Selenskyj soll über 80 Auslandsimmobilien besitzen? Vermeintliche Belege sind gefälscht
Eine Whistleblowerin habe Selenskyjs geheimes Immobiliennetzwerk enthüllt. Doch die Dokumente und Medienberichte erweisen sich als Fälschungen.
Faktensammlung
Seit Ende April verbreitet sich auf Facebook und X die Behauptung, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj besitze zahlreiche Immobilien außerhalb der Ukraine. Konkret heißt es, Selenskyj besitze 6 Immobilien in Spanien, 14 im Vereinigten Königreich, 21 in Frankreich, 8 in Italien und 34 in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
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In den X-Beiträgen wird dazu ein Video geteilt, in dem angeblich eine nach Europa geflohene Ermittlerin des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine, „Olena K.“, spricht. Darin soll sie ein System von Briefkastenfirmen beschreiben, über das die Immobilien angeblich erworben wurden.
Es gibt keine Hinweise darauf, dass die im Video gezeigte „Olena K.“ sowie die angeblich geleakten Dokumente wirklich existieren. Die ukrainische Antikorruptionsbehörde Nabu teilte auf Anfrage mit, dass eine Person namens Olena Krolovetska von 2015 bis 2023 als Ermittlerin bei der Behörde arbeitete, es handle sich jedoch nicht um die Person aus dem Video.
Zudem lägen keine Informationen vor, wonach aktuelle oder ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Informationen veröffentlicht hätten, die belegen, dass Selenskyj Immobilien im Ausland besitzt. Laut Medienberichten leitete Krolovetska die Ermittlungsabteilung, war aber nicht wie die angebliche „Olena K.“ Chefin der Behörde. Krolovetska selbst antwortete nicht auf unsere Anfrage. Laut ihrem Linkedin-Profil und einer Unternehmensdatenbank ist sie aktuell Partnerin einer Kanzlei in der Ukraine.
nabu.gov.ua
kyivindependent.com
youcontrol.com.ua
zivoton.wixsite.com
Eine Bilder-Rückwärtssuche ergab, dass englischsprachige Beiträge eine längere Version des Videos bereits im August 2025 teilten. Darin wird eine Quelle für die Behauptungen genannt, die in der kurzen Version fehlt: Ein Artikel des „London Telegraph.“ Dessen Lago wird am Ende des Videos lediglich kurz eingeblendet. Darüber berichteten die Faktencheck-Redaktionen der AFP und von Leadstories. Die Seite ist mittlerweile nicht mehr abrufbar, der Artikel jedoch noch im Internet Archive verfügbar.
Die AFP fand mehrere Hinweise darauf, dass die vermeintliche Nachrichtenseite „London Telegraph“ keine seriöse Quelle ist. Einige Links darauf führten demnach zu Standardprofilen des Website-Baukastens WordPress statt zu redaktionellen Informationen. Registrierungsdaten der Domain zeigen, dass die Seite erst kurz vor der Veröffentlichung des Artikels erstellt wurde.
web.archive.org
leadstories.com
factcheck.afp.com
whois.com
Logo und Design der Seite „London Telegraph“ ähneln der britischen Zeitung The Daily Telegraph, so soll offenbar Seriosität vorgetäuscht werden. Doch ein genauer Blick zeigt, dass das Autorinnenbild der angeblichen Verfasserin des Artikels über „Olena K.“ vom X-Profil der freien Journalistin Helen Brown übernommen wurde. Darüber berichtet der Daily Telegraph, für den auch Brown schreibt, in einem eigenen Artikel. Brown bezeichnete die Fälschung gegenüber der Zeitung als „verstörend“.
Behauptungen, Selenkyj habe Luxusimmobilien gekauft, kursieren schon länger. Selenskyj war tatsächlich ab 2012 in Geschäfte mit Offshore-Firmen verwickelt. Selenskyjs Berater Serhij Schefir, der auch in dem Ursprungsvideo erwähnt wird, und ein weiterer Geschäftspartner von Selenskyj kauften über die Offshore-Firmen für mehrere Millionen drei Wohnungen in London.
Der X-Account Medienfuzzi, der das Video vermutlich zuerst auf Deutsch verbreitete, antwortete inhaltlich nicht auf unsere Fragen.
Kontext: Die Methode, gefälschte Nachrichtenseiten als seriöse Medien auszugeben oder deren Erscheinungsbild nachzuahmen, ähnelt der russischen Desinformationskampagne „Storm-1516“, über die CORRECTIV.Faktencheck im Januar 2025 berichtete. Die Artikel sollen die Glaubwürdigkeit der gefälschten Videos erhöhen. Schon mehrfach wurden darin ähnliche Falschbehauptungen über Wolodymyr Selenskyj verbreitet.
correctiv.org
correctiv.org
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Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Anna Süß; Redigatur: Matthias Bau
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