CDU spricht jetzt Klartext

Die Bundeszentrale der Partei hat sich in einer Broschüre klar wie nie gegen die populistische AfD geäußert.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

ich hoffe, Sie hatten ein schönes langes Wochenende und konnten das Sommerwetter genießen – wobei man ja heute zweimal überlegt, ob man sich darüber freuen soll/darf, wo der Klimawandel immer unmittelbarer und spürbarer wird. In Großbritannien und Frankreich war gestern der mit Abstand heißeste Maitag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Jetzt zum Thema des Tages. Gerade letzte Woche trat ja hier im SPOTLIGHT unsere Karikaturisten-Bande zum Wettstreit mit der spitzen Feder an: Wer trifft am besten den Zeitgeist zur Frage, ob die Union die Brandmauer zur AfD ausreichend hochhält? Hier die Karikaturen nochmal im Überblick. Gewonnen hat diesmal Henning Christiansen – hier nochmal der Cartoon:

Und um eben diese Gretchen-Frage, die nach der Brandmauer, geht es auch im Tagesthema: Die CDU nämlich hat sich so klar wie noch nie zuvor von der AfD distanziert – und letztere wehrt sich dagegen nun mit Händen und Füßen.

Wie stehen Sie dazu: Sind Sie erleichtert über die klarer werdende Haltung der CDU? Finden Sie, die Köpfe der Partei müssten noch viel mehr tun? Oder sehen Sie es ganz anders, sollte die CDU zur AfD schweigen? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: CDU spricht jetzt Klartext

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Passiert war Folgendes:
Die CDU veröffentlichte vor rund einer Woche eine Broschüre. Man kann sie auf ihrer Internetseite bestellen und sich per Post zuschicken lassen: 7.50 Euro für 25 Broschüren (hier zu finden), lieferbar allerdings erst wieder ab Mitte Juni wegen offenbar großer Nachfrage. Oder man lädt sie hier herunter.

Das steht dran:
Die Broschüre trägt den Titel: „AfD – Abstieg für Deutschland“.

Es berichteten mittlerweile zahlreiche Medien darüber. Dort steht nichts darin, was zum Beispiel wir von CORRECTIV oder auch andere Medien nicht schon viele, viele Male berichtet hätten:

– dass mehrere Landesverbände der Partei durch Verfassungsschutzbehörden als rechtsextremistisch eingestuft wurden,
– dass die AfD anderen Parteien die Legitimität abspricht und einen antidemokratischen Ein-Parteien-Staat anstrebe,
– dass es antisemitische Tendenzen in der Partei gebe,
– und, dass viele in der Partei sich ganz offen dazu bekennen, Millionen Menschen – darunter auch deutsche Staatsbürger – nach rassistischen Kriterien loswerden zu wollen.

„Die zentrale Chiffre hierfür ist Remigration.“
Aus der CDU-Broschüre

Letzteres ist für Sie als CORRECTIV-Leserin oder -Leser nichts Neues. Die „Remigrations“-Pläne auch für deutsche Staatsbürger sind aus gutem Grund der Haupt-Spaltpilz in der Partei: Bekennt sich die AfD allzu offen zur „Remigration“, speziell der extremen, rassistischen Auslegung, die der Neonazi Martin Sellner bei der Potsdam-Konferenz vorstellte, dann machte das ein Parteienverbot wahrscheinlicher.

Die Broschüre zieht eine klare Trennlinie …
… zwischen der Migrationspolitik der Union und der „Remigrations“-Politik der AfD:

Das Unions- Konzept sieht eine „Migrationswende“ vor – also, dass weniger Schutzsuchende ins Land kommen, und dass mehr Menschen Deutschland wieder verlassen müssen, wenn sie kein Bleiberecht haben. Das aber soll immer unter Wahrung der Menschenrechte und nach individueller Fallprüfung passieren – niemals aber nach rassistischen Kriterien.

Die AfD dagegen – und das macht die Broschüre klar – will Menschen nach rassistischen Kriterien aus dem Land „remigrieren“. In der Broschüre schreibt die CDU:

„Diese Partei will ein anderes Deutschland: Weiß, einheitlich und ohne Migrationshintergrund – so soll das Deutschland der AfD werden. Und entsprechend sollen alle Menschen, die diesem völkischen Ideal der AfD nicht entsprechen, keinen Platz in unserem Land haben.“

Welche Bedeutung die Broschüre hat:
Zum ersten Mal machte auch die CDU ganz deutlich ersichtlich, dass es einen sehr klaren Unterschied gibt zwischen dem, was die Union in der Migrationspolitik tut und dem, was sich die AfD vorstellt.

Das hat Not getan: Vielleicht erinnern Sie sich, dass wir vor der Bundestagswahl mehrmals versucht haben, den damaligen Spitzenkandidaten Friedrich Merz zu genau dieser Frage zu interviewen, er und andere Spitzenleute hatten aber keine Zeit.

Wenn Sie es genauer wissen möchten: Mein Kollege Marcus Bensmann hat die Inhalte der Broschüre  analysiert und in diesem heute veröffentlichten Text aufgeschrieben. 

Teilnehmer vom Mandatsträgerkongress halten Deutschlandfahnen und ein Schild, auf dem „Remigration jetzt!“ steht.
Foto: Fabian Strauch/picture alliance/dpa

Was danach passierte:
Die AfD wollte die Sache mit der Broschüre nicht unkommentiert auf sich sitzen lassen. Das kann sie schon allein deshalb nicht, weil es für sie ja wie gesagt um den völkischen Kern und damit vielleicht sogar um ein Parteiverbot geht.

Also kündigte sie an, sich juristisch wehren zu wollen: Ihr parlamentarischer Geschäftsführer Bernd Baumann sagte, er habe bei der Berliner Polizei eine Anzeige wegen übler Nachrede eingereicht.

Damit aber nicht genug:
Baumann veröffentlichte auf der rechtsaußenlastigen Social Media-Plattform X ein Video, auf dem er in den Vorraum der CDU-Parteizentrale läuft, sich dort eine der Broschüren aus einem Ständer nimmt und dann wütend in die Kamera sagt, das hier sein ein „Pamphlet“ voller „Lügen und Falschmeldungen“.

Das wiederum konterte die CDU auf ihrem Instagram-Account mit einem Video: Sie hatte Baumanns spontanen Besuch gefilmt und machte sich nun darüber lustig.

Beides hat ein bisschen was von Kindergarten und wird der Sache nicht gerecht – immerhin geht es darum, ob sich Millionen von Menschen in Deutschland nicht mehr willkommen und sicher fühlen können, sollte die AfD in Regierungsverantwortung kommen und „Remigrations“-Fakten schaffen.

Gesundheitsministerin plant höhere Beiträge für Kinderlose 
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die milliardenschweren Finanzlücken in der Pflegeversicherung durch höhere Beiträge für Kinderlose schließen. Der Beitragssatz für Kinderlose soll um 0,1 Prozent steigen. Einige Politiker der schwarz-roten Koalition kritisieren diese Pläne. 
rnd.de/ deutschlandfunk.de

Deutschlands Abhängigkeit von China wächst 
Deutschland wird laut einer Studie bei Schlüsselgütern zunehmend von China abhängig. Im Fokus stehen Akkus, Antibiotika und Solarpanels. Zwei Drittel der importierten Akkus kamen aus China, im Jahr zuvor waren es knapp die Hälfte. Der Anteil bei Solarpanels stieg von etwa 89 Prozent auf knapp 93 Prozent. Bei Antibiotika wuchs der Anteil um acht Prozent auf rund 73 Prozent. Diese Woche reist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nach China. Themen werden unter anderem die Rohstoffsicherheit Deutschlands sein.
n-tv.de

Das Kreuzfahrtschiff „Hondius“, auf dem das Andes-Hantavirus ausgebrochen war, kehrte am 18. Mai in die Niederlanden zurück (Symbolbild: Nicolas Economou / NurPhoto / Picture Alliance)
Symbolbild: Nicolas Economou / NurPhoto / Picture Alliance

So geht’s auch
Die „Omas gegen Rechts“ haben einen Chatbot entwickelt. Klara-Klartext hilft, politische Aussagen einzuordnen, Parolen zu entkräften und Unterrichtsmaterial zu erstellen. Hier geht es zum Chatbot:
omasgegenrechts-huerth.org

Fundstück
In der Tiefsee vor den Galápagos-Inseln haben Forscher eine neue Oktopusart entdeckt. Der kleine blaue Oktopus, im Fachjournal „Zootaxia“ beschrieben, hat drei bis vier Zentimeter lange Arme mit je 30 Saugnäpfen. Bereits 2015 stieß ein Forschungsteam in 1.700 Metern Tiefe auf die ersten Exemplare. Dank Computertomografie gelang es, die Art zu beschreiben, ohne die Tiere zu sezieren.
deutschlandfunk.de


Nun gibt es erneut einen Vorfall, der die Frage nach der Unabhängigkeit von Bundeswirtschaftsministerin Reiche und dem BMWE aufwirft. Am Freitag teilte der offizielle BMWE-Account auf Twitter ein Video der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, kurz INSM. 

Das Video ist Teil einer Kampagne, in der es, kurz zusammengefasst, um den wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands geht – und die Schritte, die laut INSM nötig wären, um diesen abzuwenden. Dazu gehören unter anderem Einsparungen beim Sozialstaat, eine Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und Anpassungen in der Klima- und Energiepolitik. Kurz: Weniger Staat, mehr Markt. 

Dass nun das BMWE diese Kampagne der Lobbyorganisation über ihren offiziellen Kanäle teilt, mit dem Kommentar „Danke für diese Kampagne“ ist auf gleich mehreren Ebenen problematisch. Denn die INSM ist kein neutraler Akteur, sondern verfolgt eine industriepolitische Agenda. Finanziert wird die Organisation von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie. Welche Ziele die INSM verfolgt und wie eng die CDU als auch Bundeskanzler Friedrich Merz mit der Organisation verstrickt sind, dazu haben meine Kolleginnen Annika Joeres und Gabriela Keller bereits im vergangenen Jahr recherchiert. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.