Bildung

Zahl der Schüler mit Autismus steigt stark an

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Autismus. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl verdoppelt. Eine wachsende Zahl ist vom Schulbesuch ausgeschlossen, weil es keine geeigneten Plätze für Inklusion gibt.

von Alexandra Ringendahl

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Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Autismus. Foto: Frank Hoermann und Sven Simon, Picture Alliance

Wenn der Kölner Grundschulleiter Dirk Külker seine Anmeldeliste für die ab Sommer kommenden Erstklässler durchgeht, zählt er für den neuen Jahrgang fünf Kinder mit Autismus-Diagnose. „In den vergangenen zwei bis drei Jahren ist die Zahl extrem gestiegen“, sagt der Schulleiter. Und das seien ja nur die, die schon bei der Einschulung mit einer Diagnose kommen.

Ein Trend, den eine Recherche von CORRECTIV bei den Krankenkassen anlässlich des Welttags des Autismus am 2. April bestätigt. Demnach lebt derzeit bereits eines von 100 Kindern und jungen Erwachsenen bis 24 Jahren mit einer Autismus-Diagnose. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. Die hkk-Krankenkasse, die sich auf die Datenanalyse für Autismus spezialisiert hat, weist für 2024 für diese Altersgruppe die Zahl von einem Prozent aus. Zehn Jahre zuvor lag der Wert  noch bei 0,49 Prozent.

Besonders markant ist die Zahl der Autismus-Diagnosen bei Jungen. Im Alter zwischen fünf und 14 Jahren leben laut den aktuellen hkk-Zahlen bereits zwei von 100 Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Davon haben die meisten einen sogenannten „frühkindlichen Autismus“ (36,8 Prozent) und das Asperger-Syndrom (31,9 Prozent).

Autismus-Diagnosen bei Jungen teils verdreifacht

Die von ihrem Wissenschaftlichen Institut WidO erhobenen Zahlen der AOK zeigen einen ähnlichen Befund: Hier hat sich die Zahl der Diagnosen etwa bei Jungen zwischen fünf und neun Jahren innerhalb der vergangenen zehn Jahre knapp verdreifacht. In der Gruppe der Kinder und Jugendlichen bis 19 Jahre weisen die AOK-Zahlen prozentual mehr als eine Verdopplung aus. Die Daten-Auswertung der hkk zeigt zudem, dass mehr als die Hälfte aller Betroffenen neben Autismus eine weitere kinder- und jugendpsychiatrische Begleiterkrankung hatte: Bei einem Drittel war es ADHS und bei einem Viertel eine Angststörung.

Die Folgen der wachsenden Zahlen sind sowohl für die Schulen als auch für die betroffenen Familien und Kinder gravierend: „Die hohen Unterstützungsbedarfe machen deutlich, dass ein nicht konsequent auf Inklusion ausgerichtetes Schulsystem zunehmend an seine Grenzen stößt“, fasst Helen Ghebremicael, Referentin der Lebenshilfe die Situation zusammen.

Das klingt abstrakt. Für immer mehr  Kinder mit Autismus ist es allerdings sehr konkret: Statt Inklusion und Recht auf Bildung erfahren sie die maximale Exklusion: Sie gehen gar nicht mehr zur Schule, weil die Schulen ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden können und eine Beschulung ablehnen. Dabei ist in der UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf inklusive Bildung festgeschrieben. 2009 hat Deutschland sich mit seiner Vertragsunterschrift dazu verpflichtet, ein „integratives (inklusives) Bildungssystem“ zu schaffen.

Seit zwei Jahren von schulischer Bildung ausgeschlossen

Es sind Kinder und Jugendliche wie die 16-jährige Tochter von Diana Küfner aus Nordrhein-Westfalen. Wie viele weibliche Autisten hat sich das intelligente Mädchen zunächst mit viel innerer Kraft in der vergleichsweise kleinen Klasse der Grundschule angepasst.

Erst auf dem Gymnasium, in dem viel größeren System mit großen Klassen und dem Druck, dass mündliche Mitarbeit nun für die Note zählte, traten selbstverletzendes Verhalten und massive soziale Ängste auf, bis 2025 die Diagnose Asperger-Autismus stand. Diana Küfers Tochter hätte nun Hilfe gebraucht, feste Bezugspersonen, feste Strukturen, Rückzugsräume und kleine Klassen. Doch das nicht inklusive Recklinghäuser Gymnasium war auf die Bedürfnisse von Autisten nicht eingestellt. Die Symptome des Mädchens verschlimmerten sich – bis ein Besuch der alten Schule nicht mehr möglich war.

Verzweifelt sucht die Mutter seither eine Schule, die die Bedürfnisse  ihrer Tochter berücksichtigen kann. An 30 Schulen rund um Recklinghausen hat die Familie sich erfolglos um einen Platz beworben. „Alle Gymnasien, die inklusiv arbeiten, sind völlig überlastet“, sagt die Mutter. Seit fast zwei Jahren sei ihre Tochter nun faktisch von schulischer Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Mit Hilfe eines Anwalts und einem Verfahren beim Verwaltungsgericht versucht die Familie, einen Platz zu erwirken.

Bis zu 500 Kinder mit Autismus gehen in Berlin nicht zur Schule

Die Mutter richtete einen Hilferuf an den Bundestag und an den Landtag NRW, wandten sich an die Behindertenbeauftragten von Land und Bund – bislang ohne Erfolg. Nun finanziert die Mutter ihrer Tochter aus eigener Tasche 90 Minuten pro Woche kostenintensiven privaten Mathematik-Unterricht zuhause. Mehr könne sie sich nicht leisten. Ansonsten lernt das Mädchen, dem das Lernen nach Auskunft der Mutter sehr leicht fällt, alleine zuhause. Zuletzt hat sie ihren IHK-Abschluss als Fremdsprachenkorrespondentin gemacht.

Autismus hat verschiedene Ausprägungen und gehört zu den neuroentwicklungsbedingten Störungen. Unter Autismus-Spektrum-Störung (ASS) fällt unter anderem frühkindlicher Autismus, der meist vor dem 3. Lebensjahr erkennbar ist und häufig mit kognitiven Beeinträchtigungen verbunden ist. Außerdem das Asperger-Syndrom, das mit normaler bis hoher Intelligenz einhergeht. Auffällig sind eher soziale Schwierigkeiten und Spezialinteressen. Autismus ist keine Krankheit im klassischen Sinne, sondern eine andere Art der Informationsverarbeitung. Betroffene haben Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen und soziale Signale zu verstehen. Sie haben eine hohe Reizempfindlichkeit und ein Bedürfnis nach Gleichförmigkeit und Struktur. Grundsätzlich betrift Autismus die Funktionsweise des Gehirns und die Verarbeitung der Sinneseindrücke

Nach Angaben der Lebenshilfe nehmen Schulausschlüsse von autistischen Schülerinnen und Schülern deutlich zu. In NRW etwa gebe es eine „drastisch ansteigende Zahl“. Auch der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) diese Tendenz etwa aus Baden-Württemberg oder Bayern. Genaue Statistiken werden in den Bundesländern bislang nicht erhoben. Das Schulministerium NRW erklärte etwa auf Anfrage, dass landesweite Erhebungen nicht vorlägen.

Zahlen, die die Dimension des Problems zumindest näherungsweise erahnen lassen, gibt es derzeit nur aus Berlin. Da immer mehr betroffene Eltern keinen Schulplatz für ihr Kind fanden, nahmen sich die Grünen mit parlamentarischen Anfragen des Themas an. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) teilte daraufhin mit, dass auf der Grundlage einer Umfrage unter den Schulleitungen anzunehmen sei, dass allein in einer Stadt wie Berlin schätzungsweise 2300 bis 2800 Schülerinnen und Schüler verkürzt, unregelmäßig oder gar nicht beschult würden. Darunter seien schätzungsweise 400 bis 500 Kinder mit einer Störung des Autismus-Spektrums, die wenig bis gar nicht zur Schule gingen. Häufig führt das neben dem psychisch belastenden Ausschluss des Kindes auch dazu, dass ein Elternteil seine Berufstätigkeit reduziert oder ganz aufgibt, um die Betreuung des Kindes sicherzustellen.

Zahl der Kinder mit Förderbedarf steigt massiv

Der Verband für Bildung und Erziehung (VBE) sieht ein wachsendes Strukturproblem, weil die Regelschulen für Inklusion nicht ausreichend mit Personal ausgestattet würden: „Politik dachte lange, dass das Schließen von Förderschulen ein Sparmodell ist. Dass dafür aber die Regelschule umso besser ausgestattet sein muss, wird nur langsam klar“,  sagt der VBE-Bundesvorsitzende Tomi Neckov.

Die Lage spitzt sich zu. Denn es steigt nicht nur die Zahl der autistischen Kinder. Auch aufgrund anderer Störungen haben Jahr für Jahr immer mehr  Zahl einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl in den vergangenen zehn Jahren um mehr als ein Viertel erhöht auf 610.000 Kinder in 2024. Von ihnen werden 270.000  – also knapp die Hälfte – inklusiv an Regelschulen unterrichtet.

In einigen Bundesländern nähert sich die Quote  der Förderschüler mit einer Beeinträchtigung bereits der Zehn-Prozent-Marke: In Sachsen-Anhalt hatten laut der jüngsten Erhebung der Bertelsmann-Stiftung im Schuljahr 2022/23 über neun Prozent der Schülerinnen und Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf und damit eine attestierte Lernbehinderung, in Sachsen waren es 8,4 Prozent. Die aktuellsten Zahlen kommen aus NRW und liegen dort im laufenden Schuljahr 2025/26 bei 8,2 Prozent. Das bedeutet in den vergangenen 20 Jahren ein Anstieg um 47,4 Prozent. Dem steht ein eklatanter Fachkräftemangel bei den Sonderpädagogen gegenüber: In Deutschland fehlen Zehntausende, allein NRW sind über 3000 Stellen nicht besetzt.

Wie beschult man ein Kind, das sich selbst verletzt?“

Autistische Kinder brauchen – je nach Ausprägungsgrad – eine Schulbegleitung, um ihren Schulalltag bewältigen zu können. Genau davon gibt es angesichts von Fachkräftemangel und administrativen Hürden bei den Sozial- und Jugendämtern viel zu wenig: 18 solcher Anträge auf Schulbegleitung hat Schulleiter Külker allein für seine Grundschule derzeit laufen: „Von denen sind bislang nur sechs tatsächlich vor Ort.“ Erstens seien sie ohnehin auf dem leer gefegten Markt schwer zu finden. Außerdem dauere es von der Beantragung bis zur Umsetzung der Schulbegleitung bis zu 1,5 Jahre, weil die Anträge in den Ämtern feststeckten, beklagt Külker. Die Lebenshilfe bestätigt das Problem: In einer sich zuspitzenden Lage würden sich langwierige Genehmigungsverfahren und Kürzungen bei den Schulbegleitungen gravierend auswirken.

„Wie beschult man in einer Klasse mit 25 Kindern als Lehrer ein autistisches Kind, das regelmäßig die Kontrolle verliert, immer wieder wegrennt oder sich selbst gefährdet?“, fragt Külker. Da gerate man an Grenzen. Auch er habe schon die Beschulung eines sich selbst gefährdenden autistischen Kindes abgelehnt, weil er das nicht verantworten konnte. Nach dem Ergebnis einer repräsentativen von der VBE beauftragte Forsa-Umfrage gaben die Lehrkräfte an, dass in zwei Dritteln der Fälle die Klassengröße unverändert bleibt, wenn Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf hinzukommen.

Auch an den Gymnasien wächst die Zahl der Kinder mit Autismus: An ihrer Schule lernten immer mehr diagnostizierte Autisten, sagt Barbara Wachten, Schulleiterin eines Kölner Gymnasiums. Dies sind am Gymnasium oft hochbegabte Schülerinnen und Schüler, die aber entweder keinen Kontakt aufnehmen könnten oder bei Reizüberflutung die Kontrolle verlieren können. Für die Kollegien, die nicht in Inklusion und eben auch gar nicht im Umgang mit Autisten ausgebildet seien, eine riesige Herausforderung.

Gymnasien auf Inklusion personell nicht vorbereitet

Zumal in einem Schulsystem, das am Limit läuft. Zwei Drittel berichteten in der VBE-Umfrage, dass Inklusion in der Ausbildung inklusiv unterrichtender Lehrkräfte nicht vorkam und fast die Hälfte nicht über sonderpädagogisches Wissen verfügt. Anders als an Gesamtschulen gebe es an Gymnasien gar keine Sonderpädagogen. Angesichts der veränderten Lage wären sie aber dringend nötig, sagt Wachten. Die Kollegien müssten selbst für ihre Fortbildungen sorgen..

Der Anstieg von Autismus-Fällen ist kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Eine US-Studie, die die Daten von achtjährigen Kindern analysiert hat, belegte etwa für den Bundesstaat New Jersey einen Anstieg der Autismus-Fälle um 500 Prozent in nur 16 Jahren. Eine andere auf die gesamte USA bezogene Untersuchung ermittelte, dass dort bereits vier von 100 achtjährigen Jungen die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhalten.

Ursachen von Autismus nicht vollkommen geklärt

Woher kommt dieser Anstieg? Das fragt sich nicht nur Schulleiter Dirk Külker. Die Ursachen der Autismus-Spektrum-Störung sind nicht vollkommen geklärt. Antwort gibt auch die Forschung nur näherungsweise: Als wichtiger Faktor für die in Statistiken ausgewiesenen gestiegenen Zahlen gilt die höhere Sensibilisierung für das Thema und die verbesserten diagnostischen Verfahren. Autismus gilt als angeborene neurobiologische Entwicklungsstörung im Gehirn. Als Risikofaktoren gelten genetische Veranlagung, Einflüsse wie vorgeburtliche Infektionen, Komplikationen während der Schwangerschaft oder das Alter der Mutter.

Was auch immer die Ursachen für die stetig steigenden Zahlen sind: Es ist nach Ansicht der Lebenshilfe höchste Zeit, dass die Politik den „dringenden Handlungsbedarf innerhalb des gesamten Bildungssystems“ erkennt. Dazu brauche es zweierlei: Endlich eine bundesweite Statistik, die aufzeige, wie viele Kinder in Deutschland nicht oder nur teilweise beschult werden. Und einen Länder-Bund-Aktionsplan für inklusive Schule.

Redigat und Faktencheck: Ulrich Kraetzer