Europa brennt
In Frankreich wurden 12.000 Menschen evakuiert, auch in Spanien und in Italien toben verheerende Waldbrände.

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
wir Leute in den Medien interessieren uns meistens erst dann so richtig für ein Thema, wenn es uns selbst betrifft. Wahrscheinlich geht es uns damit ähnlich wie Ihnen beim Lesen von Nachrichten. Ich jedenfalls fahre am Wochenende in den Urlaub, wie jedes Jahr nach Südfrankreich, freue mich schon seit Wochen wie Bolle auf die Auszeit – und las nun heute morgen diese Nachricht:
In der Nähe von Bordeaux wurden wegen Waldbränden in der vergangenen Nacht 12.000 Menschen evakuiert. 20 Quadratkilometer Land verbrannten dort schon, und bei Löscharbeiten nahe des Flughafens starben zwei Feuerwehrleute.
Uff. Dorthin, also ganz in die Nähe des Unglücksorts, fahren wir jetzt in den Urlaub? Vielleicht stecken auch Sie gerade in einer solchen Zwickmühle? Schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.
Passend zu den KI-News dieser Woche gibt es heute ein neues Video aus unserer Interview-Reihe – diesmal mit Netzpionier Markus Beckedahl: „Übernimmt künstliche Intelligenz die Kontrolle oder können wir sie so einsetzen, dass sie der Gesellschaft dient?“

Und dann noch ein Hinweis auf die „Leserfrage der Woche“, die wir heute wieder beantworten. Diesmal geht’s darum: Kann man volksverhetzenden Politikern das passive Wahlrecht entziehen – kann man ihnen also verbieten, gewählt zu werden? Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!
Thema des Tages: Europa brennt
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wer killt die deutsche Wirtschaft?
Faktencheck: Video zeigt kein Schreddern von AfD-Stimmen, sondern gefälschte Briefwahlunterlagen
CORRECTIV ganz persönlich: Schafe als Waldbrand-Prävention
Grafik des Tages: Klima-Fußabdruck: So viel flog Fifa-Chef Infantino während der WM
Eigentlich ist es keine große Überraschung, dass im Südwesten Frankreichs nun wieder die Wälder brennen. Vor drei Jahren war ich schon einmal mit meiner Familie in Bordeaux im Urlaub, es war durchgängig um die 40 Grad heiß, die Böden waren trocken – und nur einige Kilometer entfernt tobten auch damals Waldbrände.
Wieso, frage ich mich rückblickend, haben wir trotzdem wieder dort gebucht? Denn schließlich fühlt es sich überhaupt nicht richtig an, dort Urlaub zu machen, wo Menschen gerade um ihre Existenz kämpfen und andere im Kampf gegen die Naturkatastrophe gestorben sind.
Was gerade los ist:
In der Nähe des Beckens von Arcachon, südwestlich von Bordeaux, brach das Feuer gestern aus. Es breitete sich extrem schnell aus: Wie gesagt, 20 Quadratkilometer Wald sind seither schon verbrannt. Das entspricht einer Fläche von 2.800 Fußballfeldern. Oder fast einem Prozent der Fläche des Saarlandes.
Es brennt aber auch an vielen anderen Orten:
In Spanien toben seit Tagen Feuer südwestlich von Madrid – und der Feuerwehr gelingt es bisher nicht, sie unter Kontrolle zu bekommen.
Auch rund 100 Kilometer weiter nördlich brachen in den vergangenen Tagen Feuer aus – und hier sind die Dimensionen noch einmal deutlich drastischer als bisher in Frankreich: Umgerechnet 36.000 Fußballfelder Land verbrannten Stand gestern, die Behörden sprechen von einem zuvor nicht gekannten Ausmaß.
Und in Italien sind derzeit vor allem die Inseln Sizilien und Sardinien betroffen. Auch dort, unter anderem nahe Palermo, mussten schon Menschen aus ihren Häusern evakuiert werden.

Wenn Sie ein bisschen Zeit haben …
… und sich selbst einen Überblick verschaffen möchten, empfehle ich Ihnen einen Blick in die offiziellen Datenbanken des European Forest Fire Information System (EFFIS). Dort kann man sich in Grafiken darstellen lassen, wie viel Prozent der Fläche eines Landes im Durchschnitt der vergangenen Jahre Waldbränden zum Opfer gefallen sind.
Eines der am schlimmsten getroffenen Länder ist demnach Portugal: Dort brannten im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre jedes Jahr fast 1,2 Prozent der Landesfläche nieder. Allein im vergangenen Jahr gab es dort 200 Waldbrände. Und in Spanien sogar 350.
Auf dem EFFIS-Portal gibt es auch die Möglichkeit, sich die derzeitigen Waldbrände per Satellitenbild anzeigen zu lassen – und sich so einen Überblick zu verschaffen.

Was tun als Urlauber?
Natürlich fühlt es sich erstmal völlig unangemessen an, sich angesichts des Leids der Betroffenen und der Umweltzerstörung Gedanken über den eigenen Urlaub zu machen. Andererseits ist es ja ein handfestes Problem, wenn man nun Urlaub gebucht hat und nicht weiß, ob man ihn nun antreten kann oder will.
Die Süddeutsche Zeitung gibt aktuell nutzwertige Hinweise dazu.
Und was tun als Regierung?
Wir können ja nicht einfach immer weiter zuschauen, wie jedes Jahr in Südeuropa ein Prozent der Fläche verbrennt. Das ist den Verantwortlichen überwiegend auch klar. Deshalb gibt es dort eine Reihe von Maßnahmen – um künftig bestenfalls zu verhindern, dass sich Waldbrände weiterhin so schnell ausbreiten beziehungsweise so schlecht unter Kontrolle bringen lassen.
Bei Letzterem wurden zum Beispiel bei uns in Deutschland zuletzt Defizite deutlich: Als es kürzlich im Müritz-Nationalpark in Mecklenburg-Vorpommern brannte, liefen die Löscharbeiten gar nicht gut – sagt ein Fachmann in diesem Spiegel-Interview.
Eine ganz konkrete Idee, um die Ausdehnung von Waldbränden auf natürliche Weise aufzuhalten, beschreibt unsere Klima-Reporterin Elena Kolb heute in der Rubrik „Ganz persönlich“. Spoiler: Schafe spielen dabei eine Rolle.
Bund ermöglicht mehr Abschiebungen nach Afghanistan – trotz Taliban-Herrschaft
Der Bund hat die rechtlichen Hürden für Abschiebungen nach Afghanistan deutlich gesenkt. Künftig sollen nicht mehr nur Straftäter, sondern auch Personen ohne Vorstrafen abgeschoben werden. Der Flüchtlingsrat und die Linke kritisieren das Vorgehen.
fr.de/zeit.de
Außenministertreffen zwischen USA und Russland
US-Außenminister Marco Rubio ist persönlich mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Manila zusammengekommen. Thema sei die Ukraine gewesen. Lawrow habe Russlands Bereitschaft zu einer politischen und diplomatischen Lösung bekräftigt – obwohl Staatschef Putin eine solche bislang blockiert. Die EU verständigte sich abseits davon auf ein neues Sanktionspaket gegen Russland.
tagesschau.de
Fabrik in Lingen produziert mit russischer Beteiligung
Eine Fabrik in Lingen darf künftig Brennelemente russischen Typs produzieren. Das entschied das niedersächsische Umweltministerium. Der russische Staatskonzern Rosatom ist indirekt an der Produktion beteiligt. Selbst der niedersächsische Umweltminister kritisierte die Entscheidung, doch das Land konnte den Antrag nicht ablehnen, da kein ausreichendes Risiko für Spionage oder Sabotage gegeben sei.
spiegel.de

Warum das Verschwinden von Insekten auch unser Überleben bedroht – und weshalb Friedrich Merz’ Wirtschaftspolitik unsere Lebensgrundlagen gefährden könnte. Darum geht es in dieser Fun-Facts-Folge mit Robinga Schnögelrögel.
tube.funfacts.de

Leserfrage der Woche

Leser Manfred H. fragt: „Könnte man volksverhetzenden Politikern nicht einfach das passive Wahlrecht entziehen?“ Hierzu gibt es tatsächlich ein Gesetzesvorhaben der Bundesregierung. Wir haben uns beim Bundesjustizministerium nach dem Stand der Dinge erkundigt.
Zunächst einmal bedeutet der Entzug des passiven Wahlrechts: Diese Personen könnten dann nicht mehr in bestimmte Ämter – zum Beispiel als Bundestagsabgeordnete – gewählt werden. Besonders am Beispiel des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke kommt diese Frage immer wieder auf. Die Idee: Statt eine ganze Partei zu verbieten, sollten besonders extreme Kandidierende von Ämtern ferngehalten werden.
Im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, dass Personen, die mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt wurden, das passive Wahlrecht verlieren sollen. Im November 2025 legte das Justizministerium von Stefanie Hubig (SPD) dann einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor, der sogar noch einen Schritt weitergeht. Dort ist keine mehrfache Verurteilung mehr vorgesehen, sondern Gerichte sollen das passive Wahlrecht ab einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe wegen Volksverhetzung aberkennen können.
Der Entwurf befindet sich nun im typischen Verlauf einer Gesetzgebung. Dazu gehört auch die Stellungnahme von Spitzenverbänden, die bereits erfolgt ist. Dort gab es durchaus Bedenken von Rechtsfachleuten, dass die Hürden für den Entzug vielleicht zu stark gesenkt würden. (Mehr kritische Perspektiven zu dem Vorhaben finden Sie hier.)
Im nächsten Schritt muss sich das Kabinett einigen und einen gemeinsamen Entwurf in den Bundestag einbringen. Zum Stand schrieb uns das Bundesjustizministerium: Der „Gesetzentwurf befindet sich derzeit noch in der regierungsinternen Abstimmung und soll möglichst noch im Sommer im Kabinett beschlossen werden.“
Übrigens: Björn Höcke wäre von dem Gesetz bislang nicht betroffen, er wurde noch nicht wegen Volksverhetzung verurteilt.

Im Vorfeld der Landtagswahlen im September kursiert ein Video auf Facebook, das Wahlbetrug zu Lasten der AfD zeigen soll. Warum das nicht stimmt, erklären wir im Faktencheck.
correctiv.org
Endlich verständlich
Seit dem Machtwechsel 2024 in Syrien sind erst wenige tausend Syrerinnen und Syrer in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Bundesregierung will die freiwillige Rückkehr attraktiver machen – nach dem Prinzip: Geld gegen Ausreise. Welche Kritik es daran gibt und was die Regierung sich davon verspricht, lesen Sie hier.
deutschlandfunk.de
So geht’s auch
Paris kühlt seit Jahren Museen, Büros, Krankenhäuser und Schulen mit Wasser aus der Seine. Dieses Fernkältesystem soll nun wachsen. Die Methode: Kaltes Wasser wird aus der Seine entnommen, zusätzlich gekühlt und über ein Netz verteilt. Bis 2042 will Paris das Netz verdreifachen und damit mehr Gebäude der kritischen Infrastruktur wie Krankenhäuser und Altersheime erreichen.
utopia.de
Fundstück
In Deutschland gibt es wieder deutlich mehr Störche. Der Nabu schätzt die Zahl auf 15.000 Paare – fünfmal so viele wie in den 80er Jahren. Ein Grund: Die Störche fliegen nicht mehr so weit. Statt nach Afrika zu ziehen, überwintern sie in Spanien. Der kürzere Weg ist sicherer. Heute leben Störche wieder in allen Bundesländern – das war nicht immer so.
wdrmedien.net (Audio)
Die Bilder der Waldbränden in Spanien und Frankreich, über die meine Kollegin Anette Dowideit heute hier schreibt, sind schockierend. Solche Nachrichten können ganz schön deprimierend sein.
Deshalb will ich hier an Lösungen denken. Ich habe ein amüsantes Projekt im Kopf: Künftig könnten Schafherden der Feuerwehr im Kampf gegen Waldbrände zur Seite stehen.
In Beelitz, Brandenburg, testen Fachleute gerade diese Idee: Sie schicken Schafe in abgesteckte Feuerschutzstreifen im Wald – natürlich nur, wenn es nicht brennt. Die Tiere fressen dann Sträucher und Moose ab, nehmen dem Feuer also die Nahrung. Im Ernstfall breiten sich Flammen dann langsamer aus.
Natürlich bleibt diese Maßnahme nur ein Baustein unter vielen – etwa dem Umbau unserer Wälder zu klimaresilienten Mischwäldern oder einer besseren Ausstattung der Feuerwehr. Trotzdem hoffe ich, dass Sie bei dem Gedanken an die Schafs-Feuerwehr kurz schmunzeln und weiterhin gut durch den Sommer kommen – in diesen angespannten Zeiten.

Klimatischer Fußabdruck: Wie viel flog der Fifa-Chef zur vergangenen Fußball-WM? Der Business-Insider hat es ausgerechnet.
businessinsider.com
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.
CORRECTIV arbeitet anders
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