Russland/Ukraine

Russisches Gold, Schweizer Markenzeichen

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine importiert die Schweiz mehr russisches Gold als je zuvor – trotz Sanktionen legal. Ein Experte kritisiert, damit Putins Kriegsmaschinerie zu finanzieren. Nach der Verarbeitung wird russisches Gold offiziell Schweizerisch – und damit besser verkäuflich.

von Sven Niederhäuser

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In Schweizer Raffinerieren werden Goldbarren aus Russland zu Schweizer Gold umgeschmolzen. Illustration: Ivo Mayr / CORRECTIV (KI-generiert; erstellt mit Nano Banana, bearbeitet in Photoshop)

Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine kostet: Mit schätzungsweise mehreren Hunderttausend Toten, allem voran Menschenleben und Leid. Aber auch Geld – oder im Falle Russlands Gold. Der deutsche Geheimdienst schätzt, dass das Putin-Regime seit Kriegsbeginn jährlich Hunderte Milliarden Franken für militärische Zwecke einsetzt. Weil die Wirtschaft wegen der Sanktionen nach vier Jahren ernste Probleme hat, verkauft die russische Zentralbank Gold in grösseren Mengen. Als einer der weltweit grössten Goldproduzenten profitiert Russland schon länger vom Handel mit dem glänzenden Edelmetall. Dabei spielt die Schweiz eine unrühmliche Rolle als einer der wichtigsten Umschlagplätze des Goldhandels.

Seit Kriegsbeginn importierte die Schweiz russisches Gold im Wert von je rund 3,5 Milliarden Franken in den Jahren 2022 und 2023. Mehr als je zuvor. Dies zeigen Zolldaten, die CORRECTIV.Schweiz ausgewertet hat. Von 2022 bis Anfang 2025 gelangten insgesamt 147,3 Tonnen russisches Gold in die Schweiz. – Wert: 8,5 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Von 2014 bis 2021, ein mehr als doppelt so langer Zeitraum, belief sich der Gesamtwert auf 7,5 Milliarden Franken.

Gemäss den EU-Sanktionen gegen Russland, die der Bundesrat weitgehend übernommen hat, ist der Handel mit russischem Gold verboten. Aber nur, wenn es Russland nach dem 4. August 2022 verlassen hat, dem Tag des Schweizer Sanktionsbeginns. Zuständig für Kontrollen ist das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (Bazg). Daten zeigen, dass fast alles russische Gold, das seit 2022 in die Schweiz kam, aus Grossbritannien eingeflogen wurde.

Als Ursprungsland gelte das Land, in dem das Edelmetall vollständig gewonnen, hergestellt oder wesentlich verarbeitet wurde, sagt Bazg-Sprecher Oliver Varga. Um sicherzustellen, dass die Sanktionen eingehalten werden, „wurden die ursprünglichen Einfuhrdeklarationen nach Grossbritannien eingesehen“. Zusätzlich sei kontrolliert worden, ob die Prägungen der Goldbarren mit den Angaben auf den Warenanmeldungen sowie den Begleitpapieren übereinstimmten. Wem das Gold gehört oder wer es empfängt, will das Bazg wegen des Datenschutzes nicht beantworten. Etwas mehr als die Hälfte des russischen Goldes von 2021 bis Anfang 2025 gehe jedoch an Banken, andere Finanzdienstleister und Privatpersonen.

Aus russischem Gold wird Schweizer Gold

Auffallend ist: Während der Schweizer Import von russischem Gold in 2024 bis Anfang 2025 stark zurückgegangen ist, stiegen die importierten Mengen aus Ländern, die Russland nahe stehen oder Sanktionen gegen das Putin-Regime nicht mittragen. So etwa aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, wie CORRECTIV.Schweiz berichtete. Aber auch aus China, der Türkei oder Usbekistan. Für den Goldexperten und ehemaligen Strafrechtsprofessor der Uni Basel Mark Pieth ist naheliegend, dass so auch sanktioniertes russisches Gold in der Schweiz landet. Das Bazg überprüfe den Handel mit russischem Gold mit „besonderem Augenmerk auf die Nachbarstaaten und das Umgehen von Sanktionen“, sagt Varga.

Obwohl der Import russischen Goldes aus Grossbritannien laut Behörden nicht gegen die Sanktionen verstösst, kritisiert Pieth den Handel scharf. „Die Schweiz finanziert mit dem Import von russischem Gold Putins Kriegsmaschinerie.“ Nach der Annexion der Krim habe Russland seine Goldproduktion vervielfacht und das damit eingenommene Geld zur Kriegsvorbereitung eingesetzt, sagt Pieth. „Die Banken in London kauften damals viel russisches Gold. Nun wollen sie es aus ethischen Gründen loswerden.“ So hilft die Schweiz auch, die Herkunft des Goldes zu verschleiern. „Wenn das russische Gold in der Schweiz verarbeitet oder eingeschmolzen wird, erhält es einen Schweizer Stempel“, sagt Pieth. Aus russischem Gold wird also kurzerhand Schweizer Gold, und das in handelsüblichen Portionen. „Oft werden grosse Barren zu 1-Kilogramm-Barren umgeschmolzen, die auf dem Markt gefragt sind.“

Dies bestätigt Valcambi, eine der weltweit grössten Goldraffinerien mit Sitz in der Schweiz. Der enorme Anstieg der Importe russischen Goldes in 2022 und 2023 könne auf die Notwendigkeit zurückzuführen sein, Goldbarren für den US-Markt in Kilobarren umzuwandeln. Laut Valcambi „ein bekanntes und dokumentiertes Ereignis, wobei die Schweiz einen Goldfluss von London in die USA verzeichnete“. Landet das russische Gold mit Schweizer Markenzeichen also schlussendlich in den USA? Tatsächlich stieg der Export von Gold aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten von 2024 mit rund 13 Milliarden Franken bis 2025 auf 49 Milliarden Franken enorm.

Schweiz als Drehscheibe für internationalen Goldhandel

Die Schweiz ist einer der weltweit wichtigsten Standorte im Goldhandel. Fünf der zehn grössten Goldraffinerien sitzen im Tessin oder in der Westschweiz. Rund 2’400 Tonnen Gold werden laut der Schweizerischen Edelmetall Vereinigung (ASMP) hierzulande jährlich raffiniert, verarbeitet und in die Welt exportiert.

Auf unsere Anfrage reagierten lediglich MKS Pamp aus Genf und Valcambi aus Balerna, in der Nähe von Chiasso. Beide Raffinerien versichern, sich an die Sanktionen zu halten. MKS Pamp arbeite mit keinen Geschäftspartnern in Russland zusammen. Und importiere kein Gold aus Russland, das nach Kriegsbeginn produziert wurde, selbst wenn es in einem anderen Land gelagert worden sei.

Valcambi gibt an, „auch nach Einführung der Sanktionen russische Goldbarren erhalten“ zu haben. Diese seien jedoch vor den Sanktionen hergestellt worden. Valcambi habe die geografische Herkunft und Produktionsdaten der Goldbarren mittels Begleitdokumenten und Seriennummer überprüft. Das Gold sei von Banken geliefert worden. Ob drei der grössten Schweizer Banken russisches Gold importierten, erfahren wir nicht. UBS, Zürcher Kantonalbank und Raiffeisen bestätigen auf Anfrage, sie würden die Sanktionen einhalten. Konkrete Fragen bleiben jedoch unbeantwortet.

Intransparente Lieferketten

Als Mitglieder der Schweizerischen Edelmetall Vereinigung (ASMP) gelten für UBS und Raiffeisen oder die Raffinierie MKS Pamp zusätzliche Richtlinien. Laut Verhaltenskodex sind sie verpflichtet, „konsequent gegen alle Aktivitäten vorzugehen, die illegale bewaffnete Konflikte oder Terrorismus auslösen, finanzieren oder unterstützen“. Auf die Frage von CORRECTIV.Schweiz, wie das mit dem Import von russischem Gold zusammenpasst, geht die ASMP-Geschäftsführerin Sabrina Karib nicht ein. Sie sagt, die Herkunftsbezeichnung müsse mit Sorgfalt betrachtet werden. „Die Lieferketten für Gold sind besonders komplex und erfordern eine eingehende sachliche, technische und regulatorische Analyse, bevor Schlussfolgerungen gezogen werden können.“

Als hypothetisches Beispiel nennt Karib einen Goldbarren, der 2010 in Russland hergestellt und im Auftrag eines französischen Kunden nach England exportiert worden sei. „Würde dieser Barren im Jahr 2025 in die Schweiz exportiert, müsste in den Zollstatistiken die russische Herkunft erscheinen, obwohl er seit mehr als 15 Jahren keinerlei Verbindung mehr zu einer russischen Einrichtung oder Person hat.“

Aber die Lieferketten sind völlig intransparent, sagt Goldexperte Pieth. „Besonders wenn Gold einmal eingeschmolzen und neu verarbeitet wird, ist die Herkunft kaum noch zu bestimmen.“ Die gesamte Goldbranche sei zudem „sehr verschwiegen“. Auch bei unseren Anfragen zeigt sich: Konkrete Fragen werden selten beantwortet. Wie viele Tonnen einzelne Banken oder Raffinerien importieren, bleibt unklar. Genauso, wem das Gold gehört.

Auf der Webseite wirbt die Edelmetallvereinigung mit Transparenz. Die Mitglieder seien „führend im Kampf gegen unethische Praktiken und bei der Förderung einer rückverfolgbaren und nachhaltigen Lieferkette“. Doch vieles über das glänzende Edelmetall bleibt im Verborgenen.

 

Text & Recherche: Sven Niederhäuser
Redaktion: Marc Engelhardt
Faktencheck: Janina Bauer
Bild: Ivo Mayr
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Kommunikation: Charlotte Liedtke