Deutschlands kranke Seele

Die Politik kürzt kräftig Ausgaben für Psychotherapie. Wir haben zusammengetragen: Was kostet uns dieser Sparkurs?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

seit Monaten erreichen mich immer wieder Leserinnen- und Leser-Mails. Die Leute schreiben, sie seien besorgt, weil die Bundesregierung so stark an Psychotherapie sparen will – wo es doch zuvor schon immer hieß, Deutschland sei seelisch unterversorgt. Unsere Reporterin Karolin Arnold hat deshalb zusammengetragen: Was kostet uns dieser Sparkurs als Land wirklich? Und SPOTLIGHT-Chef Sebastian Haupt hat eindrückliche Grafiken zu dieser Frage zusammengestellt. Heute das Thema des Tages.

Morgen könnte es in der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika wieder brenzlig werden – in Sozialen Netzwerken wird seit Tagen zu einem neuen organisierten Marsch aufgerufen. Unser Reporter Max Bernhard berichtet von vor Ort, wie die Lage ist. 

Gestern hatte ich Sie gefragt: Können Sie verstehen, dass Menschen etwas gegen Windkraft haben? Viele haben mir geschrieben – kaum jemand hat Verständnis dafür geäußert. Petra M. meint, die Ablehnung liege an fehlendem Wissen, und Reinhold M. äußert die Vermutung, dieses Fehlwissen werde von der fossilen Lobby verbreitet. Michaila K. dagegen schreibt, hinter der Ablehnung stecke oft eher, dass die Grundbesitzer in den Gemeinden sich am Ende übers Geld zerstreiten würden. Ein paar Leser schreiben aber auch von Sorgen, Windräder würden Vögel schreddern und die Luft austrocknen, was die Böden trockener mache. Ich finde dieses differenzierte Interview dazu mit einer Ingenieurin lesenswert.

Jetzt noch ein Hinweis: Fun Facts ist derzeit auf Sommer-Tournee durch Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern! Es gibt noch Tickets für einige der Abende. Wenn Sie Lust haben, hier entlang. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende – und schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Deutschlands kranke Seele

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Wie die Grenze von Ceuta dichtgemacht wird • Sprengstoffdrohne in Leipzig: Alles deutet nach Moskau

Faktencheck: Gerüchtekiller #6: Stechen Mücken bevorzugt Menschen mit süßem Blut?

Gute Sache(n): Aus für betreutes Trinken • Kritik an Geheimdienst-Reform erklärt • Gerade gerückt: Streit um Schwimmbecken der Volksbühne eingeordnet

CORRECTIV ganz persönlich: Wenn das Duschen zum Luxus wird

Grafik des Tages: Sonnenfinsternis – Zulauf bei Augenärzten

Der aktuelle Stand der Auseinandersetzung:
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung reichte nach der Entscheidung im März Klage ein. Ein Gericht stoppte die Honorarkürzungen vorerst. 

Circa vier Monate später, im Juli, wurde dann aber auch noch vom Bundestag das sogenannte Beitragsstabilisierungsgesetz für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) beschlossen. Es sieht weitere Sparmaßnahmen für die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vor. 

Die Fakten:
Wer psychisch krank ist, muss oft lange auf einen Therapieplatz warten. Die Bundespsychotherapeutenkammer errechnete für das Jahr 2019,  dass zwischen Erstgespräch und Therapiebeginn im Schnitt rund fünf Monate liegen. Und auf dem Land wartet man deutlich länger als in Großstädten.

Alle relevanten Infos dazu stehen in unserem heute veröffentlichten Text.

Teilnehmer einer Kundgebung des Aktionsbündnisses Psychotherapie demonstrieren am Gesundheitsministerium gegen die Kürzungen der Honorare ambulanter Psychotherapeuten.

Wozu der Mangel führt:
Karolin Arnold hat sich angeschaut, was der Therapie-Mangel für unsere Wirtschaftskraft bedeutet. Schließlich betont Bundeskanzler Friedrich Merz häufig, der Standort Deutschland müsse wieder gestärkt werden – und dafür müssten wir mehr arbeiten. Aber: Arbeiten kann man ja nur, wenn man gesund ist. 

Nun sind aber psychische Erkrankungen unter den drei häufigsten Ursachen für den Ausfall von Arbeitnehmenden. Nur Erkrankungen am Atemsystem sind noch häufiger Ursache für Arbeitsausfall. Und der Anteil der psychischen Erkrankungen als Ursache nimmt zu: Im ersten Halbjahr 2026 waren psychische Krankheiten sogar der häufigste Grund.

Psychische Erkrankungen sind übrigens – zumindest im Jahr 2024, aus dem es beispielhafte Berechnungen gibt – mit 42 Prozent die häufigste Ursache für Erwerbsminderungsrenten. Diese können Arbeitnehmende aus gesundheitlichen Gründen in Anspruch nehmen und somit früher in Rente gehen. 

Und jetzt?
Reporterin Karolin Arnold hat mit einem Gesundheitsökonomen darüber gesprochen, wie sich das System denn sinnvoller reformieren ließe als einfach durch sparen. Er sagt: durch eine klügere Steuerung der Patientinnen und Patienten. Ausführlicher können Sie das im Text auf unserer Webseite nachlesen.

Waldbrände in mehreren Bundesländern
In mehreren Bundesländern kämpfen Einsatzkräfte gegen Waldbrände. In Sachsen-Anhalt sind rund 250 Feuerwehrleute und ein Löschflugzeug im Einsatz. In Nordrhein-Westfalen wurde ein Ortsteil mit 1.800 Einwohnern evakuiert. Auch in Sachsen, im Saarland und in Rheinland-Pfalz brennt es einigenorts.
deutschlandfunk.de

Wie die Grenze von Ceuta dichtgemacht wird
In den Tagen seit der Massenüberquerung hat Marokko die Absicherung an der Grenze deutlich verstärkt. Geflüchtete und Anwohner in der spanischen Exklave Ceuta bezweifeln deshalb, dass es am Samstag zu einem erneuten Versuch kommen könnte – obwohl entsprechende Aufrufe in Sozialen Netzwerken kursieren.
correctiv.org

Foto: u_9cv22p8noy / Pixabay

Endlich verständlich
An der geplanten Geheimdienstreform von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) gibt es scharfe Kritik. Denn sie soll die bisherige Trennung zwischen Polizei und Geheimdiensten lockern. Diese Trennung ist der Erfahrung aus der NS-Zeit geschuldet – und sollte dem Missbrauch staatlicher Gewalt vorbeugen. Was hinter Reform und Kritik steht, fasst dieser CORRECTIV-Instagram-Beitrag zusammen:
instagram.com (kein Account nötig)

Fundstück
Das Pop-Up-Schwimmbecken an der Volksbühne erhitzt seit einiger Zeit die Gemüter in Berlin. Zuletzt eskalierte der mediale Streit, weil ein Verein das „Berliner Volksbad“ für einen Mittag für sich reserviert hat. Denn: Der Verein richtet sich mit seinem Event speziell an Menschen aus der Schwarzen Community. Das sei Diskriminierung von Weißen, schäumten eine CDU-Lokalpolitikerin und einschlägige Pressevertreter. Auch die üblichen Hetzportale und Rechtspopulisten stiegen mit ein und instrumentalisierten das Thema für ihre Zwecke. Was sie verschwiegen: Auch weitere Termine des Schwimmbeckens sind exklusiv für andere Vereine und Gruppen reserviert. Und: In vielen Schwimmbädern gibt es üblicherweise bestimmte Zeitfenster, die sich exklusiv an eine Zielgruppe richten. Das betreffende Event wurde inzwischen aus Sicherheitsgründen abgesagt. Die Taz zeichnet die Problematik hier noch einmal nach:
taz.de


Aber weil warmes Wasser auf dem Berg rar ist, haben wir das Ganze zu einer Challenge gemacht. Wir versuchen, zu dritt mit einer Duschmarke und zwei Minuten warmem Wasser auszukommen – was meist in Chaos und Gelächter endet. 

Aber in diesem Hitzesommer ist das schnelle Duschen längst kein Witz mehr: Mehrere Hütten- und Almwirte mahnen zum Wassersparen an. Ein Betreiber in Italien verlangt Berichten zufolge mittlerweile sogar acht Euro für 30 Liter Dusch- und Trinkwasser. Wie alles muss schließlich auch das mühsam den Berg hinauf transportiert werden. 

Doch nicht nur in den Alpen – auch in meiner Heimat Hessen wurde das Duschen zuletzt zum Luxus: Im Main-Kinzig-Kreis waren die Menschen zeitweise aufgefordert, wenn möglich darauf zu verzichten. Wegen eines großen Waldbrandes in Südhessen wurde das Löschwasser knapp, alle Reserven sollten möglichst der Feuerwehr zur Verfügung stehen. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.