Fußball-Mafia
Die WM spaltet die Geister: Spektakel für Völkerverständigung – oder korrupte Anbiederung an Autokraten?

Liebe Leserinnen und Leser,
der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten – und am Ende gewinnt immer die Fifa. So fasst ZDF-Heute Show-Moderator Oliver Welke die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in seiner Fun Facts-Folge zusammen. Falls Sie den Überblick verloren haben, was denn noch mal genau das Problem mit der Fifa ist – lesen Sie die beiden Themen des Tages: meines und das, was die KI geschrieben hat.
Gestern ging es los mit unserem Experiment „Dowideit gegen KI“: Sie konnten raten, welchen der beiden Texte ich gestern gepromptet habe – also bei der KI-Anwendung in Auftrag gegeben – und welches ich selbst geschrieben habe. Ich vermute, gestern war es zu leicht: 70 Prozent von Ihnen haben erkannt, dass der erste Text von der KI geschrieben wurde.
Aber so ist das mit Experimenten. Man probiert aus, man schärft nach. Ich habe auch einen Experten um seine Einschätzung gebeten: Markus Knall, Chefredakteur der süddeutschen Zeitungsgruppe Ippen.Media. Dort nämlich benutzen sie schon jetzt mehr KI für ihren Journalismus als wahrscheinlich alle anderen Medien im Land. Das ist nicht unumstritten, aber Markus Knall ist ein glühender Fan. Er schrieb mir heute zu unserem Experiment:
„Das Feedback, das du erhältst, kannst du in den nächsten Prompt einfließen lassen. Dieser selbstlernende Effekt ist letztlich der Kern von maschinellem Lernen=KI. Wenn dein Prompt so mit der Zeit immer besser wird und mehr Daten als Grundlage hat, dann wird das Ergebnis auch immer besser.“
Das wollen wir heute mal sehen: In meinem Prompt habe ich nun erstmal die KI höflich gebeten, etwas lebendiger zu schreiben. Ich kann aber jetzt schon absehen, dass es Dinge gibt, um die ich die KI vergeblich bitten werde. Etwa darum, in ihre Texte eigene Erfahrungen aus dem echten Leben einzubringen.
Wobei: Ob Sie das überhaupt wollen, müssen wir mal weiter testen. Gestern nämlich fand jede/r Dritte von Ihnen den KI-Text besser – obwohl darin gar keine persönlichen Gespräche oder eigenen Gedanken vorkamen.
Schreiben Sie uns bitte gerne auch heute Ihr Feedback in den CrowdNewsroom. Und raten Sie mit, welcher Text von mir ist (es wird schwieriger als gestern, versprochen).

Thema des Tages: Fußball-Mafia
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Cartoon-Arena: EU-Abschiebezentren in Drittstaaten – der kritische Blick
Faktencheck: Fifa-WM: Bild von Deutschland-Fan als Hitler ist nicht echt
CORRECTIV ganz persönlich: Nationaler Bildungsbericht – und täglich grüßt das Murmeltier
Grafik des Tages: Schweizer Pensionskassen investieren in Atomwaffen
Thema des Tages, Variante 1:
Seit sechs Tagen läuft die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Ganz Deutschland ist im Fußballfieber – spätestens seit dem sehenswerten 7:1-Auftakt der deutschen Mannschaft am Sonntag gegen Curacao.

Ganz Deutschland?
Nein. Es gibt auch eine ganze Menge Leute, die keinen Fußball schauen und sich dem Spektakel verweigern.
Anfang dieses Jahres hatte sogar eine politische Diskussion darüber stattgefunden, ob Deutschland die Veranstaltung boykottieren sollte – und fast ein Viertel der befragten Bürgerinnen und Bürger hätten es besser gefunden, die Fußball-Nationalmannschaft wäre nicht zur Teilnahme in die USA geflogen. (Ja, Kanada und Mexiko gehören auch zu den Ausrichtern.)
Warum genau?
Na, wegen Trump.
Nur deshalb?
Nein, tatsächlich lagen die Gründe für die Diskussion um einen WM-Boykott tiefer.
Es ging dabei vor allem um die Fifa, also die Fédération Internationale de Football Association (das ist französisch für „Internationaler Bund der Fußballverbände“). Sie ist der weltweite Dachverband des Fußballs, wurde 1904 gegründet und hat ihren Sitz in Zürich in der Schweiz. Oder, wie Oliver Welke es in seiner Fun-Facts-Sendung ausdrückte:
„Der Abou-Chaker-Clan unter den gemeinnützigen Vereinen.“
Wie er zu dieser Einschätzung kommt:
Die Fifa erwartet für diese WM insgesamt Einnahmen von rund neun Milliarden Euro – so viel wie nie zuvor. Sie zahlt aber in den Gastgeberländern kaum Steuern.
Die Tickets fürs Finale wurden schon vor Monaten auf der offiziellen Fifa-Weiterverkaufsplattform für teils mehr als 140.000 Dollar gehandelt – Endstufe Kapitalismus. Außerdem regen sich derzeit viele Zuschauerinnen und Zuschauer über die neu eingeführte Drei-Minuten-Trinkpause während jeder Halbzeit auf. Denn diese ist „zufällig“ genauso lang wie ein Werbeblock im US-Fernsehen.
Das ist aber längst nicht alles:
Fifa-Chef Gianni Infantino betont zwar stets, die Fifa stelle stets den Schutz der Menschenrechte in den Fokus. Aber ihre Handlungen sprechen wiederholt eine andere Sprache.
Darauf weist zum Beispiel immer wieder die Menschenrechtsorganisation Sport and Rights Alliance hin – die sozusagen der Gegenspieler der Fifa auf diesem Gebiet ist. Sie hat den Weltfußballverband vor der aktuellen WM scharf kritisiert, weil sie sich recht wenig um die Menschenrechtsverletzungen schert, die unter der Trump-Regierung in den USA passieren: Könnten zum Beispiel Fans den Zugriffen der US-Einwanderungsbehörde ICE ausgesetzt sein? Die Fifa hat keine Antworten darauf.
Menschenrechte sind auch sonst der Pferdefuß der Fifa:
Die letzte WM (2022) fand ja in Katar statt – einem Land, in dem es nicht nur um die 50 Grad warm ist, weshalb sich das Fußballspielen nicht unbedingt anbietet.
In Katar steht es laut Amnesty International auch mit den Menschenrechten schlechter als in den meisten anderen Ländern. Tausende Menschen aus ärmeren Ländern wurden dort für den Bau der Fußballstadien ausgebeutet. Es gilt zudem mittlerweile als sehr wahrscheinlich – wenn auch nicht erwiesen –, dass Katar die WM-Vergabe mit Bestechungsgeldern gekauft hat.
Ein Blick in die Zukunft:
Die Fußball-WM 2034 hat die Fifa schon vor eineinhalb Jahren an ein nicht weniger problematisches Land vergeben: Saudi-Arabien. Sie erinnern sich wahrscheinlich: an das Land, das zum Beispiel 2018 den regierungskritischen Journalisten Jamal Kashoggi in seinem Konsulat in der Türkei zerstückeln ließ.
Eigentlich wäre diese Vergabe schon aus anderen Fifa-Richtlinien-Gründen nicht möglich gewesen. Denn die Kontinente sind immer abwechselnd dran – und Saudi-Arabien gehört zum asiatischen Fußballverband, der 2024 noch gar nicht an der Reihe gewesen wäre.
Die Fifa-Führung sorgte aber dafür, dass es trotzdem klappt. Und zwar, indem er ganz einfach die nächste WM – 2030 – auf drei Kontinenten gleichzeitig stattfinden lässt: Europa, Afrika und Südamerika.

Thema des Tages, Variante 2:
Die Fußball-WM 2026 läuft – und vergleichsweise wenige Leute schauen hin. Das liegt nicht nur an der Zeitverschiebung. Es liegt daran, dass viele Menschen schlicht keine Lust mehr haben auf ein Turnier, das von einem Verband organisiert wird, der sich wie eine Art diplomatischer Arm der Autokraten-Weltliga bewegt.
Und es liegt an dem Land, in dem der Großteil der Spiele stattfindet: den USA unter Donald Trump.
„Chill, relax“ – Infantinos Antwort auf alles
Fifa-Präsident Gianni Infantino hat am Vorabend des Turniers eine 66-minütige Pressekonferenz gegeben und dort gefordert, die Menschen sollten einfach mal „chillen und relaxen“, wie die BBC berichtete.
Das Problem: Einem seiner Schiedsrichter, dem Somalier Omar Artan, war gerade die Einreise in die USA verweigert worden. Infantino verteidigte trotzdem Trump – und behauptete, die WM wäre ohne diesen „unmöglich“ gewesen. Die New York Times hat aufgeschrieben, wie Infantino Trump seit Jahren umwarb: Sogar ein Büro im Trump Tower mietete die Fifa an – quasi leerstehend, aber die Miete fließt in die Taschen der Trump-Familie.
Menschenrechte? Guck woanders
Die Organisation Human Rights Watch kritisiert:
„Die WM findet vor einem Hintergrund von missbräuchlicher Einwanderungsdurchsetzung, dem Verbot eines Schiedsrichters, Drohungen gegen die Medienfreiheit und Diskriminierung statt.“
Und wir von CORRECTIV haben in einem Artikel gezeigt, wie Trumps Abschiebemaschine arbeitet. Kein Wunder, dass in Deutschland eine Debatte entbrannte: Soll die Nationalmannschaft überhaupt antreten?
Die Lehren aus Katar – gelernt hat niemand
Für die WM 2022 in Katar schufteten bis zu eine Million Arbeitsmigranten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach von „massiver Ausbeutung und Entrechtung“. Und Infantino? Der stand wieder auf dem Podium und fühlte sich nicht verantwortlich. Na dann.
Saudi-Arabien 2034 – die nächste Runde im Korruptionskarussell
Die Fifa hat die WM 2034 nach Saudi-Arabien vergeben. Die Tagesschau berichtete, die Vergabe diene dazu, „das schlechte Image des Landes zu übertünchen“.
Im Land werden Frauen diskriminiert, Homosexualität steht unter Strafe, der Journalist Jamal Khashoggi wurde von einem Killerkommando ermordet.
Saudi-Arabien und die Fifa – es war ein Deal, der im Hinterzimmer ausgehandelt wurde. Reform? Chill, relax.
Unter dem Strich:
Die aktuelle WM findet in einem Land statt, in dem die Demokratie abgefackelt wird.
Vielleicht ist es das, was die Deutschen davon abhält, sich wie früher vorm Fernseher zu freuen. Nicht, weil sie den Fußball nicht mehr lieben. Sondern weil sie dem Verein nicht mehr trauen, der ihn verkauft.
Kommunen werden immer klammer
95 Prozent der Kommunen erwarten, 2026 keinen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu können. Das zeigt eine aktuelle SWR-Recherche, die 196 Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern untersuchte. Die Ursachen seien steigende Tariflöhne und rapide wachsende Sozialausgaben. Die Kommunen fordern daher mehr Geld vom Bund. Laut dem Verwaltungswissenschaftler René Geißler von der TU Wildau sei ein Ende der Krise nicht absehbar.
tagesschau.de
Ungarisches Parlament beschließt Amtszeitbegrenzung für Ministerpräsident
Das ungarische Parlament hat den ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán vom höchsten Amt ausgeschlossen. Die Abgeordneten beschlossen, die Amtszeit des Ministerpräsidenten auf acht Jahre zu begrenzen. Orbán war zuvor sechzehn Jahre Ministerpräsident. Die Initiative kam aus dem Lager von Regierungschef Péter Magyar. Im Wahlkampf hatte Magyar die Amtszeitbeschränkung zum zentralen Versprechen gemacht.
taz.de
Sozialwohnungsbau im Minus
Der Bestand an Sozialwohnungen ist im vergangenen Jahr um über 30.000 Wohnungen gesunken. Laut Bundesbauministerium seien 27.000 neue Sozialwohnungen gefördert worden, gleichzeitig fielen rund 57.500 aus der Subvention heraus. Am wenigsten günstigen Wohnraum gibt es in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Berlin und Bayern.
deutschlandfunk.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

„Daran würde das BSW zerbrechen“: Parteiinterner Streit um mögliche AfD-Mehrheitsbeschaffung
Das BSW will nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit der AfD inhaltlich zusammenarbeiten. Zwar lehnt es eine Koalition mit den Rechtsextremen ab, Ministerposten für die AfD allerdings nicht. Interne Stimmen fürchten, dass die Öffnung noch weiterreichen könnte.
correctiv.org
Berliner Konferenz mit Trump-Fans soll wieder stattfinden
Bei einer Veranstaltung in Berlin vernetzten sich in den vergangenen Jahren Trump-Fans und Orbán-Unterstützer. In den letzten Monaten wurde es still um den Organisator. Nun kündigte er an, das Event in diesem Herbst wieder zu organisieren.
correctiv.org

Wie wir alle libysche Mördertrupps finanzieren – darum geht es in dieser Fun-Facts-Folge.
funfacts.de

Cartoon-Arena

Die EU macht den Weg für Abschiebezentren in Drittstaaten frei – vertretbare Idee oder fragwürdiger Politikzirkus? Darum geht es in dieser Woche in der Cartoon-Arena. Der heutige Beitrag kommt von Henning Christiansen. Am Freitag können Sie – wie immer – abstimmen, welcher Ihr Lieblingscartoon war.
Diesen Cartoon teilen:


Nach dem Deutschland-Spiel gegen Curacao bei der Fußballweltmeisterschaft kursiert international ein Bild eines Fans, der Adolf Hitler ähneln soll. Das Bild ist gefälscht. Doch wäre so ein Auftreten rechtlich erlaubt, fragen Nutzer? Die Auflösung im Faktencheck.
correctiv.org
Endlich verständlich
Algen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie speichern CO2, stecken in Lebensmitteln und könnten bald Kraftstoff oder Plastik ersetzen. China und Indonesien führen die Produktion weltweit an, während Europa noch hinterherhinkt. Was die Alge zum aktuellen „Wundermittel“ macht, erfahren Sie hier:
dradio.de
So geht’s auch
Über 40 Festivals und Clubs erhalten jetzt Geld für Schallschutz. Der Bund stellt dafür mehr als 43 Millionen Euro bereit. Damit sollen Konflikte zwischen Clubs und Anwohnern entschärft werden. Über 130 Veranstaltungsorte hatten sich um die Förderung beworben.
wdr.de
Fundstück
Der saarländische Extremschwimmer Andreas Waschburger hat Manhattan in fünf Stunden und 32 Minuten umrundet – zwei Minuten schneller als der bisherige Rekordhalter. Die Strecke misst 46 Kilometer.
zdfheute.de
Es hat etwas von täglich grüßt das Murmeltier. Das Ergebnis des Nationalen Bildungsberichts 2026 ist wieder das gleiche: Die Herausforderungen von Digitalisierung bis gesellschaftlichem Wandel wachsen, aber das Bildungssystem kommt nicht voran. Achillesferse bleibt die Bildungsgerechtigkeit: In Deutschland hängt der Erfolg weiter von der sozialen Herkunft ab. Knapp 40 Prozent der 15-Jährigen aus den am meisten benachteiligten Elternhäusern erreichen im Lesen nur noch die unterste Kompetenzstufe, in Mathe sind es 50 Prozent.
Das ändert sich nicht, obwohl der Bildungsbericht zwischen 2024 und 2026 mehr als 350 Einzelmaßnahmen auf Landesebene und 13 auf Bundesebene zählt. Die meisten dieser Reformen setzen aber nicht bei der frühen Bildung an, sondern erst in der Schule. Bildungsgerechtigkeit entsteht jedoch vor der Einschulung. Das fängt schon damit an, dass unter Dreijährige aus sozial benachteiligten Familien besonders selten eine Kita besuchen. Die Defizite sind laut dem Bericht bei der Einschulung schon so groß, dass sie während der Schulzeit nicht nur bestehen bleiben, sondern noch weiter wachsen.
Wer als Bildungsreporterin mit Grundschulleitungen in sozialen Brennpunkten spricht, den überrascht das nicht: Viele Erstklässler haben noch nie Bauklötze gestapelt. Sie haben einen sehr kleinen Wortschatz, können sich keine Jacke anziehen oder einen Stift korrekt halten. Oft haben sie bei der Einschulung zwei Jahre Entwicklungsrückstand. Und selbst wenn eine Kita besucht wurde: Kitas in Brennpunkten haben häufig besonders große Personalprobleme und weniger qualifizierte Fachkräfte.
Der Fokus muss auf die frühe Bildung. Bildungsmäßig erfolgreiche Länder wie Japan und Estland machen das längst: Je jünger die Kinder dort sind, desto mehr investiert der Staat pro Kopf in Bildung. Außerdem bräuchte es nicht nur ein Startchancenprogramm für Schulen, sondern auch für Kitas. Ebenso wie eine Kita-Pflicht für das Jahr vor der Einschulung und verpflichtende Sprachförderung bei Defiziten. Da ist noch viel Luft nach oben. Selbst wenn bei Sprachtests vor der Einschulung Defizite festgestellt werden: Bislang verpflichtet nur die Hälfte aller Bundesländer diese Kinder zur Teilnahme an einer Fördermaßnahme.

Acht Schweizer Pensionskassen investieren 638 Millionen Franken (ca. 692 Mio. Euro) in die Rüstungsindustrie. Davon fließt mehr als ein Viertel in verbotene Waffen – also etwa Atomwaffen oder Streubomben. Rund ein Drittel geht an Unternehmen, die Überwachungtechnologien und automones Töten fördern. Das zeigt eine aktuelle CORRECTIV.Schweiz-Recherche:
correctiv.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.
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