Neue Rechte

Marschieren, inszenieren, kassieren: Identitäre produzieren Bilder für Siegmunds Wahlkampf

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund braucht Fotos und Videos für seine Inszenierung als freundlicher Kumpel-Typ. Die Bilder liefern rechtsextreme Aktivisten, die so von der AfD Geld kassieren – aber auf Ceuta auch gerne mal „Remigration“-Banner ausrollen.

von Martin Böhmer

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Inszeniert sich gerne vor der Kamera: Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Foto: picture alliance/dpa | Peter Gercke

  • Der Wahlkampf von Ulrich Siegmund ist auch ein Wahlkampf der Bilder, um den Spitzenkandidaten der rechtsextremen AfD Sachsen-Anhalt als volksnahen, sympathischen Kumpel-Typ erscheinen zu lassen.
  • Videos und Fotos für Siegmunds Wahlkampf produziert das sogenannte „Filmkunstkollektiv“ – eine Gruppe, deren Kamera-Leute aus der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ und anderen Gruppen stammen.
  • Über die Aufträge fließt Geld von der Partei ins rechtsextreme Vorfeld, was den Aktivisten neue Möglichkeiten gibt: Filmen für die AfD an einem Tag, „Remigration“-Banner auf Ceuta ausrollen an einem anderen.

Ulrich Siegmund rollt in dem Video mit seinem Moped über die Straße. Dem AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt folgen hunderte AfD-Fans auf ihren Simsons. Der Sound: Epischer Elektro und Zweitakter-Motoren. „Jetzt geht’s richtig los“, sagt Siegmund. Und: „Guckt euch diese Bilder an.“

Diese Bilder, das sind Teile von Siegmunds Wahlkampf-Inszenierung, die ihn ins rechte Licht rücken und ihn als freundlichen, volksnahen Politiker zeigen sollen. Die Strategie als freundliches Gesicht der AfD stellte er bereits beim Geheimtreffen in Potsdam vor.

Aktivisten aus dem „Filmkunstkollektiv“ filmen die AfD Sachsen-Anhalt bei der Mopedausfahrt, Spitzenkandidat Ulrich Siegmund lacht auf einem Bild und fährt an der Moped-Kolonne voran.
Aktivisten aus dem „Filmkunstkollektiv“ filmen die AfD Sachsen-Anhalt bei der Mopedausfahrt, Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wird die Fotos und Videos später auf seinen Social-Media-Kanälen verbreiten. Foto: X @filmkvnst / Screenshot CORRECTIV

Produziert werden diese Bilder vom „Filmkunstkollektiv“. Hinter dem Verein stecken Aktivistinnen und Aktivisten aus dem rechtsextremen Vorfeld wie der „Identitären Bewegung“ (IB). Sie marschieren selbst bei Demonstrationen, inszenieren Partei und den rechtsextremen Kampf. Und über die Aufträge aus der AfD Sachsen-Anhalt kassieren sie Geld für diese Kämpfe – obwohl die AfD auf dem Papier die Zusammenarbeit mit der IB untersagt.

Jahrelange Verbindung: Auch Ulrich Siegmund setzt auf identitäres Medien-Team „Filmkunstkollektiv“

Die Kamera-Leute aus dem „Filmkunstkollektiv“ begleiten Siegmund und die AfD seit Jahren. Sie sind dabei, wenn sich die AfD-Landtagsabgeordnete Lena Kotré mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner zum „Remigration“-Talk trifft, AfD-Chefin Alice Weidel und FPÖ-Chef Herbert Kickl Interviews geben oder Björn Höcke einen 100-minütigen Image-Film braucht. Auf den Accounts von AfD-Politikern wimmelt es von Verbindungen zum „Filmkunstkollektiv“. Kurz: Die Aktivisten haben sich etabliert.

„Das ‚Filmkunstkollektiv‘ ist eine rechtsextreme Propagandafabrik“, sagt der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje, der die AfD und ihre Kommunikation seit Jahren beobachtet. „Der Verein steht beispielhaft für die Professionalisierung der PR- und Medienarbeit der rechtsextremen Szene.“

lrich Siegmund steht beim Wahlkampfauftakt der AfD Sachsen-Anhalt auf der Bühne, gefilmt wird er von Aktivisten wie Simon K. (2.v.l.), dem Leiter des „Filmkunstkollektiv“.
Ulrich Siegmund steht beim Wahlkampfauftakt der AfD Sachsen-Anhalt auf der Bühne, gefilmt wird er von Aktivisten wie Simon K. (2.v.l.), dem Leiter des „Filmkunstkollektiv“. Foto: X @dersimonkaupert / Screenshot CORRECTIV

In Sachsen-Anhalt dokumentieren sie Siegmunds Moped-Ausfahrten, den Wahlkampf-Auftakt mit Alice Weidel in Magdeburg oder den Landesparteitag. Daraus entstehen hochwertige Fotos und Videos, die AfD und Politiker wiederum auf ihren Kanälen verbreiten. 

Spitzenkandidat Siegmund braucht die Bilder auch für seine hunderttausenden Follower in Sozialen Netzwerken. Sie zeigen ihn strahlend auf dem Moped oder als umjubelten Macher bei Wahlkampf-Events. Dass sich die Gründerfamilie von Moped-Hersteller Simson gegen die AfD-Inszenierung stellt, ist Siegmund offenbar egal. „Die Medienschaffenden vom Filmkunstkollektiv sind Siegmunds Hofpropagandisten. Sie sind sein persönliches Kamerateam im Wahlkampf“, sagt Kommunikations-Berater Hillje. 

Genau deswegen ist Siegmund voll des Lobes für das Medien-Team: „Kann ich nur empfehlen. Das Filmkunstkollektiv macht eine hervorragende Arbeit. Schauen Sie mal meine Videos an, das ist wirklich eine Kunst, die dahintersteckt.“ Dass es Aktivisten aus dem rechtsextremen Vorfeld sind, wischt Siegmund weg: „Wir machen doch keine Gesinnungsprüfung.“

Filmen für die AfD – Marschieren für die IB

Der genauere Blick lohnt sich, da viele der Kamera-Leute nicht nur hinter der Kamera stehen, sondern selbst im rechtsextremen Vorfeld aktiv sind. Und die Aktivistinnen und Aktivisten sind bestens vernetzt in der sogenannten Neuen Rechte.

Gegründet wurde das „Filmkunstkollektiv“ 2021, sein Sitz wird in Chemnitz in einem bekannten Haus der „Identitären Bewegung“ angegeben. Neben Aktivitäten für die AfD und IB ist das „Filmkunstkollektiv“ auch mit dem formell aufgelösten „Institut für Staatspolitik“, der rechtsextremen Denkfabrik des Verlegers Götz Kubitschek in Schnellroda und dem Kampagnen-Netzwerk „EinProzent“ verzahnt.

Der frühere Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang sagte schon 2023 über beide: „Die Positionen des ‚Institut für Staatspolitik‘ und ‚Ein Prozent e.V.‘ sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.“

Die „Identitäre Bewegung Deutschland“ (IBD) ist eine aktivistische
Jugendbewegung, die mit Aktionen und Kampagnen gegen eine
angeblich „stattfindende Ersetzungsmigration“ (auch „Bevölkerungs-
austausch“) agitiert. Mit ihrer ausgewiesenen Kernforderung „Remi-
gration“ soll eine größtmögliche „ethnokulturelle“ Homogenität
hergestellt werden.

Die von ihr vertretenen Positionen zielen letztlich
darauf ab, Menschen mit außereuropäischer Herkunft von demokra-
tischer Teilhabe auszuschließen und sie in einer ihre Menschenwürde
verletzenden Weise zu diskriminieren. Für die IBD existiert Kultur nur
in einer dauerhaften Verknüpfung mit einer Ethnie („Ethnopluralis-
mus“). Menschen ohne gleiche ethnische Voraussetzungen können aus
Sicht der IBD somit niemals Teil einer gemeinsamen Kultur sein.

Quelle: Verfassungsschutzbericht 2025 (Bund)

Es ist ein System, das sich gegenseitig befeuert und unterstützt – von rechtsextremen Ideologien, über Finanzierung bis Bilder für Social Media. Wie viele Personen vor und hinter der Kamera genau für das „Filmkunstkollektiv“ aktiv sind, ist unklar. Drei Aktivisten exemplarisch in Kürze vorgestellt:

Simon K. – Der Kopf der Gruppe ist seit Jahren im rechtsextremen Vorfeld aktiv. So nahm K. bereits 2015 an einem Jugendlager der „Jungen Nationalisten“, der Nachwuchsorganisation der rechtsextremen Partei „Die Heimat“ (früher NPD), teil. Danach war er für das rechtsextreme Kampagnen-Netzwerk „EinProzent“ und die „Identitäre Bewegung“ aktiv, sowie für den Würzburger Ableger der „PeGiDa“. 2021 wurde er Vorsitzender des „Filmkunstkollektiv“.

Am 26. Juli 2025 fand in Wien eine Demonstration der rechtsextremen Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) statt. An dem Aufmarsch beteiligten sich nach unterschiedlichen Schätzungen rund 200 bis 400 Personen. Unter den Teilnehmenden waren auch Rechtsextreme aus Deutschland und weiteren europäischen Ländern. Zudem waren Personen aus dem Umfeld der AfD vor Ort. Die Demonstration führte vom Dr.-Karl-Lueger-Platz durch die Wiener Innenstadt. Vor Ort (Bildmitte) war auch der deutsche rechtsextreme Aktivist Dennis Braun, der unter dem Pseudonym "Arminius" oder "ArminusDD" in Erscheinung tritt.
Simon K. (Mitte), Kopf des „Filmkunstkollektiv“, nimmt Ende Juli 2025 an einer Demonstration der „Identitären Bewegung“ in Wien teil. Er zeigt eine Geste, die für „White Power“ steht. Foto: RechercheNord

Dennis B. / ArminiusDD – Der Aktivist der „Identitären Bewegung“ marschiert auch selbst bei Demonstrationen mit und beteiligt sich an Aktionen. So reiste er etwa mit anderen Identitären wie Martin Sellner Anfang August nach Ceuta, um dort „Remigration“-Banner auszurollen. In Sachsen-Anhalt begleitet er AfD-Mann Siegmund bei Events und ist nach eigenen Aussagen sogar von Bayern nach Sachsen-Anhalt umgezogen.

Jannis G. – Der Aktivist hat seine Wurzeln auch in der „Identitären Bewegung“, nahm etwa an einem „Bundeslager“ der Gruppe teil. Weil er mit anderen Identitären ein „Remigration“-Banner auf einem Schwimmbad ausrollte, wurde er verurteilt. George arbeitet für die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum, erhielt aber keinen Hausausweis, weil er die Sicherheitsprüfung nicht bestand. In Sachsen-Anhalt begleitete er Siegmund mehrfach mit der Kamera.

Kameramann und IB-Aktivist Jannis G. im Gespräch mit Ulrich Siegmund bei der Listenaufstellung der AfD Sachsen-Anhalt.
Screenshot von Instagram: Kameramann und IB-Aktivist Jannis G. im Gespräch mit Ulrich Siegmund bei der Listenaufstellung der AfD Sachsen-Anhalt. Foto: Instagram @filmkunstkollektiv / Screenshot CORRECTIV

Welchen Einfluss das „Filmkunstkollektiv“ mittlerweile hat, zeigt sich nicht nur an den Produktionen für die AfD, sondern auch beim „Remigration Summit 2026“. Bei der zweiten Auflage des internationalen Vernetzungstreffens der rechtsextremen Szene Ende Mai, diesmal in Portugal, trat das „Filmkunstkollektiv“ mit mindestens sieben Leuten als Medien-Team mit High-Tech-Ausrüstung auf.

Dort inszenierte sich die Neue Rechte als starke Gemeinschaft. Mitorganisiert hatte das Treffen Martin Sellner, von der AfD war der frühere Bundesvorstand Kay Gottschalk und sein Nachfolger Sven Tritschler vor Ort. Star-Gast für die Rechtsextremisten: Greg Bovino, ehemaliger Einsatzleiter der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE, Beiname „Gestapo Greg“. Die Bilder der Vernetzung, die Aktivisten so dringend für Social-Media-Kanäle benötigten, produzierte das „Filmkunstkollektiv“.

Von Partei zu Vorfeld: Wie viel Geld fließt von der AfD zum „Filmkunstkollektiv“?

Dass die AfD Sachsen-Anhalt wenig Berührungsängste mit den Aktivisten des „Filmkunstkollektiv“ hat, überrascht nicht. Schließlich stuft der Landesverfassungsschutz den AfD-Landesverband selbst als „gesichert rechtsextremistisch“ ein. 

Das „Filmkunstkollektiv“ schreibt, es würde keine Aufträge annehmen, Medienaktivisten ehrenamtlich oder auf eigene Rechnung arbeiten. Doch CORRECTIV erfuhr aus AfD-Kreisen und von AfD-Beobachtern, dass bei Aufträgen auch Geld von der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt zum „Filmkunstkollektiv“ und seine Aktivisten fließt. So variierten Aufträge zwischen 5.000 und bis zu 30.000 Euro je nach Größe der Veranstaltung, berichtet ein AfD-Insider, der anonym bleiben will. Es ist eine direkte Zusammenarbeit zwischen Partei und rechtsextremem Vorfeld – auch finanziell.

Wofür die Fraktionen ihr Geld einsetzen, ist eine ziemliche Blackbox. Zwar müssen Fraktionen jährlich in einem Rechenschaftsbericht offenlegen, welche Einnahmen und Ausgaben sie hatten – etwa das Gehalt von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aber einzelne Ausgaben – wie Aufträge an Medien-Teams – müssen nicht separat gemeldet werden und können in Oberkategorien wie „Ausgaben für Öffentlichkeitsarbeit“ oder „Ausgaben für Veranstaltungen oder für die Zusammenarbeit mit Fraktionen anderer Parlamente“ versickern. Kurz: Die AfD-Fraktion hat de facto freie Hand, wen sie beauftragt.

„Siegmunds Bekanntheit beruht auf seiner Social-Media-Reichweite“

Im Rechenschaftsbericht für das Jahr 2024 führt die AfD Sachsen-Anhalt auch zahlreiche Kameras, Objektive und weiteres Film-Zubehör für tausende Euro auf. Wofür die Ausrüstung angeschafft und eingesetzt wurde, und ob Teile des Film-Equipments auch an das „Filmkunstkollektiv“ gingen, dazu schweigt die AfD Sachsen-Anhalt auf CORRECTIV-Nachfrage.

Wer Aufträge bekommt, regelt Fraktionsgeschäftsführer und Pressesprecher Patrick Harr. Er gilt als Macher in der AfD-Fraktion. Und das, obwohl er früher der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation „Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ)“ angehörte. Bei der HDJ aktiv war außerdem auch „Filmkunstkollektiv“-Gründungsmitglied Dirk N. Ob sie sich über die HDJ kennen oder sogar Aufträge für das Medien-Team so zustande kamen, kommentiert Harr gegenüber CORRECTIV ebenfalls nicht.

Wenn am 6. September in Sachsen-Anhalt gewählt wird, werden auch die Bilder vom „Filmkunstkollektiv“ dem AfD-Spitzenkandidaten geholfen haben. „Nahezu jeder Wahlkampftermin von Siegmund ist auf die Verwertung auf Social Media ausgelegt“, sagt Kommunikationsberater Hillje. „Auch wenn an Siegmunds Simson-Ausfahrten gar nicht so viele Menschen teilnehmen, sieht es in den Videoclips nach großen Massen aus. Siegmunds Bekanntheit beruht auf seiner Social-Media-Reichweite.“ Und genau so hat er Wirkung: Als freundliches Gesicht für gesichert rechtsextremistische Politik.

Mitarbeit: Lena Köpsell
Redaktion: Elena Müller, Lena Köpsell, Anette Dowideit
Faktencheck: Elena Müller