugendliche besuchen diese Schulen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es an besonders vielen Grundschulen keine Sozialarbeit.

Nur Berlin und das Saarland geben auf Anfrage von CORRECTIV an, dass es an allen Schulen in ihrem Land Sozialarbeit gebe. Doch auch dort sind Sozialarbeitende oft alleine für hunderte Schülerinnen und Schüler zuständig. Das hat schwerwiegende Folgen – für Schulsozialarbeitende und für Kinder und Jugendliche.

Feuerlöschen als Alltag

„Ich weiß, dass mir Kinder durchrutschen, die womöglich meine Hilfe brauchen“, sagt Maja Winter, die Sozialarbeiterin an einem Gymnasium in Sachsen. „Einfach weil ich nicht alle 1.100 im Blick haben kann.“ Gerade um die stilleren Kinder macht sie sich Sorgen. „Solange Kinder im Unterricht noch funktionieren, fällt niemandem auf, dass sie vielleicht Probleme haben.“

Um auch diese Kinder für Hilfsangebote zu erreichen, müsste sie eigentlich Zeit in Beziehungsarbeit und präventive Angebote investieren und so langfristig Vertrauen aufbauen. „Aber das ist gar nicht möglich“, sagt Winter. Ständig müsse sie priorisieren, dauernd „Feuer löschen“.

Illustration, die symbolisch zeigt, wie eine Schulsozialarbeiterin alleine das brennende System Schule löscht.
Viele Sozialarbeiterinnen haben das Gefühl, an ihrer Schule von Notfall zu Notfall zu hetzen und überall „Brände“ löschen zu müssen. Illustration: Christina S. Zhu

Winter ist mit ihren Erlebnissen nicht allein: Von den rund 550 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern, die an der Umfrage von CORRECTIV teilgenommen haben, berichtet rund ein Drittel, dass sie stark überlastet sind. 75 erzählen, dass sie sich nur noch um akute Notfälle kümmern können und keine Zeit für präventive Arbeit haben.

Als besonders belastend empfinden viele, dass sie alleine als Sozialarbeiter an einer Schule arbeiten: Rund 160 der Schulsozialarbeiter berichten von dem Druck, der dadurch entsteht. Und davon, wie sehr ihnen der fachliche Austausch fehlt, um gerade in schwierigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

So geht es auch Winter. Sie wünscht sich, mit einem männlichen Kollegen zusammenzuarbeiten. „Als Frau erreiche ich vor allem Mädchen.“ Gerade Jungen in der Pubertät würden sich mit ihren Anliegen lieber an einen Mann wenden.

Immer mehr Kindern geht es schlecht

Einer der Gründe für die Überlastung der Sozialarbeitenden: Immer mehr Kinder haben immer größere Probleme. Davon berichten dutzende Sozialarbeitende in der Umfrage von CORRECTIV und alle acht, mit denen CORRECTIV vertiefende Interviews geführt hat. Die Schulsozialarbeiterinnen erzählen von Erstklässlern, die keine fünf Minuten auf ihrem Stuhl sitzen bleiben können und Streit nur mit Gewalt klären können. Von Kindern, die hungrig zur Schule kommen, weil es zuhause nicht genug zu essen gibt. Von Jugendlichen, die sich das Leben nehmen.

Was vielen Sozialarbeitenden besonders große Sorgen macht: Sie erleben immer mehr Kinder mit schweren psychischen Problemen – Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, Panikattacken, Suizidgedanken.

Die Illustration zeigt eine Schlange von Kindern, die darauf wartet, mit einer Schulsozialarbeiterin zu sprechen.
Immer mehr Kindern in Deutschland geht es schlecht – sie haben zum Beispiel psychische Probleme oder erleben zuhause Gewalt. Schulsozialarbeiterinnen sind oft die ersten, die ihnen helfen. Illustration: Christina S. Zhu

Die Schilderungen der Schulsozialarbeiter decken sich mit Zahlen aus dem Gesundheitssystem, wie eine kürzlich erschienene Recherche von CORRECTIV zeigt. Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland müssen wegen psychischer Probleme in eine Klinik: 2022 mussten 81.000 Kinder und Jugendliche stationär in einer Psychiatrie behandelt werden. Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl um 40 Prozent – 2024 waren es rund 116.000 Kinder und Jugendliche. Die Daten mehrerer großer deutscher Krankenkassen zeigen, dass immer mehr Jugendliche Depressionen und Angststörungen haben. Besonders viele Mädchen sind betroffen.

Jeden Tag Gespräche mit suizidalen Schülern

Für die Sozialarbeitenden bedeutet das, dass sie teilweise täglich mit suizidalen Kindern und Jugendlichen arbeiten: Rund 90 Schulsozialarbeitende berichten gegenüber CORRECTIV, dass sie in ihrem Alltag sehr oft Kinder und Jugendliche mit Suizidgedanken erleben. Das Problem betrifft nicht nur Jugendliche in der Pubertät – mehrere Sozialarbeitende berichten von Grundschülern, die nicht mehr leben wollen.

Immer wieder müssen die Sozialarbeitenden dann einschätzen, ob akute Gefahr besteht und der junge Mensch sich wirklich etwas antun will. Ohne eine therapeutische Ausbildung zu haben.

 

Eigentlich sollen Sozialarbeiter an Schulen vor allem eine Art Ersthelfer für Kinder und Jugendliche sein, wenn es ihnen nicht gut geht. Und sie dann für eine umfassendere Hilfe an Spezialisten vermitteln, also zum Beispiel an Kinder- und Jugendtherapeutinnen. Doch die haben oft monatelang keinen Platz frei.

Mehr als 80 Sozialarbeitende berichten in der Umfrage von CORRECTIV, dass es nicht genügend psychotherapeutische Angebote für betroffene Schülerinnen und Schüler gibt. Die Folge: Die Sozialarbeitenden versuchen, das Schlimmste selbst abzufangen.

Immer mehr Kindeswohlgefährdungen

Nicht nur, wenn Kinder eine Psychotherapie brauchen, treffen Schulsozialarbeiter auf ein überlastetes Hilfesystem. Auch die Jugendämter sind am Limit: Denn immer mehr Kinder und Jugendliche sind in Deutschland von Vernachlässigung, sexualisierter, psychischer oder körperlicher Gewalt betroffen. Im Jahr 2024 meldeten die Jugendämter bundesweit rund 72.800 Kindeswohlgefährdungen. Innerhalb von fünf Jahren stieg die Zahl um knapp ein Drittel – 2019 waren rund 55.500 Kinder und Jugendliche betroffen.

Die Sozialarbeiter an den Schulen sind oft die ersten, die merken, dass es einem Kind in seinem Zuhause nicht gut geht. Sie sind dafür ausgebildet, Anzeichen für Gewalt und Vernachlässigung zu erkennen. Und sie wissen, welche Schritte sie in einem Verdachtsfall einleiten müssen, etwa das Jugendamt zu benachrichtigen.

Von den rund 550 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern, die an der Befragung von CORRECTIV teilgenommen haben, berichten 115 von Kindeswohlgefährdungen. Sie erzählen von Kindern, die zuhause nicht genug zu essen bekommen oder von ihren Eltern geschlagen werden. Von Zwangsheirat, psychischer Gewalt, Missbrauch.

Schwer erreichbare Jugendämter

Wenn sie den Kindern helfen wollen, stoßen sie aber auch hier an Grenzen: 107 Schulsozialarbeitende sagen, dass die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt für sie schwierig ist. Sie berichten, dass sie zuständige Mitarbeitende kaum erreichen können oder dass es lange dauert, bis diese die betroffene Familie kontaktieren.

„Wir wissen, wie überlastet die Lehrkräfte in den Schulen und die Mitarbeitenden in den Jugendämtern sind“, sagt Anton Teschner*, der als Sozialarbeiter an einer Grundschule in Bayern arbeitet und früher selbst im Jugendamt tätig war. „Als diejenigen, die dazwischen stehen und die Nöte der Kinder sehen, zerreißt es uns aber.“

Vertrauliche Gespräche in Abstellkammern

Eine Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW Saar) aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass 43 Prozent der Schulsozialarbeiter in Deutschland darüber nachdenken, ihren Job aufzugeben. Einer der Gründe, den die Studienteilnehmer nennen: zu wenig Wertschätzung.

Das deckt sich mit den Recherchen von CORRECTIV. Rund 220 Sozialarbeitende berichten gegenüber CORRECTIV, dass sie kaum Anerkennung für ihre Arbeit erleben – weder in der Gesellschaft noch an der Schule bei den Lehrkräften. Sie fühlen sich nicht gesehen. Und manchmal hapert es schon daran, dass es an den Schulen überhaupt die Grundvoraussetzungen für ihre Arbeit gibt.

Die Illustration zeigt einen Schulsozialarbeiter, der symbolisch zwischen vielen verschiedenen Fäden gefangen ist, an denen überdimensional große Hände ziehen.
Wenn Schulsozialarbeiter nach Hilfe für ein Kind suchen, stoßen sie auf überlastete Jugendämter und Psychiatrien. Illustration: Christina S. Zhu

Als Anton Teschner an seinem ersten Tag als Sozialarbeiter an einer Grundschule in Bayern sein Büro betrat, stand er in einem leeren Raum. „Ich hatte nicht mal einen Stuhl.“ Er habe dann erstmal mit dem Hausmeister bereits aussortierte Möbel zusammengesucht. „Ich habe Glück, dass ich überhaupt ein eigenes Büro habe“, sagt er. Kolleginnen an anderen Schulen hätten nicht einmal das.

Alte Möbel aus dem Rathaus

Später neue Möbel für sein Büro zu bestellen, sei eine größere Herausforderung gewesen: Teschner arbeitet für einen freien Träger der Jugendhilfe. Die Schule habe sich nicht zuständig gefühlt, die Stadt lange auch nicht. Am Ende habe er alte Möbel aus dem Rathaus bekommen.

83 Sozialarbeitende berichten gegenüber CORRECTIV, dass sie keinen oder nur einen unzureichenden Raum an der Schule haben. Eine Sozialarbeiterin aus Bayern schreibt etwa: „Ich habe kein Büro. Ich führe also Gespräche mit Schülerinnen und Schülern in Abstellkammern zwischen den Klassenräumen, um eine ruhige Ecke zu finden.“

Strukturen für Zusammenarbeit fehlen

Für Teschner sind die Raumprobleme Ausdruck eines größeren Missstands: „Wir werden eingesetzt, ohne dass die Strukturen geschaffen wurden, damit wir wirklich sinnvoll und effizient arbeiten können.“ Weder in der Schule noch im Jugendamt gebe es funktionierende Abläufe für die Zusammenarbeit mit ihm als Sozialarbeiter. Manchmal erfahre er zum Beispiel erst im Nachhinein von wichtigen Konferenzen an der Schule.

155 Sozialarbeitende berichten gegenüber CORRECTIV von ähnlichen Problemen an ihrer Schule: Sie fühlen sich von Schulleitungen nicht ernst genommen oder von Lehrkräften nicht eingebunden und hätten selten die Möglichkeit, sich mit ihnen auszutauschen. Gleichzeitig sehen sie die Überlastung der Lehrkräfte in einem Schulsystem, das den heutigen Herausforderungen nicht gewachsen ist.

Aufholbedarf bei Zusammenarbeit

Der Bildungswissenschaftler Karsten Speck sieht in Deutschland Aufholbedarf, wenn es um die Zusammenarbeit von Sozialarbeitern und Lehrkräften an Schulen geht. „Beide Seiten müssen verstehen lernen, wie der andere Beruf funktioniert – was die Aufgaben und Arbeitsweisen sind“, sagt er. Und: „Es muss klar sein, wer was macht.“ Dafür brauche es klare Steuerungsstrukturen auf der Ebene von Land, Stadt und Schule. Doch genau die gibt es in vielen Bundesländern nicht.

Die bundesweite Studie der HTW Saar aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass es nur an rund jeder zweiten Schule mit Sozialarbeit feste Abläufe für die Zusammenarbeit von Schulsozialarbeitern, Lehrkräften und anderen Berufsgruppen gibt, die an der Schule tätig sind.

Unsichere Finanzierung

Schulsozialarbeiter verdienen deutlich weniger als Lehrkräfte. Das empfinden viele von ihnen als ungerecht – auch sie haben ein abgeschlossenes Studium, auch sie tragen dazu bei, dass Kinder und Jugendliche in der Schule Erfolg haben. Rund hundert Sozialarbeitende fordern in der Umfrage von CORRECTIV ein höheres Gehalt.

Hinzu kommt: Anders als die meisten Lehrkräfte müssen Schulsozialarbeiterinnen immer wieder darum bangen, wie lange es ihre Stelle noch gibt.

Schulsozialarbeit wird in Deutschland sehr unterschiedlich finanziert: Schulsozialarbeiter können beim Land, der Stadt oder einem freien Träger angestellt sein. Je nach Bundesland kommt das Geld dafür entweder vor allem vom Land, den Kommunen und dem Land zusammen oder der EU. Die Stellen werden häufig nur für einige Jahre bewilligt.

Das heißt: Wenn das Geld knapp wird, dann werden einzelne Stellen gestrichen. Das passiert derzeit in einigen Kreisen in Sachsen und Baden-Württemberg. In Sachsen-Anhalt droht Schlimmeres.

Sachsen-Anhalt: Schulsozialarbeit vor dem Aus?

Barbara Schmidt* ist erschöpft. Und sie ist wütend. Seit zwölf Jahren arbeitet sie als Sozialarbeiterin an einer Grundschule in Sachsen-Anhalt. Seit zwölf Jahren begleitet sie die Unsicherheit. Wie lange wird es ihre Stelle noch geben?

„Das zermürbt mich“, sagt sie. „Wenn Kinder Autos wären, dann würden in Deutschland sofort Gelder für sie locker gemacht und Rettungspakete verabschiedet.“

Seit 2008 wird Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt hauptsächlich über Fördergelder des Europäischen Sozialfonds finanziert. Inzwischen in der dritten Förderperiode. Was ursprünglich als Anschubfinanzierung gedacht war, wurde zur Dauerlösung. Das könnte sich jetzt rächen.

2028 läuft die Förderung aus – wie es dann weitergeht, ist unklar. Es geht um rund 400 Stellen. „Ich habe Angst, dass Schulsozialarbeit dann ganz abgeschafft wird“, sagt Schmidt. Und damit ist sie nicht allein: Ähnliche Befürchtungen äußern weitere Sozialarbeitende aus Sachsen-Anhalt in der Online-Befragung von CORRECTIV.

AfD will Schulsozialarbeit schrittweise abschaffen

Das liegt vor allem an der politischen Lage in Sachsen-Anhalt: Im September dieses Jahres wird ein neuer Landtag gewählt, die AfD liegt in den neuesten Umfragen mit rund 40 Prozent der Stimmen deutlich vorn.

Von Schulsozialarbeit hält die AfD wenig. Hans-Thomas Tillschneider, stellvertretender Vorsitzender und bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalts Landtag, forderte mehrfach, dass sie schrittweise abgeschafft wird. Schulsozialarbeiter seien Teil eines „parasitären Systems“ aus dem linksliberalen Milieu, das die Probleme erst geschaffen habe, die sie nun vorgäben, zu bekämpfen. Im Entwurf des AfD-Wahlprogramms heißt es: „Funktionierende Familien machen Schulsozialarbeiter überflüssig“.

Breites Bündnis kämpft für Schulsozialarbeit

Vor einigen Jahren gründete sich ein Bündnis, um für den Erhalt der Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt zu kämpfen: Die Bildungsgewerkschaft GEW, ein Lehrer- und ein Schulverband, der Landeselternrat und der Landesschülerrat, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und Akteure aus der Jugendhilfe fordern gemeinsam von der Landesregierung, dass die Schulsozialarbeit weiter finanziert und ausgebaut wird. Teil des Bündnisses sind auch die beiden Handwerks- und Handelskammern in Sachsen-Anhalt.

„Wir brauchen Schulsozialarbeit für einen gelungenen Übergang von der Schule in den Beruf“, sagt Simone Danek. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin ist Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Halle-Dessau.

Schulsozialarbeit: Investition für starke Volkswirtschaft

Rund 52.000 Unternehmen vertritt die IHK Halle-Dessau, etwa 1.800 davon sind aktive Ausbildungsbetriebe. Viele davon beklagen, dass Jugendliche, die bei ihnen eine Ausbildung anfangen, eigentlich nicht reif dafür seien. Sich zum Beispiel nicht selbst organisieren könnten und viel emotionale Unterstützung bräuchten. Oder aber einen für sie falschen Beruf gewählt hätten.

„Sozialarbeitende an den Berufsschulen fangen viele dieser Probleme ab“, sagt Danek. An den allgemeinbildenden Schulen würden sie den Jugendlichen dabei helfen, das richtige Studium oder die passende Ausbildung für sich zu finden.

„Jeder Euro, der für Schulsozialarbeit aufgewendet wird, führt dazu, dass junge Menschen besser im Leben und im Beruf ankommen“, sagt Danek. Hier Geld zu investieren, spare der Gesellschaft Folgekosten, zum Beispiel beim Bürgergeld.

Bildungsministerium Sachsen-Anhalt: Keine Entscheidung vor Wahl

„Wir haben den Wert der Schulsozialarbeit erkannt und wollen unser Möglichstes zur Sicherung tun“, teilt das CDU-geführte Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt auf Anfrage von CORRECTIV mit. Vor der Wahl im September will die Landesregierung aus CDU, SPD und FDP aber keine Lösung finden. Das Bildungsministerium verweist auf die nächste Landesregierung: Diese werde „rechtzeitig“, bevor die EU-Förderung 2028 ausläuft, mit den Trägern der Jugendhilfe und dem Parlament entscheiden, wie es weitergeht.

Wirkung von Schulsozialarbeit jeden Tag sichtbar

Barbara Schmidt hofft, dass die Politik doch noch eine Lösung findet, damit es auch in Zukunft Sozialarbeit an Sachsen-Anhalts Schulen gibt und sie weiter an ihrer Grundschule arbeiten kann. Denn sie liebt diesen Job. „Die kleinen und großen Fortschritte der Kinder zu sehen, macht mich glücklich.“

Maja Winter aus Sachsen geht es ähnlich. „Ich sehe jeden Tag, wie meine Arbeit den Kindern und Jugendlichen hilft“, sagt sie. Sie sagt aber auch: „Für meine mentale Gesundheit wäre es besser, wenn ich meine Arbeitsstunden reduzieren würde.“

*Maja Winter, Anton Teschner und Barbara Schmidt heißen eigentlich anders. Der CORRECTIV-Redaktion sind ihre richtigen Namen bekannt.

Text: Miriam Lenz
Recherche: Miriam Lenz, Sarah Langner
Datenauswertung: Rose Mintzer-Sweeney, Miriam Lenz
Datenvisualisierung: Rose Mintzer-Sweeney
Illustrationen: Christina S. Zhu
Redaktion: Anette Dowideit, Katarina Huth, Pia Siber
Faktencheck: Finn Schöneck