Von München bis Aachen: Im Netz der China-Agenten
China hat ein Spionagenetzwerk über deutsche Hochschulen ausgerollt, um militärisches Wissen abzuziehen. Lange Zeit sahen die Behörden dem Treiben zu – jetzt wurden zwei mutmaßliche Spione festgenommen. Im Visier hatten sie offenbar auch High-Tech-Drohnen.
Selten sind Ermittler so massiv gegen Chinas Spione an deutschen Universitäten vorgegangen: In fünf Bundesländern durchsuchten Beamte am Mittwoch Räume in Hochschulen, Wohnungen und Arbeitsstätten. Dabei wurden zwei mutmaßliche Agenten für China festgenommen, teilte der Generalbundesanwalt mit.
Die Eheleute Xuejun C. und Hua S. sind Deutsche mit chinesischen Wurzeln. Von München aus sollen sie in den vergangenen Jahren Kontakte zu Wissenschaftlern an Hochschulen und Forschungseinrichtungen aufgebaut haben. Ins Auge gefasst haben sie die Bereiche Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik oder Künstliche Intelligenz.
Das mutmaßliche Agenten-Ehepaar tarnte sich offenbar teils als Dolmetscher oder Mitarbeiter eines Automobilherstellers. Einige Forscher sollen unter dem Vorwand nach China gelockt worden sein, gegen ein Honorar Vorträge vor einem zivilen Publikum zu halten. Tatsächlich sprachen sie dann aber vor staatlichen Rüstungsunternehmern.
China hängt bis heute technologisch etwa bei Satellitentechnologie und Halbleitern zurück. „Diese Lücke will das Land durch Spionage füllen“, sagte ein hochrangiger Vertreter eines Nachrichtendienstes zu CORRECTIV.
Online-Vorträge: Auch ein Forscher aus Aachen war im Ziel der mutmaßlichen China-Agenten
Betroffen von den mutmaßlichen Spionageaktivitäten waren mehrere Forschungseinrichtungen. Am Mittwoch bekam deshalb unter anderem die RWTH Aachen Besuch von Ermittlungsbehörden, wie ein Sprecher auf Anfrage bestätigte.
Konkret geht es um zwei Online-Vorträge eines RWTH-Forschers, die er nach Angaben des Sprechers vor Vertretern von chinesischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen gehalten hat. CORRECTIV ist der betroffene Professor bekannt, nennt ihn jedoch nicht namentlich, weil es sich nicht um einen Tatverdächtigen, sondern einen Zeugen handelt.
Es handelt sich um einen Lehrstuhl, an dem unter anderem zu High-Tech-Drohnen geforscht wird. CORRECTIV hatte 2024 in einem anderen Kontext schon einmal über den Wissenschaftler berichtet. Mit Kontakten nach China war der Forscher – anders als etliche seiner Professoren-Kollegen an der Uni – allerdings nicht aufgefallen.
Der erste seiner Vorträge soll im Jahr 2021 während der Corona-Pandemie stattgefunden haben, ein zweiter Anfang 2022.
CORRECTIV berichtete im Jahr 2024 über enge Verzahnungen zwischen Professoren an der RWTH Aachen und chinesischen militärischen oder militärnahen Einrichtungen. Mindestens 19 Professoren haben mit solchen kooperiert. Immer wieder flossen dabei auch Gelder aus der Volksrepublik an die Universität.
China-Netzwerk: Mutmaßlicher Spion ist Chef einer Automobilfirma in China und Vereinsvorstand in Deutschland
Xuejun C., einer der beiden festgenommenen mutmaßlichen Spione, wohnt nach CORRECTIV-Recherchen ganz im Norden Münchens in Schwabing, gegenüber der Veranstaltungshalle „Showpalast“.
In China leitet der Mann offenbar eine Firma, die sich damit brüstet, von „ehemaligen Mitarbeitern renommierter deutscher Automobilherstellern“ gegründet worden zu sein. Das Unternehmen mit Sitz in Wuhan bietet demnach Beratungsleistungen an und vertreibt Kfz-Elektroniksysteme.

C. sitzt auch im Vorstand eines deutsch-chinesischen Vereins für „Technologie-, Bildungs- und Kulturaustausch“, der 2014 gegründet wurde. Der Vereinszweck: Kontakte zu deutschen Forschenden aufbauen. Der Verein ist im Münchner Stadtteil Solln gemeldet, direkt neben einem Kindergarten.
Neben Xuejun C. hat der Verein laut Registerauszug sechs weitere Vorstände. Einige von ihnen sehen nachweislich ihr Aufgabengebiet im Bereich Technologietransfer. Über seine Ehefrau Hua S. ist bisher kaum etwas bekannt. Im Vorstand des Vereins war sie nicht.
Chinesische Spionage-Aktivitäten in Deutschland: Vor allem die Forschungslandschaft ist betroffen
Klar ist jedoch: Die mutmaßlichen Spione sind Teil einer breit angelegten Kampagne. Nach Angaben von Vertretern deutscher Nachrichtendienste hat Peking ganze Netzwerke in Deutschland und anderen westlichen Staaten aufgebaut, um seine Bürger auch im Ausland kontrollieren zu können. Noch wichtiger ist aber, Zugriff auf Technologien zu erhalten, wie Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst regelmäßig warnen.
CORRECTIV berichtet seit 2022 immer wieder über die chinesischen Bestrebungen, sensibles Wissen aus Universitäten nach China zu liefern.
Gezielt werden dazu Chinesen an deutsche Hochschulen geholt. Der Fokus liegt dabei vor allem auf Technologien, die militärisch verwendet werden können, wie ein operativer Mitarbeiter eines deutschen Dienstes CORRECTIV berichtet. Besonders im Blick haben die Spione aus Fernost neben der RWTH in Aachen die Technische Universität München (TUM).
Im chinesischen Sicherheitsapparat wurde dazu eigens eine eigene Abteilung aufgebaut, die die Attacken zentral steuert. Diese wählen aus, welche Technologien benötigt werden, wie es in Kreisen der Spionageabwehr heißt. Für die Beschaffung greift China auf ein Netzwerk von Universitäten zurück, die die „Sieben Söhne der Landesverteidigung“ genannt werden. Die Lehrstätten mit Sitz in Peking, Harbin, Nanjing und Xi’an sind zwar als zivile Einrichtungen deklariert, werden aber dem chinesischen Militär zugerechnet.
Die Regierung wendet dabei durchaus Zwang an, um Studenten und Mitarbeiter von Firmen zur Kooperation zu bewegen. Nach dem Gesetz sind Chinesen zur Zusammenarbeit mit dem chinesischen Staat verpflichtet – selbst in Deutschland. Wer für die Regierung interessant ist, der muss regelmäßig in der Botschaft oder in Generalkonsulaten von seiner Arbeit berichten, wie deutsche Dienste ermittelt haben.
Sollte sich jemand weigern, dann würden auch schon mal Sanktionen gegen Familienmitglieder in China angedroht. Studierende aus China unterschreiben nach Recherchen von CORRECTIV für Stipendien teils Verträge, die sie zu Gehorsam und Staatstreue verpflichten.
Die Spitzelangriffe sind oft erfolgreich: So berichtete beispielsweise ein Vertreter einer deutschen Medizintechnikfirma, dass Informationen über eine neu entwickelte Speziallegierung von einem Doktoranden aus China kopiert und in der Volksrepublik zum Patent angemeldet wurde. Entwickelt wurde das Material, um medizinische Geräte steril zu halten – mit diesem Metall beschichtete Schiffe sind indes schwer mit dem Radar zu detektieren. Chinas Führung droht regelmäßig mit einer Besetzung des Inselstaates Taiwan.
Kritik an Bundesregierung: „Zu langsam, zu unklar und zu unentschlossen“
Das Thema Wissenschaftsspionage zugunsten Chinas beschäftigt auch deutsche Beobachter und Politikerinnen seit Jahren.
„Die Bundesregierung handelt bei der Forschungssicherheit weiterhin zu langsam, zu unklar und zu unentschlossen“, sagt Ayşe Asar, Grünen-Sprecherin für Forschung im Bundestag gegenüber CORRECTIV. „Sie darf nicht davon ausgehen, dass der jetzt bekannt gewordene Fall mutmaßlicher Wissenschaftsspionage ein Einzelfall ist. Vielmehr spricht vieles dafür, dass wir es nur mit der Spitze des Eisbergs zu tun haben.“
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Gerade bei sensiblen Kooperationen, Dual-Use-Risiken und dem Umgang mit kritischen Daten bestünden laut der Forschungs-Politikerin Lücken. Problematisch sei „der schleppende Aufbau“ der Nationalen Plattform für Forschungssicherheit. Diese soll das zentrale Instrument zur Unterstützung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden.
Doch es gehe damit nicht schnell genug voran, die konkrete Ausgestaltung bliebe unklar, sagt Asar. In der Konsequenz stünden Forschungseinrichtungen mit dem Problem weiterhin alleine da.
Redaktion: Marcus Bensmann, Elena Müller
Faktencheck: Marcus Bensmann