Behandelt der Staat uns gerecht?

Die geplante Reform der Pflegeversicherung wirft erneut die Frage auf: Wer wird zu stark belastet? Und was bekommen wir im Gegenzug?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

das Pflegesystem krankt hinten und vorne. Es gibt zu wenig Heimplätze, sie sind für viele zu teuer, für Pflege zu Hause findet man oft keine Anbieter – und jetzt sagt die Bundesgesundheitsministerin: Dieses marode System muss für uns alle noch mal deutlich teurer werden. Was aber müsste eigentlich wirklich passieren, um das Pflegesystem neu aufzustellen? Darum geht es im Thema des Tages.

Während Sie den SPOTLIGHT lesen, bin ich in Erlangen – beim Internationalen Comic-Salon. Das ist die wichtigste Messe für Karikaturen. Morgen diskutiere ich dort auf der Bühne gemeinsam mit unserem Cartoon-Arena-Team: Warum machen wir das? Die Kurzantwort vorab: Wir wollen dafür sorgen, dass die Karikatur wieder stärker als Mittel der politischen Kommentierung in den Fokus rückt. Gerade in Zeiten eines politischen Rechtsrucks ist das enorm wichtig. 

Jetzt brauchen wir außerdem noch Ihre Stimme: Nächste Woche gibt es nämlich bei uns den nächsten Wettstreit der Karikaturisten. Zur Auswahl stehen diese Themen: 

  1. Soll es ein polizeiliches Register für psychisch schwer kranke Menschen geben?
  2. Die EU macht den Weg für Abschiebezentren in Drittstaaten frei
  3. Muss ich mein Haus verkaufen, wenn Papa ins Heim geht – wie es ein prominenter CDU-Mann ins Gespräch brachte?

Hier können Sie über das Thema abstimmen.

Unser Leserreporter Tristan Devigne ist in dieser Woche mal wieder einer Leserfrage nachgegangen und hat bei der Staatsanwaltschaft Halle nachgefragt: Darf man Björn Höcke von der AfD noch als Nazi bezeichnen? Die Antwort lesen Sie unten. Nur schon mal so viel: Es kommt – wie so oft – auf den Kontext an.

Und: Ich danke Ihnen für die vielen Mails, die Sie mir zu den Registern für psychisch Kranke geschrieben haben – gestern Thema des Tages. Die Meinungen gingen weit auseinander: Einige schreiben, sie seien eigentlich ganz froh, wenn es so etwas gebe, weil sie schon mal von psychisch Kranken angegriffen worden seien. Andere schreiben: Sie leiden selbst unter solchen Krankheiten – und hätten nun große Sorge, stigmatisiert zu werden. Wir bekamen auch weitere Recherchehinweise und bleiben dran.

Thema des Tages: Behandelt der Staat uns gerecht?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

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Leserfrage der Woche: Darf man Björn Höcke von der AfD noch als Nazi bezeichnen?

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Grafik des Tages: Anstieg beim Anteil der „Ungelernten“

  • Wer keine Kinder hat, soll ab dem nächsten Januar noch stärker zur Kasse gebeten werden. Kinderlose sollen dann 4,3 Prozent ihres Bruttolohns zahlen. Für Menschen mit Kindern bleibt es beim derzeitigen etwas niedrigeren Satz.
  • „Gutverdiener“ sollen ebenfalls stärker herangezogen werden – und „Niedrigverdiener“ im Gegenzug entlastet. Und zwar, indem die Grenze heraufgesetzt werden soll, ab der man Beiträge zahlt.
  • Die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner soll (wie auch bei der Krankenversicherung) abgeschafft werden. Außer, man hat Kinder unter sieben Jahren, Kinder mit Behinderungen, pflegebedürftige Angehörige – oder man ist schon im Rentenalter.
  • Es soll weniger (beziehungsweise erst später) Zuschüsse zu den sogenannten Eigenanteilen für Pflegeheimbewohner geben. Das heißt, sie werden weniger entlastet.
  • Pflegebedürftige Angehörige sollen weniger Zuschüsse zur Rentenversicherung erhalten als bisher.

Kein Thema in den Reformplänen ist dagegen, worüber wir am Mittwoch berichteten: die Forderung eines CDU-Politikers, der Staat solle auch auf Wohneigentum zugreifen dürfen, das Pflegebedürftige bereits an ihre Kinder weitergegeben haben. 

Was die Pläne bedeuten:
Das sind alles harte Einschnitte – und viele Menschen werden sie als ungerecht ansehen. Denn einige werden stärker belastet, und für sie fühlt es sich an, als werde ihnen schon wieder vom Staat etwas weggenommen.

Das Problem:
Für jene, die mehr zahlen müssen, wird nicht spürbar: Was bekommen sie denn dafür? Denn die Pflege wird dadurch ja nicht automatisch besser. Stattdessen fühlt es sich für viele (ähnlich wie schon bei der geplanten Reform der Krankenversicherung) so an, als ob sie immer mehr für Sozialleistungen zahlen müssen, es aber trotzdem nicht viel bringt – und das ganze Geld irgendwie im großen System versickert.

Der Staat und seine Verwaltung haben ein Akzeptanzproblem – und der Politik gelingt es immer schlechter, dieses Problem aufzulösen.

Was sich tun müsste:
Das Akzeptanzproblem ließe sich nur angehen, indem der Staat nicht nur die Bürgerinnen und Bürger immer weiter belastet – sondern seinerseits auch große Einschnitte im Krankenkassen- und Pflege-Apparat vornähme.

Ein Dauerbrenner …
… zu dem mir auch immer wieder Leserinnen und Leser schreiben – ist die Zahl der Kranken- und Pflegekassen. Die 75 Millionen gesetzlich Versicherten im Land sind bei 93 verschiedenen Kranken- und Pflegekassen versichert. Es werden zwar immer weniger (im Jahr 2000 gab es noch 420 Kassen). Dennoch bedeuten 93 Kassen immer noch: 93 Verwaltungen, die vom Vorstandschef bis zur Sachbearbeiterin und zum Pförtner bezahlt werden müssen. 

Zwar rechnen Gesundheitsökonomen immer wieder vor, dass weniger Kassen gar nicht viel Geld einsparen würden. Aber: Es geht nicht nur darum. Sondern auch darum, dass weniger Verwaltungsorganisationen auch eine Maßnahme wären, um zu zeigen: Nicht nur die Bürger müssen sich bewegen, auch das System bewegt sich.

Ein anderes Beispiel …
… auf das heute die Gesundheitsexpertin der Wirtschaftswoche treffend hinweist: Die Bundesländer zahlen seit Jahren nicht ihre Anteile an die Investitionskosten für Pflegeheime – also das Geld, das für die Instandhaltung und Modernisierung der Heime ausgegeben werden muss. 

Stattdessen wird dieses Geld schon seit Langem auf die Heimbewohner umgelegt – sie gehen also mit ihrem Privatvermögen für ihre Landesregierungen in Vorleistung. Und weil sich dies viele nicht leisten können, müssen sie „Hilfe zur Pflege“ beantragen. Also Sozialhilfe, die dann wieder die Allgemeinheit zahlt. Also ein riesiger öffentlicher Verschiebebahnhof. 

Unter dem Strich:
Dass der Staat diese Probleme nicht in den Griff bekommt, lässt die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter sinken. Und das spielt übrigens auch den Populisten in die Hände: 

Die AfD nämlich hat genau dieses Thema schon in ihren Wahlprogrammen für die dieses Jahr anstehenden Landtagswahlen stehen: Die steigenden Eigenanteile in der stationären Pflege, heißt es etwa in deren Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt, seien eine „untragbare Belastung“ und müssten nun „wirksam begrenzt“ werden.

Die AfD schreibt zwar gleichzeitig, das gehe nur, wenn viel mehr Menschen zu Hause von Angehörigen versorgt würden – was eine nicht tragbare Belastung für den Arbeitsmarkt wäre und daher kaum umsetzbar. Aber: Bei vielen Menschen kommt offenbar nur der erste Teil an, die geplante finanzielle Entlastung. 

Wenn die aktuelle Bundesregierung in dieser Gemengelage jetzt vor allem hohe neue Belastungen für die Beitragszahlungen und -zahler ankündigt, und selbst wenig tut, ist das politisch einfach kein gutes Signal.

Armeniens Premier Nikol Paschinjan mit Wladimir Putin im Kreml
Symbolbild Leserfrage der Woche

Evamarie L. gehört zur Gruppe „Oma gegen Rechts“. Die Gruppe demonstrierte im April beim Landesparteitag der AfD Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Evamarie L. hielt dabei ihr „allseits bekanntes“ Plakat hoch: „BERT HÖCKE IST EIN NAZI“ (ja, da stand offenbar Bert). Die Polizei Magdeburg forderte sie auf, Namen und Gesicht von Höcke unkenntlich zu machen. Später wurde gegen sie ermittelt. 

Vielleicht haben Sie das damals mitbekommen. Bereits 2023 hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt entschieden, dass die Aussage „Björn Höcke ist ein Nazi“ keine strafbare Beleidigung ist, sondern ein an Tatsachen anknüpfendes Werturteil. Umso mehr hat uns überrascht, wie aktuell diese Frage noch ist. Wir haben dazu die im Fall von Evamarie L. zuständige Staatsanwaltschaft Halle befragt. 

Sie teilte uns zunächst mit, dass das Verfahren eingestellt wurde. Und: Es komme auf den Kontext an. Hier sei das Plakat als Machtkritik zu verstehen und damit von der Meinungsfreiheit gedeckt. Im Fall von Evamarie L. war der Kontext folgender: Sie befand sich auf einer Gegendemonstration, ist Mitglied der Gruppe „Oma gegen Rechts“. 

So geht’s auch
Diese DNA-Methode könnte den Artenschutz grundlegend ändern. Gerade in dicht bewaldeten Gebieten ist es schwer, den Bestand von bedrohten Tierarten zu erfassen. Mithilfe von Wasserproben, die im zugänglichen Teil eines Ökosystems entnommen werden, können Forscherinnen und Forscher nun die dort lebenden Tiere ermitteln. Dazu werden zum Beispiel Kotrückstände im Wasser untersucht. Entwickelt wurde die Methode, um die Bestände der bedrohten Berggorillas in Ruanda zu erfassen. 
srf.ch

Fundstück
Diese Seite feiert eine Kunstform, die im Digitalen oft zu kurz kommt: Das Magazincover. Für Coverjunkie sammelt der niederländische Art Director Jaap Biemans seit 2010 außergewöhnliche Cover aus der ganzen Welt. Damit hat er einen Ort geschaffen, an dem Kreativität Menschen verbindet – abseits von Algorithmen. 
coverjunkie.com


Auf dem Podium saß auch Dorit Stenke (CDU), Kultusministerin in Schleswig-Holstein, die ähnlich wie ich eine große Verfechterin von solch datenbasierter Bildungspolitik ist. Sie hielt einen flammenden Appell, dass es schon jetzt viele Daten gebe, die man nur endlich nutzen und daraus Schlüsse ziehen müsse.  

Ich würde Frau Stenke gerne beim Wort nehmen – denn sehr oft, wenn ich deutschlandweit in den Kultusministerien der Länder Daten zu Schulen anfrage, erhalte ich keine. Entweder weil es zu lange dauern würde, diese Daten für mich aufzubereiten oder schlicht weil das Bundesland selbst keinen Überblick hat. 

Frau Stenkes Bundesland ist da keine Ausnahme – als ich etwa vor einigen Monaten für eine Recherche zu Schulsozialarbeit vom schleswig-holsteinischen Kultusministerium wissen wollte, wie viele Sozialarbeitende es an welchen Schulen eigentlich gibt, konnte mir das niemand sagen. Ich hoffe also, dass Frau Stenke ihren Vorsatz in Zukunft auch in ihrem eigenen Bundesland umsetzen wird.

Noch interessanter aber als die Vorträge von Politikerinnen und Forschenden waren auf dem Kongress für mich die Gespräche mit Schulleitungen. Eines der wichtigsten Themen: das Startchancen-Programm, mit dem Bund und Länder seit zwei Jahren versuchen, Schulen mit besonders vielen benachteiligten Kindern zu unterstützen. Wie ich bereits berichtete, ist das Programm in vielen Bundesländern sehr schleppend angelaufen. Und auch auf dem Kongress waren einige Schulleitungen sehr frustriert, dass die Förderung bei ihnen kaum ankomme.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Tristan Devigne, Pamela Kaethner, Lea Messerschmidt und Elena Müller.