Lobbyismus

Guttenberg: Der Mann aller Märkte

Er gilt als Hoffnungsträger in der Union, er kommentiert in Talkshows die Weltpolitik. Aber zu wem unterhält der CSUler geschäftliche Kontakte? Unsere Recherche zeigt eine lange Liste an Firmen, in denen Guttenberg investiert ist – und Verbindungen zu MAGA-Unterstützer Peter Thiel.

von Annika Joeres

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Peter Thiel bezeichnete Karl-Theodor von Guttenberg 2018 als seinen „persönlichen Freund“ Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV; Fotos: Kaname Yoneyama / AP / picture alliance, Gert Eggenberger / picture alliance / picturedesk.com

Karl-Theodor zu Guttenberg genießt zurzeit große Aufmerksamkeit. Der Spiegel lädt ihn zum Gespräch. In Talkshows ist er Dauergast. Stets tritt er als Kenner der Vereinigten Staaten auf – und erklärt den Deutschen die Politik von Donald Trump. So häufig, dass er im Jahr 2025 gleichauf mit seinem Parteifreund Markus Söder der meistgesendete CSU-Politiker war. 

Inzwischen kursieren Spekulationen über sein politisches Comeback. Seit einiger Zeit fragt sich seine Partei, ob Söder der richtige Kandidat für die bayerischen Landtagswahlen 2028 ist. Seine politische Heimat, die CSU, hat also eine Leerstelle. Auch in Berlin wird er hoch gehandelt: Manche CDU-Politiker sehen ihn als Hoffnungsträger, im Springer-Verlag sind einige der Meinung, Guttenberg wäre sogar ein möglicher Kanzlerkandidat. Das Netzwerk dafür hätte er. 

Aber ist Guttenberg tatsächlich der volksnahe Experte, der mit dem Linken Gregor Gysi ebenso plaudern kann wie mit Bundeskanzler Friedrich Merz? Sollte die CDU/CSU auf ihn setzen, ist es wichtig, den 54-Jährigen besser zu kennen. Diese CORRECTIV-Recherche beleuchtet eine bisher unbekannte Seite: Fünfzehn Jahre nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister macht Guttenberg Geschäfte mit einflussreichen Investoren aus dem Silicon Valley und umstrittenen Unternehmen. Seine Wege kreuzen auch mehrfach Unterstützer der US-amerikanischen MAGA-Bewegung oder Trump-Vertraute wie den Strippenzieher der neuen US-Rechten Peter Thiel.

Guttenbergs weit verzweigtes Firmennetz führt in die USA

CORRECTIV hat mithilfe der Unternehmensdatenbank Northdata, von Handelsregistern, Wirtschaftsmeldungen und Guttenbergs eigenen Angaben Firmen ausfindig gemacht, mit denen der CSU-Politiker unmittelbar verbunden ist. Demnach ist Guttenberg aktuell an dutzenden Unternehmen beteiligt oder bekleidet dort Positionen. 

CORRECTIV hat Guttenberg mehrfach angeschrieben und um seine Sicht der Dinge gebeten, erhielt jedoch keine Antwort. Auch auf ein Gesprächsangebot ging er nicht ein.

Bezeichnend für den Adeligen: Er tritt als Mann mit vielen Namen auf. Seine Firmen- und Vereinsengagements firmieren mal unter seinem vollständigen  Namen Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester, mal nur als Karl-Theodor oder Theodor – früher auch mit dem Titel „Reichsfreiherr“. 

Eine Villa in „Upper Hedgistan“

Auch seine Wohnsitze sind zahlreich. Am bedeutendsten für seine Investments dürfte sein Anwesen in einem New Yorker Vorort gewesen sein, der den Spitznamen „Upper Hedgistan“ trägt: Dort wohnen mehr Hedgefonds-Manager als überall sonst auf der Welt. 

Guttenberg übt einige seiner Geschäfte gerne diskret aus – sein umfangreiches Linkedin-Profil lässt bestimmte Engagements aus. Ein Mann, der sein Image pflegt und zumindest 2014 trotz einwandfreier Augen eine Brille trug. Seine Kinder hätten ihm dazu geraten, weil er – so zitiert er sie selbst – „ohne Brille wahnsinnig dumm aussehe“. 

Peter Thiel bezeichnete Guttenberg als „personal friend“

Ein bisher unbeachtetes Zusammentreffen zeigt die Verbindung des CSU-Politikers zum US-Investor Peter Thiel. Dieser gilt als entscheidender Netzwerker, Vordenker und Geldgeber der neuen Rechten in den USA.  

Thiel glaubt nicht nur, die Welt könne durch die Herrschaft einiger weniger gerettet werden, er war 2016 auch Trumps größter Spender im Silicon Valley. Und er förderte mit Millionenbeträgen Trumps Vizepräsident J.D. Vance. Zudem ist Thiel an der US-Firma Palantir beteiligt, die Überwachungssoftware anbietet – und in Europa in der Kritik steht. 

Guttenberg und Thiel kennen sich seit Jahren: Bei einer Charity-Gala im Jahr 2018 erhielt Thiel eine Auszeichnung – und verzichtete auf seine Dankesrede. Stattdessen führte er vor den Gästen einen inszenierten Dialog mit seinem, so wörtlich, „persönlichen Freund“ Guttenberg. Der Abend wurde ausgerichtet von der deutsch-amerikanischen Heritage-Foundation, bei Wein und Bier und in einem der „schönsten Gebäude Washingtons“, so die Veranstalter.

Thiel und Guttenberg feiern an jenem Abend in Washington bei „grilled bratwurst“, schließlich stammt Thiel ursprünglich aus Deutschland.

Guttenbergs jüngstes Engagement verbindet ihn erneut mit Peter Thiel: Seit diesem Frühjahr sitzt er im Verwaltungsrat von Bitpanda, einem Wiener Krypto-Unternehmen. Thiel ist der größte Investor bei Bitpanda.

Thiel lud Guttenberg auch mindestens einmal zu seinen „Dialog“-Events ein, das sind exklusive Treffen mit Bankern, Politikern und Ökonomen. Diese Veranstaltungen wurden in den vergangenen Tagen bekannter, weil auch CDU-Fraktionsführer Jens Spahn mehrfach daran teilnahm. Die Einladung Guttenbergs für 2013 findet sich in den Epstein-Files. „We want to change the world“ lautete das Motto. Diskutiert wurde im luxuriösen Sundance-Resort in Utah.

Guttenbergs und Sebastian Kurz’ Netzwerk

Immer wieder kreuzen sich Guttenbergs Wege mit libertären US-Amerikanern. Nach seinem Rücktritt lebte er für einige Jahre in den USA. Neben Thiel organisiert Auren Hoffman das „Dialog“-Event. Hoffman ist unter anderem Geschäftsführer von SafeGraph – in das wiederum sowohl Thiel als auch Guttenberg investierten. Das Unternehmen sammelte Ortsdaten über Apps und verkaufte sie an Regierungen und Konzerne weiter, darunter Daten von Frauen, die Kliniken für Schwangerschaftsabbrüche aufsuchten. Der Datenverkauf geriet so ungehemmt, dass Google die Firma schon 2021 sperrte. Erst im Februar 2026 stiegen Thiel und Guttenberg am selben Tag aus SafeGraph aus. 

Der Thiel-Freund Hoffman war seinerseits auch Gast bei einer von Guttenberg mitorganisierten Veranstaltung: den Moving MountAIns. Dieser VIP-Gipfel in Tirol wurde viel diskutiert, weil neben Guttenberg der österreichische Ex-Kanzler Sebastian Kurz dazu einlud – und unter den rund 90 Gästen auch CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche war, Guttenbergs Lebensgefährtin. Sebastian Kurz ist ein alter Bekannter von Guttenberg, immer mal wieder treten sie zusammen auf. Ihre Verbindung reicht zurück ins Global-Leader-Programm des Weltwirtschaftsforums, das die beiden konservativen Politiker 2009 auswählte. Es lief über fünf Jahre. Letztlich überschneiden sich die Netzwerke von Guttenberg und dem Österreicher: Kurz arbeitete für Peter Thiel als „Global Strategist“

Guttenberg berät Goldfirma eines Mentors von Steve Bannon

Es ist nicht die einzige Verbindung zu Spitzenmanagern mit Beziehungen zum Trump-Lager: Der einflussreiche Geschäftsmann John L. Thornton holte Guttenberg in den internationalen Beraterkreis von Barrick Gold Corporation, dem größten Gold- und Kupferproduzenten der Welt. Die Firma macht mit ihren Bergwerken in mehr als 20 Ländern Milliardenumsätze – und soll für ihre Geschäfte schon Menschen vertrieben, Menschenrechte verletzt und die Umwelt vergiftet haben. 

Trumps früherer Kampagnenführer Steve Bannon bezeichnete Thornton wiederum als seinen „Mentor“. Im Herbst 2018 tauchte ein Foto auf, das Thornton mit Bannon, dem Briten Nigel Farage und weiteren rechtsextremen Europäern beim Mittagessen zeigt. Bei diesem Lunch soll besprochen worden sein, Bannons politische Ideen nach Europa zu tragen. Im Übrigen sitzt Guttenberg noch in der KI-Firma Avathon im Beirat – Thornton ist dort leitender Direktor.

Guttenbergs lange Firmenliste

Guttenberg war noch mit einer weiteren Datenfirma verbandelt, die in der Kritik steht: Von 2012 bis 2020 beriet er AnchorFree, die heute zur Pango-Gruppe gehört. Eine Firma, die eigentlich für Datenschutz bei Firmen sorgen sollte. Aber dann reichte die angesehene amerikanische Bürgerrechtsorganisation „Center for Democracy and Technology“ 2017 eine Beschwerde gegen das Unternehmen ein, weil es Daten „unlauter und irreführend“ weitergeleitet und verkauft haben soll. Anschließend änderte das Unternehmen seine Praktiken.

Auch beim Forschungsinstitut Center for Strategic and International Studies (CSIS) ist Guttenberg im Aufsichtsrat. Die New York Times bezichtigte die Denkfabrik in einer aufwändigen Recherche, keinesfalls so neutral zu sein, wie sie vorgibt: Sie soll Geld von der Waffenindustrie angenommen haben, um für bestimmte Deals zu lobbyieren. CSIS behauptete, nicht lobbyiert zu haben. 

Guttenbergs Firmenliste zeichnet ein bestimmtes Bild: Er engagiert sich dort, wo hohe Renditen locken und ihm offenbar US-Freunde den Weg ebnen. Beispielsweise sitzt Guttenberg seit 2018 in einem Beirat von Edelman, einer US-amerikanischen PR-Agentur, die von Mayonnaise- bis zu Biermarken allerhand Kunden betreut. Edelman hat in der Vergangenheit auch die größten Öl- und Gaskonzerne wie Shell und Exxon Mobile beraten – und orchestrierte 2021 für die 25 größten Ölkonzerne eine Kampagne in sozialen Medien gegen Klimagesetze vom damaligen US-Präsidenten Joe Biden. 

Teile des Springerkonzerns und der CDU hoffen auf KTG 

Aktuell mischt sich Guttenberg in Deutschland von der Seitenlinie als Kommentator ein. Jüngst sprach er sich für eine punktuelle Zusammenarbeit zwischen Konservativen und Rechtspopulisten aus. In seinem vielgehörten Podcast mit dem Linken Gysi plädiert Guttenberg für eine Minderheitsregierung und dafür, Gesetze zur Not mit der AfD zu verabschieden. „Wer mitstimmt, stimmt mit“, ist dort seine Losung. Soll heißen: In einer Minderheitsregierung könnte die Union ihre Gesetze auch mit Hilfe der Rechtsextremen durchbringen. Eine Haltung, die bei Friedrich Merz’ Abstimmung über ein Einwanderungsgesetz mit der AfD im Januar 2025 noch für große Zerwürfnisse in der Union sorgte. 

Aber wie passen seine Geschäfte zu dem Bild, das Guttenberg von sich selbst zeichnet? Als einer, der vieles besser weiß, der sagt, Deutschland hätte lange Zeit „seinen bräsigen, ständig nörgelnden Hintern“ nicht hoch bekommen?

Prahlerei zieht sich durch Guttenbergs Leben

Einmal verglich Guttenberg seine Rolle mit der des langjährigen US-Außenministers Henry Kissinger. Tatsächlich pendelt er zwischen öffentlichem Understatement und so mancher Blendung. 

Seine politische Karriere begann mit einer falschen Prahlerei: Das angebliche Prädikatsexamen, das er in seinem Lebenslauf hervorhob, erwies sich als „befriedigend“ im „unteren Bereich“ – nur mit der Ausnahmegenehmigung eines CSU-nahen Professors an der Universität Bayreuth hat er promovieren dürfen. Angeführte „berufliche Stationen in Frankfurt und New York“ in seiner Vita stellten sich als Studentenpraktika heraus. Über die Doktorarbeit mit 23 Urheberrechtsverletzungen verlor er seinen Ministerjob. 

Später ließen sich Angaben zu den Standorten seiner 2013 gegründeten Beratungsfirma Spitzberg Partners kaum prüfen – Journalisten konnten sie vor Ort nicht finden und erhielten Anwaltsschreiben statt Auskünfte. 

CORRECTIV hat im Handelsregister vom US-Staat Delaware nachgeforscht: Es führt Spitzberg Partners dort als zahlungssäumig. Guttenberg hatte seine Firma in dem Steuerparadies registriert – offenbar aber seit mindestens drei Jahren 1.770 Dollar Steuern nicht beglichen. Die Webseite ist ebenfalls offline. 

Aber Guttenbergs Imagepflege läuft weiter. Die Werbetexte in sieben Redner-Agenturen, die Guttenberg anbieten, sparen nicht an großen Worten. Dort gilt er wahlweise als jemand, der eine „spektakuläre Karriere“ hingelegt hat und dessen Vorträge ein „Erlebnis“ seien. In einer wird er als „Senior Berater seit 2011“ der EU-Kommission gehandelt. Das war er allerdings laut eigenen Angaben bei Linkedin nur von 2012 bis 2014. 

PR-Rat rügt Guttenberg

Angeblich zählt Guttenberg laut seinen Agenturen auch zu den bekanntesten europäischen Politikern. Das erscheint übertrieben: Englische und französische Medien berichteten zwar über seine Plagiatsaffäre 2011 – danach wurde es aber still um ihn in der europäischen Presse. 

Doch Guttenberg hat einflussreiche Kontakte. Auch zum Chef des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner. Mit ihm saß er mindestens vier Jahre gemeinsam im Aufsichtsrat vom Thinktank ISD. 

Auch hier kreuzen sich Guttenbergs Kreise wieder mit denen von Peter Thiel: Denn Döpfner gehört auch dem Lenkungsausschuss der Bilderberg-Konferenz an – zusammen mit den Palantir-Chefs Thiel und Alex Karp. Der Spiegel nennt diese Veranstaltung der globalen Elite eine „klandestine Konferenz“: Nichts dringt nach außen, Journalisten sind ausgeschlossen. Im vergangenen April lud der Ausschuss Guttenberg ein. 

Guttenberg spricht öffentlich kaum über seine zahlreichen Firmenengagements. Schon früher fiel er damit auf, nicht offenzulegen, was hinter seinen Aktivitäten steckt. Dafür rügte ihn der deutsche PR-Rat, das Ethikgremium der Werbebranche: Guttenberg musste in einem Untersuchungsausschuss zur Skandalfirma Wirecard aussagen – schließlich hatte er für das Unternehmen bei Kanzlerin Angela Merkel lobbyiert. Dabei verschwieg er, dass ein Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf einer Medienstrategie der Firma beruhte – entworfen von der PR-Agentur Edelman.

Text: Annika Joeres
Recherche: Annika Joeres, Markus Kater, Christina Brause (Northdata)
Redaktion: Justus von Daniels, Sebastian Haupt
Faktencheck: Martin Murphy
Social Media: Katharina Roche, Alicia Reusche