Verlernen die Kinder das Lernen?

Es ist eine riesige Herausforderung für Schulen: Wie soll man mit KI umgehen?

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Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

kurz vor den Sommerferien musste mein ältester Sohn, der in die Oberstufe geht, eine Facharbeit schreiben – also eine Art Seminararbeit, fast wie an der Uni, für die er Bücher aus der Bibliothek ausleihen und alles Mögliche im Internet recherchieren musste. 

Als er das Werk schließlich abgab, bekam er von seinem Lehrer noch eine zusätzliche Aufgabe. Er sollte eine schriftliche Erklärung ausfüllen und unterschreiben, auf der stand: Falls ich für das Erstellen dieser Arbeit KI genutzt habe – dies hier sind die Prompts, die ich dafür geschrieben habe. Also die Arbeitsanweisungen an die KI. Ich fand das klug von der Schule: Denn die Schülerinnen und Schüler nutzen ja so oder so KI – egal, ob es erlaubt ist oder nicht. Ich finde, dann doch lieber den Jugendlichen den Umgang mit der neuen Technik beibringen, anstatt sie zu ignorieren.

Wie aber machen es die Schulen in ganz Deutschland: Verbannen sie KI aus dem Unterricht? Integrieren sie die Technik? Die aktuelle Recherche unserer Bildungsreporterin Alexandra Ringendahl zeigt, was für eine Riesenfrage das für unser Bildungssystem ist. Mehr dazu im Thema des Tages.

Noch eine Leseempfehlung für heute: Was sagt eigentlich die Unternehmerschaft von Sachsen-Anhalt zu den Plänen der AfD? Wie bereitet sie sich auf einen möglichen Wahlsieg der Partei vor? Darum geht es im aktuellen „Denkanstoß“. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und wenn Sie Ihre Gedanken zu KI in Schulen teilen möchten – oder weitere Recherche-Hinweise dazu haben, schreiben Sie unserer Reporterin: alexandra.ringendahl@correctiv.org.

Thema des Tages: Verlernen die Kinder das Lernen?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Denkanstoß: Abschwung für Deutschland

CORRECTIV Events: Fakten und Fakes in Wahlkampfzeiten – und ein Treffen mit dem eigenen Mörder

Faktencheck: Video zeigt keine Grenzüberquerungen nach Ceuta am 15. August

Gute Sache(n): Umweltzone sorgt für gesunde Lungen von Kindern • Was ist über den Besuch des CIA-Direktors in Moskau bekannt? • Wo bin ich hier gelandet?

CORRECTIV ganz persönlich: Neue Eckpunkte zum Wärmenetzpaket: Wärmewende auf Kosten von Mieterinnen und Mietern?

Grafik des Tages: Verzerrtes Bild zu Gewaltkriminalität

Wenn Lehrer Florian Nuxoll vor seiner Klasse steht, sorgt er als Erstes dafür, dass sämtliche digitalen Geräte verschwinden: „Alles weg, damit ihr wirklich lernt“ ist die Ansage an seine Schülerinnen und Schüler. So oft wie möglich setzt der Tübinger Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde inzwischen auf analoges Lernen, um generative Künstliche Intelligenz aus dem Unterricht herauszuhalten.

Dazu muss man wissen, dass Nuxoll eigentlich sehr digital affin ist. Er ist einer der führenden KI-Bildungsexperten in Deutschland, der in der Schule viel mit KI experimentiert. Sein Befund nach drei Jahren Erfahrung: Generative künstliche Intelligenz hebelt das Grundprinzip von Schule aus. Die Schülerinnen und Schüler verlernten das Lernen und durchdringen den Stoff nicht, weil sie „den Lernprozess nicht mehr durchlaufen“.

Mit diesen Absätzen beginnt die heute erschienene Analyse unseres Bildungsteams. Wir bohren darin auf, vor welche grundsätzlichen Fragen Deutschlands Schulen derzeit durch Künstliche Intelligenz gestellt werden. 

Den ganzen Text können Sie hier lesen.

Mit datensicheren Chatbots zieht KI in allen Klassenzimmern ein
KI hat mit datensicheren Chatbots in den Unterricht Einzug gehalten Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB

Besonders wichtig zu wissen:
Eine chinesische Studie mit 26.000 Schülern zeigte kürzlich, dass die Prüfungsleistungen bei Nutzung von KI in der Schule um 24 Prozent schlechter werden. „Das ist wirklich eine spektakuläre Zahl, die in der Bildungswelt für Aufsehen gesorgt hat“, sagte Reporterin Alexandra Ringendahl mir heute.

Außerdem hat sie sich angeschaut, wie andere Länder mit dem Thema umgehen. Sie beschreibt: Norwegen ist einen Vergleich wert. Denn dort wurde in diesem Sommer die Reißleine gezogen.

Angesichts sinkender Testergebnisse der Schülerschaft schränkt das Vorreiterland der digitalen Bildung die Künstliche Intelligenz massiv ein. Ab diesem Schuljahr ist die Nutzung von generativer KI in der Schulzeit vor dem 14. Lebensjahr dort kategorisch verboten. Von 14 bis 16 Jahren darf sie nur sehr eingeschränkt unter strenger Aufsicht der Lehrkräfte genutzt werden. Erst in der gymnasialen Oberstufe sollen den Jugendlichen gezielt KI-Kompetenzen vermittelt werden, um sie auf Hochschule und Arbeitswelt vorzubereiten.

Deutschland geht einen anderen Weg:
In diesem Schuljahr wird erstmals datenschutzsichere generative KI in alle Klassen in Deutschland einziehen. 

Wir haben dazu die Bundesländer befragt. Das Ergebnis: Im Laufe dieses Schuljahres werden 14 Bundesländer den Schulen einen eigens entwickelten Chatbot namens AIS zur Verfügung stellen. Die Abkürzung steht für Adaptives Intelligentes System.

Der Grund:
Das deutsche Bildungssystem will sich einfach der schon in den Schulen herrschenden Realität anpassen: Eine Studie zeigt, dass bereits knapp drei Viertel aller 12- bis 19-Jährigen KI für ihre Hausaufgaben nutzen.

Unter dem Strich:
Das Beispiel Schulen zeigt, wie stark Künstliche Intelligenz in alle Bereiche unseres Lebens einzieht – und dass überall Antworten auf diese neue Realität gefunden werden müssen. 

Es zeigt auch, wie zwiespältig diese Entwicklung ist: Einerseits droht die allumfassende Präsenz von KI, uns zu verdummen – weil wir immer mehr Bereiche des Denkens auslagern können. Andererseits bietet die Technik Chancen: Sie kann uns von (Denk-) Aufgaben entlasten, die uns wenig Spaß machen. Und so Raum für Kreativität freisetzen. Wie immer bei neuen technischen Möglichkeiten gilt: Am Ende kommt es darauf an, dass verantwortungsbewusste Entscheidungsträger – vor allem in der Politik – kluge Leitplanken setzen.

Einheimische setzen Migrantenlager in Ceuta in Brand
In der spanischen Exklave Ceuta haben Einheimische aus Protest gegen Migranten ein improvisiertes Lager am Strand in Brand gesetzt. Zuvor hatten Demonstranten versucht, Fahrzeuge des Roten Kreuzes mit Wasser und Lebensmitteln zu stoppen. Nach Angaben der spanischen Regierung sind noch etwa 5.000 Migranten vor Ort.
deutschlandfunk.de / rtve.es

NRW-SPD stellt sich gegen Aus der „Rente mit 63“
Die SPD-Abgeordneten aus dem Ruhrgebiet stellen sich gegen die geplante Abschaffung der „Rente mit 63“. Wer 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt habe, müsse weiterhin früher ohne Abschläge in Rente gehen können. Im Ruhrgebiet sitzen 14 SPD-Abgeordnete im Bundestag – bei nur zwölf Stimmen Mehrheit für Schwarz-Rot könnten sie bei der Abstimmung entscheidend sein.
tagesschau.de

AfD scheitert mit Misstrauensvotum gegen Voigt
Die AfD ist in Thüringen mit einem Misstrauensvotum gegen Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) gescheitert. AfD-Landeschef Björn Höcke wollte mit dem Antrag selbst Ministerpräsident werden. Doch nur 32 Abgeordnete stimmten für Höcke, 48 dagegen.
zdfheute.de


Es gibt viele gute Nachrichten aus Sachsen-Anhalt. Ein Beispiel: Das Bundesland ist Vorreiter bei der Energiewende. Wind- und Solarenergie werden ausgebaut. Mehr als 60 Prozent des Stroms kommen bereits heute aus erneuerbaren Energien. Die traditionell starke Chemie-Industrie soll bald auf grünen Wasserstoff umsteigen.

Aber ausgerechnet diesen Wachstumsbranchen will die AfD jetzt auch noch das Leben schwer machen. Mit ihrer rückwärtsgewandten Politik würde die Partei vermutlich neue Technologien abwürgen und den Arbeitskräftemangel verschärfen. Die AfD würde die Wirtschaft im Land schwächen – oder tut dies bereits jetzt – wie Unternehmer Branchen gegenüber CORRECTIV bestätigen.

Was sagt die AfD? 
In ihrem Wahlprogramm fordert die Partei eine „energiepolitische Kehrtwende“. Sie will Subventionen für erneuerbare Energien streichen und den Windkraftausbau komplett stoppen sowie den „großflächigen“ Solarausbau und den von grünem Wasserstoff.

Was sagen die Unternehmer?
„Wir spüren im Markt eine wachsende Verunsicherung über die künftige Ausrichtung der Energiepolitik im Land“, sagt Simon Schandert von der Firma Tesvolt. Das Unternehmen stellt Gewerbe-Energiespeicher für erneuerbare Energien her und beschäftigt in Wittenberg rund 200 Mitarbeiter. Ein wichtiges Innovations-Unternehmen für das Bundesland.

„Die Diskussionen um eine mögliche AfD-Landesregierung und der unklare regulatorische Rahmen für den Ausbau der Erneuerbaren und Batteriespeicher auf Bundesebene untergraben die langfristige Planungssicherheit“, so Schandert. Für ein Hightech-Unternehmen wie Tesvolt sei Verlässlichkeit aber das wichtigste Fundament für Investitionen und Kunden.

Die Verunsicherung spüren offenbar viele Unternehmen. Rund 70 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland sehen die Regierungsbeteiligung einer extremistischen Partei als Gefahr, so eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft für die Bertelsmann Stiftung.

Batterie-Unternehmer Schandert befürchtet, mit einer AfD-Regierung agiere Sachsen-Anhalt im Bund und in der EU „völlig isoliert“: „Wer den Standort abschottet, leitet für die Wirtschaft in der Region ein Sterben auf Zeit ein.“

Der Mittelstand und die „Re-Industrialisierung“
Die Wirtschaft von Sachsen-Anhalt ist geprägt von kleinen und mittleren Unternehmen. Besonders im Transport, der Lebensmittelherstellung oder in der Metall- und Elektroindustrie. Viele Unternehmen sehen sich seit der Corona-Pandemie im „Krisenmodus“. Zuletzt gab es aber Anzeichen für einen Aufschwung, so Erhebungen des Ifo-Instituts.

Was sagt die AfD?
Die AfD will nach eigenen Aussagen vor allem den Mittelstand fördern. Die Ansiedlung von Großkonzernen solle nicht gefördert werden, dafür die Entwicklung von kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Dem akuten Arbeits- und Fachkräftemangel im Land will die AfD begegnen, indem sie „ausgewanderte deutsche Fachkräfte“ aus dem In- und Ausland zurück nach Sachsen-Anhalt holt. Zuwanderung von außerhalb der EU will sie deutlich erschweren: Laut ihrem Wahlprogramm verlangt sie einen „Aufnahmestopp für Nicht-EU-Ausländer“. 

Was sagen die Unternehmer?
„Mehr als 40 Prozent unserer Beschäftigten haben eine ausländische Staatsbürgerschaft, 150 von 350 Beschäftigten“, sagt Eckhard Schmidt, geschäftsführender Gesellschafter bei Schraubenwerk Zerbst, östlich von Magdeburg. Erstaunlich in einem Bundesland, in dem der Ausländeranteil nur bei neun Prozent liegt. Die Mitarbeiter kämen aus EU-, aber auch aus Nicht-EU-Ländern.

Das Schraubenwerk Zerbst stellt Schrauben und Bolzen für die Industrie her. Es ist von einem traditionellen Mittelstandsunternehmen zu einem Industrie-Unternehmen gewachsen, das Schrauben nach ganz Europa liefert. Also genau das, was die AfD eigentlich fördern will.

„Das Bundesland würde verarmen“
Für das Unternehmen in Zerbst ist Zuzug aus dem In- und Ausland wichtig. Man bilde selbst aus, berichtet Schrauben-Unternehmer Schmidt, deutsche und ausländische junge Menschen. „Wenn es keinen Neuzuzug mehr geben würde, würde das alles deutlich schwieriger werden.“ Denn: „Die Demografie schlägt weiter zu“, so Schmidt, Beschäftigte gingen absehbar in den Ruhestand. Ohne Zuzug könne sein Unternehmen nicht weiter wachsen. Und auch die Bevölkerung würde ohne Zuzug noch viel stärker schrumpfen als jetzt schon. „Das Bundesland würde verarmen.“

Den Denkanstoß in ganzer Länge lesen Sie hier.

Vor der Wahl: Fakten und Fakes in Wahlkampfzeiten, Berlin
Wahlkämpfe sind oft von irreführenden Behauptungen und Desinformation geprägt. Im Workshop des CORRECTIV.Faktenforums am 1. September lernen Interessierte, wie sie wirken und welche Narrative häufig auftauchen.
Anmeldung

Ich traf meinen Mörder: Eine Live-Erzählung mit Can Dündar, Hamburg
Am 4. September spricht der Journalist und Exilautor Can Dündar in Hamburg von der außergewöhnlichen Begegnung mit dem Mann, der ihn töten sollte – und von einem Netzwerk aus Macht, Geheimdiensten und organisierter Kriminalität. Der Abend findet auf Türkisch mit Live-Übersetzung ins Deutsche statt.
Ticket

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Marokkanische Sicherheitskräfte setzen Wasserwerfen ein, als eine Menschenmenge versucht, die Grenze von Fnideq nach Ceuta zu überqueren (Foto: Hicham Rachidi / Picture Alliance / Anadolu)

Ein Video soll zeigen, wie Menschen am 15. August von Marokko nach Ceuta gehen. Doch die Aufnahmen sind von der Grenzüberquerung Ende Juli.
correctiv.org

So geht’s auch
Eine neue Londoner Studie mit über 3.400 Kindern zeigt: Seit die Umweltzone in London den Verkehr stärker begrenzt, sinkt die Luftverschmutzung – und die Lungen der Kinder wachsen schneller. Das ist ein Indikator für deren Gesundheit. Denn Kinder, deren Lungen sich nicht vollständig entwickeln, haben später ein höheres Risiko für Asthma und andere Erkrankungen.
euronews.com 

Endlich verständlich
CIA-Direktor John Ratcliffe ist kürzlich nach Moskau gereist. Bietet das Anlass zur Sorge oder nicht? Dazu gibt es viele Spekulationen. Was ist tatsächlich bekannt über den US-Besuch in Russland? Das beantworten diese Artikel:
tagesschau.de / welt.de 

Fundstück
Digitale Zeitreise: In einer Minute müssen Sie hier einschätzen, zu welcher Zeit und an welchem Ort Sie hier gelandet sind. Eine unterhaltsame Seite mit Lerneffekt:
wen-ware.com


Die Bundesregierung will den Ausbau der Fernwärme voranbringen und hat Mitte der Woche die neuen Eckpunkte für das Wärmenetzpaket beschlossen. Das sind erstmal gute Nachrichten. Denn der Ausbau klimafreundlicher Wärmenetze stockt, zudem ist die Preisgestaltung auf dem Fernwärmemarkt bisher eher undurchsichtig und für Mieterinnen und Mieter kompliziert zu überschauen. 

Genau hier setzen die neuen Eckpunkte an – mit konkreten Vorgaben für die Preisgestaltungen von Fernwärmekosten, einer bundesweiten Preisaufsicht und einer Preistransparenzplattform. Für bessere Transparenz ist also gesorgt.

Schwierig wird es dagegen bei der Frage, wer die Kosten für die Wärmewende tragen soll. Geht es nach der Bundesregierung, sollen Vermieter künftig zumindest einen Teil der Kosten über die Betriebskosten auf die Mieter umlegen können. Damit ist die Regierung Forderungen von Wirtschafts- und Energieverbänden zumindest entgegengekommen. Diese hatten seit Monaten darauf gedrängt, den bisherigen Mieterschutz beim Anschluss an Fernwärme aufzuweichen, wie eine Recherche von CORRECTIV bereits gezeigt hat. 

Kritik daran kommt vom Deutschen Mieterbund (DMB), denn davon betroffen sind vor allem Mieterinnen und Mieter. Der DMB rechnet für eine 70-Quadratmeter-Wohnung mit bis zu 35 Euro Mehrkosten im Monat – zusätzlich zu den ohnehin hohen Heizkosten.

Die Bundesregierung sollte deshalb im weiteren Gesetzgebungsverfahren nachbessern: Sie muss den Ausbau klimafreundlicher Wärmenetze ermöglichen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Mieterinnen und Mieter nicht einseitig mit zusätzlichen Kosten belastet werden.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, und Elena Müller.