Pension um jeden Preis
Acht Schweizer Pensionskassen investieren rund 638 Millionen Franken in die Rüstungsindustrie, darunter Atomwaffen, Streubomben oder automatisiertes Töten.
Eine üppige Pension am langen Lebensabend, für die anderswo Menschen sterben müssen: Für mindestens acht Schweizer Pensionskassen ist das kein Widerspruch, wie unsere exklusive Auswertung der Investitionen zeigt. Selbst Firmen, die verbotene Waffen produzieren, sind für einige kein Tabu. Wie kann das sein?
Generell gilt: Pensionskassen sind die grössten Investorinnen in der Schweiz. Insgesamt verwalten sie rund 1,2 Billionen Franken. Selbst mit einem Jahreseinkommen von 10 Millionen bräuchte eine Person 100’000 Jahre, um auf diesen Betrag zu kommen. Um ihren Mitgliedern eine gute Rente zu garantieren, investieren sie das Geld in Aktien, andere Wertpapiere oder in Immobilien. Je lukrativer, desto besser.
Grosse Gewinne machten in den vergangenen Jahren die Aktien von Rüstungsunternehmen. Kaum jemand verdient durch Krieg so sehr wie die Waffenindustrie. Davon profitierten auch Pensionskassen. Ob Pensionierte wirklich Renten wollen, die durch Krieg, Leid und Tod anderer generiert werden, können viele gar nicht beantworten. Denn ihre Investitionen halten die meisten Pensionskassen geheim.
Nun zeigt eine exklusive Auswertung von CORRECTIV.Schweiz, dem Konsumentenmagazin Saldo und dem WAV Recherchekollektiv, dass acht Schweizer Pensionskassen rund 638 Millionen Franken in die Rüstungsindustrie investieren. Mehr als ein Viertel fliesst dabei in Unternehmen, die mit verbotenen Waffen in Verbindung gebracht werden. Das sind Atomwaffen, Streubomben, Antipersonenminen sowie biologische und chemische Waffen.

Methodik
Für die Analyse wurden Kategorien aus mehreren Quellen zusammengestellt. Zentral war die gemeinnützige Organisation Facing Finance mit Sitz in Berlin. Sie führt Unternehmen auf, die nachweislich Rüstungsgüter in völkerrechtswidrige Konfliktgebiete liefern. Für den Überwachungsbereich wurde die Liste mit dem Global Defense Industry Index von Market Vector ergänzt.
Da diese Listen zur Analyse nicht immer ausreichend detailliert sind, wurden sie mit zusätzlichen Klassifizierungsdaten ergänzt, unter anderem vom Recherchedienstleister Profundo im sogenannten Financial Exclusion Tracker. Dieser listet Firmen, die von grossen Investoren gemieden wurden.
Unternehmen, die nur Dual-Use-Güter produzieren, sind nicht Teil der Analyse. Also Güter, die für zivile oder militärische Zwecke genutzt werden können. Für den Abgleich mit den Portfolios der verschiedenen Pensionskassen wurden drei Methoden eingesetzt: Erstens ein ISIN-basierter Abgleich für Fonds mit verwertbaren ISINs. Das sind weltweit einheitliche Seriennummern von Wertpapieren. Zweitens ein restriktiver Namensabgleich mit bereinigten Firmennamen, bei dem nur exakte Übereinstimmungen akzeptiert wurden. Drittens ein toleranter Namensabgleich, wobei diese Treffer manuell geprüft wurden.
Untersucht wurden die Pensionskassen des Bundes (Publica), der Post, der Stadt Zürich sowie die Pensionskassen der Kantone Aargau, Basel Landschaft, Genf, Graubünden und Schwyz. Sie alle legten ihre Anlagelisten offen, als wir sie per Öffentlichkeitsgesetz dazu aufforderten. So war es erstmals möglich, die Investitionen zu analysieren. Bei der Pensionskasse der Post wurde vereinbart, dass keine Einzelinvestitionen öffentlich gemacht werden. Deshalb werden in diesem Artikel keine Beispiele genannt. Andere Pensionskassen wie etwa die der Kantone Zürich, Bern oder Waadt weigerten sich vollständig, ihre Investitionen offenzulegen.
Die untersuchten Pensionskassen verwalten zusammen 144,7 Milliarden Franken. Im Vergleich dazu scheinen 638 Millionen Franken in Kriegsmaterial ein kleiner Anteil zu sein. Viel Geld ist es trotzdem.
Investitionen in verbotene Waffen
Ganz gross bei Investitionen in verbotene Waffen sind etwa die Aargauische und die Schwyzer Pensionskasse. Sie sind Aktionärinnen des französischen Rüstungs- und Technologiekonzerns Safran sowie des niederländischen Luftfahrtunternehmens Airbus. Der norwegische Staatsfonds schliesst beide Unternehmen wegen der Produktion von Atomwaffen seit 2006 aus. Er gilt international als Vorbild für nachhaltige Investitionen.
Aus denselben Gründen werden in Norwegen BAE Systems, Boeing, General Dynamics und Northrop Grumman ausgeschlossen. Auch in diese Atomwaffenhersteller investieren die Pensionskassen der Kantone Aargau und Schwyz. Dabei sind laut Kriegsmaterialgesetz direkte sowie indirekte Investitionen in geächtete Waffen wie etwa Atomwaffen verboten.
Möglich sei das durch eine Auslegungslücke, sagt die Nachhaltigkeitsexpertin Rosa Sangiorgio. Die unabhängige Beraterin war 27 Jahre lang als Portfoliomanagerin und Leiterin der Nachhaltigkeitsabteilung bei grossen internationalen Banken tätig. Darunter bei der Credit Suisse und Pictet Wealth Management. „Laut dem Kriegsmaterialgesetz ist die direkte Finanzierung, wie etwa Darlehen oder Kredite, die direkt an Waffenhersteller vergeben werden, eindeutig verboten. Indirekte Finanzierungen, wie der Besitz von Anteilen an einem Fonds, der Waffenunternehmen enthält, sind nur dann verboten, wenn die Absicht besteht, das direkte Verbot zu umgehen – das ist jedoch fast unmöglich nachzuweisen.“
Die Rüstungsunternehmen würden laut Sangiorgio selten direkt durch Kredite finanziert. „Pensionskassen beauftragen Vermögensverwalter, die ihr Kapital in ihrem Namen in Fonds anlegen. In diesen Fonds sind Rüstungsunternehmen nur eine Firma von vielen anderen. Deshalb wissen Pensionskassen oft selbst nicht, in welche Unternehmen ihr Kapital investiert ist – bis sie danach gefragt werden.“ Die Nachhaltigkeitsexpertin fordert deshalb zwingend mehr Transparenz.
Möchten Sie wissen, worin Ihre Pensionskasse investiert? Dann verlangen Sie eine Auflistung der Finanzanlagen. Die Stiftungsräte der Pensionskassen sind je hälftig aus Vertreterinnen und Vertretern der Arbeitgebenden und Angestellten zusammengesetzt. Wenden Sie sich mit unserem Musterbrief an eine Vertretung der Arbeitnehmenden.
Falls die Liste auch Rüstungsunternehmen enthält, können Sie den Stiftungsrat auffordern, diese auszuschliessen. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns die Investitionen unter schweiz@correctiv.org zusenden, um weitere Transparenz zu schaffen.
Widerspruch im Gesetz
Alle untersuchten Pensionskassen halten sich an die Ausschlussliste des Schweizer Vereins für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK). Diese bildet den kleinsten gemeinsamen Nenner der Branche ab. Zehn Jahre nach der Gründung umfasst die Ausschlussliste der SVVK 49 Unternehmen. Laut Sangiorgio sind darunter Hersteller von Waffen, die laut internationalen Übereinkommen verboten sind, wie Streumunition, Antipersonenminen und Atomwaffen in Nicht-Atomwaffenstaaten.
Hier sieht die Nachhaltigkeitsexpertin einen grundsätzlichen Widerspruch mit dem Schweizer Gesetz. „Das Kriegsmaterialgesetz verbietet unterschiedslos alle Investitionen in Atomwaffen, unabhängig vom jeweiligen Land.“ Der SVVK stütze seine Ausschlussempfehlungen jedoch auf den Atomwaffensperrvertrag, der die Herstellung von Atomwaffen durch die fünf anerkannten Atommächte erlaubt. „Das hat zur Folge, dass Investitionen in US-amerikanische, britische, französische, russische und chinesische Atomwaffenhersteller nicht zum Ausschluss empfohlen werden, obwohl das Schweizer Recht dies wörtlich vorschreibt.“
Ob die Pensionskassen die gesetzlichen Vorschriften einhalten, überprüfen die regionalen Direktaufsichten. Diese teilen schriftlich mit, wir sollten eine Anzeige einreichen, wenn wir Anzeichen hätten, dass sich eine Pensionskasse nicht an geltendes Recht halte. Ein Verstoss gegen das Kriegsmaterialgesetz einer unter ihrer Aufsicht stehenden Pensionskasse sei derzeit nicht bekannt.
Kassenschlager: Überwachung und autonomes Töten
Eine neue und äusserst profitable Sparte in der Rüstungsindustrie sind Unternehmen, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten. Laut Sangiorgio wird diese Kategorie zu wenig beachtet. „Viele Pensionskassen schliessen Unternehmen nicht aus, die auf Überwachung und autonomes Töten spezialisiert sind.“ Dafür gebe es noch keinen entsprechenden internationalen Vertrag wie etwa bei den Atomwaffen.
Eine solches Unternehmen hat ein Büro in Zürich: Der umstrittene Techkonzern Palantir aus den USA. Dank einer Software von Palantir sollen die USA laut Medienberichten in den ersten 24 Stunden des Irankriegs 1’000 Ziele getroffen haben. Palantir-Gründer Peter Thiel ist einer der wichtigsten Vordenker der autoritären Rechten in den USA und fällt mit antidemokratischen Aussagen auf. Trotzdem verzehnfachte sich der Aktienwert in den vergangenen drei Jahren zwischenzeitlich.
Alle untersuchten Pensionskassen mit Ausnahme von Genf und Graubünden investierten in Palantir. Rund 80 Millionen Franken flossen insgesamt in das Unternehmen. 209 Millionen Franken investierten alle Pensionskassen in Firmen mit Überwachungstechnologie und automatisiertem Töten.
Fraglicher Dialog mit Palantir
Autonomes oder automatisiertes Töten bedeutet, Menschen zu töten – ohne dass Menschen eine Entscheidung darüber fällen. KI revolutioniert diese Sparte. Robotersoldaten, unbemannte Drohnen sowie Landfahrzeuge erkennen selbstständig feindliche Fahrzeuge oder Menschen und schalten sie aus. Ein Verbot fordern etwa die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International oder Human Rights Watch. Sie bezweifeln, dass autonome Waffensysteme die Grundprinzipien der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts einhalten können. Zudem könne niemand zur Verantwortung gezogen werden, wenn diese Standards verletzt würden.
Mehrere Pensionskassen wie etwa die des Bundes erklärten auf Anfrage, dass mit Palantir ein Dialog der SVVK eingeleitet wurde. „Das Ziel ist, Veränderungen im Verhalten oder in der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens zu bewirken. Falls der Dialog erfolglos ist, bleibt als letztes Mittel der Ausschluss eines Unternehmens“, heisst es in einer schriftlichen Antwort.
Investitionen zum Herunterladen
Dieser Text ist Teil des Projekts „Tausend Milliarden Verantwortung“. Auf Grundlage des Öffentlichkeitsgesetzes hat das WAV Recherchekollektiv gemeinsam mit CORRECTIV.Schweiz Einsicht in die Investitionen von sämtlichen öffentlich-rechtlichen Pensionskassen verlangt. Die Ergebnisse publizierten die beiden Recherche-Organisationen gemeinsam mit jeweiligen Lokalmedien und jetzt national mit dem Konsumentenmagazin Saldo. Alle Artikel dazu sowie die Investitionen der Pensionskassen zum Herunterladen finden Sie unter diesem Link.
Sangiorgio hält den Dialog grundsätzlich für sinnvoll, sieht dabei jedoch gewisse Grenzen. Mit ihrem beträchtlichen Vermögen hätten Schweizer Pensionskassen Einfluss auf Unternehmen. „Im Fall von Palantir bewegen wir uns in einem Bereich, der über die Anforderungen des Schweizer Rechts hinausgeht. Zudem sind die Überwachungs- und militärischen Zielerfassungsaktivitäten von Palantir nicht nebensächlich, sondern ein wesentlicher und schnell wachsender Teil des Geschäfts. Es ist daher fraglich, ob ein Dialog Aktivitäten ändern kann, die derzeit legal, wirtschaftlich erfolgreich und zentral für die Wachstumsstrategie eines Unternehmens sind.“
Grösste Investitionen in konventionelle Waffen
Mit rund 261 Millionen Franken finanzieren die Pensionskassen Unternehmen, die konventionelle Waffen herstellen. Damit gemeint sind etwa Panzer, Schusswaffen oder Munition. Auch hier hat sich in den vergangenen Jahren ein grosser Gewinn abgezeichnet. Die Aktien von Elbit, einem der grössten Rüstungskonzerne Israels, haben sich in den letzten drei Jahren zwischenzeitlich mehr als verdreifacht. Davon profitierten die Pensionskassen der Stadt Zürich und des Kantons Schwyz.
In derselben Zeit stiegen die Aktien des italienischen Waffenproduzenten Leonardo bis um das Fünffache. Auch hier investieren die Zürcher und Schwyzer Pensionskassen sowie jene des Kantons Aargau. Gar um das Siebenfache erhöhte sich zwischenzeitlich der Aktienwert des deutschen Rüstungsherstellers Rheinmetall. In ihn fliesst Geld der Pensionskassen Aargau, Baselland, Schwyz und Zürich
Auf unsere Anfrage antworten die Pensionskassen unterschiedlich. Die meisten sind sich des Themas bewusst und kooperativ. Einzig die Schwyzer Pensionskasse will keine Stellung beziehen. Der Rest gibt an, sich an geltende Regeln und Normen zu halten und verbotene Waffen von den Investitionen auszuschliessen.
Die Pensionskasse Genf schreibt, sie investiere auch nicht in Kampfdrohnen, unbemannte Waffensysteme oder militärische Überwachung. Die Pensionskasse des Bundes setze seit Ende 2025 einen erweiterten Atomwaffenausschluss um. Deshalb schliesse sie weitere 118 Unternehmen aus, die in die Atomwaffenproduktion für Atommächte involviert sind.
Die Pensionskasse der Stadt Zürich schreibt auf Anfrage, Überwachungstechnologie sowie konventionelle und autonome Waffen seien nicht Teil der Ausschlusspolitik. Allerdings setze sich der Stiftungsrat aktuell mit dem Umgang mit Investitionen in Rüstungsfirmen, die ausserhalb der verbotenen Waffen tätig sind, auseinander.
Rendite ohne Waffen
Dass es auch ohne Investitionen in Rüstungsunternehmen geht, zeigt etwa die Nest Sammelstiftung. „Wir finden, in Waffen sollte nicht investiert werden, deshalb schliessen wir alle waffenproduzierenden Unternehmen und deren waffenspezifischen Zulieferer aus“, sagt Marc Novara, Leiter im Bereich Anlagen.
Die gemeinnützige Stiftung würde dabei auch kurzfristig höhere Gewinne in Kauf nehmen. „Es kann natürlich sein, dass über gewisse Zeitperioden Rendite eingebüsst wird im Vergleich zu einem Portfolio mit Waffenaktien.“ Aufgrund der breiten Diversifikation einer Pensionskasse seien solche Abweichungen jedoch kaum spürbar. „Zudem fallen über andere Zeitperioden durch die Waffenausschlüsse auch relative Gewinne an. So erzielten wir langfristig eine überdurchschnittliche Rendite.“
Tatsächlich zeigt unsere Analyse keinen Zusammenhang zwischen der Rendite der Pensionskassen und ihrer Investitionen in Rüstungsunternehmen. Die Pensionskasse des Kantons Aargau etwa investierte gut 2 Prozent ihrer Aktien in Waffen. Die Rendite aller Aktien beträgt 10,9 Prozent. Die Pensionskasse des Kantons Graubünden investierte weniger als 1 Prozent ihrer Aktien in Rüstungsunternehmen, erzielte jedoch 15 Prozent Rendite. Für Marc Novara ist das kaum überraschend: „Wenn die Investitionen in Rüstungsbetriebe nur ein bis zwei Prozent aller Aktien ausmachen, könnte auch gut darauf verzichtet werden“.
Text & Recherche: Sven Niederhäuser, Sascha Buchbinder (Saldo)
Redaktion: Marc Engelhardt
Faktencheck: Janina Bauer, Hanna Fröhlich
Datenauswertung: Osama Abdullah (WAV Recherchekollektiv), Olivier Christe (WAV Recherchekollektiv)
Bild: Ivo Mayr
Grafik: Sebastian Haupt
Kommunikation: Charlotte Liedtke
