Der Wald brennt, Merz pennt

Der Kanzler besucht eine Waldbrand-Region, setzt aber keine Priorität auf die Klimakatastrophe.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

der Bundeskanzler hat am Wochenende Hürtgenwald besucht, wo großflächig der Wald gebrannt hat. Friedrich Merz machte dabei keine gute Figur. Was das mit der anstehenden Wahl in Sachsen-Anhalt zu tun hat, steht im Thema des Tages.

Jetzt mehrere Dinge in eigener Sache: 

Erstens eine Ankündigung. In knapp zwei Wochen findet die eben schon erwähnte Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt, die Umfragewerte für die AfD sind historisch hoch – und viele Menschen im Land starren wie Kaninchen vor der Schlange auf diese Umfragen. Wir wollen dem etwas entgegensetzen. 

Deshalb stemmen wir von CORRECTIV gerade zusammen mit Fun Facts ein Großprojekt: Wir stellen einen Livestream vor Publikum auf die Beine: „Toast und Analyse – die Wahlshow“. Wir wollen mehrere Stunden senden, auf Youtube und Twitch, wir laden uns Expertinnen und Experten ein, wir zappen in die Wahlsendungen hinein, wir diskutieren mit Zuschauerinnen und Zuschauern. In den kommenden Tagen werden wir Sie dazu auf dem Laufenden halten. Wenn Sie in Berlin sind und die Show live sehen möchten: Ab heute gibt es (kostenlose) Tickets zum Vorbestellen.

Zweitens: Die SPOTLIGHT-Cartoon Arena geht weiter – und sie wächst! Bei der Nachwuchs-Ausbildungsstätte Caricatura-Sommerakademie haben wir ein neues, sechstes Mitglied gekürt, so dass es künftig auch im Samstags-SPOTLIGHT eine politische Karikatur geben wird. Die Aufgabe war, uns den besten Cartoon zum Thema „Hurra, bald macht KI unsere Arbeit!“ zu zeichnen. Gewonnen hat Florian Scheuerer – hier geht es zu seinem sehr unterhaltsamen Instagram-Kanal. Hier sehen Sie sein Gewinnerbild:

Kommende Woche findet schon die nächste Cartoon-Arena-Runde statt, bei der er dabei sein wird. Heute können Sie wieder über das Thema abstimmen. Die Vorschläge:

  1. Zwischen Klimaleugnung und Aussitzen: Politische Reaktionen auf den Hitzesommer
  2. Wachdienste in Schulen, Homeschooling, Ende der Inklusion: Zukunft der Schulen in Sachsen-Anhalt bei AfD-Regierung
  3. Die AfD will bei einem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt dem MDR den Staatsvertrag kündigen. Und dann?

Hier geht es zur Abstimmung:

Das dritte Thema in eigener Sache: Ein paar Leser schrieben mir und baten um eine Einordnung dazu, dass wir vergangene Woche in einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Karl-Theodor zu Guttenberg unterlegen sind. Mein Kollege Justus von Daniels schreibt dazu heute eine Erklärung. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Thema des Tages: Der Wald brennt, Merz pennt

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Machtprobe im VW-Aufsichtsrat – Arbeitnehmer legen Alternativplan vor

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wie politische Entscheidungen das ostdeutsche Solar-Valley zerstörten

Faktencheck: Falscher Vorwurf gegen die ARD: Schwimmdauer nach Ceuta schwankt

Gute Sache(n): Sächsische Schulen gegen Extremismus • Warum uns bargeldloses Trinkgeld stresst • Elternzeit für Väter senkt Depressionsrisiko

In eigener Sache: Zum Rechtsstreit mit Karl-Theodor zu Guttenberg

Grafik des Tages: So viel kostete uns der Hitzesommer (mindestens)

Proteste beim Kanzler-Besuch im Waldbrandgebiet. Quelle: Picture Alliance / BEAUTIFUL SPORTS | Sebastian Derix.

Was Merz sagte – und warum er damit aneckte:
Der Kanzler machte vor allem eine Aussage, die vielen aufstieß, nämlich:

„Wir müssen damit rechnen, dass wir häufiger solche Ereignisse haben. Das ist Klimawandel.“

Tja, da kann man wohl nichts machen – so klang es in den Ohren von Kritikern, die fanden: Da stand also jener Regierungschef, der dafür verantwortlich ist, dass seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) trotz brennender Wälder und historischer Tiefstände in den Flüssen weiter vor allem Politik für die fossile Klimalobby macht.

Dazu empfehle ich Ihnen diese Bilanz „Ein Jahr Katherina Reiche“, die wir vor ein paar Wochen veröffentlicht haben.

Zurück zu Merz:
Der Kanzler bedauert also die Zustände, ohne aber erkennbar ein Umsteuern in den Prioritäten seiner Regierung durchblicken zu lassen. 

In unserer Morgenkonferenz haben wir heute die Frage diskutiert: Weshalb bloß nutzen Merz, der Rest der Bundesregierung und die Union die aktuelle Lage nicht, um sich in der Klimafrage ganz klar gegenüber der AfD abzugrenzen? Gerade jetzt, in der heißen Phase des Wahlkampfes in Sachsen-Anhalt, wäre das doch eine Chance, den Menschen vor Ort zu zeigen: Wir tun etwas Handfestes, um eure Zukunft zu sichern. Um die Umwelt zu „konservieren“ – denn das ist es doch, was „Konservative“ eigentlich tun sollten. Oder nicht? (Dazu würde mich Ihre Meinung interessieren, also schreiben Sie mir gern dazu: anette.dowideit@correctiv.org.)

Apropos AfD:
Deren Parteichef Tino Chrupalla nämlich nutzte an diesem Wochenende das Sommerinterview der ARD, um nochmal ganz aktiv die Klimakatastrophe zu leugnen:

„Klima ist graduell ein Nebenthema.“

Chrupalla durfte dort weitgehend unwidersprochen von einem Klima-Hype schwadronieren, der von den „wirklichen Problemen ablenken“ solle. Auch hier wieder haben wir uns in der Redaktionsrunde gefragt: Wen glauben Chrupalla und die AfD damit abholen zu wollen? 

Wir haben mal geschaut, was Umfragen zu dieser Frage hergeben:
Die seriöseste Befragung dazu ist hier bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen. Sie zeigt, dass gerade mal sechs Prozent der Deutschen heute noch glauben, der Klimawandel sei nicht von Menschen verursacht. 

(Anmerkung am Rande: Jene, die noch daran glauben, finden sich offenbar zu großen Teilen im Sammelbecken der Axel Springer-Medien zusammen. Am Wochenende habe ich mir nach langer Zeit wieder mal eine Welt am Sonntag gekauft und war einigermaßen baff, dass dort gleich in zwei Beiträgen auf der Meinungsseite stand: Früher sei es doch auch trocken gewesen, da habe man nur nicht „so ein Trara darum gemacht“, denn die Grünen hätten das Thema noch nicht so sehr „als Machtoption für sich entdeckt“ und außerdem könne man das Problem leicht lösen, indem man Klimaanlagen für alle einführe.)

Zurück zu den Parteien:
Es gibt also kaum Wählerpotenzial unter Klimaleugnern. Ohne Merz und Chrupalla oder die CDU und die AfD in einen Topf werfen zu wollen: Beide tun sich demnach keinen Gefallen damit, die Klimakatastrophe klein zu reden. Oder sie zumindest, wie im Fall Merz, zwar anzuerkennen – dann aber trotzdem nichts daraus folgen zu lassen.

Die Erklärung für das Verhalten könnte darin liegen:
Beide positionieren sich mit dem Kleinreden oder Ausblenden des Klimaproblems gegen vermeintliche grüne Eliten, die ja schon lange als Feindbild für konservative bis rechtsextreme Politik herhalten müssen. Unterschwellig schwingt immer mit, bei der Klimadiskussion gehe es am Ende vermeintlich darum, den kleinen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen zu wollen.

Zudem: Bei der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September spielt die Klimakatastrophe offenbar keine große Rolle: 

Eine aktuelle Analyse der Hochschule Magdeburg-Stendal zeigt, dass dort auf Platz 1 der Themen, die die Menschen umtreiben, Wirtschaft und Arbeit stehen. Es folgen Infrastruktur und Einkaufsmöglichkeiten, dann Migration, Bildung, Gesundheit und Pflege. Das Klima taucht unter den Top-5-Themen also gar nicht auf.

Vertreter aus aller Welt verhandeln über globale Wasserpolitik 
In Stockholm diskutieren Fachleute, Regierungsvertreter und Aktivisten während der „World Water Week“ über globale Wasserpolitik. Ziel der Konferenz ist es, Wege zu finden, um eine gerechte und sichere Wasserverteilung zu gewährleisten. Das Alfred-Wegener-Institut warnt, dass bis Ende des Jahrhunderts fast ein Drittel der Weltbevölkerung häufiger und schwereren Hitze-Dürre-Bedingungen ausgesetzt sein könnte, wobei ärmere Länder besonders gefährdet sind. 
deutschlandfunk.de 

Sammelklage gegen Fernwärmeanbieter beginnt 
Heute startet die Sammelklage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen den Energiekonzern Eon. Die Verbraucherschützer beschuldigen den Fernwärmeanbieter, die Preise mit einer unzulässigen Formel erhöht zu haben. Je nach Vertrag sollen die Preise um mehrere Hundert Prozent gestiegen sein. Eon weist die Vorwürfe zurück.
tagesschau.de

Im Werk Wolfsburg will der Vorstand um VW-Chef Oliver Blume seine Sparpläne vorstellen.
Foto: Thomas Lukes / Hans Lucas / Picture Alliance

Endlich verständlich
Sieben, zehn oder 20 Prozent? Viele fühlen sich beim bargeldlosen Trinkgeldgeben unter Druck. Verbraucherschützer machen das Design verantwortlich: Oft sind voreingestellte Prozentwerte größer oder auffälliger gestaltet, während die Option „kein Trinkgeld“ versteckt wirkt. Deshalb fordert der Verbraucherzentrale Bundesverband ein Verbot solcher „manipulativen Designtricks“ auf europäischer Ebene. Wie Befürworter das begründen, lesen Sie hier. 
spiegel.de

Fundstück 
Eine schwedische Studie zeigt: Väter, die mehrere Monate Elternzeit nehmen, leiden seltener unter Depressionen. Besonders jene, die 14 bis 40 Wochen zu Hause blieben, hatten ein geringeres Risiko als Väter mit höchstens vier Wochen Elternzeit. Die Forschenden vermuten, dass die intensive Zeit mit dem Baby den Vätern mehr Sicherheit in ihrer neuen Rolle gibt – was einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit haben kann.
watson.de


Wir waren letzte Woche selbst erstaunt, als wir lasen „Correctiv kassiert vor Gericht eine Klatsche“. Das war, gemessen an dem Streit, den wir gegen Karl-Theodor zu Guttenberg führen müssen, eine ziemlich wilde Übertreibung. Einige schrieben uns daher und fragten, was denn da los war?

Im Juni veröffentlichten wir eine Recherche zu teilweise geschäftlichen Verbindungen Guttenbergs zu US-Tech-Milliardären. Das Ergebnis ist weiterhin hier zu lesen. Flankierend zu der Recherche zitierten wir auch aus einem Podcast, in dem Guttenberg und Gregor Gysi über die Brandmauer sprachen. Darin ging es auch um Szenarien, falls es zu einer Minderheitsregierung kommen und wie sich die CDU dann verhalten könnte. Guttenberg hat sich gegen unsere Einordnung seiner Aussagen gewehrt. Das Berliner Landgericht ist seiner Sicht gefolgt. Wir sahen und sehen das anders. 

Das Gute: Man kann den Podcast hier nachhören. Spannend wird es, wenn Gysi und Guttenberg darüber sprechen, ob es eine Option wäre, wenn die CDU in einer möglichen Minderheitsregierung Anträge ohne Absprachen mit den anderen Parteien zur Abstimmung stellen würde. 

Wir haben uns presserechtlich über den Absatz bei uns auseinandergesetzt. Für beide Seiten ist das ein vollkommen legitimer Vorgang, der an Pressekammern immer wieder vorkommt. Gegen die Entscheidung des Gerichtes können wir nun Beschwerde einlegen. Bemerkenswert war aber die teils harsche Reaktion einiger Medien auf das Urteil, die dem Vorgang eine ungewohnt hohe Aufmerksamkeit schenkten. Unser Eindruck ist, dass sich mit Artikeln über CORRECTIV und dann auch noch mit Guttenberg gute Klickzahlen generieren lassen. Denn das Ereignis selbst gibt das eigentlich nicht her.

Ich finde, dass wir solche Streitigkeiten professionell ausfechten sollten, gerade da, wo es unterschiedliche Bewertungen über einzelne Formulierungen gibt. Denn die Rechercheergebnisse zu den US-Verbindungen Guttenbergs bleiben ja bestehen. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.