Akten des Missbrauchs

Der Vatikan wusste in den 1930er Jahren von Missbrauch und ordnete die Verbrennung einiger Akten an

Schreiben aus den Archiven des Vatikans aus den 1930er Jahren zeigen, wie der Vatikan über Missbrauchsfälle in Deutschland und Österreich informiert war und Entscheidungen traf. Der italienische Historiker Davide Jabes fasst die bisher kaum bekannten Akten über die Verantwortung des Vatikans in dieser Zeit zusammen.

von Marcus Bensmann , Anna Kassin

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© Mohamed Anwar/CORRECTIV

Am 14. März 1938 erhielt ein enger Vertrauter des Staatssekretärs des Vatikans, Eugenio Pacelli, eine handschriftliche Notiz. Darin stand die Bitte, ein „verschlüsseltes Telegramm“ oder einen Boten an die Nuntiatur in Wien zu senden mit der Anweisung, alle Unterlagen zu Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester, die in den Kurien und Archiven der Bischöfe in Österreich aufbewahrt wurden, unverzüglich zu verbrennen und die entsprechenden Protokollnummern zu löschen. Einen Tag später verkündete Adolf Hitler in Wien den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich.

Diese Notiz und andere Dokumente aus den Vatikanarchiven zeigen, dass der Vatikan – und letztlich der Papst – von den Missbrauchsfällen in Österreich und Deutschland in den 1930er Jahren wusste und entsprechende Anweisungen erteilte.

Der italienische Historiker Davide Jabes schreibt in einer bisher unveröffentlichten historischen Analyse, dass „das Hauptanliegen des Vatikans nicht die Anerkennung der von den Opfern erlittenen Gewalt war, sondern die Wahrung der kirchlichen Ordnung und der Schutz des Ansehens des Klerus“. Anlass für diese Analyse, die CORRECTIV veröffentlicht, war eine Recherche zu der systematischen Erfassung des kirchlichen Missbrauchs und dessen Vertuschung im Vatikan von CORRECTIV.

CORRECTIV erzählt die Geschichte eines organisierten Verbrechens im Vatikan in mehreren Formaten: Als Buch, als Kinofilm, auf der Theaterbühne und als Recherche.

Obwohl diese Briefe in der historischen Forschung erwähnt oder in Fußnoten zitiert wurden, wurden sie bislang noch nicht im Hinblick auf die Verantwortung des Vatikans für den Missbrauch durch Geistliche analysiert. Jabes‘ historische Analyse enthält auch eine Anweisung von Pacelli an den damaligen Erzbischof von Köln, Karl Joseph Kardinal Schulte, bestimmte Verfahren eigenständig durchzuführen. Auch Papst Pius XI. war an diesem Entscheidungsprozess beteiligt.

Die Bischöfe aus Köln und Münster erhielten Anweisungen aus Rom

In einem Schreiben vom 12. April 1938 mit der Protokollnummer 421/1936, vom Sant’Ufficio (der ehemaligen Kongregation für die Glaubenslehre) an den Münsteraner Bischof Clemens August von Galen wurde den Bischöfen gestattet, bestimmte Fälle eigenständig zu behandeln. Verfahren bezüglich Missbrauchs im Beichtstuhl sollten jedoch weiterhin vom Heiligen Stuhl geführt werden. Interessanterweise verließ dieses Schreiben Rom nie; eine handschriftliche Notiz besagt, dass der Bischof von Münster persönlich über diese Entscheidung informiert wurde. Er sollte dieses Schreiben nicht an sich nehmen, der Beschluss sollte nur mündlich übermittelt werden.

Teile der Katholiken in Deutschland – und nach dem Anschluss auch in Österreich – standen  im Konflikt mit den Nationalsozialisten. Durch die sogenannten „Sittenprozesse“ übten diese Druck auf die Bischöfe aus. Viele der Missbrauchsfälle hatten jedoch tatsächlich stattgefunden und waren dem Vatikan bekannt.

„Pacellis Bedenken hinsichtlich der ‚Unangemessenheit‘ der Erstellung und Aufbewahrung von Unterlagen können daher nicht allein als eine durch politische Umstände erzwungene Abwehrmaßnahme interpretiert werden“, schreibt Jabes. Vielmehr offenbaren sie eine umfassendere institutionelle Logik, die die Kontrolle über die Dokumentation potenziell skandalträchtiger Fälle demonstriert.

Die Strategie sah vor, dass Bischöfe im nationalsozialistischen Deutschland bei Entscheidungen über mehr Ermessensspielraum verfügen sollten; diese Entscheidung wurde auch 1946 bekräftigt. Die Dokumente zeigen jedoch, dass der Vatikan von dem Missbrauch wusste und die Kontrolle über die Vorgänge in dieser Angelegenheit hatte, sagt Jabes.