Das Wichtigste in Kürze
- Nach einem Brief, den 21 Ex-Mitglieder an den BSW-Vorstand schrieben, gibt es nun weitere Kritik wegen der AfD-Nähe der Partei. Im Zentrum: Die BSW-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Thomas Schulze und Claudia Wittig
- Der Vorwurf: Beide Spitzenkandidaten positionierten sich bewusst in der Nähe der AfD, um eine mögliche Koalition zu erleichtern – und sich womöglich den Zugriff auf das Bildungsministerium zu sichern.
- Dem BSW kommt eine wichtige Rolle vor der Wahl am 6. September in Sachsen-Anhalt zu. Doch die Partei verirrt sich mit einem Richtungsstreit, Austritten und AfD-Nähe.
- Der Sonderparteitag des BSWs in Thüringen, der ebenfalls am 6. September stattfinden soll, könnte die Debatte noch verschärfen.
Auf die Zahl 232 ist Harald Koch immer noch stolz – seine Mitgliedsnummer im BSW. Sie zeigt, dass Koch, der erst Mitglied der Linkspartei war, zu den ersten Mitgliedern des BSW in Sachsen-Anhalt gehörte. Er wurde Kreisvorsitzender in Mansfeld-Südharz. Doch nun schwingt Bitterkeit in seiner Stimme mit, wenn er vom BSW spricht.
Anfang August hat er zusammen mit 20 anderen – darunter auch führende Mitglieder – seinen Parteiaustritt eingereicht. Und das weniger als einen Monat vor den Landtagswahlen am 6. September. Die Ausgetretenen veröffentlichten eine Erklärung, in der sie unter anderem die Nähe der Partei zur AfD anprangern.
Neue Vorwürfe an die BSW-Spitzenkandidaten
Gegenüber CORRECTIV erheben parteiinterne Kritiker nun neue Vorwürfe. So sollen die beiden BSW-Spitzenkandidaten aus Sachsen-Anhalt – Claudia Wittig und Thomas Schulze – die Nähe zur AfD und Personen aus dem rechten Vorfeld suchen.
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Vor diesem Hintergrund verschärft sich die Debatte über die Rolle des BSW bei der anstehenden Landtagswahl erneut. Sollte die Partei nach der Wahl am 6. September in den Landtag einziehen, könnte sie zur Königsmacherin für die AfD werden, die derzeit bei rund 40 Prozent liegt.
Konkret geht es in der Kritik um einen Auftritt des Ex-AfD-Politikers Robert Farle bei einem BSW-Event mit dem Spitzenkandidaten Thomas Schulze sowie ein Treffen zwischen Claudia Wittig und einem russlandnahen Adligen aus dem rechten Vorfeld.
„Das Einzige, was noch von den Gründungsgedanken des BSW geblieben ist, ist die Friedenspolitik. Es herrschen Konzeptlosigkeit und innerer Zerfall. Der Rest ist Anbiederung an die AfD“, sagt Sylvia Winkelmann-Witkowsky, ehemalige Stellvertretende Landesvorsitzende Sachsen-Anhalts. Auch sie ist Anfang August aus der Partei ausgetreten. Sie bezeichnet das BSW inzwischen als Mischung zwischen AfD light und SED 2.0.
Der Richtungsstreit um das BSW in Sachsen-Anhalt
Dieser Debatte voraus geht ein vermeintlicher Richtungsstreit in der Landespartei, dessen Ausgang einen bundesweiten Tabubruch bedeuten könnte. Das BSW in Sachsen-Anhalt schwankt in Umfragen zwischen 4 und 5 Prozent – sollte es nach den Landtagswahlen am 6. September in den Landtag kommen, könnte die Partei zur Königsmacherin für die AfD werden, die bei um die 40 Prozent steht.
Schon vor einigen Wochen wandten sich die nun ausgetretenen BSW-Mitglieder an CORRECTIV. Sie äußerten die Sorge, dass die aktuelle Landesliste bereit sein könnte, einen AfD-Ministerpräsidenten zu wählen. Gegen einen der Kritiker, Florian Thomas, startete die Partei danach ein Amtsenthebungsverfahren. Auch er ist inzwischen ausgetreten.
Das öffentliche Bild ist bisher: Alle paar Tage äußert sich ein prominentes BSW-Mitglied dazu, dass es sich eine Koalition mit der AfD vorstellen könne. Anfang Juli schrieben Sahra Wagenknecht und Fabio de Masi einen Brief an die AfD, in dem sie Unterschiede zur Partei darstellten, aber auch gemeinsame Regierungspläne schmiedeten.
Als Reaktion darauf folgt meist eine Stellungnahme eines anderen BSW-Spitzenpolitikers. So äußerte sich etwa Amira Mohamed Ali aus dem Bundesvorstand Mitte August dazu, dass sie eine Koalition mit der AfD ausschließe. Das Bild, was die Partei will, bleibt dadurch alles andere als klar – und das BSW für ein breiteres Wählerspektrum ansprechbar. Wähler, die von anderen Parteien enttäuscht sind, aber es sich (noch) nicht vorstellen können, die AfD zu wählen, bleiben so fürs BSW empfänglich.

Kritik an Auftritt eines ehemaligen AfD-Mitglieds
Einer der Vorgänge, die parteiintern für Unmut sorgt, betrifft den früheren AfD-Politiker Robert Farle, der 2023 die AfD verlassen hatte, nachdem er mit Verschwörungserzählungen rund um Corona und Russland-Nähe aufgefallen war. Farle soll zudem an einer Kaderschule in Moskau ausgebildet worden sein und eine Scheinbeschäftigung bei der SED gehabt haben.
Im Frühling 2025 trat er dann auf einer Veranstaltung des BSW-Sachsen-Anhalt auf.
Farle sei extra angereist, habe sogar 20 Minuten gesprochen, so erzählen es mehrere ehemalige BSW-Mitglieder gegenüber CORRECTIV. Er habe sich offensichtlich gut mit Thomas Schulze, Parteivorsitzender und jetziger BSW-Spitzenkandidat, verstanden und „Leute begeistert“. Harald Koch, Ex-Vorsitzender aus Mansfeld-Südharz, habe Schulze auf einer Klausur des BSW-Landesverbandes darauf angesprochen und konkret gefragt: „Thomas, wusstest du nicht, wer Robert Farle ist?“. Schulze habe ihm gegenüber angegeben, Farle trotz seiner Prominenz nicht erkannt zu haben.
Auf Anfrage von CORRECTIV äußerte sich Thomas Schulze dazu nicht.
Sylvia Winkelmann-Witkowsky, ehemalige Stellvertretende Landesvorsitzende des BSW in Sachsen-Anhalt, sagt gegenüber CORRECTIV, Farle sei danach Gegenstand von Diskussionen im Landesvorstand gewesen. Einige der Anfang August ausgetretenen Mitglieder hätten über den Umgang Schulzes mit dem Ex-AfD-Mann mit dem Landesvorstand gestritten, sowie über die Aufnahme von ehemaligen AfD-Mitgliedern. Ihr Antrag dazu sei allerdings vertagt worden.
Claudia Wittig, das Compact-Sommerfest und mögliche Ministerposten
Auch die zweite Spitzenkandidatin, Claudia Wittig, steht BSW-intern unter Beschuss. Mitte August feierte das rechtsextreme Medium Compact ein Sommerfest. Wittig sollte dort gemeinsam mit dem Landesgeschäftsführer der AfD, Oliver Kirchner, auftreten. Benannt war die Veranstaltung: „Das erste BSW-AfD-Duell“.
Erst nach scharfer Kritik aus einem der Kreisverbände von Sachsen-Anhalt sagte Wittig ab, mit der Begründung, ihr sei das Motto des Festivals, „Endspurt zur blauen Wende“, nicht bekannt gewesen. Zuvor hatte Wittig über X erklärt, sie wolle auf dem Compact-Fest Menschen erreichen, „die unbedingt den politischen Wandel wollen und glauben, dass sie den nur mit der AfD bekommen“.
Auch sonst scheint Claudia Wittig die Nähe von Meinungsmachern aus dem Umfeld der Neuen Rechten nicht zu scheuen. Nach Recherchen von CORRECTIV war Wittig zu Gast in der Sendung des ehemaligen CDU-Mitglieds Alexander von Bismarck, der auch beim von CORRECTIV aufgedeckten Geheimtreffen in Potsdam mit Martin Sellner dabei war. Bismarck interviewt in seinem YouTube-Format sonst unter anderem den russischen rechtsextremen Vordenker Alexander Dugin oder russlandnahe AfD-Vertreter.
Stimmen aus dem BSW äußerten gegenüber CORRECTIV, dass die Partei im Falle eines Wahlsiegs der AfD und einer möglichen BSW-Regierungsbeteiligung wohl auf das Bildungsministerium hoffe – möglicherweise unter der Führung von Claudia Wittig. Wittig arbeitete bereits in mehreren Universitätspositionen als Historikerin, bis zum Frühjahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität in Halle.
Auf Anfrage von CORRECTIV äußerte sich Wittig dazu jedoch nicht.

Thüringen-Boost für AfD und BSW in Sachsen-Anhalt
Nicht nur in Sachsen-Anhalt spekulieren Vertreter des BSW wohl auf eine mögliche Koalition mit der AfD. In Thüringen hat Björn Höcke Sahra Wagenknecht als „überparteiliche Ministerpräsidentin“ ins Spiel gebracht – ein Konzept, das der BSW-Bundespartei zu gefallen scheint. Wagenknecht erklärte kurz darauf, sie finde ein Kompetenzkabinett und das Regieren mit wechselnden Mehrheiten – auch mit der AfD – sinnvoll. Starke Kritik daran kam von Landeschefin Katja Wolf, die dazu sagte, Wagenknecht kämpfe „verzweifelt“ um Sichtbarkeit.
Nun haben sich Bundesspitze und Thüringer Landesvorstand auf einen Sonderparteitag geeinigt. Dieser soll am 6. September stattfinden – also ausgerechnet am Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Ziel sei, sich mit den Mitgliedern des Landesverbandes auszutauschen, wie es weitergehen soll. Zwei BSW-Fraktionsmitglieder haben in der Zwischenzeit schon erklärt, den Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt nicht mehr zu unterstützen. Voigt war zuvor aufgefallen, weil ein von der AfD in Auftrag gegebenes Gutachten zu seiner Doktorarbeit Hinweise auf Plagiate enthielt.
CORRECTIV.Sunlight
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Ein ehemaliges BSW-Mitglied, das Einblicke in die Vorkommnisse in Thüringen hat, erzählt nun, es sei möglich, dass der Bundesvorstand den Landesvorstand nach seinen Vorstellungen austauschen wolle. Hierfür würden bereits verschiedene Personen ins Spiel gebracht, die dem Bundesvorstand nahestanden: Darunter Anke Wirsing, eine der Abgeordneten, die Voigt nicht mehr unterstützen wollte, und Luca Saß von der Jugendpartei.
Der Umstand, dass der Thüringer Parteitag ausgerechnet auf den Wahltag in Sachsen-Anhalt fällt, dürfte den innerparteilichen Konflikt und die Debatte über den BSW-Kurs zusätzlich anheizen.
Pläne nach der Wahl: Genug vom Zwist und den Zerwürfnissen
Die frisch ausgetretenen BSW-Mitglieder in Sachsen-Anhalt jedenfalls haben genug von diesem Hin und Her, von dem Zwist, den Zerwürfnissen. „Wegen des BSW Engagements habe ich viel vernachlässigt, Freunde und Hobbys – ich habe nicht mal meine Fenster geputzt. Ich habe also viel nachzuholen“, sagt die ehemalige stellvertretende Landesvorsitzende Sylvia Winkelmann-Witkowsky.
Ihr ist die Erleichterung nach dem Parteiaustritt anzumerken. „Ich weiß nicht, ob ich mich noch einmal politisch engagieren werde“, sagt sie. Nach der Wahl werde sie sich noch einmal mit „Gleichgesinnten“ zusammensetzen und schauen, wie es weitergehe.
Redigatur und Faktencheck: Gesa Steeger
Kommunikation: Katharina Roche, Alicia Reusche