Der türkische Gemüsehändler hat zu

In Magdeburg sind heute 120 Betriebe migrantischer Ladeninhaber geschlossen geblieben. Was dahinter steckt.

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Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Ich finde, man muss sich dieser Tage öfter mal verdutzt die Augen reiben angesichts dessen, worüber wir in Deutschland in welcher Intensität diskutieren. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Dort rangiert in der heißen Phase des Wahlkampfs die Klimakatastrophe unter ferner liefen. Stattdessen geht es neben der wirtschaftlichen Lage vor allem um Migration. So, als sei sie vor allem eine Bedrohung.

Dass sie auch ein positiver Wirtschaftsfaktor ist, gerät dabei überwiegend aus dem Blick. Also, was in Pflegeheimen, in der Logistikbranche oder auch im Einzelhandel passieren würde, gäbe es keine Migranten im Bundesland. Um das Bewusstsein dafür zu schärfen, haben heute 120 Einzelhändler in Magdeburg ihre Läden geschlossen gelassen. Mehr dazu steht im Thema des Tages, das heute unsere Nachrichtenchefin Elena Müller geschrieben hat.

Dazu passt nochmal der Hinweis: Migration ist keine Sache, die man einfach abschaffen könnte, selbst wenn man das – wie die AfD – gern wollte. Sie ist ein natürlicher Prozess. Und der bringt Gutes mit sich, aber auch Herausforderungen, mit denen eine Gesellschaft unweigerlich umgehen muss. Darüber müssen wir offen, fair und informiert reden. Wenn Sie zu denen gehören, die sagen: Ich fühle mich noch nicht ausreichend informiert, dann lesen Sie mein Buch: „Ich bin doch kein Rassist, aber …“. Hier können Sie es bestellen.

Ein anderes Projekt, mit dem wir zu einem konstruktiven Austausch beitragen wollen: Die Sommer-Tour von Fun Facts. Ab heute sind die Comedy-Kollegen und -Kolleginnen mit unserer journalistischen Unterstützung in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, wo ja am 20. September die nächste Landtagswahl ansteht. Es gibt noch Tickets, hier entlang.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und freue mich auf Ihr Feedback zum aktuellen SPOTLIGHT oder auch zur Migrationsdebatte: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Der türkische Gemüsehändler hat zu

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: „Zwischen AfD light und SED 2.0“ – Neue Kritik zu BSW-Spitzenkandidaten

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Chaos oder Ordnung: Was ist gefährlicher für die Demokratie?

Faktencheck: Kein Verbot: Mammographie zur Brustkrebs-Erkennung ist in der Schweiz Standard

Gute Sache(n): Zigarettenstummel werden zu Brillen • ‚‚Ostfluencerin“ im Gespräch: Aufwachsen in Ostdeutschland • Kinos wieder auf Vor-Corona-Niveau

CORRECTIV ganz persönlich: Bildung, doch zu welchem Preis?

Grafik des Tages: Welches ist das transparenteste Bundesland?

Wer heute in Magdeburg einen Döner essen oder im kleinen Gemüsehandel um die Ecke einkaufen gehen wollte, hatte Pech: 120 Gewerbe, von der Gastronomie über Friseursalons bis zum Einzelhandel, haben mit einem „Migra-Streik“ ein Zeichen gesetzt.

Von 10 bis 15 Uhr hatten sie ihre Läden geschlossen, um zu protestieren – gegen Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung. Im Aufruf zur Aktion, die der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt organisiert hatte, hieß es: „Wir schließen heute unsere Türen, damit sich morgen nicht die Türen zu einer freien und demokratischen Gesellschaft schließen.“

Einfach nur in Ruhe leben und arbeiten
Aras Badr aus der syrischen Community war als Unterstützer auf der Kundgebung in Magdeburg, die anlässlich des Streiks stattfand. Er sagte meinem Kollegen Jann-Luca Künßberg, er wünsche sich von der Politik mehr Schutz für migrantisches Leben und der kulturellen und wirtschaftlichen Vielfalt. „Die Menschen hier wünschen sich in Ruhe und auf Augenhöhe leben und arbeiten zu können – und dass ihre Kinder ohne Angst zur Schule gehen können.“

Zeigen, was fehlen würde: Migrantischen Gewerbetreibende setzten in Magdeburg ein Zeichen gegen Rassismus. Foto: picture alliance/dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Nicht mehr willkommen, nicht mehr sicher
Der Streik macht ein bislang eher diffuses Gefühl greifbarer: Immer mehr Menschen in Sachsen-Anhalt fühlen sich nicht mehr willkommen oder – noch schlimmer – nicht mehr sicher. 

Sollte die AfD bei der anstehenden Landtagswahl am 6. September die absolute Mehrheit holen und die Regierung stellen, haben beispielsweise Menschen mit Migrationsgeschichte oder Mitglieder der queeren Community Angst vor der künftigen Politik und einer sich verschlechternden gesellschaftlichen Stimmung im Land. 

Denn die Partei macht mit ihren „Remigrationsplänen“ unverhohlen – und offensichtlich erfolgreichen – Wahlkampf. 

Viel mehr als ein Wahlsonntag
Undra Dreßler, Geschäftsführerin des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, berichtet, sie bekomme mittlerweile Presseanfragen aus Japan, Belgien, Frankreich. 

Gegenüber CORRECTIV sagte sie:

 „Uns geht es nicht um eine Wahl, um ein Wahlergebnis. Uns geht es um viel mehr, es geht um unsere Existenz. Um unsere Sicherheit, um unsere Zukunft, um unsere Kinder.“

Es gebe Mitglieder in ihrem Netzwerk, die sagten, dass sie ihre Koffer bereits gepackt und eine gewisse Summe vom Bankkonto abgehoben hätten, berichtet Dreßler, die auch SPD-Stadträtin in Burg ist. „Wir müssen immer wieder aufs Neue unsere Zugehörigkeit beweisen – obwohl wir seit Jahren, seit Jahrzehnten hier leben, Steuern bezahlen, unsere Kinder hier zur Schule gehen.“ 

Ähnlich äußerte sich auch Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt, der den Migra-Streik mitorganisiert hat: „Diese Menschen müssen ihre Zugehörigkeit nicht beweisen, dass sie wirtschaftlich nützlich sind, aber sie sind ein sehr wichtiger Teil der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt“, sagte Saaeid im Deutschlandfunk.

Ausländische Arbeitskräfte in fast jedem vierten Betrieb
Wie wichtig migrantische Menschen für die Wirtschaft sind, lässt die AfD dabei gerne unter den Tisch fallen: Denn nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit beschäftigten im vergangenen Jahr 22,7 Prozent der Betriebe in Sachsen-Anhalt mindestens einen ausländischen Arbeitnehmenden. Seit 2015 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Und da sind noch gar nicht all jene Selbstständigen und Unternehmer dabei wie jene, die heute in Magdeburg gestreikt haben. 

US-Geheimdienstchef erstmals in Russland 
Der Kreml hat den Besuch von CIA-Chef John Ratcliffe in Moskau bestätigt. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zufolge ging es um Kontakte zwischen den Geheimdiensten. Ein Treffen Ratcliffes mit Präsident Putin habe es nicht gegeben. Über die genauen Inhalte der Gespräche ist bislang nichts bekannt, entsprechend gibt es einige Spekulationen
zeit.de / tagesspiegel.de

CDU gegen Hitzeschutz im Grundgesetz 
CDU-Fraktionschef Thorsten Frei lehnt es weiterhin ab, den Hitzeschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Die Einstufung als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern würde die Zuständigkeiten verwischen, erklärte Frei. Am zweiten und letzten Tag der Kabinettsklausur steht der Hitzeschutz auf der Tagesordnung. 
deutschlandfunk.de

Kritik an geplanter Zuckersteuer: Klingbeil rudert zurück 
Ein internes Papier aus dem Finanzministerium, wonach eine Extrasteuer auf zuckerfreie Getränke eingeführt werden soll, hat kürzlich für Kritik gesorgt. Politiker verschiedener Lager lehnten die Ausweitung auf Säfte, Milchgetränke, Eistees, Biermischgetränke, Fertigkaffees und Haferdrinks ab. Finanzminister Lars Klingbeil weist die Pläne nun zurück. Er wolle keine Extrasteuer auf zuckerfreie Getränke erheben.
spiegel.de / welt.de

„Zwischen AfD light und SED 2.0“ – Neue Kritik zu BSW-Spitzenkandidaten
Nach dem Austritt von 21 bekannten Mitgliedern in Sachsen-Anhalt ebbt die Kritik am BSW und seinen Spitzenkandidaten nicht ab. Grund ist die Nähe der Partei zur AfD.
correctiv.org

Auswertung einer Mammographie zur Erkennung von Brustkrebs (Foto: Rui Vieira / Picture Alliance / Empics)
Auswertung einer Mammographie zur Erkennung von Brustkrebs (Foto: Rui Vieira / Picture Alliance / Empics)

So geht’s auch 
In Pocking in Bayern stehen jetzt ganz besondere Mülleimer für Zigarettenstummel. Denn daraus lassen sich Brillengestelle herstellen. Unter dem Motto „Saubere Stadt. Saubere Sicht“ bleiben die Zigarettenstummel fern vom Gehweg, lassen sich wiederverwerten und reduzieren dabei noch bei der Brillenherstellung den CO2-Ausstoß um bis zu 40 Prozent. 
watson.de

Endlich Verständlich 
Unsere Jugendredaktion Salon5 eröffnet einen neuen Standort: im sächsischen Chemnitz. Passend dazu erzählt die selbsternannte „Ostfluencerin“ Olivia Schneider vom Aufwachsen im Osten und warum „Ostdeutschland“ auch für junge Menschen kein abgeschlossenes Thema ist. Passend dazu rankt sie in diesem Video ostdeutsche Süßigkeiten. 
spotify.com/instagram.com

Fundstück 
In Deutschland gehen wieder mehr Menschen ins Kino. Die deutschen Kinos verkauften im ersten Halbjahr 2026 so viele Tickets wie zuletzt vor der Corona-Pandemie. Insgesamt waren es 47,5 Millionen Karten, ein Plus von fast sieben Millionen Tickets zum Vorjahr. 
tagesschau.de


Als ich 2018 meine Ausbildung als Kauffrau für audiovisuelle Medien in Berlin begann, lag mein monatliches Bruttoeinkommen bei gerade einmal 600 Euro. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, doch viele traf es sogar härter. Grund dafür: Erst seit 2020 gilt bundesweit eine gesetzliche Untergrenze für die monatliche Vergütung von Azubis in dualen Ausbildungen. Wer im Herbst 2026 sein erstes Lehrjahr beschreitet, darf nun mit mindestens 724 Euro planen. 

Meine Lehrjahre waren allein durch die Unterstützung des Schüler-Bafögs umsetzbar – einem staatlichen Zuschuss, der im Vergleich zum regulären Bafög nicht zurückgezahlt werden muss. Denn wie bei so vielen Menschen, war es auch meinem Elternhaus nicht möglich, meinen Weg finanziell zu unterstützen. 

Laut DGB-Ausbildungsreport 2026 können rund 65 Prozent der Befragten von ihrer Ausbildungsvergütung „weniger gut“ oder „gar nicht“ selbstständig leben. Fast ein Drittel ist auf zusätzliche finanzielle Hilfe der Eltern angewiesen, etwa jeder Achte geht neben der Ausbildung einem Nebenjob nach. Durch die finanzielle Situation fühlt sich jeder Zweite psychisch belastet. 

Bildung ist ein Privileg, aber auch eine Existenzgrundlage. Je geringer der Bildungsabschluss und die Berufserfahrung, desto niedriger die Vergütung. Steigende Lebenshaltungskosten und geringe Reallöhne erschweren besonders Berufseinsteigern den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit und Sicherung. Und so stehen leider immer noch viele vor der Frage: Bildung, doch zu welchem Preis?

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.