Medizin und Gesundheit

Todesfall nach Drittimpfung? Erneut kursiert Falschmeldung über Seniorenheim in Oberhausen

Ein Schreiben der Ärztekammer Nordrhein von 2021 wird online als Skandal ausgegeben. Es soll belegen, dass schwerwiegende Auswirkungen der Covid-19-Impfung zugegeben wurden. Doch das stimmt nicht.

von Paulina Thom

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Anders als online vermutet stand ein Todesfall in einem Seniorenheim in Oberhausen 2021 nicht im Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung (Symbolbild: Arman Zhenikeyev / Westend61 / Picture Alliance)
Behauptung
In einem Schreiben der Ärztekammer Nordrhein seien schwerwiegende Auswirkungen der Covid-19-Auffrischungsimpfung zugegeben worden. Denn darin heißt es, es habe nach Durchführung von 90 Auffrischungsimpfungen in einem Seniorenheim in Oberhausen einen Todesfall und neun „heftig erkrankte“ Personen gegeben. Zwei davon hätten reanimiert werden müssen.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Laut der Stadt Oberhausen stand der Todesfall nicht in Zusammenhang mit der Impfung, da die Person keine Impfung erhalten hat. Bei den anderen neun erkrankten Personen ist laut der Stadt Oberhausen und der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein kein kausaler Zusammenhang zu der Auffrischungsimpfung nachgewiesen. Die reanimierten Personen waren vorerkrankt. Durch Studien belegte schwere Nebenwirkungen sind in den Produktinformationen der Impfstoffe enthalten.

Laut einem Schreiben der Ärztekammer Nordrhein habe es in einem Seniorenheim in Oberhausen nach der Durchführung von 90 Covid-19-Auffrischungsimpfungen „zahlreiche schwere Komplikationen“ gegeben, darunter „ein Todesfall und zwei Reanimationen“. Insgesamt seien neun Personen „heftig erkrankt“.

Ein X-Nutzer namens Maik Pittel behauptet, dass damit schwerwiegende Auswirkungen der Auffrischungsimpfung zugegeben worden seien. Sein X-Beitrag von Mitte März hat mehrere tausend Likes. Die Behauptung verbreitet sich auch auf Facebook und Telegram. Aber seine Schlussfolgerung ist falsch. Wir berichteten bereits 2021.

Dieses Schreiben von 2021 wird im März 2026 erneut irreführend verbreitet (Quelle: X; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Stadt Oberhausen: Gestorbene Person hatte Drittimpfung nicht erhalten

Die Stadt Oberhausen erklärte damals: „Entgegen anderslautender Berichterstattung gab es keinen Todesfall in Zusammenhang mit der Impfung. Die Person, die leider verstorben ist, war palliativ und wurde vorher nicht geimpft.“ Das heißt, der damalige Todesfall stand demnach in keinem kausalen Zusammenhang mit der Covid-19-Auffrischungsimpfung.

Auf Nachfrage schreibt der X-Nutzer, der schon mehrfach falsche oder irreführende Behauptungen geteilt hatte, das Schreiben sei echt, die Ärztekammer habe das bestätigt. Das Schreiben stammt nicht von der Ärztekammer Nordrhein, sonden wurde von zwei Vorsitzenden der Kreisstellen Mönchengladbach verfasst, die zu der Kassenärztlichen Vereinigung sowie der Ärztekammer Nordrhein gehören. Das Schreiben wurde auf den 7. September 2021 datiert und an Ärzte in Mönchengladbach adressiert.

Keine Belege für kausalen Zusammenhang von Auffrischungsimpfung und Erkrankungen in Oberhausen

Laut der Stadt Oberhausen erlitten neun Personen zwar nach der Impfung Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und neurologische Störungen, doch ob ein kausaler Zusammenhang vorliegt, ist unklar. Die beiden reanimierten Personen waren laut Informationen der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein bereits vorerkrankt. Beide Stellen haben uns auf Nachfrage im März 2026 keine anderweitigen Informationen mitgeteilt.

Wir haben auch beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) nachgefragt. Das PEI ist für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig. Doch zu Verdachtsfallmeldungen konkreter Einzelpersonen kann das PEI aus Datenschutzgründen keine inhaltlichen Aussagen machen.

Da also keine kausalen Zusammenhänge bei den neun Personen zwischen Auffrischungsimpfungen und Erkrankungen erwiesen sind, wurden mit dem Schreiben – anders als Pittel behauptet – keine schwerwiegenden Auswirkungen der Auffrischungsimpfung zugegeben.

Schreiben zu Oberhausen ist kein Beleg für schwerwiegende Auswirkungen der Auffrischungsimpfung

Als das Schreiben im September 2021 öffentlich wurde, gab es noch keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission für Drittimpfungen gegen Covid-19. Die Impfungen sollten nach ärztlichem Ermessen sowie individueller Abwägung erfolgen – und auch nur dann, wenn der Abschluss der ersten Covid-19-Impfserie mindestens sechs Monate zurücklag. Diese Empfehlung der damaligen Gesundheitsministerkonferenz wird gegen Ende des Schreibens bekräftigt.

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein stellte zudem klar, dass zum Stand des Schreibens im September 2021 bei mehr als 11.000 Auffrischungsimpfungen in ihrem Zuständigkeitsgebiet kein einziger Fall vergleichbarer Vorfälle wie in der Oberhausener Pflegeeinrichtung bekannt geworden sei.

Schwere Nebenwirkungen der Covid-19-Impfstoffe sind in Produktinformationen angegeben 

Das PEI hat im März 2025 in einem letzten Sicherheitsbericht die Meldungen über Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen seit Beginn der Corona-Impfungen zusammengefasst. Demnach wurden zwischen Ende 2020 und Ende 2024 mehr als 197 Millionen Impfungen zum Schutz vor Covid-19 in Deutschland durchgeführt. Die Melderate für Verdachtsfälle mit schwerwiegenden Nebenwirkungen lag bei 0,32 Meldungen pro 1.000 Impfdosen. Es wurden demnach am häufigsten Kurzatmigkeit, Gürtelrose und Herzrhythmusstörungen gemeldet, gefolgt von Herzmuskelentzündungen.

Melderate der 30 am häufigsten als Verdachtsfälle gemeldeten Nebenwirkungen von besonderem Interesse, die als schwerwiegend klassifiziert sind (Quelle: PEI; Screenshot CORRECTIV:Faktencheck)

Bei der Interpretation der Melderaten von Verdachtsfällen sei zu beachten, dass daraus nicht auf Häufigkeiten tatsächlicher Nebenwirkungen geschlossen werden kann, heißt es im Bericht. Unerwünschte Reaktionen müssen nicht zwingend kausal mit der Impfung zusammenhängen. Die Meldungen dienten dazu, Risikosignale zu erkennen, die anschließend in Studien ausführlich untersucht werden müssen.

Bei den mRNA-Covid-19-Impfstoffen sind durch Studien etwa die sehr seltenen Nebenwirkungen einer Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündungen bekannt, sowie einer Anaphylaxie, also einer potenziell lebensbedrohlichen allergischen Reaktion. Bei jedem Impfstoff sind die Nebenwirkungen, in den Produkt- und Fachinformationen angegeben. Andere Risiken seien dem PEI nicht bekannt, heißt es in dem Sicherheitsbericht. Das bestätigte das PEI auch aktuell auf Nachfrage.

Redigatur: Kimberly Nicolaus, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Pressemitteilung der Stadt Oberhausen: Link (archiviert)
  • Pressemitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, 8. September 2021: Link (archiviert)
  • Pharmakovigilanzbericht zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe des Paul-Ehrlich-Instituts, Stand 31.12.2024, März 2025: Link (archiviert)